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Andromeda1933

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Die vier Morde von Göhrde in Niedersachsen
« am: 30.10.2013 15:56 Uhr »
1989 - innerhalb weniger Wochen wurden zwei Paare im selben Waldgebiet der Göhrde von wahrscheinlich demselben Täter ermordet. Der zweite Doppelmord fand statt, während die Kriminalpolizei nur wenige hundert Meter entfernt Spuren des ersten Verbrechens sicherte.


Der Spiegel online

Kriminalität
Das Phantom der Göhrde
Von Jürgs, Michael
Zwei mysteriöse Doppelmorde im niedersächsischen Staatsforst Göhrde innerhalb weniger Wochen im Sommer 1989 beschäftigen noch immer die Kriminalpolizei in Lüchow-Dannenberg. Sieben Jahre nach den Verbrechen sind sie für drei Polizeibeamte zum Fall ihres Lebens geworden, über den Mörder ist kaum etwas bekannt.
Es war ziemlich heiß an jenem Donnerstag und deshalb anstrengend, sich durch den dichten Forst einen Weg zu kämpfen, immer mit Blick auf den Boden, um bloß nichts zu übersehen. Die Polizisten wußten natürlich, wonach sie an diesem Tag im Staatsforst Göhrde zwischen Lüneburg und Dannenberg zu suchen hatten. Und sie wußten auch, daß die beiden Toten, deren Picknickkorb, Ausweise, Schlüssel, Fernglas sie finden sollten, brutal ermordet worden waren.
Für die Geschichte der Göhrde-Morde ist es unwichtig, wie die Polizisten hießen, denen plötzlich ein paar Meter links vom breiten Weg entfernt im Waldstück Jagen 147 Verwesungsgeruch in die Nase stieg. Wichtig ist, was sie entdeckten, und sie zumindest werden das nie vergessen. Im Innern einer Schonung, unter Tannenzweigen, lagen zwei Tote, ein Mann und eine Frau, und der Anblick der beiden Leichen war nicht schön.
Auch nicht so schön, daß man nur fünfzehn Tage nach der zufälligen Entdeckung eines ersten Doppelmordes kaum 800 Meter entfernt vom Fundort nun auf zwei weitere Opfer stieß. Immerhin waren sie im Gegensatz zu den ersten noch erkenntlich und bekleidet.
Fast sechs Jahre vergingen, aber den Mörder hatten sie immer noch nicht, als die beiden Kriminaloberkommissare Dieter Weihser und Horst Göbel im Sommer vergangenen Jahres beauftragt wurden, sich noch einmal um den berühmten Fall zu kümmern, sozusagen von Anfang an, als seien die Morde erst gestern passiert. Ein Fall fast für zwei: den großen, bärenruhig-unerschütterlichen Dieter Weihser, nach Abitur, Bundeswehr und Fachstudium schon lange in dem Beruf, der ihn noch nie gelangweilt hat, und Horst Göbel, quirlig und wie immer auf der Lauer, der nur dann Anflüge von Depression zeigt, wenn sein Verein Werder Bremen verliert. Hätte es nicht sein können, daß ein anderer Blick andere Einblicke bringt? Deshalb haben sie neben ihren kriminalistischen Routineaufgaben noch einmal Tag für Tag die Akten genau gele-sen, die Zeugenaussagen, Ermittlungsergebnisse, aber nach einigen Monaten feststellen müssen, daß fast alle Spuren totermittelt waren, also ausrecherchiert mit negativem Ergebnis.
Genau eintausendneunhundertundelf Hinweise gab es im Laufe der Jahre, seitdem im Sommer 1989 in der Göhrde die vier Menschen entdeckt worden waren, deren Mörder kaum eine Spur hinterlassen hat. Man nannte schon bald den Wald den "Totenwald" und den Täter "Göhrde-Mörder", denn das war nicht nur richtig, sondern klang auch ganz gut, und der so informierte Bürger konnte sich deshalb schaurig fühlen, wenn er die B 216 zwischen Lüneburg und Dannenberg verließ und in den Wald der Toten einbog.
Daß man ihren Forst so nennt, hat die in der Göhrde nicht gefreut, deren Geschäft der Tourismus ist. Also wünschen sie sich heute, inzwischen sieben Jahre nach der Tat, daß man entweder den Mörder doch noch findet oder daß die ganze Geschichte bei denen von außerhalb, die so gern in der Göhrde bessere Luft schnappen wollen, endlich vergessen ist.
Finden wollen ihn Dieter Weihser, 45, und Horst Göbel, 40, auch - falls das nicht unmöglich ist, weil der Täter beispielsweise schon längst tot ist, was keiner ausschließen kann, denn man weiß ja fast nichts von ihm. Und was man über ihn weiß, mühsam zusammengefügt aus eben jenen eintausendneunhundertundelf Hinweisen, ist zwar neunzigprozentig wahrscheinlich, aber halt immer doch nur Annäherung.
Vergessen werden sie ihn aber selbst dann nicht, falls sie ihn nie finden. Das ist keine Frage der Ehre, das ginge ihnen ganz simpel gegen den Strich. Es ist nun mal ihr Beruf, dafür zu sorgen, daß Mörder nicht frei herumlaufen. Selbst in diesen Zeiten, da sogenannte Bullen entweder als Ausländer schlagende Dumpfköpfe vorgeführt werden oder als hilflos der Bürokratie ausgelieferte Zyniker oder als Büttel profilneurotischer Politiker, schlecht bezahlt und schlecht motiviert und besonders schlecht ausgestattet, retten sie ihr Selbstbewußtsein ohne große Worte in das Bewußtsein ihrer absoluten Professionalität. Das gibt ihnen innere Sicherheit, wenn über Innere Sicherheit debattiert wird.
Aber die Göhrde-Morde sind kein Fall wie die anderen, selbst wenn beide bemüht sind, professionell und kühl auch diese Taten als irgendwann zu lösende Aufgabe, also als Pflicht und nicht als Kür zu sehen. Es ist ja schließlich nicht so, daß man nichts anderes zu tun hätte: Dieter Weihser in Lüneburg untersucht Tötungs- und Waffendelikte, Brandstiftungen, Sittlichkeitsvergehen. Für Horst Göbel von der Kripo in Lüchow im Castor-Land, früher, vor der Einheit, am Arsch der Welt, heute mittendrin, sind es Autodiebstähle, Einbrüche und immer wieder Brände.
Daß die beiden ein Team in Sachen Göhrde geworden sind, ist Ergebnis verschiedener Polizeireformen und Zufall. Wer ist frei? Wer hat einen Bezug zur Gegend und zum Fall? Wer kann besonders gut ermitteln? Wer ist fähig zur Teamarbeit? Deshalb blieb ihnen der Fall erhalten, den ihr Kollege Horst Michaelis, 59, begonnen hat, der jetzt bald in Pension geht und den es nicht besonders freut, daß er den Mörder nicht mehr erwischte, der aber "seinen" Mörder nie vergessen hat.
Göbel und Weihser waren - mit 37 anderen Beamten - unter der Leitung von Horst Michaelis in der Sonderkommission damals in der heißen Phase nach der Entdeckung der Morde dabei; und sie wissen, wie wenig man hat an verwertbaren Indizien, aber die kennen sie auswendig.
Damit sie auch nichts vergessen, hat Michaelis zum Abschied aus der Mordkommission über 200 Seiten eines höchst subjektiven Sachstandsberichts geschrieben, sozusagen sein Vermächtnis für die Kollegen, die weitermachen.
"Damals", erzählt er, und er würde bestreiten, daß er dabei ein wenig wehmütig klingt, "dachte ich nur noch an den Göhrde-Mörder, und damals wohl habe ich mir angewöhnt, immer einen Zettel auf dem Nachttisch zu haben, damit ich auch nachts eine Ermittlungsidee aufschreiben konnte, die ich sonst am anderen Morgen vergessen hätte."
"Natürlich kümmern wir uns um andere Delikte auch", sagt Weihser, es gibt nicht einen Mann für einen Fall, das gibt es nur im Krimi oder für gewisse Zeitspannen in der Großstadt. Außerdem soll man bloß nicht glauben, sie hätten wenigstens während der ersten Monate intensiver Suche andauernd Columbo in der Provinz gespielt.
Eher langweilig notwendige Basisarbeit, ganz normale Ermittlungen halt: beispielsweise mit einer Phantomzeichnung in der Hand und fünf, sechs Hinweisen von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, "an jedem Laternenpfahl geschnüffelt", wie Göbel sagt, und immer wieder abgehakt, nee, ist nichts, war falscher Alarm. Sie hoffen, daß vielleicht bei ganz anderen Ermittlungen, und nicht nur bei ihnen in Niedersachsen, plötzlich etwa ein olivfarbenes Fernglas Steiner Commander II 7X5o S auftaucht, das identisch ist mit dem, das dem Opfer im ersten Fall gehörte und nie gefunden wurde. Oder daß jemand eine Sofortbildkamera Image System der Marke Polaroid entdeckt, wie sie der andere Ermordete aus Jagen 147 besaß, denn auch die ist seit dem Mord verschwunden.
Die reinen Tatsachen der beiden Fälle kann man sich verhältnismäßig einfach merken, weil es so wenige sind. Das Ehepaar Ursula und Peter Reinold aus Hamburg ist zwar am 21. Mai 1989 ermordet worden, aber schon wie das geschah, ist nicht sicher, denn die Leichen waren "stark mumifiziert und größtenteils skelettiert", als sie von drei Blaubeersammlern am 12. Juli 1989 im Jagen 138 des Staatsforstes Göhrde entdeckt wurden.
