Autor Thema: Bürgerwehr  (Gelesen 6293 mal)

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Stordfield

  • Gast
Bürgerwehr
« am: 06.04.2006 00:47 Uhr »
Hallo !

Zur Zeit der Rippermorde wurden eine Reihe von Bürgerwehren gegründet . Waren diese irgendwie mit besonderen Befugnissen ausgestattet , oder gar von amtlicher Seite aus autorisiert , Polizeiarbeit auszuführen ? Wurden ihre eventuellen Beobachtungen umgehend der Polizei gemeldet und dort ausgewertet ? Gab es soetwas wie einen Verbindungsmann zwischen Bürgerwehr und Polizei ? Oder beschränkte sich das Ganze nur auf pure Eigeninitiative ? Welche besondere Rolle spielte dieser Lusk ( mir fällt sein Vorname nicht ein ) dabei ?

Viele Grüße Stordfield

Alexander-JJ

  • Gast
Re: Bürgerwehr
« Antwort #1 am: 06.04.2006 10:42 Uhr »
George Akin Lusk war Bauunternehmer und Chef der lokalen Whitechapel-Bürgerwehr. Diese wurde wegen der Morde von besorgten Bürgern gegründet am 10. September und finanzierte sich meines Wissens nach duch Spendengelder. Einige Dutzend Leute gingen Nachts Streife in den Strassen, ohne allzu grossen Nutzen.

Lusk plädierte offentlichkeitswirksam im Daily Telegraph für eine Aussetzung einer Belohung für Hinweise auf den Täter. Später schickte er eine Petition an die Königin in der er die "Unfähigkeit" der Polizei anprangerte um um direkte Intervention des Könighauses bat.

Eine irgendwie zielführende, geschweige denn erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Polizei fand in diesem Fall nicht statt.

*


Stordfield

  • Gast
Re: Bürgerwehr
« Antwort #2 am: 06.04.2006 11:22 Uhr »
Danke , Alex !

Diese privaten Patrouillengänge führten also zu keinerlei Ergebnis . Eigentlich erstaunlich . Es sei denn , die ganze Sache wurde nicht allzu ernsthaft betrieben . Ansonsten hätte doch irgendwie mehr dabei herauskommen müssen , wie z. B. das Feststellen verdächtiger Personen oder Fahrzeuge ( bin nebenbei gesagt keine Anhänger der Kutschen - Theorie ) .
Dabei fällt mir gerade ein , daß so eine Bürgerwehr auch eine gute Tarnung für JtR wäre . So hätte er immer eine plausible Erklärung für seine nächtlichen Streifzüge . Außerdem glaube ich , daß es ihm Spaß gemacht hätte , sich sozusagen selbst zu jagen ( "hahaha").Und schließlich sollen sich ja oft Serienmörder in die Polizeiarbeit ( warum nicht auch in die ähnlicher Organe ) einmischen .

Viele Grüße Stordfield

Alexander-JJ

  • Gast
Re: Bürgerwehr
« Antwort #3 am: 06.04.2006 16:13 Uhr »
"Gar keinen Nutzen" stimmt auch wieder nicht. Sorry das ich das nicht genauer ausführte.

Nach dem Mord an M. Tabram wurde das "St. Judes Vigilance Committe" formiert, die erste Bürgerwehr im Zusammenhang mit der Mordserie. 50 bis 70 Einwohner gehörten dieser Bürgerwehr an und rund 10 Männer patrouillierten zwischen 23 Uhr und 1-2 Uhr morgens durch besonders gefährdete Stadtteile. T. H. Nunn war der Vorstandschef dieser Bürgerwehr. Diese Bürgerwehr war bis Anfang 1889 aktiv. Ausserdem wurde die Leuchtkraft einiger Lampen erhöht (freilich ein eher zweifelhafter Schutz).

Wichtig in diesem Zusammenhang ist es auch, das die Leute etwas "zu tun" hatten. Immerhin war die Stimmung auf dem Siedepunkt und es gab mehrere Versuche Leute (allesamt unschuldig) zu lynchen. Vor allem in der Zeit nach dem Doppelmord bis hinein ins Frühjahr 89 musste die Polizei einige Leute vor Selbstjustiz retten.

