Autor Thema: Walter Sickerts Charakter  (Gelesen 24935 mal)

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Harry Heine

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Walter Sickerts Charakter
« am: 11.12.2008 14:56 Uhr »
Hola, auf die Gefahr hin, dass ich mich hier durch und durch unbeliebt mache, ich habe das Buch von Patricia Cornwell und auch das von Jean Overton Fuller ("Sickert and the Ripper Crimes") gelesen, und auch zwei "neutrale" (Schachner/P. und Sugden), und es hat mich so fasziniert, dass ich gerade ein bisschen in eine Biografie über Herrn S. hineinlese (wenn's auch zeitweise echt öde ist...), und ich finde, dem Anschein nach war Walter Sickert ein, gelinde gesagt, ZIEMLICH  gestörter Mensch, der offensichtlich an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung gelitten hat (oder an etwas sehr ähnlichem). Außerdem passt er zum Teil recht gut in das FBI-Täterprofil, insbesondere da er "mit jemandem verheiratet war, der viel älter war als er", und die Ehe hat nur knapp 14 Jahre gehalten. (Für die damalige Zeit doch nicht der Brüller...) Außerdem hat er sich seiner ersten Frau gegenüber sehr brutal verhalten, zumindest in emotionaler Hinsicht. Darüber hinaus muss selbst der Autor (M. Sturgis), der Sickert ziemlich toll zu finden scheint, zugeben, dass es zumindest eine Sickert-Expertin gibt, die der Ansicht ist, er habe "die meisten" (!) der Ripper-Briefe geschrieben. Das alles macht ihn noch nicht zum überführten Täter, aber ein Unschuldslamm war er definitiv nicht, und als Tatverdächtiger scheint er mir ein heißer Kandidat zu sein, auch wenn es daneben noch etliche andere gibt. Und darüber hinaus: Wer (außer Sickert) malt bitte SO  eine seiner besten Freundinnen...????

Raison-d-eatre

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #1 am: 11.12.2008 22:33 Uhr »
ehrlich gesagt denke ich nicht, dass Sickert gestörter war als alle anderen.
Ich lese auch gerade Patricia Cornwells Buch
(auch wenn ich weiß, dass man die Info zwar nicht unbedingt verwerten sollte ohne sie zu prüfen, aber trotzdem sehr spannend und interessant  :icon_biggrin:).
Ich denke jeder Mensch ist in der Lage solche Morde zu begehen, es kommt nur auf die Umstände an.
Außerdem gibt es auch so sehr sehr viele Menschen, die "kranke" Phantasien, Vorlieben , Gedanken oder was auch immer haben.
Ich denke - ehrlich gesagt - dass es gerade deswegen Sickert eher als Täter ausschließt, da er sich damit befasst zu haben scheint und nicht alles "in sich reingefressen hat".
Allerdings denke ich aber nicht, dass Sickert nicht in der Lage dazu gewesen wäre. Ich denke er hätte es körperlich und -vor allem!- geistig gut hinbekommen, und ich denke auch nicht, dass es Sickert seelisch so belastet hätte wie manch anderen Menschen.
Ich denke vielleicht hätte es ihm sogar Spaß gemacht, aber ich denke nicht ,dass er es war.

Floh82

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #2 am: 12.12.2008 09:21 Uhr »
Nun bei Sickert wird eins scheinbar immer vergessen:
Bei mindestens einem Mord war er gar nicht in England, sondern in Frankreich.

Offline Chris Jd

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #3 am: 12.12.2008 16:12 Uhr »
"Und darüber hinaus: Wer (außer Sickert) malt bitte SO  eine seiner besten Freundinnen..."

Und wer, außer Picasso, malt so eine seiner besten Freundinnen? :icon_cool:

C




Amnael

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #4 am: 13.12.2008 18:07 Uhr »
Hey, nur weil jemand vielleicht ein wenig geisteskrank ist, heisst es nicht, dass er gleich auch geisteskrank Leute umbringt, wenn ich mir Sickerts Bilder anschaue, welche doch etwas unheimlich waren hier und da, stelle ich folgendes fest: Wenn Sickert tatsächlich derartige Aggressionen inne hatte, dann schien er sie eher auf seinen Bilder ausgelebt zu haben, als in der Realität. Ist etwa das gleiche wie heute mit den Ego-Shootern, sobald ein Jugendlicher Amok läuft, meint man, es läge daran. Aber durch Games, Fernesehen oder "blutige" Bilder wird niemand wahnsinnig, eher werden Wahnsinnige kreativer. Hitler hätten wir ja auch besser als Künstler gebrauchen können, er hätte vielleicht auf seinen Bildern das gemalt, was er in der Realität als Diktator leider wirklich getan hatte. So ist es denke ich auch mit Sickert.

