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Die Tatverdächtigen => Die Tatverdächtigen => Weitere Verdächtige => Thema gestartet von: MrsPeel am 15.05.2008 12:01 Uhr

Titel: Jacob Levy
Beitrag von: MrsPeel am 15.05.2008 12:01 Uhr
Hiiiiyurrrrp,
da ich gerade etwas Zeit habe, kam ich mal wieder dazu in dem Casebook zu stöbern und da lachte mich ein Name an, den ich hier noch nicht vorgefunden habe, nämlich Jacob Levy.
Da ich aber nicht genau weiß, ob Levy (falls überhaupt Interesse besteht) schon einmal Gegenstand einer Diskussion war, stelle ich ihn mal vor und auch den Grund weshalb auch er einen Platz unter den Verdächtigen erhalten sollte.
Ich werde aber auch alles aufzählen, was meiner Meinung nach, gegen ihn sprechen könnte.
(Achtung: Ich versuche mal aus dem Casebook zu übersetzen und zusammenzufassen:)
Voila...
Jacob Levy wurde 1856 als Sohn von Joseph und Caroline Levy geboren.
Beide (die Eltern) sind Besitzer einer Metzgerei in der Middlesex Street 111. Im Census von 1881 wird ein Jacob Levy aufgeführt, der mit seiner Frau und 2 Kindern in Fielgate Street 11, Whitechapel wohnhaft ist. Sein Beruf wird als Metzger (Butcher by Trade) angegeben.
Am 15. August 1890 wurde Jacob Levy als Geisteskranker, in die Nervenheilanstalt Stone in Kent, eingewiesen.  Als Beruf wurde weiterhin Metzger angegeben und als Diagnose "Manie", an der er schon "seit längerem litt" .  Desweiteren soll schon seit älterer Bruder geisteskrank gewesen sein.
Jacob Levy wurde als 5,3 gross, mit guter körperlicher Gesundheit und als 9 stone 3 pounds schwer, eingetragen.
Seine weitere Vorgeschichte sagt aus, dass er schon 1886 für 12 Monate wegen einer Geisteskrankheit in dem Essex County Asylum in Behandlung gewesen sei.
Desweiteren heißt es, dass seine Frau, während er Stone war (also 1890!) geäussert habe: Er habe beinahe ihr Geschäft ruiniert. Er habe auch befürchte jemanden etwas anzutun. Er höre Geräusche und Stimmen, die ihm befehlen und ihn dazu zwingen Taten zu begehen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Desweiteren soll er, früher ein sehr guter/geschickter Geschäftsmann gewesen sein, dass er jedoch Nachts nicht schläft und des weiteren für Stunden ziellos umher wandere.
Am Abend des 29 Juli 1891 verstarb Jacob Levy in der Nervenheilanstalt an General Paralysis of the Insane brought on by the serious sexually transmitted disease syphilis, was auf die Möglichkeit hindeutet, dass er Kontakt zu Prostituierten hatte.
Desweiteren gibt es einen Eintrag beim Central Criminal Court für einen Jacob Levy, der am 10. März 1886 zu einer 12 monatigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Er habe seinen Meister, einem Hyman Sampson Fleisch gestohlen. Dieser Sampson besaß ein Geschäft in der Goulstone Street 58.
Der Artikel führt weiter das Ereignis am 30. September aus, als Joseph Lawende, Harry Harris und Joseph Hyam Levy gegen 1 Uhr 35 den Imperial Club verliessen und in der Duke Street eine Frau (Catherine Eddows?) und einen Mann stehen sahen.
So und jetzt hoffe ich, dass ich den Artikel richtig übersetzt habe!
Der Verfasser geht davon aus dass Joseph Hyam Levy seinen Nachbarn, Jacob Levy recht gut gekannt haben könnte. Denn der wohnte 1888 in Hutchinson Street 1, welche nur 60 Yards entfernt sei von der Middlesex Street 36, wo Jacob Levy laut Kelly's London Business Directory, eingetragen als Metzger, ein Geschäft besaß. Der Verfasser glaubt auch darin das Motiv dafür zu finden, dass Joseph seinen nachbarn/Freund nicht verpfiffen hat. Beide Juden, beide Fleischer und er (Joseph) wollte nicht die Schuld für eine Verhaftung/Progrom tragen.
Der Verfasser gibt weiterhin einen Artikel aus der The Evening News vom 9.10.1888 an und zitiert:
"Mr Levy is absolutely obstinate and refuses to give the slightest information and he leaves one to infer that he knows something but that he is afraid to be called on the inquest. At the inquest Levy admitted observing a man and a woman at the entrance to Church Passage though he did not take any particular notice of them although he described the man as having been three inches taller than the woman (Eddowes and Jacob Levy stood 5'0" and 5'3" tall respectively) and when pressed under cross examination he denied thinking her appearance as `terrible' and went on to add that he was not exactly afraid for himself".
Autor (Original):  Mark King

So, und jetzt der ganze Link:
http://www.casebook.org/suspects/jacoblevy.html (http://www.casebook.org/suspects/jacoblevy.html) 

Und ich muss jetzt leider kochen. Danach recherchiere ich noch einwenig weiter, lass das Ganze mal sacken und gebe noch meinen Senf dazu.
Jetzt erstmal
Gruss
Mrs Peel
 


     
     
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Stordfield am 15.05.2008 12:38 Uhr
Hallo !

Immer wieder interessant , ein paar neue Verdächtige präsentiert zu bekommen .
Wer hat denn diesen Mr. Levy als erster " entdeckt " ?

Gruß Stordfield
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Isdrasil am 15.05.2008 12:44 Uhr
Hi

Diesen Levy fand ich immer sehr interessant. Dankeschön, Mrs. Peel!  :icon_bussi:

Grüße, Isdrasil
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Mort am 15.05.2008 15:20 Uhr
Ah, mal wieder ein Schlachter. Intersessantes Profil. :icon_thumb:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: MrsPeel am 15.05.2008 18:34 Uhr
@Isdrasil
 :icon_redface:
@Stordfield:
Das ist eine interessante Frage, wann tauchte Levy das erste mal auf.
Nun, ich kann mich da nur auf das Casebook beziehen und dort wird ein gewisser Robert Sagar, zur Zeit der Ripper Morde Sergeant, als Quelle genannt. Und jetzt beginnen, wie ich das so überblicke auch die Schwierigkeiten.
Die Reynolds News (15 September 1946)  ziziert aus seinen unveröffentlichten Erinnerungen wie folgt:
"We had good reason to suspect a man who worked in Butcher's Row, Aldgate. We watched him carefully. There was no doubt that this man was insane, and after a time his friends thought it advisable to have him removed to a private asylum. After he was removed there were no more Ripper atrocities."

Kommt euch das Bekannt vor?

Es erinnert stark an die Erinnerungen von Robert Swanson und der meinte damit augenscheinlich Kosminski.
Aber... und jetzt sind alle Kosminski Kenner aufgefordert, mir zu wiedersprechen: Kosminski verschwand erst 1891 in einer Nervenheilanstalt, während Levy schon 1890 eingewiesen wurde und auch ein Jahr später starb.
Im Casebook wird deswegen spekuliert, und dem schließe ich mich an, dass Swanson etwas durcheinander gebracht haben könnte. Auch gibt es noch eine kleine, aber pikante Note; Sagar war bei der City Police - Swanson bei der Met und wie wir alle wissen, waren die sich ja nicht ganz grün.
Sagar, der übrigens in jungen Jahren Medizin studiert hat, dass stand irgendwo im Casebook, hat auf einen Metzger/Fleischer getippt.
Und jetzt nehmen wir mal die Aussagen und stellen sie mal nebeneinander:
Kosminski war Barbier aber kein Fleischer.
Kosminski scheint seine Geisteskrankheit sehr offen mit sich herum getragen haben. Als er eingewiesen wurde war stark verwahrlost und tat auch sonst sehr merkwürdige Dinge. Er war ein Einzelgänger, wurde von seiner Familie des öfteren in Obhut genommen, kurz - dass ist meine Meinung - er scheint mir nicht in der Lage zu sein, Kontakte aufzubauen, dann einen sehr blutigen Mord zu begehen und später einfach unterzutauchen.
Zudem schreibt Swanson, dass Kosminski, nach dem er unter Verdacht geriet, Tag und Nacht von der City Police observiert wurde.
Das schreibt auch Sagar, doch der meinte einen Fleischer und auch sonst sind die Swanson/Macnaghten/Anderson Schlussfolgerungen mit einiger Vorsicht zu geniessen.
Macnaghten schreibt, dass Kosminski schon kurz seiner Einlieferung verstarb.
Doch dies geschah mit Levy und zwar fast genau ein Jahr später.
Macnaghten schreibt, dass Kosminkis einer verdächtigen Person ähnelt, die ein Polizist der City Police am Mitre Square gesehen haben will. Doch, wie unser Moderator in seinem Buch zurecht fragt, welcher Polizist sollte das gewesen sein?
Oder verwechselt Macnaghten hier einfach einiges und der Polizist ist  Robert Sagar in dessen Erinnerungen ein Kosminski aber niemals vorkam.
Desweiteren wird von Anderson und Swanson  behauptet das der Ripper von Israel Schwartz und Joseph Lawende identifiziert wurde.
Israel Schwartz ist ein altes Problem und das Trio Joseph Lawende, Harry Harris, Joseph Hyam Levy war äusserst zurückhaltend mit seinen Aussagen.
Deswegen, könnte es also sein, dass Kosminski in Wirklichkeit Jacob Levy ist?
Hier einiges was für eine Täterschaft Levy's spricht:
1. Er ist in Whitechapel geboren, lebte dort und kannte sich dementsprechend gut aus.
2. Er besaß ein Geschäft und ein soziales Umfeld (Frau und Kinder) was mich zu der Annahme verleitet, dass sein Wahnsinn eher im verborgenen gedeihen konnte.
3. Aus oben genannten Gründen könnte es wahrscheinlich sein, dass er in der Lage war schnell Vetrauen mit seinen späteren Opfern herzustellen. Auch ist es nicht bekannt, dass er verwahrlost gewirkt haben könnte.
3. Er war Fleischer und Blut an ihm oder seiner Kleidung war nichts ungewöhnliches.
4. Er besaß ein festes Zuhause wo er sich zurückziehen konnte.

Und was spricht gegen ihn:
Wenn Robert Sagars Erinnerungen sich auf Jacob Levy beziehen, so wäre es interessant zu erfahren, wann die rund um die Uhr Observation begann. Und warum, wenn er nach dem Mord an der Eddows zu den Verdächtigen gehörte, es ihm trotzdem gelang Mary Kelly zu ermorden und dann noch ein Jahr weiter bei seiner Familie zu leben.
(Was die alte Frage, mordete der Ripper doch weiter, wieder aufwirft.)
Anzumerken wäre noch, und dass behauptet das Casebook, dass nach Levys Tod die Akten zum Fall Ripper geschlossen worden wären.
So, dass war es jetzt erstmal.
Viel Spass beim auseinanderpflücken, denn dass bringt uns nur weiter.
 :icon_wink:
Gruss
Mrs Peel       
   


   
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JohnEvans am 15.05.2008 18:59 Uhr
Hi,

könnte es sein, daß du Kosminksi mit Klosowski (Chapman) verwechselst?

JE
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Alexander-JJ am 15.05.2008 19:22 Uhr
Ich glaube das bezieht sich die Memoiren von Anderson, auf denen Swanson einen Hinweis hinterlassen hatte das JTR Kosminski hieß. Die Memoiren bezogen sich an dieser Stelle auf Macnaghtens Memorandum. Also insgesamt schon ein eindeutiger Hinweis auf Kosminski, da die drei Polizisten ihn ja unabhängig voneinander und auch zeitlich mit deutlichem Abstand als Ripper nannten. Aber ob damit "unser Verdächtiger" Aaron Kosminski gemeint war?

Nur "Levy" halte ich dann doch für unwahrscheinlich. Wenn die drei hochrangigen Polizisten unabhängig voneinander nicht mal in der Lage sind, zwei Namen auseinanderzuhalten ... oh weia.

Außerdem hatte Levy Familie und ein geregeltes Auskommen. Da fünf Morde zu begehen und Körperteile zu verstecken ohne mal eine dumme Frage vom Eheweib gestellt zu bekommen, ist das doch etwas schwer.


 :)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: MrsPeel am 15.05.2008 19:53 Uhr
@John Evans:
Nop... ich mein schon Kosminski, da er in den Büchern die ich besitzte von den dreien als Verdächtiger genannt wird.
@Alexander
Naja, sie könnten voneinander abgeschrieben haben, Erinnerungen können sich trüben und was die Ehefrau betrifft... also neulich in Österreich, da...
:icon_eek:
Aber es gibt auch andere Fälle. War da nicht mal so ein Kerl im Ruhrgebiet, der auch was-weiß-ich-wieviele umgebracht hat und seine Frau hat nix bemerkt. Oder der Yorkshire Ripper, der war auch verheiratet. Und ansonsten ist ein geregeltes Einkommen doch prima und da er ein Geschäft besaß, würde das auch die Tatzeiten erklären.
Und was die Körperteile betrifft, also ich will da nicht zu sehr ins Detail gehen, aber die hatten eine Metzgerei oder wenigstens einen Metzgerei-Betrieb und ein Stück mehr oder weniger, dass fällt doch vielleicht gar nicht so.... auf.
 :smiley11: 
Natürlich sehe ich auch ein, dass alles ziemlich dünn ist, aber meiner Meinung nach auch nicht dünner als alle anderen üblichen Verdächtigen. Interessant ist natürlich, dass der Artikel von Mark King über diesen Mr Levy schon 1999 im Ripperlogist erschienen ist und niemand schien darauf anzuspringen.
Stattdessen Gull, D'Onston, Sickert und Konsorten.
 :icon_confused:
Das macht mich auch nachdenklich.
Deswegen mein Aufruf!
Wer weiß mehr?
Wer kann zur Entlastung des Verdächtigen beitragen?
Und wer kapiert die verzwickten Familienverhältnisse der Levys, Kosminskis, Koslowskis und anderer!
 :icon_thumb:
Gruss
Mrs Peel
...das ist alles wieder sehr verwirrend... hätte ich ihn doch bloß nie gefunden... *seufz
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Alexander-JJ am 16.05.2008 12:33 Uhr
Das Problem ist doch, das es nichts gibt, was Levy belastet. Wie soll man ihn denn da entlasten? Es gibt nur eine Theorie. Aber Theorien kann man um tausende Bewohner des East-Ends stricken.

 ;)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Stordfield am 16.05.2008 14:06 Uhr
Hallo Alex !

Da stimme ich Dir voll zu !
Es gibt zwar immer wieder neue Namen , aber leider werden die Indizien auch immer weniger .
Der Hauptgrund , warum Mr. Levy verdächtigt wird , ist ja wohl seine Geisteskrankheit . Ein für die damalige Zeit nicht seltenes Leiden .

Gruß Stordfield
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: nicjack01301 am 16.05.2008 15:03 Uhr
Besonders wenn man sich die damaligen Kriterien für psychische Krankheiten ansieht....LG Nicky  :icon_aetsch:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: MrsPeel am 16.05.2008 19:22 Uhr
Naja, wenn es danach geht, dann ist das ganze Topic überflüssig.
Dann ist keiner der Tatverdächtigen auch Tatverdächtig oder was macht einen Druitt, Barnett, Hutchinson, Maybrick, Ostrog, Kosminski usw. usw. zu diksussionwürdigen Personen?
Weil sie sich umgebracht haben?
Was gesehen haben?
Mit Gift gemordet?
Verrückt waren?
usw.
usw.
Interessant finde ich halt auch die Frage, wie Ernst sind die Erinnerungen von drei höheren Polizeibeamten noch zu nehmen.
Gruss
Mrs Peel.       
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JohnEvans am 17.05.2008 12:59 Uhr
Hallo, Mrs Peel,

”...  und was die Ehefrau betrifft... also neulich in Österreich, da... Aber es gibt auch andere Fälle.
Stimme dir zu. Gerade solche Beispiele zeigen deutlich, daß der einsame, kontaktlose Serienkiller eine reine Schablone ist, die auf etliche tatsächliche Fälle nicht so recht paßen will.

"Interessant finde ich halt auch die Frage, wie Ernst sind die Erinnerungen von drei höheren Polizeibeamten noch zu nehmen".
Ich fürchte, der Rang einer Person macht diese nicht automatisch zu einem Menschen mit einem besseren Gedächtnis als alle anderen.. Erinnerungen, besondes solche, die nicht durch eigenes Erleben entstanden sind, trüben sich im Laufe der Zeit, und ihnen sollte immer mißtraut werden.

@Alexander, Nicky, Stordfield,

ich schließe mich Mrs Peel an: für die Verdächtigung Mr Levy´s gilt dasselbe wie für alle anderen – was für den einen recht ist, sollte auch für ihn billig sein.

Alles in allem ist Mr Levy nicht nur ein guter, sondern sogar ein wesentlich besserer Verdächtiger als Druitt & Co. Gerade ein Schlachter / Metzger kann blutbefleckt und mit Messern behangen durch die Straßen ziehen und kann diese Tatsachen jederzeit jedem Polziibeamten sowie seiner eigenen Ehefrau plausibel erklären.

JE
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Alexander-JJ am 17.05.2008 13:23 Uhr
... ich schließe mich Mrs Peel an: für die Verdächtigung Mr Levy´s gilt dasselbe wie für alle anderen – was für den einen recht ist, sollte auch für ihn billig sein.

Sehe ich auch so.

Aber dennoch gibts bei Levy nun mal keine Anhaltspunkte. Gut, er war verrückt und lebte im East-End. Aber sonst? Fehlanzeige. Auch gibt es keinen Hinweis darauf, das sich seine Geisteskrankheit zerstörerisch und/oder selbstzerstörerisch ausdrückte. Oder anders gesagt: Er war nicht gewalttätig.

Klar kann man ihn zu den Verdächtigen zählen. Aber so ganz ohne Hinweise würde er wohl in die Kategorie "Elefantenmensch", "Sickert" und "Gull" einzuordnen sein.

Sollten aber noch einige belastende Hinweise auftauchen, etwa das bekannt war das er als Metzger "sehr gerne" Gedärme/Genitalien verarbeitete oder sich mal eine Kuhleber mit nach Hause nahm um sie dann unters Ehebett zu legen oder das er seine Frau/andere Frauen mit Messern bedrohte usw. , dann kann man ihn sicher auch in den Kreis der ernsthaft Verdächtigen einbeziehen.



Aber auch allgemein verstehe ich nicht wie ein Metzger der Polizei in einer Mordnacht irgendetwas "plausibel" erklären kann. Die Beamten würden ihn trotz seines Berufes verhaften. Es würden Verhöre folgen, Widersprüche, Lügen, die Ermittler würden aufmerksam werden, feststellen das unser Levy an allen Tatorten war und kein Alibi hat... usw... und der geisteskranke Levy wäre niemand, der einem Verhör durch erfahrene Beamte widerstehen kann.

Das drei Polizisten räumlich und zeitlich unabhängig voneinander den Namen Levy mit dem Namen Kosminski verwechselt haben sollen, ist schon ein bisschen absurd. Vielmehr könnte es sein, das der "echte" Kosminski noch nicht gefunden wurde und unser "Aaron Kosminski" zu Unrecht verdächtigt wird. Aber eine Namensverwechslung? Das glaube ich nicht.



 :)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Floh82 am 17.05.2008 14:51 Uhr
Ich möchte das Thema "blutbefleckt" ja nicht noch einmal aufgreifen (ich erinnere mich da an tagelange, sehr zermürbende Diskussionen *g*), aber ein Wort will ich schon dazu sagen:

Wir wissen nicht ob der Täter sichtbar blutbefleckt war. Der Mythos des Mannes mit dem schwarzen Umhang, mag die Fantasterei eines Hollywood-Regisseurs sein, aber sie kann auch Realität sein. Es muss ja kein schwarzer Umhang gewesen sein...aber irgendetwas was der Täter sich "überzog", wenn er den Tatort verließ.
Zugegeben, dafür muss gegeben sein dass er die Zeit hatte sich noch etwas überzuziehen und wahrscheinlich planend vorgegangen sein.

Levy ist für mich mitnichten ein besserer Verdächtiger als beispielsweise Druitt. Er ist auch kein viel schlechterer, aber wie Alexander schon sagte: Es gibt nicht mehr Hinweise auf ihn als auf andere.
Case not closed ;)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Isdrasil am 17.05.2008 20:10 Uhr
Hi

Alles in allem ist Mr Levy nicht nur ein guter, sondern sogar ein wesentlich besserer Verdächtiger als Druitt & Co. Gerade ein Schlachter / Metzger kann blutbefleckt und mit Messern behangen durch die Straßen ziehen und kann diese Tatsachen jederzeit jedem Polziibeamten sowie seiner eigenen Ehefrau plausibel erklären.

Da stimme ich voll und ganz zu. Levy ist ein guter Kandidat und erfüllt in meinen Augen zumindest einige Kriterien, um ihn in eine engere Auswahl zu ziehen. Manch populärer Verdächtiger passt auch nicht gerade besser.
Ich denke, ein Verdächtiger muss erst einmal prinzipiell mit Namen genannt werden, um nach weiteren Anhaltspunkten oder Indizien zu forschen - ohne den Verdächtigen in die Rolle des Rippers pressen zu wollen natürlich. Das ist die richtige Herangehensweise. Dies ist die Essenz der Ripperologie.
Ich glaube, bei Levy ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Ab in den Recall!  :icon_wink:

Grüße, Isdrasil
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Stordfield am 17.05.2008 21:26 Uhr
Hallo !

Ich fühle mich gerade etwas mißverstanden ( oohhh  :icon_smile: ) .
Levy ist schon interessant und wie ihr bereits sagtet , nicht unverdächtiger als jeder andere genannte Name . Den Indizienmangel hatte ich mehr allgemein angemerkt ; es sollte keine Kritik sein .
Danke , Mrs. Peel !

Gruß Stordfield
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Isdrasil am 18.05.2008 14:19 Uhr
Hi Stordfield

Also, ich habe dich da schon richtig verstanden, hast ja auch recht.  :icon_wink:

Der Indizienmangel zieht sich leider ja durch die ganze Bank. Ich denke, es ist eben auch eine persönliche Sache, was jeder vom Ripper hält. Wenn einer den Ritualmörder bevorzugt, bietet Levy natürlich weniger Anhaltspunkte als für den Metzgertheorie-Anhänger. Jeder Verdächtige ist meistens auch eng an ein Tatmotiv oder einen Tätertypus gekoppelt. Levy ist eben doch nur einer von vielen Wahnsinnigen, der sowohl Fragen als auch Antworten geben kann...mir gefällt er zumindest, trotz Mangel an "echten" Indizien.
Aber ich habe eh ein Problem: Je länger ich mich mit dem Fall beschäftige, umso verwirrter bin ich. Schön war doch die Zeit, als ich Cornwell las und dachte, der Fall sei gelöst...hätte ich es bloss dabei belassen... :icon_mrgreen:

Grüße, Isdrasil
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: zom Palmer am 18.05.2008 15:34 Uhr
hi

also die se levy sache zeigt doch nur eins, dass met und central jeweils ihr eigenes süppchen gekocht haben. Met hat sich nur um ihre verdächtigen (kosminski (oder wie der typ nun wirklich hieß), druitt und co) gekümmert. während central wahrscheinlich eine reihe andere verdächtiger verfolgt hatte (weiß man eigentlich wer bei cental auf der liste der verdächtigen stand?). wer der ripper jemals war und ob er einer der verdächtigen war wird doch nie bewiesen werden, weil diese idioten :icon_twisted: (sorry) es nicht auf die reihe bekommen haben mal über ihren schatten zu springen und gemeinsam zu arbeiten.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Isdrasil am 18.05.2008 18:20 Uhr
Hi

...weil diese idioten :icon_twisted: (sorry) es nicht auf die reihe bekommen haben mal über ihren schatten zu springen und gemeinsam zu arbeiten.

Kann man eigentlich nur unterstreichen. Zwar betraf lediglich der Eddowes Mord auch die City Police, dennoch ist es fast schon erschütternd, wie wenig Unterstützung die Metropolitan schon davor erhielt. Sie musste mit schlechter Ausrüstung, demotivierten Polizisten, einem starren Weisungssystem und der Häme der Presse und der Armen leben. Die City Police hingegen war wesentlich besser ausgestattet und verfügte aufgrund ihres doch kriminalitätsärmeren Zuständigkeitsbereich über einige freie Ressourcen, die unzureichend zur Metropolitan flossen.
Die Beiden hätten wesentlich besser zusammenarbeiten können - und dies fängt zum Beispiel auch bei den Leichenhäusern an. Im East End heruntergekommene Schuppen, etwas weiter westlich durchaus besser ausgestattete Häuser.

Aber das ist es halt - die Opfer waren eben doch Arme. Prostituierte. In den Augen vieler selbst Kriminelle. Da lohnt es sich erst richtig einzuschreiten, wenn die Ripperwelle größer und größer wird...

Ich denke, im Großen und Ganzen hatte die City Police nicht allzu viele Verdächtige - da sie einfach froh darum war, dass sie der Ripperfall nicht allzu sehr betraf und der kleine Bruder Met der Sündenbock war. Mir fallen spontan eigentlich keine konkreten Namen ein.

Grüße, Isdrasil
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JohnEvans am 18.05.2008 20:43 Uhr
Hallo,

Er war nicht gewalttätig.
Genauso wenig wie etliche der anderen Verdächtigen auch. Druitt? Gewalttätig? Gull? Gewalttätig? Dennoch galten sie MacNaughton als verdächtig genug.

Sorry, dieses Argument alleine gegen Levy einzusetzen ist ein schwacher Schachzug. :SM141:

Klar kann man ihn zu den Verdächtigen zählen. Aber so ganz ohne Hinweise würde er wohl in die Kategorie "Elefantenmensch", "Sickert" und "Gull" einzuordnen sein.
Diese drei Verdächtigen teile ich soagr in zwei verschiedene Kategorien ein:
A) physisch unfähig:  "Elefantenmensch" und "Gull"
B) Alibi, da nicht im Lande bzw vor Ort: "Sickert"

Levy gehört somit in KEINE dieser Kategorien.

Aber auch allgemein verstehe ich nicht wie ein Metzger der Polizei in einer Mordnacht irgendetwas "plausibel" erklären kann.
Na, dann bin ich mal nicht so und erkläre e dir :icon_wink:
Metzger hatten berufsbedingt Messer bei sich und gingen blutbefleckt nach Hause, und falls sie nicht täglich ihre Arbeitskleidung wechselten oder reinigten, gingen sie auch so wieder zur Arbeit.
Und da die Polizei damals nicht zwischen Tier- und Menschenblut unterscheiden konnte, war alleine schon die Beschäftigung als Metzger Alibi genug.

Und erinnern wir uns daran, wie es Paul und Cross (fanden Nicholls) erging. Keiner von beiden wurde auch nur auf Blutflecken hin untersucht!!!! Beide wurden nicht zum Verhör gebracht, obwohl Cross von Paul DIREKT neben der Leiche stehend vor gefunden wurde!!!! Beide durften einfach weiter ziehen!!!

Und du willst mir allen Ernstes einreden, die Polizei hätte damals JEDEN Metzger, der sich absichtlich oder zufällig  in der Nähe der Tatorte aufhielt, stundenlang verhört??? Träum weiter ...

JE









Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Alexander-JJ am 18.05.2008 23:20 Uhr
... Träum weiter ...

Das mache ich. In meinem Traum muss ein Verdächtiger erst einmal BELASTET werden, bevor überhaupt Jemand anfängt ihn zu entlasten. Ferner träume ich gerade, das gegen Levy nichts weiter vorliegt als "Metzger" und "geisteskrank". Das sind natürlich, jedenfalls in meinem Traum, keine Argumente dafür, das Levy der Ripper war.

In meinem Traum werden Metzger, die Frauenherzen oder Nieren oder andere Organe bei sich tragen, tatsächlich stundenlang verhört.

Aber in der Realität ist das sicher alles ganz anders ...  :icon_aetsch:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Floh82 am 18.05.2008 23:49 Uhr
Ich muss Alexander teilweise zustimmen:

Wenn nach schrecklich, bestialischen Morden Personen nicht verdächtigt werden, weil sie beruflich eh mit Blut in Berührung kommen und Messer bei sich tragen, würde ich die Polizei als grob fahrlässig und ziemlich bescheuert bezeichnen.
Nur weil jemand ein Metzger ist, hat er kein "Alibi"...er hat eine mögliche Erklärung für Blut an seiner Kleidung oder Messern in seiner Tasche ja! Aber das schließt doch nicht aus dass er der Mörder ist und ergo wäre die Polizei gut beraten (gewesen) auch einen solchen zu verhören.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: MrsPeel am 19.05.2008 21:06 Uhr
Hija, da bin ich wieder.
Leider konnte ich mich in die interessante Diskussion nicht früher einschalten, da ich gerade eine enge Angehörige pflege und ... nun ja, das Wochenden war nicht so toll.
 :icon_sad:
Nun denn, im Grunde wurden alle Argumente die für oder gegen Levy sprechen schon gesagt. Und offenbar ist es halt so, dass Levy ein potentieller Kandidat wäre, aber mehr eben nicht.
(Den armen John Merrick halte ich als Verdächtigen, ehrlich gesagt, als reine überspannte Fantasterei. Und Gull...? Ach Leute, wenn die ollen Royals jemanden umlegen möchten, dann machen die das bestimmt einwenig diskreter... und so.)
Tja, Druitt.
Levy steht für mich in etwa auf einer Stufe.
Ich habe im meinem Bücherschrank auch Tom Cullen: Jack the Ripper liegen und zum Schluss konstruiert er eben Druitt als Alleintäter.
Und genau da liegt eben der Hund bergraben, im Grunde und weil so verwirrend, ist es eben so einfach beinahe jeden Bewohner Londons die Morde anzuhängen (siehe Ripper-Patti!). Trotzdem finde ich es schade, dass Levy rest so spät entdeckt worden ist. Man findet so wenig über ihn und seiner Familie. Im Census von 1891 taucht er jedensfalls nicht mehr auf, sondern nur noch seine Frau und zwar als (Metzgerin!) und Haushaltsvorstand. Und was ich noch nachsehen konnte ist, dass diese Familie offenbar immer wieder umgezogen ist. Und sei es nur einpaar Strassen weiter.
Und dann der Name - mein Gott!
Im Casebook wird spekuliert das Jacob Levy mit Joseph Levy verwandt sein könnte...!
(Wegen dessen nicht Aussage im Fall Eddows.)
Also das gleiche in Grün mit Kosminski, der einen Cousin in der Berner Street gehabt haben soll. Dabei könnte ich wetten, Kosminski ist ähnlich wie Levy nun auch kein so seltener Name.
Bleibt noch das Graffito in der Goulstone Street.
Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber Jacob Levy landete im Knast weil der seinem Meister Fleisch gestohlen haben soll.
Jener Meister hatte sein Geschäft in besagter Strasse.
Wäre die Frage zu klären, besaß dieser Mann noch das Geschäft zur Zeit der Ripper Morde und könnte (Das ist wieder reine Spekulation!) das Geschmiere vieleicht ein Racheakt Jacob Levys gewesen sein? Ein bösartiger Versuch eben den Verdacht auf seinen alten Meister zu lenken.
Und da wäre noch etwas.
Wurde hier schon mal über die Tattage diskutiert?
Und jetzt bitte ich mich nicht misszuverstehen, denn ich kam leider nicht dazu, mich eingehend damit zu beschäftigen, aber weiß jemand von euch darüber Bescheid, wie die jüdischen Metzger im East End ihre Läden geöffnet haben.
Warum diese Frage?
Ich hatte die (Schnapps) Idee, dass vielleicht am Sonntag geöffnet sein könnte (es sei denn, es wäre ein offiz. Feiertag!). Dafür wäre am Freitag und Samstag geschlossen.
Kurz, gehen wir von einem Mörder aus, der eine Tätigkeit ausübt, so sind die Wochenden von Freitag Abend bis Sonntag/Montag früh eine logische Erklärung.
Was aber, wenn der Ripper einer anderen Religion angehörte und deswegen einen anderen Wochenrythmus unterworfen war?
So, jetzt muss ich Schluss machen und nach meiner Oma sehen.
 :icon_sad:
Gruss
Mrs Peel
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Isdrasil am 19.05.2008 21:22 Uhr
Hi MrsPeel!

Fragen über Fragen...fangen wir doch mal mit den munteren Nachforschen an  :icon_wink:

Ich habe erstmal die Aufzeichnungen des Criminal Central Courts vom 5. April 1886. Passt zwar nicht so ganz zu der Frage nach den Wochentagen oder ob das Geschäft des Meisters noch während der Morde existierte - aber ich füg das trotzdem mal hier rein, um das Bild zumindest dieser Tat ein wenig zu vervollständigen:

MORRIS PHILLIPS (30), MOSS WOOLF (16), and JACOB LEVY (30) , Stealing 14 lb. of meat of Hyman Sampson, the master of Phillips and Woolf.
MR. CLURE Prosecuted; MR. MOYSER appeared for Phillips, MR. BLACK for Woolf and MR. GEOGHEGAN for Levy.

SAMUEL BACON (City Policeman 941). I received information from my inspector, and on 10th March, at 6.15 a.m., I was watching the prosecutor's shop—Phillips came up to the door and knocked, got answer, and went away—about two minutes afterwards Levy came out at his shop door, which is next door, a post divides them—he knocked at Mr. Sampson's door and went back in at his own door, came out again in a minute or two unscrewed the bolt of his shutter bar, and then looked round and knocked at Mr. Sampson's door again; there being no answer he went down the street 10 or 12 yards to the corner of Stony Lane—Phillips joined him; they conversed and went back to Mr. Sampson's door—Phillips knocked, and Levy went in at his own door—the door was opened; Phillips went in and turned up the gas—Levy came out of his shop and went into Mr. Sampson's shop, where he had a conversation with Phillips—he came back in about a minute and went into his own shop, where I saw Woolf, who brought a piece of meat from the back of the shop to the door, and hung it on a hook just inside the door, and then came out on the footway, looked round, took the meat off the hook, and took it quickly in at Lewis's door, and gave it to Lewis; he then returned to Sampson's shop—I ran into Levy's shop, caught hold of him with the meat in his hand, and asked what he was going to do with it—he said "We are only having a lark, I am going to weigh it"—I said I did not believe it, I should take him to Mr. Sampson, which I did, and then took him to the station, where he repeated that it was only a lark—I found 32l. 10s. 9d. in his pocket—the meat was 14 lb. of beef—I had been watching since 5.15; it was perfectly light outside at 6.15, but not inside Levy's shop, there being no gas.

Cross-examined by MR. BLACK. I was in some buildings opposite, lying among some bricks and rubbish, but not within hearing distance—I could not see who opened the door, as the shutters were not down, but Phillips turned the gas up afterwards—we were both in plain clothes—Woolf sleeps on the premises.
Cross-examined by MR. GEOGHEGAN. I cannot say whether these men are rival butchers; they are both Jews—when he said that he did it for a lark Mr. sampson said "You will be locked up for it"—he valued the meat at 6d. per lb.—this is Petticoat Lane, and there are other butchers in the street—it was about the time a man would go to market.

JAMES JONES (City Policeman 935). I was with Bacon; I have heard his evidence and corroborate it—I went into Sampson's shop, and saw Phillips und Woolf; I told them I was a police officer, and should take them in custody for stealing a piece of beef—Phillips said "I know nothing about it I came from the back of the shop—Woolf said "I know nothing about it"—I took them to the station.

Cross-examined, by MR. BLACK. Woolf did not say "I know nothing about it," I correct myself, he made no reply.

Cross-examined by MR. GEOGHEGAN. I did not go into Levy's shop, nor did I see in, as the shutters were up—there may have been a quantity of meat in the background.

HYMAN SAMPSON . I am a butcher of 35, Middlesex Street—Phillips and Woolf were my servants; Phillips about three months, and Woolf about two or two and a half years—I had spoken to the police, and on 10th March about 5 o'clock I went to market—I was sent for, and came back and found the three prisoners in custody—the policeman asked Levy what he intended to do with it, he said that the boy brought it in for a lark, and then said "Mr. Sampson, you are not going to do anything with me"—the meat was worth 7s.

Cross-examined by MR. MOYSER. Phillips slept at the shop on Wednesdays and Thursdays, this was Wednesday morning—he would sleep away from the shop on Tuesday nights.

Cross-examined by MR. BLACK. I discharged Woolf once and took him back again—I had a place in Goldstone street for nineteen years—I know Binwell, a butcher, I took Woolf from his employment—I never asked for a character, he was only a little boy—I have never found fault with him before.

Cross-examined by MR. GEOGHEGAN. Levy was there before I came—he has not taken customers from me—I have no animosity against him—I have met him out of business hours—this was not the best meat at 6d. a pound, I have some at 11d.—Levy has never chaffed me and said that his meat was better than mine, he buys from the same killer as I do—I sell more expensive meat than he does, but there has been no joking about it, nor did we ever bet about it—the Jewish authorities will not give a man a licence unless he has an excellent character—I have accused my wife of robbing me—I did not find out that she had a separate banking account—I did not accuse her before Phillips came into my service—I may have said at the police court that I accused her 12 months ago—I have not said that if Levy would leave his shop I would not carry on the prosecution against him—I would not let him off for 10,000l.

Re-examined. At 6.15. a.m. my five employees were on the premises.
Levy received a good character.

PHILLIPS— NOT GUILTY .
WOOLF— GUILTY Recommended to mercy by the Jury.— .— Four Months' Hard Labour.
LEVY— GUILTY of receiving.— Twelve Months' Hard Labour.



Eine erste kleine Spur bezüglich deiner Frage nach den Arbeitstagen wäre wohl der 10. März 1886 gewesen, an diesem Tag ging Sampson gemäß dessen Aussage um 5 Uhr auf den Markt. Leider war dieser Tag jedoch ein Mittwoch - der erste Anhaltspunkt wäre also hinüber.  :icon_rolleyes:
Vielleicht weiß ja jemand ein wenig mehr?

Grüße, Isdrasil
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JohnEvans am 20.05.2008 16:56 Uhr
Hallo,

der jüdische Feiertag ist der Sabbat, und das ist der Samstag.
 
31 August 1888 - Freitag
8 September - Samstag
30 September - Sonntag
9 November - Freitag

Eine andere Frage: gab es anno 1888 überhaupt 2 Tage Wochenende? Und wenn, für welche Berufsgruppen?

JE
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Isdrasil am 20.05.2008 20:52 Uhr
Hi John

Das ist eine sehr gute Frage und lässt sich gar nicht so leicht beantworten. Einen kleinen Hinweis auf Samstagarbeit habe ich zumindest schon einmal in einem Artikel von RICHARD HARDING DAVIS "THE WEST AND EAST ENDS OF LONDON" aus dem Harpers New Monthly Magazine, Januar 1894 gefunden:

"...Saturday night is naturally the best time in which to visit the East End, for the reason that the men and the women have been paid off, and are out buying the next week’s rations and visiting from public-house to public-house, and are noisy and merry, or sullen and bent on fighting, as the case may be..."

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass man gerade im East End 6 Tage die Woche arbeitete, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen. Zwei freie Tage dürften eher der wohlhabenderen Schicht bekannt gewesen sein - oder auch den Selbstständigen? Keine Ahnung....hm...suchen wir doch einfach mal weiter... :icon_wink:

Grüße, Isdrasil
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JohnEvans am 23.05.2008 12:15 Uhr
Hi, Isdrasil,

"it´s Saturday night and I just got paid .... I´m gonna rip it up and ball tonight!"  :icon_wink:  sorry, konnte dem Wortspiel einfach nicht widerstehen ...

Und jetzt Ernst: der von dir angeführte Artikel läßt vermuten, daß selbst im jüdisch dicht besiedelten East End das Sabbatgebot den Regeln der Wirtschaft unterlag. Es zeigt auch recht deutlich, daß an / in diesen Samstag Abenden / Nächten das East End ganz offenbar als begehbares Live-Theater für Nicht-EastEnder diente.

Was wiederrum der These des dort-nicht-ansäßigen Rippers neuen Aufschwung gibt.

@Floh, @Alex,

Überlegungen, wie heute in so einem Fall vorgegangen wäre ohne Überprüfung auf damalige Verhältnisse umzulegen, scheint mir nicht der richtige Weg, um kleinere (oder auch größere) Rätsel zu lösen.
Denn wie die Geschcihte zeigt, wurden zwar "Verdächtige", die Metzger oder Arzt waren, aufgrund der Tatsache, daß sie Blut und eventuell Messer an bzw bei sich hatten, verhört, aber NIE angeklagt oder gar überführt. Das hatte gar nichts mit "schlampiger", aber viel mit zeitgemäßer Polizeiarbeit und Gerichtsbarkeit zu tun.

JE

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Floh82 am 23.05.2008 14:19 Uhr
Ich kann deinen Umkehrschluß weder nachvollziehen nocht gutheißen.
Nur weil keiner angeklagt wurde, heißt das meiner Meinung nicht dass die Polizei bei diesen Verdächtigen nicht genau hingeschaut hat. Wurden Metzger verhört, hat die Polizei also durchaus auch diese Berufsgruppe als Täter in Betracht gezogen. Ob die Verhöre gründlich genug geführt wurden oder ob "Alibis" zu leichtgläubig angenommen wurden steht wiederum auf einem anderen Blatt.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Alexander-JJ am 23.05.2008 17:50 Uhr
Es ist klar das damals andere Sitten herrschten und dies auch Einfluss auf die Polizeiarbeit hatte. Ein angesehener Arzt konnte sich sicher so einiges erlauben. Aber ich glaube kaum das er mit Blut, Messer und Organen in der Tasche davongekommen wäre. Auch damals nicht. Ein einfacher Metzger oder Schlachter hätte vielleicht das Blut erklären können, aber wohl kaum die Sache mit den Organen. Sich aus so etwas rauszureden ist sehr schwer.

Außerdem gehen wir hier von der Überlegung aus, das sich JTR mit Blut+Messer+Organen widerstandslos zur nächsten Polizeizentrale führen ließ. Das ist meiner Meinung nach zu weit hergeholt. JTR war sicher kein "Feigling", aber ich glaube nicht das er Nerven aus Stahl gehabt hat.



 ;)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JohnEvans am 23.05.2008 19:21 Uhr
Klar, hätte man ihn, egal wen, mit den Organen in der Tasche erwischt, dann hätte er tatsächlich Erklärungsnot gehabt. Abr wirklich nur dann. Messer und Blut ALLEINE reichten nicht aus.

Die Reaktipon auf Levy als Verdächtiger war ja, 1) es gäbe keinen Beweis, 2) so ein Metzger wäre aufgefallen und 3) hätte ein Geisteskranker die Verhöre nicht durch gestanden.

Nochmal, in Kurzform, meine Meinung dazu:
1) Beweise gibt es auch für andere nicht - weshalb dieses Argument nicht nur gegen Levy spricht
2) siehe Diskussion bisher: selbst mit Meser und Blut wäre ihm nichts passiert, einzig und alleine in Kombination mit Organen hätte er Probleme bekommen und
3) wir wissen nicht, ob Levy bereits zum Zeitpunkt der Morde geisteskrank war - eine Überlegung übrigens, die auch für Kosminski gilt. Außerdem bedeutet Geisteskrankheit nicht auch, daß Levy ein Verhör nicht durch gestanden hätte, vielleicht wäre sogar das Gegenteil der Fall gewesen. Geistige Umnachtung kann bezüglichi Erinnerungslücken sehr hilfreich sein.

JE

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Alexander-JJ am 24.05.2008 13:27 Uhr
Ich glaube immer noch nicht das JTR mit Polizisten freiwillig zu einer Polizeiwache gegangen wäre. Das ist mir zu weit hergeholt.

Einem Verhör standhalten, das von erfahrenen Beamten durchgeführt wird, ist praktisch unmöglich. Man kann sich weigern zu antworten oder behaupten das das ganze Leben aus Erinnerungslücken besteht, aber das hilft dem Verdächtigen eigentlich nicht weiter.

Ich denke wir können die Idee, das JTR von der Polizei verhört wurde, zu den Akten legen. Das ist meiner Meinung nach niemals geschehen.

