Autor Thema: Seaside Home  (Gelesen 11617 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Lestrade

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 2949
  • Karma: +14/-3
  • Watson, fahr schon mal die Kutsche vor...
Seaside Home
« am: 10.08.2010 17:39 Uhr »
Wäre doch auch ein schöner Ort für das gesuchte "Seaside Home" oder?

http://en.wikipedia.org/wiki/Hampton-on-Sea

Edmund Reid schien ja eine liebvolle Beziehung zu diesem Ort zu haben. Vielleicht auch einige Kollegen?

Laut dem Bild und den "Auflösungsberichten", im wahrsten Sinne der Worte, ein Haus am Meer :icon_biggrin:

Fragt sich nur, warum der Verdächtige dort hingebracht wurde.

Ich denke manchmal, es war reine Polizeitaktik. Ich halte es für möglich, das man genau wußte wer ihnen da gebracht wurde. Diesmal aber so weit weg, das den Verdächtigen niemand zur Hilfe eilen konnte. "Helfer" nicht mal wußten, wo er war. Die Plauderstunde wäre, nach der zurückgezogenen Identifizierung, in angenehmer Atmosphäre, dann (oder sowieso) auch ausgefallen.

Naja, wie immer blabla...
Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...

Offline panopticon

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 415
  • Karma: +2/-0
Re: Seaside Home
« Antwort #1 am: 11.08.2010 12:05 Uhr »
Sehr interessant, Lestrade! :icon_thumb:

Wobei mir einfällt: Kennt jemand dieses Buch oder weiß wer, ob es sich lohnt? (Die Beteiligung von Evans ließe wohl darauf schließen...)

Nicholas Connell / Stuart Evans: The Man Who Hunted Jack the Ripper: Edmund Reid - Victorian Detective
http://www.amazon.de/Man-Hunted-Jack-Ripper-Reid-Victorian/dp/1848682603/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1281520591&sr=8-1


Grüße,
panopticon

Offline Lestrade

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 2949
  • Karma: +14/-3
  • Watson, fahr schon mal die Kutsche vor...
Re: Seaside Home
« Antwort #2 am: 11.08.2010 14:39 Uhr »
Hi panopticon!

Ich denke es lohnt sich. Glaube auch, dass ich es mir in Kürze gönnen werde. Edmund Reid sah den Täter noch bis 1891 aktiv, entgegen meiner Theorie. Könnte mir aber vorstellen, interessante Aspekte in dem Buch zu finden, mit denen wir noch weiter vorankommen könnten. Ich bin recht knausrig in solchen Dingen aber in dieses Buch werde ich wohl investieren.

Ich war schon recht erstaunt, als ich nach gefühlten 5000 Seiten im Internet, einen relevanten Beamten mit einem Bezug zu einem Seaside- Ort finden konnte. Reid macht den Eindruck eines sehr nachdenklichen Menschen, gerade im Ripper- Case.

Liebe Grüße,

Lestrade.
Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...

Stordfield

  • Gast
Re: Seaside Home
« Antwort #3 am: 21.08.2012 10:10 Uhr »
Hallo!

Ich stelle mir immer wieder die Frage, warum ein Verdächtiger/Zeuge zur Identifizierung in ein Seaside Home gebracht wurde. Wie ich es verstehe, wurden dort ja wohl Polizisten behandelt. Vielleicht war einer von ihnen krank und konnte nicht nach London kommen.
Hier ein Link zu solch einer Institution: http://www.mybrightonandhove.org.uk/page_id__10314_path__0p116p1519p1598p.aspx

Gruß Stordfield

Offline Lestrade

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 2949
  • Karma: +14/-3
  • Watson, fahr schon mal die Kutsche vor...
Re: Seaside Home
« Antwort #4 am: 21.08.2012 19:41 Uhr »
Hallo Stordfield!

Was hälst Du davon?:

´Das "Seaside Home" war eine Stationsgebäude an einem See, welches innerhalb einer privaten Anstalt gelegen war. Diese Anstalt war im Bereich Surrey zu finden und lag nur 15km von Whitechapel entfernt. Also viel, viel näher, als es die Seaside Homes an der Küste waren.

