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Walter Richard Sickert

Im Jahre 2002 stellte die berühmte Kriminalautorin Patricia Cornwell ihr neuestes Werk „Portrait of a Killer: Jack the Ripper - Case Closed“ (in Deutschland erschienen unter dem Namen „Wer war Jack the Ripper? Porträt eines Killers) vor.
Hielt sie sich bisher ausschließlich an fiktive Geschichten, betrat sie nun das erste Mal unbekanntes Terrain und wollte ihren Lesern glauben machen, sie hätte ohne jeden Zweifel den berühmten Maler Walter Sickert als „Jack the Ripper“ überführt.

An sich ist diese Theorie nicht neu, denn bereits 1990 wurde diese in Jean Overton Fuller’s „Sickert and the Ripper Crimes“ der Öffentlichkeit präsentiert. Neu hingegen war die Herangehensweise, denn Patricia Cornwell unternahm zum ersten Mal in der Kriminalhistorie den Versuch ein derart altes Verbrechen anhand einer DNA-Analyse aufzuklären. Abgesehen von diesem lobenswerten Ansatz ihrer Argumentationskette, der jedoch keine eindeutigen Ergebnisse lieferte, glänzt der Rest des Buches mit Halbwahrheiten, verdrehten und beschönigten Fakten zugunsten ihrer Theorie und schlichtweg einer Unkenntnis über den Fall „Jack the Ripper“.

Curriculum Vitae

geboren

31. Mai 1860 in München

gestorben

22. Januar 1942 in Bath

Walter Richard Sickert

Sickert gilt bis heute als einer der bedeutendsten englischen Maler seiner Zeit. 1860 in München als jüngstes von sechs Kindern geboren, bekam er offensichtlich das künstlerische Talent seines Vaters Oswald Adalbert Sickert in die Wiege gelegt.
Bereits als Kleinkind wurde Sickert an einer Fistel operiert - Wo genau sich diese allerdings befand ist bis heute ungeklärt. Nichtsdestotrotz will die Autorin diese im Intimbereich ausgemacht haben und erklärt diese als ausschlaggebend für Sickerts angeblichen Frauenhass. Laut Cornwell war er nicht in der Lage, Sex zu haben und muss demzufolge „Jack the Ripper“ gewesen sein.

1868 ließ sich die Familie in England nieder. Walter Sickert ging im Alter von 17 Jahren von der Schule ab und widmete sich zunächst der Schauspielerei. Als er die Bekanntschaft des amerikanischen Künstlers James McNeil Whistler machte, begann er sich jedoch der Malerei zuzuwenden und assistierte diesem fortan. Durch ihn lernte er auch Edgar Degas kennen, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbinden sollte und dessen Arbeit seine eigene Kunst deutlich beeinflusste.

Am 10. Juni 1885 heiratete Walter Sickert die 12 Jahre ältere Ellen Cobden, Tochter des liberalen Politikers Richard Cobden, die Ehe hielt jedoch nur bis zur Scheidung im Jahre 1899.. Nachdem er 1898 für einige Jahre nach Frankreich gezogen war und dort bei Madame „Titine“ Villain in Neuville lebte, mit der er den gemeinsamen Sohn Maurice zeugte, heiratete er am 26. Juli 1911 die 18 Jahre jüngere Studentin Christine Drummond Angus, die jedoch bereits neun Jahre später verstarb. Im Juni 1926 folgte seine letzte Ehe mit Thérèse Lessore, einer langjährigen guten Freundin.

In künstlerischer Hinsicht erlangte Sickert bereits zu Lebzeiten Ruhm. Schon während seiner Ehe mit Ellen Cobden, hatte er mehrere erfolgreiche Ausstellungen, unterhielt zusammen mit Whistler eine Kunstschule und konnte von seiner eigenen Kunst gut leben.

Walter Sickert verstarb am 22. Januar 1942 in Bath.