Gegen Levy spricht allerdings nicht viel. Das hat er mit manchen anderen Verdächtigen gemeinsam. Aber sollen wir deshalb den sowieso schon viel zu großen Kreis der Verdächtigen mit einer weiteren Person bereichern, gegen die eigentlich nichts spricht? Es gibt keinen Anhaltspunkt DAFÜR, das Levy der Ripper war. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund ihn als Verdächtigen zu behandeln. Und ja, ich bin auch dafür das man einige der anderen Verdächtigen aus der Liste streicht statt immer neue hinzuzuerfinden.


 :)



Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: academyfightsong am 24.05.2008 16:02 Uhr
Zitat
Einem Verhör standhalten, das von erfahrenen Beamten durchgeführt wird, ist praktisch unmöglich.

Bollocks, natürlich ist das möglich.

Zitat
Ich denke wir können die Idee, das JTR von der Polizei verhört wurde, zu den Akten legen.

Was ist daran so abwegig? Peter Sutcliffe z.B. wurde zweimal von der Polizei verhört und wieder laufen gelassen. Oder Fritz Haarmann, der sogar mit der Polizei zusammenarbeitete, bevor er überführt wurde. Und das sind nicht die einzigen Beispiele. Ted Bundy, John Wayne Gacy, Andrei Tschikatilo, Jeffrey Dahmer... um nur einige zu nennen, wurden allesamt bereits vor ihrer eigentlichen Verhaftung, min. einmal verhört und wieder laufen gelassen. Was spricht also dagegen, dass dies im Fall JtR nicht auch geschehen sein könnte?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Alexander-JJ am 24.05.2008 17:26 Uhr
Fritz Haarmann hatte das Blut seiner Opfer an seinen Händen und die Tatwaffe in seiner Tasche, als er mit der Polizei zusammenarbeitete?

  :icon_aetsch:


Ok, ich weiß ja wie du es meinst. Aber: Wir reden hier über Jacob Levy und die "Vermutung", das er als Metzger bei einem Verhör das Blut und das Messer erklären könnte und dann laufengelassen würde. Und die Annahme, das er freiwillig mit der Polizei mitging obwohl er Blut an den Händen und die Tatwaffe in der Tasche hatte...

Und das halte ich eben für absurd.



Bei einer einfachen Überprüfung, also ohne Blut, Messer, Organe usw wäre es ja absolut egal ob er Metzger ist oder nicht.


 :)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: zom Palmer am 24.05.2008 18:15 Uhr
Ich denke wir können die Idee, das JTR von der Polizei verhört wurde, zu den Akten legen. Das ist meiner Meinung nach niemals geschehen.

jack muss nicht unbedingt als verdächtiger verhört worden sein. es kann sich dabei auch um eine zeugenbefragung gehandelt haben. da er imo aber durch das raster der polizei gefallen ist (vgl. fbi-profil (hab ich mir nochmal durchgelesen  :icon_smile: )) könnte er auch einfach wieder laufen gelassen worden sein ohne das die polizei ihn als verdächtigen auf die liste gesetzt hat. wie ich schon sagte wir werden es nie erfahren wen city und met alles verdächtigten da sie sich ja nicht über ihre informationen ausgetauscht haben. deshalb imo sollte mann sowas nicht von vornherein ausschließen.

gruss zom
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Alexander-JJ am 25.05.2008 08:51 Uhr
... deshalb imo sollte mann sowas nicht von vornherein ausschließen.

Ganz allgemein wohl nicht.

Aber hier gehts immer noch im Jacob Levy und um seinen Beruf, nämlich Metzger. Weiterhin gingen wir hier davon aus, das er kurz nach der Tat von der Polizei gestellt wurde, Blut an den Händen hatte und die Tatwaffe im Gepäck. Wir gingen davon aus das er freiwillig zur Polizeiwache mitging, dort verhört wurde und sich aufgrund seines Berufes, nämlich Metzger, herausreden konnte und dann freigelassen wurde.

Das halte ich immer noch für absurd.


  :icon_aetsch:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: academyfightsong am 25.05.2008 13:57 Uhr
Ja, ja... ist mir schon klar, dass es hier eigentlich um Jacob Levy geht. Du hast aber eindeutig geschrieben: "Ich denke wir können die Idee, das JTR von der Polizei verhört wurde, zu den Akten legen." Und nur darauf bezog sich meine Antwort.  :icon_aetsch:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Michael Dawn am 03.09.2009 11:50 Uhr
Mich würde doch eins sehr interessieren. Ich meine wenn wir schon beim Thema Jacob Hyam Levy sind.
Also weiss eigentlich jemand wie er ausgesehen hat, dieser Levy?
Gibt es eine genau Beschreibung von ihm?
Wenn ja wäre mir sehr geholfen. Und wenn einer was weiss bitte hier posten  :icon_thumb:

Danke schon mal im Voraus

Michael Dawn

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Larkin am 03.09.2009 18:33 Uhr
Hallo Michael!
Hab jetzt überall nachgeschaut, aber ich finde keine genauere Beschreibung über Levy, als die, dass er ca. 58 Kilo wog und ungefähr 1,60m groß war. Er würde also, vom Aussehen her, ungefähr auf die Zeugenaussagen passen.

Liebe Grüße,
Larkin ;)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Michael Dawn am 03.09.2009 18:41 Uhr
Vielen Dank Larkin  :icon_wink:

Ich finde es gibt über mancherlei Verdächtige viel zu wenig Infos und Daten. Da ich mich gerne mal in die Richtung Levy
bewegen möchte finde ich es eigentlich schade das es keine genaue Beschreibung von ihm gab. Aber macht nichts
es gibt noch so viel spannendes über dieses Thema zu bereden das ich mich schon vor überpeinlicher Freude selbst überschlagen könnte  :icon_mrgreen:

So nun werde ich mir einen Kaffee machen und über meine komischen Sätze, Witze auf meine eigenen Kosten machen  :icon_mrgreen:

Ich wünsche euch n schönen Abend

Michael Dawn

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JohnEvans am 18.09.2009 13:19 Uhr
Verdächtige, die aus der Gegend stammten oder gar "im Milieu" arbeiteten, machen für mich den meisten Sinn. Und das gilt durchaus für Levy oder Le Grande oder Silver (Joseph??) - die haben als Verdächtige sogar mehr zu bieten als mein favorisierter Cross! :icon_mrgreen:

JE
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Amnael am 25.12.2009 18:02 Uhr
Spielt mal Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper!
Dort wird einiges über Levy erzählt, klar, es ist ein Computerspiel, doch dabei habe ich zum ersten Mal von diesem Mann gehört und was im Casebook geschrieben stand, deckt sich in etwa mit den Infos welche im Game vorkamen.
Mehr schreib ich nicht, ich will ja niemandem den Spass vermiesen.  :icon_wink:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Raison-d-eatre am 09.01.2011 14:39 Uhr
... und eben genau das habe ich gerade durch ;D. Das klingt zwar relativ oberflächlich, aber erst durch das Spiel komme ich überhaupt auf Levy.  Das Spiel ist ja alles in allem (siehe Mitwirkende) recht gut recherchiert und relativ logisch. Ich hab mir gerade den Bericht über Levy auf Casebook nochmal angeschaut, da ich recherchieren wollte, ob die Infos die im Spiel auch vorkommen überhaupt stimmen können.
Jetzt stellt sich natürlich als erstes Mal die Frage: Was spricht denn überhaupt gegen Jacob Levy?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Craddock am 10.01.2011 02:24 Uhr
... und eben genau das habe ich gerade durch ;D. Das klingt zwar relativ oberflächlich, aber erst durch das Spiel komme ich überhaupt auf Levy.  Das Spiel ist ja alles in allem (siehe Mitwirkende) recht gut recherchiert und relativ logisch. Ich hab mir gerade den Bericht über Levy auf Casebook nochmal angeschaut, da ich recherchieren wollte, ob die Infos die im Spiel auch vorkommen überhaupt stimmen können.
Jetzt stellt sich natürlich als erstes Mal die Frage: Was spricht denn überhaupt gegen Jacob Levy?

Ich mag das Spiel und halt es auch für gut recherchiert. Aber um auf die letzte Frage zu sprechen zu kommen: Was spricht denn eigentlich genau für ihn? Das würde ich zuerst zu klären versuchen, bevor ich mich damit befasse mögliche Dinge zu finden, die ihn entlasten. Bisher gibts aber nicht viel Belastendes, außer dass er wohl etwas neben der Spur lief. Metzger und Anstalt reichen für mich noch nicht wirklich aus, mich näher mit ihm zu beschäftigen.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: BG Holmes am 05.02.2011 16:24 Uhr
Hi!
..ist es denn eigentlich wahr, was man über Jocob Hyam Levy so weiß und schreibt?
Oder denkt ihr, die Geschichten über ihn sind alle ersponnen oder nachträglich fingiert?
Ich spiele hier vor allem auf seine evtl. persönliche Verbindung zur Goulston Street an und auf die Aussage seines evtl. Schwagers als einer der Hauptzeugen nach dem Mord an CE..

Schönes Wochenende
BG Holmes
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JD am 04.05.2011 11:37 Uhr
Ich habe mal gehört, der Erkenntnis sei es egal, wie man zu ihr gelangt. So gesehen muss man sich nicht schämen, wenn man eventuell durch ein Computerspiel zu neuen Ideen im Fall JtR gelangt - zumal "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" sehr fundiert ist und offenbar von Leuten gemacht wurde, die wirklich Ahnung von der Materie haben. Da mir selbst für Adventures die Geduld fehlt, habe ich mir gestern auf YouTube eine Video-Aufzeichnung des Games reingezogen. Es gibt eine ganze Menge Brimborium, das nichts mit JtR zu tun hat, vor allem in der ersten Hälfte des Spiels. Hinzu kommen jene Logicals, Rätsel und Suchaktionen, die mich bei Adventures immer so abnerven. Interessant für uns ist vor allem die Beweisführung gegen Jacob Levy am Ende des Games. Diese möchte ich im Folgenden mal unkommentiert wiedergeben:

1. JtR ist Rechtshänder

2. JtR ist ein kräftiger Mann

3. JtR hat direkt oder indirekt mit Syphilis zu tun

4. JtR hat blondes Haar und einen Oberlippenbart

5. JtR wohnt in der Gegend um die Aldgate Station

6. JtR ist oder war Metzger

7. JtR trägt Arbeiterkleidung

8. JtR ist 5'3' groß

9. JtR hat mir der jüdischen Gemeinde eine Rechnung offen

10. JtR ist arm

All diese Punkte treffen (angeblich) auf Jacob Levy zu (Siehe Anhang 1).

Ergo: Jacob Levy = Jack the Ripper

Hier nun einige Erläuterungen und (da ich es mir natürlich nicht vekneifen kann) Kommentare zu den einzelnen Punkten:

1. Die Rechts-/Linkshänder-Diskussion hatten wir ja schon mal ausgiebig irgendwo hier im Forum. Sei es wie es sei - Rechtshändigkeit ist ein recht mageres Ausschlußkriterium.

2. Dies wird damit begründet, dass für die Kehlenschnitte ein gewisser Kraftaufwand nötig gewesen sei. Kann man so akzeptieren, trifft aber auch auf sehr viele Bewohner des Eastends zu.

3. Die Begründung hierfür ist interessant. Zum Einen leitet sich daher der Hass auf die Prostituierten ab, bei denen er sich mit der Krankheit infiziert hat. Zum Anderen erklärt es angeblich die Verstümmelungen, insbesondere bei Catherine Eddowes. Kinder, die mit Syphilis geboren werden, zeigen ein bestimmtes Erscheinungsbild: Unter anderem fehlende Augenlider und eingefallene Wangen. Es wird gemutmaßt, dass mindestens eines von Levys Kindern unter angeborener Syphilis litt und er den Prostituierten somit das antun wollte, was sie seinem/n Kind(ern) angetan hätten.

4. Diese Annahme bezieht sich auf die Aussage Lawendes. Dieser war jedoch der einzige Zeuge, der JtR als blond beschrieb. Woher die Autoren des Games wissen wollen, dass Jacob Levy blond war, entzieht sich meiner Vorstellung.

5. Darauf kommt man mit folgender Schlussfolgerung: Vom Dutfield's Yard bis zum Mitre Square braucht man 20 Minuten. Zwischen der Ermodung von Stride und Eddowes lagen aber 40 Minuten. Was tat JtR in den übrigbleibenden 20 Minuten? Antwort: Er ging nach Hause und zog sich um. Dies erkläre zum einen die abweichenden Beschreibungen der Kleidung JtRs an beiden Tatorten und wäre logisch, da er die nach dem Stride-Mord blutverschmierten Klamotten schnellstmöglich vom Leib haben wollte. Hieraus läßt sich ableiten,  dass JtR innerhalb des gelben Ovals auf der Karte im Anhang 2 wohnen muss. Geht man weiterhin davon aus, dass sich  JtR nach dem Schreiben des GSG möglichst schnell (ev. 10 Minuten - ich erinnere mich nicht mehr so genau) nach Hause begeben musste, um nicht während der anschließenden Suche erwischt zu werden, ergibt sich jener rote Kreis in der Karte. Der Wohnort JTRs muss sich also in der Schnittfläche des gelben Ovals und des roten Kreises befinden - was bei Jacob Levy der Fall wäre... Ich erinnere mich, dass sogar diskutiert wurde, ob die Strecke Dutfield's Yard-Mitre Square überhaupt in der vorgegebenen Zeit zu schaffen sei. Daher halte ich 20 Minuten für eine recht gewagte Annahme.

6. Verflixt, ich kann mich jetzt nicht mehr genau dran erinnern, wie Holmes zu dieser Annahme kommt, gehe aber davon aus, dass es die "üblichen" Günde waren: Übung mit dem Messer, anatomisches Wissen, Blutflecken an der Kleidung könnte man erklären... Die Theorie, JtR sei Metzger gewesen, wurde schon öfters diskutiert, unter anderem im Butchers' Row-Thread. Der geneigte Leser mag sein eigenes Urteil fällen.

7. Das mag so gewesen sein. Die verschiedenen Zeugenaussagen sprechen ja durchaus dafür und die Vorstellung von JtR als Cape-und-Zylinder-tragenden Gentleman ist denkbar unsinnig, da man in solch einem Outfit in Whitechapel wohl extrem aufgefallen wäre. Wie aber schon bei den Topics 1 und 2: Als Ausschlußkriterium gibt das nicht viel her.

8. Auch hier bezieht man sich, wie bereits in Topic 4, ausschließlich auf die Aussagen von Lawende und Hyams und lässt alle anderen Zeugenaussagen, die einen größeren Mann beschreiben, außer acht.

9. Hier wird die Sache wieder interessant. Wir erfahren nämlich die Gründe für das GSG und die Organentnahme! Aber der Reihe nach. Jacob Levy wurde von seinem damaligen (jüdischen) Meister des Fleischdiebstahls beschuldigt und verurteilt. Danach sei er innerhalb der jüdischen Community ein Paria gewesen und gemobbt worden. Hieraus resultiere dann sein Hass auf die anderen Juden Whitechapels. Deshalb schrieb Levy das Grafitti in der Goulston Street, wo sein ehemaliger Meister wohnte. Was die Organentnahme angeht... Nun, Jacob war Metzger... Muss ich noch mehr sagen? Und NEIN, Ihr wollt ganz bestimmt nicht wissen, was er mit den Gebärmüttern machte! ...Oder doch? Nun gut, dann lasst es euch bei 5:46 von Holmes himself erklären: http://www.youtube.com/watch?v=y-rhtSqgRt0

10. Das dürfte im Eastend der Regelfall gewesen sein. Und weil er eben so arm war, konnte er sich nur die kostengünstigsten Prostituierten leisten. Dem steht aber dann MJK im Weg, die ja wohl schon eine etwas gehobenere Preisklasse darstellte (jung, hübsch, eigene Wohnung). Auf diesen Widerspruch wird im Game nicht eingegangen. Man könnte ihn damit wegerklären, dass MJK von einem anderen Täter ermordet wurde. Das halte ich aber für sehr unwahrscheinlich.

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Im Casebook-Forum läuft ein Thread namens "Jacob the Ripper" zu Mr. Levy:
http://forum.casebook.org/showthread.php?t=4238

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Personal Note:

Was mir zwar schon vorher theoretisch klar war, mir aber durch das Game noch einmal vor Augen geführt wurde, ist wie entsetzlich dunkel es offenbar z.T. an den Tatorten war. Speziell bei Polly Nicholls und Catherine Eddowes grenzt es schon an ein Wunder, dass JtR sie überhaupt getroffen hat, wenn man die Darstellung im Game zugrunde legt.

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Anhang 1: Beweisführung gegen Jacob Levy am Ende des Games

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: JD am 04.05.2011 11:40 Uhr
Sicherheitshalber (Dateigröße) habe ich die Anhänge mal zweigeteilt. Hier kommen:

Anhang 2: Karte

Anhang 3: Jacob Levy ingame
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: BG Holmes am 29.07.2011 18:55 Uhr
Hey ihr Suchenden

ich war eine lange Zeit nicht aktiv hier und seitdem ist viel passiert bei euch (oder auch nicht).. Ich habe das SH vs. JtR auch gezockt und ich frage mich, ob es jetzt noch jemanden da draußen gibt, dessen Hauptverdächtiger nicht Jacob Hyam Levy ist.

Die meisten von euch werden ja wohl ALLES darüber auf casebook gelesen haben. wenn nicht, dann holt das bitte nach.
Ich denke wir sollten uns nun, nachdem das so vielen als äußerst plausibel erscheint, mit dem WARUM beschäftigen.

Es wurden hier bereits Vergleiche mit ähnlichen Serienmorden getroffen. Der einzige, wirkliche ähnliche Typ Serientäter, den ich JtR zuordnen kann ist der des Peter Norris Dupas. Ein australischer Serienmörder.
Gibt es da draußen einen von euch, der die Geburtsurkunde von Jacob ("Jack") Hyam Levy the butcher ("the Ripper") auffindig machen könnte? oder denkt ihr, er ist eine nachträglich erfundene Figur, die da so gut passt, um von Höherem abzulenken??

PS: habe mir "From Hell" als Comic besorgt. total verstörende Lektüre.. ich verkaufe den Mist für 15€. Super Zustand. Bitte melden, wenn Interesse.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Sindragon am 27.07.2012 18:09 Uhr
Hallo ihr lieben und danke für die Freischaltung :)

Da der Thread mit Jacob Levy ja schon besteht post ich es einfach mal hier dazu :)

Die Infos hab ich hier aus dem Forum, Casebook, Infoseiten über Syphilis, Google und eigenen Vermutungen (z.b. der Zeitraum in dem er sich mit Syphilis angesteckt haben könnte) ^^
Ich hab das ganze mal zusammen gefast und Ausgearbeitet, und wollte mal eure meinung dazu hören.
Durch diese zusammen Fassung und das Ausarbeiten hat sich ergeben das ich Jacob Levy für meinen Hauptverdächtigen Nr.1 halte, wer weis vielleicht sieht das der ein oder andere von euch danach ja auch so :)


Jacob Levy

Geboren 1856, dementsprechendes Alter im Jahre 1888 ist 32. (Was ungefähr auf manche Zeugenaussagen passt)

Eltern Besasen eine Metzgerei in der Middlesex street 111.

Census von 1881 Levy und seine Frau mit 2 Kindern werden mit wohnhaft in der Fieldgate Street 11, Whitechapel aufgeführt. Als Beruf wird Metzger angegeben. (Die Fieldgate Street befindet sich in der nähe der Whitechapel Road, ich werde versuchen eine Karte auf denen die gebiete eingezeichnet sind noch anzuhängen)

1883-1886: Jacob Levy steckt sich bei einer Prostituierten mit Syphilis an, eine damals sehr verbreitete Krankheit. 1881 wird er bereits Verheiratet mit 2 Kindern angegeben. Die Kinder wurden demnach nicht durch die Mutter im Uterus angesteckt. Jacob Levy's Frau hatte Syphilis (es seiden sie hatten zwischen 1883/86-1890 keinen Geschlechtsverkehr und oder Küsten sich nicht, was ich für absolut unwahrscheinlich halte). Syphilis kann sich auch über Küssen übertragen, daraus lässt sich schließe das die Kinder auch Syphilis hatten, wer gibt seinen Kindern nicht ab und an mal einen Kuss vor allem im Kleinkind oder Kindesalter. Wen nicht von Jacob dann von seiner Frau.

10.März 1886: Er wurde zu 12 Monaten haft verurteilt, weil er seinem Meister Sampson(dem die Metzgerei gehörte) zusammen mit Phillips (Freispruch)  und Woolf (4 Monate), Fleisch stahl.

Fassen wir zusammen: Bis zu diesem Zeitpunkt geschah folgendes, Er steckte sich mit Syphilis an, Er infizierte seine Frau, diese wiederum (oder er selbst) infizierte seine Kinder. Syphilis führte damals oftmals zum Tot (Vor allem in solch armen Verhältnissen) also ist er für den Tot seiner ganzen Familie verantwortlich. Er stahl seinem Meister Fleisch und saß im Gefängnis. Das er schon zuvor, durch diese Ereignisse oder durch Syphilis Geisteskrank wurde ist denke ich egal. War er es schon vor diesen Ereignissen wurde es durch die Ereignisse (und Syphilis) nur weiter verstärkt.

5.4. - 19.4. 1886: Er begeht in diesem Zeitraum einen Selbstmord versuch (Er wollte sich erhängen). Ein Wärter merkt wie er öfters dinge vor sich hin murmelt.

21.5.1886: Er wurde im Gefängnis als Geisteskrank erklärt und in das Lunatic Asylum überliefert. Wo er am 3.2.1887 als Geheilt entlassen wird.

3.2.1887: Levy ist Frei.

18.Mai 1888: Levy's Mutter wird beerdigt, sie starb wohl ein paar tage zuvor. Alles kommt wieder hoch, seine Mutter hat er auch noch verloren, seine Familie wird an Syphilis sterben, die er sich bei einer Prostituierten einfing. Kurz darauf beginnen die Morde.

       
7. August 1888: Er tötet Martha Tabram als erstes Opfer, erste Mord und Verstümmelungs Erfahrungen.

31. August 1888: Er tötet Marie Ann Nichols, verstümmelungs versuche steigern sich.

8. September 1888: Er tötet Annnie Chapman, verstümmmelungen steigern sich erneut, das erste mal fehlen Organe ( Geschlechts Organe).

30. September 1888: Er tötet Elizabeth Stride konnte aber nicht mit dem verstümmeln beginnen da er wahrscheinlich von Louis Diemschutz, der mit einem karren und einem Pony die Strase entlang ging, gestört wurde. Wes halb er in der selben nacht eine weitere Frau ermordet.

30. September 1888: Er tötet Catherine Eddowes, in der selben Nacht wo er kurz zu vor Elizabeth Stride ermordete. Bei Catherine Edowes hatte er wieder genügen zeit sie zu Verstümmeln. Gedärme waren heraus genommen Gesicht zerstümmelt, Nase annähernd abgeschnitten, teile der Gebärmutter und die Mutterbänder wurden mit genommen, eine Niere wurde Entfernd und mit genommen. Ein stück der schürze fehlt. Man fand das stück der Schürze in der Goulston Street zusammen mit einer Kreide Nachricht, "Die Juden sind die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden." Mr. Sampson, der von Levy und den anderen bestohlen wurde worauf hin Levy 12 Monate in den Knast/Lunatic Asylum muste, hatte in der Goulston Street seinen Laden. Vielleicht ein Racheakt an seinem Alten Meister, und er versucht es ihm in die Schuhe zu schieben. Vor dem Mord, um ca. 1:35 Uhr verliesen Joseph Lawende, Harry Harris und Joseph Hyam Levy den Imperial Clup in der Duke Street. An der Ecke zu einer Gase die zum Mitre Square führ, wo Catherine Eddowes ermordet wurde, sehen die 3 Männer eine Frau die sich mit einem Mann unterhielt. Bei en Zeugenaussagen er drei Männer verhielten sie sich sehr zurückhaltend. Joseph Hyam Levy sagte sogar gar nicht aus, wahrscheinlich kannte er Jacob Levy (Den er wohnte 1888 in der Hutchington Street 1, welche nur 60 Yards entfernd sei von der Middlesexstreet 36, wo Jacob Levy laut London Buisnes Directory, eingetragen als Metzger, einen Laden besaß.) oder war sogar mit ihm Verwandt. Bei der Gerichtlichen Untersuchung hingegen sagte er das der Mann ca. 3 Inch Größer war als die Frau. Catherine Eddowes war ca. 5 Fuß groß, der Mann dann also 5 Fuß 3 Inch groß, die Größe von Jacob Levy. (Er wurde in der akte der Nervenheilanstalt Stone in Kent mit dieser größe angegeben)
 

9. November 1888: Er tötet  Mary Jane Kelly. Mary Jane Kelly besaß ein eigenes Zimmer was ihm nur zu gute kam er konnte sie Problemlos töten und verstümmeln, des weiteren hatte er auch genug zeit (etwa 4 Stunden). Um 2 Uhr wurde sie zuletzt gesehen und um 6 Uhr Morgens hörte Mrs. Cox, eine anwohnerin, wie jemand ein Zimmer verlies . Sie ist sich aber nicht sicher ob es Kelly's Zimmer war da sie keine tür zuschlagen hörte. Um 10:45 Uhr wurde die Leiche gefunden. Was einen nur noch größeren Zeitraum ergiebt in dem die tat verübt worden konnte. Mary Jane Kelly wurde auf Brutalste art und weise verstümmelt, da er jezt genug zeit und passende Räumlichkeiten hatte. Sein verstümmelungs drang erreichte den höhe punkt und hier konnte er diesen frei ausleben. Das Herz von Kelly wurde nie Gefunden.
 

9. November 1888 – 15. August 1890: Jacob Levy hatte Syphilis woran er leztendlich auch Starb. In dem Zeitraum nach dem Mord an Mary Jane Kelly könnte sich die krankheit im 3. Staium befunden haben. Das 3. Stadium trit ca. 2-5 Jahre nach der Infektion ein. Gehen wir diesen Zeitraum zurück , hat er sich vermutlich zwischen 1883 und 1886 angesteckt. Im 3. Stadium befällt die Krankheit Herz und Nervensystem. Es treten geschwüre am ganzen Körper auf, in er Haut, Organen, Knochen, Blutgefäsen und Nervensystem. Es kann zu kardiologischen Problemen kommen, Herzinfarkt. Und es können Lebensberohliche Aneurysmen entstehen. Unter diesen umständen wäre er nicht in der lage gewesen weiter zu Morden, sein körperlicher zustand wäre dazu nicht in der lage. Durch hautauschläge wäre er zu dem auch viel zu auffälig.
 

15. August 1890: Jacob Levy wird als Geisteskrank in die Nervenheilanstalt Stone in Kent eingewiesen. Als beruf wurde weiterhin Metzger angegeben. Die Diagnose lautete "Manie" an der er schon seit längerem lit. Seine größe wurde mit 5 Fuss 3 Inch angegeben. Es heist sein Frau hätte, als er in Stone war geäusert: Er habe beinahe ihr Geschäft ruiniert, Er habe auch befürchtet jemandem etwas an zu tun, Er höre geräusche und stimmen, die ihm befehlen und ihn zwingen taten zu begehen, die er nicht mit seinem gewissen vereinbaren kann.
 

29. Juli 1891: Jacob Levy verstirbt am Abend an Syphilis.
 
1892: Die Akte wird Offiziel Geschlossen.



So was haltet ihr davon ? :)


Hier eine Karte, die Midlesex street, Fieldgate street, Duke street und Goulston street sind mit roten kreisen markiert.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 24.06.2013 12:43 Uhr
Im Casebook gibt es gerade Anstaltsaufzeichnungen von Jacob Levy zu sehen:

 http://forum.casebook.org/showthread.php?p=264846#post264846

Zwischen:

Rambling and incoherent talking. Restlessness & insomnia

Attempted suicide by strangling. Shouting, restless & talking at night. Violence. Incessantly talking of imaginary people.


und:

Jacob Levy is now of sound mind and fit for discharge.

liegen Monate.

Man sieht hier das Verhalten von Schizophrenen sehr gut und vor allem auch Phasen der Besserung.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Stordfield am 24.06.2013 16:35 Uhr
Danke Sindragon !

Deine Zusammenfassung ist wirklich Klasse. Ich kann sie sehr gut gebrauchen. JtR sehe ich nicht in dieser Richtung, finde Deine Ausführungen trotzdem äußert interessant. Danke!

Gruß Stordfield
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Stordfield am 24.06.2013 17:19 Uhr
oh, fast vergessen Sindragon:

Mir gefällt es, wenn jemand gleich seine Quellen mitliefert. :good:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 08.10.2015 22:06 Uhr
Hallo alle zusammen!

Ich war schon vor ein paar Jahren einmal hier, weil mich Thomas Schachners Buch sehr fasziniert hat. Kürzlich habe ich es wieder gelesen und hier im Forum nachgeschaut, ob es interessante neue Aspekte oder Hypothesen zum Ripper-Fall gibt.

Dabei bin ich auf Jacob Levy gestoßen - und fand ihn einen interessanten Verdächtigen, dem m.E. zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird: Er war ein Metzger, der im Zentrum der Morde lebte, bald danach ins Irrenhaus kam und an den Folgen von Syphilis starb.
Insbesondere die Infos aus der Krankenakte fand ich spannend: er schlafe nun nachts nicht mehr, sondern wandere oft für Stunden ziellos umher. Auch befürchte er, jemandem etwas anzutun. Er höre Geräusche und Stimmen, die ihm befehlen und ihn zwingen Taten zu begehen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne.

Aufgrund von Lestrades großen Engagement, Infos zur Kozminski-Hypothese zusammenzutragen, habe ich dann selbst damit begonnen, mithilfe des Buches, dieses Forums und dem Casebook mal alles zusammenzutragen, was ich zu Jacob Levy als möglichem Tatverdächtigen finden konnte, und dies zusammen mit eigenen Überlegungen zu einer Levy-Hypothese zusammengefügt.

Je mehr ich zusammengetragen habe, desto mehr habe ich mich gewundert, warum Levy in der Täterdiskussion bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde. Denn m.E. passt Levy viel besser ins Profil als so manch anderer, über den spekuliert wurde (z.B. Sickert, Druitt oder Maybrick).

Daher möchte ich meine Levy-Hypothese im Folgenden mal als Ganzes präsentieren und zur Diskussion stellen.

MfG, Arthur Dent



P.S. Ich bitte im Voraus um Nachsicht bei allen Mitforisten, aus deren Beiträgen ich mich schamlos bedient habe, um das Material zusammenzutragen.  ;)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 08.10.2015 22:30 Uhr
Jack the Ripper – Tatverdächtiger Jacob Levy


Jacob Levy wurde 1856 als Sohn des Metzgers Joseph Levy im Londoner Eastend geboren, lebte und arbeitete im Viertel und wurde 1890 aufgrund der Folgen einer fortschreitenden Syphilis-Erkrankung in eine Nervenheilanstalt eingewiesen.

Beruf Metzger:
Sowohl im Census als auch im London Business Directory wird als Beruf von Jacob Levy Metzger angegeben.

Für moderne Profiler ist das Töten von Tieren am Anfang der mörderischen Karriere typisch für die Biographie von Serienkillern, ein Metzgerjunge wächst damit auf und kann seine pathologische Veranlagung durch seine Berufswahl zugleich entwickeln, ausleben und kaschieren. 
Angesichts der Art der Verletzungen bei den Opfern gehen Gerichtsmediziner und Polizei damals wie heute davon aus, dass JTR zumindest grundlegende anatomische Kenntnisse besaß und auch bei schlechtem Lichtverhältnissen sicher mit einem Messer umgehen konnte. Kenntnisse über Anatomie und das Zerlegen von Körpern hatten damals vor allem beruflich damit beschäftigte Gruppen wie Chirurgen oder Schlachter - demnach könnte JTR also Metzger gewesen sein. Dies war z.B. die Meinung von Dr. Frederick Gordon Brown, der Catherine Eddowes untersuchte, und auch von Dr. George Bagster Phillips, der Annie Chapman obduzierte.
Die Tatwaffe soll Gerichtsmedizinern zufolge eine lange, schmale, gerade Klinge gehabt haben, wie sie typisch zum professionellen Zerlegen von Körpern ist, z.B. sog. Amputationsmesser von Chirurgen oder ähnliche Metzgerklingen.
Der Kehlenschnitt deutet ebenfalls auf einen Metzger hin, der es gewohnt ist, so das Schlachtvieh zu töten. Das Töten geschah schnell und effizient, die Verstümmelungen wurden post mortem zugefügt und von Opfer zu Opfer umfangreicher - womit das Töten vor allem Mittel zum Zweck, das eigentliche Ziel hingegen offenbar das Eröffnen und Ausweiden des Unterleibs der Opfer war. Organentfernungen unter Zeitdruck und bei sehr schlechten Lichtverhältnissen, ohne sich total mit Blut zu versauen, spricht für Erfahrungen im Schlachterhandwerk.
Ein Indiz dafür ist auch, dass der Ripper seine Opfer i.d.R. bis zur Bewusstlosigkeit bzw. zum Kreislaufkollaps würgte, bevor er das Messer ansetzte. Offenbar wusste er aus Erfahrung, dass ansonsten das Blut aus den Arterien kräftig spritzen würde, es so aber relativ langsam aus den Wunden rann. Dies verhinderte, dass er selber allzusehr vollgeblutet wurde und erleichterte die Entnahme der Organe, die ansonsten in ein Meer von Blut getaucht gewesen wären.


Motiv Syphilis:
Irgendwann im Zeitraum von 1884 bis 1886 muss sich Jacob Levy mit Syphilis angesteckt haben, die dann 1891 als Todesursache diagnostiziert wurde - vermutlich hat er sie sich wie viele Männer bei einer Prostituierten eingefangen.
Der Zeitraum ergibt sich zurückgerechnet aus dem statistischen Verlauf der Erkrankung: Da er im August 1890 in die Nervenheilanstalt City of London Asylum at Stone in Kent eingeliefert wurde, wo er ein Jahr später an den Folgen der Syphilis starb, dürfte die Krankheit spätestens im ersten Halbjahr 1890 in ihr letztes Stadium eingetreten sein, wobei Levy aber schon die beiden Jahre zuvor unter den Auswirkungen der Krankheit gelitten haben dürfte.
 
Die Infektion mit Syphilis durch eine Prostituierte wird von modernen Profilern als plausibles Motiv für die Morde von JTR angesehen: Es erklärt die Wahl der Opfer und die Verstümmelungen im Unterleib.
Darüber hinaus führte unbehandelte Syphilis zu einer chronischen Hirnentzündung; sensitive oder psychische Veränderungen wurden von den Ärzten damals oft beschrieben, so u.a. auch Gewaltausbrüche, eine übermäßige Steigerung der Libido und verschiedene Arten von Wahrnehmungsveränderungen.
Gut möglich, dass der Ripper sich zuerst gar nicht bewusst dafür entschieden hatte, auf Prostituiertenmord zu gehen, sondern dass die erste Tat eine Affekthandlung war, als er zufällig erneut auf eine Prostituierte traf, die ihn an die Überträgerin erinnerte, und seine ganze Wut über die Infektion wieder hochkam. Weil ihm diese erste Tat Befriedigung verschaffte, zog er danach dann regelmäßig los. Somit könnte Martha Tabram sein erstes Opfer gewesen sein, auf die "nur" eingestochen wurde, noch ohne sie auszuweiden (s.u.). 


Auswahl der Opfer:
Es gab weit über 1000 Gelegenheitsprostituierte in Whitechapel, die ohne Schutz durch einen Zuhälter nachts auf den Straßen nach Kunden suchten - und sie waren eine häufige Ansteckungsquelle für Syphilis.

JTR hatte damit nicht nur eine große Auswahl an potentiellen Opfern, Prostituierte vom Straßenstrich sind auch leichte Opfer, weil sie für das Sexgeschäft freiwillig mit fremden Männern an Orte gehen, wo sie mit ihnen allein sind, und dem Mörder damit auch noch unbeabsichtigt helfen, einen geeigneten Tatort zu finden. Eine zeitaufwendige und vor allem riskante Ausspähung und Verfolgung potentieller Opfer ist nicht notwendig, da sie in der Öffentlichkeit auf Freier warten und oft sogar selber auf potentielle Kunden zugehen.


Nähe zu Opfern:
Die Adresse von Jacob Levys Eltern lautete Middlesex Street 111, er selbst war im Jahr der Morde laut London Business Directory von 1888 in der Middlesex Street 36 gemeldet.
Alle kanonischen fünf Opfer von JTR waren verarmte Gelegenheitsprostituierte, die alle in Armenunterkünften in einem kleinen Umkreis nur etwa 300-400 Meter nordöstlich von Levys Adresse übernachteten und in einem fußläufigen Oval um seinen Lebensmittelpunkt herum getötet wurden. Martha Tabrams letzte Adresse war Satchell's Lodging House in der George Street etwa 300 Meter östlich von der der Middlesex Street (s.u.).

Levy ist in der von modernen Profilern ermittelten Comfort Zone von JTRs Aktivitäten aufgewachsen und wohnte auch als Erwachsener noch dort. Er kannte sich also seit Kindertagen bestens in Whitechapel aus, fiel dort nicht auf und wusste sich angemessen zu verhalten.
Sowohl für die zeitgenössischen als auch die modernen Ermittler war JTR mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Einheimischer mit guter Ortskenntnis, was es ihm ermöglichte, sich schnell und unauffällig zu bewegen und die Polizeistreifen zu meiden, um bei seinen Taten und auf der Flucht nicht erwischt zu werden und relativ schnell von der Straße zu verschwinden.
Als Metzger hatte Levy eine nahegelegene Rückzugsmöglichkeit, die ein Versteck für blutverschmierte Kleidung und Messer bot. Blut an seiner Kleidung und Messer waren wegen seines Berufes alltäglich und erklärbar, nicht schon per se verdächtig. Organe der Opfer konnten unter Metzgerware getarnt werden.
Außerdem bot der traditionelle Petticoat Lane Street Market in der Middlesex Street eine große Auswahl an günstiger Second-Hand-Kleidung zum Wechseln - und dort will der Zeuge George Hutchinson den Verdächtigen vom Kelly-Mord erneut gesehen haben (s.u.).


Verbindung zu Zeugen:
Im Census der Jahre 1851, 1861 und 1871 ist für eben diese Middlesex Street 36 der Metzger Hyam Levy eingetragen, der dort mit seiner Frau Frances und seiner Familie wohnte, 1881 ist dann seine Witwe Frances als Haushaltsvorstand und Metzger eingetragen. Die beiden sind laut Casebook die Eltern jenes Joseph Hyam Levy, der später als Zeuge zum Mord an Catherine Eddowes vernommen wurde. Joseph Hyam Levy arbeitete 1888 selbst als Metzger nur rund 50 Meter von Jacob Levy entfernt in der Hutchinson Street 1, einer Gasse, die in die Middlesex Street mündet.

Mehrere Levys, die sich nicht nur in unmittelbarer Nachbarschaft befanden und der gleichen Branche angehörten, sondern nacheinander auch dieselbe Metzgerei betrieben: Es ist so gut wie sicher, dass sie sich zumindest gekannt haben. Folgt man den Familiendaten des Census, so ein Beitrag im Ripperologist, könnten Jacob und Joseph sogar verwandt gewesen sein. Machte der Zeuge Joseph bei der Vernehmung zum Mordfall Eddowes deshalb so merkwürdige Andeutungen und den Eindruck, er wisse mehr als er zugeben wollte (s.u.)?


Kriminelle Vorgeschichte:
Am 10. März 1886 wird Jacob Levy laut Eintrag beim Central Criminal Court zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er zusammen mit zwei anderen Männern dem Metzgermeister Hyman Sampson Fleisch gestohlen hatte. Als Sampsons Adresse wird im Polizeibericht Middlesex Street 35 genannt, seine Metzgerei lag zwei Jahrzehnte lang in der Parallelstraße Goulston Street 58.

Eine kriminelle Vorgeschichte ist modernen Profilern zufolge typisch für Serienmörder.
Der Ort des Diebstahls liegt zudem in JTRs Comfort Zone, zwischen den Tatorten des Double Event und in der Parallelstraße zu Levys Adresse.
Zudem wurde ein Stück von Eddowes blutverschmiertem Rock in der Tatnacht am Hauseingang des Gebäudes Wentworth Buildings 108-119, Goulston Street, gefunden, unter dem berüchtigten antisemitischen Graffiti (von dem allerdings unklar ist, ob es von JTR stammte).
Falls Jacob Levy der Ripper war, so könnte die Platzierung ein Versuch gewesen sein, die Polizei in die falsche Richtung weiter nach Osten zu lenken - weg von ihm in der Middlesex Street.
Auch Rache an seiner Gemeinde, die sich wegen des Diebstahls von ihm abgewandt hatte, könnte möglich sein, denn laut Superintendent Thomas Arnold wohnten viele Juden dort.


Anzeichen psychischer Instabilität:
Bereits kurz nach seiner Verurteilung begeht Levy im April 1886 einen Selbstmordversuch im Holloway Prison, der jedoch scheitert.
Am 21. Mai 1886 wird er aufgrund des Suizidversuchs und seltsamer Murmeleien für geisteskrank erklärt und in das Essex County Asylum überführt. In den Akten dort wurde festgehalten, er habe gejammert, Irresein sei in seiner Familie erblich, schon sein Bruder habe Selbstmord begangen.
Am 3. Februar 1887 wird Levy dann wieder aus der Anstalt als "geheilt" entlassen.

Offenbar war die Verurteilung so traumatisierend, dass sie zu einem Nervenzusammenbruch führte - vermutlich weil nun sein Ruf in der Gemeinde schwer beschädigt war und die Gefängnisstrafe negative Auswirkungen auf sein Geschäft und seine sozialen Beziehungen hatte.
Diese Entwicklung ist ein deutliches Indiz der beginnenden psychischen Zerrüttung mit der Bereitschaft zu Grenzüberschreitung, kriminellem Verhalten und Gewalt (wenn auch zunächst gegen sich selbst gerichtet).


Möglicher finaler Stressauslöser:
Am 18. Mai 1888 wird Jacob Levys Mutter beerdigt.

Nachdem seine Verurteilung und Einweisung bereits zur Distanzierung seiner Gemeinde geführt haben dürfte, und auch seine Ehe davon und von der Syphilis belastet gewesen sein wird, stirbt nun auch noch eine der wichtigsten Bezugspersonen im Leben eines Menschen.
Für moderne Profiler ist dies ein klassischer Stressauslöser zum Start in eine mörderische Karriere. Ziel der Aggression wird diejenige Gruppe, der der Täter die Verantwortung für sein Schicksal gibt: die Prostituierten von Whitechapel, bei denen er sich mit Syphilis angesteckt hat.


Die Mordserie

Dienstag, 7. August 1888: Martha Tabram im George Yard
Tabram wurde im Treppenhaus des George Yard Buildings 37 vermutlich das erste Opfer von JTR.
Tabram war auf einer Kneipentour mit ihrer Bekannten Mary Ann Connely ("Pearly Poll") und zwei Soldaten. Gegen 0 Uhr trennten sich die Pärchen um Sex zu haben, Connely ging mit dem Corporal zur Angel Alley, und Tabram verschwand mit dem Private in den George Yard.
Gegen 1.40 Uhr stieg das Ehepaar Elizabeth und Joseph Mahoney das Treppenhaus zu ihrem Zimmer hinauf und sah nichts. Auch als Elizabeth Mahoney es kurz darauf wieder durchquerte, um in einem Shop in der Thrawl Street etwas zu Essen zu kaufen, lag Tabram noch nicht da.
Tabram wurde mit einem Stich ins Herz getötet und mit insgesamt 39 Messerstichen in Brust und vor allem Unterleib traktiert. Sie lag auf dem Rücken, ihre Kleider waren hochgeschoben und ihre Beine gespreizt, ebenso wie bei den kanonischen Ripper-Opfern.
Gefunden wurde die Leiche auf dem Absatz des ersten Stocks gegen 4.45 Uhr durch Bewohner John Saunders Reeves, nachdem bereits Bewohner Alfred George Crow gegen 3.30 Uhr Tabram für einen schlafenden Obdachlosen gehalten hatte. Damit muss die Tatzeit zwischen 1.45 Uhr und 3.30 Uhr liegen. Reeves suchte eine Polizeistreife und fand Constable Thomas Barrett auf seiner Runde.