Mit Absprache der Familie wurde der Verdächtige dorthin gebracht (und zwar von einem Krankenhaus aus) um der Familie und auch den Verdächtigen "Hilfe" zu suggerieren. Die "Identifikation" durch den jüdischen Zeugen war zu diesem Zeitpunkt bereits geschehen. Für´s "Seaside Home" war jedoch schon insgeheim geplant gewesen, die City Polizei, samt all ihrer Zeugen, dort antreten zu lassen.´

Gruß Lestrade.

Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...

Stordfield

  • Gast
Re: Seaside Home
« Antwort #5 am: 21.08.2012 22:52 Uhr »
Hallo Lestrade!

Klingt mir alles irgendwie viel zu kompliziert.
Und wo, wenn nicht im Seaside Home, sollte die Identifikation denn statt gefunden haben?

Gruß Stordfield

Offline Lestrade

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 2949
  • Karma: +14/-3
  • Watson, fahr schon mal die Kutsche vor...
Re: Seaside Home
« Antwort #6 am: 21.08.2012 23:17 Uhr »
Kann ich nachvollziehen, Stordfield!

Es fand aber in jedem Falle eine Identifikation in einem Seaside Home statt.

Grüße.
Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...

Offline Lestrade

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 2949
  • Karma: +14/-3
  • Watson, fahr schon mal die Kutsche vor...
Re: Seaside Home
« Antwort #7 am: 22.08.2012 00:12 Uhr »
Wie könnten wir nun die  “Swanson Marginalia“ bezüglich des “Seaside Home“ betrachten?

Swanson beginnt damit, dass er jene Textpassage kommentiert, wo Anderson seinen Unmut zum Ausdruck bringt, weil der einzige Zeuge einen Rückzieher machte. Swanson beginnt zu erklären mit:

“because the suspect was also a Jew…“

Dies war zunächst der einzige Vermerk Swansons!!!

Es dürfte, bis zur heute, vollständig bekannten Marginalia, einige Zeit vergangen sein, eher er die weiteren, zweiten Einträge vornahm.

Die fangen dann (in welcher Reihenfolge auch immer) mit der Unterstreichung einer Passage an, die Anderson wohl eher ironisch schrieb und Swanson wohl so auch verstanden haben könnte. Dabei geht es anscheinend eher um interne Vorgehensweisen der Polizei. Danach geht Anderson auf die Briefeschreiber ein und Swanson bemerkt darunter:

“known to Scotland Yard head officers of CID“

Er unterstreicht “head” zweimal.

(Diese genannte Passage gehörte zu einem Textbereich, der mit “Scotland Yard can boast…“ beginnt. An dieser Stelle beginnt ein senkrechter, längerer Strich, wie eine Art Anführungszeichen, den Swanson zog).

Danach geht es gleich weiter mit Anderson´s “I am almost tempted to disclose the identity oft he murderer…“

Ob man nun Swanson´s  “known to Scotland Yard head officers of CID“ einzig auf den Briefeschreiber beziehen kann oder auch auf die “… identity oft he murderer…“, scheint offen.

Der Briefeschreiber bleibt aber eben auch nur den “head officers“ bekannt. In jedem Falle hatte man nicht nur den “Mörder“, sondern auch den Briefeschreiber sehr, sehr “diskret“ behandelt. Auch dessen Name wurde nicht einfach so herausposaunt. 

Dann weiter im Text unterstreicht Swanson erneut, ungefähr ab… “murderer unhesitatingly”… bis “confronted with him”.

Links daneben schrieb Swanson:

“And after this identification which suspect knew no other murder of this kind took place in London“

In meinen Augen erzählt uns Swanson von einer ersten Identifikation, der mit dem jüdischen Zeugen.

Auf der rechten leeren Seite am Ende des Bandes schrieb Swanson dann folgendes und für mich klingt es wie eine zweite Identifikation, nämlich der im Seaside Home an deren Geschichtsende die Überwachung des Verdächtigen durch die City Police und nicht durch Swanson´s MET Police steht. Hier könnte der (City) PC vom Mitre Square, einen Link zu einem Police Seaside Home herstellen. Kann, muss aber nicht auch wenn es am wahrscheinlichsten klingt.

