Autor Thema: Dr. Thomas Barnard  (Gelesen 2946 mal)

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Stordfield

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Dr. Thomas Barnard
« am: 20.02.2013 19:15 Uhr »
Hallo!

Wenn man George Bernard Shaw`s Worte für bare Münze nimmt, der den Ripper als " 'unabhängiges Genie' betrachtete, das sich berufen fühlte, diese Frauen von ihrem Leid zu 'erlösen' und damit gleichzeitig auf die katastrophalen Zustände im Eastend aufmerksam machte" (Schachner/P.), dann würde dieser Mann am ehesten zutreffen:
Er wurde erst 1970 von Donald McCormick zum Verdächtigen gemacht und später auch noch von Gary Rowlands in seinem „The mammoth book of JtR“. Rowlands hat die Theorie aufgestellt, dass die einsame Kindheit von Barnardo und religiöser Eifer dazu geführt haben, Prostituierte zu schlachten, die Straßen von ihnen zu reinigen. Das Töten endete erst nach einem Unfall im Schwimmbad, bei dem er völlig taub geworden war. Er war folglich unfähig Klänge wahr zu nehmen, wie etwa Schritte patrouillierender  Polizisten. Dies zwang ihn in den „Ruhestand“. Barnado war zur Zeit der Mordserie eine bekannte Gestalt im Eastend, vor allem wegen seiner Wohltätigkeitsarbeit und Predigten. Er besuchte Obdachlosenheime und machte die Zeitungen auf das Schicksal der Frauen dort , besonders zu Zeiten des Rippers, aufmerksam. Barnardo wurde am 4.7.1845 in Dublin geboren, wo er auch aufwuchs. Seine Eltern waren John Michaelis, ein jüdischer Immigrant aus Havelberg/Deutschland und Abigail. Sein Bruder Henry, von dem behauptet wurde, dass er der Augapfel seiner Mutter sei, wurde ihm, dem Kleinen, Unscheinbaren stets vorgezogen. Schon als Junge schloß er sich verschiedenen christlichen Organisationen an und entwickelte sich zum Sonntagsschullehrer, der seine ganze Freizeit dafür einsetzte, um Gottes Wort zu verbreiten. Im Sommer 1863 begann er seine eigenen Gebetsversammlungen zu halten, die nicht gänzlich erfolgreich waren. Im April 1866 verließ er Dublin, um nach London zu gehen und sich zum Missionar auszubilden. Dort angekommen ließ er sich im London Hospital als Student registrieren, wo von ihm gesagt wurde, dass er stets großes Interesse an Anatomie hatte. Allerdings kehrte er wieder zur Religion zurück und versuchte im Eastend seine Mission zu beginnen. Dies war für ihn eine stressvolle Periode in seinem Leben, in der er mehrere Nervenzusammenbrüche erlitt. Im Jahr 1870 gründete er das erste Heim für unterprivilegierte Jungen. Jede Nacht ging er durch die Elendsviertel, um mittellose Jungen zu finden. 1874 eröffnete er eine fotografische Abteilung, in der die Kinder abgebildet wurden als sie in eines der Heime kamen und Monate später erneut, als sie entlassen wurden. In den nächsten 30 Jahren erhielt jedes Kind, welches jemals in einem dieser Heime war, ein eigenes Foto. Kritiker warfen ihm vor, einige Abgebildete extra in zerfetzten Lumpen und krank dargestellt zu haben, um mehr Sympathie und somit auch mehr Fonds von der Allgemeinheit zu erhalten. Barnardo wies dies energisch zurück. Es wird vermutet, dass er während seiner Lebenszeit mehr als 60000 Kinder gerettet haben soll. 1873 heiratete er Syrie Louise Elmslie, mit der er sieben Kinder hatte. Im Alter von 60 Jahren starb er am 19.9.1905 wahrscheinlich an Überlastung. In 1888 war er 43 Jahre alt und trug einen schweren Schnurrbart.
Über ihn gibt es im Internet noch viel mehr zu finden, da er wirklich ein recht bekannter Mann war.
Ich glaube natürlich nicht, dass Barnardo der Ripper war, aber so ähnlich stelle ich mir einen religiös motivierten Täter schon vor.

Gruß Stordfield

Offline Lestrade

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Re: Dr. Thomas Barnard
« Antwort #1 am: 20.02.2013 21:32 Uhr »
Hallo Stordfield,

Ich bin sicherlich kein Barnardo Insider aber religiös motiviert und religiös motiviert können zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe sein. Kennen wir ja von den großen Religionen dieser Welt. Barnardo macht ja eher einen auf Gutmensch, der er sicherlich auch war. Wahrscheinlich geboren aus einem Gefühl der Minderwertigkeit gegenüber Eltern und Bruder, was dann aber eher in einem bzw. einer, wie solch ich sagen, “Reparaturzwang“ und Selbstaufgabe für andere endete. Andere Prediger verbreiten dann wiederum nur Hass, Zerstörung, Vernichtung und Tod und zwar sehr radikal. Gab es so etwas von Seiten Bernardos?
Ich frage mich aber immer wieder, wie die McCormicks und Rowlands auf solche Ideen kommen. Naja, vielleicht bin ich da auch nicht viel besser. Warum soll jemand wie Barnardo, die Frauen so zurichten, für seine Zwecke, dass es so aussieht, als wären sie zehnmal gestorben? Was will er dann mit den Organen, die er noch nach Hause tragen muss? Er hätte sich dann sicherlich “softer“ verhalten. 

Gruß, Lestrade.
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Stordfield

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Re: Dr. Thomas Barnard
« Antwort #2 am: 20.02.2013 21:49 Uhr »
Hallo Lestrade!

Sicherlich sind Deine Argumente gerechtfertigt, aber vergessen wir speziell bei Barnardo nicht die Nervenzusammenbrüche. Wer weiß denn, was genau damit gemeint war/ist und was davon übrig blieb? Anderseits muß er sich wohl wieder recht gut davon erholt haben, denn sonst hätte er bestimmt nicht die ganzen Heime aufbauen können. Naja, war auch nur als kurze Anregung gedacht. Chr. Morley hat von diesen suspects noch viel skurrilere Typen in seinem Buch gesammelt.  ;)

Gruß Stordfield

Offline Lestrade

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Re: Dr. Thomas Barnard
« Antwort #3 am: 21.02.2013 08:53 Uhr »
Morjen Stordfield,

Ja, klar, da liegst du natürlich richtig. Ich kenne die Barnardo- Geschichte nur zu flüchtig um vernünftige Aussagen zu machen. Aber wenn er so ein Typ war, der mit Selbstaufgabe lebte, weil er nie aufhörte, Papa, Mama und Geschwister und allen anderen zu gefallen (und so ist mein voreiliger Eindruck) und letztendlich an Erschöpfung/Überlastung starb, dann waren seine Nervenzusammenbrüche eher in seiner eigenen Überforderung zu sehen. Das ist selbstverständlich nur pure Spekulation meinerseits. Ich kann halt nichts Destruktives erkennen und so etwas würde man bei Serienkillern finden.

Wobei, da stimme ich dir gerne zu, er noch zu den weniger skurrilen Typen gehört.

Gruß.
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