Der Soldat dürfte wohl der Letzte gewesen sein, der Tabram lebend gesehen hat, konnte aber weder von "Pearly Poll" noch von Constable Barrett bei Gegenüberstellungen identifiziert werden, obwohl letzterer auf seiner Streife durch die Wentworth Street gegen 2 Uhr einen Private der Grenadier Guard am Nordende des George Yard stehen sah und ihn ansprach. Der Private sagte dem Polizisten, er warte auf einen Kameraden, der mit einem Mädchen unterwegs sei, darauf ging Barrett weiter seine Streife, bis er drei Stunden später von Reeves zum Tatort gerufen wurde.
Der unbekannte Soldat könnte also den Mord verübt haben, dennoch war er aber wahrscheinlich nicht der Täter: Rund zwei Stunden für Sex mit einer älteren, unattraktiven Prostituierten an einem öffentlich zugänglichen Ort erscheint doch ein ziemlich langer Zeitraum. Wenn sie so lange im Treppenhaus von Nr. 37 gewesen wären, wäre wohl auch das Ehepaar Mahoney oder ein anderer Bewohner auf beide gestoßen.
Zudem hätte ein blutbefleckter Mörder wohl kaum in unmittelbarer Nähe des Tatorts auf seinen Kameraden gewartet und so entspannt auf Polizist Barrett reagiert. Barrett jedenfalls kam nichts an ihm und seinem Verhalten verdächtig vor.
Wahrscheinlicher ist, dass sich Tabram nach 1.45 Uhr noch mit einen anderen Mann - eben dem Ripper - in den George Yard zurückgezogen hat.

Erkenntnissen der modernen Kriminologie zufolge stammt das erste Opfer eines Serientäters oft aus seinem näheren räumlichen Umfeld.
Tabrams letzte bekannte Adresse war Satchell's Lodging House in der George Street, und die Kneipentour endete vor den George Yard Buildings. Levys Heim in der Middlesex Street 36 liegt  nur rund 300 Meter oder etwa 3-4 Minuten Fußweg von beiden Orten entfernt.
Der Profiler William Eckert: "Nachdem der erste Mord geschehen war, in dessen Nähe der Mörder wahrscheinlich lebte, zog er weiter." In diesem Fall in die Buck's Row.


Freitag, 31. August 1888: Marie Ann Nichols in der Buck's Row
Nichols übernachtete zuletzt im White House Nachtasyl in der Flower and Dean Street 56.
Gegen 2.30 Uhr wurde Nichols zuletzt lebend gesehen von ihrer Bekannten Emily Holland an der Ecke Osborn Street / Whitechapel High Street, fast einen Kilometer vom Tatort entfernt, bevor sie betrunken auf der Whitechapel Road weiter Richtung Osten wankte.
Bis ca. 3.20 Uhr kamen nacheinander die Polizisten Neil, Thain und Kirby auf ihren Runden durch die Buck's Row, ohne etwas Verdächtiges zu sehen.
Gegen 3.45 Uhr fanden dann Charles Andrew Cross und Robert Paul auf ihrem Weg zur Arbeit die Leiche von Nichols vor einem verschlossenen Tor (vermutlich hatte der Täter vergeblich versucht, mit ihr in den Hof zu gelangen). Die Tatzeit muss also zwischen 3.20 Uhr und 3.45 Uhr betragen.

Cross war als erster und allein am Tatort, bis Paul kurz darauf dazustieß. Somit könnte Cross der Täter gewesen sein, zumal seine Zeitangaben nicht stimmen können: Er gehe gewöhnlich gegen 3.30 Uhr von zuhause los, sagte er aus, habe diesmal aber sogar früher gegen 3.20 Uhr das Haus verlassen. Von seiner Adresse in der Doveton Street bis zum Tatort brauchte man aber gerade mal 10 Minuten - es fehlt eine ganze Viertelstunde. Zudem liegen alle Tatorte JTRs auf den Wegen zwischen der Wohnung von Cross, seiner Arbeit als Fleisch-Auslieferer in der Broad Street und dem Wohnort seiner Mutter.
Allerdings hätte Cross, als er die Schritte von Paul hörte, einfach nach Westen verschwinden können, ohne erkannt zu werden, statt auf ihn zu warten: Es sind rund 100 Meter vom östlichen Ende der Buck's Row bis zum Tatort und es war noch dunkel. Bis zu den Querstraßen im Westen als Fluchtwege sind es weniger als 50 Meter. Stattdessen wartete er und ging mit Paul einen Polizisten suchen. Außerdem lebte er noch mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Morde als unbescholtener und gesunder Bürger weiter. Daher war Cross wohl eher nicht der Ripper.   

Was Jacob Levy betrifft: Der Tatort ist zwar rund 1300 bis 1400 Meter und damit etwa 16-18 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.
Aber Nichols übernachtete im White House Nachtasyl in der Flower and Dean Street 56, und trieb sich bis 2.30 Uhr in der Umgebung der Hauptverkehrsader Whitechapel High Street herum, beides nur rund 300 Meter von Levys Adresse entfernt.
Es ist kriminologisch plausibel, dass JTR auf seiner Jagd auch das anonyme Gewimmel der Hauptverkehrsadern Whitechapel Street und Commercial Street nutzte und beobachtete, ob ein potentielles Opfer in ruhigere Nebenstraßen abbog, um ihr dahin zu folgen. Zudem erscheint es vernünftig, diesmal nicht allzu nah beim eigenen Heim zuzuschlagen.

Vielleicht war JTR auch gar nicht auf seine eigenen vier Wände als sichere Zuflucht eingeschränkt, sondern konnte an verschiedenen Orten unauffällig von der Straße verschwinden. Interessant an der Metzger-Theorie ist nämlich, dass sich in der Nähe von mindestens drei Tatorten Schlachthäuser befanden: Zwei Harrison, Barber & Co Slaughterhouses, eines in der Winthrop Street, Parallelstraße zum Tatort Buck´s Row, und im Barber´s Yard nahe Tatort Hanbury Street, sowie ein Schlachthaus in der Harrow Alley, Eingang von der Butcher's Row, Nahe Tatort Mitre Square. Da in diesen auch über Nacht gearbeitet wurde, hätte ein Metzger dort als Einkäufer für sein Geschäft auftreten oder als Schlachter arbeiten können. Das Tragen seiner Arbeitsgeräte und blutverschmierter Arbeitskleidung wäre dort nicht per se verdächtig.


Samstag, 8. September 1888: Annie Chapman in der Hanbury Street
Chapman verbrachte ihre letzten Nächte in der Crossingham's-Unterkunft in der Dorset Street 35.
Gegen 1.50 Uhr verließ sie das Asyl Richtung Norden in die Brushfield Street.
Gegen 5.30 Uhr am frühen Morgen wurde Chapman zum letzten Mal lebend gesehen, und zwar von der Zeugin Elizabeth Long. Unmittelbar vor dem Tatort in der Hanbury Street 29 nur etwa 300 Meter vom Asyl entfernt soll sie laut Longs Aussage mit einem Freier gesprochen haben:
"Willst du?" - "Ja."
Long beschreibt den Verdächtigen wie folgt: Knapp 40 Jahre alt, etwas größer als Chapman, dunkler Mantel und tief ins Gesicht gezogener dunkler Hut, fremdländisches Aussehen.
Etwa zur selben Zeit geht Albert Cadosch aus dem Nachbarhaus Nr. 27 in seinen Hinterhof zur Toilette, als er danach ins Haus zurück will, hört er vom Hof nebenan zunächst ein leises "No" und wenige Minuten später bei seinem Aufbruch zur Arbeit etwas gegen den Zaun stoßen.
Gegen 6 Uhr wurde Chapmans Leiche im Hinterhof vom Bewohner John Davies entdeckt.
Die Tatzeit liegt also zwischen 5.30 Uhr und 6 Uhr, und die Zeugin Long hat damit wohl den Ripper bei Chapman gesehen.

Da die Tatzeit bereits nahe der beginnenden Morgendämmerung und dem wieder einsetzenden "Berufsverkehr" in den Straßen liegt, hatte JTR nicht viel Zeit, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden, bevor es richtig hell wurde.
Der Tatort ist rund 700 Meter oder etwa 8-9 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.

Interessant ist auch ein bekannt gewordener Zwischenfall im Prince Albert Pub an der Ecke Brushfield Street / Steward Street, etwa 200 Meter westlich vom Tatort:
Am frühen Morgen tauchte laut Aussagen der Inhaberin Mrs. Fiddymont ein Mann auf, dessen Erscheinung Mrs. Fiddymont und ihrer Freundin Mary Chappell Angst machte: Er trug einen dunklen Mantel, hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, sein Hemd war gerissen und er hatte offenbar Blutflecken auf seinem rechten Handrücken. Als er bemerkte, dass er kritisch beäugt wurde, drehte er sich weg, trank sein Bier in einem Zug aus und verließ den Pub sofort wieder. Mary Chappell folgte dem Mann in die Brushfield Street, stellte fest, dass er Richtung Westen ging und wies den Passanten Joseph Taylor auf den Mann hin.
Die drei wurden später von der Polizei zu zwei Gegenüberstellungen geladen, aber unter den vorgeführten Verdächtigen erkannten sie den Mann nicht wieder.
Bemerkenswert daran ist, dass nahe der Brushfield Street die Sandy Bow geradewegs zur Middlesex Street hinunter führt.


24. September 1888: Der erste Bekennerbrief
Durch die Grausamkeit der Morde und die Sensationsberichterstattung der Zeitungen nahm die öffentliche Aufmerksamkeit sprunghaft zu und Hysterie breitete sich in Teilen der Bevölkerung aus.  In der Folge davon erreichten Dutzende angebliche Bekennerschreiben die Polizei und die Presse.
Das erste davon war an Polizeichef Sir Charles Warren selbst adressiert, seine Existenz wurde damals geheim gehalten. Es lautete:
"Dear Sir,
ich würde gerne aufgeben, ich befinde mich in einem Albtraum. Ich bin der Mann, der alle diese Morde in den letzten sechs Monaten begangen hat. Mein Name ist (mit der Zeichnung eines Sargs unkenntlich gemacht). Ich bin ein Schlachter und arbeite bei (mit zwei Balken unkenntlich gemacht). I have found the woman I would that is Chapman and I done what I called slautered her (?). Aber wenn jemand kommt, werde ich aufgeben. Aber ich werde nicht von selbst zur (Polizei-)Station gehen. Hochachtungsvoll (mit der Zeichnung eines Sargs unkenntlich gemacht)."
Rückseite:
"Haltet das Viertel sauber, oder ich werde ihm einen Besuch abstatten. (Zeichnung eines Messers) Dies ist das Messer, mit dem ich die Morde begangen habe. Es hat einen schmalen Griff mit einer langen Klinge, beide Seiten scharf."

Die meisten Bekennerbriefe wurden von der Polizei schon damals als geschmacklose Scherze von Trittbrettfahrern abgetan, nur wenige wurden ernst genommen. Selbst die berühmt gewordenen Briefe, in denen der Mörder sich angeblich den Namen "Jack the Ripper" gab (der "Dear Boss"-Brief und die "Saucy Jacky"-Postkarte) werden inzwischen für Fakes gehalten und sollen aus der Feder ebenjenes Sensationsreporters Thomas Bulling von der Central News Agency stammen, welche die Briefe der Polizei übergab.
Jener erste Brief aber erscheint bemerkenswert: Erstens bezeichnet sich der Autor selbst als Schlachter. Zweitens ist er nicht verhöhnend, sondern scheint der Hilferuf eines kranken Menschen zu sein, der in einer tiefen inneren Zerrissenheit gefangen ist - so wie der Zustand Jacob Levys bei der Einlieferung ins Irrenhaus von seiner Frau beschrieben wurde.
Der Satz mit Chapman ist aufgrund seiner Formulierungen und der fehlenden Satzzeichen verwirrend, aber "and I done what I called" könnte bedeuten: "und ich habe getan, was mir befohlen wurde" - was ein Hinweis auf die befehlenden Stimmen sein könnte, die ein Wahnkranker oft hört, und von denen Levys Frau sprach (s.u.).


Sonntag, 30. September 1888: Nacht des Double Event
Mord an Elizabeth Stride in der Berner Street 40/42, etwa 45 Minuten später an Catherine Eddowes auf dem Mitre Square.

Stride übernachtete bis zu ihrem Tod im Armenasyl in der Flower and Dean Street.
Zwischen 0.35 und 0.45 Uhr sahen mehrere Zeugen (Polizist William Smith, Anwohner James Brown, Zeuge Israel Schwartz) Stride mit einem Mann in der Nähe des Berner Street Clubs. Beschrieben wird er übereinstimmend als knapp 1,70 groß, etwa 30 Jahre alt, heller Teint, Schnauzbart, dunkler Mantel und Schirmmütze. Polizist Smith bemerkte zudem ein Päckchen in seiner Hand.
Der aus Norden von der Commercial Road vorbeikommende Israel Schwartz will sogar eine Auseinandersetzung wahrgenommen haben, weswegen er schnell weitergegangen sei, sagte er später der Polizei. Der Mann habe die Frau am Tor zum Dutfields Yard zu Boden geworfen, die Frau habe kurz aufgeschrien. Als er zurückgeblickt habe, sei gerade ein anderer Mann mit einer Pfeife aus dem nahen Pub gekommen und es habe eine kurze verbale Auseinandersetzung mit dem Verdächtigen gegeben, bis der Verdächtige "Lipski" gerufen habe. Da sei der andere auf Schwartz zugegangen und Schwartz sei aus Angst weggelaufen.
Gegen 1 Uhr dann wurde Strides Leiche vom Verwalter des Clubs, Louis Diemschütz, im Torweg des Dutfield Yard neben dem Club gefunden. Im Gegensatz zu den anderen Opfern wurde ihr nur die Kehle durchgeschnitten, aber offenbar wegen der Störung durch die Zeugen keine Verstümmelungen des Unterleibs mehr vorgenommen.

Als plausibelste Interpretation dieser Szene scheinen Schwartz und der Mann mit der Pfeife mitten in den Angriff des Rippers hineingeplatzt zu sein. Weil Schwartz schon auf der Flucht war, als der Pfeifenraucher auf die Straße kam, tat der Mörder offenbar so, als sei er ein unschuldiger Helfer und konnte den anderen Mann mit dem Ausruf "Lipski" davon überzeugen, dass der nach Süden flüchtende Schwartz der Angreifer gewesen sei, so dass "Pipeman" die Verfolgung von Schwartz aufnahm (leider konnte "Pipeman" nie identifiziert werden).
Lipski war ein Jude aus dem Viertel, der 1887 wegen Mordes verurteilt worden war - und sein Name war in antisemitischen Kreisen zum Schimpfwort gegen Juden im allgemeinen und zum Synonym für Mörder im speziellen geworden.
Indem der Mörder den einen Zeugen so auf den anderen hetzte, konnte er vom Tatort (vermutlich über die Batty Street, wo später blutige Wäsche gefunden wurde) schließlich nach Norden in die Commercial Road fliehen. Er wollte angesichts der Beinahe-Entlarvung mit ziemlicher Sicherheit zu seinem Versteck zurück - und in der Richtung, die er einschlug, liegt die Middlesex Street.
Da JTR aber sein eigentliches Ziel - die Verstümmelung - bei Stride nicht mehr umsetzen konnte, suchte er, als er sich wieder sicher fühlte, schließlich ein weiteres Opfer.


Eddowes und ihr Mann John Kelly lebten überwiegend im Armenhaus "Cooney's" in der Flower und Dean Street 55.
Gegen 1 Uhr wurde Eddowes aus der Ausnüchterungszelle der Polizeistation Bishopsgate Street entlassen und ging Richtung Süden, höchstwahrscheinlich die Houndsditch entlang zurück zur Aldgate High Street, wo sie den frühen Abend verbracht hatte.
Gegen 1.30 Uhr checkte Constable Edward Watkins auf Streife den Mitre Square, ohne etwas  Verdächtiges festzustellen.
Etwa um diese Zeit verließen Joseph Lawende, Harry Harris und Joseph Hyam Levy den Imperial Club, Duke Street, schräg gegenüber der Church Passage zum Mitre Square, und sahen einen Mann und eine Frau am Eingang der Passage in einem leisen Gespräch.
Der Zeuge Lawende beschrieb den Mann wie folgt: Etwa 30 Jahre alt, knapp 1,70 Meter groß, blasser Teint, heller Schnauzbart, durchschnittlicher Körperbau, graue Jacke, graue Stoffkappe und rötliches Halstuch, sah wie ein Seemann aus (wobei aber Seemänner selten "blassen Teint" haben).
Gegen 1.38 Uhr ging Constable James Harvey durch die Church Passage und schaute in den dunklen Mitre Square, sah jedoch nichts und kehrte auf seine Runde zurück.
Gegen 1.45 Uhr kam Constable Edward Watkins von der anderen Seite (Mitre Street) wieder durch den Hauptzugang in den Mitre Square und entdeckte beim Herumleuchten mit seiner Lampe die tote Eddowes in einer dunklen Ecke liegen.
Laut Inspector Robert Sagar von der City Police soll ein Polizist (vermutlich Watkins) kurz zuvor gesehen haben, wie ein Mann aus der Mitre Street in östliche Richtung verschwand. Aufgrund der Sichtung dieses Mannes liefen anschließend Polizisten durch Gravel Lane und Stoney Lane, um Hinweise auf den Fluchtweg des Mörders zu finden - dieser Weg führt in die Middlesex Street und weiter in die Goulston Street.
Einer davon war Detective Constable Daniel Halse, der mit zwei Kollegen gegen 1.55 Uhr an der Ecke Houndsditch bei St. Botolph's Church stand und aufgrund der Alarmierung in den Mitre Square kam. Nachdem Halse Instruktionen zur Befragung der Anwohner gegeben hatte, eilte er zuerst in die Middlesex Street und, weil er dort niemanden sah, weiter in die Wentworth Street, wo er zwei Passanten überprüfte. Gegen 2.20 Uhr checkte er die Goulston Street, um nach vergeblicher Suche zum Mitre Square zurückzukehren.
Gegen 2.55 Uhr schließlich fand Constable Alfred Long auf seiner Runde ein Stück der blutigen Schürze von Eddowes im Hauseingang der Wentworth Dwellings 108-119, Goulston Street. Darüber an der Wand stand mit Kreide der Satz: "Die Juden sind die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden." Long zufolge soll die Schürze auf seiner vorherigen Runde gegen 2.25 Uhr noch nicht dort gelegen haben. Ob das antisemitische Graffiti zuvor schon da gewesen war, wusste er nicht.

War Levy der Ripper, wäre er nach der unterbrochenen Tat an Stride in Richtung der Middlesex Street geflüchtet, um schnell von der Straße verschwinden zu können, dann aber mit oder ohne einen Zwischenstopp zuhause weiter Richtung Westen gezogen, wo er in der Houndsditch oder Duke Street den Weg von Eddowes kreuzte.
Er hätte auch nach dem Mord an Eddowes zuhause einen Zwischenstopp einlegen können, um Blut, Messer, Gebärmutter und Niere loszuwerden und sich umzuziehen, bevor er die Schürze platzieren ging, um eine falsche Spur zu legen.
Die Berner Street ist rund 700 Meter oder etwa 8-9 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.
Die Strecke zwischen Berner Street und Mitre Square beträgt rund 1000 Meter oder etwa 12-15 Minuten Fußweg.
Die Strecke zwischen Mitre Square und Middlesex Street 36 beträgt rund 300 Meter oder etwa 3-4 Minuten Fußweg.

Die Strecke vom Mitre Square zur Goulston Street beträgt nur rund 500 Meter oder 6-7 Minuten. Entweder haben die Polizisten Halse und Long die Schürze gegen 2.25 Uhr übersehen, oder JTR hat sich zeitweise in einer Zuflucht versteckt, bevor er sie ablegte. Ein Umweg von rund einer dreiviertel Stunde durch die Straßen voller alarmierter Polizisten ist eher unwahrscheinlich - daher dürfte die Rückzugsmöglichkeit des Rippers in unmittelbarer Nähe gewesen sein. Die Ablage der Schürze würde dann für ein Ablenkungsmanöver von JTR sprechen, das die Ermittler auf eine falsche Fährte locken sollte weiter nach Osten, weg von der Umgebung des Mitre Square und seiner Zuflucht.
Wenn Levy der Ripper war, hätte er damit aufgrund der Erkenntnis, zu nah an seinem Zuhause zugeschlagen zu haben, bewusst die Spur vom Grenzgebiet der City Police, wo er wohnte, weiter nach Osten in das Territorium der Metro Police gelenkt.
Oder vielleicht konnte er auf seiner Flucht auch einfach nicht auf direktem Weg sein Heim in der Middlesex Street 36 erreichen, weil gerade jemand in der Straße unterwegs war, so dass er einen Bogen schlagen musste, um seine Zuflucht unbeobachtet hinten herum zu erreichen.
Die Strecke zwischen den Parallelstraßen Goulston Street und Middlesex Street beträgt außen herum nur rund 200 Meter oder etwa 2-3 Minuten Fußweg - wenn es eine Möglichkeit gab, über die Hinterhöfe zwischen den beiden Gebäudereihen zur anderen Seite zu kommen, sogar ohne gesehen zu werden.

Bemerkenswert ist, dass es am Tatort im Mitre Square sehr dunkel war: Die Streifenpolizisten mussten ihre Lampen verwenden, um in den Ecken überhaupt etwas erkennen zu können. JTR hatte nur etwa 10 Minuten für die Verstümmelungen, die noch umfangreicher als bei den vorherigen Opfern waren. Insbesondere die Entfernung von Gebärmutter und Niere in der Dunkelheit zeugen davon, dass der Ripper offenbar Übung darin hatte, einen Körper schnell mit einem Messer zu zerlegen. Auch dies deutet auf einen Metzger hin, eine Ansicht, die u.a. Dr Frederick Gordon Brown vertrat, der Eddowes Leiche untersuchte.

Merkwürdigerweise taucht in den Berichten über die Coroner-Untersuchung zu Strides Tod der wichtige Zeuge Israel Schwartz gar nicht auf.
Und bei der Coroner-Untersuchung zu Eddowes Tod wurde dem Zeugen Joseph Lawende verboten, den Verdächtigen vor dem Publikum genauer zu beschreiben - offenbar aus ermittlungstaktischen Gründen.
Dies deutet darauf hin, dass die Polizei glaubte, eine heiße Spur zu haben.
Zumal Lawendes Begleiter Joseph Hyam Levy bei der polizeilichen Vernehmung den Eindruck gemacht hatte, mehr zu wissen, als er zugeben wollte. So soll er beim Anblick von Eddowes und dem Mann zu seinen beiden Begleitern gesagt haben, wenn er solche Charaktere sehe, wolle er nicht alleine nach Hause gehen, und man solle den Hof beobachten (!). Als er beim Verhör gefragt wurde, ob er denn Angst gehabt habe, antwortete er kryptisch: nicht wirklich um sich.
Frage: "What was there terrible in their appearance?" - Antwort: "I did not say that." - Frage: "Your fear was rather about yourself?"- Antwort: "Not exactly." (!)


Polizei-Razzia bei Metzgern im Oktober:
Die Polizei führte in den folgenden Wochen (3.-18. Oktober) in der Umgebung des Mitre Square
Haus-zu-Haus-Befragungen durch. Der stellvertretende Polizeipräsident Robert Anderson schrieb, dass man alle Männer des Viertels überprüft habe, die den Zeugenaussagen entsprachen und sich blutbefleckter Kleidung entledigen konnten.
Die Polizei durchsuchte auch 76 Metzgereien und Schlachtereien im Viertel und überprüfte alle Personen, die in den letzten sechs Monaten dort beschäftigt waren, verschiedene Verdächtige wurden unter Beobachtung gestellt.

Interessanterweise folgte nach dem Double Event die längste Pause zwischen den Ripper-Morden von fast sechs Wochen. Ursache dafür könnte der Ermittlungsdruck durch die Behörden gewesen sein, was für die Annahme spricht, dass die Polizei mit der Untersuchung des Metzger-Milieus rund um Aldgate High Street dem Ripper näher kam, so dass er vorerst pausieren musste, bis die polizeilichen Aktivitäten in seinem Umfeld wieder zurückgingen.
 

Freitag, 9. November 1888: Mord an Mary Jane Kelly im Miller's Court
In ihrer letzten Nacht verließ Mary Jane Kelly mehrmals ihr Zimmer im Miller's Court, Dorset Street 26, und kehrte mit verschiedenen Freiern wieder dorthin zurück, nachdem sie den frühen Abend mit ihrem Exfreund Joseph Barnett verbracht hatte.
Gegen 23.45 Uhr sah ihre Nachbarin Mary Ann Cox, wie Kelly mit einem Kunden auf ihr Zimmer ging. Zwischen 0.30 Uhr und 1 Uhr hörten Cox und Nachbarin Catherine Picket sie singen.
Ihre Nachbarin Elisabeth Prater kehrte gegen ein Uhr zurück, wartete erst 20 Minuten vor dem Eingang zum Court auf ihren Freund und ging, als er nicht kam, noch für zehn Minuten in McCarthys Laden nebenan. Gegen 1.30 Uhr stieg sie die Treppen zu ihrem Zimmer direkt über Kellys hinauf, ohne dort Licht zu sehen oder etwas zu hören, und ging zu Bett.
Der Zeuge George Hutchinson, ein Bewohner des Victoria Home in der Commercial Street, ging am 12. November zur Polizei und sagte aus, dass er seine Bekannte Mary Jane Kelly am 9. November gegen 2 Uhr in der Commercial Street getroffen habe.
Kurz darauf sei sie mit einem Kunden an ihm vorbei zurück auf ihr Zimmer gegangen. Weil der Mann sein Gesicht vor ihm habe verbergen wollen, sei er beiden gefolgt und habe rund eine dreiviertel Stunde den Hof beobachtet, jedoch ohne etwas Verdächtiges wahrzunehmen. Gegen 3 Uhr sei er schließlich gegangen.
Hutchinson beschrieb den Mann als etwa Mitte 30, knapp 1,70 Meter groß, blasser Teint, dunkle Augen und Haare, dünner gezwirbelter Schnurrbart, jüdisches Erscheinungsbild, mürrisches Aussehen, dunkler Mantel, dunkler Hut, kleines Päckchen in seiner Hand.
Sarah Lewis, die gegen 2.30 Uhr zu ihrer Bekannten Mrs. Keyler im Miller's Court ging, um dort zu übernachten, sah gegenüber dem Hofeingang einen Mann stehen - dabei handelte es sich vermutlich um Hutchinson.
Zwischen 3.15 Uhr und 3.45 Uhr hörten sowohl Lewis wie auch Elizabeth Prater einen leisen, unterdrückten Schrei vom Hof her: "Mord!"
Gegen 6.15 Uhr hörte Nachbarin Marie Ann Cox Schritte im Hof und sah dort einen Mann Mitte 30 mit dunkler Kleidung (schränkt jedoch ein, es könnte auch ein Polizist gewesen sein).
Gegen 7.30 Uhr klopfte Nachbarin Catherine Picket an Kellys Tür, um sich einen Schal zu leihen, aber nichts regte sich.
Gegen 10.45 Uhr wurde Kellys Leiche von Hausverwalter Thomas Bowyer entdeckt, der die Miete eintreiben sollte.

Theoretisch könnte Hutchinson der Täter gewesen sein, der nach dem Verschwinden des Kunden gegen 3 Uhr selbst zu Kelly ging - nur: warum hätte er dann bei der Polizei auftauchen und sich mit dem Geständnis seines "Stalkings" verdächtig machen sollen? Inspektor Abberline hielt ihn für glaubwürdig.
Plausibel wäre aber, dass der von Hutchinson beschriebene Kunde nach 3 Uhr ging - und dass erst der nächste Besucher Kellys der Ripper war. Dann wäre Hutchinsons Beschreibung unbrauchbar.
Bemerkenswert ist jedoch, dass Hutchinson aussagte, er glaube denselben Mann später noch einmal gesehen zu haben, und zwar am 11. November in der Petticoat Lane / Middlesex Street - wo Levy wohnte und es den Straßenmarkt mit günstiger Second-Hand-Kleidung gab.
Wenn JTR die Person war, die von Cox gegen 6.15 Uhr im Hof bemerkt wurde, muss er beim Verlassen des Tatorts unter Zeitdruck gestanden haben, weil es langsam hell wurde.
Falls Levy der Ripper war: Der Tatort in der Dorset Street 26 ist rund 600 Meter oder nur etwa 7-8 Minuten Fußweg von der Middlesex Street 36 entfernt.

Merkwürdig war nach den Coroner-Untersuchungen zum Double-Event auch die Anhörung im Fall Kelly: Sie wurde im Distrikt Shoreditch vom dort zuständigen Richter vorgenommen und nicht in Whitechapel, mit der seltsamen Begründung, zuständig sei der Ort der Aufbahrung, nicht der Tatort. Sie wurde bereits am 12. November eröffnet, mit sich nicht zuständig fühlenden Geschworenen, in hohem Tempo durchgepeitscht und schon am selben Tag wieder abgeschlossen. Richter Roderick Macdonald sagte: "Wenn die Geschworenen allein zu der Todesursache zu einem Ergebnis kommen, so ist das alles, was sie zu tun haben."
Zeugen oder Beweismittel zur Strafverfolgung sollten nicht weiter öffentlich thematisiert werden - wahrscheinlich aus ermittlungstaktischen Gründen, weil man einen Tatverdächtigen nicht warnen wollte, während er unter Beobachtung stand, um ihn auf frischer Tat stellen zu können.
In H. L. Adam's Serie "The People on Scotland Yard and its Secrets" von 1912 zitiert der Autor  Assistant Commissioner Anderson: "Sir Robert Anderson has assured the writer that the assassin was well known to the police, but unfortunately, in the absence of sufficient legal evidence to justify an arrest, they were unable to take him. It was a case of moral versus legal proof. The only chance the police had, apparently, was to take the miscreant red-handed…"


"Butcher's Row Suspect"
Nach dem Kelly-Mord begann die City Police laut den Aussagen verschiedener Polizisten damit, mehrere Monate lang einen Tatverdächtigen in der Butcher's Row zu observieren.

Butcher's Row war kein offizieller Straßenname, so wurde wegen der vielen Metzger und der dahinter liegenden Schlachterei jener Abschnitt der High Aldgate Street genannt, der an der Einmündung der Middlesex Road liegt, wo Jakob Levy wohnte (sie stellt die Grenze zwischen City of London und Whitechapel sowie zwischen den beiden Polizei-Distrikten dar).

In Zeitungsinterviews sagte Robert Sagar von der City Police Jahre später, dass man nach dem Kelly-Mord einen Metzger unter Beobachtung gestellt habe, der in der Butcher's Row arbeite und von dem man annehme, dass er der Ripper sei, und dass dieser Mann letztendlich von seinen Leuten in ein Irrenhaus eingeliefert worden sei.
Auch Detective Inspector Henry Cox von der City Police wurde Jahre später in einem Zeitungsartikel zu den Observationen zitiert, ohne jedoch Namen zu nennen.
Henry Cox: "The man we suspected was about five feet six inches in height, with short, black, curly hair, and he had a habit of taking late walks abroad. He occupied several shops in the East End, but from time to time he became insane, and was forced to spend a portion of his time in an asylum in Surrey. (...) While the Whitechapel murders were being perpetrated his place of business was in a certain street, and after the last murder I was on duty in this street for nearly three months."

Die Maßnahmen der City Police deuten darauf hin, dass die Indizien und Zeugenaussagen sie in dem Verdacht bekräftigten, es bei JTR mit einem einheimischen Metzger in der Umgebung von Aldgate High Street und Middlesex Street zu tun zu haben
Vielleicht war es sogar Jacob Levy, der beobachtet wurde - aber leider ist eine genaue Adresse und der genaue Zeitraum der Observationen nicht bekannt.
Sowohl Jacob Levy als auch Joseph Hyam Levy sollen aber Geschäftsverbindungen in der Butcher's Row gehabt haben, vermutlich kauften sie auch in der dortigen Schlachterei ein. Levy könnte sogar wegen seines ruinierten eigenen Geschäfts dort oder in einer anderen Metzgerei in der Butcher's Row zeitweise gearbeitet haben.


Mittwoch, 17. Juli 1889: Mord an Alice McKenzie in der Castle Alley
Police Constable Walter Andrews entdeckte gegen 0:50 Uhr in der Castle Alley den leblosen Körper von Alice McKenzie, etwa eine halbe Stunde, nachdem er das letzte Mal auf seiner Runde dort gewesen war. Zeugen der Tat gab es keine. Ihre linke Halsschlagader war durchtrennt, ihr Rock war hochgeschoben und der Unterleib mit einem Messer traktiert worden, allerdings waren die Verletzungen eher oberflächlich.

Die Polizisten und die untersuchenden Ärzte waren uneinig darüber, ob es sich um ein weiteres Ripper-Opfer handelte. Einiges passte ins Schema: McKenzie übernachtete in einem Armenhaus, war rund 40 Jahre alt, Prostituierte und Trinkerin - und wurde im Zentrum von JTRs Aktivitäten getötet. Allerdings wurde ein anderes Messer benutzt, und vermutlich war dieser Täter anders als JTR Linkshänder. Zudem wurde sie nicht gewürgt, es gab keinen vollständigen Kehlenschnitt, die Wunden waren nicht so tief und der Unterleib war nicht ausgeweidet.
Der Täter hätte wahrscheinlich durchaus genug Zeit für weiterreichende Verstümmelungen gehabt, denn er war wohl diesmal nicht gestört worden. Indiz dafür: Obwohl es kurz geregnet hatte, war der Gehweg unter McKenzies Körper trocken, was bedeutet, dass sie wohl schon vor dem Schauer getötet wurde und somit einige Zeit unentdeckt dagelegen hatte. Möglicherweise war es ein Nachahmungstäter, der dem Ripper diesen Mord in die Schuhe schieben wollte.
Falls es doch JTR war, deutet alles darauf hin, dass er nicht mehr auf der Höhe seiner physischen und/oder psychischen Kräfte war - Folgen der fortschreitenden Syphilis?
Auch der große zeitliche Abstand zu den übrigen Taten fällt auf: JTR hatte eine sehr kurze Abkühlphase, so dass längere Pausen wohl nur durch widrige Umstände wie Krankheit, Einweisung oder Ermittlungsdruck der Polizei zu erklären sind.
Falls Levy der Täter war: Der Tatort ist nur 100-200 Meter oder 1-2 Minuten Gehweg von Butcher's Row und Middlesex Street entfernt.


Das Ende

15. August 1890: Einlieferung ins Irrenhaus
Jacob Levy wird als geisteskrank in die Nervenheilanstalt City of London Asylum at Stone in Kent eingeliefert.
In der Krankenakte wird als Einweisungsgrund "Manie" eingetragen, an der er schon seit längerem leide. Er soll bei seiner Einlieferung noch in guter körperlicher Verfassung gewesen sein, seine Größe wird mit knapp 1,70 Meter und sein Gewicht mit 60 Kilo angegeben.
Seine Frau soll den Anstaltsakten zufolge nach der Einweisung gesagt haben, Levy habe beinahe ihr Geschäft ruiniert, früher sei er ein sehr guter Geschäftsmann gewesen. Aber er schlafe nun nachts nicht mehr, sondern wandere oft für Stunden ziellos umher. Auch befürchte er, jemandem etwas anzutun. Er höre Geräusche und Stimmen, die ihm befehlen und ihn zwingen Taten zu begehen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne.
Merwürdigerweise soll sie gesagt haben, dass schon Jacobs Bruder Abraham Selbstmord begangen habe, indem er sich selbst die Kehle durchgeschnitten (!) habe - dabei hat er sich laut Casebook erhängt: Im Mai 1875 nahm sich Jacobs Bruder demnach das Leben, weil er angeblich bei Pferderennen enorme Summen verloren hatte. Einem Zeitungsbericht nach fand Jacob selbst den erhängten Leichnam seines zwei Jahre älteren Bruders.

Dass Levy sein Geschäft vernachlässigte, nachts umherstreifte und zugab, von inneren Stimmen zu schrecklichen Taten getrieben zu werden, ist ein gutes Indiz für eine mögliche Täterschaft.
Dass er auch 1890 noch in guter körperlicher Verfassung war, legt nahe, dass er trotz seiner Erkrankung physisch zu den Morden fähig gewesen wäre.
Das Einlieferungsdatum in die öffentliche Anstalt passt jedenfalls zum Zeitpunkt der angeblichen Identifikation von JTR in einem "Seaside Home" (s.u.), welche von Ripperologen auf Sommer 1890 angesetzt wird, da das Convalescent Police Seaside Home in Hove (bei Brighton) in diesem Jahr eröffnet wurde und in seinen Akten zwei Besucher ohne Namensnennung auftauchen.

Da Levy schon "seit längerem" an seiner Krankheit gelitten hatte, könnte er zuvor bereits in familiärer Betreuung und/oder einer privaten Einrichtung gewesen sein - so wie dies später von hochrangigen Polizisten über den Ripper-Verdächtigen erzählt wurde.
Die Polizei soll laut einem Pressebericht jedenfalls alle privaten Sanatorien überprüft haben:
"The Dublin Express London correspondent on Thursday gave as the latest police theory concerning the Whitechapel murderer, that he has fallen under the strong suspicion of his near relatives, who to avert a terribly family disgrace, may have placed him out of harm's way in safe keeping. As showing that there is a certain amount of credence attached to this story, detectives have recently visited all the registered private lunatic asylums, and made full inquiries as to the inmates recently admitted."
War Jacob Levy der Ripper, würde dies den Zeitraum von eineinhalb Jahren zwischen dem Kelly- Mord und seiner offiziellen Einweisung im August 1890 erklären.
Über Levy ist leider nur bekannt, dass er in Stone eingeliefert wurde, es gibt bisher keine Hinweise auf eine vorübergehende Unterbringung woanders. Jedoch wäre es plausibel, dass sich zunächst seine Angehörigen um ihn kümmerten, bis sich sein Zustand so weit verschlechterte, dass er für sie nicht mehr zu bewältigen war (möglicherweise entzog er sich ihrer Aufsicht und tötete Alice McKenzie), worauf sie ihn unter falschem Namen in ein privates Sanatorium steckten, bevor er von der Polizei entdeckt und identifiziert wurde.

 
Freitag, 13. Februar 1891: Mord an Frances Coles in Swallow Gardens
Carmen Friday und die Brüder Knapton gingen kurz nach 2 Uhr morgens durch die Eisenbahn-Unterführung Swallow Gardens. Sie sahen eine Frau und einen Mann, die an der Ecke der Royal Mint Street standen. Gegen 2:15 Uhr entdeckte Police Constable Ernest Thompson auf seiner Runde unter der Eisenbahnbrücke die Prostituierte Frances Coles mit durchschnittener Kehle.
Verdächtigungen wie im Automn of Terror mit den Gerüchten um "Lether Apron" verbreiteten sich unter den Bewohnern des Eastends, diesmal sollte laut Mundpropaganda ein gewisser "Jacobs" (!) der Mörder gewesen sein (vgl. Timeline des Casebook). Die Justiz klagte später Coles gewalttätigen Freund Thomas Sadler an, der jedoch freigesprochen wurde.

Coles war zwar auch eine Prostituierte, der die Kehle aufgeschlitzt wurde, allerdings wurde sie nicht zuvor gewürgt, sondern einfach zu Boden gerissen, das Messer soll ebenfalls ein anderes gewesen sein - der obduzierende Dr. Phillips hielt jedenfalls JTR nicht für den Täter.
Interessant ist allerdings, dass in gewissen Teilen der Bevölkerung der Name "Jacobs" die Runde machte, was doch sehr nach "Jacob" klingt. Könnten möglicherweise in bestimmten Kreisen Gerüchte über Verdachtsmomente gegen Levy als Ripper durchgesickert sein?


29. Juli 1891: Jacob Levys Tod
Levy stirbt an den Folgen der Syphilis in der Nervenheilanstalt Stone in Kent.
In den Akten steht als Todesursache: "General paralysis of the insane brought on by the serious sexually transmitted disease syphilis".

In ihren Aufzeichnungen nannten die hochrangigen Polizeibeamten Macnaghten und Anderson beide als einen der Hauptverdächtigen im Ripper-Fall einen Juden, der in nächster Nähe zu den Opfern lebte und nach den Morden in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde.
Chief Inspektor Swanson schrieb persönliche Anmerkungen in sein Exemplar von Andersons Memoiren, die den grundsätzlichen Sachverhalt bestätigten. Allerdings fügte er noch hinzu, dass der Verdächtige im "Seaside Home" von einem Zeugen erkannt worden sei und es ihm auch bewusst gewesen sei, dass die Polizei ihn identifiziert habe.
Danach habe man ihn vorübergehend zu seinen Verwandten zurückgebracht, wo die Polizei ihn Tag und Nacht beobachtet habe, bevor er dann endgültig in eine Irrenanstalt gebracht worden sei, wo er schon bald verstorben sei. Dies würde erklären, warum die Morde aufhörten.

Damit würde der von Ripperologen in den Anstaltsakten gefundene gewalttätige Irre David Cohen als Verdächtiger ausfallen, denn nach bisherigen Erkenntnissen hatte er keine Verwandten.
Eine weitere Diskrepanz: Die Zeugen beschrieben alle einen Mann mittleren Alters - David Cohen war damals aber erst 23 Jahre alt. Zudem wurde er bereits am 7. Dezember 1888 per Gerichtsbeschluss erst ins Whitechapel-Arbeiterkrankenhaus eingewiesen, und dann wegen seiner Unkontrollierbarkeit am 21. Dezember direkt weiter ins Irrenhaus Colney Hatch, wo er am 20. Oktober 1889 verstorben sein soll - die erste offiziell "Seaside Home" genannte Einrichtung wurde aber erst 1890 eröffnet.
Allerdings vermuten einige Ripperologen, dass "David Cohen" auch ein Alias wie "John Doe" gewesen sein könnte, da es noch andere Namens-Unklarheiten in dem Fall gibt.

Macnaghten und Swanson bezeichneten ihren Verdächtigen als "Kosminski", jedoch enthalten die Erinnerungen der Polizisten nachgewiesenermaßen einige Ungenauigkeiten, so dass sie sich mit dem Namen geirrt haben könnten, denn der in medizinischen Akten gefundene Aaron Kosminski war damals erst 23 Jahre alt und starb erst 1919 in der Anstalt, nicht schon bald nach der Einweisung.
Zudem schrieb Robert Sagar von der City-Police von einem Metzger, der observiert worden war, und Kosminski soll Haarschneider gewesen sein.
Vermutlich wurden einfach die Namen von ein paar verdächtigen Anstaltsinsassen durcheinander geworfen. Der nie an den Ermittlungen beteiligte Mcnaghten schrieb sein internes Memorandum 1894 und veröffentlichte seine Memoiren "Days of My Years" erst 1914 - Jahre nach den Ripper-Morden. Robert Anderson veröffentlichte seine Memoiren "The Lighter Side of My Official Life" erst 1910.

Eine andere plausible Erklärung der Namens-Irritationen könnte im Verhalten der Verwandten des mutmaßlichen Mörders liegen: Wenn er von den Angehörigen zuerst in eine private Anstalt gesteckt wurde, als sie seinem Irrsinn und seiner Gefährlichkeit nicht mehr Herr wurden, wäre es gut nachvollziehbar, dass sie ihn unter einer falschen Identität irgendwo eingewiesen hatten, um ihn und die Familie zu schützen.
Das wäre dann so lange gut gegangen, bis es zur Überprüfung aller neuen Anstalts-Einlieferungen durch die Polizei und der erwähnten Gegenüberstellung mit Identifizierung im "Seaside Home" gekommen war. Die spätere endgültige Einweisung in ein staatliches Institut wäre dann zwar unter dem richtigen Namen erfolgt, aber der falsche könnte immer noch in Polizeikreisen und -Berichten präsent gewesen sein und so zu den Irrtümern geführt haben.