Die alarmierten Kriminalbeamten wußten nach entsprechenden Untersuchungen zwar bald, daß der Fundort nicht der Tatort sein mußte -"wir haben den Boden bis in 30 Zentimeter Tiefe abgetragen, auch die Leichenteile auf eine Plane gelegt und alles auf der Suche nach Projektilen und so ausgekoffert, durchs Sieb geschüttelt", erinnert sich Michaelis.
Aber sie konnten angesichts der verwesten Leichen nicht mehr klären, ob das Ehepaar erschossen, erschlagen, stranguliert wurde, und das schafften die Gerichtsmediziner, die gleich mit am Fundort waren, auch später im Labor nicht. So ist zum Beispiel bis heute nicht sicher, ob die Verletzungen am Kehlkopf des 51jährigen Peter Reinold vom Mörder stammen, der ihn strangulierte, oder ob ein Wildschwein, von denen es hier im Wald viele gibt, draufgetreten ist.
Immerhin hatten sie am Abend dieses Tages, an dem die Toten gefunden wurden, eine erste mögliche Täterbeschreibung. Den Beerensammlern war auf ihrem Weg zum Revierförster, wo sie ihren grausigen Fund melden wollten, ein Mann aufgefallen: kräftig, braunes Haar, einen dunklen Beutel in der Hand, der nicht leer gewesen ist. Viel mehr wußten sie nicht zu berichten, zu groß war der Schock. Aber es reichte später für ein erstes Phantombild.
Vom ebenfalls grauenvollen Sterben des anderen Paares - kein Ehepaar, sondern ein Liebespaar mit einem jeweils ahnungslosen Partner - ahnen die Ermittler ein bißchen mehr, weil die beiden vor ihrer völligen Verwesung gefunden wurden: Kopfschuß, schwere Strangulierungen, Schädelbrüche.
Geschehen ist die Tat genau zu der Zeit, an dem Tag, als die ersten beiden Opfer entdeckt wurden, was sich rekonstruieren ließ. Falls er sie erschossen haben sollte, das haben sie getestet an den beiden Fundorten, hätte man den Schuß von Jagen 147 in der Senke von Jagen 138 nicht hören können, wo gerade die Untersuchungen des ersten Mordes begonnen hatten. Und daß der, den sie seitdem jagen, zum Beispiel die Funksignale und das Piepen ihrer Walkie-talkies gehört und deshalb schnell entschlossen gemordet hat, ist auch nur eine Vermutung.
Entweder, sagen Weihser und Göbel, hat der Mörder eine schwere Macke und in seinem gerade ausgelösten Vernichtungswillen gar nicht mitbekommen, daß nur ein paar hundert Meter von ihm entfernt die Polizei seine ersten Opfer untersuchte. Oder aber er ist so kaltblütig, daß ihm das einen besonderen Kick gab und er die Tat dennoch beging, sogar die Frau noch mit Leukoplast an den Füssen fesselte, allerdings keine Zeit mehr hatte, diese Ermordeten so sorgfältig zu verstecken wie die anderen.
Unentdeckt raus aus dem Wald, und mehr als zwei Kilometer sind es ja nicht bis zur Hauptstraße, kam er mit einem eigentlich nicht ganz unauffälligen Toyota Tercel. Daß der am Rande der kleinen Straße hinter dem Forsthaus Röthen an der Schneise stand und er ihn bei seinem Einsatz dort gesehen hatte, fiel einem Beamten erst auf, als er in seinem Urlaub in der Zeitung das Foto des Pkw sah.
Gemeldet hat er sich nach seiner Rückkehr, da war es dann natürlich zu spät, aber auch hier kann man eigentlich keinem einen Vorwurf machen: Der zweite Mord war ja noch nicht entdeckt, als die Polizisten in den Wald gingen, um nach Spuren des ersten Mordes zu suchen. Also war das Auto am Waldesrand ein Auto wie jedes andere auch. Und nicht das Auto, mit dem Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping in den Wald fuhren, wo möglicherweise irgendwo auf einem Hochsitz der Mörder saß und sie beobachtete, als sie ausstiegen und in den Forst gingen.
Der muß Köpping nach der Tat den Schlüssel abgenommen haben und mit seinem Auto geflüchtet sein. Wie man später ermittelte, ist er noch etwa eine Woche damit herumgefahren, bevor er ihn in der Nähe der Kurklinik Bad Bevensen abstellte und abschloß. So wie er auch kaltblütig den Honda der Reinolds als Fluchtwagen benutzte und 300 Meter entfernt vom Bahnhof Winsen (Luhe) parkte.
Der Hochsitz, auf dem der Mörder vielleicht saß, liegt heute zerbrochen am Fuße einer Fichte, die inzwischen gewachsen ist. Nichts ist mehr, wie es damals war. Im Forsthaus Röthen wohnt eine andere Familie, die Leute, die da im Sommer 1989 lebten, sind fortgezogen, nicht nur aus Furcht, sondern auch, weil der Förster, das ist kein Geheimnis in der Gegend, damals zu denen gehörte, die man überprüfte.
Zwar gab es nach den Ermittlungen keinen Anhaltspunkt für einen begründeten Verdacht gegen ihn, aber das bedeutet gar nichts in der Göhrde. Denn unter den eintausendneunhundertundelf Hinweisen waren auch ein paar ganz üble Denunziationen.
"Weil grundsätzlich nichts unmöglich ist, auch wenn es noch so schwachsinnig klingt", sagt Weihser, "mußten wir uns auch um solche Hinweise kümmern." Einfach um ganz sicher zu sein, daß wirklich nichts dran ist.
Gefühle wie Frust oder Resignation erlauben sich Göbel und Weihser aber nicht. Obwohl das verständlich wäre, denn die vielen Hinweise führten lediglich zu drei Männern, bei denen die Ermittlungen einen so konkreten Verdacht ergaben, daß der jeweilige Verdächtige der Mörder hätte sein können, also der Amtsrichter aufgrund der zusammengetragenen Indizien bereit war, einen Durchsuchungsbeschluß auszustellen.
Bei einem, und das war immerhin erst vier Jahre nach der Tat, klang ein Hinweis aus der Nachbarschaft nicht so beknackt wie die Briefe des Rentners aus Dingsda, der immer Mörder mit genauer Adresse samt nicht so höflicher Bitte um Überweisung der ausgelobten 50 000 Mark Finderlohn durchgab, wenn er wieder mal Stimmen aus dem Jenseits gehört hatte.
Diesmal war es richtiges Diesseits, eine mögliche Affäre, wie sie in Niedersachsen ja häufiger vorkommt. Zufällig hatte jemand die Drohung eines Gehörnten belauscht, die Gattin solle mal die Göhrde-Morde nicht vergessen, so könne es auch ihr ergehen, wenn sie es weiterhin so triebe wie bisher: Ein Anruf kurz nach der Tagesschau bei der örtlichen Polizeidienststelle in Sachen Göhrde, bald sei doch wieder wie beim ersten Mord Vollmond und Mai, und man habe da einen speziellen Verdacht. Ein wacher Diensthabender auf diesem Revier, der diesen seltsamen und endlich mal nicht anonymen Hinweis an die richtigen Leute weitergab. Ein erstes Treffen mit dem Anrufer und die plötzlich greifbare Möglichkeit, der Mann, den der im Auge hat, der könnte es sein: Im Besitz eines Kleinkalibergewehrs war er, 5,6 Millimeter, und mit einem solchen war höchstwahrscheinlich Bernd-Michael Köpping erschossen worden.
Das Foto in der Akte auf dem Paßamt, das sich die Beamten anschauten, glich einer auf Zeugenaussagen beruhenden Phantomzeichnung, braunhaarig der Mann, fliehende Stirn, die üblichen stechenden Augen. Die Größe kam auch etwa hin, 175 bis 180 cm, und am wichtigsten: Der Verdächtige kannte sich in der Göhrde aus - denn ohne genaue Ortskenntnis hätte der Mörder dort nie zuschlagen können.
So einfach mal zu ihm hinfahren und guten Tag, wir kommen von der Kriminalpolizei, und wo waren Sie eigentlich am 21.5.89 und am 12.7.89, geht natürlich nicht. Worüber zum Beispiel soll man ihn belehren - über seine Rechte als Zeuge oder über seine Rechte als Beschuldigter? Klingt banal, aber ein guter Anwalt dreht aus dem Unterschied dann den Strick, mit dem er einen vor Gericht in Verfahrensfehlern fesselt.
Und wie vermeiden, daß der Verdächtige von den Recherchen erfährt? Man kann ja nicht so nebenbei im Bekanntenkreis oder beim Schlachter oder in der Kneipe herumfragen, denn die Gefahr ist zu groß, daß sich einer verplaudert, Mensch, sach mal, neulich haben sich zwei Kriminalbeamte nach dir erkundigt ... Also einen ganz großen Kreis um den Verdächtigen ziehen und sehr vorsichtig in diesem Kreis herumschnüffeln und unauffällig observieren und die winzigsten Hinweise sammeln.
Nach fünf Monaten endlich hat Dieter Weihser genug zusammen, um in seinem Bericht an den zuständigen Staatsanwalt dem zu empfehlen, einen Durchsuchungsbeschluß zu beantragen. Der Jurist ist von den Argumenten der Ermittler überzeugt und stellt beim Amtsrichter den entsprechenden Antrag.
Die Hausdurchsuchung bei dem Krankenpfleger dauert einen ganzen Tag, nicht nur die üblichen Schubladen werden geöffnet, auch die Asche im Herd untersucht, sogar Dielenbretter des Bauernhauses werden aufgestemmt und anschließend sorgfältig wieder vernagelt.
Die Vernehmung des Verdächtigen beginnt um 11.46 Uhr und endet um 17.20 Uhr, parallel dazu wird die Ehefrau verhört. Doch beide Gespräche bringen keine neuen Hinweise, im Hause des Verdächtigen wird nichts Verdächtiges entdeckt, die Untersuchung seines Autos ergibt nicht eine einzige Faser, die zur Kleidung oder den Resten der Kleidung der Opfer passen würde oder zu denen, die man in den Pkw der Opfer gefunden hat. Das Alibi des überprüften Mannes ist wasserdicht, die Spur ist totermittelt, die Akte kann geschlossen werden. Wieder nichts.
Dabei paßte anfangs vieles von dem wenigen, was die Fahnder über ihren Täter wissen: Er muß sich gut auskennen im Staatsforst Göhrde. Er muß Autorität ausgestrahlt haben, sonst hätte er sich den beiden Paaren nicht so einfach nähern können. Und er muß vor allem groß und kräftig sein, sonst hätte er die Leichen nicht unter Zweige und in die Schonung zerren können. Solche starken Typen braucht man zum Beispiel als Krankenpfleger in geschlossenen Anstalten.
Das Phantom der Göhrde ist möglicherweise ein Frauenhasser, der durch die Paare erregt wurde, auf jeden Fall hat er eine sexuelle Störung, die plötzlich im Jagen 147 ausgelöst wurde. Er ist brutal, er ist aggressiv, er ist ein Einzelgänger, er kann sich seine Zeit selbst einteilen, wird also nirgends am Arbeitsplatz vermißt, falls er mal nicht da ist. Er ist Nichtraucher, denn in den Autos der Opfer, die er fuhr, wurden keine Kippen gefunden - was natürlich auch die Vorsichtsmaßnahme eines in Wahrheit kettenrauchenden Mörders gewesen sein kann. Und angesichts der Brutalität der Morde muß man davon ausgehen, daß er sexuell gestört ist, psychisch krank.
Der von der Mordkommission beauftragte Psychologe umschreibt das in seinem natürlich auch nur auf Vermutungen beruhenden Täterprofil mit "sexuellen Entwicklungsdefiziten" und dem daher kommenden Drang des Mörders, seine "sexuellen Impulse durch Aggressivität auszuleben".
Wenn sich mal ein Hinweis vielversprechend las, haben die Beamten das, was sie ermittelt hatten, verglichen mit dem Psychogramm des Psychologen und mit ihren wenigen Zeugenaussagen: cholerisch ist der Verdächtige, brutal, überkorrekt, introvertiert et cetera. Wenn es viele Übereinstimmungen gab, die alle auf den paßten, den sie im Visier hatten, kam kurzfristig Hoffnung auf, daß sie ihn endlich wirklich hatten. Kurzfristig.
Logisch, daß man sich in geschlossenen Anstalten nach möglichen Patienten, und mitunter auch nach ihren Wärtern - aber immer streng im Rahmen des Datenschutzes - erkundigte, die dem Täterprofil entsprachen und in den fraglichen Wochen vielleicht Ausgang gehabt hatten.
Logisch, daß man sich im nahen Kurort Bad Bevensen in den Kliniken und Pensionen und Hotels und Kurheimen umschaute, denn wer von seinen physischen Beschwerden dort einigermaßen geheilt war, fuhr gern mal in die Göhrde, und nicht immer allein. Kann es sein, daß der Mörder eine Art Kurschatten-Meise hatte, daß er physisch gesund, aber psychisch gestört war, weil ihm seine Frau bei einer Kur abhanden, also in andere Hände gekommen war? Auch Ermittlungen in diese Richtung blieben ohne Ergebnis.
Und alle fremden Autokennzeichen, die man aufgeschrieben hat - was nichts Besonderes war in der Gegend, wo jeder Fahrer mit auswärtigem Nummernschild dem Staatsschutz von wegen Gorleben verdächtig schien -, sind per Computer personifiziert worden, aber alle Halter hatten ein Alibi.
Auch den seltsamen verlotterten bärtigen Typ im Forst, den sie nach einem Tip gesucht hatten, haben sie gefunden. Aber es war nur ein Obdachloser, der damals den Sommer im Wald verbrachte statt unter irgendeiner Brücke in der Großstadt.
Nichts, nichts, nichts. "Der Mörder hätte genausogut wie ein Mafioso von irgendwoher einfliegen, den Mord begehen und am anderen Morgen wieder verschwinden können", sagt Göbel, und Weihser untermauert den Satz des Kollegen mit der Faustregel, daß die meisten Morde aufgrund persönlicher Beziehungen begangen werden und oft in den ersten 48 Stunden nach der Tat aufgeklärt sind. "Bei unserem Fall", meint er lapidar, "haben wir aber die ersten Leichen erst sieben Wochen nach der Tat gefunden, und wir können eigentlich davon ausgehen, daß die Begegnungen zwischen Mörder und Opfern Zufallsbegegnungen waren. Es hätte auch andere treffen können." Nicht einmal ein paar andere kleinere noch unaufgeklärte Fälle haben sich nebenbei lösen lassen, wie es eigentlich bei jeder großen Aktion passiert.
Der erste Doppelmord aus Versehen, weil der betrogene Ehemann der zweiten Ermordeten einen Killer beauftragt hatte und der sich das falsche Paar ausgesucht hat? Nein, so was gibt es nicht einmal im Vorabendprogramm, daß ein braver Bürger aus Uelzen nach St. Pauli fährt und dort zielstrebig einen Mörder dingt. Aber selbst diese Theorie wurde überprüft.
Der Ehemann übrigens ist inzwischen verstorben, und mit der Tochter der Ermordeten haben die Beamten selten Kontakt. Mit den Kindern der Reinolds dagegen sprechen sie regelmäßig und halten sie über das wenige auf dem laufenden, was hin und wieder in diesem Fall passiert. Der Anruf eines Beamten von einer ganz anderen Dienststelle zum Beispiel, der bei einer Diebstahlsermittlung ein Fernglas konfisziert hat ... ob sich der Kollege Weihser das mal ansehen möchte? Könnte doch sein, daß es in seinen Fall paßt.
Warum das Phantom der Göhrde seit sieben Jahren nicht mehr gemordet hat? "Da gibt es mehrere Möglichkeiten", sagt Horst Göbel, "er kann zum Beispiel längst schon tot sein." "Oder er ist ausgewandert", sagt Weihser, "das ist ja nicht auszuschließen." Oder er ist in einer Anstalt, wo er eigentlich hingehört. Oder ist weit weggezogen und nie mehr straffällig geworden. Oder er verhält sich wie das Chamäleon, das sich stets seiner Umgebung anpaßt und dadurch unauffällig bleibt.
Denn es gibt noch eine Alternative, die Göbel und Weihser immer wieder diskutieren. "Es könnte sein, daß wir dem Mörder schon begegnet sind, daß er unter denen ist, die wir schon überprüft haben. Und daß er Angst hat, weil er merkte, wie dicht wir an ihm dran waren." Daß sie ihn wahrscheinlich sofort kriegen, falls er wieder mordet, weil sie inzwischen so lange mit einer theoretischen Vorstellung von ihm gelebt haben, daß sie ihn praktisch an seiner Handschrift wiedererkennen würden, sagen sie lieber nicht. Um diesen Preis wollen sie ihn nicht haben.
Zwei, drei Spurenelemente haben sie noch in der Hinterhand, von denen außer ihnen, ihren Vorgesetzten und ihrem ehemaligen Chef Horst Michaelis keiner etwas weiß. Das soll auch so bleiben, denn wenn sie ihn einmal haben werden, sind das die Indizien, die den Täter überführen. Alles scheint zur Zeit zwar ausrecherchiert, zu Tode ermittelt, aber wie das so ist: Morgen könnte es passieren oder übermorgen, daß plötzlich etwas nicht mehr in den Rahmen paßt und damit das ganze Bild neu aufgebaut werden müßte.
"In Troja zum Beispiel", sagt Dieter Weihser, "ist alles erforscht, wie man weiß. Doch könnte es sein, daß ein Archäologe zufällig eine Scherbe unter all den Scherben entdeckt, die da einfach nicht hingehört. Und dann würde er sich die Frage stellen, wie die da hinkommt, und es begänne eine ganz neue Geschichte."
Göbel und Weihser wollen den Kerl erwischen, aber wenn es am Schluß nicht sie sind, die ihn festnehmen, sondern ihre Kollegen, ist ihnen das auch egal. Sie waren schließlich dabei, und es zählt der Wunsch, am Schluß bei den Siegern zu sein. Sie wollen dem Mörder ins Gesicht sehen, und sie wollen wissen, warum er es tat. Und falls sie den Göhrde-Mörder doch nie fangen? Da bleibt allenfalls grimmige Genugtuung, daß er unter seiner Schuld leidet, Tag für Tag. Daß er weiß, er wird gejagt, und daß er Angst hat, erwischt zu werden, Tag für Tag. Daß er bei jedem vor seinem Haus parkenden fremden Auto in Panik gerät und bei jeder zufälligen Begegnung mit einem Polizisten schwitzt. Daß er sich nie bei ihnen, seinen Jägern, freisprechen kann, bevor er schuldig gesprochen wird.
Was natürlich alles nur gilt für den Fall, daß der Göhrde-Mörder das hat, was man Gewissen nennt. Und das weiß nun wirklich niemand.
Michael Jürgs


Süddeutsche Zeitung

17. Mai 2010 21:31
Verbrecherjagd über Jahrzehnte
Der Fall seines Lebens
Bis heute ist es eines der rätselhaftesten Verbrechen Deutschlands. Bis heute will Dieter Weihser die Täter überführen. Eine Spurensuche.
Von Michael Jürgs
Der zweite Doppelmord passiert, während Kriminalbeamte die Opfer des ersten Doppelmordes untersuchen. Das ist belegbar, aus den späteren Analysen der Gerichtsmediziner zur Bestimmung der Todeszeit. Die Ermittler am Fundort der soeben entdeckten Leichen hätten die Schüsse, wie Rekonstruktionen dann ergaben, im Wald allerdings nicht hören können. Zwar ist der Tatort, wo die anderen Ermordeten gefunden wurden, nur achthundert Meter Luftlinie von ihnen entfernt, doch geschieht der zweite Mord in einer Senke, aus der keine Geräusche dringen. Auch das wurde später überprüft.

Den Anblick näher zu beschreiben, der sich ihm bot, als er und seine Kollegen am Nachmittag des 12. Juli 1989 am ersten Tatort eintreffen, verbietet sich Kommissar Dieter Weihser noch heute, fast zwanzig Jahre danach. Steht zwar alles im Protokoll, das er verfasste, in dürren Sätzen, sozusagen sich selbst schützend vor allzu genauer Beschreibung, aber, nein, schüttelt er heute den Kopf, nein, keine Details. Weihser, ein Brocken von Kerl, bärenruhig und doch stets sprungbereit, hat keine Illusionen, was seinen Beruf betrifft. Er hat zu viele Reformen und Reformen der Reformen erlebt, schöpft deshalb Kraft nur aus eigenem Antrieb.
Es ist ihm aber der kühle Ehrgeiz des Profis geblieben, ein Ehrgeiz, den Frusterlebnisse aus mehr als 31 Berufsjahren, hervorgerufen durch Verirrungen und Verwirrungen einer jede Leidenschaft erstickenden Bürokratie, nicht haben brechen können. Er regt sich ja auch nicht darüber auf, dass er bei einem zweiwöchigen Angelurlaub in Norwegen, täglich am Fluss stehend, nicht einen einzigen Lachs gefangen hat. "So ähnlich ist es doch mit manchen Fällen auch. Manchmal dauert es Jahre, bis man den Richtigen an der Angel hat, manchmal geht es schneller", und dass es auch mitunter gar nicht gelingt, weiß er. Doch er lehnt es ab, diese letzte Möglichkeit im Fall der Doppelmorde zu akzeptieren, bevor er pensioniert wird.

Skelettierte Reste
Er verschwendet nämlich keinen Gedanken darauf, das erlaubt er sich einfach nicht, den Fall seines Lebens ungelöst als Aktenzeichen hinterlassen zu müssen, wenn er pensioniert wird.
Eine Hitzewelle wie diese im Sommer 1989 hatte es in Niedersachsen schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Drei Blaubeersammler waren auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen auf die Toten gestoßen, genauer gesagt: ihre laut Ermittlungsakte "stark mumifizierten und größtenteils skelettierten" Reste, verscharrt unter Tannenzweigen. Der Revierförster, den sie, geschockt, stolpernd, rennend Richtung Bundesstraße 216, im Forsthaus aufschreckten, hatte die Kriminalisten aus dem nahen Lüneburg alarmiert.
Ob es sich bei den Leichenteilen um das seit Ende Mai von ihren Töchtern als vermisst gemeldete Hamburger Ehepaar Ursula und Peter Reinold handelte, konnten Weihser und seine Kollegen vor Ort zwar noch nicht mit letzter Sicherheit bestätigen. Sie brauchten dafür die Bestätigung der Forensiker und des Zahnarztes, aber sie hegten damals kaum noch Zweifel daran.
Sie sind es tatsächlich. Ursula und Peter Reinold wurden brutal umgebracht, so viel steht sofort fest. Aber wie? Hat der Mörder sie erschossen oder hat er sie erst stranguliert oder waren zum Beispiel Wildschweine bei der Futtersuche auf sie getrampelt und ist deshalb bei Peter Reinold der Kehlkopf eingedrückt? Und wo ist ihre Bekleidung? Und wo das von den Kindern bei der Vermisstenmeldung als auffallend beschriebene Fernglas ihres Vaters? Und wo der Picknickkorb ihrer Mutter? Der Verdacht, dass es sich beim Fundort nicht um den Tatort handeln dürfte, bestätigt sich, als die Spurensicherung bis in eine Tiefe von dreißig Zentimetern den Boden abträgt, die Erde auf der Suche nach Projektilen durch ein Sieb schüttelt und nichts findet.
Hingerichtet per Kopfschuss
Vierzehn Tage später, am 27. Juli - es ist nach wie vor heiß und trocken - wird deshalb noch einmal mit Hundertschaften das Waldgebiet durchkämmt. Und dabei, also erneut per Zufall, finden Polizisten die anderen Opfer: einen Mann und eine Frau, hingerichtet per Kopfschuss aus einer Kleinkaliberwaffe 5,6 Millimeter, zum Teil an Händen und Füßen mit Leukoplast gefesselt, Gesicht nach unten, liegen vor ihnen in Jagen 147, achthundert Meter entfernt von Jagen 138. Der zweite Doppelmord. Die Bezeichnung "Jagen" klingt zwar passend, schwerblütig, nach erlegtem Wild, doch so werden im Staatswald Göhrde ganz simpel einzelne Flure und Abschnitte bezeichnet.
Dass es sich um Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping handelt, ist schnell ermittelt, denn die Leichen sind noch nicht verwest. Gemeinsam waren die beiden aus dem nahe gelegenen Bad Bevensen am 12. Juli nach dem Mittagessen in Köppings weißem Toyota zu einem kurzen Ausflug aufgebrochen. Seit jenem Tag, also genau dem Tag, an dem die Überreste der Reinolds entdeckt worden waren, ist das zweite Paar - ein Liebespaar, kein Ehepaar - nicht mehr gesehen und als vermisst gemeldet worden.
Die Benachrichtigung ihrer jeweiligen Partner, die nichts von der offensichtlich erst während einer Kur gewachsenen Liebesbeziehung von Warmbier und Köpping ahnten, erfordert deshalb zusätzlich Sensibilität. Eine Sonderkommission, zu der zeitweise siebenunddreißig Kriminalbeamte gehören, unter ihnen auch Kriminalkommissar Dieter Weihser aus Lüneburg, beginnt mit der Suche nach dem Täter.

Weihser lebt seit bald zwanzig Jahren täglich mit diesem mysteriösen Verbrechen, aber nicht etwa, weil vor dem Einschlafen sein letzter Gedanke und beim Aufwachen sein erster Gedanke dem unbekannten Mörder gilt. Sein kriminalistischer Alltag findet in der Provinz statt, wo man Morde und Mörder nur aus dem "Tatort" oder den Kriminalstatistiken der Großstädte kennt. Die Palette in seinen Fällen - Brandstiftung, Totschlag, Betrug - ist so bunt wie das Leben. Sie lassen ihm kaum Zeit für anderes.
Mord ist eigentlich nicht sein Geschäft. Geschweige denn vier Mordfälle, in denen es viele Theorien, aber kaum Indizien gibt. Die Erinnerung der Menschen ist verblasst. Weihser ist der Einzige, der sich nach wie vor in die Akten vertieft, auf der Suche nach einem winzigen Hinweis, den er und seine Kollegen möglicherweise 1989 doch übersehen haben könnten.
Der Totenwald - so wird der Staatsforst Göhrde wegen der vier Morde vom gedruckten und versendeten Boulevard getauft. Was naturgemäß Nebenwirkungen hat. Touristen meiden den größten Mischwald Norddeutschlands mit seinen berühmten Baumriesen. Hirsche und Rehe, Wildschweine und Mufflons bleiben unter sich. Die fünfundsiebzig Quadratkilometer, in denen einst der letzte Kaiser des Deutschen Reiches auf die Jagd ging, weshalb bis heute eine Station der Wendlandbahn als Kaiserbahnhof bezeichnet wird, gehören zum Landkreis Lüchow-Dannenberg, damals noch Zonenrandgebiet, und zum Landkreis Lüneburg.
Der Täter muss für seine Flucht an den Tagen, an denen er mordete, die Autos seiner Opfer benutzt haben. Das wissen die Beamten, die ihn unter sich den "Göhrde-Mörder" nennen, schon nach wenigen Tagen. Den Honda Civic der Reinolds entdecken sie dreihundert Meter vom Bahnhof Winsen (Luhe) entfernt, den Toyota Köppings in der Nähe der Kurklinik Bad Bevensen. Weil sich die Beerensammler nach dem ersten Schock daran erinnern, kurz vor dem Erreichen des Forsthauses im Wald einem kräftigen Mann mit braunem Haar begegnet zu sein, der einen dunklen Beutel in der Hand trug, gibt es sogar eine Phantomzeichnung des möglichen Täters. Mit dieser bewaffnet, klappern Ermittler sämtliche Hotels, Pensionen, Krankenhäuser, Kurkliniken der weiteren Umgebung ab.

Der Kommissar gibt nicht auf
Nichts. Ob der Gesuchte auf einem Hochsitz auf Liebespaare lauerte, weil ihn deren Anblick erregte, ob er sich seine Opfer zufällig aussuchte, ob er den zweiten Doppelmord beging, weil er die Walkie-Talkie-Geräusche der Beamten hörte, die sich dem ersten Fundort näherten, weiß niemand. Dass er möglicherweise psychisch krank, sexuell gestört, spontan aggressiv ist, steht seit damals im Täterprofil. Das kann stimmen oder auch nicht. Sicher ist, dass er ziemlich stark sein musste, denn die ersten Opfer hat er in die Senke geschleppt und dort verscharrt. Sicher ist, dass er Autorität ausgestrahlt haben dürfte, denn sonst hätte er sich wohl seinen Opfern nicht nähern können. Wahrscheinlich ist, dass er sich gut auskennt im Forst, denn sonst hätte er sich nicht die abgelegenen Gebiete in Jagen 138 und 147 für seine Verbrechen ausgesucht.
Gefunden haben sie ihn bis heute nicht.
Der Kommissar gibt die Jagd auch fast zwanzig Jahre nach den Doppelmorden nicht auf. Jeder Mensch hinterlässt Spuren, egal wo und wobei, das war zwar schon immer so, aber heutzutage lassen die sich auch nach so langer Zeit noch verwenden. Dieter Weihser, mittlerweile Hauptkommissar, hat immer wieder die Ermittlungsakten gelesen, sodass man ihn spontan nach Spur 1876 fragen und er sie nach kurzem Nachdenken nennen könnte. Insgesamt sind er und seine Kollegen damals 1911 Hinweisen nachgegangen, haben jedoch alle tot ermittelt, wie es in ihrer Sprache heißt. Darunter waren auch Verrückte und Spinner und Denunzianten, die alte Rechnungen begleichen wollten. Was normal ist bei solchen Aktionen und einer ehemals 50000 Mark, inzwischen 25000 Euro hohen Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen.
Das olivefarbene Fernglas Steiner Commander II 7X50 S, das Peter Reinold gehörte, und die Sofortbildkamera Image System Polaroid von Bernd-Michael Köpping sind seither zur Fahndung ausgeschrieben. Wahrscheinlich hat sie der Mörder seinen Opfern abgenommen, aber ob er sie spätestens nach dem Hinweis in der XY-Sendung des ZDF, ausgestrahlt im Dezember 1989, weggeworfen hat, weiß niemand. Immer dann, wenn ein identisches Fernglas in einem anderen Fall auftaucht, und immer dann, wenn sich dabei ein Kollege an die Göhrde-Morde erinnert, fährt Dieter Weihser los und macht sich kundig vor Ort. Alles vergebens.
Die Sonderkommission ist längst aufgelöst. Doch weil dieser Fall so einmalig ist, lässt er Weihser nicht los, und weil er keinen Partner mehr hat, mit dem er sich über die Morde austauschen kann, einen, der hinterfragt, was ihm keine Frage mehr wert ist, stellt sich der vereinsamte Jäger die Fragen selbst. Das gehört für ihn zum selbstverständlichen Handwerk eines Kriminalisten, das ist nichts Besonderes. Wie Weihser überhaupt Wert legt auf die Feststellung, nichts weiter zu machen als das, was sein Job verlangt.
Doch wenn er im Fall seines Lebens einen Ansatz entdeckt, auf den er bislang nicht gekommen ist, bohrt er weiter. Dann sagt er zu dem Unbekannten da irgendwo draußen: Pass auf, ich krieg dich doch. Es widerstrebt ihm, dass "einer mit einem vierfachen Mord ungestraft davon kommen soll".

Nein, wenn es nach ihm geht, dann nicht. Alles im Rahmen der Gesetze selbstverständlich, obwohl es ihm, wie vielen Kollegen, gewaltig stinkt, wenn wieder einmal ein geschickter Verteidiger, der seine Hausaufgaben moralfrei, aber effizienter als ein Staatsanwalt erledigt hat, einen Mandanten freipaukt, von dem alle im Gerichtssaal wissen: Der und kein anderer war's. Weil es nicht immer so recht klappt mit dem Recht, glaubt Weihser an Gerechtigkeit. Und zwar auf Erden, nicht erst danach.
Mag sogar sein, dass er dem Mann bei seinen Ermittlungen schon mal begegnet ist. Mag andererseits sein, dass der Mann, der gemordet hat, tot oder über die wenige Monate nach den Morden offene deutsche Grenze verschwunden ist, oder dass er in einer geschlossenen Anstalt sitzt.
Das Prinzip Hoffnung steht dagegen: Übersetzt aus den geistigen Höhen Blochs in die Niederungen des Lüneburger Kommissariats heißt das so viel wie: auf den Zufall hoffen. Hoffen, dass sich der Mörder verrät, während er in einem anderen Fall im Visier der Fahnder ist. Beispielsweise haben sie vor Jahren den Mörder eines jungen Mädchens nur deshalb gefasst, weil bei einer Hausdurchsuchung, bei der es um ganz andere Delikte ging, einem der Beamten ein defekter Gürtel aufgefallen war, der in der Wohnung herumlag. Und weil der Kripomann auch im Fall des Mädchens ermittelte, wusste er sofort, dass dieses fehlende Gürtelstück bei der Ermordeten gefunden worden war. Ein Fall von Zufall. Einem anderen Kollegen wäre das, logisch, nicht aufgefallen.
Zum anderen könnte am Ende der Fortschritt helfen. Denn inzwischen gibt es einen ganz besonderen Freund und Helfer der Polizei. Die vor elf Jahren aufgebaute DNS-Analyse-Datei des Bundeskriminalamtes, in der Spuren und Personendateien gespeichert sind, angeliefert von allen Landeskriminalämtern, ist zum erfolgreichsten Instrument der Verbrechensbekämpfung geworden. Mittlerweile sind beim BKA fast 800 000 Datensätze festgehalten, jeden Monat kommen rund 10 000 neue hinzu. Und mit Hilfe der modernen Technik führte schon jede dritte Analyse zu Festnahmen, auch Jahrzehnte nach einer Tat. Geeignet sind dafür Blutspuren, Hautpartikelchen, Knochenfragmente, einzelne, telogene Haare ohne Zellanhaftungen und solche mit Wurzeln, Speichelreste. Ein daraus gewonnener, molekulargenetischer Code, der Treffer in jener Datenbank erlauben würde, ist Weihsers anderes Prinzip Hoffnung. Da Mord nicht verjährt, kann er sich sogar Zeit lassen.

Ein Haar ohne Wurzel
Früher musste jede einzelne DNS-Analyse von einem Richter genehmigt werden, doch die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen wurden geändert. Verboten ist es nach wie vor, spezielle genetische Veranlagungen von Personen zu ermitteln, aber wenn die Analyse einer Spur einen Personentreffer ergibt, darf dies vor Gericht verwendet werden. Man sollte sich das jedoch in der alltäglichen Praxis nicht so spektakulär atemberaubend spannend vorstellen wie die Arbeit der Ermittler in der britischen BBC-Serie "Waking the Dead". Doch das Wecken der Toten aus verstaubten Akten mittels modernster Methoden hat bislang bei mehr als dreißig Prozent von bereits tot ermittelten Fällen zu Verhaftungen der Täter geführt. Wie bei dem Mord an einer 16-jährigen Frankfurterin, der 2006, also fünfundzwanzig Jahre nach der Tat, dank einer DNS-Analyse aufgeklärt wurde. Oder wie 2003 bei der Festnahme eines Mannes, der 1988 in Brandenburg eine 13-jährige Schülerin umgebracht hatte.
Ein Haar ohne Wurzel kann nur einmal getestet werden, ist danach im wahrsten Sinn des Wortes verbrannt für immer. Dieter Weihser hat deshalb nur einen einzigen Schuss frei, das, was er noch im Köcher hat, ist nur ein Mal verwendbar, es wäre verbraucht in dem Moment, in dem es untersucht und dabei bei keiner der molekulargenetisch erzielten Zahlenwerte eine Übereinstimmung gefunden wird. Weihser muss seine letzte Spur deshalb schonen und pflegen, muss sie hüten wie einen kostbaren Schatz. "Die Zeit arbeitet für mich", sagt Weihser, "weil die Wissenschaft immer schneller neue Methoden entwickelt, die das Risiko eines Fehlschusses mindern. Und weil die DNS-Datenbank immer umfangreicher wird."
Der Fall seines Lebens hängt also, wie Weihser es umschreibt, an einem einzigen, dünnen Haar. Es ist in einem der Fluchtfahrzeuge gefunden worden und konnte mit Sicherheit keinem der vier Opfer zugeordnet werden.
Die Toten lassen Weihser nicht ruhen. Er ist so etwas wie der letzte Schlüssel zu ihrem Schicksal. Am Ende will er dem Mörder, den er nie bewusst gesehen hat und doch so gut kennt wie kein anderer, ins Gesicht schauen und ihm, natürlich ganz kühl, wie es seine norddeutsche Art ist, sagen können: Das war's. Ich hab' dich. So wie er es auch zu einem Lachs sagen würde, egal, wie lange er darauf warten muss, bis der an seiner Angel zappelt.









Göhrde-Morde   aus Wikipedia

Die Göhrde-Morde im Staatsforst Göhrde in Niedersachsen sind zwei Doppelmorde, die im Sommer 1989 in ganz Westdeutschland großes Aufsehen erregten und heute als spektakuläreKriminalfälle gelten. Innerhalb weniger Wochen wurden zwei Paare im selben Waldgebiet der Göhrde von wahrscheinlich demselben Täter ermordet. Der zweite Doppelmord fand statt, während die Kriminalpolizei nur wenige hundert Meter entfernt Spuren des ersten Verbrechens sicherte. Das Waldgebiet wurde danach über Jahre hinweg von Spaziergängern und Ausflüglern gemieden. Die Taten sind nach wie vor nicht aufgeklärt. 
Lage der Göhrde und des Tatortes
Die Göhrde ist ein etwa 75 Quadratkilometer großer Staatsforst im Landkreis Lüchow-Dannenberg und zu einem geringen Teil auch im Landkreis Lüneburg. Beide Landkreise liegen in der nordöstlichen Region des Bundeslandes Niedersachsen, etwa 60 Kilometer von Hamburg, 30 Kilometer von Lüneburg und 20 Kilometer von Uelzen entfernt. Die Göhrde bildet den größten Mischwald Norddeutschlands und ist nahezu unbewohnt. Früher war sie bevorzugtes Jagdgebiet der Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und später auch der Könige von Hannover und der deutschen Kaiser. 1989 lag die Göhrde noch im strukturell unterentwickelten Zonenrandgebiet.
Witterung und Temperaturen
Im Sommer 1989 herrschte – wie seit Jahren nicht mehr – eine langanhaltende Hitzewelle. Es war wochenlang trocken, so dass Spuren nicht durch Witterungseinflüsse wie Regen, Hagel oder Stürme zerstört wurden. Andererseits war es über lange Zeit außergewöhnlich heiß, was denMumifizierungssprozess erheblich beschleunigte.
Morde[Bearbeiten
Erster Doppelmord


Der Tatort ist grün gekennzeichnet. Die ersten Opfer kamen aus Hamburg-Bergedorf, ihr Wagen wurde in Winsen gefunden. Das zweite Paar kam aus Hannover bzw. Uelzen; sein Fahrzeug wurde in Bad Bevensen aufgefunden.


Parkplatz nahe dem Forsthaus Röthen


Forstweg vom Parkplatz zu den Jagen 147 und 138
Am 21. Mai 1989 fuhr ein Ehepaar aus Hamburg-Bergedorf in die Göhrde, um dort spazieren zu gehen. Es wird vermutet, dass die 45 Jahre alte Frau und ihr 51 Jahre alter Ehemann eine Lichtung im Jagen 147 aufsuchten, um sich dort zu sonnen oder zu picknicken. Das Ehepaar wurde dort umgebracht, aber nicht am Tatort belassen. Der Täter brachte seine Opfer in eine nahe gelegene Senke und versteckte sie dort. Die Opfer waren entkleidet. Ob sie sich vor dem Mord selbst auszogen oder vom Täter entkleidet wurden, blieb unklar. Der Täter entwendete den Opfern ein Fernglasder Marke Steiner und einen Picknickkorb und nahm die Autoschlüssel des Paares an sich. Mit dessen Honda Civic flüchtete der Täter aus der Göhrde und ließ den Wagen 300 Meter vom Bahnhof in Winsen an der Luhe, einer kleinen Stadt im Hamburger Speckgürtel, stehen. Das Ehepaar war unterdessen als vermisst gemeldet worden. Erst sieben Wochen später, am 12. Juli 1989, entdeckten drei Blaubeersammler die Leichen der Opfer. Sie waren aufgrund der damaligen hohen Temperaturen erheblich verwest, mumifiziert und durch Tierfraß größtenteils skelettiert.
Die genaue Todesursache konnte wegen des Zustandes der beiden Leichen weder am Tatort noch durch die spätere Obduktion geklärt werden. Fest stand allerdings, dass Suizid oder Unfall ausschieden und dass der Tod durch ein Verbrechen eingetreten war. Aufgrund des Spurenbildes standenErschießen, Erwürgen und Erschlagen als mögliche Ursachen im Raum. Der Ehemann wies eine Verletzung an seinem Kehlkopf auf. Jedoch konnte nicht festgestellt werden, ob es sich um Strangulationsmerkmale oder um Verletzungen durch futtersuchende, trampelnde Wildschweine handelte.
Nachdem die drei Blaubeersammler die beiden Leichen entdeckt hatten, suchten sie den Revierförster auf, um die Polizei benachrichtigen zu lassen. Auf dem Weg dorthin begegnete ihnen ein braunhaariger, kräftig gebauter, etwa 40 Jahre alter Mann mit einem Beutel in der Hand. Die Kriminalpolizei nimmt an, dass es sich hierbei um den Täter handelte, der sich genau an diesem Tag und zu dieser Zeit in der Göhrde weitere Opfer suchte.
Zweiter Doppelmord
Am 12. Juli 1989, dem Tag der Entdeckung des ersten Doppelmordes fuhren eine 46 Jahre alte Hausfrau aus Uelzen und ein 43 Jahre alter Handelsvertreter aus Hannover gemeinsam in die Göhrde. Es handelte sich um ein Liebespaar, das nach dem Mittagessen aus dem nahegelegenenBad Bevensen kam und offenbar einen Ausflug machte. Beide waren anderweitig verheiratet. Sie hatten sich während einer Kur kennengelernt, ihre jeweiligen Ehepartner wussten nichts von ihrer Beziehung. Sie parkten an einer kleinen Nebenstraße nahe dem Forsthaus Röthen und gingen mehr als zwei Kilometer in den Forst hinein. Dort, im Waldabschnitt Jagen 138, trafen sie auf den Täter, der sie offenbar mit einer Schusswaffe bedrohte und sie teilweise mit Leukoplastband an den Händen und Füßen fesselte. Beide mussten sich mit dem Gesicht nach unten legen. Der Täter strangulierte das männliche Opfer und tötete es von hinten durch Kopfschüsse mit einer Kleinkaliberwaffe 5,6 Millimeter. Dem weiblichen Opfer zertrümmerte der Täter den Schädel. Anschließend entwendete er dem männlichen Opfer eine Polaroid-Sofortbildkamera und die Autoschlüssel seines Toyota Tercel, mit dem er aus der Göhrde flüchtete. Die weiteren Ermittlungen ergaben, dass der Täter mit diesem Fahrzeug noch etwa eine Woche umherfuhr, bevor er es in der Nähe der Kurklinik in Bad Bevensen abstellte.
Zwei Wochen später, am 27. Juli 1989, entdeckten Polizeibeamte der eingesetzten Einsatzhundertschaften im Rahmen einer flächendeckendenSpurensuche für den ersten Doppelmord zufällig die beiden Opfer des zweiten Doppelmordes. Der Todeszeitpunkt konnte sicher auf den 12. Juli 1989 datiert werden, den Tag, an dem die Polizei ihre Ermittlungen am Fundort des ersten ermordeten Paares aufnahm. Der Tatort lag nur etwa 800 Meter vom Auffindeort der Opfer des ersten Doppelmordes entfernt. Den Rekonstruktionen der Ermittler zufolge beging der Täter den zweiten Doppelmord zu einer Zeit, als die Kriminalpolizei am Fundort der ersten zwei Opfer war und ihre Ermittlungen aufnahm. Spätere Tests ergaben, dass Schüsse trotz der geringen Entfernung nicht zu hören gewesen wären, weil sowohl der Fundort der Leichen des ersten Doppelmordes als auch der Tatort des zweiten Doppelmordes in Senken lagen.
Parallelen
Die Parallelen der beiden Taten lagen darin, dass jeweils ein Paar mittleren Alters ermordet wurde und dass sich die Tatorte im selben Waldgebiet des riesigen Forstes befanden. Darüber hinaus entwendete der Täter den Opfern in beiden Fällen auffällige technische Gegenstände, obgleich es sich den Ermittlungen zufolge um keine klassischen Raubmorde handelte. Der Täter nahm beiden Opferpaaren die Autoschlüssel ab, um mit den Fahrzeugen aus der Göhrde zu entkommen. In beiden Fällen ließ er die Fahrzeuge in nahegelegenen Kleinstädten mit Bahnanschluss stehen. Beide Städte liegen an der Bahnstrecke Hannover–Hamburg. Diese Parallelen veranlassten die Ermittler zur Annahme, dass es sich um denselben Täter handele. Es wird vermutet, dass er sich der Gegenstände, die er in beiden Fällen an sich genommen hatte, entledigte, nachdem die beiden Doppelmorde in den Medien für ein außerordentliches Interesse sorgten.
Folgen
Außer den gravierenden individuellen Auswirkungen bei den Angehörigen der Opfer hatten die beiden Doppelmorde auch wesentliche Folgen für die Göhrde: Sie versetzten die gesamte Region in Angst und Schrecken.Sowohl in der Presse als auch im Fernsehen erhielt der Staatsforst die Bezeichnung „Totenwald“. Spaziergänger und Ausflügler mieden den Wald mit den berühmten Baumriesen über Jahre hinweg.

Maßnahmen
Die Polizei Niedersachsen bildete sofort nach Entdeckung der ersten Tat eine 40-köpfige Sonderkommission mit Kriminalbeamten aus der Region und aus Lüneburg. Die Sonderkommission legte 1.911 Spurenakten an und befragte annähernd 10.000 Menschen. Ein Phantombild wurde erstellt und veröffentlicht und eine Belohnung von 50.000 D-Mark ausgelobt. Im Dezember 1989 und noch einmal im Januar 1990 wurde der Fall in der Fernsehfahndungssendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ ausgestrahlt, diese Fahndungssendungen führten aber nicht zum Erfolg.
Der Täter wurde infolge der weiteren Ermittlungen von Polizeipsychologen als brutal, aggressiv, gefühlskalt, Einzelgänger, sexuell gestört, psychisch krank, cholerisch, überkorrekt und introvertiert charakterisiert. Die Ermittler gingen davon aus, dass er Nichtraucher gewesen sei, sich seine Zeit habe selbst einteilen können und bei Abwesenheit vom Arbeitsplatz nicht vermisst würde.
Die Überprüfungen einer Reihe von Personen, beispielsweise der Patienten der geschlossenen Psychiatrie, die zu den Tatzeiten Ausgang hatten, sowie der Gäste und der Patienten der Pensionen, Hotels und Kurheime im nahen Bad Bevensen führten nicht weiter. Ebenso verlief die Überprüfung aller Halter der Autokennzeichen erfolglos, die zu den Tatzeiten in irgendeiner Weise behördlicherseits notiert worden waren.
Erste „heiße Spur“[Bearbeiten]
Schon nach kurzer Zeit gab es eine „heiße Spur“. In Wales hatte sich im Juni 1989 ein ähnlicher Doppelmord ereignet: Das Ehepaar Dixon war während eines Campingausfluges auf dem Pembrokeshire Coast Path bei Littlehaven aus nächster Nähe erschossen worden. Die Leichen wurden abseits des Weges versteckt gefunden, die Hände des Ehemannes waren auf dem Rücken gefesselt. Zeugen war einen Tag vor den Doppelmorden ein etwa 40 Jahre alter Mann aufgefallen, seine Beschreibung war der des mutmaßlichen Göhrde-Mörders ähnlich. Die Zeugen berichteten außerdem von einem etwa 20 Jahre alten Begleiter mit deutschem oder niederländischem Akzent. In der Göhrde hatte die Polizei in der Nähe des ersten Tatortes eine niederländische Geldmünze gefunden. Alle Tatorte lagen in der Nähe eines Übungsplatzes britischer Truppen. Die Ermittlungen in Wales blieben zunächst ergebnislos, bis im Mai 2009 der 64 Jahre alte John Cooper in Untersuchungshaft genommen wurde, dessen DNA-Muster mit den am Tatort bei Littlehaven gefundenen Spuren übereinstimmt. Cooper, dem außerdem ein weiterer Doppelmord 1985 und eine Vergewaltigung 1996 zur Last gelegt wurden, erklärte sich „nicht schuldig“. Die Hauptverhandlung vor dem Swansea Crown Court endete nach zwei Monaten am 26. Mai 2011 mit einem Schuldspruch in allen Anklagepunkten und der Verurteilung Coopers zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Sein Rechtsmittel gegen dieses Urteil wurde am 1. November 2012 letztinstanzlich verworfen. Eine Verbindung Coopers zu den Göhrde-Morden hat sich letztlich nicht ergeben.
Zweite „heiße Spur“
1993 hatte ein Zeuge vernommen, wie ein Mann seiner Frau im Streit gedroht habe, sie solle die Göhrde-Morde nicht vergessen, es könne ihr genauso ergehen, wenn sie ihn weiterhin mit einem anderen Mann betrüge. Der Zeuge meldete seine Beobachtungen an die Polizei. Die erste, oberflächliche Überprüfung war vielversprechend. Denn der Verdächtige hatte eineWaffenbesitzkarte über eine Kleinkaliberwaffe 5,6 Millimeter. Mit einer derartigen Waffe war das männliche Opfer des zweiten Doppelmordes erschossen worden. Darüber hinaus passte die äußere Erscheinung des Verdächtigen, wie braune Haare und Größe, zum angefertigten Phantombild. Schließlich kam der Verdächtige aus der Gegend und dürfte Ortskenntnisse gehabt haben. Die Ortskenntnisse waren für die Tat in einer derart abgelegenen Gegend wichtig gewesen. Nach einigen Monaten weiterer Ermittlungen beantragte der Staatsanwalt erfolgreich einenDurchsuchungsbeschluss beim zuständigen Amtsgericht. Die gründlich durchgeführte Hausdurchsuchung sowie die stundenlangen Vernehmungen des Verdächtigen und seiner Ehefrau führten nicht zum Erfolg, da sich keine belastenden Umstände ergaben. Im Gegenteil: Der Verdächtige konnte ein Alibi vorweisen, womit diese Spur ebenfalls nicht zur Tataufklärung führte.
Erfolglosigkeit und jüngste Entwicklung
Die Sonderkommission wurde später aufgelöst. Ihr gelang es nicht, den Täter zu ermitteln. Der Leiter der damaligen Sonderkommission wurde bereits 1997 pensioniert. Danach arbeiteten noch immer zwei Kriminalbeamte aus der damaligen Sonderkommission sporadisch an dem Fall, und zwar ein Ermittler aus Lüchow und ein Ermittler aus Lüneburg. 2009 war nur noch der Kriminalbeamte aus Lüneburg nebenher mit dem Fall in der Weise betraut, mitunter noch auftretenden Hinweisen nachzugehen.
Im Juli 2009 gab es einen weiteren, möglicherweise letzten Ermittlungsansatz: Nach der Tat waren seinerzeit zwei Haare im Fahrzeug sichergestellt worden, die weder den Opfern noch deren Umfeld zuzuordnen waren. Die Kriminalpolizei wollte nunmehr mit Hilfe der mittlerweile vorangeschrittenen DNA-Analyse-Methode DNA-Muster aus den beiden Haaren isolieren und mit den beim Bundeskriminalamt gespeicherten Daten vergleichen. Das Problem der DNA-Analyse war, dass das DNA-Muster bei alten, ausgefallenen Haaren ohne Wurzel nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent komplett isoliert werden kann. Ein weiterer Versuch war nicht möglich, denn die Haare wurden bereits beim ersten Versuch vollständig zerstört.

Stordfield

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Re: Die vier Morde von Göhrde in Niedersachsen
« Antwort #1 am: 30.10.2013 20:22 Uhr »
Ob uns unser angemeldetes Mitglied Herr Harborth darüber vielleicht mehr sagen würde, wollte, dürfte...und bequemen würde? Aber wahrscheinlich arbeitet er schon wieder an einem  Buch, in dem er von sich selber abschreibt.

Spektakulär, allemal.

Offline Stordfield

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Re: Die vier Morde von Göhrde in Niedersachsen
« Antwort #2 am: 21.02.2018 23:59 Uhr »
Hallo!

Der Fall ist aufgeklärt. Der Täter heißt Kurt- Werner Wichmann und hat sich 1993 in der Untersuchungshaft erhängt. DNA- Spuren identifizierten ihn als den gesuchten Mörder. Eventuell hat er noch weitere Tötungsdelikte begangen.

Gruß Stordfield
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Offline academyfightsong

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Re: Die vier Morde von Göhrde in Niedersachsen
« Antwort #3 am: 27.02.2018 16:35 Uhr »
Interessant. Habe das damals mitbekommen, da ich Verwandschaft in Lüchow-Dannenberg habe. Der Fall hat seiner Zeit ziemlich hohe Wellen geschlagen, gut das er nun endlich aufgeklärt ist.

Offline Stordfield

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Re: Die vier Morde von Göhrde in Niedersachsen
« Antwort #4 am: 28.02.2018 21:35 Uhr »
Hallo!
 
Heute wurde in "XY ungelöst" noch einmal nach einem weiteren Mordfall in Beziehung zu Wichmann nach Infos gefragt.
(anzuschauen bis Sonntag in der ZDF mediathek)

Gruß Stordfield
« Letzte Änderung: 28.02.2018 21:49 Uhr von Stordfield »
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