Autor Thema: Der Rufmord an Druitt – ein sehr persönliches Fazit  (Gelesen 2311 mal)

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Andromeda1933

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Meine Schlussfolgerung: Druitt war unschuldig.

Druitt wurde zu keinem Zeitpunkt von der Polizei verdächtigt, der Whitechapel-Mörder zu sein.
Die gesamte Argumentation gegen ihn wurde nach seinem Tod vorgetragen und beruht vollständig auf „Indizien“, die durch nichts untermauert werden können.

Hätte jemand Druitt der Polizei gegenüber als verdächtig gemeldet, wäre er sicher (zumindest vermutlich) zu einem Gespräch vorgeladen worden. Damit wäre es dann auch getan gewesen.
Wenn ich mir die „Beweislage“ gegen Druitt einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lasse, wird mir  klar, dass – auch zur damaligen Zeit – kein Richter einen Haftbefehl gegen ihn unterschrieben hätte. Ich kann es gar nicht deutlich genug sagen, es gibt nicht einen einzigen konkreten Beweis für seine Täterschaft. Nicht ein einziges Indiz, dass ihn auch nur halbwegs zwingend verdächtig erscheinen lässt. Druitt wurde im Lauf der Jahrzehnte zum Mythos in diesem Fall wie der Mörder selbst. Sollten wir den Mörder nicht vorher benennen können, werden kommende Autoren ihn noch in 100 Jahren als Kandidaten aufführen.

Kommen wir zu einzelnen Punkten:

Er soll homosexuell gewesen sein...
Na und? Richtig, vor 100 Jahren galten Schwule und Lesben als „sexuell wahnsinnig“, aber dies gehörte einfach zur damaligen Prüderie und Ignoranz. Schwule Männer gelten im allgemeinen nicht als sonderlich gewalttätig. Und wenn, dann richtet sich die Gewalt meist gegen andere Männer, so wie Heterosexuelle gegen ihre Sexualpartner gewalttätig werden. Aber – und vor allen Dingen – es gibt nicht den geringsten seriösen Hinweis auf eine Homosexualität Druitts. Er hatte Homosexuelle unter seinen Freunde, die habe ich auch und liebe doch Frauen.
Wer Schwule kennt, ist es meistens auch selbst.  Na meinetwegen....

Das Rätsel um seine Entlassung aus dem College...
Stimmt, es ist keine Erklärung auffindbar. Das ist praktisch, also kann man einen Grund dafür konstruieren. Er soll ja schwul gewesen sein und war neben geringfügiger Lehrtätigkeit die Nachtaufsicht in einem Boy-College...BINGO! So einer muss sich ja nachts an den Jungen vergangen haben! Und später ging dieser Verführer heranwachsender Jungen auf Prostituierte los! Kann er nicht einfach bei seiner Arbeit eingeschlafen sein? Ließ er kurzfristig seine Arbeit im Stich und wurde dabei erwischt? Fiel er der Intrige eines reichen Muttersöhnchens zum Opfer? Wollte er mehr unterrichten und wurde abgelehnt? Vermutlich werden wir seinen Kündigungsgrund nie erfahren, aber was spielt das überhaupt für eine Rolle???
Der Mann verlor seine Arbeit, das macht ihn also bereits zum Verdächtigen mehrerer Morde?

Er hätte es zeitlich von Blackheath aus geschafft...
Na, das ist ja ein Ding! In diesem ganzen Sammelsurium der Möglichkeiten, ein weiteres „Indiz“. Es wäre rein zeitlich machbar gewesen.... Gäbe es einen konkreten Hinweis auf Druitt als Täter, wäre dieser Punkt nicht ohne Bedeutung. Diesen aber gibt es nicht, insofern ist die Frage Rückfahrt nach Wimborne oder nicht völlig ohne Belang.

Die Mutter und die Schwester waren geistig erkrankt...
Es mag sein, dass Druitt zu Lebzeiten nicht bewusst war, dass die Geisteskrankheiten in seiner Familie nur die Frauen betraf (auch nicht alle). Es ist denkbar, dass er Ängste deswegen hatte und aufgrund der Krankheiten der beiden Frauen traurig und niedergeschlagen war. Er selbst war nicht „verrückt“ und zeigte offensichtlich zu keiner Zeit Anzeichen dafür.
Als „Indiz“ für seine Täterschaft äußerst schwach.