Robert Anderson jedenfalls schrieb in seinen Memoiren: "Die einzige Person, die jemals einen guten Blick auf den Mörder werfen konnte, identifizierte ihn, aber als er erfuhr, dass der Tatverdächtige ein Glaubensbruder war, weigerte er sich, gegen ihn auszusagen."
Swanson bestätigte in seinen privaten Anmerkungen diesen Aspekt.
Bei diesem Zeugen könnte es sich somit um Joseph Hyam Levy, Joseph Lawende (Fall Eddowes) oder Israel Schwartz (Fall Stride) gehandelt haben.

Da Macnaghten schrieb, dass der Verdächtige der Beschreibung jener Person entsprach, die am Mitre Square gesehen wurde, dürfte der Zeuge tatsächlich entweder Joseph Hyam Levy oder Lawende gewesen sein. Joseph Hyam Levy machte bei der Befragung kaum Angaben zum Verdächtigen und gab sich verschlossen, vermittelte aber den Eindruck, als wisse er mehr als er sagen wollte, während Lavende zunächst eine detaillierte Beschreibung abgab. Lawende war ein Handelsreisender aus Dalston, kein Bewohner Whitechapels, und dürfte JTR nicht gekannt haben, so dass er vermutlich bedenkenlos eine erste Aussage machte, zumal er den Mann anfangs für einen Seemann gehalten hatte.
Eine Erklärung für den Rückzieher des Zeugen könnte somit sein, dass Joseph Lawende schließlich von seinem Begleiter Joseph Hyam Jevy bearbeitet worden war, nicht gegen den Glaubensbruder auszusagen, um ein Pogrom gegen die jüdische Gemeinde zu verhindern.
Dass die Polizei tatsächlich die konkrete Möglichkeit sah, über die Zeugen Lawende und Joseph Hyam Levy den Ripper zu überführen, belegt auch die Vorgehsweise bei der öffentlichen Coroner-Untersuchung zu Eddowes Tod, bei der Lawende verboten wurde, den Verdächtigen vor dem Publikum genauer zu beschreiben (s.o.).


1892: Ermittlungs-Ende
Die Akte Jack the Ripper wird von der Polizei offiziell geschlossen.

Dies würde zeitlich besser zu Jacob Levy passen als zu dem in den Memoiren erwähnten Kosminski, da Aaron Kosminski erst lange nach seiner Einweisung und seiner Verlegung nach Leavesden im Jahr 1919 starb. Auch der mögliche Verdächtige Hyam Hyams starb erst am 22. März 1913 in der Colney Hatch Nervenheilanstalt.


Fazit

Die Theorie, dass JTR ein jüdischer Metzger war, der im Irrenhaus endete, erklärt den ansonsten merkwürdigen Schluss im Ripper-Fall: Nach dem Ende der Mordserie laufen die Ermittlungen angeblich ergebnislos aus, die Akte wird geschlossen - aber Jahre später erklären hochrangige Polizisten in ihren Memoiren oder Zeitungsartikeln, der Ripper wäre eigentlich identifiziert worden.

Nach dem Mord an Mary Ann Nichols verdichteten sich im Eastend schnell Gerüchte, dass die Morde von einem Juden mit dem Spitznamen "Leather Apron" verübt worden sein sollten, was so auch in den Zeitungen verbreitet wurde und schon zu ersten antisemitischen Aufwallungen und Kundgebungen führte.
Superintendent Thomas Arnold ordnete daher nach dem Double Event mit Erlaubnis von Polizeichef Charles Warren an, das Goulston Street Graffiti auf der Stelle zu entfernen, explizit aus dem Grund, um mögliche Pogrome gegen Juden zu verhindern. In seinem Bericht vom 9. November 1888 schreibt Arnold: "Ich bitte darum berichten zu dürfen, dass am Morgen des 30. September, dem Letzten, meine Aufmerksamkeit auf eine Aufschrift an der Wand des Eingangs zu Behausungen in der Goulston Street 108, Whitechapel gerichtet wurde, welche aus folgenden Worten bestand: 'Die Juwes sind [nicht] die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden'.
Ich wusste, dass aufgrund der Verdächtigung eines Juden namens John Pizer, genannt ‚Leather Apron‘, der beschuldigt wurde, den kürzlich in der Hanbury Street verübten Mord begangen zu haben, ein starkes Gefühl gegen die Juden im Allgemeinen aufkam. Da das Gebäude, auf dem sich die Aufschrift befand, mitten in der Lokalität liegt, die hauptsächlich von dieser Religions-gemeinschaft bewohnt wird, war ich besorgt darüber, dass wenn die Aufschrift verbleibt, diese für einen Aufstand verantwortlich sein könnte. Daher habe ich erwogen, dass es wünschenswert sei, sie aufgrund der Tatsache zu entfernen, dass sie sich an einer Stelle befand, die gut von den Menschen einsehbar war, die dort hinein- und hinausgehen."

Falls man den Ripper tatsächlich durch einen Zeugen als jüdischen Metzger identifizierte, hätte die Bekanntgabe demnach zu schrecklichen Übergriffen bis hin zum Pogrom gegen die jüdische Gemeinde in Whitechapel führen können. Denn an die Eröffnung eines Prozesses wäre schon wegen des Gesundheitszustands des Tatverdächtigen nicht zu denken gewesen. Und selbst wenn: Ob die dünnen Beweismittel für eine Verurteilung ausreichend gewesen wären, darf bezweifelt werden - ein Freispruch aus Mangel an Beweisen wäre aber verheerend gewesen.
Wegen der sowieso schon explosiven sozialen Lage, einem weitverbreiteten Antisemitismus und der aufgestauten Wut durch den Ripper-Terror wäre wohl zu erwarten gewesen, dass viele Menschen dann ihre Aggressionen an Sündenböcken ausgelassen hätten.
Die Behörden könnten daher zu dem Schluss gekommen sein, es sei angesichts der explosiven Situation im Eastend sicherer, den todkranken Irren stillschweigend in einer Anstalt verrotten zu lassen und lieber weiter zähneknirschend vor der Öffentlichkeit wie Versager in diesem Fall dazustehen, als eine Katastrophe im Viertel zu riskieren.


Anbei noch eine Karte, die ich mir ausgeliehen und als geographisches Profil entsprechend bearbeitet habe.

Yours truly, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Andromeda1933 am 09.10.2015 11:37 Uhr
Herzlich Willkommen im Forum  :flag_of_truce: und herzlichen Dank für den wirklich sehr lesenswerten Beitrag!
Ich gehöre auch zu denen, die Jakob Levy nicht zur Garde der Verdächtigen zählt, aber bisher fehlten mir auch Informationen, darüber ernsthaft nach zu denken. Unser Forum liegt seit einiger Zeit im Tiefschlaf und nachdem Commissioner Schachner ein Alibi vorlegen konnte, fehlt es uns, bis auf Kosminski, auch an Kandidaten, „Jack the Ripper“ gewesen zu sein.
Ich freue mich auf weitere Beiträge von Dir!
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 09.10.2015 17:49 Uhr
Hello again,

Ja, Jacob Levy ist ein faszinierender "Verdächtiger" und passt meines Erachtens hervorragend in das Bild. Ich habe mich viel mit ihm beschäftigt, einiges davon liegt auch hier im Forum weit verteilt herum.

Meine mich auch zu erinnern, dass sein Bruder Isaac Levy im Nachbargebäude des Model Dwellings in der Goulston Street (Schürzenteil/Graffito) zur Zeit der Morde lebte, also nur einen Eingang weiter.

Ähnlich spannend ist auch noch Hyam Hyams, "The terror of the City of London Police".

Wer weiß, vielleicht war er jemand, den die Polizei tatsächlich unter die Lupe nahm und wir darüber aber nichts wissen.

Beste Grüße,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 09.10.2015 18:40 Uhr
Hallo Lestrade,

ich finde, du hast da eine tolle Recherchearbeit zu Kozminski geleistet - Respekt!
Das Bild, das sich da ergibt, lässt ihn als guten Verdächtigen erscheinen - viel besser als diese "usual suspects" wie z.B. Druitt, Ostrog, Gull oder Sickert...
Deine Beiträge zu lesen hat in mir erst die Lust geweckt, mal alles, was ich finden konnte, zur Levy-Hypothese zusammenzutragen.

Falls du noch eine Quelle hinsichtlich der Adresse von Jacobs Bruder Isaac kennst, wäre das sehr interessant für mich, ich hatte das nämlich bisher noch nicht auf dem Schirm.
Wobei ich allerdings sagen muss, dass Isaacs Wohnung direkt neben dem Ablageort der Schürze wohl eher ein Indiz GEGEN Jacob wäre: Denn damit hätte er ja die Polizei in die Nähe seines Bruders und damit indirekt auch von sich selbst geführt - es sei denn, er konnte ihn nicht ausstehen und hatte schon länger nichts mehr mit ihm zu tun...  :scratch_one-s_head: 

Gibt es übrigens inzwischen neue Erkenntnisse auf der Suche nach dem Seaside Home bzw. der Insassen privater Sanatorien? Soweit ich gelesen habe, hast du doch zusammen mit britischen Ripperologen nach Hinweisen gesucht.
Wenn ihr dabei vielleicht noch was zu Levy finden würdet, könnte das die klaffende Lücke in seiner Vita bis zu seiner Einweisung 1890 füllen... 

An alle:
Ich bin für konstruktive Kritik an meiner Levy-Hypothese offen: Gibt es irgendwelche Fehler oder Schwachstellen darin? Wem etwas auffällt, der möge es kundtun. Oder hat jemand eine Info, die ich noch nicht drin habe, so wie die von Lestrade?

MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 09.10.2015 20:23 Uhr
Arthur,

Der Census von 1891 zeigt Isaac Levy im Model Dwellings und die Geburt seiner Tochter wird 1888 mit der dortigen Adresse angegeben, schau mal hier in diesem Faden:

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=10323&page=7

Ein Teil der Arbeit bezüglich Anstalten konnte Jeff Leahy mit seiner Partnerin schon abgrasen, weiteres steht noch aus. Seine Partnerin hat erhebliche gesundheitliche Probleme bekommen und so kam es in diesem Sektor zu einem Stopp. Alles andere läuft sehr zufriedenstellend. Wir sind ständig (täglich) in Kontakt und für mich stellt sich eine neue Sichtweise dar, die zwar auf dem hier im Forum stehenden beruht aber noch viel, viel komplexer ist als man erahnen kann. Neubetrachtung der Quellen hieß es und das habe ich für ihn getan und tue es auch immer noch. Daraus ist mittlerweile ein “Buch“ geworden. Finden wir ihn, dann wäre es sicherlich ein Durchbruch und würde die weiteren Arbeiten bestätigen.

Aber hier gilt Jacob Levy. Fehler, Schwachstellen? Würde ich so nicht sagen. Es existieren zu wenige Unterlagen und wie ich vorhin schon sagte, vielleicht kam er in das Visier der Polizei und es gab Aufzeichnungen, die es zu finden gilt, falls überhaupt möglich.

Aber für mich geht er eindeutig in die richtige Richtung, was den Typ des Rippers betrifft.

Ich hoffe, dass sich noch andere in dein Thema mit einklinken werden und dieses Forum wieder belebt wird. Aktuell wird mir die Zeit für hier fehlen aber ich schaue weiterhin jeden Tag rein. Ich hatte hier mal die Familien der Jacob Levy, Joseph Hyam Levy und Hyam Hyams gepostet, Du wirst es über die Suchfunktionen finden. Irgendwann kam es dann eine Korrektur, ich müsste jetzt aber selber erst nachschauen. “Kosminski“ kostet mir seit einiger Zeit einige Stunden am Tag und an bestimmten Stellen muss ich kürzer treten. Ich finde es absolut Top, dass Du hier wieder Leben reinbringst…

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 09.10.2015 20:24 Uhr
Doppel- Posting!
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 11.10.2015 16:12 Uhr
Hallo Lestrade,

danke für die Quelle zu Isaac Levy - wenn ich auch noch nicht weiß, wie ich diese Information für die Levy-Hypothese bewerten soll.
Eddowes Schürze in der Nähe von seinem Bruder abzulegen wäre für Jacob wohl eher ein unkluger Schritt gewesen, da Jacob davon ausgehen musste, dass die Polizei die Anwohner befragen würde und dabei vielleicht auch etwas über ihn hätte herauskommen können - unabhängig davon, wie das Verhältnis zum Bruder nun aussah.
Aber können wir abschätzen, zu welchen Entscheidungen eine das Denken verändernde Syphilis führt?
 
Wir wissen ja auch nicht, aus welchem Grund JTR das Schürzenstück dort zurückließ.

Bestand der ursprüngliche Zweck lediglich darin, sich damit auf der Flucht das Blut von Messer und Händen zu wischen, konnte er es danach überall auf seinem Fluchtweg loswerden.
Wenn der Fetzen von den PCs Halse und Long gegen 2.20 Uhr übersehen wurde, hat JTR ihn vielleicht ein paar Minuten vorher auf der Flucht weggeworfen, weil er mit Abwischen fertig war oder jemand ihm auf der Straße entgegen kam und er damit nicht auffallen wollte. Dann wäre die Ablagestelle einfach Zufall oder der akuten Entdeckungsgefahr geschuldet gewesen.

Aber wenn JTR darin die Organe transportierte, konnte er den Fetzen erst ablegen, nachdem er sie in sein Versteck gebracht hatte.
Dies würde auf ein bewusste Platzierung und in jedem Fall auf eine Zuflucht in der Nähe hindeuten - egal ob der Fetzen vor 2.20 Uhr oder erst danach dort abgelegt wurde: Für beide Fälle sind kurze Wege zur Goulston Street Voraussetzung, denn in den Straßen rannten bald alarmierte Polizisten, und um 2.55 Uhr wurde das Stück dann von PC Long gefunden.

Beide Interpretationen haben ihre Schwächen:
- Dass gleich zwei Polizisten die Schürze gegen 2.20 Uhr übersehen haben, erscheint eher unwahrscheinlich, zumal PC Halse ja bewusst nach Spuren suchte.
- Aber dass der Ripper nochmal sein Versteck mit einem Beweismittel verlassen sollte, nachdem er bereits in Sicherheit war, ist auch so eine Sache, die mir nur mit Veränderungen der Psyche (z.B. durch die Syphilis) zu erklären wäre.
 
Naja, der relativ späte Fund der Schürze ist und bleibt eine Merkwürdigkeit.


Im Zusammenhang mit dem Double Event sind mir übrigens noch zwei Fragen eingefallen:

1) Da gab es die Geschichte von dem Mann, der laut einem Bericht des Star nach dem Stride-Mord einen Verdächtigen in der Church Lane gesehen hat, der in einem Hauseingang saß und sich offenbar die Hände säuberte.
Thomas Schachner schreibt in seinem Buch, die Straße sei eine Parallelstraße zur Berner Street und auf dem Weg zum Mitre Square.
Die Church Lane, die ich auf der Karte finde, ist jedoch keine Parallelstraße, sondern liegt im Dreieck der zusammenlaufenden Whitechapel Road und der Commercial Road (wenn auch tatsächlich auf dem Weg zum Mitre Square).
Die Parallelstraße zur Berner Street ist aber die Backchurch Lane.
Wurde der Mann nun in der Church Lane oder der Backchurch Lane gesehen?

2) Hat sich zur Batty Street Geschichte etwas Neues ergeben? Die Informationen zu der blutigen Wäsche sind doch recht widersprüchlich und es wird mir daraus nicht klar, ob die Wäsche nun von einem Kunden der Mrs. Kuer schon blutig abgegeben wurde, oder ob die Wäsche nicht vielleicht erst später von dem durch die Gasse flüchtenden Mörder als nützliche Gelegenheit wahrgenommen worden sein könnte.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 11.10.2015 17:06 Uhr
Hallo Arthur,

Ich bin überzeugt, dass wir die Fähigkeiten Jack the Rippers nicht überbewerten sollten. Er hatte sicherlich enormes Glück und wenn wir uns Jacob Levy anschauen, dann sehen wir ja auch, dass er erhebliche mentale Probleme hatte. Sie wissen nicht ganz was sie tun und dann ein solches Schürzenteil zu verlieren, neben dem Hauseingang seines Bruders, sollte nicht allzu überraschend sein.

Wir wissen ja, dass die City Police dem Ripper nach dem Mitre Square Mord dicht auf den Fersen war. Via Gravel Lane, Stone Lane und als nächstes kam schon die Goulston Street in Sichtweite und ich denke, dass er sich im dortigen Hauseingang versteckt hatte. Er könnte dabei die Chance genutzt haben, sich zu reinigen und hatte sicherlich nicht damit gerechnet, dass dieser Stofffetzen jemanden interessieren könnte.

Ich bin der Meinung, dass diese Church Lane jene ist, die gegenüber dem Eingang der Osborn Street lag, wie Du erwähnst, an der Whitechapel Road. Es gab einige "Church" Straßen, auch die Cree Church Lane am Mitre Square. Die Church Lane gegenüber Osborn Street passt gut zur Fluchtaktivität des Rippers zwischen Berner Street und Mitre Square.

Die Batty Street Geschichte stellt sich eigentlich so dar, dass ein Schneider aus der Umgebung regelmäßig Wäsche bei Frau Kuer abgab und sie dann auch stets abholte. Das geschah auch Anfang Oktober 1888. Persönlich denke ich, dass dieser Schneider Isaac Abrahams war, der älteste Bruder Aaron Kozminskis aus der Greenfield Street. Ich habe die Hypothese, dass deren Schwester Matilda, die gegenüber Isaac auch in der Greenfield Street wohnte, Aaron´s Sachen einsammelte und diese dann via Isaac bei Frau Kuer landete. Meine Annahme ist, dass Aaron einen Shop an der Brick Lane hatte, wo er tagsüber arbeitete und andere Shops oder Adressen, in denen er nachts aktiv war. Brick Lane wäre dann nahe den Tatorten Hanbury Street and Dorset Street, die Greenfield Street nicht weit von der Bucks Row und ebenfalls nicht weit von der Butchers Row der Mitre Square. Der andere Bruder von Aaron, Woolf, lebte unmittelbar am Tatort Dutfield Yard in der Berner Street und hatte neben diesem Yard in 1881/82 selber gewohnt. Dazu passen auch die Aussagen von Cox, Anderson und Macnaghten.

Mir fiel bei Recherchen auf, dass nach dem Double Event, am 1. Oktober (später am Tag), ein Mann von einem Konstabler nicht weit vom Mitre Square aufgefunden wurde und zur Leman Street Polizeiwache verfrachtet worden ist. Er trug einen violetten Schal (vermutlich mit langen Frauenhaaren darauf) um den Hals und als man den Zeugen Lawende am 30. September 1888/ 1. Oktober 1888 fand, sagte dieser ja aus, dass er einen Mann mit einem roten/ rötlichen Halstuch gesehen haben wollte. Violett sieht bei Dunkelheit vielleicht rötlich aus...

Diese Konstabler ist vielleicht der PC near Mitre Square, den Macnaghten meinte. Ich habe die Vermutung, dass es sich um den gleichen PC handelt, der Eddowes in der Aldagte High Street, gegenüber der Butchers Row, betrunken aufgefunden hatte und Sie mit einem Kollegen Richtung Ausnüchterungszelle brachte. Die Nacht überlebte Eddowes ja nicht... Ich glaube Sims sagte über diesen PC, dass er später über die Leiche stolperte und man konnte immer meinen, er meinte PC Watkins aber vielleicht hatte er das falsch verstanden und meinte den PC, der über die betrunkene Eddowes vor ihrem Tod "gestolpert" war. Jener PC könnte auch der "Watchboy" gewesen sein, der eine Frau mit einem Mann in Richtung Mitre Square gesehen hatte, wobei der Mann kurze Zeit später alleine zurückkam. Sims meinte ja auch, dass der Konstabler "den Polen kurze Zeit später wiedersah"... Der PC der Eddowes fand war PC Robinson von der City Police... ich habe das ganz penibel herausgearbeitet und reiße das hier nur kurz an. Dennoch glaube ich, dass Lawende den Mann nicht identifizieren konnte, dass konnte Schwartz sicherlich auch nicht, denn wenn der Mann, den der Konstabler fand, Kosminski war, dann hatte Schwartz nicht Stride´s Mörder gesehen... auch glaube ich nicht, dass Hutchinson in Kosminski den Mann erkannte, den er mit Kelly gesehen hatte... ich bin mittlerweile wirklich überzeugt, dass der Zeuge im Seaside Home erst im Jahre 1890 gefunden wurde und er aus der Dorset Street stammte...

Beste Grüße, Lestrade.


 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 11.10.2015 20:44 Uhr
Hallo Lestrade,

ich halte JTR auch nicht für ein kriminelles Genie, sondern für einen Mann, der einfach die nötige "Bauernschläue" eines Menschen hatte, der in einem schwierigen Umfeld aufgewachsen ist und lernen musste, sich dort durchzuschlagen - und dem dazu bei seinen Verbrechen noch eine gute Portion Glück zuhilfe kam.


Meine Interpretation der Batty Street Geschichte (wobei ich im Vergleich zu dir allerdings nur wenig darüber weiß) sah bisher so aus:

JTR wird beim Angriff auf Stride gestört. Er kann zwar Schwartz und Pipeman vorerst loswerden, indem er sie aufeinander hetzt, aber er weiß, er muss jetzt verschwinden. Er schneidet Stride schnell die Kehle durch (ohne Zeitverschwendung durch vorheriges Würgen), damit sie ihn nicht identifizieren kann, und flüchtet durch die enge Passage schräg gegenüber, die durch die Hinterhöfe an Mrs. Kuers Haus vorbei zur Batty Street führt. Dort im Hinterhof sieht er (z.B. bei einem Waschtrog oder an einem offenen Fenster) den Wäschestapel liegen, den ein Kunde abgegeben hat. Er benutzt eines der Kleidungsstücke oder wechselt es gar - denn diesmal hat es ja heftiger gespritzt - bevor er in die Batty Street hinaus tritt. 

Die zentrale Frage ist, ob Mrs. Kuer die Wäsche bereits blutig bekam, oder ob sie erst bei ihr versaut worden ist - und darauf habe ich in den widersprüchlichen Infos im Casebook bisher keine klare Antwort gefunden. Nach allem, was ich bisher gelesen habe, hat sie scheinbar erst einige Zeit nach der Übergabe der Wäsche gemerkt, dass Blut an einem Kleidungsstück war.


Deiner Interpretation nach könnte also Kosminski das Pech gehabt haben, dass seine Angehörigen seine Klamotten am nächsten Tag zur Reinigung mitgenommen haben.
Das wäre zwar möglich, aber m.E. wäre es doch ein sehr großer Zufall, dass die Wäscherin der Familie ausgerechnet direkt gegenüber des letzten Tatorts wohnt.
Was für deine These einer Verbindung sprechen könnte, ist jedoch der von Schwartz ausgesagte "Lipski"-Ruf: Lipski wohnte 1887 doch in der Batty Street. Irgendwoher musste JTR wissen, dass der Lipski-Mord nach einem Jahr in der Gegend noch präsent war und als Ablenkung funktionierte.


Vielleicht interpretieren wir beide auch einfach in die blutige Wäsche zuviel hinein, es ging in der damaligen Zeit recht blutig zu:
Systematischen Unfallschutz gab es noch nicht und Verletzungen bei der Arbeit oder zu anderen Gelegenheiten kamen häufig vor, auch private Schlachtungen von kleinen Nutztieren wie Hühner oder Hasen.
Vielleicht stimmt die harmlose Auflösung im Casebook ja:
"The police then called on Mrs. Kuer and took possession of the shirt and set up surveillance on the house for when the man returned. The matter was considered of considerable importance by Inspector Reid, Inspector Abberline and other senior officers.
The man returned on Saturday, 13 October, and was promptly taken into custody where he was held for about 36 hours until the morning of the 15th. The blood was explained by a friend had who got it on the shirt while cutting his corn. It obviously took quite a while to satisfy the police, but eventually they believed the incident had an innocent explanation."
http://forum.casebook.org/showthread.php?p=339051


Aber deine Kosminski-Recherchen find ich sehr interessant: Wenn die Familie tatsächlich so viele verschiedene Shops im Viertel hatte, konnte Aaron wohl recht flexibel von der Straße verschwinden. Dies würde genau zu der Äußerung von Henry Cox (CID) passen: "He occupied several shops in the East End".
Und diese "Watchboy"-Geschichte kannte ich bisher auch nicht, die muss ich mir mal näher ansehen.
Da habe wohl noch einiges zu lesen.  :good:

MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 11.10.2015 21:36 Uhr
Erinnere dich was Anderson sagte:

"During my absence abroad the Police had made a house-to-house search (es gab zwei, nach Stride/Eddowes und dann vom 3-18 Oktober) for him, investigating the case of every man in the district whose circumstances were such that he could go and come and get rid of his blood-stains in secret".

Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Batty Street Geschichte wahr gewesen ist. Rob House hatte dazu erstklassige Arbeit geleistet und ich habe das damals hier dargestellt:

http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,1488.0.html

Beachte aber, dass die Adresse von Woolf Abrahams in der 25 Providence Street damals noch nicht bekannt war. Es sollte mit der Batty Street nicht weniger Zufall gewesen sein als mit der Adresse von Woolf Abrahams in 1881 in der Berner Street neben dem Dutfields Yard als auch mit seiner Adresse in der Providence Street in 1888. Verließ er diese kleine Straße Richtung links, dann sah er den Tatort Stride in der Berner Street und ging er rechts heraus, konnte er in die Batty Street einbiegen. Vielleicht war er auch der Schneider, welcher die Kleidung brachte und dann war Frau Kuer direkt vor seiner Haustür. Greenfield Street lag aber auch nicht weit weg. Hier findest Du zahlreiche Bilder:

http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,1648.30.html

Bei Stride könnte es dennoch sein, dass er mit großer Kraft auf den Oberkörper eingewirkt hatte. Es gibt eine Geschichte in der Familie Shine, wo damals ein gewisser Nathan Shine den Ripper gestört haben könnte. Er gab im Prinzip die gleiche Beschreibung wie Schwartz ab mit dem Unterschied, dass der Mann mit einem langen Messer über Stride stand und nach einem Face-To-Face mit Shine den Tatort verließ. In dem Moment haute dann auch Shine ab... Man muss vorsichtig sein, er könnte die Geschichte von Schwartz auch nur weitergesponnen haben oder er war z.B. eben jener "Pipeman". Vielleicht gab er auch nur die Beschreibung von Schwartz aus der Presse weiter und hatte tatsächlich den Ripper gestört. Was mir dabei auffällt ist aber folgende Sache: Den Mann den er sah, bei ihm konnte er Haare unter der Kappe an beiden Seiten vorstehen sehen. Das ist interessant, da Cox von der City Police einen Mann mehrer Monate observierte, welcher lockige Haare hatte...

Ich weiß nicht, was da passiert war aber es ist auch möglich, dass Schwartz als auch BS Man den Ort verließen und Shine einen Moment später in den Dutfields Yard ging und den wahren Täter sah, welcher Stride tötete. Dann war dieser Mann bereits im Dutfields Yard als BS Man Stride vor dem Eingang bedrohte. Oder es war Diemschütz, der am Ende störte... Schwartz sein Mann hatte ein rundes Gesicht und der Mann, den der PC nicht weit vom Mitre Square am 1 Oktober fand hatte ein ausgemergeltes Gesicht... Wie gesagt, es ist möglich, dass Shine sah was er sah aber die Beschreibung ähnelt der von Schwartz, wobei mir dabei auffällt, dass Shine es so hätte von Schwartz nicht wissen können, da der Bericht in der Presse nicht identisch war mit den Polizeiaufzeichnungen. Oder er kannte Schwartz... im Report in der Presse spielte dann bei Schwartz doch plötzlich ein Messer eine Rolle... wer weiß... Und wie gesagt, Woolf lebte einst neben dem Dutfields Yard und somit sicherlich auch Aaron, sie kamen ja zeitgleich aus Polen, Aaron lebte ja mehr bei diesem Bruder als bei den anderen... Der Ripper war ein Gelegenheitskiller und falls er Aaron Kozminski hieß, dann kannte er mit Sicherheit diesen Yard und hätte sich darin aufhalten können als Stride den Hof betrat als sie den BS Man losgeworden war...   



Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 11.10.2015 23:04 Uhr
Hallo Lestrade,

wahrscheinlich stecke ich gedanklich noch zu sehr im Butcher's Row Suspect und damit in der Ecke Aldgate. Du hast natürlich recht, dass Wohnungen von Kosminskis Familienmitgliedern in Greenfield Street und Providence Street es plausibel machen, dass sie ihre Wäsche bei Mrs. Kuer in der Batty Street abgegeben haben.

Das Problem der blutigen Kleidung habe ich bisher eben vor allem unter dem Metzger-Aspekt betrachtet:
Wenn JTR Metzger war, konnte er die Mordkleidung einfach mit der übrigen Arbeitskleidung mitwaschen (lassen). Oder er könnte sie, wenn der Zustand zu schlimm war, im Ofen/Kamin verbrannt und dann auf dem Second-Hand-Markt in der Petticoat Lane günstigen Nachschub gekauft haben.

Die Geschichte von Shine werde ich mir noch näher ansehen, bisher kannte ich den noch nicht.

Aber dank deiner Ausführungen habe ich bereits wegen Eddowes, Aldgate High Street und Watchboy nochmal im Casebook nachgesehen - und in Scott Nelsons Artikel zum Butcher's Row Suspect tatsächlich noch etwas zu meiner Levy-Hypothese gefunden, das mir beim ersten Mal durchgerutscht ist:
Die These schwächelte ja bisher daran, dass von Levy nur sein Aufenthalt in Stone bekannt ist, während von Swanson (allerdings in Bezug auf den Verdächtigen namens Kosminski) Colney Hatch als des Rippers Irrenanstalt ins Spiel gebracht wurde.
Doch laut Researcher Steward Hicks soll Lady Anderson, die Ehefrau von Assistant Commissioner Robert Anderson, sich erinnert haben, JTR sei in einer Anstalt bei Stone gewesen...

MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.10.2015 00:23 Uhr
Doch laut Researcher Steward Hicks soll Lady Anderson, die Ehefrau von Assistant Commissioner Robert Anderson, sich erinnert haben, JTR sei in einer Anstalt bei Stone gewesen...

Das ist auch eines dieser Rätsel...

Forscher Steward Hicks hatte seinen Verdächtigen: Dr. John Hewitt

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/cjmorley/82.html

Stan Russo über diesen Verdächtigen:

http://www.casebook.org/dissertations/rn-drhewitt.html

Hier schrieb Paul Begg: "It was actually Steward Hicks who said that Lady Anderson once said the Ripper was in an asylum near Stone but he couldn't recall his source."

und Tracy Ianson:

"If memory serves me right Hicks could not state (remember) where he got the information from with regards to Lady Anderson visiting Stone and as far as I am aware it has never been corroborated, so while it is a nice theory so far that is all it seems to be."

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=15522&page=2

Jacob Levy starb im City of London Asylum Stone/ Dartford in Kent.

Scott Nelson schrieb:

"It is curious that the A-Z cites researcher Steward Hicks as stating that Lady Anderson, the wife of Robert, once remembered that the Ripper was interred in an asylum near Stone."

"Interred" also begraben, wurde Jacob dort also auch beerdigt? Ich weiß es gar nicht...

Leavesden, wo Kosminski starb, liegt ja in Hertfordshire und hat keine Verbindung zu Kent. Außerdem wurde Aaron in London begraben, ich meine nicht weit vom (noch) heutigen West Ham United Stadion, auf dem East Ham Friedhof. Colney Hatch grenzt dann auch noch an Hertfordshire...
 
Marc King schrieb über Jacob Levy im Ripporologist 26 und 27 in 1999/2000 lese ich gerade im A-Z, ich meine da war noch einmal was, ich habe die ja und werde mal hineinschauen. Falls Du sie nicht hast, die gibt es ja für Umme...

Es scheint, dass Hicks nicht mehr wusste, wo diese Quelle bezüglich Lady Anderson und Stone zu finden war. Mir geht es ähnlich. Ich las mal einen Bericht über einen jüdischen Kutscher, der Innereien Abfälle im East End sammelte und als verrückt galt und dafür sehr bekannt war. Sie nannten ihn wohl auch "Der verrückte Jude". Seine Route zog sich wohl von Aldgate bis zur Hanbury Street. Denkste ich finde das wieder? Keine Chance bis jetzt.

Gute Nacht...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 12.10.2015 00:46 Uhr
Danke für die Info, Lestrade!
Schade, solange es keine vernünftige Quelle zu der angeblichen Äußerung gibt, ist sie wertlos...

Gute Nacht

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.10.2015 13:32 Uhr
Nun Arthur,

vielleicht wäre es sinnvoll, Steward Hicks noch einmal ausfindig zu machen. Vielleicht ist er in der Lage heute mehr darüber zu sagen. Auch Ripperologen sind über längere Zeiträume inaktiv oder ändern ihre Meinungen...

Das wäre doch wirklich wichtig, falls Lady Agnes das so behauptet hätte. Für Anderson war Kosminski der Täter aber dieser wurde nicht in Stone beigesetzt, eher dann wohl Levy, zumindest war er in der dortigen Anstalt und verstarb auch dort (Kosminski starb ja eh erst in 1919). Man weiß natürlich nicht, wann das Lady Agnes erfahren hatte und wieviele Verdächtige Anderson in petto gehabt hat. Wie gesagt, mich würde es nicht wundern, wenn Jacob Levy tatsächlich ein Verdächtiger im Fall gewesen war...

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 13.10.2015 17:22 Uhr
Hallo zusammen, Hi Lestrade!

Ich habe mir jetzt einiges zur Batty Street Geschichte durchgelesen und muss feststellen, dass ich sie bisher recht stiefmütterlich behandelt hatte. Nun ja, ich bin ja auch nur ein interessierter Anfänger im Ripper-Fall.

Aber sag mal, Lestrade, hat Anderson tatsächlich irgendwo einmal explizit Kosminski als Verdächtigen genannt? Soweit ich weiß, hat er doch in seinen Memoiren auf Namensnennung bewusst verzichtet, und es war erst Swanson, der in seinen Anmerkungen dazu schrieb, der Verdächtige sei Kosminski gewesen. Damit wäre er lediglich Swansons Interpretation der Textstelle bzw. Swansons Ansicht dazu - und muss nicht unbedingt Andersons Meinung entsprochen haben.
 :scratch_one-s_head:
 

Was die "Ripper in Stone" Story angeht, so konnte ich dazu bisher leider in der Tat nicht viel mehr eruieren, und bei Hicks kann man bedauerlicherweise nicht mehr nachfragen:

Leider wird schon 2008 bei einer Diskussion im Casebook angemerkt, dass Hicks verstorben sei und die entsprechende Quelle für die Lady Anderson Geschichte nicht mehr aufzufinden sei:
"The claim was made by Steward Hicks, now deceased, and the source seems to be untraceable [A-Z, 1996 edn, p. 162]."
wie "chris" am 09-26-2008, 05:59 PM schrieb.

Im Thread erwähnt "dougie" am 09-26-2008, 04:19 PM allerdings, es gebe in der Gegend eine mündliche Überlieferung, dass der Ripper in Stone eingesperrt gewesen sei:
"I lived in Dartford Kent for several years,and Stone house mental hospital ,just outside dartford , has its own oral history regarding the 'fact' that jack the ripper had been confined there at some time..."

http://forum.casebook.org/archive/index.php/t-1455.html

Bisher offenbar also nicht mehr als eine Legende - wer weiß, bei wie vielen Irrenanstalten ähnliche Gruselgeschichten die Runde mach(t)en.
So ist das mit Schauermärchen: Die einen enthalten einen wahren Kern, die anderen sind frei erfunden und halten sich trotzdem über Generationen. Die Schwierigkeit besteht nur darin rauszufinden, welcher Kategorie jene nun angehört...
  :unknown:

MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 13.10.2015 18:47 Uhr
Hey Arthur,

Ja, da gab es auch noch eine Anstalt, welche:

…had a door on which was scrawled graffito 'Jack the Ripper's Room.' The room was supposed to be slightly below ground level and illuminated mainly by daylight through a grille in the ceiling.

Eine Lady aus Ascot hatte das erzählt, da ihr Vater wohl in jener Nervenklinik Regie führte. Man geht davon aus, dass es sich um das Holloway Asylum in Virgina Water, Surrey handelte.

Da gab es, wie bei Levy und Stone, tatsächlich einst einen Verdächtigen, nämlich John Sanders. Keine Ahnung ob er damit gemeint war oder jemand anderes. Jeff Leahy und ich setzten unser Augenmerk zunächst genau auf diese Anstalt, dem Holloway Sanatorium in Virgina Water in Surrey. Es war ja auch Detective Cox von der City Police, der angab, dass sein Verdächtiger bestimmte Zeiten in einer Anstalt in Surrey verbrachte. Außerdem hatte diese Anstalt in Surrey ein Seaside Home in Brighton, das man eben zeitweise (oder auch ganz) im Jahr für die Patienten nutzte:

"In June 1891 the Committee of the Sanatorium (Holloway) purchased Hove Villa, with 2 acres of grounds, in Brighton..."

Eröffnung dann im October 1891 aber eben 1891 und nicht 1890. Davor hatten sie ein Seaside Home in Poole. In Brighton gab es neben dem Polizei Seaside Home auch noch ein Jüdisches Seaside Home. Alle lagen dort dicht beieinander. Nun ist es natürlich möglich, dass die Seaside Home ID in Poole stattfand aber vielleicht auch schon in Brighton, bevor die Anstalt das Haus kaufte, ich weiß es nicht. Ich vermutete eigentlich, dass diese Sommerresidenzen nur so von Mai- September/Oktober genutzt wurden. Beim nachlesen entdecke ich jetzt jedoch: “The first patients arrived in October 1891.“

Das muss aber nicht bedeuten, dass dort zu diesen Zeiten High Life herrschte. Gut möglich, dass der Patientenbesatz in den Sommermonaten höher war. Es ist jedenfalls klar, dass solche Anstalten Seaside Homes führten und somit muss zwangsläufig nicht das Polizei Seaside Home in Brighton gemeint sein. Nutzte Holloway schon in der zweiten Hälfte von 1890 ein Seaside Home in Brighton, so hätte man allerdings einen Insassen dort per Fuß zum Polizei Seaside Home bringen können. Vielleicht hatte Holloway schon 1890 einen Draht zu ihrem späteren Seaside Home in Brighton oder aber waren in Kontakt mit dem schon vorhandenen Polizei Seaside Home dort. Oder aber, ein Verdächtiger wurde von der Holloway Anstalt in Surrey nicht nach Poole, sondern “versehentlich“ nach Brighton gebracht. Man kann viel spekulieren. Keine Ahnung…

In Holloway fehlen jedoch Unterlagen, für männliche Insassen im relevanten Zeitraum. Ich müsste nachschauen, wie weit wir kamen… ist jetzt schon eine Weile her…

Also diese Schauergeschichten könnten ein Stückchen Wahrheit enthalten…

Zu Anderson und Swanson: Gerade bin ich mir nicht sicher aber es wäre möglich, dass Abberline Swanson das Buch von Anderson schenkte. Swanson machte sich zu bestimmten Dingen im Buch Anmerkungen. Mein Eindruck ist, dass er Anderson in einigen Dingen “verbesserte“. Zu dem Briefeschreiber merkte er an, dass dieser der Führung von Scotland Yard bekannt war, er machte weitere Angaben zum Jüdischen Zeugen und nähere Angaben über die Identifikation und er benannte den Verdächtigen von Anderson mit Kosminski. Ich denke, wir sollten davon ausgehen, dass auch Anderson Kosminski meinte.

Zu Hicks: Ich dachte schon beim schreiben, hoffentlich lebt er noch und dann das… da erfahren wir nun leider nichts mehr. Danke für deine Aufklärung, ich habe nur das Complete A-Z in einer Ausgabe von 2010.

Beste Grüße an Dich, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 14.10.2015 19:18 Uhr
Hallo Lestrade!

Dass Surrey selbst ein Seaside Home hatte, ist ja eine äußerst interessante Info! Könnte das zu einem grundlegenden Durchbruch führen?
Wenn dies das nämliche wäre, dann würde die Seaside Home Geschichte endlich etwas schlüssiger, denn einen Verdächtigen extra für eine Gegenüberstellung in so eine Einrichtung zu verfrachten, erschien ja immer etwas unnötig umständlich und erklärungsbedürftig.
Aber wenn der Verdächtige schon in der Institution selbst war, und nur an einen anderen Ort derselben Einrichtung gebracht wurde, z.B. um die Gegenüberstellung dort in Ruhe und Abgeschiedenheit durchzuführen ohne Aufmerksamkeit zu erregen, wäre das viel plausibler.

Die Frage wäre also jetzt: Kann man irgendwo in den erhalten gebliebenen Unterlagen von Surrey zu einem solchen Vorgang etwas finden? Vielleicht sogar mit einem uns bekannten Namen?
Ist da jemand der englischen Ripperologen aktuell dran?


Was den Punkt zu dem Namen "Kosminski" des Verdächtigen in den Memoiren und dem Memorandum angeht:

Dass Macnaghten nicht besonders viel Ahnung vom Ripper-Fall hatte, darüber dürften wir uns wohl beide einig sein. Macnaghten war erstens nie selbst in den Fall eingebunden, und scheint zweitens ja auch nicht gerade eine große kriminalistische Leuchte gewesen sein.
Höchstwahrscheinlich hat sich der auf der Verwaltungsebene befindliche Macnaghten die Informationen für sein Memorandum daher entweder von Anderson oder Swanson zusammenstellen lassen, und der Name Kosminski dürfte wohl durch einen der beiden dort hinein geraten sein - ich bin mir nur noch nicht klar von wem, und aus welchem Grund.
Wenn die Infos an Macnaghten von dem leitenden Ermittler Swanson stammten, hat der ebenfalls auf der administrativen Ebene stehende Anderson vielleicht selbst nur eine durch Macnaghten offiziell abgesegnete Position seines Chefs und damit der Behörde in seine Memoiren übernommen, ohne dass er persönlich dieser Meinung gewesen sein müsste - dafür aber seine persönliche Meinung mit seiner Frau geteilt (Ende der Spekulation zum Lady Anderson-Gerücht).

Wieviel Macnaghten nun tatsächlich von seinen Ermittlern eins zu eins übernommen hat oder wieviel an eigenen Schlussfolgerungen und Interpretationen zu den genannten Verdächtigen im Memorandum steckt, kann ich nur schwer einzuschätzen.
Das Unerfreuliche für uns heute ist ja, dass in Macnaghtens drei bekannten Versionen des Memorandums noch nicht einmal die Daten zu seinem "Topverdächtigen" Druitt übereingestimmt haben - was für mich ein Indiz dafür ist, dass Macnaghten etwas schlampig in seinem Job war, und/oder dass seine Untergebenen ihn nicht ernst nahmen bzw. nicht leiden konnten und ihn deshalb nicht anständig mit Fakten fütterten, womöglich um ihn mithilfe seiner eigenen Inkompetenz zu demontieren.

Die Infos darüber, dass ein gewisser Verdächtiger überwacht wurde, der offenbar "insane in the brain" war und in einer Anstalt landete, stammen allerdings unabhängig voneinander von mehreren Polizisten, die an den Ermittlungen unmittelbar beteiligt waren - daher halte ich diese Infos für valider als die Namensnennung, die möglicherweise nur auf eine einzige Quelle zurückgeht.
Erschwerend kommt ja noch hinzu, dass in der jüdischen Gemeinde ein Namenswechsel aus verschiedenen Gründen gang und gäbe war.