Und die Bürgerwehren setzten über die Presse und auch direkt die Polizei und Behörden unter Druck. Das sich die elenden Zustände im East-End nach und nach besserten, war auch ihr Verdienst. Leider behinderten sie auch an und ab die Arbeit der Polizei und waren auch sonst nicht auf eine enge Kooperation mit den Behörden aus (aus ihrer Sicht waren die Behörden mitschuld an den elenden Bedingungen im East-End, was ja auch in gewisser Weise stimmte).

Ein gewisser, allerdings indirekter, Nutzen bestand durchaus. Natürlich bestehen Bürgerwehren immer aus der lokalen Bevölkerung. Man konnte von einer Whitechapel-Bürgerwehr nicht erwarten das sie das Glücksspiel, Kleinkriminalität oder die Prostitution irgendwie bekämpft.


 *

Stordfield

  • Gast
Re: Bürgerwehr
« Antwort #4 am: 06.04.2006 19:22 Uhr »
Hallo , Alex !

Ich bin begeistert von Deiner Antwort ! So viele Informationen zu diesem Thema habe ich sonst nirgends gefunden . Vielen , vielen Dank dafür .
Weißt Du vielleicht auch noch , ob die Männer in dieser Bürgerwehr ausgesuchte Leute waren , oder ob sich dort jeder melden konnte ?

Viele Grüße Stordfield

Alexander-JJ

  • Gast
Re: Bürgerwehr
« Antwort #5 am: 06.04.2006 19:37 Uhr »
Wie das Auswahlverfahren ablief weiss ich leider nicht. Allerdings weiss ich, das auch "Arbeitslose" Streife liefen. Wahrscheinlich wurde nicht jeder Idiot aufgenommen. Bekannte Schwerverbrecher durften sicher nicht mitmachen. Aber zu eng durfte man die Sache natürlich nicht sehen. In Whitechapel lebten viele Menschen, die heute als Kleinkriminelle gelten würden und/oder in der Vergangenheit in Schlägereien, Diebstähle usw usw verwickelt waren. Auch in den Bürgerwehren befanden sich solche Leute.

Sicher gabs auch grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Bürgerwehren.

Die Bürgerwehren um den Herbst 1888 wurden allerdings in dem ehrlichen Bemühen gegründet, die Mordserie zu beenden. Uneigennützige Motive spielten dabei durchaus eine Rolle. Die Leute versuchten sich tatsächlich gegenseitig zu schützen und zu helfen. Leider hats nicht funktioniert.


*

 

Stordfield

  • Gast
Re: Bürgerwehr
« Antwort #6 am: 06.04.2006 20:09 Uhr »
Schon wieder danke , Alex !

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Viele Grüße Stordfield

Offline Stordfield

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Re: Bürgerwehr
« Antwort #7 am: 01.02.2018 13:30 Uhr »
Hallo!

Warum entstand eigentlich das "St. Judes Vigilance Committe" bereits nach dem Mord an Martha Tabram?  Zu dem Zeitpunkt gab es doch noch gar keine Serie. Was brachte die Leute so auf, dass sie eine Bürgerwehr gründeten? Schon vor Marthas Tod geschahen Morde. Vermutete man also schon bei ihrem Auffinden eine Mordserie?

Gruß Stordfield
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Offline Lestrade

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Re: Bürgerwehr
« Antwort #8 am: 01.02.2018 15:55 Uhr »
Hallo Stordfield!

Ich bin mir nicht ganz sicher aber es bildeten sich schon von 1886/87 an einige dieser Bürgerwehren. Während der Mordserie gab es einige davon. Sicher ist das nicht aber das Judes könnte bereits existiert haben bevor Smith und Tabram zu Tode kamen. Offenbar fand jene Bürgerwehr viel Zuspruch nach dem Mord an Tabram. Diese Bürgerwehren wollten die Polizei unterstützen. Solche Initiativen entstanden sicherlich auch aus dem Gefühl heraus, dass etwas getan werden muss, weil die Prognose wohl dahin gehen würde, dass sich allgemein die Zustände wohl eher verschlechtern als verbessern werden. Sozusagen böse Vorahnungen. Ob man dabei eine Mordserie dieser Art vor und nach dem Tod von Tabram in Betracht bezog, ist eher auszuschließen. Kühne "Optimisten" werden das nicht ausgeschlossen haben und hätten dann aber sogar Recht gehabt.