Das viele Geld in den Taschen...
Rätselhaft und nicht zu erklären. Aber wird hier jemand ernsthaft in Betracht ziehen, er hätte dieses Geld den Mordopfern abgenommen, die für wenige Pennies den Rock hoben? Oder sollte es vielleicht das Geld sein, dass er sich mit „Organhandel“ verdiente? Oder gar das Geld, dass er als „Auftragskiller“ an den armseligen Frauen von jemanden bekam?
Druitt verdiente nicht schlecht, sein Bruder erbte bekanntlich so einiges von ihm. Oder kam das Geld vielleicht von oder über die Schule, so eine Art „Schweigegeld“ oder „Wiedergutmachung“?
Der hohe Betrag lässt Fragen zu, doch reicht das allein schon aus, in jemanden einen Mörder zu sehen?

Rechnen wir zusammen:
Er soll schwul gewesen sein.
Es gibt keine Erklärung für den Verlust seines Arbeitsplatzes.
Er hätte nachts mit der Bahn vom Blackheath nach Wimborne fahren können.
Er war nicht geisteskrank, aber vielleicht depressiv wegen seiner Mutter und Schwester.
Sein Selbstmord war ungewöhnlich, aber zeitlich sehr „günstig“ für andere.
Er hatte eine Menge Geld in der Tasche.

Der Verdacht gegen ihn endet im Papierkorb!

Sich mit Druitt zu befassen, ist in unserem Kriminalfall aus historischem Blickwinkel interessant. Wer den Mörder von 1888 sucht, muss jedoch andere Wege einschlagen.

Offline Lestrat

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Re: Der Rufmord an Druitt – ein sehr persönliches Fazit
« Antwort #1 am: 19.01.2014 17:18 Uhr »
Hallo Andrommeda  :gamer2:

da muß ich dir zu 100 Prozent recht geben. Diese ganze Sache mir Druitt stinkt gewaltig zum Himmel. Es gibt überhaupt keinen Anlaß ihn zum Kreis der Ripper Verdächtigen zu zählen. Wenn ich mir die Anschuldigungen gegen ihn vor Augen führe dann keimt in mir der Verdacht das sich da jemand im Nachhinein als großer Sherlock hinstellen wollte und einen Unschuldigen diffamiert hat.

Es werden einfach Tatsachen verfälscht wie z.B. sein Alter und sein Beruf was für mich nicht gerade für seriöse Polizeiarbeit steht. Selbst seine Homosexualität ist ja nicht bewiesen.
Überhaupt kommt mir das sogenannte "Macnaghten Memorandum" nicht sonderlich glaubwürdig rüber:

Druitt -      wohl mit Prinz Albert der umwahrscheinlichste Ripper Verdächtige

Ostrog -    über ihn ist quasi gar nichts bekannt, das was ich über ihn gelesen habe läßt ihn als Ripper ebenfalls als sehr unglaubwürdig erscheinen da er niemals gewalttätig gegenüber anderen geworden ist, geschweige denn jemand ermordet hat. Zumindest wenn man sich anschaut wegen welcher Verbrechen er damals verhaftet wurde 


bleibt noch Kosminski/Kozminsky der von diesen dreien noch der "beste" Ripper wäre (ich will hier ja nicht wieder schlafende Hunde wecken  :mocking:)


Also meine Zustimmung hast du im "Fall Ihre Majestät gegen Montague John Druitt"    ------------       FREISPRUCH  :good:

Lestrat

Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag Arthur Conan Doyle

Offline Lestrade

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Re: Der Rufmord an Druitt – ein sehr persönliches Fazit
« Antwort #2 am: 19.01.2014 20:57 Uhr »
bleibt noch Kosminski/Kozminsky der von diesen dreien noch der "beste" Ripper wäre (ich will hier ja nicht wieder schlafende Hunde wecken  :mocking:)

Tust Du aber!

