Autor Thema: Zum Mord an Hedwig Nitsche  (Gelesen 2274 mal)

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Zum Mord an Hedwig Nitsche
« am: 12.03.2017 10:30 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Monday, 26 October 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
* Eine entsetzliche Blutthat, anscheinend die That eines Irrsinnigen, ist in der Nacht zum gestrigen Sonntag in der Holzmarktgasse vollführt worden. Das scheußliche Verbrechen, das in gewisser Beziehung den blutigen Thaten "Jack des Aufschlitzers" in den Straßen von Whitechapel gleicht, wirft so erschreckend grelle Streiflichter in the Nacht- und Schattenseiten des Lebens unserer Großstadt, daß sich die Ueberzeugung aufdrängt, nur eine auf den Grund gehende Umänderung und Regelung der bestehenden Verhältnisse könne da Abhülfe schaffen. Nur mit Widerwillen kann man auf eine Widergabe der Einzelheiten bei der neuen Mordthat eingehen; denn es ist ein Abgrund von widerlichem Schmutz und abscheulichstem Laster, der sich da vor den entsetzten Blicken aufthut. Doch nur die offene, sachgemäße Erörterung kann den Weg weisen, der zur Beseitigung derartiger Uebelstände, der fressenden Pestbeulen an dem Körper der Gesellschaft, führt.
Die erste Mittheilung über die Blutthat übermittelte gestern Vormittag weiteren Kreisen eine Bekanntmachung des königlichen Polizeipräsidenten an den öffentlichen Anschlagsäulen mittelst der üblichen blutrothen Zettel. Dieselbe besagte: "300 M Belohnung. In der Nacht vom 24. zu 25. Oktober d.J. gegen 1 Uhr wurde in einer Kellerwohnung des Hauses Holzmarktgasse Nr. 10 die unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende unverehelichte Hedwig Nitsche durch einen Mann, der sie in der Köpnickerstraße angesprochen und den sie nach der bezeichneten Wohnung mitgenommen hatte - anscheinend durch Stiche in den Hals -, gemordet. Der Leib ist in seiner ganzen Länge aufgeschnitten. Der Thäter ist gesehen worden und wird wie folgt beschrieben: Alter etwa zwanzig Jahre, mittelgroß, schlank, aschblonde, in die Stirn hineingekämmte Haare, kleiner blonder Schnurrbart, bekleidet mit kaffeebraunem Ueberzieher, welcher mit Blut befleckt sein dürfte, dunkler Anzug, kleiner hellgrauer Filzhut mit hellem Bande und kleiner Krempe. Seine blutigen Manschetten hat der Thäter zurückgelassen."
Die Holzmarktgasse ist bekanntlich eine schmale Straße, die, im rechten Winkel umbiegend, aus der Köpnicker- in die Michaelkirchstraße führt. In dem Keller des Hauses Nr. 10 dieser Gasse bewohnt der Schlächtergeselle Poetsch mit seiner Frau ein einfenstriges Zimmer, daß die Eheleute als "Absteigequartier" an Dirnen zu vermiethen pflegen; die Frau Poetsch hält sich, wenn das Zimmer von diesen Gästen belegt ist, vor der Thür auf, während ihr Mann ins Wirthshaus geht. In der Nacht zum Sonntag gegen ½1 Uhr kam die Nitsche, wie das "Kl. Journ." mittheilt, eine kleine, in Schlesien geborene Person, mit schwarzem Haar, in Begleitung des in der polizeilichen Bekanntmachung beschriebenen Mannes in die Kellerwohnung, die nun Frau Poetsch verließ, um sich vor die Hausthür zu stellen. Hier dürfte sie, ihrer Angabe gemäß, ungefähr 15 Minuten gestanden haben, als eine andere Dirne, Franziska Müller, anlangte. Die Müller wechselte mit der Poetsch einige Worte, trat dann mit ihrem Begleiter in den dunklen Hausflur, wo sie diesem  bedeutete, zu warten, da das Zimmer nicht frei sei. Die Müller stieg die Kellertreppe hinab und klopfte an die Thür. Ihr antwortete eine Männerstimme: "Sie ist fertig." Wenige Augenblicke hierauf riß ein Mann die Thüre auf, die Müller sah in das erleuchtete Zimmer und stieß einen Schrei aus, denn sie hatte in einer Blutlache am Boden liegend die Nitsche erblickt. Der Mann stürmte die Treppe hinauf in den Hausflur, dort jagte er an dem Begleiter der Müller vorüber, stieß die Poetsch bei Seite und rannte die Holzmarktgasse entlang in die Michaelkirchstraße, von dort in die Köpnickerstraße, wo man seine Spur verlor. Die Müller war in den Hausflur geeilt, hatte hier ihrem Begleiter und der Frau Poetsch zugerufen: "Die Nitsche ist ermordet", worauf die drei Personen unter lauten Raufen: "Haltet den Mörder" die Verfolgung des Flüchtigen unternahmen, die jedoch resultatlos verlief. Zurückgekehrt, gewannen sie erst einen Ueberblick über die schreckliche That, die an der Nitsche verübt worden war. Das Bett, links vom Eingang des Zimmers, war unberührt; vor demselben lag hingestreckt auf dem Rücken, über und über mit Blut besudelt, die Nitsche leblos; sie war vollständig bekleidet. Jaquet, Taille, Korset und die Ober- und Unterkleider waren vorn gewaltsam auseinander gerissen, der Hut lag auf dem Spiegelkasten, der Schirm lehnte am Bett, die Handschuhe hielt die Nitsche in der rechten Hand. Die Leiche zeigte gräßliche Verletzungen. Im Halse bemerkte man einen tiefen Stich und von diesem ausgehend einen Stich durch die Kehle. Die ganze Vorderseite des Körpers bis hinauf zur Brusthöhe war durch einen tiefen Schnitt aufgeschlitzt, die Eingeweide waren herausgerissen. Unter der Leiche wurden zwei Tischmesser gefunden, die zum Haushalte der Poetsch gehören. Als man die Leiche zu wenden versuchte, gewahrte man, daß der Mörder den rückwertigen Theil seines Opfers ebenfalls auseinandergeschnitten und die der Nitsche gehörige Hutnadel in ihrer ganzen Länge in das Fleisch gestoßen hatte. Entsetzt standen die Hausbewohner und die herbeigeeilten Passanten vor der bestialisch zerfleischten Leiche. Erst nach einiger Zeit löste sich der Bann von den Umstehenden, und nun beeilte man sich, die Revierpolizei zu benachrichtigen. Ein noch Nachts herbeigerufener Arzt konnte nach Besichtigung der Leiche nur den Tod der Nitsche konstatieren.