Worauf ich hinaus will: Wenn es diese Unklarheiten nicht gäbe, könnten wir die Täterdiskussion praktisch darauf konzentrieren, weitere Quellen und Indizien in Bezug auf einen "Kosminski" als Ripper zu suchen, weil sowohl der Polizeichef als auch der leitende Ermittler ihn genannt haben.
Aber durch die Ungereimtheiten bleibt die Namensnennung eben leider nur ein Indiz unter anderen, und man müsste auch überprüfen, auf welche andere Personen die bekannten Beweise und Indizien rund um die Taten ebenfalls zutreffen könnten.
Für mich ist und bleibt Aaron Kosminski angesichts dessen, was inzwischen über ihn ausgegraben wurde, zwar einer der besten Verdächtigen - ein viel besserer z.B. als Druitt. Aber ich fände es nachlässig, nicht auch weiter den Faden der anderen "guten" Verdächtigen zu verfolgen.
Zu dem "schon seit längerem" unter den Folgen der Syphilis leidenden Jacob Levy z.B. gibt es auch noch diese Lücke bis zur Einweisung in Stone.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 14.10.2015 22:03 Uhr
Arthur,

Habe dir eben eine Menge geschrieben, ausgeschnitten, nicht eingefügt, was anderes kopiert, Datei geschlossen… alles weg… das hat Spaß gemacht…

Daher nun eine Kurzversion:

Macnaghten war ein guter Beamter (nach intensiven Studium Erkenntnis erlangt)
Als er seinen Posten übernahm, Kosminski war in einer oder seiner Anstalt
Er informierte sich oder wurde von anderen über Kosminski informiert
Keine Ahnung ob er zu den Heads gehörte, die Swanson im Buch von Anderson erwähnte, als es um den Briefeschreiber ging, “known tot he heads of Scotland Yard“
Macnaghten sagte, dass nie jemand den Ripper sah, d.h. Lawende, Schwartz und Hutchinson etc. konnten niemanden identifizieren, Lawende sagte ja selber, er war zu weit weg und hatte nur einen kurzen Blick auf den Mann, Astrachan Mann (Hutchinson) könnte auch der vorletzte Freier gewesen sein, der Angreifer von Schwartz nicht der Ripper. Lawende stand aber dem Ripper gegenüber…
Neulich gelesen, dass die Polizei noch ordentlich Dampf machte im Ripper Fall im Oktober 1890
Möglicherweise einen neuen Zeugen gefunden, vielleicht auch schon vor Oktober 1890, dieser war der Seaside Home Zeuge
Denke daran, es gab nach dem Double Event eine riesige Ermittlung bezüglich Befragungen aber nicht nach Kelly
Vielleicht später einen Zeugen vom Kaliber eines Mannes wie Lawende gefunden, dann wohl aus dem Kelly Fall. ID im Seaside Home dann auf jeden Fall geheim
Wenn, war das ein Riesending und vielleicht wieder nur den Heads of SY bekannt
Vielleicht hörte Macnaghten dazu, vielleicht nicht oder sie erzählten ihm nur: Nö, wieder nicht geklappt, hat ihn auch nicht erkannt. Wer weiß
Kripobeamten Swanson (MET), Cox and Sagar (beide City Police) überzeugt, dass Kosminski der Ripper war, auch der Vorgesetzte Anderson (MET), Macnaghten: many circumstances

Wenn wir heute alles sehen könnten, was die Polizei über Kosminski in Erfahrung brachte, dann würde wohl fast alle sagen: Puh, sieht nicht gut aus für ihn.
Problem war, dass kein bekannter Zeuge Kosminski identifizieren konnte, erst recht spät ein unbekannter Zeuge aber der zog zurück, warum auch immer, muss nicht nur die jüdische Konstellation der Grund gewesen sein. Beispiel: Zeuge sah Kosminski um 6 Uhr am 9. November im Miller´s Court aber ihre Leiche wird erst über 4 Stunden später gefunden. Komische Situation für diesen Zeugen, diesem Mann dem Galgen zu überlassen. Die Polizei hatte natürlich noch andere Beweise, den PC vom Mitre Square : Ich glaube er war es, ich sah nicht sein Gesicht aber vom Typ her + blutige Wäsche + Verdacht durch die eigene Schwester + gesehen noch an anderen Tatorten aber ohne mit späteren Opfern…

Überzeugt, dass Kosminski echt schwer belastet war, der Whitechapel Mörder Jack the Ripper gewesen zu sein. Einige Beamten könnten ganz fest daran geglaubt haben (Swanson, Cox, Sagar, Anderson, Macnaghten könnte ins Boxhorn gejagt worden sein, Kollegen sind ja manchmal eine echte Scheiße und so wurde es bei ihm, aus Trotz, Druitt)

Jacob Levy aber ähnlicher Typ wie Kosminski
Auch möglich, dass Jacob Levy ein Verdächtiger war, also er untersucht wurde, wenn dem so, dann wäre das ein Stück Jack the Ripper Geschichte, die ich absolut spannend finden würde.

Ripperologe Jeff Leahy und seine Frau Catrin kümmern sich um die Anstaltsdinge, ob andere, weiß ich nicht. Wird uns wohl auch niemand erzählen
Wir erfinden nichts Neues, betrachten nur alles neu. Kommt bei einigen Ripperologen auch an, wir sind zufrieden.

Sorry Arthur, dass es nur Steno gibt aber nach meinem Fauxpas fehlte mir die Zeit für ein nochmaliges Formulieren. Bitte um Vergebung.

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 17.10.2015 17:12 Uhr
Hallo Lestrade,

da bin ich ja froh, dass ich nicht der einzige bin, dem solche Missgeschicke passieren. Nachdem mir früher in anderen Foren/Kommentarbereichen auch schon mal Posts verlorengingen, weil es beim Speichern abschmierte, schreibe ich meine Texte inzwischen offline vor und mache dann copy&paste. (Ich habe übrigens so meine Probleme damit, hier einzelne Zitate aus einem früheren Post einzufügen, es wird immer der komplette O-Text des Vorposters eingefügt... Was mache ich falsch?)


Zum Fall Macnaghten-Memorandum:
 
Ob Macnaghten ansonsten ein guter Beamter war, kann ich nicht beurteilen. Meine Schlussfolgerung ergibt sich aus seinem Memorandum, und das strotzt wie du weißt vor Fehlern und Ungenauigkeiten.
Wenn jemand zwei Jahrzehnte später als Privatmann seine Memoiren schreibt und sich dabei nicht mehr korrekt an alles erinnern kann, ist das verständlich und nachvollziehbar.
Wenn aber der Leiter einer Behörde ein offizielles Dokument für den Dienstgebrauch erstellt - es ging ja darum, angesichts der Cutbush-Verdächtigungen in der "Sun" die Polizei intern auf eine Linie zu bringen - dann sollte es eigentlich nicht so fehlerbehaftet sein, schließlich standen ihm für das Abfassen die notwendigen Dokumente und fallkundigen Mitarbeiter zur Verfügung.


Hier ein paar Beispiele dafür (die du ja sicher auch kennst):

"Bezugnehmend auf den Doppelmord welcher am 30. September begangen wurde, gibt es keinen Zweifel, dass der Mann von einigen Juden gestört wurde, die auf dem Weg in einen Club waren (in der Nähe wo der Körper von Elizabeth Stride gefunden wurde)"
Dies ist nicht korrekt: es waren nicht "einige auf dem Weg in einen Club", es gab Diemschütz auf dem Weg in den Hof, ansonsten gab es Schwartz, der aber nur vorbeiging.

"Niemand sah jemals den Whitechapel Mörder"
Auch nicht ganz korrekt: Einige Zeugen sahen einen Mann mit den Opfern unmittelbar vor den Morden, er konnte nur nicht offiziell identifiziert werden.

"ein Doktor, der aus einer angesehenen Familie stammt. Er verschwand zur Zeit des Mordes im Miller's Court"
Stimmt ebenfalls nicht: Druitt war Lehrer, und er verschwand nicht zur Zeit des Mordes, sondern erst Anfang Dezember.

"Der Körper von Martha Tabram (...) war mehrmals durchbohrt worden, vermutlich mit einem Bayonet."
Ebenfalls nicht korrekt: Nur die Herzwunde sah so aus, als sei sie mit etwas anderem, stabilerem als einem normalen Messer verursacht worden.

"Diese Frau war am frühen Abend zusammen mit einer befreundeten Prostituierten in Begleitung von 2 Soldaten gewesen: diese Männer wurden verhaftet, aber die zweite Prostituierte versagte, oder weigerte sich, diese zu identifizieren und die Soldaten wurden letztendlich freigelassen."
Ebenfalls nicht korrekt: es gab Gegenüberstellungen in den Kasernen, aber kein Soldat wurde verhaftet und wieder freigelassen.


Also entweder war Macnaghten schlampig bei diesem Memorandum, oder sein Zuarbeiter hat ihm fehlerhafte Info untergeschoben - aus welchen Gründen auch immer. Jedenfalls betrachte ich die Infos darin deshalb mit Vorsicht.

Was nicht heißt, dass der Name "Kosminski" falsch sein muss, sondern nur, dass man eine gewisse Skepsis gegenüber dem Namen bewahren sollte - zumal nach bisherigen Erkenntnissen kein Kosminski im Frühjahr 1889 in eine Anstalt eingeliefert wurde, und wir von Aaron Kosminski erst von seiner Einweisung 1891 nach Colney Hatch wissen.

Was ich mich allerdings schon seit längeren frage: Könnte die Verlegung von Kosminski von Colney Hatch nach Leavasden im April 1894 vielleicht eine Folge der Erwähnung im Memorandum gewesen sein?


Aber was mich vor allem interessieren würde: Du hast nun mehrmals angedeutet, dass du eine These zu dem ominösen Zeugen bei der Indentifizierung im Seaside Home hättest.
Willst du die Katze noch nicht aus dem Sack lassen, weil du da noch etwas Größeres dazu ausarbeitest?

MfG, Arthur Dent



P.S. Ich hänge nicht am Tatverdacht gegen Jacob Levy - ich finde ihn nur einen besseren Verdächtigen als die meisten der "Klassiker".
Ich wollte an Levys Beispiel ein Profil erstellen, um mal hier wieder eine Diskussion zu entfachen und vielleicht den ein oder anderen zu ermuntern, auch mal ein Gesamtbild anderer guter Verdächtiger zusammenzustellen, so dass wir eine Übersicht über die Verdächtigen-Profile bekommen (gewissermaßen eine erweiterte Version von Thomas Schachners Übersicht).
Leider sind wir beiden hier immer noch etwas einsam unterwegs...
 :cray:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 17.10.2015 19:21 Uhr
Hallo Arthur,

Hallo Lestrade,

da bin ich ja froh, dass ich nicht der einzige bin, dem solche Missgeschicke passieren. Nachdem mir früher in anderen Foren/Kommentarbereichen auch schon mal Posts verlorengingen, weil es beim Speichern abschmierte, schreibe ich meine Texte inzwischen offline vor und mache dann copy&paste. (Ich habe übrigens so meine Probleme damit, hier einzelne Zitate aus einem früheren Post einzufügen, es wird immer der komplette O-Text des Vorposters eingefügt... Was mache ich falsch?)

Vor den Zitaten im Zitat- Status setzte ich immer das quote author=Arthur Dent 2 link=topic=1038.msg25872#msg25872 date=1445094728 und das /quote vor oder nach den Sätzen, natürlich mit den Klammern. Vielleicht weiß es aber noch jemand anderes besser. Ich habe auch offline vorgeschrieben aber nur kopiert, nichts eingefügt. Ich war abgelenkt und kopierte danach etwas anderes und schloß die Schreibdatei ohne Speichern.


Zum Fall Macnaghten-Memorandum:
 
Ob Macnaghten ansonsten ein guter Beamter war, kann ich nicht beurteilen. Meine Schlussfolgerung ergibt sich aus seinem Memorandum, und das strotzt wie du weißt vor Fehlern und Ungenauigkeiten.
Wenn jemand zwei Jahrzehnte später als Privatmann seine Memoiren schreibt und sich dabei nicht mehr korrekt an alles erinnern kann, ist das verständlich und nachvollziehbar.
Wenn aber der Leiter einer Behörde ein offizielles Dokument für den Dienstgebrauch erstellt - es ging ja darum, angesichts der Cutbush-Verdächtigungen in der "Sun" die Polizei intern auf eine Linie zu bringen - dann sollte es eigentlich nicht so fehlerbehaftet sein, schließlich standen ihm für das Abfassen die notwendigen Dokumente und fallkundigen Mitarbeiter zur Verfügung.

"ein Doktor, der aus einer angesehenen Familie stammt. Er verschwand zur Zeit des Mordes im Miller's Court"
Stimmt ebenfalls nicht: Druitt war Lehrer, und er verschwand nicht zur Zeit des Mordes, sondern erst Anfang Dezember.

Also entweder war Macnaghten schlampig bei diesem Memorandum, oder sein Zuarbeiter hat ihm fehlerhafte Info untergeschoben - aus welchen Gründen auch immer. Jedenfalls betrachte ich die Infos darin deshalb mit Vorsicht

Ich denke, wir können nicht sagen, was in den Unterlagen stand, welche Macnaghten zu sehen bekam. Er sprach ja auch von privaten Informationen und auch hier wissen wir nicht, wie diese zustande kamen. Ich bin kein Druitt Fachmann aber mir ist, als ob er aus einer Doktoren- Familie stammte. Die Informationen aus der Familie könnten beinhaltet haben, dass er als Doktor tätig war, sei als nur als Assi oder Kräuterdoktor. Hier sollte man vorsichtig sein, dass einfach als falsch zu bewerten. Kenntnisse als “Arzt“ waren für das Täterprofil ja auch wichtig. Und denke daran, Tumblety war auch kein richtiger Arzt. Ich weiß auch nicht, was unter den Kollegen bei der Polizei so erzählt wurde. Vielleicht dachte Nacnaghten, in der mündlichen Überlieferung, das ein Doctor T. (Tumblety) ein Doctor D. (Druitt) war. Als Macnaghten antrat, war der Fall gerade etwas abgekühlt änderte sich aber einen Monat später, als Mackenzie ermordet wurde. Macnaghten galt als eifrig, interessiert, man konnte auf ihn zählen. Es kommt immer darauf an, wie das Verständnis all dieser Dinge für ihn aussah. Ganz sicherlich trug er für dieses Memorandum die verschiedensten Informationen zusammen, die Fehler müssen nicht unbedingt bei ihm (allein) zu suchen gewesen sein. Ich meine, da gab es auch einen gemeinsamen Punkt in der Vergangenheit zwischen seiner Familie und der Familie von Druitt. Ich glaube, es könnte sich an dieser Stelle lohnen, sich der Arbeit von Jonathan Hainsworth zu widmen. Man muss sich aber auch einmal fragen, wie viel Bock er hatte, dieses Memorandum zu schreiben. Natürlich muss er in seiner Position professionell arbeiten aber ist das immer gewährleistet und scheitert es nicht manchmal dann genau bei etwas, offensichtlich, ganz wichtigem? Nacnaghten hat eine Menge im Leben erlebt und wer weiß, was gerade in diesem Moment wichtiger für ihn war… wir vergessen oft den menschlichen Faktor, Arthur…

Aber ich kann dir auch nur meine Gedanken dazu sagen… vielleicht sind diese aber auch falscher als falsch…

Hier ein paar Beispiele dafür (die du ja sicher auch kennst):

"Bezugnehmend auf den Doppelmord welcher am 30. September begangen wurde, gibt es keinen Zweifel, dass der Mann von einigen Juden gestört wurde, die auf dem Weg in einen Club waren (in der Nähe wo der Körper von Elizabeth Stride gefunden wurde)"
Dies ist nicht korrekt: es waren nicht "einige auf dem Weg in einen Club", es gab Diemschütz auf dem Weg in den Hof, ansonsten gab es Schwartz, der aber nur vorbeiging.

Möglicherweise verwechselte er hier die Tatorte und sprach über Lawende, Levy und Harris, die aus einem Club in der Duke Street kamen. Wir müssen aber auch in Betracht ziehen, dass Diemschütz, Schwartz und Pipeman diese drei Juden waren, welche in den Club in der Berner Street wollten. Bei Diemschütz ist es definitiv, Piepman könnte die Absicht gehabt haben und das könnte auch für Schwartz gelten. Ich glaube, der Übersetzter von ihm, bei der Polizei am nächsten Tag, war jemand aus dem Club in der Berner Street. So könnten alle drei Männer den Ripper kurz hintereinander gestört haben. Diesen Fehler von Macnaghten würde ich gerne offen lassen.

"Niemand sah jemals den Whitechapel Mörder"
Auch nicht ganz korrekt: Einige Zeugen sahen einen Mann mit den Opfern unmittelbar vor den Morden, er konnte nur nicht offiziell identifiziert werden.

"es sei denn der PC vom Mitre Square" (Macnaghten)...

Ich denke auch, dass er das meinte, keine Identifikation, egal welcher Verdächtiger, durch z.B. Long, Schwartz, Lawende und Hutchinson etc. und der City PC wird gesagt haben: Ich sah nicht sein Gesicht aber seine ganze äußere Erscheinung erkenne ich wieder… er sagt ja selber, da waren drei Juden die ihn störten... das sollte man ihm vielleicht auch nicht entgültig als Fehler anschreiben...

"Der Körper von Martha Tabram (...) war mehrmals durchbohrt worden, vermutlich mit einem Bayonet."
Ebenfalls nicht korrekt: Nur die Herzwunde sah so aus, als sei sie mit etwas anderem, stabilerem als einem normalen Messer verursacht worden.

"Diese Frau war am frühen Abend zusammen mit einer befreundeten Prostituierten in Begleitung von 2 Soldaten gewesen: diese Männer wurden verhaftet, aber die zweite Prostituierte versagte, oder weigerte sich, diese zu identifizieren und die Soldaten wurden letztendlich freigelassen."
Ebenfalls nicht korrekt: es gab Gegenüberstellungen in den Kasernen, aber kein Soldat wurde verhaftet und wieder freigelassen.

In all, there were thirty-nine stab wounds including:

5 wounds (left lung)
2 wounds (right lung)
1 wound (heart)
5 wounds (liver)
2 wounds (spleen)
6 wounds (stomach)

According to Killeen, the focus of the wounds were the breasts, belly, and groin area. In his opinion, all but one of the wounds were inflicted by a right-handed attacker, and all but one seemed to have been the result of an "ordinary pen-knife." There was, however, one wound on the sternum which appeared to have been inflicted by a dagger or bayonet


Ich lese 39 Stichwunden, die "Bajonett- Wunde" war im Brustbein, also die Herzwunde und alle anderen wurden verursacht durch ein eher gewöhnliches Messer. Da liegt er wirklich falsch. Aber wir sollten nicht vergessen, dass er sagte, dass der Körper wiederholt durchbohrt wurde, vermutlich von einem Bajonett. So falsch ist das ja nicht, der Körper wurde 39 mal mit einem Messer attackiert und ein Bajonett spielte möglicherweise auch eine Rolle. Es ist nicht korrekt aber auch nicht etwas total falsches. Ich weiß nicht, welche Quellen du kennst aber er sagte halt: Vermutlich. Für ihn war Tabram ja auch kein Ripper Opfer, er sagte, es gab fünf Opfer und nur fünf (die K5). Das soll aber nicht als Entschuldigung gelten. Verhaftete Soldaten? Sicherlich nicht aber bevor ich da was schreibe, mache ich mich noch einmal schlau.

Vielleicht gibt es für all diese “Fehler“ auch einfache Erklärungen, die wir einfach nicht kennen.

Was nicht heißt, dass der Name "Kosminski" falsch sein muss, sondern nur, dass man eine gewisse Skepsis gegenüber dem Namen bewahren sollte - zumal nach bisherigen Erkenntnissen kein Kosminski im Frühjahr 1889 in eine Anstalt eingeliefert wurde, und wir von Aaron Kosminski erst von seiner Einweisung 1891 nach Colney Hatch wissen.

Das erhoffen wir uns zu finden, eine Einweisung von Aaron Kozminski in eine privaten Anstalt in Surrey ca. März 1889. Es gab Verbindungen dieser Familie vor und nach 1888 nach Wandsworth/ Surrey.   

Was ich mich allerdings schon seit längeren frage: Könnte die Verlegung von Kosminski von Colney Hatch nach Leavasden im April 1894 vielleicht eine Folge der Erwähnung im Memorandum gewesen sein?

Gute Überlegung! Sollte man im Hinterkopf behalten, denke ich.

Aber was mich vor allem interessieren würde: Du hast nun mehrmals angedeutet, dass du eine These zu dem ominösen Zeugen bei der Indentifizierung im Seaside Home hättest.
Willst du die Katze noch nicht aus dem Sack lassen, weil du da noch etwas Größeres dazu ausarbeitest?

Nichts besonderes Arthur. Ich glaube heute nicht mehr, dass Schwartz oder Lawende der Zeuge im Seaside Home war. In meiner Theorie, Hypothese oder Story, wie man das auch immer nennen möchte, macht das keinen Sinn. Ich muss glauben, dass dieser Zeuge sehr spät gefunden wurde und ihm all die Zeit gar nicht bewusst war, was er eigentlich beobachtet hatte. Er wusste nicht, dass er die einzige Lösung in diesem Fall wäre. Vielleicht stammt er aber auch aus einem fehlgeschlagenen Tötungsversuch als der Ripper seine Schwester attackierte und dabei gesehen wurde. Ich weiß das nicht, dass dürfte selbstverständlich klar sein aber es könnte in diese Richtungen gehen.

P.S. Ich hänge nicht am Tatverdacht gegen Jacob Levy - ich finde ihn nur einen besseren Verdächtigen als die meisten der "Klassiker".
Ich wollte an Levys Beispiel ein Profil erstellen, um mal hier wieder eine Diskussion zu entfachen und vielleicht den ein oder anderen zu ermuntern, auch mal ein Gesamtbild anderer guter Verdächtiger zusammenzustellen, so dass wir eine Übersicht über die Verdächtigen-Profile bekommen (gewissermaßen eine erweiterte Version von Thomas Schachners Übersicht).
Leider sind wir beiden hier immer noch etwas einsam unterwegs...
 :cray:

Das tut mir leid für dich, Arthur. Einseitig Antworten zu erhalten, ist ja auch recht öde. Manchmal machen aber auch Leute wie ich, solch ein Forum "platt", natürlich nicht bewusst. Allerdings sind andere Foren, Casebook/JTRForums, so etwas von buntgemischt, Themenmäßig, das würde selbst ich nicht "verhindern" können. 

Beste Grüße.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 17.10.2015 20:01 Uhr
Achso, wo wir gerade bei Macnaghten, Memorandum, Druitt und Kosminski sind, gibt es auch was Neues von Ostrog! Ich las das heute auf Facebook im H Division Crime Club UK:

Previously unpublished photo of Michael Ostrog in the Crime Museum now in Keith Skinners new book so at last you can all see it!! (Lindsay Siviter)

Dann folgte das Foto.

Dazu sagte Rob Clack: There's another one in the new Crime Museum book.

Was alles noch so gefunden werden kann...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 18.10.2015 13:24 Uhr
Zu Jonathan Hainsworth:

Er und seine Theorien werden kontrovers diskutiert, das trifft ja z. B. auch auf Christer Holmgren und Edward Stow (Charles Cross) zu. Ich persönlich finde es aber absolut spannend, mich auf Menschen einzulassen, die eigentlich am anderen Ende meiner Ansichten stehen, vermeintlich, denn da ist auch was für mich zu holen, an Ideen und Informationen. Wer etwas via Jonathan Hainsworth über Macnaghten erfahren will, dem sei, wie bereits erwähnt, seine Arbeit zu empfehlen:

http://www.amazon.de/Jack-Ripper-Case-Solved-1891/dp/0786496762/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1445167321&sr=8-1&keywords=Jack+the+Ripper+case+solved+1891

http://www.jjhainsworth.com/about/

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=22368



 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 19.10.2015 15:38 Uhr
Habe noch einmal ein wenig nachgelesen:

Macnaghten, Days of my years 1914 (da war er 61 Jahre alt, er starb mit 68):

"On 7th August the body of Martha Tabram was discovered lying on the stairs of a house in George Yard. Her death was due to a number of wounds in the chest and abdomen, and it was alleged that a bayonet had been the weapon used upon her"

(Memorandum 1894: The body of Martha Tabram, a prostitute, was found on a common staircase in George Yard buildings on 7th August 1888; the body had been repeatedly pierced, probably with a bayonet.)

“In this case there can be little doubt but that the murderer was disturbed at his demoniacal work by some Jews who at that hour drove up to an anarchist club in the street.”

Die kamen natürlich nicht alle drei mit der Kutsche (falls Lawende, Levy und Harris gemeint waren) aber er war schon über 60 und die Morde ca. 25 Jahre her. Der einzige der mit einer Kutsche kam war Diemschütz.

Er glaubte an Druitt. Diese Annahme hat sicherlich vieles bei ihm beeinflusst.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 19.10.2015 17:17 Uhr
Hallo Lestrade!

Dass Macnaghten eher Druitt bevorzugte, lag vermutlich daran, dass er gewisse private Informationen über ihn erhalten hatte, wie er geschrieben hat.
Vielleicht sollten die drei aber auch nur als Beispiele zur Abgrenzung gegen Cutbush fungieren, so nach dem Motto: JTR gehört unseren Ermittlungen zufolge in eine ganz andere Kategorie von Leuten; wir konnten einen gewissen Personenkreis eingrenzen, und Cutbush gehört nicht dazu, wir gehen davon aus, dass JTR entweder tot oder in der Anstalt ist, denn er hätte nicht so lange Pause gemacht...


Aber zurück zu Kozminski: Ich denke, das wäre ein wichtiges Indiz:
Eine Einweisung von Aaron Kozminski in eine private Anstalt in Surrey Anfang 1889 würde die Lücke bis Colney Hatch füllen und außerdem eine weitere Übereinstimmung zu den Aussagen von Macnaghten und Cox bedeuten.
Das würde seine Spitzenposition unter den Verdächtigen weiter ausbauen. Wenn seine Verwandten ihn unter einem falschen Namen dort untergebracht hätten, wäre das allerdings schwer herauszufinden.

Als letzte Ungereimtheit, die gegen Kozminski sprechen würde, müsste dann noch geklärt werden, wieso alle Zeugen kurz vor den Morden nur Männer mittleren Alters bei den Opfern gesehen haben, und keine jüngeren. Es sei denn, Kozminski sah durch seine Erkrankung schon mit 23 rund zehn Jahre älter aus. Oder Macnaghten hatte recht, und der Ripper wurde tatsächlich wirklich nie mit den Opfern gesehen, sondern nur irgendwelche Männer vor ihm - was ich allerdings angesichts der engen Zeitrahmen bei Chapman und Stride für unwahrscheinlich halte.

Was noch ein gutes Indiz für den Verdacht gegen Kozminski ist:
Dass sein Bruder Isaac Abrahams ein Schneider war, wäre ein Lösungsansatz für das Kleiderproblem des Mörders. Damit gab es in der Familie immer genug Kleidungsstücke zum Wechseln, und wenn Kozminski sich in schlechten Phasen seiner zunehmenden psychischen Erkrankung sowieso öfter mal gehen ließ, dürfte er wohl auch regelmäßig frische Kleidung gebraucht haben. Was meinst du?

MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 19.10.2015 17:59 Uhr
Hey Arthur...

Ich kann deinem Post nicht viel hinzufügen. Ob es damals ein großer Unterschied war 23 oder 30 zu sein? Meine ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht.

Mrs. Long and Lawende müssen den Ripper mit ihren späteren Opfern (Chapman, Eddowes) gesehen haben. Bei Hutchinson bin ich mir überhaupt nicht sicher, bei Schwartz habe ich leise Zweifel...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 19.10.2015 21:58 Uhr
Das Buch von Jonathan H. ist wohl jetzt erhältlich sehe ich gerade:

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=24530

Ganz schön teuer, ich warte noch etwas und dann schlage ich zu, vielleicht wird das ebook preiswerter, mal sehen.

"Police chief Sir Melville Macnaghten claimed to know the truth from “private information,” but his source has remained unknown for more than a century. Here, the identity of Sir Melville’s informer is revealed, explaining why the Ripper was disguised as an insane surgeon for public consumption. A number of photos are included, some never before seen."

Das klingt doch schon einmal spannend...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 21.10.2015 17:48 Uhr
Hallo Lestrade,

wenn da tatsächlich neue Quellen offenbart werden - insbesondere jene private von Macnaghten - könnte das wirklich interessant sein und vielleicht endlich aufdecken, wie Macnaghten zu seinen Ansichten gekommen ist.

Vielleicht passt das ja zu dem Zeitungsartikel von Sims:
"A lady from this city visiting a distinguished official in London, states in a letter written to friends here that the Ripper has been under arrest in the London metropolis for some time. He is a medical student and was arrested on the strength of information given by his own sister.
The authorities, the letter states, have kept the matter a strict secret in order to work up the case against the prisoner, and they are said to have a very complete chain of evidence."


Aber erst einmal die Rezensionen abwarten. In Werbung wird immer gern viel versprochen, das war doch bei vielen Ripper-Büchern so: "Fall gelöst!" usw.
Und am Ende findet man zwar vielleicht ein paar interessante neue Aspekte darin, aber der versprochene große Wurf war es entgegen der Werbung trotzdem nicht.

Mir ist auch nicht klar, inwiefern der Ripper als irrer Chirurg oder Wundarzt vor der Öffentlichkeit kaschiert worden sein soll? Die Polizei hat doch nie auf einseitigen Thesen bestanden, sondern in alle Richtungen ermittelt und verdächtigt.
Nun, wir werden es bald erfahren.

MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 21.10.2015 19:57 Uhr
Genau... mal sehen, wie man eigene Ideen mit einbringen kann...

Das Zitat könnte zu Druitt als auch zur Schwester von Aaron Kozminski, Matilda, passen...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 31.10.2015 18:07 Uhr
Hallo Lestrade,

Hyam Hayms können wir uns demnächst gerne mal vornehmen - von dem weiß ich aber leider nur sehr wenig, so dass ich erst etwas Zeit zum Einlesen bräuchte.


Zuvor aber noch eine Frage zum Suspect Jacob Levy - du hast doch mal diese ganzen komplexen Verwandtschaftsverhältnisse durchgearbeitet:

Ich hatte zunächst gar nicht so auf dem Schirm, dass Jacob auch noch mit den Levys aus der Mitre Street verwandt sein könnte, weil "Levy" ein Allerweltsname ist und viele osteuropäische Einwanderer ihn angenommen haben.
Dann bin ich aber über deine Bemerkungen zum Levy-Clan aus der Mitre Street gestoßen, und darin führst du aus, dass Joseph Hyam Levy und vermutlich auch Jacob Levy mit ihnen verwandt waren.
http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,1470.15.html  #22

Wenn dies zutreffen sollte, wäre das ein interessantes zusätzliches Puzzle-Teil der Levy-Hypothese:
Dann würde Jacob, wenn er der Ripper war, nämlich noch näher an die Tatorte heranrücken.
Da wäre dann nicht nur sein Bruder Isaac Levy in der Goulston Street, Model Dwellings 130.
Sondern auch die Mitre Street Bewohner (z.B. Samuel Levy als Orangenverkäufer in der Mitre Street 20) beim Eddowes-Tatort, und zudem noch John Levy's Cigar Shop in der Whitechapel Road 254 in der Nähe der Tatorte Buck's Row und Berner Street. Tatorte nahe bei Verwandten, Schürze nahe beim Bruder, Messer nahe am Cigar Shop, und passend dazu die Aussage von Cox: "He occupied several shops in the East End"...
Das würde vielversprechend klingen.

Daher meine Frage: Gelten diese Levys inzwischen nachgewiesen als verwandt bzw. gibt es zumindest plausible Hinweise darauf - oder sind das nur Mutmaßungen?


Happy Halloween, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 31.10.2015 18:48 Uhr
Hey Arthur,

In Sachen Hyam Hyams muss ich mich auch erst wieder korrekt einfühlen. Auch zu den Levy Sachen. Die letzten Jahre stand Kosminski/Cohen im Focus und werden es auch noch die nächste Zeit. Dennoch sind Levy und Hyams Personen die mich faszinieren und denen ich mich gerne (wieder) widme bzw. widmen möchte. Neubetrachtungen, dafür kann ich mich begeistern, halte das für sehr sinnvoll und auch nötig. Man denkt sehr oft, dass man etwas weiß aber was weiß man denn wirklich schon? Und plötzlich erscheinen einem dann die Dinge in einem gänzlich neuen Licht. Gehe davon aus, dass alles, was ich zu den genannten Personen geschrieben habe, immer nach besten (aktuellen) Wissen und Gewissen erfolgte. Leider gehöre ich zu den Kandidaten, die Fadenübergreifend schreiben und so wird man viele Dinge über diese Personen genau dort finden, wo sie nicht hingehören und meistens dann auch sehr umfangreich. Also Du findest eher detaillierte Angaben über Levy in einem Charles Cross Faden als in seinem Bereich als Verdächtiger. Deshalb finde ich deine Zusammenfassungen sehr gut, weil sie dahin kommen, wo sie hingehören. Ich bin da wirklich schlampig aber auch so ein bisschen der Peter Ludolf der Ripper Szene, der in seinem Schrotthaufen dennoch die Dinge (wieder) findet. Mit ein wenig Geduld und Spucke kriegen wir das hin. Bin noch nicht ganz gesund und heute was großer Gartentag und momentan mache ich nur das nötigste, hab daher etwas Geduld mit mir. Außerdem bist Du ja eher scheinbar unabhängig von anderen und suchst eher den Austausch/ Dialog, so mein Eindruck. Finde ich persönlich absolut prima.

Halloween finde ich ganz gut, mache aber nicht mit. Mein Kostüm würde aber ungefähr so aussehen:

https://www.youtube.com/watch?v=a4FZtiHqD9E

Happy Halloween Dir,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 01.11.2015 23:33 Uhr
Hyam Hayms können wir uns demnächst gerne mal vornehmen - von dem weiß ich aber leider nur sehr wenig, so dass ich erst etwas Zeit zum Einlesen bräuchte.

Gestern im Casebook Forum, Scott Nelson:

Hi Tracy,

Debs discovered that the Hyam Hyams who grew up on Mitre street was different from the one who went to the asylum. Also that the asylum-bound Hyams was not the "terror of the city police", but rather terrified of the police (apologies , trying to quote from memory).

This doesn't mean that the Colney Hatch Hyams couldn't have been the Ripper.


Das ging dann auch an mir vorbei. Also falls wir uns damit befassen sollten, werden wir das beachten müssen.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 05.11.2015 22:20 Uhr
Hallo allesamt!


Ich habe noch einige neue Aspekte zu meiner Zusammenfassung über Jacob Levy als Tatverdächtigen hinzuzufügen.


"Butcher's Row Suspect" - Erweiterte Fassung:

Nach dem Kelly-Mord begann die City Police damit, mehrere Monate lang einen Tatverdächtigen in der Butcher's Row zu observieren.
Butcher's Row war kein offizieller Straßenname, so wurde wegen der vielen Metzger und der dahinter liegenden Schlachterei jener Abschnitt der High Aldgate Street genannt, der an der Einmündung der Middlesex Street liegt, wo der Metzger Jakob Levy wohnte.
Sie stellt die Grenze zwischen City of London und Whitechapel sowie zwischen den beiden Polizei-Distrikten dar.

In einem Zeitungsinterview (City Press, 7. January 1905) sagte Robert Sagar von der City Police, dass man nach dem Kelly-Mord einen Verdächtigen unter Beobachtung gestellt habe, der in der Butcher's Row arbeite und von dem man annehme, dass er der Ripper sei, und dass dieser Mann letztendlich (wie Levy) von seinen Leuten in ein Irrenhaus eingeliefert worden sei.

Auch Detective Inspector Henry Cox wurde ein Jahr später in einem Zeitungsartikel (Thomson’s Weekly News, 1. December 1906) zu den Observationen der City Police zitiert, ohne jedoch den genauen Ort zu nennen.
Cox: "The man we suspected was about five feet six inches in height, with short, black, curly hair, and he had a habit of taking late walks abroad. He occupied several shops in the East End, but from time to time he became insane, and was forced to spend a portion of his time in an asylum in Surrey. (...) While the Whitechapel murders were being perpetrated his place of business was in a certain street, and after the last murder I was on duty in this street for nearly three months."

Es ist nicht ganz klar, ob Sagar und Cox dieselbe Person an demselben Ort observierten, oder ob es sich um zwei völlig unterschiedliche Überwachungen handelte.
Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass beide in der Nähe der Butcher's Row eingesetzt waren:
Denn Cox erzählte, wie er dem Verdächtigen nachts gefolgt sei. Nachdem dieser sein Haus verlassen habe, habe er gewartet, bis er um die Ecke gebogen sei, und sei ihm dann in die Leman Street gefolgt, welche nur etwa 100 Meter östlich von der Einmündung der Middlesex Street entfernt nach Süden verläuft.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was Cox zur Überwachung des Tatverdächtigen sagte. Zur Verschleierung der Observation, die der jüdischen Gemeinde nicht verborgen blieb, behaupteten die Polizisten, sie seien Fabrik-Inspektoren, die Schneidereien auf Beschäftigung von Minderjährigen überwachten: "We told them we were factory inspectors looking for tailors and capmakers who employed boys and girls under age."
Und es gab viele Schneider in der Middlesex Street, die bis heute für den Petticoat Lane Street Market bekannt ist.
Hinzu kommt, dass der Zeuge George Hutchinson ausgesagt hatte, er habe vermutlich den verdächtigen Kunden von Kelly zwei Tage nach dem Mord in der Petticoat Lane wiedergesehen.
Dies lässt es plausibel erscheinen, dass das Observationsteam von Cox in der Middlesex Street tätig war, in unmittelbarer Nähe zu den zahlreichen  dort angesiedelten Schneidern, der die Straße ihren früheren Namen Petticoat Lane verdankte.

So ist es gut möglich, dass sowohl Sagar als auch Cox in der Umgebung von Aldgate High Street und Middlesex Street eingesetzt waren.
Vielleicht war es tatsächlich Jacob Levy, der beobachtet wurde - doch leider sind weder die genaue Adresse noch der Zeitraum der Observationen bekannt.


Interessant ist jedoch noch ein weiterer Aspekt:

Cox schrieb: "He occupied several shops in the East End" - und wenn Jacob Levy der Ripper war, könnte dies bedeuten, dass er neben seiner Heimatadresse Middlesex Street 36 auch bei den Metzgern der Butcher's Row ein und aus ging. Denn sowohl Jacob Levy als auch der Zeuge und mutmaßliche Verwandte Joseph Hyam Levy sollen Geschäftsverbindungen in der Butcher's Row gehabt haben (z.B. zu George Bolam, der selbst in der Middlesex Street wohnte). Vermutlich kauften sie auch in der dortigen Schlachterei ein.
Levy könnte sogar wegen seines ruinierten eigenen Geschäfts zeitweise dort oder in einem anderen Shop gearbeitet haben.

Darüber hinaus gab es im Eastend noch die Shops des Levy-Clans aus der Mitre Street, mit denen Jacob und Joseph laut Casebook verwandt gewesen sein sollen:
Darunter der Orangenhändler Samuel Levy in der Mitre Street 20 (Tatort Mitre Square) und der Zigarrenhändler John Levy in der Whitechapel Road 254 - nahe den Tatorten Buck's Row und Berner Street sowie unmittelbar neben dem Messer-Fund von Thomas Coram nach dem Double Event vor Whitechapel Road 253.

In den 1880er Jahren hatte John Levy in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop. Er war laut Census der Bruder von Fanny Levy von den Levys aus der Mitre Street 29, und sie waren wahrscheinlich Cousins des Zeugen Joseph Hyam Levy, dessen Vater vor Jacob die Metzgerei in der Middlesex Street 36 hatte - somit war vermutlich auch Jacob Levy mit diesen Levys verwandt.

John und Fannys Eltern, Ann und Barnett Levy, lebten in den 1850ern in Mitre Street 29 ("Orange Market" am Mitre Square), sie waren Zigarren- und Orangenhändler und hatten vier Kinder - John, Samuel, Lewis und Fanny. Um 1888 wohnte nur noch Fanny dort.
Samuel lebte erst in den Häusern Mitre Street 17 und 23 und zog danach neben Joseph Hyam Levys Vater, Hyam Levy, in die Middlesex Street 39 (!). 1888 kehrte Samuel dann als Orangenverkäufer wieder in die Mitre Street zurück, diesmal in die Nummer 20.

Nicht vergessen werden sollte schließlich noch Jacobs Bruder Isaac Levy, der zur Zeit der Morde im Model Dwellings 130 in der Goulston Street lebte - nur einen Gebäudekomplex entfernt von dem Hauseingang, in dem das blutige Teil von Eddowes Schürze gefunden wurde.
 

Fazit:
Waren die Levys von Mitre Street tatsächlich mit Jacob Levy verwandt, so rückt der verrückt gewordene Metzger durch die Adressen seiner Verwandten in die unmittelbare Nähe zu mehreren Tatorten und den Funden von Schürze und Messer. Unabhängig davon befand er sich zudem im Bereich der von den Polizisten beschriebenen Observationen.


MfG, Arthur Dent



@Lestrade: Auf das Problem mit den beiden Hyams bin ich auch gestoßen, als ich angefangen habe, über ihn nachzulesen.  :shok:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 06.11.2015 09:59 Uhr
Guten Morgen Arthur,

Ich gehe davon aus, dass die Polizei, zwischen dem 3 und 18 Oktober, keinen Stein auf dem anderen in dieser Gegend gelassen hatten. Es ist ja auch bekannt, dass alle Butcher und Slaughterer und ihre Angestellten genauer unter die Lupe genommen wurden. Wir können fast mit rechnen, dass auch Jacob Levy Rede und Antwort stehen musste.

Im Falle von Cox, fällt es mir schwer an einen Vollzeit Butcher zu denken. Die Straße in der er überwachte, sollte es sehr, sehr viele Schneider und Hutmacher etc. gegeben haben und das wäre in der Butchers Row nicht der Fall gewesen. Cox sprach von einem Shop "the shop of the man, the door of his little shop, his own house", was vieles bedeuten kann aber offenbar war dieser Verdächtige (wenigstens) des Nachts alleine. Jacob Levy war lange verheiratet und sie hatten Kinder. Ich weiß nicht ob das passt. Jemand, der tagsüber seinen (nicht Butcher) Shop unterhält und nachts u.a. mal in der Butchers Row ist, mal in einen Shop in der Leman Street und sonst wo, macht im Falle von Cox vielleicht mehr Sinn. Dann würde auch Sagar gut passen, der eben, neben Cox und Kollegen, den Standort Butchers Row bewachte. DC Smith and DC Miller machten ihre Überwachungen eben in der Leman Street oder in noch einer weiteren Straße. Abgesehen davon macht Sagar dann, so finde ich, mehr Sinn im Falle Jacob Levy als es Cox tut. Beide könnten unterschiedliche Meinungen bezüglich des Täters vertreten haben. Aber falls die Sagar Razzia und Observation im Dezember 1890 gegenüber der Butchers Row Sagar´s möglichen Ripper betroffen hatte, haben wir ein Problem, denn Jacob Levy saß bereits seit August 1890 in der Anstalt.

Desweiteren ist er nicht ganz der Mann, den das psychologische Profil "verlangt". Er war kein unverheirateter (oder kurzzeitig verheirateter) Mann ohne Kinder sondern das Gegenteil davon. Seine Frau hoffte, so lässt sich vermuten, noch lange auf seine Wiederkehr nach Hause, dass spricht für Jacob als Menschen ohne einen schlechten Kern. Die Polizei erwartet einen lokalen Einzelgänger mit Antisozialen Verhalten. Aber war Jacob Levy das, abgesehen von seiner Lokalität? Natürlich lief er nachts allein durch die Straßen aber das tun viele Schizophrene, die habe auch ich in meinem Bekanntenkreis.

Am Ende wäre er aber ein guter Kandidat für Sagar, falls dessen Überwachung im Bull Inn Yard im Dezember 1890 einen anderen Fall betraf (was ja gut möglich wäre).

Beste Grüße,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 06.11.2015 10:29 Uhr
Sorry, vergessen:

Cox:

"To understand the reason we must first of all understand the motive of the Whitechapel crimes. The motive was, there can not be the slightest doubt, revenge. Not merely revenge on the few poor unfortunate victims of the knife, but revenge on womankind. It was not a lust for blood, as many people have imagined.