Den einzigen von den Dreien, den Macnaghten in seinen Memorandum- Versionen belastet ist Kosminski. Und das ist nicht nur meine Meinung, sondern auch die Ansicht von verschiedenen Ripperlogen.

"(2) Kosminski, a Polish Jew, & resident in Whitechapel. This man became insane owing to many years indulgence in solitary vices. He had a great hatred of women, specially of the prostitute class, & had strong homicidal tendencies; he was removed to a lunatic asylum about March 1889. There were many circs. connected with this man which made him a strong suspect."

"No 2. Kosminski, a Polish Jew, who lived in the very heart of the district where the murders were committed. He had become insane owing to many years indulgence in solitary vices. He had a great hatred of women, with strong homicidal tendencies. He was (and I believe still is) detained in a lunatic asylum about March 1889. This man in appearance strongly resembled the individual seen by the City PC near Mitre Square."

Ich muss das jetzt nicht auseinanderklamüsern. Selbst wenn ich nicht die Kosminski-Theorie verfolgte, würden sich bei mir alle Alarmanalagen einschalten. “Viele Sachverhalte“, “großer Hass auf Frauen (Prostituierte)“, “Mordfantasien“ und “überzeugender Verdächtiger“ sowie eine “mögliche ´Wiedererkennung´ durch einen Polizisten“.

Und das hatte Macnaghten mit aller Wahrscheinlichkeit von den tatsächlich im Ripper Fall arbeiten Polizisten bzw. Beamten erfahren.   

Zu Druitt:

“and from private information I have little doubt but that his own family believed him to have been the murderer”.

“From private information I have little doubt that his own family suspected this man of being the Whitechapel murderer”


Im Gegensatz zur Polizeimeinung, hatte er hier etwas aus “privater Quelle“, die sich sicherlich auf Druitt´s Familie, Freunde, Bekannte und Kollegen bezog.

Vielleicht hat das  mit Konstellationen wie diesen zu tun, ohne sich tatsächlich auf Druitt zu beziehen :

http://www.casebook.org/dissertations/dst-emily.html

Auch wenn Macnaghten bei Kosminski nicht weiter in´s Detail ging, bei Druitt tut er es noch weniger und das Memorandum hätte dies eigentlich verlangt. Ergo, Macnaghten wusste es einfach nicht besser. Weder die Dinge über Druitt, noch genaueres über Kosminski und Ostrog. Auch dann, wenn die Druitt Vermutungen nicht aus Polizeikreisen kamen.

Bei Ostrog war es sicherlich so, dass er aufgrund bestimmter “polizeilicher Profile“ im Frage kam, denn er war ein “Irrer auf freien Fuß“. Die “Polizeizeitung“ beschrieb ihn im Oktober 1888 als “gefährlichen Mann“. Er war am 10. März 1888 entlassen worden, sollte sich aber zur Zeit der Morde in Frankreich befunden haben, wo er auch wegen eines Deliktes verurteilt wurde. Gesucht wurde er, wie viele andere ähnlicher Persönlichkeitsstruktur, sicherlich während des Horrorherbstes 1888. Wahrscheinlich hat man ihn zunächst nicht finden können (was ja kein Wunder gewesen wäre- Frankreich) und wenn doch, hätte Macnaghten davon später nichts erfahren haben müssen. Ostrog wäre nach Bekanntwerden der Tatsache, dass er gar nicht zu der Zeit in England war, augenblicklich für “echte“ Beamte uninteressant geworden.

Macnaghten entschied sich, warum auch immer, für diese drei Namen in seinem Memorandum. In zwei Fällen beruhte das sicherlich aus Informationen aus erster Hand (Polizeibeamte/Kollegen), abgesehen davon, wie “erst“ die Hände in den jeweiligen Fällen gewesen waren. Druitt hört sich doch sehr nach uns hier an, frei dem Motto; “wir bauen uns einen Verdächtigen“.

Ich kann euch nur zustimmen. Druitt war genauso wenig der Ripper, wie meine Mutter mit Elvis verheiratet war. Null.

Wer auch immer mit dem "Rufmord" angefangen hat...


Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...