PS:
@Raison-d-eatre
Nichts für ungut, aber du solltest vielleicht weniger oft "ich denke" in deinen Beiträgen schreiben, klingt fast schon zu witzig. ;)

Direwolf

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #5 am: 14.12.2008 05:28 Uhr »
Moin :)

Mich würde es ja interessieren, wann genau Sickert seine "verdächtigen" Bilder gemalt hat. Unmittelbar nach den Taten, oder schon viel früher, oder aber erst nachdem die Presse nähere Details zu den Morden bekannt gab. (Wobei sich das wohl nur schwer bis unmöglich feststellen lässt) Ich denke dabei an - wenn auch etwas wiederliche - Inspiration. Es könnte ja auch so gewesen sein, das er in der Zeitung von den Morden laß und sich durch diese in seiner Kunst inspirieren lies. Immer noch etwas wiederlich, aber bestimmt auch schon damals nichts neues mehr.

M.f.G.
Direwolf

Amnael

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #6 am: 14.12.2008 09:27 Uhr »
Er hat sich vom Ripper inspirieren lassen, in einem hat Cornwell allerdings recht, die Dinge auf den Bildern sehen durch aus änlich aus wie die Tatorte. Ausserdem hat er ein Bild gemalt, namens: "Jack the Rippers Bedroom"...

Alexander-JJ

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #7 am: 14.12.2008 18:46 Uhr »
Problematisch ist auch das Sickert weder vor noch nach den Ripper-Morden irgendwie als Mörder in Erscheinung trat. Ein so kranker Mörder wie JTR würde wohl kaum aufhören. Jedenfalls nicht dauerhaft. Sickert lebte noch bis 1942 und es gab in seiner Umgebung keine weitere Mordserie dieser Art.



Offline Isdrasil

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #8 am: 15.12.2008 07:30 Uhr »
@Direwolf

Soweit ich weiß entstanden die Bilder immer erst nach den Taten - kann man jetzt natürlich auch als Verarbeitung des Erlebten deuten, ich denke aber, dass er sich durch die Taten lediglich inspirieren ließ. Man ging auch damals nicht zimperlich mit den Einzelheiten einer Tat um, und die Dinge in seinen Bildern sind keineswegs als Täterwissen zu deuten. Jeder, der sich für den Fall interessierte, hätte diesen Background gehabt.
In heutiger Zeit sieht das meistens ja schon ganz anders aus...

Sickert war eben ein wenig durchgeknallt und hatte ein morbides Interesse - aber hey...er war ja auch immerhin Künstler, die dürfen das  :icon_mrgreen:

Offline Claudia

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #9 am: 16.12.2008 07:26 Uhr »
Hi zusammen!

Sickert, auch mal wieder :icon_verwirrt:
Ich will da grad nicht so unheimlich drauf eingehen, jedem , der das Buch von Cornwell gelesen hat müsste eigentlich klarsein, daß da hinten und vorne nichts stimmt. Cornwells Theorie ist einfach unseriös,laut ihr ist Sickert ja auch für sämtliche anderen Verbrechen verantwortlich, die in diesem Zeitraum so ungefähr europaweit stattfanden (zwischendurch schrieb er tausende Ripperbriefe)...Mindestens, vielleicht war er auch der Antichrist persönlich...
OK, die Morde in seiner Umgebung haben ihn beschäftigt. Wahnsinn. Würde mir genauso gehen, der Unterschied ist nur, daß ich nicht malen kann, eine Verarbeitung auf diesem Wege also flachfällt.
Und ehrlich, wo sind denn die Parallelen zwischen den Gemälden und den Morden? Konnte ich noch nie entdecken, beim besten Willen.
Und "Jack the Rippers Bedroom" ? Schaut Euch das Bild doch mal an...Sehr verdächtig :icon_aetsch:

Was das "morbide Interesse" betrifft, nunja, da müssten sich dann wohl alle hier mal gründlich von der Polizei durchleuchten lassen, wenn einen das schon verdächtig machen würde. Sickert interessierte sich für Kriminalfälle in seiner Umgebung und seiner Zeit, wir hier interessieren uns für einen Mordfall, der über hundert Jahre zurückliegt, was ist nun verdächtiger? Ist man deshalb geistesgestört?