Die polizeilichen Erhebungen haben folgende Einzelheiten ergeben: Die Poetsch und die Müller ließen aus einem Lokal in der Krautstraße den Zuhälter der Nitsche holen. Der Begleiter der Müller, an welchem der Mörder im Hausflur vorbeigerannt ist, was verschwunden. Da auch er die Persönlichkeit des Mörders gesehen hat, ist es dringend erwünscht, daß er sich zu seiner Vernehmung bei der Kriminalpolizei melde. Man glaubt, daß die That, wie folgt, geschehen ist: Der Thäter hat sofort, nachdem er mit der Nitsche das Zimmer betreten, sein Opfer mit dem linken Arm umfaßt und demselben mit der rechten Hand, in welcher er ein ihm gehöriges Messer gehalten, den Stich und Schnitt am Halse beigebracht, der jedenfalls sofort tödlich gewirkt hatte. Dann muß er ein Messer aus der Schublade des Tisches genommen haben, mit welchem er die Verletzung unterhalb des Rückens der Nitsche bewirkte. Dieses Messer steckte steckte noch im Fleische seines Opfers, als man die Leiche besichtigte. Mit einem zweiten, ebenfalls der Schublade entnommenen Messer hat er dann, nachdem er die Kleider der am Boden Liegenden mit großer Gewalt aufgerissen, die scheußliche Verstümmelung ausgeführt. Das eine Messer war vollständig mit Blut besudelt, an dem anderen was die Spitze blank. Mit Bezug auf die Verfolgung des Mörders erwähnt das obengenannte Blatt, daß der Letztere in der Holzmarktgasse auch an einem Nachtwächter vorübergerannt ist. Augenzeugen behaupten, daß der Wächter leicht die Verhaftung des Mörders hätte vollziehen können. Er soll dessen Verfolgung auch dann nicht aufgenommen haben, als Frau Poetsch ihm mitgetheilt hatte, was vorgefallen sei. Der Beamte habe zu Protokoll gegeben, daß er die Mittheilung der Poetsch nicht für glaubwürdig gehalten habe. - Die Nitsche war vor ihrer Ermordung noch bis 12 Uhr Nachts mit ihrem Zuhälter, dem Manne der Poetsch und einem dritten "Freunde" in der an der Ecke der Holzmarktgasse befindlichen Kneipe zusammen gewesen. Dann gingen die Männer zum Billardspiel in die Krautstraße und die Nitsche begab sich in die Köpenickerstraße. Dort scheint sie mit dem Mörder zusammengetroffen zu sein, denn mehrere andere Dirnen sagten vor der Polizei aus, daß auch sie in der Köpnickerstraße von einem Manne, auf den die obige Beschreibung paßt, angesprochen worden seien. Sein Benehmen sei hierbei insofern auffallend gewesen, als er bei jeder der Angesprochenen für den Fall, daß er sie begleite, die Bedingung stellte, daß er von Niemandem bemerkt und gesehen werden dürfe. Auf diese Bedingung scheint die Nitsche eingegangen zu sein. - Auch eine andere widerliche Einzelheit, die übereinstimmend gemeldet wird, dürfen wir als kennzeichnend nicht übergehen. Ehe am Morgen die Polizei erschien, zeigte der Zuhälter der Ermordeten, der die Leiche mit einem Tuch bedeckt hatte, den sich zudrängenden neugierigen Nachbarn die Ermordete gegen ein Trinkgeld!
Gestern abend um 6½ Uhr hat, wie der rg.-Berichterstatter meldet, die Besichtigung der Ermordeten und der Oertlichkeit durch eine Gerichtskommission stattgefunden. Die Leiche ist schrecklich zugerichtet. Eigenthümlich ist die Erscheinung, daß die Todte die Zunge aus dem Munde hervorstreckte. Es scheint daher schon aus diesem Grunde die Annahme berechtigt zu sein, daß der Mörder sein Opfer zuerst gewürgt habe. Darauf deutet auch der geringe Bluterguß, sowie der Umstand hin, daß weder die Müller mit ihrem Begleiter, noch auch die Kupplerin die geringste Wahrnehmung von dem Vorfall gemacht haben, obgleich die beiden Ersteren sich unmittelbar vor der Zimmerthür befanden. Außerdem erscheint er nicht recht ausführbar, einer stehenden Person die Stiche in den Hals beizubringen, welche die Nitsche zeigt, da sich viele derselben unmittelbar unter dem Kinn befinden und die Ermordete einen nur kurzen Hals hat. Die Mordthat ist im Uebrigen außerhalb des Bettes vollführt worden; denn die Blutflecke, welche das Bettlaken zeigt, sind auf den Umstand zurückzuführen, daß dieses zusammengewürgt im Unterleibe der Nitsche steckte. Einen widerlichen Eindruck machte des sich während des ganzen gestrigen Tages an der Mordstelle aufhaltende "Bräutigam" der Nitsche, Gaida. Er erklärte, früher Bäckergeselle und dann Steinträger gewesen zu sein, bis er schließlich die Nitsche kennen gelernt habe und von ihr "unterstützt" worden sei. Gaida spielte die Rolle eines Verzweifelten und rief wiederholt aus: "Ach, wie habe ich sie geliebt; ich nehme mir das Leben!" Auf den Einwand, daß er doch den Namen eines Zuhälters verdiene, fuhr er auf und wies darauf hin, daß er in der Mariannenstraße 4 einen eigene Wohnung besitze. Diese Wohnung besteht aus einem vier Treppen hoch hofwärts belegenen kleinen Zimmerchen. Hier wohnte auch seit dem 1 d.M. unangemeldet die Nitsche, welche früher sich Ludauerstraße Nr. 2 bei einer Frau Hermann aufhielt. Hauptsächlich schien Gaida den Verlust der Kleidung der Ermordeten zu beklagen, denn er kam immer wieder darauf zurück, daß das neue Kleid 56 Mk gekostet habe und nun, wie auch die übrigen Kleidungsstücke, zerschnitten bezw. zerrissen worden sei. Nach Angabe des Genannten ist die Ermordete in Ullersdorf geboren und führte seit Jahren einen leichtsinnigen Lebenswandel. Die Leiche ist gestern um 8 Uhr nach dem Schauhause überführt worden.
Bei Schluß der Redaktion geht uns folgende Meldung zu:
Obwohl die Obduktion noch nicht stattgefunden hat, scheint es sicher zu sein, daß die Leichentheile als kunstgerecht ausgeschnitten und fehlend anzunehmend sind.
Ein Kriminalschutzmann hat in der vergangenen Nacht in einem von Dirnen besuchten Lokal der Alten Schönhauserstraße einen Mann festgenommen, auf den die Beschreibung des Mörders genau paßt. Alle Personen, welche den Mörder in der Nacht zum Sonntag gesehen haben, rekognoszieren den Festgenommenen auf das Bestimmteste. Es ist dies der Handlungskommis Ernst Schulze, welcher in Malsow, Kreis Westhavelland, geboren ist und hier in der Elisabethstraße eine Schlafstelle inne hat. Obgleich gegen Sch. weiteres Belastungsmaterial noch nicht zusammengebracht worden ist, so ist erstens die Rekognition wichtig, dann aber auch der Umstand, daß er sich in Widersprüche verwickelt hat und sein Alibi mit Bestimmtheit nicht nachweisen kann.