“Continuing from page 138, after the suspect had been identified at the Seaside Home where he had been sent by us with difficulty in order to subject him to identification, and he knew he was identified. On suspect´s return to his brother´s house in Whitechapel he was watched by police (City CID) by day & night. …” 

Beim zweiten Eintrag unterstricht er dann noch die Worte “also a Jew“ aus dem ersten Eintrag.

Nun könnte man annehmen, dass er seinen ersten Eintrag (nach einiger Zeit) “vertiefte“ und die Identifikation erneut schilderte, nur eben detaillierter.
Mein Eindruck ist jedoch der, dass er zunächst die Arbeit seiner Einheit (der MET) schilderte und später die der City Police. Ob das “Seaside Home“ nun eine Polizeieinrichtung gewesen war oder eine Einrichtung, die von der Polizei genutzt wurde, egal ob nun MET oder City Police oder beide, sei dahingestellt, auch, ob dabei der (City) PC vom Mitre Square eine Rolle spielte. Ich würde sagen, es geht in diesem Teil des Eintrages (“Continuing from page 138…“) hauptsächlich um Aktivitäten, in welche die City Police einen enormen Part einnahm.

Es fällt bei Swanson auf, dass der Verdächtige zweimal wusste, dass er identifiziert wurde:
“after this identification which suspect knew”
“and he knew he was identified”

Insgesamt verwendet Swanson “identification” viermal:

“after this identification which suspect knew”
“after the suspect had been identified at the Seaside Home”
“in order to subject him to identification”
“and he knew he was identified”

Die letzten 3 dann mehr oder weniger in einem Satz. Man könnte es auslegen als, “hier im „Seaside Home“ bestätigten sich die ersten Ermittlungen, auch hier wurde er wiedererkannt, auch hier wusste er, dass er “wiedererkannt“ wurde.

Ich denke, dass die erste Identifizierung irgendwo durch den jüdischen Zeugen stattfand und Angelegenheit der MET war und dass bei der zweiten Identifikation, die City Police mit anwesend gewesen war, wahrscheinlich mit ihrem Mitre Square PC, der zwar nicht ohne zu zögern (wie der jüdische Zeuge) den Verdächtigen wiedererkannte, er es aber für höchstwahrscheinlich hielt, dass derjenige jener Mann war, den er am Mitre Square sah.

Nun muss das “Seaside Home“ nicht unbedingt eine Polizeieinrichtung gewesen sein. Es liegt sehr nahe und wäre nahezu logisch aber es bieten sich auch andere Alternativen.

Seaside Home, Seaside House, Seaman´s Home?

Swanson sagt ja auch nicht, dass das “Seaside Home“ in Hove war. Allerdings schreibt er es so, als wenn jeder etwas mit anfangen könnte, der es damals gelesen hätte. Er schreibt aber auch so, dass man annehmen könnte, der Verdächtige verbrachte einige Zeit oder Tage dort oder vielleicht noch woanders, eher er in das Haus seines Bruders zurückkehrte. Die Verfrachtung dorthin schien mir mit Schwierigkeiten verbunden, Swanson sagt es ja auch so. Die Rückkehr jedoch schien mir eher “freiwilligerer Natur“ zu sein“. Es gab dann ja noch z.B. Bexhill-on-sea oder Morley, wo tatsächlich bei letzteren auch Betten für City Polizisten bereitstanden.

Wir haben hier im Forum ja schon über weitere Alternativen diskutiert. Ein Track in einer Irrenanstalt hätte gut bekannt sein können als "Seaside Home" (eben meine bereits weiter oben angesprochene Anstalt in Surrey, 15km von Whitechapel entfernt) oder auch eine ehemalige Einrichtung, hauptsächlich für Mitglieder der Marine, welche eine Anstalt war. Suche hier bitte unter “Hoxton House“ in unserem Forum. Ich habe da mal einige Angaben gemacht.
Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...