 

Viele seiner Werke beschäftigten sich mit der so genannten „Unterschicht Londons“ und zeugen deutlich von seinem Interesse am Alltag der Menschen in den Armenvierteln. Sein künstlerisches Interesse galt weniger dem ästhetisch schönen, sondern vielmehr dem „Verruchten“, und erklärt, warum er oft nächtelang die Straßen des Londoner East End auf Motivsuche durchwanderte. Auch Darstellungen roher Gewalt, mir der er unausweichlich im damaligen London immer wieder in Berührung kam, waren ihm nicht fremd.
Sein Bild „Persuasion“ beispielsweise beschäftigt sich mit dem Mord an der Prostituierten Emily Dimmock, der sich im September 1907 in Camden Town, in unmittelbarer Nachbarschaft seines Hauses, ereignet hatte. Es verwundert nicht, dass Sickert über Einzelheiten dieses Mordes unterrichtet war und ihn zum Gegenstand gleich mehrerer Werke (Die „Camden-Town-Serie“) machte. Ein, wenn auch etwas morbides, so doch beinahe normales Interesse - jedoch nicht, wie Patricia Cornwell nahe legt, eine Reflexion des Mordes an Mary Jane Kelly.
Vor diesem Hintergrund ist auch anzunehmen, dass die „Jack the Ripper“-Morde die Aufmerksamkeit Sickerts auf sich zogen und er die Berichterstattung in den Zeitungen rege verfolgte. Zumindest nannte er ein im Jahre 1908 geschaffenes Werk „Jack the Rippers Bedroom“.
Selbst das Gemälde „What Shall We Do For the Rent?", das auf den ersten Blick stark an den Mord an Mary Jane Kelly im Miller’s Court erinnert und von Patricia Cornwell als weiterer Beweis für die Täterschaft Walter Sickerts gesehen wird, entpuppt sich lediglich als eine Darstellung des Mordes an Emily Dimmock im Zyklus der „Camden-Town-Serie“.

„Persuasion“, oder "La Belle Gâtée"
„Jack the Ripper's Bedroom"
„Persuasion“, oder "La Belle Gâtée"
"Camden-Town-Serie", 1908
„Jack the Ripper's Bedroom", 1908

„The Camden Town Murder", oder „What Shall We Do For the Rent?"
„The Camden Town Murder", oder „What Shall We Do For the Rent?"
ca. 1908/09

 

Um ihre Theorie, Sickert wäre der Ripper, endgültig zu beweisen, beschritt Patricia Cornwell ungewöhnliche Wege. Durch den Erfolg ihrer zahlreichen Kriminalromane mit den entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet, kaufte sie für mehrere Millionen Dollar Gemälde, Möbel, Skizzen und Briefe des Künstlers, um diese mit modernsten forensischen Mitteln auf etwaige genetische Spuren untersuchen zu lassen.
Auf der Briefmarke eines angeblichen „Jack the Ripper“-Briefes fanden ihre Experten Spuren, die mit denen auf dem so genannten „Openshaw“-Brief übereinzustimmen schienen.  

Der „Openshaw"-Brief

Old boss you was rite it was the left kidny i was goin to hoperate agin close to you ospitle just as i was going to dror mi nife along of er bloomin throte them cusses of coppers spoilt the game but i guess i wil be on the job soon and will send you another bit of innerds

Jack the ripper

O have you seen the devle with his mikerscope and scalpul a lookin at a kidney with a slide cocked up.

 

Der „Openshaw"-Brief


Übersetzung:
Alter Boss, Sie hatten Recht, es war die linke Niere. Ich wollte wieder in der Nähe Ihres Krankenhauses operieren, doch gerade als ich mein Messer entlang ihres verdammten Halses ziehen wollte, ruinierten diese verfluchten Bullen das Spiel. Ich nehme aber an, dass ich bald wieder an die Arbeit gehe und Ihnen ein weiteres Stück Innereien zuschicken werde.

Jack the Ripper

Oh, haben Sie den Teufel mit seinem Mikroskop und Skalpell gesehen wie er gerade eine Niere auf dem Objektträger begutachtet?

