Interview
Associated Press, 24.11.02:
In den Nebeln von London
Bestsellerautorin Patricia Cornwell auf den Spuren von Jack
the Ripper -
Kritik von manchen Ripper-Enthusiasten
AP-Korrespondentin Imke Zimmermann
Hamburg (AP) Was haben ein verstörter Jurist, ein amerikanischer
Quacksalber
und der Sohn der einstigen Königin von England gemeinsam?
Sie - und viele
andere - sollen «Jack the Ripper» gewesen sein.
Der nie gefasste Killer zog
1888 eine Blutspur durch das Londoner Eastend. Nun hat der
bekannteste
Serienmörder der Geschichte ein neues Gesicht: Die Bestsellerautorin
Patricia
Cornwell hat den deutschen Maler Walter Richard Sickert als
Täter
identifiziert. Andere Ripper-Experten bezweifeln dies allerdings.
In London wurden von August bis November 1888 fünf Prostituierte
bestialisch
ermordet; das letzte Opfer war regelrecht geschlachtet worden.
Hunderte von
Briefen erreichten damals Polizei und Zeitungen, zum Großteil
vermeintliche
Bekennerschreiben. Als erstmals eines mit «Jack the Ripper» unterzeichnet
war, hatten die Londoner einen Namen für den Mörder.
Cornwell, berühmt und reich geworden mit ihren Kay-Scarpetta-Krimis,
scheute
weder Kosten noch Mühe, um in ihrem ersten Sachbuch Sickert
(1860-1942) als
«Ripper» zu überführen. Nach ihrer Überzeugung
hat der gebürtige Deutsche
noch weitere Menschen ermordet - tatsächlich wurden damals
weit mehr Frauen
und Männer grausam getötet. Sickerts Motiv ihrer
Ansicht nach: Frauenhass
infolge einer Penismissbildung.
Sechs Millionen Dollar gab die amerikanische Autorin laut
Presseberichten
aus, schaltete Scharen angesehener Experten ein, investierte
zwei Jahre
Recherchen. Sie kaufte viele Bilder des bedeutenden Impressionisten,
eines
musste sogar zum Entsetzen der Kunstwelt daran glauben. Der
Zweck: Sickerts
DNS nachzuweisen.
Die Schriftstellerin, deren Krimiheldin Kay Scarpetta Pathologin
ist,
versuchte, den 114 Jahre alten Fall mit Mitteln moderner Forensik
aufzuklären. Tatsächlich wiesen zwei der «Ripper»-Bekennerbriefe
Genspuren
auf, die mit denen an Briefen Sickerts übereinstimmten.
Hinzu kommen
übereinstimmende Wasserzeichen auf dem Papier, die Verwendung
von Farbe,
Zeichnungen und Formulierungen in Bekennerbriefen, die Cornwell
an Sickerts
Wortschatz erinnerten.
Ein weiteres Indiz sieht Cornwell in Sickerts Kunstwerken:
Manche zeigten gar
die Mordszenen aus Sicht des Augenzeugen. In der deutschen
Ausgabe durften
die Bilder, die Cornwell besonders interessierten, nach Angaben
des Verlages
nicht veröffentlicht werden. Dies habe die deutsche Nachlassverwaltung
Sickerts untersagt, hieß es.
Die Kritiker waren schnell zur Stelle
«Case closed» (Fall abgeschlossen) lautet der Untertitel
der amerikanischen
Originalausgabe von Cornwells Buch. Doch die Schlachten um
die Theorie sind
unter Ripper-Experten in vollem Gange. Stephen P. Ryder etwa,
Co-Autor der
umfassendsten Ripper-Website (www.casebook.org), argumentiert,
DNS und
Wasserzeichen könnten Sickert allenfalls des Briefeschreibens überführen.
In
den amerikanischen «Ripper-Notes» schrieb ein Kanadier,
Fotos von zweien der
Ripper-Opfer seien schon 1899 in Frankreich veröffentlicht
worden - dort
könnte Sickert, der zeitweise in Frankreich lebte, sie
gesehen und als
Vorlage für seine Gemälde benutzt haben.
Dem Herausgeber der «Ripper-Notes», Christopher-Michael
DiGrazia, zufolge,
ist die Sickert-Theorie seit den 70er Jahren in Umlauf. Doch «gab
es nie
einen soliden Beweis, um Sickert das Messer in die farbverschmierten
Finger
zu drücken», erklärte er der AP.
Auch in Deutschland hat die Ripper-Manie ihre Anhänger
mit eigenen
Überlegungen. Thomas Rösler, der im hessischen Gladenbach
die Website
www.London.1888 betreibt, glaubt an den großen Unbekannten.
Der Nürnberger
Thomas Schachner will mit www.jacktheripper.de zu Weihnachten
starten. Er
hält es derzeit noch mit der Amerika-Variante, die um
1900 schon der
«Sherlock-Holmes»-Autor Sir Arthur Conan Doyle erwog.
Nach aktuellem Stand
dieser Theorie war der Ripper ein amerikanischer Arzt in London,
der nach dem
fünften Mord in die Staaten flüchtete, weshalb die
Mordserie auch plötzlich
aufhörte.
Tatsächlich ist Cornwells Beweisführung gegen Sickert
verzwickt - wie die
ganze Geschichte um «Jack the Ripper». So ist das
Buch keine ganz leichte
Kost, wenn auch die Autorin ihren Fall spannend, atmosphärisch
dicht und
detailreich schildert. Die DNS-Untersuchungen und andere Tests,
so kündigt
sie an, würden fortgesetzt.
(Patricia Cornwell: «Wer war Jack the Ripper? Porträt
eines Killers»,
Hoffmann und Campe, ISBN: 34-550936-55, 415 Seiten, 22,90 Euro)
09:00 24 Nov 2002
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