Gruß, Lestrade.
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Offline Arthur Dent 2

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Re: Bürgerwehr
« Antwort #9 am: 01.02.2018 17:05 Uhr »
Hallo Stordfield und Lestrade!


Schachner zufolge wurde das „St. Judes Vigilance Committee“ wenige Tage nach dem Mord an Martha Tabram gegründet.

Ich weiß zwar jetzt nicht, ob die Leute im East End schon beim Mord an Tabram von einem Serienkiller ausgingen, aber man darf dabei nicht vergessen, dass ganz allgemein die Situation in dem schnell wachsenden Ghetto East End mit den Jahren immer schlimmer geworden war, auch weil die Stadt in der Vergangenheit zu wenig getan hatte, um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen. So wurde z.B. das Personal der Polizei nicht entsprechend des Bevölkerungswachstums aufgestockt, sondern nur unterproportional vergrößert usw.

Wenn man dann noch bedenkt, dass es bereits seit Anfang des Jahres 1888 mehrere zum Teil tödliche Messerattacken auf Frauen gegeben hatte, die natürlich von der Sensationspresse marktschreierisch ausgeschlachtet wurden, kann man nachvollziehen, dass die Besorgnis im East End mit dem grausamen Mord an Martha Tabram ein Stadium erreichte, welches einige Bewohner schließlich dazu bewegte, zum Selbstschutz zu greifen, sich zu organisieren und eine Bürgerwehr zu gründen.

Da gab es z.B. jene Gerüchte über einen brutalen Mord an einer „Fairy Fay“ zum Jahreswechsel, die letztendlich tödliche Messerattacke auf Annie Milwood am 25. Februar, den Messerangriff auf Ada Wilson am 28. März und den tödlichen Überfall auf Annie Smith am 2. April.

Die Leute mochten zwar Alltagskriminalität wie Diebstahl, Schlägereien usw. gewohnt sein, interessanterweise gab es der Kriminalstatistik zufolge jedoch damals nur relativ wenige Morde im East End – so dass das grausame Abschlachten von Frauen mit dem Messer eben keineswegs „alltäglich“ war.
Die Police Constables, die Streife liefen, verfügten außer ihrem kräftigen Körperbau nur über einen Schlagstock als Waffe, mit Revolvern war nur die Kriminalpolizei ausgestattet – ein weiterer Hinweis darauf, dass lebensgefährliche bewaffnete Angriffe trotz allem eher selten gewesen waren.

Eine Zunahme tödlicher Messerangriffe auf wehrlose Frauen könnte in den sich verschlimmernden sozialen Bedingungen also durchaus für einige Bewohner bereits das Fass zum Überlaufen gebracht haben, schon bevor man explizit von einem umherschleichenden Serienmörder ausging.



MfG, Arthur Dent


Offline Lestrade

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Re: Bürgerwehr
« Antwort #10 am: 01.02.2018 17:26 Uhr »
Hallo Arthur!

In der Zwischenzeit habe ich noch einen Faden im JTRForums gefunden, könnte interessant sein.

Bristol Mercury and Daily Post September 13, 1888:

Post 18, Bild Nummer 3

https://www.jtrforums.com/showthread.php?t=10909

The St. Jude´s Vigilance Association, which has only been in existence about four weeks...

Das passt auch zu wenige Tage nach dem Mord an Martha Tabram.

Neil Bell schrieb allerdings:

I suspect, though Im yet to ascertain, that St Judes was actually in existance prior to the murders and became more pro-active as a result of Tabrams death. The rapidity in which this happened indicates to me that the basic structure and support was in place.

Wer weiß, vielleicht waren sie vorher einfach kleiner organisiert.

Gruß, Lestrade.
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Offline Lestrade

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