Berliner Börsenzeitung
26 October 1891

- Eine Blutthat, welche an die schrecklichen Frauenmorde in Whitechapel erinnert, ist gestern Nacht gegen 1 Uhr im Keller des Hauses Holzmarktgasse 10 verübt worden. Dort haben die Schlächter Poetschschen Ehelaute eine Wohnung inne, von welcher ein Zimmer als Absteigequartier an Dirnen zur Nachtzeit vermiethet wurde. Zu den Gästen dieses Schlupfwinkels gehörten namentlich die unverehelichte Hedwig Nitsche, welche in der Mariannenstraße wohnte und die unverehelichte Müller. Kurz vor 1 Uhr nun traf hier die Erstere in Begleitung eines etwa 20jährigen Mannes ein, welcher die Nitsche in der Köpnickerstrasse angesprochen hatte, nachdem er schon vorher mehreren anderen Mädchen vergeblich seine Begleitung angeboten. Als nicht lange darauf die Müller gleichfalls in Begleitung eines Mannes dasselbe Zimmer betreten wollte, fand sie dasselbe besetzt. Als sie die Thür öffnen wollte, drängte sich ein Mann an ihr vorbei, sprang die Kellertreppe hinauf, stiess die dort befindliche Frau Pötsch zurück und rief dieser zu: "Na, die ist fertig". Dann lief er eiligst die Holzmarktstrasse entlang. Kaum hatten nun die Müller und die Pötsch den Raum betreten, als sich ihnen ein entsetzlicher Anblick bot. Vor der nur mit Matratze und Keilkissen versehenen Bettstelle lag vollständig bekleidet die Leiche der Nitsche. Der Hals war mittels eines Messers zerstochen und dann durchschnitten worden. Der Leib war darauf, nachdem die Kleider heruntergerissen worden, vom Brustbein ab bis nach unten gänzlich aufgeschlitzt, so dass die Eingeweide heraushingen. Unter der Leiche lagen zwei mit Blut besudelte Messer, welche zum Haushalte der Pötsch gehören. Diese scheinen zum Aufschneiden des Leibes gedient zu haben, während die Halswunde mit dem Messer des Mörders, welches nicht zurückgelassen wurde, beigebracht worden zu sein scheint. Eine Beraubung ist ausgeschlossen. Ob Leichentheile fehlen, muss die Obduktion ergeben. Die Halsstiche müssen beigebracht worden sein, als die Ermordete neben dem Verbrecher stand, denn sie hatte ihre Handschuhe noch krampfhaft mit der Hand umspannt, während Hut und Schirm abgelegt worden waren. Charakteristisch ist es, dass der Mörder bei allen Mädchen, denen er seine Begleitung anbot, die Bedingung stellte, dass sie allein wohnen, und niemand von seiner Anwesenheit etwas merke. Obwohl nun der Begleiter der Müller die Verfolgung des Flüchtigen gleich aufnahm, so konnte er denselben nicht mehr einholen. Bevor die Revierpolizei und die Criminalpolizei unter Fuhrung [sic] des Grafen Pückler am Thatorte erschien, machte sich der Zuhälter der Nitsche, welcher sich als "Bräutigam" der Ermordeten vorstellte, daran, die Leiche dem herbeiströmenden Publicum gegen Entgelt zu zeigen! Der Mörder hat am Thatorte seine Manschetten zurückgelassen. An den öffentlichen Anschlagsäulen befindet sich die folgende Bekanntmachung: 300 Mk. Belohnung. In der Nacht vom 24. zum 25. Oktober gegen 1 Uhr wurde in einer Kellerwohnung des Hauses Holzmarktgasse 10 die unter sittenpolizeilicher Controle stehende unverehelichte Hedwig Nitsche durch einen Mann, der sie in der Köpenickerstraße angesprochen und den sie nach der bezeichneten Wohnung mitgenommen hatte, anscheinend durch Stiche in den Hals gemordet. Der Leib ist in seiner ganzen Länge aufgeschnitten. Der Thäter ist gesehen worden und wird, wie folgt, beschrieben: Alter etwa 20 Jahre, mittelgroß, schlank, aschblond, in die Stirn hineingekämmte Haare, kleiner blonder Schnurrbart, bekleidet mit kaffeebraunem Ueberzieher, welcher mit Blut befleckt sein dürfte, dunklem Anzug, kleinem hellgrauen Filzhut mit hellem Bande und kleiner Krempe. - Ein anderer Berichterstatter meldet, dass der Mörder aus dem Leichnam seines Opfers den Uterus herausgeschnitten und mitgenommen habe - ein weiterer Beweis, dass die That von einem wahnwitzigen, in abscheulichem Aberglauben befangenen Menschen verübt worden ist. Nach demselben Berichterstatter soll der Mörder sich zur Ausübung des Verbrechens nur der beiden der Frau Poetsch gehörigen Messer bedient haben. Der Begleiter der Müller, welcher an der Hausthür gewartet und sich dann an der Verfolgung des davoneilenden Mörders betheiligt hatte, gab an, dass er, der nur noch wenige Schritte von dem Blutbesudelten entfernt gewesen, durch plötzliches Herzklopfen verhindert worden sei, den Thäter zu fassen. Als dann Andere hinzukamen, war der Mörder bereits in der Köpenickerstrasse verschwunden. Die Untersuchungen der Polizei am Thatorte haben sich bis 8 Uhr Abends gestern hinzugezogen, um welche Zeit die Leiche nach der Morgue geschafft wurde. Der Mörder hat vor Ausführung der That gegen 11 Uhr in einem Café der Köpenickerstrasse geweilt.
- In der Nitsche'sche Mordsache ist noch die Thatsache zu melden, dass ein Criminal-Schutzmann in der letzten Nacht in einem von Dirnen besuchten Local der Alten Schönhauserstrasse einen Mann festgenommen hat, auf den die Beschreibung des Mörders genau passt. Alle Personen, welche den Mörder in der Nacht zum 25. d.M. gesehen haben, recognosciren den Festgenommenen auf das Bestimmteste. Es ist dies der Handlungscommis Ernst Schulze, welcher in Vachow, Kreis Westhavelland, geboren ist und hier in der Elisabethstrasse eine Schlafstelle inne hat. Obgleich gegen Sch. weiteres Belastungs-Material noch nicht zusammengebracht worden ist, so ist erstens die Recognition richtig, dann aber auch der Umstand, dass er sich in Widersprüche verwickelt hat und sein Alibi mit Bestimmtheit nicht nachweisen kann.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #1 am: 12.03.2017 10:31 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Tuesday, 27 October 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
* Zum Morde in der Holzmarktgasse liegen heute Mittheilungen von Bedeutung nicht vor. Gegen die Behauptung, daß Pötsch, der Wirth des Absteigequartiers der Nitsche, "Schlächter" sei, wendet sich die "Allg. Fleischer-Ztg." mit folgender Auslassung: "Pötsch hat nach seinen eigenen Angaben das Schlächtergewerbe niemals erlernt. Hin und wieder wird er, wie er behauptet,als Schweinetreiber auf dem Viehhof beschäftigt." - In Bezug auf die grausige Zurschaustellung des Leichnams hört das "Kl.J.", daß es die Mitglieder eines Tanzkränzchens waren, welche, aus der Ohmgasse kommend, an dem Leichnam gleichsam vorbeidefilierten! - Der rg.-Berichterstatter meldet, der Zuhälter der Nitsche, Gaida, habe von Bewohnern des Hauses Mariannenstraße 4 die Mittheilung erhalten,daß am Freitag sowohl, als auch am Sonnabend vor dem Morder die Nitsche den Besuch eines Mannes empfangen habe, dessen Aussehen dem des gesuchten Mörders gleiche. Auf diese Thatsache dürfte indes nicht viel Gewicht zu legen sein, da es dem Mörder zweifellos auf ein bestimmtes Opfer nicht angekommen sei. - Wie der p.-Berichterstatter mittheilt, hielt heute in der königlichen Anatomie Prof. Dr. Liman an der Leiche der Ermordeten einen Vortrag für seine Hörer auf dem Gebiete der Staatsarzneikunde. Der Andrang von Neugierigen, namentlich von Frauen, auch Damen der besseren Gesellschaftsklassen (!?) [sic] nach dem Thatorte in der Holzmarktgasse, wie nach dem Leichenschauhause, in welch letzterem man die Leiche der Ermordeten irrthümlich in den Glasbehältern der Schauhalle ausgestellt glaubte, obgleich hier nur unbekannte Todte zur Zwecke der Rekognition aufgebahrt werden, soll, dem genannten Reporter zufolge, gestern und heute Vormittag ein bedauerlich großer gewesen sein. Die Leiche werde morgen Nachmittag in aller Stille auf dem Armenfriedhof beerdigt werden. Der [sic] Ermittlungen darüber, wie lange Zeit der Mörder in dem Keller gewesen ist, haben, dem y.-Reporter zufolge, ergeben, daß der Thäter 30 bis 35 Minuten Zeit gehabt hat, um sein bestialisches Werk vorzunehmen. Die gestern stattgehabte Untersuchung habe ergeben, daß der ausgeschnittene Körpertheil von dem Mörder nicht mitgenommen worden ist; vielmehr wurde das fehlende Organ in dem Keller zu den Füßen der Leiche liegend gefunden. Ueber die Verhaftung des Schulze meldet dieser Reporter Folgendes: Ein die Schanklokale kontrollirender Kriminalschutzmann fand den Sch. zwischen Dirnen und Zuhältern sitzend in dem Café Schultze in der Alten Schönhauserstraße. Dem Beamten, welchem die Aehnlichkeit des Mannes mit der Beschreibung des Mörders auffiel, beobachtete den Sch., der mit nervöser Hast sprach und sich ab und zu scheu umblickte, einige Zeit; dann trat er an ihn heran und flüsterte ihm zu, daß er ihm folgen solle, da er Kriminalschutzmann sein und mit ihm zu sprechen habe. Sch. erhob sich sofort und fragte den Beamten mehrere Male lebhaft, was denn los sei. Es wurde ihm jedoch erst auf dem Polizeipräsidium die Eröffnung gemacht daß man gegen ihn Verdacht geschöpft habe, wobei Schulze höhnisch lachte und erklärte, daß das Alles nur Unsinn sei.
Der rg-Berichterstatter meldet unter Berufung auf amtliche Stellen: Es ist die Ansicht verbreitet worden, daß gegen Schulz nicht ausreichende Verdachtsmomente vorliegen; dies ist nach dem Urtheil an zuständiger Stelle nicht richtig. Die Verdachtsgründe haben sich erheblich verstärkt: die Schulze gegenübergestellten Frauenspersonen, welche ihn in der Mordnacht gesehen, halten ihre Rekognition bestimmt aufrecht. Sehr wichtig ist die Aussage der Lubasch, bei welcher Sch. wiederholt gewesen ist. Diese behauptete, er habe braune Handschuhe, bei der Vernehmung nun sind aus der Rocktasche Schulze's durch den Kriminalpolizei-Inspektor von Hüllessem solche Handschuhe herausgeholt worden. Die Mädchen beschrieben genau die Kleidung, wie bereits angegeben. Auffallend ist, daß Sch. am Sonntage Nachts ohne Ueberzieher nach Hause gekommen ist. Er will bereits um 11 3/4 Uhr in der Elisabethstraße gewesen sein und mit den Söhnen seiner Wirthin gesprochen haben. Nach Aussage der Genannten haben dieselben schon geschlafen, als Sch. nach Hause kam.Die Wirthin meint, Sch. sei kurz vor 1 Uhr heimgekehrt; kurz nach ihm sei ein zweiter Schlafbursche gekommen, und jetzt sei es gerade ein Uhr gewesen. Ist dies richtig, so muss Sch. schon vor 1 Uhr in seiner Schlafstelle gewesen sein. Erst um 1 Uhr 10 Minuten wurde in dem 55. Polizeirevier durch die Schneiderin Krause Anzeige von dem Morde erstattet. Dieses liegt 10 Minuten von dem Thatorte entfernt, und man kommt zu dem Ergebniß, daß der Mord gleich nach 12½ Uhr verübt worden ist. Von der Holzmarktgasse bis zur Schlafstelle beträgt die Entfernung 10 Minuten, und Schulze war bei seiner Ankunft daselbst ganz außer Athem. Seine Angabe, er seilangsam nach Hause gegangen, ist sonach unwahr. Er hat noch die ganze Nacht im Bette gekeucht und sich herumgewälzt. Alles dies belastete ihn in hohem Maße. Es ist dabei aber selbstverständlich, daß die Polizei auch noch andere Spuren verfolgt. In den vielen noch eingegangenen Anzeigen wird ein Verdacht namentlich auf einen Kellner gelenkt; doch legt die Kriminalpolizei diesem Umstand wenig Bedeutung bei. Die Aerzte haben ihr Gutachten dahin abgegeben, daß sämmtliche Verletzungen mit den beiden vorgefundenen Küchenmessern beigebracht worden sein können.