Offline Shadow Ghost

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 624
  • Karma: +3/-0
Re: Seaside Home
« Antwort #8 am: 22.08.2012 03:01 Uhr »
Gleich vorneweg: ich kann seit ein paar Nächten nicht richtig gut schlafen, und von daher ist die folgende Überlegung wahrscheinlich abwegig, aber ich will sie einfach mal in den Ring werfen, bevor ich sie selber vergesse. Ich nehme einfach mal an, dass Swanson bei der Identifikation selbst nicht anwesend war, und die Geschichte nur erzählt bekommen hat. Vielleicht hat er nun dabei etwas falsch verstanden, und statt "Seaside Home" war eher von einem "C-Site Home" oder so ähnlich die Rede, also meinetwegen einer Einrichtung der C Division (obwohl ich mir keiner Verbindung dieser Division mit dem Ripper-Fall bewusst bin), oder irgend ein "C-shaped" also C-förmiges Gebäude, oder ein Gebäude, das an einem Ort der mit "C" beginnt lag. Naja, ich wollte es nur mal ausgesprochen wissen. Gute Nacht!

Offline Shadow Ghost

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 624
  • Karma: +3/-0
Re: Seaside Home
« Antwort #9 am: 22.08.2012 12:55 Uhr »
Vielleicht noch ein Beispiel wie es zu solchen Verwechslungen und Missverständnissen kommen kann. Es gibt im Mathematischen Institut der Universität Erlangen einen länglichen Gang, der von allen nur "Schlauch" genannt wird. Keiner weiss mehr so recht, woher diese Bezeichnung kommt, oder wer sie als erstes verwendet hat. Man geht einfach davon aus, dass sich diese Bezeichnung auf die Form des Gangs bezieht (obwohl er gar nicht so lang ist, aber sei's dahingestellt). In diesem Gang stehen einige Tische und Bänke, an denen Studenten gemeinsam über mathematischen Problemen brüten, an seinem Ende befinden sich Briefkästen für die Abgabe der bearbeiteten Übungsblätter, die die Studenten jede Woche zu lösen haben.

Und nun stellen wir uns einfach mal vor, jemand, der eben diese Information bekommen hat - vielleicht bin ich es sogar selber -, soll in zwanzig Jahren - nur für seine eigenen Notizen - kurz aufschreiben, wo im Mathematischen Institut Erlangen die Briefkästen für die Übungsaufgabenblätter der Studenten sind. Mangels besserer Erinnerung oder auch aus Bequemlichkeit es genauer aufzuschreiben, notiert er etwas von "Schlauch-Raum". Und wieder achtzig Jahre später versuchen Dritte, aus dieser Notiz etwas sinnvolles abzuleiten, und wundern sich, warum die Studenten damals ihre Übungsaufgaben in einem Spritzenhaus abgegeben haben.

Ich weiss nicht, ob dieses Beispiel hilfreich ist, um zu verdeutlichen, worauf ich hinaus will. Ich will auch nicht definitiv sagen, dass Swanson sich geirrt hat, und es nie eine Identifikation in einem Seaside Home gegeben hat. Ich will nur sagen, dass die Möglichkeit besteht, dass diese Identifikation woanders stattgefunden hat, und Swanson einer Verwechslung aufgesessen ist.

Offline Anirahtak

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 243
  • Karma: +0/-0
Re: Seaside Home
« Antwort #10 am: 28.08.2012 00:35 Uhr »
Zitat
Ich weiss nicht, ob dieses Beispiel hilfreich ist, um zu verdeutlichen, worauf ich hinaus will.
Durchaus. Also für mich klingt das einleuchtend. Eine inoffizielle, umgangssprachliche Bezeichnung, die den Zeitgenossen geläufig war, aber nicht erhalten blieb, so dass man heute nicht mehr schlau daraus werden kann.

Offline Lestrade

  • Superintendent
  • *****
  • Beiträge: 2949
  • Karma: +14/-3
  • Watson, fahr schon mal die Kutsche vor...
Re: Seaside Home
« Antwort #11 am: 10.10.2012 17:58 Uhr »
Hier hat jemand einen Zeitungsausschnitt gepostet, in dem es um eine Spende an ein POLICE Seaside Home in Verbindung mit Ex- Commissioner James Monro in 1891 geht:

http://forum.casebook.org/showthread.php?p=240982#post240982

Also ein Seaside Home, mit Betten für die Polizei (zumindest für MET Angehörige in diesem Fall, es gab ja auch ein Beispiel für City Police Angehörige) schien durchaus im Sprachgebrauch damals möglich.

Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...