OK, Sickert war kein 08/15 -Typ, aber wer ist das schon?? Und ehrlich, wer will das sein?

Grüße, Claudia

Offline Claudia

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #10 am: 16.12.2008 07:28 Uhr »
@Chris: Geiler Kommentar, dem ist nichts hinzuzufügen :icon_thumb:

Raison-d-eatre

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #11 am: 16.12.2008 15:32 Uhr »
Diese paar Sätze sind wahrscheinlich etwas fehl am Platz, da man ja beinahe schon zum eigentlichen thread dafür übergehen könnte: natürlich ist ihr Theorie total daneben, aber trotzdem denke ich nicht, dass man es so "schlimm" sehen sollte... Sie hat mit "Wer war jack the ripper? - portät eines killers" ein sehr gutes und spannendes Buch geschrieben (auch wenn man natürlcih die fakten erst einmal überprüfen sollte bevor man sie endgültig glaubt), aber ich denke auch, dass sie bei einigen Sachen gar nicht sooo falsch liegt.
Sie lässt sich einfach nur von der Sache mitreißen und vergisst ihr -wie es sein sollte- objektivität.

ok  :icon_biggrin: wieder zurück zum Thema:

Ich bin vor kurzem zufällig auf das Buch "Walter Sickert - A Life" gestoßen. Kennt dies jemand bereits? und: Ist es empfehlenswert?

Offline Isdrasil

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #12 am: 17.12.2008 07:39 Uhr »
Na ja - das Buch selbst ist auch nicht wirklich gut geschrieben. Sie hüpft von einem Ding zum Nächsten, den roten Faden vermisst man ständig. Den einzigsten Pluspunkt würde ich ihr auf die forensische Sicht der Dinge geben - ansonsten kann man das Buch sowohl vom Inhalt als auch vom schreibtechnischen her ruhig in die Tonne klopfen.

Es hat aber auch was Gutes: Es weckt Interesse am Ripperfall.  :icon_wink:

Harry Heine

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #13 am: 17.12.2008 18:23 Uhr »
@Isdrasil: meinst du, das Buch "Walter Sickert: A Life" von Matthew Sturgis ist nicht gut geschrieben? Da stimme ich dir zu. Oder meinst du das Buch von Overton Fuller? Da würde ich dir auch zustimmen, aber mit der Anmerkung, dass sie einige interessante Ideen hat, die den anderen Autoren noch nicht gekommen sind.

@raison-d'etre: Falls du "Walter Sickert: A life" von Matthew Sturgis meinst, das habe ich (vor Monaten...) angefangen, und ich komme nur sehr schleppend voran, weil es mich ziemlich ärgert. Der Grund dafür ist, dass es mir total krampfhaft vorkommt: der Autor belegt jeden Furz mit einer Quellenangabe (soll ja so sein, aber das finde ich übertrieben), und er scheint extrem ängstlich zu sein, dass man ja nichts Unvorteilhaftes über sein Idol denken könnte. Dennoch kann es nicht darüber hinweg täuschen, dass so einige Verhältnisse in Sickerts Leben ziemlich krank anmuten, z.B. die Beziehung zu seinem Mentor James McNeill Whistler. Der Tonfall des Buches generell erscheint mir "fishy", wie die Briten so schön sagen...

@Claudia: teilst du mit den Organisatoren dieser Seite eine persönliche Abneigung gegen Patricia Cornwell? Du scheinst mir nicht besonders objektiv zu sein, was sie betrifft. Wissenschaftlich ist die Dame schon durchaus nicht von gestern, wenn man IHRE persönliche Abneigung gegen Walter Sickert mal beiseite lässt. :icon_aetsch:
Und was Picasso betrifft, der ist mir auch als einziges Gegenbeispiel eingefallen. Aber sonst?

Alexander-JJ

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Re: Walter Sickerts Charakter
« Antwort #14 am: 17.12.2008 19:41 Uhr »
... Und was Picasso betrifft, der ist mir auch als einziges Gegenbeispiel eingefallen. Aber sonst?

Na ja, wir könnten ja mal bei den vielen Malern des Surrealismus anfangen zu suchen. Ich schätze da gibt es mehr als genug Treffer.

  :icon_aetsch: