Hallo!
Machte sich der Leichenhausaufseher in Trows Augen vielleicht auch dadurch verdächtig, dass er erst gegen 5.30 Uhr zum Aufschließen kam, während man mit dem Karren, auf dem Pollys toter Körper lag, schon vor der Tür wartete?
Ob er das tat, weiß ich nicht, konstruierbar wäre es auf jeden Fall - wie so vieles.
Für mich scheint das Ganze eben leider auch wieder mal ein Versuch zu sein, einen eigentlich „armen Teufel“ zum „Teufel von Whitechapel“ zu erklären. Jeder damals in (den) Akten namentlich vermerkte, einheimische Eigenbrötler mit Kommunikationsproblemen, ärmlichem Background und „verdächtigem“ Beruf (was alles wohl auf die meisten Einwohner des Armenviertels Whitechapel zutraf) läuft offensichtlich sogar über 120 Jahre nach den Geschehen immer noch Gefahr, öffentlich zum Mörder abgestempelt zu werden - da wundert es mich nicht, dass sich einige Zeugen damals mehrere Tage lang überlegt haben, ob sie ihre Beobachtungen überhaupt melden....
Nach allem, was ich bisher finden konnte, waren
Robert Mann und sein ebenfalls im Nichols Inquest auftretender Kollege
James Hatfield (Nein, nicht der von Metallica!

) einfach mit der Situation überfordert. Das ganze Leichenhaus war ja ohnedies nur eine Art Provisorium. Das waren scheinbar zwei arme, einfache Kerle, die endlich einem mehr oder minder geregeltem Job nachgingen und dafür vielleicht auch freie Logie bei der Workhouse Union erhielten. Ich denke, sie haben es einfach gemacht wie immer – also das was ihnen nach ihrer Einstellung gesagt wurde: eine Leiche für eine oberflächliche Untersuchung (mehr war in dem Provisorium ja auch nicht möglich) vorzubereiten, soll heißen: so weit wie möglich entkleiden und waschen. (Laut dem Artikel im Telegraph argumentiert Trow ja u.a. mit diesem Punkt.)
Das ist prinzipiell nicht verdächtig, sondern im Normalfall vielmehr ihr Job! Den Sonderfall „Mord“ wird man ihnen damals wohl einfach nicht erklärt haben – Aus ihren Aussagen lässt sich ja eigentlich schließen, dass sie sich da auch gar nicht viel dabei dachten, wahrscheinlich haben sie den Beamten auch gar nicht so zugehört, oder waren in aller Herrgottsfrüh ja auch noch „schlaftrunken“, wie´s so schön heißt.
Dem Buch von Thomas habe ich entnommen, dass auch
Dr. Philips, der die Leiche von
Annie Chapman im provisorischen Leichenhaus untersuchte, sich nicht nur über die Umstände, unter denen er dies tun musste, beschwerte, sondern sich auch darüber verwundert zeigte, dass auch Chapmans Leiche bei seinem Eintreffen, entgegen der üblichen Vorgehensweise, bereits ausgezogen und teilweise gewaschen war. Im Chapman Inquest (siehe Casebook) erklärte der Mortuary-Keeper „
Robert Marne“ (wohl ein Schreibfehler), dass er das Leichenhaus, in dem er auf das Eintreffen von Dr. Philips wartete (die Leiche "erhielt" er gegen 7 Uhr), verschlossen hielt, bis zwei Krankenschwestern kamen und die Leiche wuschen. Ob letzteres nun stimmt, oder er selbst wieder für die Waschung verantwortlich war: Nach dem „Anschiss“ beim Nichols Inquest hätte ich es an Manns Stelle auch nicht zugegeben, wenn mir der gleiche Fehler eventuell noch einmal unterlaufen wäre. (Ich persönlich glaube seiner Aussage allerdings.) Den Schlüssel habe er der Polizei gegeben.
Wie auch immer, diesmal machte ihm auch der Coroner keinen persönlichen Vorwurf, sondern wies darauf hin, dass gerade ein Ort wie Whitechapel endlich auch ein richtiges Leichenhaus brauche, egal, ob die Mordserie weitergeht oder nicht. Generell hält er fest, und ich denke, das ist genau der Punkt:
The Coroner: A workhouse inmate is not the proper man to take care of a body in such an important matter as this.Wie ein Bericht des
East London Observers vom 1. September 1888 (Abschnitt „
In the Dead-House“) übrigens zeigt, scheinen Mann und Hatfield auch gar nicht die einzigen Leichenhauswärter in der Old Montague Street gewesen zu sein: Hier ist von einem Mann namens
Edmunds die Rede, der dem Reporter sogar Einlass gewährte und die Leiche von Polly zeigte. Ein Fall für den nächsten „Ripperidentifizierer“?
http://www.casebook.org/press_reports/east_london_observer/elo880901.htmlbest regards,
panopticon