The murderer was a misogynist, who at some time or another had been wronged by a woman. And the fact that his victims were of the lowest class proves, I think, that he was not, as has been stated, an educated man who had suddenly gone mad. He belonged to their own class."


Nichts ist unmöglich aber ich frage mich, ob ein Frauenhasser (misogynist) mit so einer Geisteskrankheit lange in Ehe mit Kindern leben konnte. Jacob Levy war vielleicht nicht reich aber auch keiner, der zu dieser "tiefen" Klasse der Prostituierten gehört hatte. Seine Verhältnisse waren geregelt und ich denke, der Ripper hat keinerlei Ordnung in seinem Leben. Da habe ich meine Zweifel aber er muss ja nicht der Verdächtige von Cox gewesen sein...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 06.11.2015 18:09 Uhr
Hallo Lestrade,

derzeit fällt es mir schwer, die meisten deiner Kritikpunkte nachzuvollziehen.  :scratch_one-s_head:
Vielleicht habe ich - weil die Überlegungen für mich völlig schlüssig sind - etwas beim Aufschreiben geschludert.
Daher versuche ich es diesmal etwas ausführlicher zu erklären:


"Ich gehe davon aus, dass die Polizei, zwischen dem 3 und 18 Oktober, keinen Stein auf dem anderen in dieser Gegend gelassen hatten. Es ist ja auch bekannt, dass alle Butcher und Slaughterer und ihre Angestellten genauer unter die Lupe genommen wurden. Wir können fast mit rechnen, dass auch Jacob Levy Rede und Antwort stehen musste."

Ja eben, so könnte Jacob ins Visier der Polizei geraten sein, den Ermittlern könnte etwas an ihm und seinen Lebensumständen verdächtig vorgekommen sein.
 

"Im Falle von Cox, fällt es mir schwer an einen Vollzeit Butcher zu denken."

Jacobs Frau sagte bei der Einweisung, er habe fast ihr Geschäft ruiniert. Insofern ist es sehr wahrscheinlich, dass Jacob sich bereits Ende 1888 tief in einer wirtschaftlichen Abwärtsspirale befand (vermutlich wurde er wegen des Diebstahls von vielen Kunden boykottiert, vielleicht kam noch hinzu, dass er immer seltsamer wurde), so dass er schließlich für die Familie noch woanders was hinzuverdienen gehen musste, indem er z.B. in den Geschäften seiner verbliebenen Freunde oder Verwandten gegen Bezahlung aushalf, während seine Frau in dieser Zeit versuchte, den eigenen Laden halbwegs am Laufen zu halten. Dies würde dann zur Aussage von Cox passen: "he occupied several shops in the East End".
Vielleicht hätte ich diese These etwas deutlicher hervorheben sollen.


"Die Straße in der er überwachte, sollte es sehr, sehr viele Schneider und Hutmacher etc. gegeben haben und das wäre in der Butchers Row nicht der Fall gewesen."

Stimmt, aber ich sprach ja in diesem Zusammenhang auch nicht von der Butcher's Row, sondern explizit von einer möglichen Überwachung der Middlesex Street / Petticoat Lane durch Cox, wo es eben tatsächlich viele Schneider gab. 
Sagar überwachte demnach die Butcher's Row, wo Levy bei Metzgerkollegen war, und Cox meiner These nach - getarnt als Fabrik-Inspektor gegen Kinderarbeit - die Middlesex Street, wo Jacob wohnte und sein eigener Shop war. Das passt zu Cox Ausführungen hinsichtlich der Schneider und der nächtlichen Verfolgung in die Leman Street.


"Cox sprach von einem Shop "the shop of the man, the door of his little shop, his own house", was vieles bedeuten kann aber offenbar war dieser Verdächtige (wenigstens) des Nachts alleine. Jacob Levy war lange verheiratet und sie hatten Kinder. Ich weiß nicht ob das passt. "

Wir wissen ja nicht, ob Levy und seine Frau auch wirklich noch die ganze Zeit zusammen wohnten, nur weil sie formal laut Census an derselben Adresse gemeldet waren.
Immerhin dürfen wir voraussetzen, dass zwischen beiden der Haussegen ganz gewaltig schief hing: Er hatte sich bei einer Prostituierten mit Syphilis angesteckt, war wegen Diebstahls verurteilt worden, was ihm in der Gemeinde viele Feinde gemacht haben dürfte, wurde immer seltsamer, trieb sich nachts herum und ruinierte langsam aber sicher ihr Geschäft.
Es kann also gut sein, dass seine Frau mit den Kindern aus Protest zeitweise die gemeinsame Wohnung verlassen hatte, so dass er nachts alleine war (nach dem Motto: "Ich hab die Schnauze voll - ich ziehe zu meiner Mutter!"). Oder dass sie ihn aus dem Schlafzimmer rauswarf und er im Shop nächtigen musste...


"Aber falls die Sagar Razzia und Observation im Dezember 1890 gegenüber der Butchers Row Sagar´s möglichen Ripper betroffen hatte, haben wir ein Problem, denn Jacob Levy saß bereits seit August 1890 in der Anstalt."

Falls es so gewesen wäre, dann ja - aber das wissen wir ja nicht genau.


"Desweiteren ist er nicht ganz der Mann, den das psychologische Profil "verlangt". Er war kein unverheirateter (oder kurzzeitig verheirateter) Mann ohne Kinder sondern das Gegenteil davon. Seine Frau hoffte, so lässt sich vermuten, noch lange auf seine Wiederkehr nach Hause, dass spricht für Jacob als Menschen ohne einen schlechten Kern. Die Polizei erwartet einen lokalen Einzelgänger mit Antisozialen Verhalten.
(...)
Nichts ist unmöglich aber ich frage mich, ob ein Frauenhasser (misogynist) mit so einer Geisteskrankheit lange in Ehe mit Kindern leben konnte."


Nun ja, das mit Profilen ist so eine Sache, die sind - wenn gut gemacht - Hinweise in eine bestimmte Richtung, kein physikalisches Gesetz. Im Falle Levys würde es dann eben nicht um Frauenhass im Allgemeinen, sondern ganz speziell um einen Prostituiertenhass gehen - weil er sich bei denen angesteckt hatte und ihnen dann die Schuld an allen folgenden Katastrophen gab.
Und Jacobs Geisteszustand veränderte sich ja offensichtlich erst durch die Syphilis-Infektion mit ihren neurologischen Folgen hin zum asozialen - insofern ist es kein Widerspruch, dass er vorher ein guter Ehemann, Familienvater und Geschäftsmann gewesen sein kann. Dies würde auch erklären, warum seine Frau noch lange zu ihm hielt und versuchte, ihre Familie und das Geschäft zu retten.
Hier muss man aufpassen, nicht die verschiedenen psychischen Störungen und ihr Eintrittsalter durcheinander zu werfen:
Eine Geisteskrankheit (z.B. infolge der Syphilis-Infektion) kann sich in jedem Alter entwickeln und - wenn sie erst später im Leben auftritt - das Wesen eines bereits erwachsenen Menschen total verändern. Eine Geisteskrankheit von Kindheit an ist hingegen eher wie eine Persönlichkeitsstörung: beides prägt die Entwicklung der Person von Jugend an bis zum Erwachsenenalter, so dass diese Menschen dann tatsächlich von Anfang an daran gehindert sind, ein gesunde Entwicklung durchzumachen und ein normales Erwachsenenleben zu beginnen.
Erstere verlieren ihre geistige Gesundheit, zweitere hatten nie eine. Jacob gehörte aber offensichtlich zur ersten Kategorie des spät einsetzenden Irrsinns.


"Jacob Levy war vielleicht nicht reich aber auch keiner, der zu dieser 'tiefen' Klasse der Prostituierten gehört hatte. Seine Verhältnisse waren geregelt und ich denke, der Ripper hat keinerlei Ordnung in seinem Leben."
(...)
"I think, that he was not, as has been stated, an educated man who had suddenly gone mad. He belonged to their own class."


Ich sehe da keinen echten Widerspruch: Ein einfacher, heruntergekommener Metzger aus dem Eastend ist kein "gebildeter Mann", sondern ein "Working Poor" aus dem Armenviertel - zwar noch nicht ganz so am Ende wie die obdachlosen Prostituierten, aber er gehörte jedenfalls für die höheren Klassen damals eindeutig dort hin und dort dazu.
Diese Aussage von Cox richtet sich doch ganz offensichtlich gegen das Gerücht, dass JTR vielleicht ein Arzt o.ä. gewesen sein könnte, und will lediglich hervorheben, dass für ihn als Ermittler der Täter ein typischer Bewohner des Eastend war - einer "von denen" eben, aber keiner aus dem bildungsbürgerlichen Milieu.
Und "geregelt" waren Jacobs Verhältnisse 1888 mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr, sein Leben versank mit der Krankheit, dem Diebstahl, dem wirtschaftlichen Niedergang und den daraus folgenden Eheproblemen vielmehr im Chaos. 


Uff, das ist jetzt wieder länger geworden als geplant. Ich hoffe, damit sind meine Ausführungen etwas klarer geworden und vermeintliche Widersprüche aufgelöst.
 :flag_of_truce:


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 06.11.2015 21:11 Uhr
Hi Arthur,

derzeit fällt es mir schwer, die meisten deiner Kritikpunkte nachzuvollziehen.  :scratch_one-s_head:

Das war überhaupt nicht als Kritik gedacht. Das waren überwiegend Gedanken, Überlegungen die helfen sollen. Wie Du weißt, habe ich ein Faible für Jacob Levy, ich versuche nur so gut und so tief es geht alles zu hinterfragen, auch mich selbst dabei. Das gleiche tat und tue ich in den Fällen von Kosminski, Cohen und Hyams.

 "Im Falle von Cox, fällt es mir schwer an einen Vollzeit Butcher zu denken."

Ich möchte dir das auch näher erklären.

Cox:

While the Whitechapel murders were being perpetrated his place of business was in a certain street

We had the use of a house opposite the shop of the man we suspected, and, disguised, of course, we frequently stopped across in the role of customers.

I saw him come forth from the door of his little shop

back to the street he had left where he disappeared into his own house.


Sagar:

We had good reason to suspect a certain man who worked in "Butcher's-row", Aldgate

The theory of the city police is that "Jack the Ripper" was a butcher who worked in "Butchers' Row," Aldgate


Sagar überwachte einen Butcher, wir wissen nicht genau wann. Die Beschattung welche Cox durchführte, können wir von nach Kelly bis ca. drei Monate danach festlegen. Sagen wir November/Dezember 1888 bis ca. Februar/März 1889. Macnaghten sagte, dass "Kosminski" ca. März in eine Anstalt ging. Cox sprach nicht davon (very soon he removed from his usual haunts and gave up his nightly prowls). Entweder observierte er einen anderen Mann (allerdings passt es dennoch zeitlich gut zu Macnaghten) oder aber er hatte seinen Dienstauftrag erfüllt und andere Beamten waren anwesend, als dieser Verdächtige kurze Zeit später dennoch eingewiesen wurde (Sagar?). So sicher Sagar über einen Butcher sprach, so lässt Cox den Job seines Mannes offen. Er spricht jedoch über tailors and capmakers und über drinking their coffee, smoking their excellent cigarettes, and partaking of Kosher rum. Nicht, dass es unmöglich war, zwischen diesen Berufen und Händlern einen Butcher Shop zu überwachen aber ich sehe keinen Hinweis darauf. 

Im Falle von Cox könnte aber dennoch die 36 Middlesex Street passen, Butcher hin oder her. Aber es klingt für mich so, dass dieser Shop des Mannes, sein kleiner Laden, sein eigenes Haus, der Hauptarbeitsort jenes Mannes war, eben vielleicht auch Jacob Levy aber dann passt eben zeitgleich nicht der Butcher who worked in Butchers Row, was wieder nach einem Hauptarbeitsort klingt (obwohl man hier nicht von einem eigenen Shop ausgehen kann, vielleicht ein Angestellter?). Jeder Hauptarbeitsort für sich + several shops after night-fall würde da mehr Sinn machen (trotz der kurzen Entfernung zwischen Middlesex Street und Butchers Row). Das gleiche Problem sehe ich auch bei Kosminski, nur das ich Sagar da eher um den Dezember 1890 (als er tatsächlich dort Dienst schob) sehe, was bei Kosminski auch noch möglich war, bei Levy aber nicht. Im Falle von Kosminski, könnte aus einem seiner Nebenjobs in 1888/89 noch Ende 1890 ein Vollzeitjob geworden sein, in Butchers Row, für eine kurze Zeit.

Nun ja, das mit Profilen ist so eine Sache, die sind - wenn gut gemacht - Hinweise in eine bestimmte Richtung, kein physikalisches Gesetz. Im Falle Levys würde es dann eben nicht um Frauenhass im Allgemeinen, sondern ganz speziell um einen Prostituiertenhass gehen - weil er sich bei denen angesteckt hatte und ihnen dann die Schuld an allen folgenden Katastrophen gab.
Und Jacobs Geisteszustand veränderte sich ja offensichtlich erst durch die Syphilis-Infektion mit ihren neurologischen Folgen hin zum asozialen - insofern ist es kein Widerspruch, dass er vorher ein guter Ehemann, Familienvater und Geschäftsmann gewesen sein kann. Dies würde auch erklären, warum seine Frau noch lange zu ihm hielt und versuchte, ihre Familie und das Geschäft zu retten.
Hier muss man aufpassen, nicht die verschiedenen psychischen Störungen und ihr Eintrittsalter durcheinander zu werfen:
Eine Geisteskrankheit (z.B. infolge der Syphilis-Infektion) kann sich in jedem Alter entwickeln und - wenn sie erst später im Leben auftritt - das Wesen eines bereits erwachsenen Menschen total verändern. Eine Geisteskrankheit von Kindheit an ist hingegen eher wie eine Persönlichkeitsstörung: beides prägt die Entwicklung der Person von Jugend an bis zum Erwachsenenalter, so dass diese Menschen dann tatsächlich von Anfang an daran gehindert sind, ein gesunde Entwicklung durchzumachen und ein normales Erwachsenenleben zu beginnen.
Erstere verlieren ihre geistige Gesundheit, zweitere hatten nie eine. Jacob gehörte aber offensichtlich zur ersten Kategorie des spät einsetzenden Irrsinns.

Sicher? Kennst Du die Angaben?

http://forum.casebook.org/showthread.php?t=7561

Er könnte, abgesehen von der Syphilis, erhebliche mentale Probleme gehabt haben. Leute mit Schizophrenie können sehr leistungsfähig sein. Die meisten verbergen lange Zeit ihre Probleme und Gefühle damit, bei einem wird es früher deutlicher, bei einem anderen etwas später, die Episoden können unterschiedlich lang und intensiv sein. Die Syphilis verursachte vielleicht nur, dass das vorhandene erst richtig zum Vorschein kam. Ich kenne einige Schizophrene. Die meisten sind in Rente, einige davon aber erst später im Leben, einer darf nie auf freien Fuß, andere arbeiten, alles hängt zusammen mit der ganz eigenen und einzigartigen Persönlichkeitsstruktur, dem Erlebten, der Herkunft und der Intelligenz usw. Jacob Levy kann schon mit 16, 21, 25 Jahren krank gewesen sein, ob in seinem Falle nur die Syphilis schuld war...?
 
"Jacob Levy war vielleicht nicht reich aber auch keiner, der zu dieser 'tiefen' Klasse der Prostituierten gehört hatte. Seine Verhältnisse waren geregelt und ich denke, der Ripper hat keinerlei Ordnung in seinem Leben."
(...)
"I think, that he was not, as has been stated, an educated man who had suddenly gone mad. He belonged to their own class."


Ich sehe da keinen echten Widerspruch: Ein einfacher, heruntergekommener Metzger aus dem Eastend ist kein "gebildeter Mann", sondern ein "Working Poor" aus dem Armenviertel - zwar noch nicht ganz so am Ende wie die obdachlosen Prostituierten, aber er gehörte jedenfalls für die höheren Klassen damals eindeutig dort hin und dort dazu.
Diese Aussage von Cox richtet sich doch ganz offensichtlich gegen das Gerücht, dass JTR vielleicht ein Arzt o.ä. gewesen sein könnte, und will lediglich hervorheben, dass für ihn als Ermittler der Täter ein typischer Bewohner des Eastend war - einer "von denen" eben, aber keiner aus dem bildungsbürgerlichen Milieu.
Und "geregelt" waren Jacobs Verhältnisse 1888 mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr, sein Leben versank mit der Krankheit, dem Diebstahl, dem wirtschaftlichen Niedergang und den daraus folgenden Eheproblemen vielmehr im Chaos.
 

Nun, ich sehe da schon einen Unterschied. Jacob Levy hatte auf der einen Seite schon lange, so mein Eindruck, ein stabiles Leben geführt, trotz seiner (schon früheren) Erkrankung und der (später hinzukommenden) Syphilis, Er hatte einen dauerhaften Job, eine lange Ehe (egal wie dieses aussah) mit Kindern und ob dies das Vorleben eines Mannes wie Jack the Ripper war, ich weiß nicht, ich bezweifle das etwas und möchte hier überhaupt nichts ausschließen. Er scheint kein Mann gewesen zu sein, den man hin- und herschob aber das genau erwarte ich vom Ripper, genau wie wechselnde Arbeitsplätze, wenn überhaupt arbeitend, niedrigere oder einfache Arbeiten usw. ...

Jacob Levy beklaute in 1886 seinen Meister Hyam Sampson und das klingt nach Angestellten aber gleichzeitig hatten sie auch ihre Shop, den er beinahe ruinierte. So passt das schon zu jemanden, der an verschiedenen Orten gearbeitet haben soll.

Levy war 1,60, der Mann von Cox ca. 1,68 groß.

Beste Grüße, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 07.11.2015 20:20 Uhr
Hallo Lestrade,

mir sind die Komplikationen, die du in den verschiedenen Aussagen der Polizisten sehen willst, immer noch nicht ganz klar.

Zunächst mal verstehe ich nicht, was "Macnaghten sagte, dass Kosminski ca. März in eine Anstalt ging" mit der von mir beschriebenen Überwachung zu tun haben soll. Ich schrieb ja nicht von Kosminski, sondern von Levy - es sei denn, Macnaghten hätte Levy mit Kosminski verwechselt. Aber auch von Jacob ist nicht bekannt, dass er im März 1889 eingeliefert wurde. Demnach wäre am Memorandum soviel substantiell falsch, dass wir es ganz als Indizien- und Argumentationsbasis vergessen könnten.


"So sicher Sagar über einen Butcher sprach, so lässt Cox den Job seines Mannes offen. Er spricht jedoch über tailors and capmakers und über drinking their coffee, smoking their excellent cigarettes, and partaking of Kosher rum. Nicht, dass es unmöglich war, zwischen diesen Berufen und Händlern einen Butcher Shop zu überwachen aber ich sehe keinen Hinweis darauf."

Ich finde es plausibel: In der Middlesex Street gab es jede Menge Schneider, also bot sich die Cover Story mit den Factory Inspectors geradezu an. Sie sollte genau davon ablenken, dass man in Wirklichkeit einen Metzger überwachte.
Falls es rauskommen sollte, dass Beamte in seiner Straße herumschnüffelten, würde der observierte Metzger dann denken: Puh, geht ja gar nicht um mich, sondern um die Schneider.
Übrigens sollen Polizisten doch auch als Kunden in den Shop gekommen sein, das passt besser auf eine Metzgerei - ich kann mir nicht vorstellen, dass die Polizei regelmäßig Kleidung gekauft haben sollte, das wäre recht teuer auf der Spesenrechnung geworden.


"Im Falle von Cox könnte aber dennoch die 36 Middlesex Street passen, Butcher hin oder her. Aber es klingt für mich so, dass dieser Shop des Mannes, sein kleiner Laden, sein eigenes Haus, der Hauptarbeitsort jenes Mannes war, eben vielleicht auch Jacob Levy aber dann passt eben zeitgleich nicht der Butcher who worked in Butchers Row, was wieder nach einem Hauptarbeitsort klingt (obwohl man hier nicht von einem eigenen Shop ausgehen kann, vielleicht ein Angestellter?). Jeder Hauptarbeitsort für sich + several shops after night-fall würde da mehr Sinn machen."

Weißt du, was meine Erfahrung in der Arbeit mit Texten ist? Die Schreiber/Redner machen sich i.d.R. weniger Gedanken um jede einzelne Formulierung als diejenigen, die versuchen, irgendwelche Botschaften daraus herauszulesen (geht mir auch immer wieder selbst so, obwohl ich es weiß).
Und angesichts der Tatsache, dass wir weder den Verdächtigen kennen noch seine genaue Beschäftigungsstruktur, fischen wir da nur im Trüben, wenn wir jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Wir wissen, ein Verdächter "occupied several shops in the East End" und er hatte auch "his little shop" - somit ist es plausibel anzunehmen, dass er neben seinem eigenen kleinen Laden während der Observation noch andere Arbeitsstellen und/oder Schlafplätze hatte (vermutlich weil es bei ihm nicht mehr so gut lief). Welche nun welche waren, was Haupt- und was Nebenbeschäftigung, und ob gleichzeitig oder nacheinander, wissen wir leider nicht - somit können wir dazu keine tragfähigen detaillierteren Aussagen machen. Nur soviel: Offenbar hat er neben seinem eigenen kleinen Laden zumindest zeitweise auch noch woanders gearbeitet bzw. sich aufgehalten.
Und das ist meine These zum abgewirtschafteten Levy und den zwei Observationen.


"Das gleiche Problem sehe ich auch bei Kosminski, nur das ich Sagar da eher um den Dezember 1890 (als er tatsächlich dort Dienst schob) sehe, was bei Kosminski auch noch möglich war, bei Levy aber nicht."

Ich finde einfach diese Zeitangabe nicht, mit der du Sagars Observation auf Dezember 1890 verortest. Könntest du mir bitte die Quelle zugänglich machen? Denn wenn seine komplette Aussage zur Observation sich auf diesen Zeitraum bezieht, kann ich meine These von seiner Levy-Beobachtung sowieso abhaken, da war der ja schon in der Anstalt.


"Sicher? Kennst Du die Angaben?"

Selbstverständlich, den Zusammenbruch nach der Verurteilung 1886 habe ich ja als erstes bekanntes Symptom für seine beginnende psychische Zerrüttung in meiner umfangreichen Zeitleiste aufgeführt.


"Jacob Levy kann schon mit 16, 21, 25 Jahren krank gewesen sein, ob in seinem Falle nur die Syphilis schuld war...?"

Dafür gibt es aber bisher keine Hinweise, sondern im Gegenteil nur Indizien, die dagegen sprechen: Nämlich dass er erfolgreich eine Familie gegründet hat und anfangs ein ordentlicher Geschäftsmann war.
Du scheinst mir angesichts deiner Fokussierung auf Kosminski etwas zu stark an der These von einer sich schon in jungen Jahren entwickelten Schizophrenie zu hängen...
Bei Jacob gibt es m.W. bisher nichts dazu, dafür ist aber eine medizinische Ursache für seine psychiatrischen Probleme im Erwachsenenalter ab 30 bekannt: seine Syphilis. Dies ist, ohne weitere Vermutungen heranziehen zu müssen, eine völlig hinreichende Erklärung.
Ganz davon abgesehen ist es für den Fall völlig irrelevant, wann genau es bei ihm anfing: Es genügt, dass die psychische Erkrankung zur Zeit der Morde bereits ausgebrochen war - und darauf deutet der Zusammenbruch im Gefängnis 1886 hin.


"Nun, ich sehe da schon einen Unterschied. Jacob Levy hatte auf der einen Seite schon lange, so mein Eindruck, ein stabiles Leben geführt, trotz seiner (schon früheren) Erkrankung und der (später hinzukommenden) Syphilis. Er hatte einen dauerhaften Job, eine lange Ehe (egal wie dieses aussah) mit Kindern und ob dies das Vorleben eines Mannes wie Jack the Ripper war, ich weiß nicht, ich bezweifle das etwas und möchte hier überhaupt nichts ausschließen. Er scheint kein Mann gewesen zu sein, den man hin- und herschob aber das genau erwarte ich vom Ripper, genau wie wechselnde Arbeitsplätze, wenn überhaupt arbeitend, niedrigere oder einfache Arbeiten usw. ..."

Ja, er hatte scheinbar ein gutes Leben, bis er zwei schwere Fehler machte, die eine Abwärtsspirale verursachten: Die Syphilisinfektion durch Fremdficken und der Diebstahl.
(Wieso übrigens "später hinzukommend"? Angesichts des Krankheitsverlaufs der damaligen Syphilis kann eine Infektion in der ersten Hälfte bis Mitte der 1880er Jahre angenommen werden - also schon vor dem Zusammenbruch im Gefängnis, den ich als erstes Symptom ansehe.)

Ich sehe das so: Zuerst hatte er für Eastend-Niveau eine erfüllte, gesicherte Zukunft vor Augen, dann baut er Scheiße und alles in seinem Leben beginnt zu zerbrechen. Er wird wegen des Diebstahls geschnitten, sein Laden geht den Bach runter, seine Ehe gerät deswegen und wegen der Syphilis in die Krise, aber er hat eine Familie zu versorgen, also muss er zusätzlich noch Nebenjobs annehmen. Die fortschreitende Syphilis-Infektion greift aufs Hirn über und verändert sein Denken und Fühlen - aus der Verzeiflung wird Hass, den er auf die Prostituierten projiziert, weil er sich bei einer angesteckt hat und dies als Ursache für seine "Rolltreppe abwärts" ansieht. Und nach dem Tod seiner Mutter, als er auf seinen nächtlichen Streifzügen aus Schlaflosigkeit wieder von einer Prostituierten angemacht wird, rastet sein erkranktes Hirn aus und er macht mit ihnen das, was er als Metzger gelernt hat...


"Levy war 1,60, der Mann von Cox ca. 1,68 groß."

Naja, geschätzte Größenangaben sind so eine Sache, Cox wird wohl kaum ein Maßband angelegt haben, und es macht einen Unterschied, ob man Schuhe mit dicken Sohlen und eine Mütze anhat oder nackt und barfuß in der Anstalt gemessen wird, Körperhaltung und Krankheit können auch eine Rolle spielen. Die verschiedenen Zeugen schätzten die Größen der Verdächtigen von 5 Zoll 3 Inches bis 5 Zoll 6 Inches, wenn ich mich recht erinnere. Letztendlich können wir also nur sagen, dass JTR weder ein Hühne noch ein Zwerg war, sondern dass er wohl der damaligen Durchschnittsgröße entsprach.


Boah, jetzt habe ich schon wieder einen Roman geschrieben. Ich glaube, ich muss mal was gegen meinen Schreibdurchfall unternehmen.  ;)


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 07.11.2015 21:58 Uhr
Hallo Arthur!

Zunächst mal verstehe ich nicht, was "Macnaghten sagte, dass Kosminski ca. März in eine Anstalt ging" mit der von mir beschriebenen Überwachung zu tun haben soll. Ich schrieb ja nicht von Kosminski, sondern von Levy - es sei denn, Macnaghten hätte Levy mit Kosminski verwechselt. Aber auch von Jacob ist nicht bekannt, dass er im März 1889 eingeliefert wurde. Demnach wäre am Memorandum soviel substantiell falsch, dass wir es ganz als Indizien- und Argumentationsbasis vergessen könnten.

Der Mann von Cox ging, zumindest nicht nach den drei Monaten von Cox, in keine Anstalt. Macnaghten´s Kosminski tat dies jedoch. Der Mann von Cox könnte jemand anderes gewesen sein, Jacob Levy zum Beispiel.

"So sicher Sagar über einen Butcher sprach, so lässt Cox den Job seines Mannes offen. Er spricht jedoch über tailors and capmakers und über drinking their coffee, smoking their excellent cigarettes, and partaking of Kosher rum. Nicht, dass es unmöglich war, zwischen diesen Berufen und Händlern einen Butcher Shop zu überwachen aber ich sehe keinen Hinweis darauf."

Ich finde es plausibel: In der Middlesex Street gab es jede Menge Schneider, also bot sich die Cover Story mit den Factory Inspectors geradezu an. Sie sollte genau davon ablenken, dass man in Wirklichkeit einen Metzger überwachte.
Falls es rauskommen sollte, dass Beamte in seiner Straße herumschnüffelten, würde der observierte Metzger dann denken: Puh, geht ja gar nicht um mich, sondern um die Schneider.
Übrigens sollen Polizisten doch auch als Kunden in den Shop gekommen sein, das passt besser auf eine Metzgerei - ich kann mir nicht vorstellen, dass die Polizei regelmäßig Kleidung gekauft haben sollte, das wäre recht teuer auf der Spesenrechnung geworden.

Da würde auch ein Flickschuster passen, Macnaghten sprach von einem "Cobbler" und der Schwager von Kosminski war Boot laster. Es gab einige andere Officers neben Cox, jeder von ihnen hätte regelmäßig solch einen Shop besuchen können. 1, 2 oder 3 mal die Woche... Und Jacob Levy könnte auch passen, klar.

"Das gleiche Problem sehe ich auch bei Kosminski, nur das ich Sagar da eher um den Dezember 1890 (als er tatsächlich dort Dienst schob) sehe, was bei Kosminski auch noch möglich war, bei Levy aber nicht."

Ich finde einfach diese Zeitangabe nicht, mit der du Sagars Observation auf Dezember 1890 verortest. Könntest du mir bitte die Quelle zugänglich machen? Denn wenn seine komplette Aussage zur Observation sich auf diesen Zeitraum bezieht, kann ich meine These von seiner Levy-Beobachtung sowieso abhaken, da war der ja schon in der Anstalt.

Schaue bitte in den Ripperologist 103 (+130), Scott Nelson, Bull Inn Yard Raid in Dezember 1890.

Im Internet findest du nur eher so etwas:

Ripper Wiki/ Sagar

"It has been suggested that this may be the same suspect mentioned in the memoirs of Sagar's colleague Henry Cox. No contemporary reference to the observation of this suspect is known, though evidence in an unrelated case suggests that Sagar may have been carrying out surveillance in Aldgate in April 1889[7]. It has also been suggested that there may be a connection with a raid on a gaming house known as the Alliance Club in Bull Inn Yard, Aldgate, in December 1890. The raid followed observation of the premises, which lay off Aldgate High Street directly opposite to Butchers' Row[8]".

Ich kann auch versuchen sie dir zu schicken. Dann gib mir bitte eine Info.
 
"Sicher? Kennst Du die Angaben?"

Selbstverständlich, den Zusammenbruch nach der Verurteilung 1886 habe ich ja als erstes bekanntes Symptom für seine beginnende psychische Zerrüttung in meiner umfangreichen Zeitleiste aufgeführt.

Okay!  "Whether any near relative has been afflicted with insanity Yes. Elder brother cut his throat"

Ich sehe das so: Zuerst hatte er für Eastend-Niveau eine erfüllte, gesicherte Zukunft vor Augen, dann baut er Scheiße und alles in seinem Leben beginnt zu zerbrechen. Er wird wegen des Diebstahls geschnitten, sein Laden geht den Bach runter, seine Ehe gerät deswegen und wegen der Syphilis in die Krise, aber er hat eine Familie zu versorgen, also muss er zusätzlich noch Nebenjobs annehmen. Die fortschreitende Syphilis-Infektion greift aufs Hirn über und verändert sein Denken und Fühlen - aus der Verzeiflung wird Hass, den er auf die Prostituierten projiziert, weil er sich bei einer angesteckt hat und dies als Ursache für seine "Rolltreppe abwärts" ansieht. Und nach dem Tod seiner Mutter, als er auf seinen nächtlichen Streifzügen aus Schlaflosigkeit wieder von einer Prostituierten angemacht wird, rastet sein erkranktes Hirn aus und er macht mit ihnen das, was er als Metzger gelernt hat...

Ist das nicht ein wenig zu einfach formuliert? Muss man nicht von der Jugend an Verstümmelungsfantasien entwickelt haben? Warum nahm er die Prostituierten nicht mit in seinen Shop? So als Butcher mit eigenem kleinen Geschäft? Seine Frau wandte sich von ihm ab, wie Du spekuliert hast und war vielleicht gar nicht da.

Auch Jacob Levy hätte diese Fantasien entwickelt haben und die Syphilis hätte der Auslöser zum Morden gewesen sein können. Viele erkrankten daran aber wie viele Mörder erwuchsen daraus? Man muss sicherlich Vorbedingungen mitbringen oder nicht? Jemand der schon vorher Groll gegen Frauen und Prostituierte hegte und dann Syphlis bekommt, mit dem kann die Wut durchgehen, klar. Beim Ripper sollte man schon jemanden mit diesem Frauenbild vermuten bevor die Syphilis einsetzt und das sehe ich bei Jacob Levy mit Ehefrau und Kindern weniger.

Du siehst einen gesunden Jacob Levy, der mit der Syphilis zum Frauenschlächter wurde? Akzeptiert!

Gestern schriebst Du:

"Wir wissen ja nicht, ob Levy und seine Frau auch wirklich noch die ganze Zeit zusammen wohnten, nur weil sie formal laut Census an derselben Adresse gemeldet waren.
Immerhin dürfen wir voraussetzen, dass zwischen beiden der Haussegen ganz gewaltig schief hing: Er hatte sich bei einer Prostituierten mit Syphilis angesteckt, war wegen Diebstahls verurteilt worden, was ihm in der Gemeinde viele Feinde gemacht haben dürfte, wurde immer seltsamer, trieb sich nachts herum und ruinierte langsam aber sicher ihr Geschäft.
Es kann also gut sein, dass seine Frau mit den Kindern aus Protest zeitweise die gemeinsame Wohnung verlassen hatte, so dass er nachts alleine war (nach dem Motto: "Ich hab die Schnauze voll - ich ziehe zu meiner Mutter!"). Oder dass sie ihn aus dem Schlafzimmer rauswarf und er im Shop nächtigen musste..."


Du wirst lachen, gestern fand ich durch Zufall noch im Post Office Verzeichnis von 1891 Hyman Sampson in der 67 Middlesex Street. Das war die Person, die er 1886 beklaute. In 1891 wurden sie Nachbarn, die Levys, besser gesagt nur seine Frau, wohnend in 69 Middlesex Street. Anzunehmen, dass er zum Arsch in dieser Welt wurde können wir nicht. Es ist auch gut möglich, dass sich Verwandte, Bekannte und Freunde um ihn und seine Familie kümmerten. Wir können vieles behaupten aber wissen tun wir es nicht. 

Noch einmal zu Sagar und Cox. Vielleicht erinnerst Du dich, neulich postete ich das hier:

GEORGE JOHNSON, JOHN PHILLIPS, Deception > forgery, 24th November 1890.

JOSEPH TRAGHEIM . “I came from the Baltic provinces—I live at 81, Greenfield Street, Commercial Road—I was formerly in business at Rotterdam…”

ROBERT CHILD (City Detective)

“I was watching Tragheim—between October 1st and 17th I saw Tragheim daily, except on Sundays—I saw three or four other persons of the gang who he spoke to; he was then sleeping at 81, Greenfield Street—I did not watch him at all, he made appointments and we kept them—other officers were watching;”

JOHN HARMAN . I am a lithographic printer, of 12, Bacon Street,. Brick Lane

HENRY COX (City Policeman)
. "On 24th September, in consequence of instructions from Child, I watched in Liverpool Street, and saw the prisoners together—I followed Johnson and another man to Bethnal Green, and lost sight of him in Gibraltar Gardens—I saw him again next day in Liverpool Street with someone else, followed them to Bacon Street, Spitalfields, and lost sight of him—on the 29th I saw Johnson again, and followed him to Mr. Harman's, 12, Bacon Street—I did not wait to see him come out—on September 30th I was watching in Bacon Street, and saw Johnson come there about 1.20; he went into No. 12, and came out about 4.20—I followed him to Shoreditch Station and lost sight of him—while he was there on the 30th I saw Mr. Harman come out to get some food, he was out twenty' minutes or half an hour—I have seen Johnson, Phillips, and Tragheim in company on other occasions in September and October."

ROBERT SAGER (City Police Inspector). "On 22nd October I was keeping observation on 115, Hayter Road, Forest Gate, and when Phillips left I said, "Mr. Phillips, I am an officer, and these are officers here from the City; I am going to arrest you for forging and uttering letters of credit on Drexel and Morgan, of London and other places"—he said, "I have got no letters of credit; I know nothing about them"—I took him to the station."

Tragheim lebte 81 Greenfield Street, sechs Türen weiter lebte Isaac Abrahams in 74 Greenfield Street und Matilda Lubnowski, gegenüber Isaac in der 16 Greenfield Street. Beides Geschwister von Aaron Kozminski. In October 1890 “other officers (City Police) were watching” in Greenfield Street.

Cox und Sagar, City CID, waren involviert in diesem Fall und das auf dem Gebiet der MET Polizei. Cox selber verfolgte bis Bethnal Green, Spitalfields, Shoreditch… Bacon Street lag am nördlichen Ende der Brick Lane.

Auffallend ist auch, das die City Police in der Greenfield Street tätig waren, kurz bevor Aaron Kozminski nach Colney Hatch ging. Und das vermutlich kurz nach der ID im Seaside Home. Swanson von der MET Polizei gab ja auch an, dass Kosminski Tag und Nacht von der City Kriminalpolizei observiert wurde.

"other officers (of the City Police) were watching" in October 1890 in Greenfield Street...

Die City Polizei war, kurz vor der Einweisung Aarons, in der Greenfield Street aktiv. Dort lebten seine Schwester Matilda und sein Bruder Isaac. Gleichzeitig ist es möglich, dass Sagar u.a. auch in der Butchers Row aktiv war. Der andere Bruder Woolf lebte im Sion Square, den man schnell in Richtung Butchers Row verlassen konnte. In Sagar´s Fall im Dezember 1890 ging es um eine Razzia im Bull Inn Yard aber der lag genau gegenüber der Butchers Row. Sagar hatte aber, gemeinsam mit Cox, jedoch eben auch eine Verbindung zu dieser Greenfield Street Geschichte, alles Ende des Jahres 1890. Wir wissen, dass es einen Verdächtigen gab, der lange (Cox) und sorgfältig (Sagar) überwacht wurde. Und Swanson sagte, dass die City Polizei diesen Job der Überwachung übernahm. Nun zog sich das alles hin, es war das East End und es gab viele "Verbrechen" aller Art. Es ist gut möglich, dass die Polizei bei der Überwachung von Kosminski in der Greenfield Street, im Sion Square oder in der Butchers Row und anderen Locations noch anderen Übeltätern auf die Spur kam.

Vielleicht ist das alles auch nur reiner Zufall. Ich weiß es nicht.

Dir noch einen schöne Abend,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 07.11.2015 23:02 Uhr
Das Buch von Jonathan H. ist wohl jetzt erhältlich sehe ich gerade:

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=24530

Ganz schön teuer, ich warte noch etwas und dann schlage ich zu, vielleicht wird das ebook preiswerter, mal sehen.

"Police chief Sir Melville Macnaghten claimed to know the truth from “private information,” but his source has remained unknown for more than a century. Here, the identity of Sir Melville’s informer is revealed, explaining why the Ripper was disguised as an insane surgeon for public consumption. A number of photos are included, some never before seen."

Das klingt doch schon einmal spannend...

Gibt es jetzt auch als günstigere Kindle Edition... ich habe zugeschlagen...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 08.11.2015 15:04 Uhr
Hallo Lestrade!

"Der Mann von Cox ging, zumindest nicht nach den drei Monaten von Cox, in keine Anstalt. Macnaghten´s Kosminski tat dies jedoch. Der Mann von Cox könnte jemand anderes gewesen sein, Jacob Levy zum Beispiel."

Ach so meinst du das, klar. Aber angesichts der nachgewiesenen Ungenauigkeiten in Macnaghtens Memorandum vermeide ich ihn eigentlich lieber, sofern es eine andere Quelle gibt. Vielleicht hatte Macnaghten da was mit Hyams oder David Cohen verwechselt, denn von unseren vier nachgewiesenen jüdischen Psychiatriepatienten wissen wir bisher nur von den beiden, dass sie schon so früh in einer Anstalt waren - allerdings bereits seit Dezember 1888. Solange es keine anderen Hinweise auf bisher unbekannte Verdächtige mit Psychiatriehintergrund gibt, auf die das Einweisungsdatum März 1889 in etwa passt, oder in privaten Einrichtungen etwas zu Kosminski oder Levy gefunden wird, betrachte ich Macnaghtens Aussage eher kritisch.


"Da würde auch ein Flickschuster passen, Macnaghten sprach von einem "Cobbler" und der Schwager von Kosminski war Boot laster. Es gab einige andere Officers neben Cox, jeder von ihnen hätte regelmäßig solch einen Shop besuchen können. 1, 2 oder 3 mal die Woche..."

Stimmt, das würde dann auch gut auf eine Observierung Kosminskis passen - und die Polizei wird jede Menge Schuhe mit abgelaufenen Sohlen gehabt haben, die sowieso erneuert werden mussten.


"Schaue bitte in den Ripperologist 103 (+130), Scott Nelson, Bull Inn Yard Raid in Dezember 1890."
(...)
Im Internet findest du nur eher so etwas:
'It has been suggested that this may be the same suspect mentioned in the memoirs of Sagar's colleague Henry Cox. No contemporary reference to the observation of this suspect is known, though evidence in an unrelated case suggests that Sagar may have been carrying out surveillance in Aldgate in April 1889[7]. It has also been suggested that there may be a connection with a raid on a gaming house known as the Alliance Club in Bull Inn Yard, Aldgate, in December 1890. The raid followed observation of the premises, which lay off Aldgate High Street directly opposite to Butchers' Row[8]'."


Ah, vielen Dank. Das heißt also, dass es auch 1890 dort Observationen gab - allerdings "direkt gegenüber der Butcher's Row". Damit wäre das wohl nicht "der Butcher's Row Suspect" gewesen.
Ich fürchte, dass es wegen der hohen Kriminalitätsrate im Eastend viele Observationen gab, das macht es nicht gerade einfach, diejenigen mit möglichen Ripper-Bezug zu identifizieren.

Könnte es sein, dass die City Police viele Observationen im Territorium der Metro Police vornahm? Und zwar nicht nur dann, wenn die Tatorte und damit die Zuständigkeiten auf ihrem Gebiet lagen, die Verdächtigen aber im Eastend lebten - sondern auch weil man hoffte, dass revierfremde Polizisten nicht so schnell erkannt und enttarnt werden? Oder gab es eine speziell ausgebildete Abteilung dafür, die bei der City Police angesiedelt war?


"Whether any near relative has been afflicted with insanity Yes. Elder brother cut his throat"

Jacobs Bruder hat sich doch umgebracht, weil er spielsüchtig war und sein ganzes Geld verzockt hatte. Und ist nicht auch im jüdischen Glauben Suizid sündhaft? Angehörige suchen oft nach Ausreden/Entschuldigungen dafür. Er muss also nicht unbedingt die Folge einer Geisteskrankheit gewesen sein - und selbst wenn: Erstens muss es keine Psychose gewesen sein, die höchste Suizidrate haben Depressionen. Zweitens erhöht eine familiäre Disposition nur die Wahrscheinlichkeit, dass man auch daran erkrankt.
Aber ok, es ist ein Indiz dafür, dass es in seiner Familie psychische Erkrankungen gegeben haben und Jacob eine Disposition dazu gehabt haben kann.


"Ist das nicht ein wenig zu einfach formuliert? Muss man nicht von der Jugend an Verstümmelungsfantasien entwickelt haben? (...) Auch Jacob Levy hätte diese Fantasien entwickelt haben und die Syphilis hätte der Auslöser zum Morden gewesen sein können. Viele erkrankten daran aber wie viele Mörder erwuchsen daraus? Man muss sicherlich Vorbedingungen mitbringen oder nicht? Jemand der schon vorher Groll gegen Frauen und Prostituierte hegte und dann Syphlis bekommt, mit dem kann die Wut durchgehen, klar. Beim Ripper sollte man schon jemanden mit diesem Frauenbild vermuten bevor die Syphilis einsetzt und das sehe ich bei Jacob Levy mit Ehefrau und Kindern weniger."