 

 

Argumente: PRO

  • Das Alter und die äußerliche Erscheinung Sickerts decken sich mit einigen Zeugenaussagen. Abweichungen in der Personenbeschreibung könnten eventuell damit erklärt werden, dass Sickert sich als ehemaliger Schauspieler verschiedenster Verkleidungen bediente.
  • Sickert verbrachte den Großteil seines Lebens in London und suchte in den Armenvierteln nach Motiven für seine Bilder, so dass man davon ausgehen kann, dass er mit den Örtlichkeiten vertraut war.
  • Einige seiner Werke zeugen von morbidem Interesse und beinhalten eindeutige Darstellungen von Gewalttaten, die auf den ersten Blick unter anderem an die Morde von „Jack the Ripper“ erinnern.
  • Auf einigen Bekennerschreiben finden sich Skizzen, die dem Stil Sickerts entfernt ähneln.

Argumente: CONTRA

  • Cornwell entwirft das Szenario einer traumatischen Operation am Penis im Kindesalter, die Sickert impotent und zum Frauenhasser werden ließ. Dies ist jedoch lediglich fiktiv und entbehrt jeder historischen Grundlage. Tatsächlich unterhielt Sickert zeitlebens Beziehungen mit Frauen und zeugte mindestens einen unehelichen Sohn.
  • Die Gewaltdarstellungen auf Sickerts Bildern beziehen sich nicht auf die Rippermorde und zeigen kein Täterwissen, auch wenn Patricia Cornwell dieses Argument gerne zur Untermauerung ihrer Theorie heranzieht.
  • Am 6. September 1888 schrieb Sickerts Mutter aus St. Valéry-en-Caux (Frankreich) einen Brief und erwähnte darin, dass Walter und sein Bruder Bernhard "die Zeit mit Schwimmen und Malen genießen".
    Weiterhin schrieb der französische Maler Jacques-Emile Blanche an seinen Vater und berichtete von einem Treffen mit Sickert am 16. September 1888.
    Seine Frau Ellen verfasste am 21. September 1888 ein Schreiben an ihren Schwager, dass "ihr Mann sich nun schon seit mehreren Wochen in Frankreich aufhalte".
    Aufgrund dieser Briefe können wir demzufolge ableiten, dass Walter Sickert zumindest nicht für den Mord an Annie Chapman, die üblicherweise zu den "kanonischen Opfern" gezählt wird, in Frage kommt.
  • Cornwell legt Sickert neben den „Whitechapel-Morden noch unzählige andere Verbrechen zur Last, die sich in den Folgejahren in ganz England ereigneten.
    Keine dieser Taten wird mit der Mordserie des Rippers in Verbindung gebracht – Weder von den damals ermittelnden Beamten, noch von heutigen Ripperologen, da sich der „Modus-Operandi" gravierend unterscheidet. Zudem ist in keinem dieser Fälle ein Hinweis darauf vorhanden, dass Sickert sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe befand.
  • Sickert verstarb erst im Jahre 1942. Dies lässt sich mit dem abrupten Ende der Mordserie nicht in Einklang bringen.
  • Niemand von Sickerts Bekannten, Freunden oder Partnern äußerte je den Verdacht, er sei „Jack the Ripper“. Angesichts der von Cornwell unterstellten Betriebsamkeit, inklusive Verkleidungen, manischem Briefeschreiben etc. kaum vorstellbar.
  • Da heutzutage alle „Ripper“-Briefe als nicht authentisch und die bekanntesten unter ihnen als das Werk von findigen Journalisten gelten, verliert eine Übereinstimmung der auf dem „Openshaw“-Brief gefundenen DNA mit DNA von Briefen aus Walter Sickerts Nachlass ihre Relevanz.
    Da es den Experten von Patricia Cornwell weiterhin nur gelang mitochondriale DNA und keine Zell-DNA, die für eine beweiskräftige Zuordnung notwendig gewesen wäre, zu extrahieren, würde das bedeuten, dass noch weiterhin ca. 400.000 Einwohner Englands als Verfasser des Briefes in Frage gekommen wären.  

 

Claudia / Thomas Schachner
(Dokument zuletzt bearbeitet am 12.12.06)






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