Berliner Börsenzeitung
27 October 1891

Abend-Ausgabe
- Zum Morde in der Holzmarktgasse wird uns berichtet, dass jener Körpertheil, welcher vom Mörder aus der Leiche herausgeschnitten und mitgenommen sein sollte, vorgefunden worden ist. Der Polizei ist es von Wichtigkeit, zu erfahren, ob das Verbrechen durch einen in der Anatomie ausgebildeten Mann oder durch einen Laien ausgeführt worden ist. Hierzu musste die Behörde vor Allem ermitteln, wie lange Zeit der Mörder in dem Keller gewesen ist, und die dieserhalb angestellten Recherchen haben folgendes Resultat ergeben. Die Nitsche ist bis etwa 7 Minuten nach 12 Uhr mit ihrem Zuhälter Gaida und mehreren Freunden und Freundinnen zusammen gewesen und trennte sich um diese Zeit von denselben an der Ecke der Brücken- und Köpnickerstrasse, die letztere langsam hinuntergehend. Bald nach ¼1 Uhr wurde sie mit einem Fremden gesehen, mit dem sie das Haus Holzmarktgasse 10 betrat. Kutz vor 1 Uhr kam der Mörder herausgestürzt, wodurch fast mit Sicherheit anzunehmen ist, dass der Thäter 30-35 Minuten Zeit gehabt hat, um sein bestialisches Werk vorzunehmen.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #2 am: 12.03.2017 10:32 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Wednesday, 28 October 1891
Morgen-Ausgabe

Aus Berlin
rg. (Zum Morde in der Holzmarktgasse) Die Obduktion der Leiche der ermordeten Nitsche hat ergeben,daß die Nitsche an den Stichwunden in den Hals gestorben ist. Zwei von diesen Stichen sind von rechts nach links mit kräftiger Faust geführt worden, während der dritte die Gurgel durchgeschnitten hat. An der Leiche fehlen Körpertheile nicht. Dagegen ist der Versuch gemacht worden, solche auszulösen. Es ist diesauch zum Theil bereits zur Ausführung gekommen,indem ein Stück Fleisch und ein innerer Körpertheil losgeschnitten worden sind; beides aber befindet sich bei der Leiche. (Es entspricht dies unserer gestrigen Meldung.Die Red.) Man muthmaßt, daß der Mörder seine Absicht noch nicht völlig zur Ausführung gebracht hatte, sondern durch die seitens der Müller verursachte Störung habe aufgeben müssen. Die beiden Theile sind in Spiritus gelegt und dem Untersuchungsrichter zugestellt worden. - Der Verhaftete, Ernst Schulze, welcher vor derObduktion an die Leiche herangeführt wurde, benahm sich völlig ruhig. Seine Kleidung ist genau derjenigen entsprechend, welche in der Bekanntmachung an den Anschlagsäulen bezeichnet wurde; doch sind keinerlei Blutflecke wahrnehmbar. Ein Gerichtschemiker ist mit der Feststellung betraut worden,ob dieKleidungsstücke vielleicht blutbesudelt gewesen und dann gereinigt worden sind.
Abend-Ausgabe
Aus Berlin
rg. Zum Mord in der Holzmarktgasse hat sich ein Umstand ergeben, welcher den verhafteten Schulze bedeutend entlastet. Schulze hat angegeben, er habe seinen kaffeebraunen Ueberzieher in der Mordnacht nicht getragen, ihn vielmehr am 24 d.M. bei einem Pfandleiher M. versetzt und erst am 25.Morgens um 10 Uhr eingelöst. Das Geld dazu habe er sich auf ein seinen Eltern entwendetes Sparkassenbuch verschafft. Diese Angaben haben sich als stichhaltig erwiesen.Die blutigen, unter dem Bett vorgefundenen Manschetten anlangend, wird bekannt, daß dies Fabrikat aus Auerbach i.S. stammt und noch den Kundenstempel Nr- 565 trägt, ein Stempel, welchen Geschäfte auf Wäschestücke zu drucken pflegen, um ihre Kunden zu merken.

Berliner Börsenzeitung
28 October 1891
Morgen-Ausgabe

- Zum Morde in der Holzmarktgasse schreibt man uns: In der Voruntersuchung wider den wegen Mordverdachtes verhafteten Commis Ernst Schulze sind wir in der Lage, Folgendes zu berichten: Die Obduction hat ergeben, daß die unverehelichte Nitsche an den Stichwunden in den Hals gestorben ist. Zwei von diesen Stichen sind von rechts nach links mit kräftiger Faust geführt worden, während der dritte die Luftröhre durchgeschnitten hat. An der Leiche fehlen, wie dies bisher angenommen worden ist, Körperteile nicht. Dagegen ist der Versuch gemacht worden, auf kunstgerechte Weise solche auszulösen. Es ist dies auch zum Teil bereits zur Ausführung gekommen, indem ein Stück Fleisch und ein innerer Körperteil losgeschnitten worden sind; beides eben befindet sich noch bei der Toten. Man mutmaßt daraus, daß der Mörder seine Absicht noch nicht völlig zur Ausführung gebracht habe, sondern durch die seitens der Müller verursachte Störung daran verhindert worden sei. Der Verhaftete, welcher vor der Obduction an die Leiche herangeführt wurde, benahm sich völlig ruhig. Seine Kleidung ist genau derjenigen entsprechend, welche in der Bekanntmachung an den Anschlagsäulen bezeichnet wurde; doch sind keinerlei Blutflecke wahrnehmbar. Ein Gerichts-Chemiker ist nun mit der Feststellung betraut worden, ob die Kelidungsstücke vielleicht besudelt gewesen und dann gereinigt worden sind. - Wie man uns ferner mittheilt, ist die Ansicht verbreitet worden, daß gegen den verhafteten Schulze nicht ausreichende Verdachtsmomente vorliegen; dies ist nach dem Urtheil an zuständiger Stelle nicht richtig. Die Verdachtsgründe haben sich erheblich verstärkt; die Schulze gegenübergestellten Frauenspersonen, welche ihn in der Mordnacht gesehen und ein gutes Gedächtnis in diesem Punkte haben, halten ihre Rekognotion bestimmt aufrecht. Sehr wichtig ist die Aussage der Lebasch, bei welcher Sch. wiederholt gewesen ist. Diese behauptet, er habe braune Handschuhe. Bei der Vernehmung nun sind aus der Rocktasche Schulzes durch den Criminal-Polizei-Inspektor von Hüllessem solche Handschuhe herausgeholt worden. Die Mädchen beschreiben genau die Kleidung, wie bereits angegeben. Auffallend ist, daß Schulze am Sonntage Nachts ohne Ueberzieher nach Hause gekommen ist. Er will bereits um 11 3/4 Uhr in der Elisabethstraße gewesen sein und mit den Söhnen seiner Wirtin gesprochen haben. Nach Aussage der Genannten haben dieselben schon geschlafen, als Sch. nach Hause kam. Die Wirtin meint, Sch. sei kurz vor 1 Uhr heimgekehrt, kurz nach ihm sei ein zweiter Schlafbursche gekommen, und jetzt sei es gerade 1 Uhr gewesen. Ist dies richtig, so muß Sch. schon vor 1 Uhr in seiner Schlafstelle gewesen sein. Erst um 1 Uhr 10 Minuten wurde in dem 55. Polizeirevier durch die Schneiderin Krause Anzeige von dem Morde erstattet. Dieses liegt 10 Minuten vom Thatorte entfernt, und man kommt zu dem Ergebnis, daß der Mord gleich nach 12½ Uhr verübt worden. Von der Holzmarktgasse bis zur Schlafstelle beträgt die Entfernung 10 Minuten, und Schulze was bei seiner Ankunft daselbst ganz außer Atem. Seine Angabe, er sei langsam nach Hause gegangen, ist sonach unwahr. Er hat noch die ganze Nacht im Bette gekeucht und sich herumgewälzt. Alles dies belastet ihn im hohen Maße. Es ist dabei selbstverständlich, daß die Polizei dabei noch andere Spuren verfolgt. In den vielen noch eingegangenen Anzeigen wird ein Verdacht namentlich auf einen Kellner gelenkt; doch legt die Kriminalpolizei diesem Umstand wenig Bedeutung bei. Die Aerzte haben ihr Gutachten dahin abgegeben, daß sämmtliche Verletzungen mit den beiden vorgefundenen Küchenmessern beigebracht worden sein können.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #3 am: 12.03.2017 10:33 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Thursday, 29 October 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
rg. Zum Morde in der Holzmarktgasse ist ermittelt worden, daß Sonntag um 10 Uhr im Volks-Kaffeehaus in der Drankenstraße 108 ein Mann, welcher ganz wie der Mörder der Nitsche beschrieben wird, einen kaffeebraunen Ueberzieher an einen dort als Gast anwesenden Kellner für 3,50 M verkauft und dabei gesagt hat, er müsse schleunigst Berlin verlassen. Dieser Kellner ist bis jetzt nicht ermittelt worden.

Berliner Börsenzeitung
29 October 1891
Morgen-Ausgabe

- Bezüglich des Mordes in der Holzmarktgasse hat sich ein Umstand herausgestellt, welcher den verhafteten Commis Schulze zu entlasten scheint. Sch. hatte angegeben, er habe seinen kaffeebraunen Ueberzieher in der Mordnacht nicht getragen, denselben vielmehr am 24. d.M. bei einem Pfandleiher M. versetzt gehabt und erst am 25. Morgens um 10 Uhr eingelöst. Das Geld dazu habe er sich auf ein seinen Eltern entwendetes Sparkassenbuch verschafft. Diese Angaben haben sich als richtig erwiesen.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #4 am: 12.03.2017 10:34 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Friday, 30 October 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
rg. (Zum Morde in der Holzmarktgasse) Die Meinung, daß die Unschuld des verhafteten Schulze erwiesen sei, ist nicht ganz richtig, und an seine Entlassung istvorläufig nicht zu denken. Der Umstand, daß er in der Nacht zum Sonntag seinen kaffeebraunen Ueberzieher getragen hat, ist allerdings wesentlich entlastend für ihn. Er hat das Stück am Sonnabend Nachmittag um 4 Uhr verpfändet und Sonntag früh um 10 Uhreingelöst. Darüber, daß der Mörder einen solchen Ueberzieher getragen hat, können sich die Zeuginnen nicht täuschen. Es ist eben mit der Möglichkeit zu rechnen, daß Schulze einen fremden Ueberzieher getragen hat, und zwar deshalb, weil ein anderer Schlafbursche der Frau Grünthal ein ebensolches Kleidungsstück besitzt, das er zur Arbeit nicht mitnimmt, welches also dem Schulze zugänglich war. Es ist also die Möglichkeit da, daß Schulze, nach der Verpfändung seines eigenen, den Ueberzieher seines Schlafkollegen angezogen hat. Es handelt sich demnach wesentlich darum, um diesen Einwand zu beseitigen, ob Schulze, nachdem er kein Kleidungsstück in der Lothringerstraße verpfändet hatte, in den Abendstunden einen kaffeebraunen Ueberzieher getragen hat. Bis jetzt hat dies nicht festgestellt werden können, weil in dem Lokal, wo er gewesen ist, Wirth und Bedienung sich nicht darauf besinnen können. Vielleicht aber hat einer der übrigen Gäste eine darauf bezügliche Wahrnehmung gemacht. Sch. will von 5-7 Uhr Tieckstr. 10 bei Rasmus gewesen sein, von 7-11 im Fidelen Karzer, Chausseestr. 4. Die frühere Behauptung, daß er um 11 Uhr nach Hause gegangen sei, hat er widerrufen, will vielmehr noch nach dieser Zeit bei Simon in der Lindenstraße sich aufgehalten haben. Er trug ein blaues Jacket und gestreifte Beinkleider. Wichtig ist es, daß Schulze in einer Wildpratthandlung das Zerlegen des Wildes gelernt hat.

Berliner Börsenzeitung
30 October 1891
Morgen-Ausgabe

- Zum Fall Nitsche ist ermittelt worden, daß Sonntag um 10 Uhr im Volks-Kaffehaus in der Oranienstraße 108 ein Mann, welcher ganz wie der Mörder der Nitsche beschrieben wird, einen kaffeebraunen Ueberzieher an einen dort als Gast anwesenden Kellner fpr 3,50 Mk verkauft und dabei gesagt hat, er müsse schleunigst Berlin verlassen. Dieser Kellner ist bis jetzt nicht ermittelt worden. Interessiren wird es auch, den Aufenthalt eines Kellners Alfred Wolff, 20 Jahre alt, schlank, mit aschblondem Haar, welcher im Mai oder Juni in Küstrin gearbeitet hat, zu erfahren. Derselbe ist hier nicht angemeldet und auch bei der Kellner-Controlle nicht ermittelt worden, es ist aber nicht ausgeschlossen, daß er sich ungemeldet hier befunden hat oder noch befindet.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #5 am: 12.03.2017 10:35 Uhr »
Berliner Börsenzeitung
31 October 1891
Abend-Ausgabe

- In der Nitsche'schen Mordsache kommt es darauf an, denjenigen Mann zu ermitteln, welcher am 24. October, Abends zwischen 7 und 8 Uhr, mit dem beschuldigten Commis Ernst Schultze im Local von Rassmussen Tieckstrasse 10 an einem Tisch gesessen und sich von Schultze Bauchrednerkunststücke hat vormachen lassen.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #6 am: 12.03.2017 10:35 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Monday, 2 November 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
rg. (Zum Mord in der Holzmarktgasse) Aus Stralsund war die Meldung eingegangen, daß ein Mann, welcher sich Schwarz nannte, dort angegeben hatte, den Mörder der Nitsche zu kennen. Diese Mittheilung hat sich als Aufschneiderei herausgestellt. - Der in derselbenSache genannte Kellner Wolff ist ermittelt worden, hat aber sein Alibi bestimmt nachweisen können. Wie bereits mitgetheilt, hat ein Mann an jenem Sonntag, auf welchen die Beschreibung des Mörders paßte, zwischen 9 und 10 Uhr Vormittags seinen kaffeebraunen Ueberzieher für 3,50 M an den Kellner Otto Zeidler verkauft. Zeugen, welche diesem Handel beiwohnten, bekunden nun, daß dieses Kleidungsstück Blutspritzen gezeigt habe. Der Verkäufer, der von seinem Begleiter "Edmund" angeredet wurde, hat angegeben, sofort nach München reisen zu wollen, und versucht, von einem 16jährigen Schlächter Emil Theodor Schmidt einen anderen Ueberzieher zu kaufen. Zeidler und Schmidt sind noch nicht ermittelt, und es wird gewünscht, daß sich Beide bei der Kriminalpolizei melden. Ueber den verhafteten Schulze ist bis jetzt nicht viel Neues in Bezug auf Be- oder Entlastung zu Tage getreten. Die Kellnerin von Rassmussen behauptet, Schulze habe um 7 Uhr beim Fortgehen einen Ueberzieher angehabt. Diese Aussage steht im Widerspruch mit der des Beschuldigten, welcher seinen Ueberzieher bereits drei Stunden vorher verpfändet haben will. Der Polizei liegt daran,daß der Matrose sich nennt,welcher mit Schulze von 8 bis 10Uhr Abends an dem Mordtage in sogenannten fidelen Carcer zusammen gewesen ist. Zwei Mädchen haben sich jetzt bei der Behörde gemeldet,welche um 11 Uhr einen Menschen auf der Jannowitzbrücke getroffen haben, dessen Beschreibung auf den Mörder paßt, und welcher auch diesen Personen die Frage stellte,ob sie auch allein wohnten und er bei der Begleitung nicht gesehen würde. Aus allen diesen Gesprächen muss geschlossen werden, daß das Motiv zur That auf eine Perversität des Geschlechtssinnes hinzuleiten ist. Ein merkwürdigen Umstand,welcher noch der Aufklärung bedarf, spielte sich in der Mordnacht in Moabit ab. Dort [?] im Lokal von Lorent, Alt-Moabit 119, um 11¼ Uhr ein etwa 35 Jahre alter, gutgekleideter Mann mit blassem Gesicht und schwarzem Schnurrbart und erklärte,soeben sei in der Holzmarktgasse, gegenüber dem Kornspeicher, ein Mädchen ermordet worden. Da aber der Mord erst um 12½ Uhr vollführt wurde, so ist dieses Moment ein höchst auffälliges, und es liegt viel daran, daß der Betreffende sich stellt.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #7 am: 12.03.2017 10:36 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Tuesday, 3 November 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
rg. In Sachen Nitsche mehren sich die Räthsel immer noch. Die Mittheilung, daß der Mord verübt worden sei, ist auch schon vor der Ausführung an anderer Stelle, als im Lorenz'schen Lokal in Moabit, gemacht worden. Als nämlich die beiden Kellnerinnen aus dem Lokal vom Weine, Holzmarktgasse 71, am Sonnabend den 24 v.M., kurz nach Schluß des Geschäftes, in der Holzmarktstraße auf die Pferdebahn warteten, trat ein junger Mensch an sie heran, der schon um 8 Uhr im Lokal gewesen war, mit der Mittheilung, daß so eben in der Holzmarktgasse einem Mädchen der Leib aufgeschlitzt worden sei. Die Mädchen fuhren mit der Pferdebahn am Schlesischen Bahnhof vorüber und sahen, daß es gerade 12 Uhr war. Derselbe Mensch was am folgenden Tage zwischen 3 und 4 Uhr wieder im Lokal und auch am nächstfolgenden um 11 Uhr Vormittags, und hat mit den Kellnerinnen und Gästen über die bei dem Morde vorgenommenen Manipulationen anscheinend mit Sachkenntniß gesprochen, auch erwähnt, er sei Mediziner, übe aber die Wissenschaft nicht praktisch. Er nannte sich Baron v. Born und Steinberg, erzählte auch, daß er in London gewesen, auch in Whitechapel in der Nähe gewesen sei,als eine ebenso wie die Nitsche ermordete Person gefunden wurde. Ein ihn verfolgender Polizeioffizier habe ihm einen Stich in den rechten Vorderarm beigebracht.Er zeigte auch die Narbe, dann habe er in Kamerun ein Renkontre mit einem Schwarzen gehabt, wobei er einen Dolchstich in das Genick erhalten. Bei allen diesen Dingen ist nur das Auffallende, daß die Mordthat vor ihrer Ausführung schon mitgetheilt wurde. Born alias Steinberg ist wohl 25 Jahre alt, blond mit dunklen Augen und stechendem Blick, hellem Schnurrbart, aber ohne Ueberzieher und mit einem blauen Jacketanzug. Sein Taschentuch trug eine Krone und ein Monogramm. Er sprach den Wiener Dialekt.

Berliner Börsenzeitung
3 November 1891
Abend-Ausgabe

- Ueber eine Verhaftung in der Nitscheschen Mordaffaire wird uns aus Görlitz gemeldet. Am Sonnabend Vormittag wurde daselbst durch die Criminalpolizei ein 26jähriger, aus Schönberg stammender Fleischergeselle M. verhaftet, welcher durch verschiedene Umstände verdächtig ist, den Mord an der Nitsche begangen zu haben. M., welcher sowohl in Bezug auf die Kleidung als auch auf seine Person dem von verschiedenen Personen gesehenen Thäter gleichen soll, hat sich einige Zeit in Berlin unangemeldet aufgehalten und ist in der verflossenen Woche von hier abgereist. M. soll der Nitsche nicht unbekannt gewesen sein.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #8 am: 12.03.2017 10:37 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Wednesday, 4 November 1891
Morgen-Ausgabe

Aus Berlin
rg. Für den Kommis Schulze, welcher wegen Verdachtes, die Nitsche ermordet zu haben, sich in Untersuchungshaft befindet, scheint sich ein weiteres Entlastungsmoment ergeben zu sollen. Es ist nämlich bekannt geworden, daß die Frau und Tochter des in dem Keller des Hauses Holzmarktgasse 19 wohnhaften Schankwirthes gerade auf der Straße waren, als der Mörder von Nr. 10 fortrannte und an ihnen vorüberlief. Kurz bevor dies geschah, hatte die Uhr der unmittelbar daneben gelegenen Brotfabrik eins geschlagen. Die Uhr soll nun durchaus richtig gehen, und die beiden Zeuginnen wollen sich nicht geirrt haben. Wird nun nach wie vor angenommen, daß die Angabe der Wirthin Schulze's, Frau Grünthal, richtig sei, wonach der Genannte kurz vor ein Uhr in seine Schlafstelle zurückgekehrt sei, so kann er nicht mit dem Mörder eine und dieselbe Person bilden.
Abend-Ausgabe
Aus Berlin
rg. Zum Falle Nitsche ging aus Burg bei Magdeburg die überraschende Meldung ein, daß sich dort im Stadtforst am 2 d.M. ein Mann mittelst Revolver erschossen habe, welcher mit dem Mörder der Nitsche identisch sei. Man hat nämlich an seinen Kleidern alte Blutflecke bemerkt und in der Ueberziehertasche - dieser schien ihm nicht zu passen - ein Dolchmesser gefunden, welches in ein Exemplar der Zeitung "Berliner Pferdebahn-Courier" eingewickelt war. Der Selbstmörder ist jedoch, wie hier jetzt festgestellt worden ist, mit dem gesuchten Mörder nicht identisch, denn der letztere ist klein und aschblond, während der erstere groß ist und schwarzes Haar hat. Auch der Kellner Zeidler ist ermittelt, doch hat sich ergeben, daß er der Käufer des kaffeebraunen Ueberziehers nicht gewesen sein kann. Z. hat nämlich noch am Sonntage in Haft gesessen und ein Anderer muß Namen und Nationale desselben sich beigelegt haben.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #9 am: 12.03.2017 10:38 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Friday, 6 November 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
rg. Der wegen Mordverdachtes in Untersuchungshaft befindliche Kommis Schulze wird, da seine Unschuld in Bezug auf die ermordete Nitsche sich herausgestellt hat, nunmehr auf freien Fuß gesetzt werden.

Berliner Börsenzeitung
6 November 1891
Abend-Ausgabe

- Der wegen Mordverdachtes in Untersuchungshaft befindliche Commis Schulze wird, da seine Unschuld in Bezug auf die ermordete Hedwig Nitsche sich herausgestellt hat, nunmehr auf freien Fuss gesetzt werden.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #10 am: 12.03.2017 10:39 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Sunday, 8 November 1891
Morgen-Ausgabe

Aus Berlin
Zur Ermordung der Nitsche berichtet die "Voss. Ztg.": Der von zwei Kellnerinnen eines Lokals in der Holzmarktstraße als ein "Baron Born" bezeichnete abenteuerliche Unbekannte ist als ein Handlungsgehülfe P. festgestellt worden. Er scheint die beiden Kellnerinnen in der Mordnacht gar nicht gesprochen zu haben, wohl aber hat er am Sonntag und am Montag nach dem Morde in der Kneipe in der Holzmarktstraße seine Geschichten erzählt und bei dieser Gelegenheit geflunkert.  Es ist die vollkommene Unglaubwürdigkeit der beiden Kellnerinnen erwiesen worden. Neuerdings hat sich bei der Polizei eine Dirne mit der Aussage gemeldet, daß am Sonntag, 25.Oktober, um 5 3/4 Uhr Morgens, an der Thür ihrer Wohnung in der Dresdenerstraße geklopft worden sei. Als sie die Thür geöffnet, habe sie einen Mann erblickt, der sehr aufgeregt und verstört zu sein schien, und sie gefragt habe, ob sie allein in der Wohnung sei. Als sie dieses verneinte, habe sich der Mann angeblich eiligst entfernt. Dem Mädchen ist nach ihrer Aussage aufgefallen, daß der Fremde keine Manschetten getragen hat. Er sei von schmächtiger Gestalt gewesen, habe einen Anflug von blondem Schnurrbart und blondes Haar gehabt, von dem eine Locke auf der Stirn unter der Hutkrämpe hervorsah.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #11 am: 12.03.2017 10:40 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Tuesday, 10 November 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
rg. In der Mordsache Nitsche sind jetzt die Berichte der Londoner Polizeibehörde über die fünf Frauenmorde in Whitechapel bei der hiesigen Kriminalpolizei eingegangen. Es befindet sich darin eine Notiz, auf welche man hier großen Werth legen zu sollen glaubt, und welche möglicherweise Licht in die räthselhafte Angelegenheit bringt. Das Nähere entzieht sich noch der Oeffentlichkeit.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #12 am: 12.03.2017 10:40 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Wednesday, 11 November 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
rg. Der Kommis Ernst Schulze, welcher noch bis heute Mittag um 12 Uhr aus dem Untersuchungsgefängniß, wo er wegen des Verdachtes, die Nitsche ermordet zu haben, ist inzwischen auf freien Fuß gesetzt worden.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #13 am: 12.03.2017 10:41 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Thursday, 12 November 1891
Morgen-Ausgabe

Aus Berlin
rg. Der Kommis Ernst Schulze hat während seiner 16tägigen Haft viel gelitten. Er hatte sie "schwere" Zelle 41 inne, welche vor ihm Klausin bewohnte und jetzt von Wetzel besetzt ist. Als der Letztere von Spandau nach Moabit überführt wurde, erhielt Schulze die leichte Zelle 5, da seine Unschuld so gut als erwiesen war. Schulze ist so lange in Haft behalten worden, weil verschiedene Verdachtsmomente zu klären waren. Zunächst handelte es sich um das Sparkassenbuch über 307 M, welches er seinen Eltern fortgenommen hatte. Dieses, auf welches bereits 100 M gehoben waren, ist sein Eigenthum, welches die Eltern ihm nur vermachen wollten. Um sich nun, nachdem er das Buch an sich genommen hatte, den elterlichen Nachforschungen zu entziehen, miethete er sich bei der Witwe Grünthal in der Elisabethstraße 62 unter dem falschen Namen als Otto Eisen ein und erregte auch hierdurch Verdacht. Ferner wurde bei ihm ein Sperrhaken - eine Art Dietrich - gefunden, und die Kriminalpolizei glaubte, daß er mittelst desselben die Wohnungsthür seiner Wirthin geöffnet habe, um sich den kaffeebraunen Ueberzieher seines Schlafkollegen zu holen. Man hatte sich aber davon überzeugt, daß die Thür mit dem Sperrhaken nicht geöffnet werden kann. Endlich ist an dem Thatorte in der Holzmarktgasse ein Regenschirm vorgefunden worden, in welchem man denjenigen des Schulze alias Eisen zu erkennen glaubte. Aber auch dieser Punkt hat fallen müssen. Schulze ist in Folge der durch seine Inhaftnahme entstandenen Aufregung körperlich sehr heruntergekommen.
Abend-Ausgabe
Aus Berlin
Der Kaufmann Ernst Schultze, der unter dem Verdacht, die Nitsche ermordet zu haben, verhaftet worden war, nun aber wieder freigelassen wurde, hat unserem rg-Berichterstatter aufgesucht. Sein Begehren war, seine Erlebnisse veröffentlicht zu sehen, um auch den letzten Makel von sich abzuwaschen. Herr Schultze erzählt: "Ich bin am 1. März 1871 in Machow geboren und war in den letzten drei Jahren in Berlin in Kolonialwaren-, Delikateß- und Zigarrengeschäften thätig. Seit dem 15. Oktober d.J. bin ich stellenlos. Ich bezog die Schlafstelle bei Frau Grünthal und meldete mich als Otto Eisen an. Diesen Leichtsinn habe ich schwer büßen müssen. Am Sonntag den 25. v.M. erfuhr ich in der Landsbergerstraße durch ein Extrablatt von dem Morde in der Holzmarktgasse. Am Abend besuchte ich um 12½ Uhr das Wiener Café von Schulz, Ecke der Linden- und Alten Schönauerstraße. Dort setzte sich ein Mädchen zu mir, mit welchem ich aber nichts zu thun haben wollte, weshalb ich mich fünf fremden Herren zugesellte. Als ich um 1 Uhr auf die Straße trat, näherte sich mir ein Kriminalbeamter, zog seine Erkennungsmedaille aus der Tasche und äußerte: 'Ach, Sie können mal mitkommen: es handelt sich um eine Rekognisirung.' Inzwischen waren zwei weitere Kriminalschutzbeamte hinzugetreten, in deren Mitte ich nach dem Polizeipräsidium geführt wurde. Ich wußte noch immer nicht, worum es sich handelte. Nachdem man mir erklärt hatte, ich müsse die Nacht über dort bleiben, wurde ich in ein Zimmer gesetzt, in welchem sich ein Schutzmann in Uniform befand. Ich machte kein Auge zu, weil mich ein unbestimmtes Etwas bedrückte, über welches ich mir keine Rechenschaft ablegen konnte. Am nächsten Morgen wurde es schon zeitig lebendig, ich hörte Frauenstimmen und wurde schließlich in einen Raum gerufen, wo etwa sechs weibliche Personen standen, welche bei meinem Eintritt wie auf ein Kommando ausriefen:'Das ist er.' Ich sollte der Mörder der Nitsche sein. Ich wurde dann jedem Frauenzimmer allein vorgeführt und mußte jedesmal hören, daß die Beschuldigung aufrecht erhalten wurde. Besonders was es die unverehelichte Labasch und eine unverehelichte Lehmann, welche mit Sicherheit behaupteten, daß sie mich aus dem Mordhause hätten kommen sehen bezw. daß sie mich bereits kennen. Ich wußte nicht mehr wie mir geschah. Um 3 Uhr Nachmittags fuhr eine Droschke vor; in Begleitung zweier Schutzmänner brachte man mich nach dem Leichenschauhause, wo man mir die Leiche der Ermordeten zeigte. Als ich meinen Blick dem aufgeschnittenen Leib zuwandte, äußerte einer der anwesenden Herren: 'Sehen Sie sich doch das Gesicht der Todten an, das ist doch die Hauptsache; kennen Sie diese Person?' Ich verneinte die Frage und erklärte auch, daß die mir vorgelegten Küchenmesser mir unbekannt seien. Wenn nun auch wohl die Polizeibeamten an meine Schuld glauben mochten, so fiel keine kränkende Aeußerung. Als ich im Untersuchungsgefängniß zu Moabit, wohin ich nunmehr gebracht wurde, in die Expedition eintrat, rief der mich dorthin begleitende Aufseher: 'Hier ist der Jack', und als ich hierauf äußerte, 'nein, ich bin unschuldig', riefen meine Worte ein Lachen hervor. Ich erhielt nun die Zelle 41, welche der Raubmörder Klausin bewohnt hatte; Ketten wurden mir nicht angelegt. Noch an demselben Tage mußte ich vor dem Landrichter Dr. Jung erscheinen, welcher mich auf den Mord hin vernahm. Schon jetzt nahm die Sache eine für mich günstige Wendung. Dieselben Zeuginnen, welche mich im Polizeipräsidium mit dem Rufe'Das ist er' empfangen hatten, schlugen hier völlig um,indem sie aussagten: 'Das ist er nicht', nur eine einzige blieb in ihrer Angabe schwankend. Eine große Rolle spielte bei der folgenden Vernehmung mein Ueberzieher, welcher übrigens nicht kaffeebraun, sondern rehfarben ist. Da ich nun aber durchaus einen kaffeebraunen Ueberzieher bei dem mir zur Last gelegten Morde getragen haben sollte, so wurde angenommen, ich hätte wahrscheinlich mittels eines von mir gefundenen Sperrhakens die Wohnung meiner Wirthin geöffnet, um mir den dunklen Ueberzieher des Asphaltarbeiters Westbrock aus der Schlafstelle zu holen. Der Haken sollte zu der Eingangsthür genau passen. Die im Beisein des Kriminalkommissars Weyn am 30 v.M. mit Hülfe eines ganzen Bündels von Dietrichen und Schlüsseln an der Thür angestellten Versuche ergaben indeß, daß das Schloß erst nach Verlauf einer Stunde endlich nachgab. Nun handelte es sich um meine Kenntniß im Zerlegen von Wild, welche ich in dem Geschäft von Schmidtund Drumm mir erworben haben sollte. Auch dies wies ich zurück und nannte Zeugen dafür, daß ich zum Zerlegen von Wild niemals verwandt worden bin. Dieser Punkt bildete den Gegenstand meiner letzten Vernehmung am 7 d.M. Durch die Vernehmung wurde ich, trotz des Gefühls meiner Unschuld, derart stumpf, daß ich anfing, mich in die Rolle eines Mörders hineinzuleben. Da endlich schlug meine Erlösungsstunde; ein Gefängnißbeamter betrat meine Zelle, fragte, ob ich in den beiden letzten Tagen vernommen worden sei, und erklärte auf mein Nein, daß er mich dann hinauswerfen müsse, ich möchte machen, daß ich fortkäme. Ich bin frei, doch wird mir, wo ich um Stellung anklopfe, ein arges Mißtrauen entgegengebracht."

Berliner Börsenzeitung
12 November 1891
Morgen-Ausgabe

- Der Commis Ernst Schulze, welcher sich wegen des Verdachtes, die Nitsche ermordet zu haben, in Haft befand, ist gestern wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

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Re: Zum Mord an Hedwig Nitsche
« Antwort #14 am: 12.03.2017 10:42 Uhr »
Norddeutsche allgemeine Zeitung (Berlin)
Monday, 16 November 1891
Abend-Ausgabe

Aus Berlin
rg. In der Nitsche'sche [sic] Mordsache interessiert es, zu erfahren, ob der Kellner Paul Trippke aus Zirkwitz i.Schl., 25 Jahre alt, sich im Oktober hier aufgehalten hat.