Naja, ich hatte es ein bisschen flott und salopp zusammengefasst, sonst wäre der Text noch länger geworden.
Klar hast du recht, dass er auch schon früher Phantasien entwickelt haben könnte, die er aber als Metzger vorerst noch legal und sozialverträglich ausleben konnte, so dass es niemandem auffiel. Ein Tierverstümmler, der seine Perversion als Beruf ausübt - hatte ich als Möglichkeit in meiner Levy-Zusammenfassung erwähnt.
Anders herum wäre allerdings genauso gut möglich: Er bekam durch die Hirnerkrankung Aggressionen und Gewaltphantasien, die sich an seinen beruflichen Erfahrungen als Metzger orientierten (z.B. war der Gleisarbeiter Phineas Gage vor seiner Hirnverletzung durch einen Unfall ein verantwortungsbewusster, ausgeglichener Mann - danach wurde er asozial und aggressiv).
Letztendlich ist das eine rein akademische Frage nach Henne und Ei, die wir heute nicht mehr beantworten können - und für den Fall auch nicht müssen.

Das Wesentliche ist m.E. doch: Jacob vereint einen ganzen Komplex von Risikofaktoren für eine mörderische Entwicklung. Und egal in welcher Reihenfolge, die Facetten passen gut zusammen: Syphilis, wirtschaftliche und soziale Probleme, Verbrechen, Tod der Mutter, offener Ausbruch von Wahnsinn mit befehlenden Stimmen, die ihn zu Dingen drängen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann... Und die Auswahl der Opfer und die Vorgehensweise passen zur Geschlechtskrankheit und zur Berufspraxis.


"Du wirst lachen, gestern fand ich durch Zufall noch im Post Office Verzeichnis von 1891 Hyman Sampson in der 67 Middlesex Street. Das war die Person, die er 1886 beklaute. In 1891 wurden sie Nachbarn, die Levys, besser gesagt nur seine Frau, wohnend in 69 Middlesex Street."

Ja, soweit ich weiß, war das schon 1886 beim Prozess gegen Levy die Wohnadresse von Sampson, nur seine Metzgerei war lange in der Goulston Street. Sowas kann in Ballungsgebieten eben vorkommen: Bei der Wohnraumknappheit des übervölkerten Eastends konnte man sich seine Nachbarn nicht immer aussuchen. Und wenn Jacobs Frau nach seiner Einweisung aus finanziellen Gründen umziehen musste, konnte sie bestimmt nicht wählerisch sein. Dürfte aber schon ab 1886 ziemlich unerfreulich gewesen sein, wenn Sampson und Jacob sich regelmäßig über den Weg liefen.


"Wir können vieles behaupten aber wissen tun wir es nicht."

Ja, daran krankt der ganze Fall: Wir können anhand der begrenzten Infos nur mehr oder weniger plausible Thesen aufstellen.


"Die City Polizei war, kurz vor der Einweisung Aarons, in der Greenfield Street aktiv. (...)
Vielleicht ist das alles auch nur reiner Zufall. Ich weiß es nicht."


Ja, wenn Cox und Sagar regelmäßig fürs Beschatten eingesetzt wurden, könnten sie vermutlich einer entsprechenden Abteilung für Observationen angehört haben - und dann werden sie viele verschiedene Fälle abgearbeitet haben, was es nicht gerade einfacher macht, Verbindungen einer speziellen Überwachung zum Ripper-Fall herzustellen.

Aber je mehr Facetten passen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht nur Zufall war. Letztendlich haben wir mit unseren beschränkten Infos nur die Möglichkeit, offensichtlich nicht zusammenpassende Elemente auszuschließen - und bei den Infos, die zusammenpassen könnten, können wir nur versuchen, die Wahrscheinlichkeit ihres Zusammenhangs einzuschätzen.
Butcher's Row und Factory Inspectors passen zu Levy wegen seines Berufs und seiner Adresse. Zu Kosminski passt die Schneider-Geschichte wegen seiner Brüder und diese andere Observation in der Greenfield Street wegen der Adresse.
Und beides muss sich noch nicht einmal ausschließen, wenn die Polizei mehrere Ripper-Verdächtige überwachte - wichtig ist für unsere Thesen zu den Verdächtigen vor allem, dass es in ihrem unmittelbaren Umfeld tatsächlich Observationen gab. Das ist ein weiteres Indiz im Puzzle.


MfG, Arthur Dent



P.S. Dann bin ich mal gespannt, was du über das Buch berichten kannst.  :good:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 08.11.2015 16:42 Uhr
Hallo Arthur,

Habe gerade für dich etwas herausgesucht und dabei fielen mir zwei Dinge auf.

Doch zunächst:

Ah, vielen Dank. Das heißt also, dass es auch 1890 dort Observationen gab - allerdings "direkt gegenüber der Butcher's Row". Damit wäre das wohl nicht "der Butcher's Row Suspect" gewesen.
Ich fürchte, dass es wegen der hohen Kriminalitätsrate im Eastend viele Observationen gab, das macht es nicht gerade einfach, diejenigen mit möglichen Ripper-Bezug zu identifizieren.

Schon gelesen? Die Observation, von der Sagar bezüglich des Rippers sprach, führten sie, logischerweise, von der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Das alles war, natürlich, die Aldgate High Street und der Verdächtige befand sich in der Butchers Row, einen Abschnitt mit einige Butchern auf dieser Straße. Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei der bestätigten Observation von Sagar, in diesem Yard, gleich am Eingang zum diesem Innenhof ihr Observationspunkt lag. Damit hätten sie einen sehr guten Blick gehabt auf folgende Geschäfte gegenüber in der Butchers Row:

Bullas 58, De Leeuw 59, Rayment 60 und Bosman 62.

Angenommen, die City Police beobachtete hier den möglichen Ripper, dann hätten sie mitbekommen haben können, auf ihrer Seite der Aldgate High Street am Eingang des Innenhofes, nur auf der anderen Seite des Durchgangs, dass dort ein Puff betrieben wird. Es war ihr Gebiet, es war eine Straftat und alles andere läge dann nahe. In diesem Falle des Bordells, hätte dann Kommissar Zufall geholfen. Ich halte das alles für absolut möglich.

Nun zu dem, was mir auffiel. Zum ersten:

"Du wirst lachen, gestern fand ich durch Zufall noch im Post Office Verzeichnis von 1891 Hyman Sampson in der 67 Middlesex Street. Das war die Person, die er 1886 beklaute. In 1891 wurden sie Nachbarn, die Levys, besser gesagt nur seine Frau, wohnend in 69 Middlesex Street."

Ja, soweit ich weiß, war das schon 1886 beim Prozess gegen Levy die Wohnadresse von Sampson, nur seine Metzgerei war lange in der Goulston Street. Sowas kann in Ballungsgebieten eben vorkommen: Bei der Wohnraumknappheit des übervölkerten Eastends konnte man sich seine Nachbarn nicht immer aussuchen. Und wenn Jacobs Frau nach seiner Einweisung aus finanziellen Gründen umziehen musste, konnte sie bestimmt nicht wählerisch sein. Dürfte aber schon ab 1886 ziemlich unerfreulich gewesen sein, wenn Sampson und Jacob sich regelmäßig über den Weg liefen.

Hyman Sampson´s Adresse in 1886 war 35 Middlesex Street, die von Jacob Levy in 1886 36 Middlesex Street. Sie waren auch da schon Nachbarn und zogen um 1891 herum wohl zeitgleich zu ihren neuen Adressen, wo sie Nachbarn blieben (67 Sampson/ 69 Levy).

"about two minutes afterwards Levy came out at his shop door, which is next door"

Der Fall ist hier nachzulesen:

http://www.oldbaileyonline.org/browse.jsp?id=t18860405-name-62&div=t18860405-419#highlight

"Jacob Levy having been arrested on 10 March 1886 for the theft of a weight of meat from his master Hyman Sampson, who formerly had a butcher's business at 58 Goulston Street"

Irgendeine Idee?

Trotz der ganzen Sache, könnte es möglich sein, dass beide Familien befreundet blieben als erkannt wurde, dass Jacob sehr krank ist. Er wanderte ja auch nicht in den Knast sondern in eine Anstalt. Laut seiner Frau, brachte er doch schon vieles durcheinander...

Zu der Polizeiarbeit versuche ich mich gerade besser kundig zu machen. Vor mir liegt Sir Howard Vincent´s Police Code von Neil Bell und Adam Wood, von beiden signiert, (bin ein Fan  8) ), vielleicht hilft das weiter. Ich müsste es nur anfangen zu lesen...

Nun zum zweiten:

Ich wunderte mich etwas, dass Du Cox ausgerechnet in der Middlesex Street siehst. Das war ja keine typische Schneider Straße. Es gab dort den regelmäßigen Petticoat Lane Markt, Kleiderhändler. Aber Cox und Co. beobachteten ja keinen "Trödelmarkt" sondern eine Straße wo es sehr wahrscheinlich ist, dass es dort einige Schneider und Capmaker gab. Aber das war in jener Straße nicht der Fall. Ich vermutete, Du könnest den Kleidermarkt mit einer Schneiderstraße gleichsetzen. Mir war diese Straße dafür nicht bekannt, also für Schneider. Deshalb habe ich mal nachgeschaut. Ich sehe in 1891 dort ganze zwei Schneider, 16 Shops voneinander getrennt existierend. Es gab sogar einen Butcher mehr, neben Levy und Sampson.

Eine typische Schneiderstraße wäre die Greenfield Street! 1888:

Levy 4 Greenfield Street
Joseph 9 Greenfield Street
Miller 11 Greenfield Street
Cohen 15 Greenfield Street
Morris 19 Greenfield Street
Esner 20 Greenfield Street
Kazanoski 21 Greenfield Street
Solomons 22 Greenfield Street
Hyams 22 Greenfield Street
Rosenbaum 25 Greenfield Street
Fox 26 Greenfield Street
Fifer 27 Greenfield Street
Hubriez 30 Greenfield Street
Hennessy 36 Greenfield Street
Parr 54 Greenfield Street
Cohen 58 Greenfield Street
Gold 63 Greenfield Street
Goldstein 70 Greenfield Street
Rosen 71 Greenfield Street
Lyons 72 Greenfield Street
Perlmutler 73 Greenfield Street
Abrahams 74 Greenfield Street (der Bruder von AK)
Sleeves 75 Greenfield Street
Schmidt 76 Greenfield Street
Girklke 78 Greenfield Street
Phillips 81 and half Greenfield Street
Solomons 83 Greenfield Street
Goldberg 84 Greenfield Street
Posner 87 Greenfield Street
Staaks 87 Greenfield Street
Dicks 89 Greenfield Street
Goldberg 86 Greenfield Street
Lazarus 25 Greenfield Street
Lohski 50 Greenfield Street
Schiff M 77b Greenfield Street
Rosenthal 5 Coker Street Greenfield Street
Harris 2 Charles Court Greenfield Street

Vielleicht hilft das alles irgendwie weiter.

Beste Grüße,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 09.11.2015 18:11 Uhr
Hallo Lestrade!


"Angenommen, die City Police beobachtete hier den möglichen Ripper, dann hätten sie mitbekommen haben können, auf ihrer Seite der Aldgate High Street am Eingang des Innenhofes, nur auf der anderen Seite des Durchgangs, dass dort ein Puff betrieben wird. Es war ihr Gebiet, es war eine Straftat und alles andere läge dann nahe. In diesem Falle des Bordells, hätte dann Kommissar Zufall geholfen. Ich halte das alles für absolut möglich."

Dass könnte natürlich sein, dass die Polizei bei ihren Überwachungen gewissermaßen etwas "Beifang" mitnahm - sofern dies ihre Observationen nicht gefährdete.
Aber wenn ich mich recht erinnere, erwähnten nicht nur Cox, sondern auch Sagar und Swanson, dass die Mordserie unmittelbar mit Beginn der Observationen abriss, siehe z.B.: "Cox also recalled that the crimes ceased immediately after the suspect was put under observation, and he makes it clear that there were no Ripper-like murders after the murder of Mary Jane Kelly." http://www.casebook.org/dissertations/rip-butchersrow.html
Dezember 1890 passt da zeitlich überhaupt nicht, das wäre eine über zweijährige Observation in der Butcher's Row gewesen vom Kelly-Mord im November 1888 an. Ich halte es für zweifelhaft, dass die Polizei über zwei Jahre lang 24/7 zur Überwachung eines einzigen Verdächtigen Personal hätte bereitstellen können und dürfen - das wäre extrem teuer gewesen und das Personal hätte anderweitig gefehlt.


"Hyman Sampson´s Adresse in 1886 war 35 Middlesex Street, die von Jacob Levy in 1886 36 Middlesex Street. Sie waren auch da schon Nachbarn und zogen um 1891 herum wohl zeitgleich zu ihren neuen Adressen, wo sie Nachbarn blieben (67 Sampson/ 69 Levy).
(...)
Irgendeine Idee?"


Nein, im Moment habe ich keine, die über Zufall oder haltlose Spekulationen hinausginge...

Nur eine Bemerkung noch zur Diebstahl-Geschichte: Jacob wanderte nach Sampsons Anzeige durchaus in den Knast - er wurde lediglich deshalb in die Klapse verlegt, weil er schon am Anfang seiner Haft einen Selbstmordversuch begangen hatte.

Ich habe allerdings noch einen interessanten Umzug von der Butcher's Row in die Middlesex Street wiedergefunden:
"Further east along Aldgate High Street, there was at no. 21 the dairyman, George Bolam. Bolam then shows in 1890 up in the Middlesex Street directories as a “cowkeeper” at no. 27, on the corner and next door to no. 1 Hutchinson Street, the house/shop of the Eddowes inquest witness Joseph Hyam Levy."
http://www.casebook.org/dissertations/rip-butchersrow.html


"Ich wunderte mich etwas, dass Du Cox ausgerechnet in der Middlesex Street siehst. Das war ja keine typische Schneider Straße."

Dass du im Census in der Middlesex Street nur zwei Schneider gefunden hast, könnte das vielleicht daran liegen, dass der Census das Einwohner-Melderegister ist, in dem zwar die Wohnadressen und Berufe der Bürger aufgeführt wurden, aber nicht wo sie arbeiteten? Die Adressen von Wohn- und Arbeitsort sind nur bei kleinen Selbständigen mit Shop im eigenen Haus identisch.
In der Petticoat Lane gab es aber offenbar Manufakturen - denn als ich mich vor einiger Zeit wegen Jacob über die Geschichte der Straße informiert habe, fand ich nämlich, dass die Petticoat Lane "zu einem Zentrum der Kleidungsherstellung" wurde, das in den 1880ern von den jüdischen Immigranten übernommen wurde:

"From the mid-18th century, Petticoat Lane became a centre for manufacturing clothes. The market served the well-to-do in the City, selling new garments. About 1830, Peticote Lane's name changed to Middlesex Street (...) But the old name continues to be associated with the area.
From 1882, a wave of Jewish immigrants fleeing persecution in eastern Europe settled in the area. (...) Jewish immigrants entered the local garment industry and maintained the traditions of the market."
https://en.wikipedia.org/wiki/Petticoat_Lane_Market

Cox schreibt, dass sie sich als "Factory Inspectors" gegen Kinderarbeit ausgaben, und das deutet für mich auf Manufakturen mit einer größeren Zahl von Angestellten hin, und nicht auf Familienbetriebe in den eigenen vier Wänden, in denen i.d.R. vor allem Familienmitglieder in Heimarbeit werkelten.
Insofern sehe ich die Petticoat Lane durchaus als möglichen Ort der Observation.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 09.11.2015 19:47 Uhr
Hey Arthur,

"Angenommen, die City Police beobachtete hier den möglichen Ripper, dann hätten sie mitbekommen haben können, auf ihrer Seite der Aldgate High Street am Eingang des Innenhofes, nur auf der anderen Seite des Durchgangs, dass dort ein Puff betrieben wird. Es war ihr Gebiet, es war eine Straftat und alles andere läge dann nahe. In diesem Falle des Bordells, hätte dann Kommissar Zufall geholfen. Ich halte das alles für absolut möglich."

Dass könnte natürlich sein, dass die Polizei bei ihren Überwachungen gewissermaßen etwas "Beifang" mitnahm - sofern dies ihre Observationen nicht gefährdete.
Aber wenn ich mich recht erinnere, erwähnten nicht nur Cox, sondern auch Sagar und Swanson, dass die Mordserie unmittelbar mit Beginn der Observationen abriss, siehe z.B.: "Cox also recalled that the crimes ceased immediately after the suspect was put under observation, and he makes it clear that there were no Ripper-like murders after the murder of Mary Jane Kelly." http://www.casebook.org/dissertations/rip-butchersrow.html
Dezember 1890 passt da zeitlich überhaupt nicht, das wäre eine über zweijährige Observation in der Butcher's Row gewesen vom Kelly-Mord im November 1888 an. Ich halte es für zweifelhaft, dass die Polizei über zwei Jahre lang 24/7 zur Überwachung eines einzigen Verdächtigen Personal hätte bereitstellen können und dürfen - das wäre extrem teuer gewesen und das Personal hätte anderweitig gefehlt.

Sims über den "Polish Jew" (Kosminski) und den "Russian doctor" (Ostrog):

"They were both alive long after the horrors had ceased, and though both were in an asylum, there had been a considerable time after the cessation of the Ripper crimes during which they were at liberty and passing about among their fellow men."

Cox:

"but from time to time he became insane, and was forced to spend a portion of his time in an asylum in Surrey"

Anderson (Blackwoods):

"I will only add that when the individual whom we suspected was caged in an asylum, the only person who had ever had a good view of the murderer at once identified him; but when he learned that the suspect was a fellow-Jew he declined to swear to him."

Swanson:

Nach der ID im Seaside Home:

"On suspect's return to his brother's house in Whitechapel he was watched by police (City CID) by day & night"

Ich sehe keinen Grund, hier von einer mehrjährigen Rund um die Uhr Überwachung zu sprechen. Er wird einen erhebliche Zeit in einer Anstalt verbracht haben. Private Anstalten nutzten zu dieser Zeit gerne einen dreimonatigen Rhythmus und das könnte sich mehrmals wiederholt haben.

"Hyman Sampson´s Adresse in 1886 war 35 Middlesex Street, die von Jacob Levy in 1886 36 Middlesex Street. Sie waren auch da schon Nachbarn und zogen um 1891 herum wohl zeitgleich zu ihren neuen Adressen, wo sie Nachbarn blieben (67 Sampson/ 69 Levy).
(...)
Irgendeine Idee?"


Nein, im Moment habe ich keine, die über Zufall oder haltlose Spekulationen hinausginge...

Nun, ich vermute, es scheint nur ein Hinweis darauf zu sein, dass Sampson mal in der Goulston Street aktiv war, Levy dort einen Bruder hatte und es das GSG dort gab.

Nur eine Bemerkung noch zur Diebstahl-Geschichte: Jacob wanderte nach Sampsons Anzeige durchaus in den Knast - er wurde lediglich deshalb in die Klapse verlegt, weil er schon am Anfang seiner Haft einen Selbstmordversuch begangen hatte.

Ich verstehe es so, dass er von seiner Verurteilung an, 5 April 1886, erst bis zu seiner Überführung am 19.4. 86 nach Chelmsford im Holloway Prison war. Am 26.5. 1886 ging es dann weiter in die Essex Anstalt. Vom Haftantritt 19.4 bis zur Verlegung am 26.5. war es eine Woche und bereits am 21.5. wurde ihm seine Haftunfähigkeit assistiert.

"Ich wunderte mich etwas, dass Du Cox ausgerechnet in der Middlesex Street siehst. Das war ja keine typische Schneider Straße."

Dass du im Census in der Middlesex Street nur zwei Schneider gefunden hast, könnte das vielleicht daran liegen, dass der Census das Einwohner-Melderegister ist, in dem zwar die Wohnadressen und Berufe der Bürger aufgeführt wurden, aber nicht wo sie arbeiteten? Die Adressen von Wohn- und Arbeitsort sind nur bei kleinen Selbständigen mit Shop im eigenen Haus identisch.
In der Petticoat Lane gab es aber offenbar Manufakturen - denn als ich mich vor einiger Zeit wegen Jacob über die Geschichte der Straße informiert habe, fand ich nämlich, dass die Petticoat Lane "zu einem Zentrum der Kleidungsherstellung" wurde, das in den 1880ern von den jüdischen Immigranten übernommen wurde:

"From the mid-18th century, Petticoat Lane became a centre for manufacturing clothes. The market served the well-to-do in the City, selling new garments. About 1830, Peticote Lane's name changed to Middlesex Street (...) But the old name continues to be associated with the area.
From 1882, a wave of Jewish immigrants fleeing persecution in eastern Europe settled in the area. (...) Jewish immigrants entered the local garment industry and maintained the traditions of the market."
https://en.wikipedia.org/wiki/Petticoat_Lane_Market

Cox schreibt, dass sie sich als "Factory Inspectors" gegen Kinderarbeit ausgaben, und das deutet für mich auf Manufakturen mit einer größeren Zahl von Angestellten hin, und nicht auf Familienbetriebe in den eigenen vier Wänden, in denen i.d.R. vor allem Familienmitglieder in Heimarbeit werkelten.
Insofern sehe ich die Petticoat Lane durchaus als möglichen Ort der Observation.

Welchen Census Arthur? Ich spreche vom Post Office Directory. Unternehmen, Händler, Läden etc. In einer Straße wie der Greenfield Street wurden Kleider produziert, sie hatten ihre Werkstätten dort, Isaac Abrahams zum Beispiel hatte seine hinter dem Haus. Natürlich wurde auch in kleineren Räumlichkeiten produziert. Und wie bei einem Butcher boten auch die Schneider ihre "produzierte" Ware an, manche produzierten nur für andere, andere verkauften selber oder es war eine Kombination aus beiden. Natürlich ließen sich die jüdischen Immigranten im East End nieder und arbeiteten, produzierten und verkauften ihre Produkte als Schneider. Und natürlich wurde die Petticoat Lane ein Synonym für im East End produzierte Bekleidung. Die nahegelegen Petticoat Lane war auch ein Grunde, das GSG schnell zu entfernen, weil die ankommenden jüdischen Händler bereits zu hören waren... In 1891 gab es dort zwei Schneider, Levi und Valentine... ich habe hier alle Unternehmer vor mir, alle Berufsbereiche... welche weiteren produzierenden Schneider kannst Du benennen? Welche Manufakturen? Sie bauten dort ihre Stände auf, dass ist natürlich klar. Es gab dort auch keinen einzigen Capmaker, davon sprach Cox ja auch. Falls Du was anderes finden oder belegen kannst, wäre ich dir dankbar. Alles hilft weiter. Wie genau diese beiden Schneider dort arbeiteten, ob überhaupt und welche Mengen sie produzierten, welchen Service sie anboten, weiß ich nicht, auch nicht, wieviele Angestellte sie hatten. Isaac Abrahams hatte 14 Angestellte. Viele Schneider hatten die Angewohnheit, zu einem Treffpunkt zu gehen, ich glaube, dass war nahe der Petticoat Lane, um Tagelöhner anzuheuern. Da waren sicherlich auch Minderjährige dabei und um dagegen anzugehen dafür gaben sich Cox und Co. aus. Ich hatte mal eine Liste mit Schneiderstraßen im East End, finde sie aber nicht. Aber im Directory kann ich die auch zusammenrechnen.

Beste Grüße, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 09.11.2015 23:24 Uhr
Ich habe allerdings noch einen interessanten Umzug von der Butcher's Row in die Middlesex Street wiedergefunden:
"Further east along Aldgate High Street, there was at no. 21 the dairyman, George Bolam. Bolam then shows in 1890 up in the Middlesex Street directories as a “cowkeeper” at no. 27, on the corner and next door to no. 1 Hutchinson Street, the house/shop of the Eddowes inquest witness Joseph Hyam Levy."
http://www.casebook.org/dissertations/rip-butchersrow.html

Bolam war auch noch in 1891 in der 27 Middlesex Street. Aber 21 Aldgate High Street war nicht Butchers Row und auch nicht auf der Seite der Butchers Row. Der Abschnitt zwischen den Nummer 43-62 wurde als Butchers Row bezeichnet. Nummer 21 lag auf der Seite der Observation von Sagar im Dezember 1890 (Bull Inn Yard Nummer 25). Nummer 21 bot schon keinen direkten Blick mehr auf die Butchers Row.

Ich glaube, dass gerade Pat Marshall (eine bekannte Ripperologen) mit Jeff in Kontakt kommt. Ihr Uropa George war der Bruder von Detective Henry Cox. Sie denkt, dass er Aaron Kozminski beschattete.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 10.11.2015 15:26 Uhr
Hallo Arthur,

Habe mir nun noch einmal Zeit genommen, dieses Problem genauer anzuschauen.

Ich bin noch einmal das Post Office Directory durchgegangen auf der Suche nach produzierenden Schneidern. Nach dem Suchbegriff "Middlesex Street" versuchte ich es nun noch einmal mit den Begriffen "Middlesex", "Middlesex st" und Middlesex st." Was ich fand waren u.a. mehr Butcher:

Joseph Joseph 39
Jacob Levy 69
Hyman Sampson 67
Hyams Syckerman 66
David Nussbaum 91
Abraham White 84

Keine weiteren Schneider. Ich durchschaute nur die Abteilung "Tailors" aber konnte nichts weiteres entdecken als die beiden bisher genannten:

Benjamin Levi 33
Isaac Valentine 49

Kurios fand ich zunächst, dass die Liste der Greenfield Street Schneider von 1888 so im Post Office Directory nicht zu finden waren. Die Liste stammt aus Charles Booth´s Notebook über Schneider:

http://booth.lse.ac.uk/cgi-bin/do.pl?sub=search_catalogue_index&args=tailors

Sich dort anzumelden könnte Sinn machen aber Chris Scott hatte bereits alles vorgearbeitet:

http://forum.casebook.org/showthread.php?t=470

Darin sehen wir nun auch die Straßen, die ich gestern nicht fand (ich habe einfach eine viel zu Große Menge an Daten und Informationen), welche für produzierende Schneider kennzeichnend waren. Ich finde nichts für die Middlesex Street. Vielleicht kannst Du darüber schauen. Ich könnte dir auch das Post Office Directory von 1891 schicken (pdf Datei) und Du kontrollierst noch einmal nach. Vier Augen sehen mehr als zwei.

Ich fand bisher auch folgende Clothiers in der Middlesex Street, die ich noch nicht erwähnte:

Judah Joseph 76
Alfred & Samson Lion 34
Isaac & Asher Cohen 13
Isaac Hyman 97
Hollington Bros. ?

Alle Daten die ich bisher habe, machen die Middlsex Street ziemlich voll, ohne irgend eine Art von bestimmten Schneidern.

Ich erkenne das folgendernaßen und wäre auf deine Einschätzung gespannt:

Es gab wirklich kleine-mittlere Betriebe/Produzenten (factories), die ausschließlich Kleidung produzierten (sicherlich vieles für das Westend). Das setzte sich in bestimmten Straßen so nieder. Ein Beispiel wäre die Greenfield Street. Die meisten davon verkauften nicht selber, sie waren reine Hersteller und erscheinen deshalb nicht im Post Office Register. Dann gab es Schneider wie Levi oder Valentine in der Middlesex Street, die kleine Shops unterhielten, etwas nähten, reparierten usw. für den normalen Kunden, für keinen größeren Händler. Die "Clothiers", die Kleidergeschäfte, sollten einen reinen Klamottenverkauf betrieben haben. Hier sollten wir als Verkäufer nicht Jack the Ripper erwarten und auch keine Inspektoren für das Problem der Kinderarbeit. Mit den zwei Normalo Schneidern, Levi und Valentine, hätte der Vorwand von Cox gegenüber den anderen Händlern in der Straße diesbezüglich ebenfalls keinen Sinn gemacht,"wir sind hier, um zwei Schneider zu überwachen und das monatelang". Es muss einer dieser produzierenden Straßen (New Road,Settles Street, Nottingham Place, Greenfield Street, Plumbers Row etc.) gewesen sein, in der Cox und Kollegen Dienst schoben. Sollten wir auch nur einen Betrieb in der Middlesex Street finden, ist es im Vergleich mit diesen anderen Straßen nichts. Von der Idee sollten wir uns besser verabschieden.

Meine Annahme mit einem Shop des Rippers in der Brick Lane sollte nun als falsch betrachtet werden. In dieser Straße gab es Schneider aber nicht in der Art der anderen Straßen. Absolut nicht. Allerdings ist es auch nicht falsch, da ich sagte "in oder Nahe" der Brick Lane. Brick Lane selber fällt raus aber die dafür in Frage kommenden Straßen in der Nähe nicht. Darauf lege ich nun mein Augenmerk.

Sicherlich konnte ich dir einige Informationen geben aber ich bin dir gerade auch sehr dankbar für unsere Diskussion hier, denn allein durch das erneute Vergegenwärtigen der in Frage kommenden Straßen, kann ich meine Suche präziser angehen. Du siehst, wie wichtig es ist, sich unterstützend auszutauschen.

Somit muss nicht zwangsläufig dieser "kleine Shop" des mutmaßlichen Rippers ein produzierender Schneider gewesen sein. Dahinter kann sich vieles verbergen, ein Friseur Salon, ein Schumacher, eine Fleischerei etc. Doch auch wenn Cox sagte, dass sie als Kunden den Shop betraten, war es sicherlich auch möglich, bei einem produzierenden Schneider, dies oder jenes zu erwerben. Deine Anmerkung dazu fand ich dennoch interessant, weil es wohl einfacher war, ein regelmäßiger Kunde in einer Fleischerei zu sein als denn bei einem Schneider.

Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass diese Schneider aus jenen Straßen die Petticoat an den Markttagen mit ihren Ständen füllten.

Beste Grüße,

Lestrade.

 

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 10.11.2015 16:46 Uhr
Hallo Lestrade!


"Ich sehe keinen Grund, hier von einer mehrjährigen Rund um die Uhr Überwachung zu sprechen. Er wird einen erhebliche Zeit in einer Anstalt verbracht haben. Private Anstalten nutzten zu dieser Zeit gerne einen dreimonatigen Rhythmus und das könnte sich mehrmals wiederholt haben."

Ja, diese erwähnten Aufenthalte in einer Anstalt würden die tatsächliche Überwachungszeit verkürzen - meinen Überlegungen lag jedoch die Voraussetzung zugrunde, dass diese Einweisungen erst nach der Butcher's Row-Geschichte stattfanden. Vielleicht hätte ich das ausführen sollen, um Missverständnisse zu vermeiden:

Angesichts der verschiedenen Aussagen von Sagar und Cox ist für mich die Beobachtung der Butcher's Row höchstwahrscheinlich die erste Station gewesen.
Sie liegt für mich am Anfang der Observationen, irgendwann nicht allzulange nach dem Kelly-Mord, denn Sagar schreibt, dass der Verdächtige dort gearbeitet habe - er also noch einer Art regulärem Job nachgehen konnte. Das klingt noch nach relativ gesund und arbeitsfähig.
Geht man davon aus, dass sich sein Gesundheitszustand mit der Zeit verschlechterte, wäre also eine Arbeit in der Butcher's Row kurz vor seiner entgültigen Einweisung unwahrscheinlicher als kurz nach der Mordserie.

Und Cox betont "he occupied several shops": Hier gab es schon mehrere Shops, in denen er sich aufhielt, es hatten also schon Ortswechsel stattgefunden, und er schreibt auch nicht mehr von Arbeit, sondern benutzt das diffusere "occupied", was sowohl bedeuten kann, dass er von seinen Leuten irgendwie beschäftigt wurde, wie auch einfach, dass er dort lediglich hauste. Diese Observation unter dem Deckmantel als "Factory Inspectors" klingt für mich demnach eher danach, als hätte sie nach der Butcher's Row, nach der Verschlechterung seines Gesundheitszustands und somit vermutlich auch nach der ersten vorübergehenden Einweisung stattgefunden, als es inzwischen schon mehr darum ging, den Kranken zu beaufsichtigen, statt ihm eine produktive Arbeit zu geben. Es klingt für mich so, als wäre er in dieser Phase bereits zwischen seinen Leuten hin- und hergeschoben worden, um sich beim Aufpassen auf ihn abzuwechseln.

Kurz: Wenn Sagar und Cox denselben Verdächtigen meinten, sehe ich die zeitliche Abfolge etwa so:
Unser Verdächtiger gerät nach dem Kelly-Mord in den Focus der Polizei - zu dieser Zeit ist er noch soweit fit, dass er noch in der Butcher's Row einer Arbeit nachgehen kann. Dann verschlechtert sich sein Zustand, er wird das erste Mal vorübergehend eingewiesen. Nachdem er wieder raus ist, wechseln sich seine Leute damit ab, ihn in ihren verschiedenen Shops zu beaufsichtigen, u.U. mit weiteren vorübergehenden Einweisungen dazwischen. Im Zusammenhang mit einer jener vorübergehenden Einweisungen kommt es zur Seaside-Home-Identifizierung, aber wegen des Rückziehers des Zeugen kehrt er vorerst zurück in die Aufsicht seiner Angehörigen, bis er schließlich so krank ist, dass er endgültig und dauerhaft in die Anstalt kommt.


"Welchen Census Arthur? Ich spreche vom Post Office Directory. Unternehmen, Händler, Läden etc. (...) In 1891 gab es dort zwei Schneider, Levi und Valentine... ich habe hier alle Unternehmer vor mir, alle Berufsbereiche..."


Ups, da war ich wohl etwas unaufmerksam beim Lesen. Also, wenn das wirklich alle Unternehmen der Straße umfasst, würde das demnach bedeuten, dass über die Jahre praktisch alle Schneiderbetriebe an andere Standorte abwanderten, und zur Zeit der Ripper-Morde eigentlich nur noch die Verkäufer dort waren.


"Ich erkenne das folgendernaßen und wäre auf deine Einschätzung gespannt:
(...)
Die "Clothiers", die Kleidergeschäfte, sollten einen reinen Klamottenverkauf betrieben haben. Hier sollten wir als Verkäufer nicht Jack the Ripper erwarten und auch keine Inspektoren für das Problem der Kinderarbeit. Mit den zwei Normalo Schneidern, Levi und Valentine, hätte der Vorwand von Cox gegenüber den anderen Händlern in der Straße diesbezüglich ebenfalls keinen Sinn gemacht,"wir sind hier, um zwei Schneider zu überwachen und das monatelang". Es muss einer dieser produzierenden Straßen (New Road,Settles Street, Nottingham Place, Greenfield Street, Plumbers Row etc.) gewesen sein, in der Cox und Kollegen Dienst schoben. Sollten wir auch nur einen Betrieb in der Middlesex Street finden, ist es im Vergleich mit diesen anderen Straßen nichts. Von der Idee sollten wir uns besser verabschieden."


Ja, angesichts der Daten bleibt wohl nur diese Schlussfolgerung - demnach war es wohl in der Tat nicht die Middlesex Street. Nach den historischen Darstellungen, die ich gelesen hatte, hätte ich nicht gedacht, dass praktisch die komplette Produktion von dort abgewandert ist... Schade für meine These, aber deine Einschätzung ist dann wohl korrekt.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 10.11.2015 18:34 Uhr
Also, wenn das wirklich alle Unternehmen der Straße umfasst, würde das demnach bedeuten, dass über die Jahre praktisch alle Schneiderbetriebe an andere Standorte abwanderten, und zur Zeit der Ripper-Morde eigentlich nur noch die Verkäufer dort waren.

Ja, angesichts der Daten bleibt wohl nur diese Schlussfolgerung - demnach war es wohl in der Tat nicht die Middlesex Street. Nach den historischen Darstellungen, die ich gelesen hatte, hätte ich nicht gedacht, dass praktisch die komplette Produktion von dort abgewandert ist... Schade für meine These, aber deine Einschätzung ist dann wohl korrekt.

Ich war mir mit allem auch nicht mehr hundertprozentig sicher, Arthur! Ich habe das alles mal vor einiger Zeit recherchiert bzw. vorhandenes Material genutzt, um mir ein Bild davon zu machen. Die Zeit vergeht, man verdrängt und vergisst. Middlesex Street verbinde ich, genau wie Du, mit der Petticoat Lane und der Nähe zur Butchers Row und als Grenze zwischen City Police und MET Police. Das ist schon eine interessante Gegend. So meinte ich zwar, dass sie nicht zu diesen Straßen gehörte aber schwören konnte ich auch nicht darauf. Also macht man sich noch einmal die Arbeit... Im Falle von Cox schließe ich nicht aus, dass es sich auch um eine Straße mit normalen Schneidergeschäften gehandelt haben könnte. Diesbezüglich muss ich die Brick Lane noch einmal gründlich recherchieren. Aber ganz klar machen diese produzierenden Straßen mehr Sinn.

Unter dem Strich, ist diese ganze Ripperologie ein Bereich, wo man ständig hinzulernen muss. Vielleicht auch geprägt durch Einzelgängertum oder kleine Klüngel aber so funktioniert nun einmal diese Welt. Es haben sich bestimmt einige im Laufe der Jahre darüber schlapp gelacht, wenn ich mir einen abgequält habe (oder noch abquäle), um an Quellen und Hilfsmittel zu kommen, von denen sie selbst Kenntnis hatten und haben. Ich weiß es nicht genau, vermute es aber. Jedoch wusste ich mir schon immer selber gut zu helfen und komme somit an meine Ziele. Ich möchte mich jedoch nicht genauso verhalten und möchte so viel wie möglich von meinem Wissen weitergeben und nicht zuschauen, wie sich jemand vergeblich große Mühe gibt, gepaart mit viel Fleiß. Durch dieses Verhalten habe ich aber eben auch die Möglichkeit, mich selber besser zu hinterfragen.

Ich glaube, es war ca. September 1906:

The Truth about the Whitechapel Mysteries told by Harry Cox
Ex-Detective Inspector, London City Police. Specially written for "Thomson's Weekly News"

It is only upon certain conditions that I have agreed to deal with the great Whitechapel crimes of fifteen years ago. Much has been written regarding the identity of the man who planned and successfully carried out the outrage...

It is my intention the relate several of my experiences while keeping this fellow under observation.

We had many people under observation while the murders were being perpetrated, but it was not until the discovery of the body of Mary Kelly had been made that we seemed to get upon the trail. Certain investigations made by several of our cleverest detectives made it apparent to us that a man living in the East End of London was not unlikely to have been connected with the crimes.

To understand the reason we must first of all understand the motive of the Whitechapel crimes. The motive was, there can not be the slightest doubt, revenge. Not merely revenge on the few poor unfortunate victims of the knife, but revenge on womankind. It was not a lust for blood, as many people have imagined.

The murderer was a misogynist, who at some time or another had been wronged by a woman. And the fact that his victims were of the lowest class proves, I think, that he was not, as has been stated, an educated man who had suddenly gone mad. He belonged to their own class.

Had he been wronged by a woman occupying a higher stage in society the murders would in all probability have taken place in the West End, the victims have been members of the fashionable demi-monde.

The man we suspected was about five feet six inches in height, with short, black, curly hair, and he had a habit of taking late walks abroad. He occupied several shops in the East End, but from time to time he became insane, and was forced to spend a portion of his time in an asylum in Surrey.

While the Whitechapel murders were being perpetrated his place of business was in a certain street, and after the last murder I was on duty in this street for nearly three months.

There were several other officers with me, and I think there can be no harm in stating that the opinion of most of them was that the man they were watching had something to do with the crimes. You can imagine that never    once did we allow him to quit our sight. The least slip and another brutal crime might have been perpetrated under our very noses. It was not easy to forget that already one of them had taken place at the very moment when one of our smartest colleagues was passing the top of the dimly lit street.

The Jews in the street soon became aware of our presence. It was impossible to hide ourselves. They became suddenly alarmed, panic stricken, and I can tell you that at nights we ran a considerable risk. We carried our lives in our hands so to speak, and at last we had to partly take the alarmed inhabitants into our confidence, and so throw them off the scent. We told them we were factory inspectors looking for tailors and capmakers who employed boys and girls under age, and pointing out the evils accruing from the sweaters' system asked them to co-operate with us in destroying it.

They readily promised to do so, although we knew well that they had no intention of helping us. Every man was as bad as another. Day after day we used to sit and chat with them, drinking their coffee, smoking their excellent cigarettes, and partaking of Kosher rum. Before many weeks had passed we were quite friendly with them, and knew that we could carry out our observations unmolested. I am sure they never once suspected that we were police detectives on the trail of the mysterious murderer; otherwise they would not have discussed the crimes with us as openly as they did.

We had the use of a house opposite the shop of the man we suspected, and, disguised, of course, we frequently stopped across in the role of customers.

Every newspaper loudly demanded that we should arouse from our slumber, and the public had lashed themselves into a state of fury and fear. The terror soon spread to the provinces too. Whenever a small crime was committed it was asserted that the Ripper had shifted his ground, and warning letters were received by many a terror stricken woman. The latter were of course the work of cruel practical jokers. The fact, by the way, that the murderer never shifted his ground rather inclines to the belief that he was a mad, poverty stricken inhabitant of some slum in the East End.

I shall never forget one occasion when I had to shadow our man during one of his late walks. As I watched him from the house opposite one night, it suddenly struck me that there was a wilder look than usual on his evil countenance, and I felt that something was about to happen. When darkness set in I saw him come forth from the door of his little shop and glance furtively around to see if he were being watched. I allowed him to get right out of the street before I left the house, and then I set off after him. I followed him to Lehman Street, and there I saw him enter a shop which I knew was the abode of a number of criminals well known to the police.

He did not stay long. For about a quarter of an hour I hung about keeping my eye on the door, and at last I was rewarded by seeing him emerging alone.

He made his way down to St George's in the East End, and there to my astonishment I saw him stop and speak to a drunken woman.

I crouched in a doorway and held my breath. Was he going to throw himself right into my waiting arms? He passed on after a moment or two, and on I slunk after him.

As I passed the woman she laughed and shouted something after me, which, however, I did not catch.

My man was evidently of opinion that he might be followed every minute. Now and again he turned his head and glanced over his shoulder, and consequently I had the greatest difficulty in keeping behind him.

I had to work my way along, now with my back to the wall, now pausing and making little runs for a sheltering doorway. Not far from where the model lodging house stands he met another woman, and for a considerable distance he walked along with her.

Just as I was beginning to prepare myself for a terrible ordeal, however, he pushed her away from him and set off at a rapid pace.

In the end he brought me, tired, weary, and nerve-strung, back to the street he had left where he disappeared into his own house.

Next morning I beheld him busy as usual. It is indeed very strange that as soon as this madman was put under observation, the mysterious crimes ceased, and that very soon he removed from his usual haunts and gave up his nightly prowls. He was never arrested for the reason that not the slightest scrap of evidence could be found to connect him with the crimes.


Januar/Februar 1905:

Hier siehst Du den Vergleich zwischen den einzelnen Berichten über Sagar

http://cgp100.pwp.blueyonder.co.uk/SagarReports.htm

Beide, Cox und Sagar, sprachen recht zeitnah (1905/1906) über ihren möglichen Jack the Ripper.

Cox:

but it was not until the discovery of the body of Mary Kelly had been made that we seemed to get upon the trail

Sagar:

He was, however, placed in a lunatic asylum, and the series of atrocities came to an end.

"We had good reason to suspect a certain man who worked in 'Butcher's-row,' Aldgate," he said, "and we watched him carefully. There was no doubt that this man was insane, and after a time his friends thought it advisable to have him removed to a private asylum. After he was removed there were no more Ripper atrocities."

I feel sure we knew the man, but we could prove nothing. Eventually we got him incarcerated in a lunatic asylum, and the series of murders came to an end."

The theory of the city police is that "Jack the Ripper" was a butcher who worked in "Butchers' Row," Aldgate, and was partly insane. It is believed that he made his way to Australia and there died. "The police are satisfied as to the identity of the man," remarked the inspector, "but what became of him we don't know."
 
Sagar spricht Eddowes in den Artikeln als Kelly an, so hieß ja ihr Partner. Cox gab an, dass sie ihm auf die Spur kamen, nach dem Mord an Kelly. Sagar: we watched him carefully und and after a time aber es ist für mich nicht eindeutig, dass er kurz nach Kelly meinte.

Die zeitnahen Interviews, die Überzeugung beider, den richtigen Mann gekannt zu haben, lässt mich zum Schluß kommen, dass sie über ein und dieselbe Person sprachen. Das kommt mir bekannt vor. So äußerten sich auch Anderson und Swanson. Und die sprachen über "Kosminski", den auch Macnaghten für einen überzeugenden Verdächtigen hielt. Mein Gefühl sagt mir, dass auch Cox und Sagar über "Kosminski" sprachen. Es wäre zumindest kein UN Sinn und durchaus möglich.

Cox muss beobachtet haben, noch bevor dieser Verdächtige in eine Anstalt ging. Das dieser Mann dort, in einer Anstalt, hin- und wieder Zeit verbrachte und zwar später, nach der Beschattung durch ihn, dass wusste er aber. Diese Info hätte er von jemanden wie Sagar bekommen haben können, denn der sprach auch davon, weil er das so miterlebt hatte. Das bedeutet für mich eher, dass Sagar später mit dem Verdächtigen beschäftigt war als eben sein Kollege Cox. Und ich bin überzeugt, dass die City Police nicht nur der Überwacher von "Kosminski" gewesen war, sondern auch der Bringer zum Seaside Home und dann eben auch die letzte Polizeieinheit, welche "Kosminski" überwachte (Swanson´s night & day), bevor es nach Colney Hatch ging. Und hier passt einfach Sagar´s Überwachung in der Butchers Row im Dezember 1890, kurz bevor es für Aaron Kozminski nach Colney Hatch ging. Zur ungefähr gleichen Zeit scheint es so, dass City Police auch in der Greenfield Street Beobachtungsposten hatten. Ich kann nichts anderes denken, als dass es sich bei "Kosminski" um Aaron Kozminski handelte. Das einzige was mich daran stört sind Sagar´s:

atrocities came to an end
no more Ripper atrocities
the series of murders came to an end


Cox:

as soon as this madman was put under observation, the mysterious crimes ceased

Das klingt, wie du sagst, nach Kelly. Zu Sagar´s Bemerkung mit der privaten Anstalt, passt dann auch Macnaghten´s "about March 1889" Einweisung. Als Cox ging, vielleicht Februar 1889, könnte Sagar gekommen sein und er war dann mit dabei, als es für "Kosminski" in eine Anstalt ging. Nur hier das Problem, Cox spricht über eine Straße mit Schneidern, Sagar über eine mit Schlachtern und Fleischern. Vielleicht lag der Grund darin, dass der Verdächtige, laut Cox, recht schnell seine nächtlichen Streifzüge beendigte und das Haus möglicherweise nicht mehr verließ. Er wurde krank und kränker und die Familie hielt es vielleicht für angemessen, ihn einem neuen Ort arbeiten zu lassen. Es mag makaber klingen, aber sollte es in der Familie Überzeugungen gegeben haben, dass er der Ripper sei, hätte ein Schlachterjob sicherlich irgendwie "Sinn" gemacht. Nach dem Motto: Lass ihn lieber Tiere töten anstelle von Prostituierten. Der Mensch in Not, und diese Familie wären Menschen in großer Not gewesen, treibt seltsame Blüten. Vielleicht war die Butchers Row ein Teil seiner früheren Nachtarbeit, welche er nun zum Vollzeitjob vorgesetzt bekam. Vielleicht nur ein paar Wochen bis ca. März 1889.

Was hätte Sagar auch sonst mit dem "Ende der Gräueltaten" meinen können?

Sie hatten ihn unter Überwachung, kam er aus der Anstalt, waren sie sicherlich sofort wieder da. Somit könnte Sagar nicht den Mord an Mackenzie noch die Torso Funde gemeint haben. Aber viele Jahre später, ist man vielleicht nicht mehr so genau und er bezieht sich auf die Überwachung von Cox als die Morde stoppten und sieht seine eigen Arbeit früher als Dezember 1890. 15 Jahre waren schon vergangen... Pure Spekulation natürlich...

Aber wie auch bei Swanson sehen wir bei Sagar die Möglichkeit, dass der Verdächtige alsbald starb. Bei Swanson in Colney Hatch, bei Sagar in Australien. Macnaghten wusste nicht, 1894, ob "Kosminski" noch Insasse einer Anstalt war. Sagar selbst sagte, dass sie nicht genau wussten, was wirklich aus dem Mann wurde. Meine Vermutung ist, jemand informierte sie falsch, mit oder ohne Absicht nachdem er nicht mehr aus Colney Hatch raus kam bzw. nach Leavesden gebracht wurde. Anderson stand in Kontakt mit der Anstaltsleitung in Colney Hatch, nachdem Aaron Kozminski dort eingewiesen wurde. Entweder streute er mit Absicht ein Gerücht oder aber, Colney Hatch verwechselte Aaron Kozminski mit seinem "Doppelgänger" David Cohen, der ja tatsächlich dort starb. Beide wurden von einem Dr. Seward behandelt. Australien? Nun, immerhin zog es den Informant in Sachen Aaron Kozminski, bezüglich Colney Hatch, Jacob Cohen zurück nach Südafrika... das passierte aber ausgerechnet auch 1905...

In 1901, Swanson und Anderson zeichneten sich verantwortlich für die Einbürgerung von Isaac Abrahams, einen von Aaron Kozminski´s Brüdern. Swanson glaubte bereits 1894, dass der Mann, welcher Jack the Ripper war, bereits tot ist. Ich frage mich, ob sie während der Einbürgerung 1901 überhaupt miteinander sprachen oder ob den Job andere erledigten und Swanson und Anderson nur Amen sagten. Oder aber, sie hielten diesen Isaac Abrahams in der Cable Street für jemand anderen als des Ripper´s Bruder. Das war ja auch schon wieder alles über ein Jahrzehnt her.

Memorial
Isaac Abrahams of 171 Cable Street St Georges in the East in the County of London
... a subject of the Emperor of Russia having been born at Klodorer Koliski in the Empire of Russia on the Third day of May 1852 and being the son of Joseph & Golder Abrahams who were both subjects of the Emperor of Russia ...
resides at 171 Cable St St Georges in the East in the County of London and is of the age of 48 years and is a Tailor.
... a Married man and has one child under age residing with him viz.
Rachel - 17 years of age
... settled place of business is at 171 Cable Street St Georges in the East in the county of London
That your Memorialist has for five years within the period of the eight years last past resided within the United Kingdom, vizt. [standard form]
From October 20th 1893 to present time at 171 Cable Street St Georges in the East in the county of London
7 years 2 months
[Signed] I. Abrahams [very shaky]

Sureties
Walter Belcher 40 Tillman Street St Georges East London Estate Agent ([has known him] 8 years)
George Leeder Licensed Victualler of 56 Cannon Street Road London East (10 years)
Henry Whiting Laundryman of 108 St George Street St Georges East London (9 years)
and John Gibbs Builder of 229-231 Cable Street St Georges East London (7 years)
[All signed] 265 Gresham House Old Broad Street in the City of London 16 January 1901
Before Ernest [Smith] A commissioner for oaths.

CID Report
Isaac Abrahams Tailor
The declaration of residence have [sic] been enquired into and the sureties are respectable persons householders and British born subjects.
I have seen the applicant who is a respectable man he states he has resided in this country for the past 30 years, intends to remain permanently and wishes to enjoy the rights and priveleges [sic] of a British subject.
The sureties speak well of applicant as a respectable man and I see no reason to doubt their statements.
Ernest Baxter [?]P S
D. S. Swanson Superintendent
Cover sheet dated 19th February 1901 and signed R. Anderson.

7 June 1901. Isaac Abrahams
Agent Mr J. Cantor 211, Old Ford Road, E.
Certif Regd & returned 19 June '01

[HO 144/617/B35582]

Bei alledem, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass Schwartz oder Lawende der Zeuge im Seaside Home war. Sie sahen sicherlich "Kosminski" aber konnten ihn wahrscheinlich nicht wiedererkennen. Ich denke, hier hat irgendwann später einfach Kommissar Zufall geholfen...

Jeder muss sich eben selbst daraus eine Meinung bilden und versuchen, Antworten auf die Fragen zu finden.

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 12.11.2015 20:56 Uhr
Hallo Lestrade!

Vielen Dank erstmal für den kompletten Artikel von Cox. Ich müsste mir mal angewöhnen, alle Originaltexte strukturiert bei mir abzulegen, das würde unnötige Sucherei ersparen.


"Die zeitnahen Interviews, die Überzeugung beider, den richtigen Mann gekannt zu haben, lässt mich zum Schluß kommen, dass sie über ein und dieselbe Person sprachen. Das kommt mir bekannt vor. So äußerten sich auch Anderson und Swanson. Und die sprachen über "Kosminski", den auch Macnaghten für einen überzeugenden Verdächtigen hielt. Mein Gefühl sagt mir, dass auch Cox und Sagar über "Kosminski" sprachen. Es wäre zumindest kein UN Sinn und durchaus möglich."

Da gebe ich dir recht - sie stimmen im Wesentlichen überein (kleine Abweichungen und Irrtümer gibt es immer, wir sind ja Menschen und keine Roboter) und bieten zusammen genommen eine schlüssige Begründung für das Ende der Ripper-Morde. Mal abgesehen davon, dass sie uns die einzigen Anhaltspunkte darüber geben, was nach der Mordserie passierte.


"Cox muss beobachtet haben, noch bevor dieser Verdächtige in eine Anstalt ging."

Aus welchem Grund muss das vorher gewesen sein? Cox berichtete, dass er von Zeit zu Zeit "insane" wurde und in eine Anstalt musste. Die Reihenfolge der Observationen und damit der Aufenthaltsorte unseres Verdächtigen bleiben daher m.E. unsicher - ich würde weiter eher dazu tendieren, dass es erst Butcher's Row mit Sagar und dann die übrigen "several shops" mit Cox waren.
Wenn wir einmal ganz konkret davon ausgehen, dass der Verdächtige Aaron Kosminski war, wäre es dann nicht plausibler, dass er mit fortschreitender Krankheit direkt in den Shops seiner nächsten Angehörigen im Schneider-Milieu war, unter deren unmittelbarer Aufsicht - und dass man ihn nur am Anfang, als es ihm noch relativ gut ging, in der Butcher's Row arbeiten ließ?
Wenn wir annehmen, dass Macnaghten sich nicht in der Zeit geirrt hat, dann würden die drei Monate Butcher's Row Observation mit Sagar bis zur ersten Einweisung in eine (private) Anstalt im März 1889 passen. Und danach wäre er dann - mit zwischenzeitlichen Einweisungen - von seinen Angehörigen in ihren "several shops" beaufsichtigt worden, wo Cox ihn observierte.
Das einzige, was dann nicht passen würde, ist die Razzia 1890 mit Cox - aber dass diese eine Verbindung zur Ripper-Observation haben könnte, ist ja sowieso nur eine Vermutung.


"Aber wie auch bei Swanson sehen wir bei Sagar die Möglichkeit, dass der Verdächtige alsbald starb. Bei Swanson in Colney Hatch, bei Sagar in Australien. Macnaghten wusste nicht, 1894, ob "Kosminski" noch Insasse einer Anstalt war. Sagar selbst sagte, dass sie nicht genau wussten, was wirklich aus dem Mann wurde. Meine Vermutung ist, jemand informierte sie falsch, mit oder ohne Absicht nachdem er nicht mehr aus Colney Hatch raus kam bzw. nach Leavesden gebracht wurde. Anderson stand in Kontakt mit der Anstaltsleitung in Colney Hatch, nachdem Aaron Kozminski dort eingewiesen wurde. Entweder streute er mit Absicht ein Gerücht oder aber, Colney Hatch verwechselte Aaron Kozminski mit seinem "Doppelgänger" David Cohen, der ja tatsächlich dort starb. Beide wurden von einem Dr. Seward behandelt. Australien? "

Es wäre eine plausible Annahme, dass die Verantwortlichen in der Polizei den Kreis der Eingeweihten absichtlich klein hielten, damit nichts durchsickerte. Man bestätigte nur das, was ohnenhin nicht zu leugnen war, versuchte aber ansonsten so vage zu bleiben, dass möglichst keine weiterführenden Schlüsse gezogen werden konnten. Vielleicht streute man auch bewusst die eine oder andere Fehlinformation, um bestimmte Wahrheiten dazwischen untergehen zu lassen.

Wenn unser Aaron derjenige welcher war, liegt die Vermutung nahe, dass seine Verlegung nach Macnaghtens Memorandum eine weitere Schutzmaßnahme gewesen sein könnte - denn mit dem neuen Fall und dem Verdächtigen Cutbush begannen die damals an den Ermittlungen beteiligten Untergebenen wahrscheinlich wieder über ihre Zielperson zu reden und zu spekulieren, und man deutete daher an, der Ripper-Verdächtige sei tot, damit das wieder aufhörte.
Und der Irrtum mit Australien entstammt wohl den Gerüchten über den 1892 in Melbourne gehängten Frauenmörder und Ripper-Verdächtigen Deeming. "Down under" und "six feet under" gewissermaßen... Jedenfalls aus und vorbei.

Dass bei jeder weiteren irgendwie ähnlich erscheinenden Tat wieder die Ripper-Gerüchte aufkamen, dürfte für die Eingeweihten bzw. halbwegs Eingeweihten ziemlich nervig gewesen sein: Sie konnten aus Geheimhaltungsgründen dem nicht deutlich entgegentreten und sagen: "Schluss damit jetzt, der war es nicht, wir sind uns ziemlich sicher, wer es war, und der landete bereits völlig irre in einer Anstalt" - sondern durften offiziell nur irgendwie abwimmeln.
So kam es wohl, dass es sich einige Beamte dann Jahre später, als der Fall endlich an Brisanz verloren hatte, nicht verkneifen konnten, privat ein paar Bemerkungen dazu zu veröffentlichen - die nur Halb-Eingeweihten mit ihrem Halbwissen und ihren Vermutungen, die sie daraus zogen, die Eingeweihten noch immer vorsichtig und vage, zum Schutz der Polizei, der übrigen Betroffenen und sich selber. Und durch diesen Wust an Äußerungen dürfen wir uns nun durchwühlen...


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.11.2015 22:14 Uhr
Hey Arthur!

Ich mache es heute mal kürzer (morgen komme ich wahrscheinlich zu nichts) also bitte nicht wundern...

"Cox muss beobachtet haben, noch bevor dieser Verdächtige in eine Anstalt ging."

Aus welchem Grund muss das vorher gewesen sein? Cox berichtete, dass er von Zeit zu Zeit "insane" wurde und in eine Anstalt musste. Die Reihenfolge der Observationen und damit der Aufenthaltsorte unseres Verdächtigen bleiben daher m.E. unsicher - ich würde weiter eher dazu tendieren, dass es erst Butcher's Row mit Sagar und dann die übrigen "several shops" mit Cox waren.

Das einzige, was dann nicht passen würde, ist die Razzia 1890 mit Cox - aber dass diese eine Verbindung zur Ripper-Observation haben könnte, ist ja sowieso nur eine Vermutung.

Sagar= Razzia 1890, nicht Cox. Cox sprach von "nach Kelly", Sagar nicht direkt. Wann genau siehst Du Sagar in der Butchers Row? Cox sprach von fast drei Monaten (ich denke, November 1888- Februar 1889). Angenommen es stimmt mit Macnaghten überein (ca. März 1889), dann ist es möglich, wenn Cox z.B. am 10. Februar seinen Posten verließ, Sagar dabei war, als dieser Mann in eine Anstalt kam, z.B. am 24. März 1889, dann wären in der Zwischenzeit ca. 6 Wochen vergangen. Da kann viel passieren.   

Durch unsere Diskussion bin ich nicht mehr sicher, ob Cox wirklich in einer Schneider- Straße war. Warum sollte er in einer Straße, wo ca. dreißig jüdische Schneider in Werkstätten produzierten, die Nicht-Schneider Juden dazu animieren, ihnen zu helfen, deren Geschäfte mit Minderjährigen zu zerstören? Macht das wirklich Sinn? Ich habe eine andere Möglichkeit gefunden. In der Goulston Street gab es einen Treffpunkt, wo die Master Tailor aus immigrierten Juden ihre Arbeitskräfte zogen. Diese Juden waren verzweifelt auf der Suche nach Arbeit. Der Treffpunkt wurde als "Chazar Mark" bezeichnet. Es könnte genauso gut sein, dass Cox einen Blick in die Goulston Street hatte, auf diesen "Chazar Mark" und den hätte er aus der Wentworth Street werfen können (die Goulston Street gibt sonst nicht mehr her). Cox sagte ja auch, dass er denn Mann in die Leman Street folgte und noch weiter runter bis St. George in the east. Es hätte gereicht, wenn der Verdächtige die Wentworth Street via Goulston Street oder Old Castle Street/Castle Alley verlassen hätte, um in die Leman Street zu gelangen. Außerdem erwähnte Cox ein Model lodging house.

George Yard Building im George Yard oder Wentworth Model Dwelling in der Goulston Street (GSG, Schürzenteil)?

Der George Yard liegt auch an der Wentworth Street und auch via dieser Straße gelangte man recht schnell in die Leman Street. Der George Yard (Tabram) und die Kreuzung Wentworth Street/Brick Lane (Smith) waren auch Opfermäßig mit dieser Ecke verbunden.

Apropos Opfer:

Auch Sergeant Stephen White sprach über ein Opfer und über eine Überwachung eines Mannes. Jene Straße lag "behind Whitechapel Road" und dort waren "men in hiding". Die Wentworth Street lag hinter der Whitechapel Hauptstraße und wenn Cox diese meinte, dann könnte White in seiner Beschreibung versucht haben, Bericht von City Police Detektiven einzuholen, die dort zu Obervierungszwecken waren. Es mag krass klingen aber wenn die City Police "Kosminski" in eine Shop in der Wentworth Street überwachte, dann könnte der Mord in Castle Alley in dieser Zeit stattgefunden haben, nur "Kosminski" wäre dann nicht ihr Mörder gewesen. Vielleicht sprach also Sergeant White von dem Mord an Alice Mackenzie.

Es wäre doch vielleicht die bessere Option gewesen, den Juden in der Wentworth Street zu erzählen, dass man einen Blick auf den "Chazar Mark" in der Goulston Street wirft anstelle das diesen Leuten in einer Straße wie die Greenfield Street zu verkaufen.

Meine Antwort auf eine mögliche Antwort deinerseits, könnte länger als gewohnt dauern.

Allerbeste Grüße,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 16.11.2015 19:45 Uhr
Hallo Lestrade,

ich hatte einiges um die Ohren, und dann passierten auch noch die Anschläge in Paris, daher melde ich mich erst jetzt zurück...


"Sagar= Razzia 1890, nicht Cox."

Sorry, das habe ich dann wohl durcheinander geworfen.


"Durch unsere Diskussion bin ich nicht mehr sicher, ob Cox wirklich in einer Schneider- Straße war. Warum sollte er in einer Straße, wo ca. dreißig jüdische Schneider in Werkstätten produzierten, die Nicht-Schneider Juden dazu animieren, ihnen zu helfen, deren Geschäfte mit Minderjährigen zu zerstören? Macht das wirklich Sinn?"

Das ist eine gute Frage angesichts der Tatsache, dass die Bewohner des Eastends - und insbesondere die Einwanderer - engere Beziehungen untereinander als zu den Behörden hatten. Viele standen ja nicht nur wegen ihrer gemeinsamen Herkunft oder als Nachbarn in einem engen Verhältnis, sondern oft auch als Geschäftspartner oder waren durch Verwandtschaft verbunden. Wieso sollten sie diese angeblichen Fabrik-Inspektoren also freundlich aufnehmen, mit ihnen essen, trinken, reden und ihnen ihre guten Tabakwaren anbieten, wenn diese "ihre" Leute drankriegen wollten?

Cox: "They readily promised to do so, although we knew well that they had no intention of helping us. Every man was as bad as another. Day after day we used to sit and chat with them, drinking their coffee, smoking their excellent cigarettes, and partaking of Kosher rum. Before many weeks had passed we were quite friendly with them, and knew that we could carry out our observations unmolested. I am sure they never once suspected that we were police detectives on the trail of the mysterious murderer; otherwise they would not have discussed the crimes with us as openly as they did."

Ich habe die Äußerungen von Cox bisher so gedeutet: Die Ermittler sind tatsächlich bei den Schneidern selbst aufgeflogen, und haben daher strategisch clever auf bestechlich gemacht. Ungefähr so: "Stimmt, ihr habt uns erwischt, wir beobachten euch. Wir tun das, weil wir illegale Kinderarbeit aufdecken sollen. Passt auf, wir haben einen Vorschlag für euch: Wir erzählen unseren Vorgesetzten nichts von dem, was bei euch abläuft, solange es sich im Rahmen hält, und dafür kommt ihr uns ein bisschen entgegen und macht uns diese Scheißarbeit hier etwas angenehmer. So haben wir alle einen Vorteil davon."
Und so saßen sie dann unter den Einheimischen, ließen sich von ihnen bewirten und konnten weiter den Verdächtigen beobachten.


"Es wäre doch vielleicht die bessere Option gewesen, den Juden in der Wentworth Street zu erzählen, dass man einen Blick auf den "Chazar Mark" in der Goulston Street wirft anstelle das diesen Leuten in einer Straße wie die Greenfield Street zu verkaufen."

Das wäre natürlich auch eine Möglichkeit, denn die Bewohner dort dürften wohl nicht so eng mit den Schneidern aus der Greenfield Street verbandelt gewesen sein, die dorthin kamen, um Arbeitskräfte anzuwerben.
Aber die Darstellung von Cox erweckt in mir den Eindruck einer Art konspirativen Verbrüderung, welche die Beamten vorspielten, so dass es m.E. auch gut die Schneider selbst gewesen sein könnten, wie ich es oben beschrieben habe: Sie haben vermutlich bestechliche Beamte gespielt.   

Was hältst du von meiner These?


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 17.11.2015 10:31 Uhr
Guten Morgen Arthur!

Ja, das ist eine gute Überlegung. So weit habe ich noch gar nicht gedacht. Ich könnte mir das gut vorstellen. Sollte man besser in weitere Überlegungen mit einbeziehen.

Beste Grüße,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 13.04.2016 21:03 Uhr
Hallo Lestrade,

hatte etwas länger Sendepause aus beruflichen Gründen: musste mich in meinen neuen Zuständigkeitsbereich einarbeiten. Daher mein sang- und klangloses vorübergehendes Verschwinden. Aber anders als JTR: Ich komme wieder  ;)

Nachfolgend die aktualisierte Akte zum Verdächtigen Jacob Levy.


MfG, Arthur Dent

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 13.04.2016 21:17 Uhr
Jack the Ripper – Tatverdächtiger Jacob Levy



Jacob Levy wurde 1856 als Sohn des Metzgers Joseph Levy im Londoner Eastend geboren, lebte und arbeitete im Viertel und wurde 1890 aufgrund der Folgen einer fortschreitenden Syphilis-Erkrankung in eine Nervenheilanstalt eingewiesen.

Zu einem Verdächtigen im Fall der Whitechapel-Morde wurde Jacob Levy durch die Recherche zeitgenössischer Ripperologen in den Unterlagen der Nervenheilanstalten in und um London. Sie suchten darin nach jener Person, die in den Texten der hochrangigen Polizeibeamten Chief Constable Mcnaghten, Assistant Commissioner Anderson und Chief Inspector Swanson als der mutmaßliche Ripper erwähnt werden, und dessen Leben in einer Irrenanstalt geendet haben soll. Vier Verdächtige wurden gefunden: Aaron Kosminski, David Cohen, Hyam Hyams und Jacob Levy. Auf Levy treffen zahlreiche Aussagen der Polizisten und Zeugen sowie des modernen Profilings zu. 


Beruf Metzger:

Sowohl im Census als auch im London Business Directory wird als Beruf von Jacob Levy Metzger angegeben.

Für moderne Profiler ist das Töten von Tieren am Anfang der mörderischen Karriere typisch für die Biographie von Serienkillern, ein Metzgerjunge wächst damit auf und kann seine pathologische Veranlagung durch seine Berufswahl zugleich entwickeln, ausleben und kaschieren. 
Angesichts der Art der Verletzungen bei den Opfern gehen Gerichtsmediziner und Polizei damals wie heute davon aus, dass JTR zumindest grundlegende anatomische Kenntnisse besaß und auch bei schlechtem Lichtverhältnissen sicher mit einem Messer umgehen konnte. Kenntnisse über Anatomie und das Zerlegen von Körpern hatten damals vor allem beruflich damit beschäftigte Gruppen wie Chirurgen oder Schlachter - demnach könnte JTR also Metzger gewesen sein. Dies war z.B. die Meinung von Dr. Frederick Gordon Brown, der Catherine Eddowes untersuchte, und auch von Dr. George Bagster Phillips, der Annie Chapman obduzierte.
Die Tatwaffe soll Gerichtsmedizinern zufolge eine lange, schmale, gerade Klinge gehabt haben, wie sie typisch zum professionellen Zerlegen von Körpern ist, z.B. sog. Amputationsmesser von Chirurgen oder ähnliche Metzgerklingen wie z.B. ein Tranchier-Messer.
Der Kehlenschnitt deutet ebenfalls auf einen Metzger hin, der es gewohnt ist, so das Schlachtvieh zu töten. Das Töten geschah schnell und effizient, die Verstümmelungen wurden post mortem zugefügt und von Opfer zu Opfer umfangreicher - womit das Töten vor allem Mittel zum Zweck, das eigentliche Ziel hingegen offenbar das Eröffnen und Ausweiden des Unterleibs der Opfer war. Organentfernungen unter Zeitdruck und bei sehr schlechten Lichtverhältnissen, ohne sich total mit Blut zu versauen, spricht für Erfahrungen im Schlachterhandwerk.
Ein Indiz dafür ist auch, dass der Ripper seine Opfer i.d.R. bis zur Bewusstlosigkeit bzw. zum Kreislaufkollaps würgte, bevor er das Messer ansetzte. Offenbar wusste er aus Erfahrung, dass ansonsten das Blut aus den Arterien kräftig spritzen würde, es so aber relativ langsam aus den Wunden rann. Dies verhinderte, dass er selber allzusehr vollgeblutet wurde und erleichterte die Entnahme der Organe, die ansonsten in ein Meer von Blut getaucht gewesen wären.


Motiv Syphilis:

Irgendwann im Zeitraum von 1884 bis 1886 muss sich Jacob Levy mit Syphilis angesteckt haben, die dann 1891 als Todesursache diagnostiziert wurde - vermutlich hat er sie sich wie viele Männer bei einer Prostituierten eingefangen.
Der Zeitraum ergibt sich zurückgerechnet aus dem statistischen Verlauf der Erkrankung: Da er im August 1890 in die Nervenheilanstalt City of London Asylum at Stone in Kent eingeliefert wurde, wo er ein Jahr später an den Folgen der Syphilis starb, dürfte die Krankheit spätestens im ersten Halbjahr 1890 in ihr letztes Stadium eingetreten sein, wobei Levy aber schon die beiden Jahre zuvor unter den Auswirkungen der Krankheit gelitten haben dürfte.
 
Die Infektion mit Syphilis durch eine Prostituierte wird von modernen Profilern als plausibles Motiv für die Morde von JTR angesehen: Es erklärt die Wahl der Opfer und die Verstümmelungen im Unterleib.
Darüber hinaus führte unbehandelte Syphilis zu einer chronischen Hirnentzündung. Sensitive oder psychische Veränderungen wurden von den Ärzten damals oft beschrieben, so u.a. auch Gewaltausbrüche, eine übermäßige Steigerung der Libido und verschiedene Arten von Wahrnehmungsveränderungen.
Gut möglich, dass der Ripper sich zuerst gar nicht bewusst dafür entschieden hatte, auf Prostituiertenmord zu gehen, sondern dass die erste Tat eine Affekthandlung war, als er zufällig erneut auf eine Prostituierte traf, die ihn an die Überträgerin erinnerte, und seine ganze Wut über die Infektion wieder hochkam. Weil ihm diese erste Tat Befriedigung verschaffte, zog er danach dann regelmäßig los. Somit könnte Martha Tabram sein erstes Opfer gewesen sein, auf die "nur" eingestochen wurde, noch ohne sie auszuweiden (s.u.). 


Auswahl der Opfer:
Es gab weit über 1000 Gelegenheitsprostituierte in Whitechapel, die ohne Schutz durch einen Zuhälter nachts auf den Straßen nach Kunden suchten - und sie waren eine häufige Ansteckungsquelle für Syphilis.

JTR hatte damit nicht nur eine große Auswahl an potentiellen Opfern.Prostituierte vom Straßenstrich sind auch leichte Opfer, weil sie für das Sexgeschäft freiwillig mit fremden Männern an Orte gehen, wo sie mit ihnen allein sind, und dem Mörder damit auch noch unbeabsichtigt helfen, einen geeigneten Tatort zu finden. Eine zeitaufwendige und vor allem riskante Ausspähung und Verfolgung potentieller Opfer ist nicht notwendig, da sie in der Öffentlichkeit auf Freier warten und oft sogar selber auf potentielle Kunden zugehen.


Nähe zu Opfern:

Die Adresse von Jacob Levys Eltern lautete Middlesex Street 111, er selbst war im Jahr der Morde laut London Business Directory von 1888 in der Middlesex Street 36 gemeldet.
Alle kanonischen fünf Opfer von JTR waren verarmte Gelegenheitsprostituierte, die alle in Armenunterkünften in einem kleinen Umkreis nur etwa 300-500 Meter nordöstlich von Levys Adresse übernachteten und in einem fußläufigen Oval um seinen Lebensmittelpunkt herum getötet wurden. Martha Tabrams letzte Adresse war Satchell's Lodging House in der George Street etwa 300 Meter östlich von der der Middlesex Street (s.u.).

Levy ist in der von modernen Profilern ermittelten Comfort Zone von JTRs Aktivitäten aufgewachsen und wohnte auch als Erwachsener noch dort. Er kannte sich also seit Kindertagen bestens in Whitechapel aus, fiel dort nicht auf und wusste sich angemessen zu verhalten.
Sowohl für die zeitgenössischen als auch die modernen Ermittler war JTR mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Einheimischer mit guter Ortskenntnis, was es ihm ermöglichte, sich schnell und unauffällig zu bewegen und die Polizeistreifen zu meiden, um bei seinen Taten und auf der Flucht nicht erwischt zu werden und relativ schnell von der Straße zu verschwinden.
Als einheimischer Metzger hatte Levy nahegelegene Rückzugsmöglichkeiten, die ein Versteck für blutverschmierte Kleidung und Messer boten. Blut an seiner Kleidung und Messer waren wegen seines Berufes alltäglich und erklärbar, nicht schon per se verdächtig. Organe der Opfer konnten unter Metzgerware getarnt werden.
Außerdem gab es in der Middlesex Street den Petticoat Lane Street Market der Schneider, der eine große Auswahl an günstiger Second-Hand-Kleidung zum Wechseln bot - und genau dort will der Zeuge George Hutchinson den Verdächtigen vom Kelly-Mord erneut gesehen haben (s.u.).


Verbindung zu Zeugen:

Im Census der Jahre 1851, 1861 und 1871 ist für eben diese Middlesex Street 36 der Metzger Hyam Levy eingetragen, der dort mit seiner Frau Frances und seiner Familie wohnte, 1881 ist dann seine Witwe Frances als Haushaltsvorstand und Metzger eingetragen. Die beiden sind laut Casebook die Eltern jenes Joseph Hyam Levy , der später als Zeuge zum Mord an Catherine Eddowes vernommen wurde. Joseph Hyam Levy arbeitete 1888 selbst als Metzger kaum 50 Meter von Jacob Levy entfernt in der Hutchinson Street 1, einer Gasse, die in die Middlesex Street mündet.

Mehrere Levys, die sich nicht nur in unmittelbarer Nachbarschaft befanden und der gleichen Branche angehörten, sondern nacheinander auch dieselbe Metzgerei betrieben: Es ist so gut wie sicher, dass sie sich zumindest gekannt haben. Folgt man den Familiendaten des Census, so ein Beitrag im Ripperologist, könnten Jacob und Joseph sogar verwandt gewesen sein - eventuell waren sie Cousins. Machte der Zeuge Joseph bei der Vernehmung zum Mordfall Eddowes deshalb so merkwürdige Andeutungen und den Eindruck, er wisse mehr als er zugeben wollte (s.u.)?


Kriminelle Vorgeschichte:
Am 10. März 1886 wird Jacob Levy laut Eintrag beim Central Criminal Court zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er zusammen mit zwei anderen Männern dem Metzgermeister Hyman Sampson Fleisch gestohlen hatte. Als Sampsons Adresse wird im Polizeibericht Middlesex Street 35 genannt, seine Metzgerei lag zwei Jahrzehnte lang in der Parallelstraße Goulston Street 58.

Eine kriminelle Vorgeschichte ist modernen Profilern zufolge typisch für Serienmörder.
Der Ort des Diebstahls liegt in JTRs Comfort Zone, zwischen den Tatorten des Double Event.
Zudem wurde ein Stück von Eddowes blutverschmiertem Rock in der Tatnacht am Hauseingang des Gebäudes Wentworth Buildings 108-119, Goulston Street, gefunden, unter dem berüchtigten antisemitischen Graffiti (von dem allerdings unklar ist, ob es von JTR stammte).
Falls Jacob Levy der Ripper war, so könnte die Platzierung ein Versuch gewesen sein, die Polizei in die falsche Richtung weiter nach Osten zu lenken - weg von ihm in der Middlesex Street.
Auch Rache an seiner Gemeinde, die sich wegen des Diebstahls von ihm abgewandt hatte, könnte möglich sein, denn laut Superintendent Thomas Arnold wohnten viele Juden dort.


Anzeichen psychischer Instabilität:
Bereits kurz nach seiner Verurteilung begeht Levy im April 1886 einen Selbstmordversuch im Holloway Prison, der jedoch scheitert.
Am 21. Mai 1886 wird er aufgrund des Suizidversuchs und seltsamer Murmeleien für geisteskrank erklärt und in das Essex County Asylum überführt. In den Akten dort wurde festgehalten, er habe gejammert, Irresein sei in seiner Familie erblich, schon sein Bruder habe Selbstmord begangen.
Am 3. Februar 1887 wird Levy dann wieder aus der Anstalt als "geheilt" entlassen.

Offenbar war die Verurteilung so traumatisierend, dass sie zu einem Nervenzusammenbruch führte - vermutlich weil nun sein Ruf in der Gemeinde schwer beschädigt war und die Gefängnisstrafe negative Auswirkungen auf sein Geschäft und seine sozialen Beziehungen hatte.
Diese Entwicklung ist ein deutliches Indiz der beginnenden psychischen Zerrüttung mit der Bereitschaft zu Grenzüberschreitung, kriminellem Verhalten und Gewalt (wenn auch zunächst gegen sich selbst gerichtet).


Möglicher finaler Stressauslöser:
Am 18. Mai 1888 wird Jacob Levys Mutter beerdigt.

Nachdem seine Verurteilung und Einweisung bereits zur Distanzierung seiner Gemeinde geführt haben dürfte, und auch seine Ehe davon und von der Syphilis belastet gewesen sein wird, stirbt nun auch noch eine der wichtigsten Bezugspersonen im Leben eines Menschen.
Für moderne Profiler ist dies ein klassischer Stressauslöser zum Start in eine mörderische Karriere. Ziel der Aggression wird diejenige Gruppe, der der Täter die Verantwortung für sein Schicksal gibt: die Prostituierten von Whitechapel, bei denen er sich mit Syphilis angesteckt hat.


Die Mordserie

Dienstag, 7. August 1888: Martha Tabram im George Yard
Tabram wurde im Treppenhaus des George Yard Buildings 37 vermutlich das erste Opfer von JTR.
Tabram war auf einer Kneipentour mit ihrer Bekannten Mary Ann Connely ("Pearly Poll") und zwei Soldaten. Gegen 0 Uhr trennten sich die Pärchen um Sex zu haben, Connely ging mit dem Corporal zur Angel Alley, und Tabram verschwand mit dem Private in den George Yard.
Gegen 1.40 Uhr stieg das Ehepaar Elizabeth und Joseph Mahoney das Treppenhaus zu ihrem Zimmer hinauf und sah nichts. Auch als Elizabeth Mahoney es kurz darauf wieder durchquerte, um in einem Shop in der Thrawl Street etwas zu Essen zu kaufen, lag Tabram noch nicht da.
Tabram wurde mit einem Stich ins Herz getötet und mit insgesamt 39 Messerstichen in Brust und vor allem Unterleib traktiert. Sie lag auf dem Rücken, ihre Kleider waren hochgeschoben und ihre Beine gespreizt, ebenso wie bei den kanonischen Ripper-Opfern.
Gefunden wurde die Leiche auf dem Absatz des ersten Stocks gegen 4.45 Uhr durch Bewohner John Saunders Reeves, nachdem bereits Bewohner Alfred George Crow gegen 3.30 Uhr Tabram für einen schlafenden Obdachlosen gehalten hatte. Damit muss die Tatzeit zwischen 1.45 Uhr und 3.30 Uhr liegen. Reeves suchte eine Polizeistreife und fand Constable Thomas Barrett auf seiner Runde.

Der Soldat dürfte wohl der Letzte gewesen sein, der Tabram lebend gesehen hat, konnte aber weder von "Pearly Poll" noch von Constable Barrett bei Gegenüberstellungen identifiziert werden, obwohl letzterer auf seiner Streife durch die Wentworth Street gegen 2 Uhr einen Private der Grenadier Guard am Nordende des George Yard stehen sah und ihn ansprach. Der Private sagte dem Polizisten, er warte auf einen Kameraden, der mit einem Mädchen unterwegs sei, darauf ging Barrett weiter seine Streife, bis er drei Stunden später von Reeves zum Tatort gerufen wurde.
Der unbekannte Soldat könnte also den Mord verübt haben, dennoch war er aber wahrscheinlich nicht der Täter: Rund zwei Stunden für Sex mit einer älteren, unattraktiven Prostituierten an einem öffentlich zugänglichen Ort erscheint doch ein ziemlich langer Zeitraum. Wenn sie so lange im Treppenhaus von Nr. 37 gewesen wären, wäre wohl auch das Ehepaar Mahoney oder ein anderer Bewohner auf beide gestoßen.
Zudem hätte ein blutbefleckter Mörder wohl kaum in unmittelbarer Nähe des Tatorts auf seinen Kameraden gewartet und so entspannt auf Polizist Barrett reagiert. Barrett jedenfalls kam nichts an ihm und seinem Verhalten verdächtig vor. Wahrscheinlicher ist, dass sich Tabram nach 1.45 Uhr noch mit einen anderen Mann - eben dem Ripper - in den George Yard zurückgezogen hat.

Erkenntnissen der modernen Kriminologie zufolge stammt das erste Opfer eines Serientäters oft aus seinem näheren räumlichen Umfeld. Tabrams letzte bekannte Adresse war Satchell's Lodging House in der George Street, und die Kneipentour endete vor den George Yard Buildings.
Levys Heim in der Middlesex Street 36 liegt nur rund 300 Meter oder etwa 3-4 Minuten Fußweg von beiden Orten entfernt.
Der Profiler William Eckert: "Nachdem der erste Mord geschehen war, in dessen Nähe der Mörder wahrscheinlich lebte, zog er weiter." In diesem Fall in die Buck's Row.


Freitag, 31. August 1888: Marie Ann Nichols in der Buck's Row
Nichols übernachtete zuletzt im White House Nachtasyl in der Flower and Dean Street 56.
Gegen 2.30 Uhr wurde Nichols zuletzt lebend gesehen von ihrer Bekannten Emily Holland an der Ecke Osborn Street / Whitechapel High Street, fast einen Kilometer vom Tatort entfernt, bevor sie betrunken auf der Whitechapel Road weiter Richtung Osten wankte.
Bis ca. 3.20 Uhr kamen nacheinander die Polizisten Neil, Thain und Kirby auf ihren Runden durch die Buck's Row, ohne etwas Verdächtiges zu sehen.
Gegen 3.45 Uhr fanden dann Charles Andrew Cross und Robert Paul auf ihrem Weg zur Arbeit die Leiche von Nichols vor einem verschlossenen Tor (vermutlich hatte der Täter vergeblich versucht, mit ihr in den Hof zu gelangen). Die Tatzeit muss also zwischen 3.20 Uhr und 3.45 Uhr betragen.

Cross war als erster und allein am Tatort, bis Paul kurz darauf dazustieß. Somit könnte Cross der Täter gewesen sein, zumal alle Tatorte JTRs auf den Wegen zwischen seiner Adresse in der Doveton Street 22, seiner Arbeit als Fleisch-Auslieferer in der Broad Street und dem Wohnort seiner Mutter in der Nähe der Berner Street lagen.
Allerdings hätte Cross, als er die Schritte von Paul hörte, einfach nach Westen verschwinden können, ohne erkannt zu werden, statt auf ihn zu warten: Es sind rund 100 Meter vom östlichen Ende der Buck's Row bis zum Tatort und es war noch dunkel. Bis zu den Querstraßen im Westen als Fluchtwege sind es nur wenige Meter. Stattdessen wartete er auf Paul, wies ihn erst auf den am Straßenrand liegenden Körper hin und ging mit Paul einen Polizisten suchen. Auch wäre wohl aufgefallen, wenn er als erster am Nichols-Tatort auch an den Morgen der Morde von Annie Chapman und Mary Jane Kelly zu spät zur Arbeit gekommen wäre, denn seine Job begann bereits um vier Uhr - jene Tatzeiträume liegen jedoch deutlich später (s.u.).
Außerdem war er nicht nur vor den Morden ein unbescholtener Mann, der 20 Jahre lang zuverlässig denselben Job innehatte, er lebte auch noch mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Serie als freier und gesunder Bürger weiter, ohne irgendwie einschlägig aufzufallen. Daher war Cross wohl eher nicht der Ripper.

Was Jacob Levy betrifft: Der Tatort ist zwar rund 1300 bis 1400 Meter und damit etwa 16-18 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.
Aber Nichols übernachtete im White House Nachtasyl in der Flower and Dean Street 56, und trieb sich bis 2.30 Uhr in der Umgebung der Hauptverkehrsader Whitechapel High Street herum, beides nur rund 300 Meter von Levys Adresse entfernt.
Es ist kriminologisch plausibel, dass JTR auf seiner Jagd auch das anonyme Gewimmel der Hauptverkehrsadern Whitechapel Street und Commercial Street nutzte und beobachtete, ob ein potentielles Opfer in ruhigere Nebenstraßen abbog, um ihr dahin zu folgen. Zudem erscheint es vernünftig, diesmal nicht allzu nah beim eigenen Heim zuzuschlagen.

Vielleicht war JTR auch gar nicht auf seine eigenen vier Wände als sichere Zuflucht nach den Taten eingeschränkt, sondern konnte an verschiedenen Orten unauffällig von der Straße verschwinden - Detective Inspector Henry Cox von der City Police schrieb über den observierten Verdächtigen im Ripper-Fall: "He occupied several shops in the East End".
Möglicherweise konnte JTR die Straßen schnell verlassen, indem er nach der Tat in Shops von Verwandten oder Freunden verschwand.
Im Fall von Jacob Levy und der Buck's Row könnte dies der Zigarrenhändler John Levy gewesen sein, der in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop hatte, und neben dessen Shop nach dem Double Event ein blutiges Messer gefunden wurde (s.u.). Die Adresse des Shops in der Whitechapel Road 254 ist in Höhe des London Hospital, nur etwa 100 bis 200 Meter oder 1-2 Minuten vom Tatort entfernt.
War Levy der Ripper, hätte er also auf dem Weg zum oder vom Cigar Shop auf Nichols treffen und sich nach der Tat dort verstecken können. 

Interessant an der Metzger-Theorie ist zudem, dass sich in der Nähe von mindestens drei Tatorten Schlachthäuser befanden: Zwei Harrison, Barber & Co Slaughterhouses, eines in der Winthrop Street, Parallelstraße zum Tatort Buck´s Row, und im Barber´s Yard nahe Tatort Hanbury Street, sowie ein Schlachthaus in der Harrow Alley, Eingang von der Butcher's Row, Nahe Tatort Mitre Square. Da in diesen auch über Nacht gearbeitet wurde, hätte ein Metzger dort als Einkäufer für sein Geschäft auftreten oder als Schlachter arbeiten können. Das Tragen seiner Arbeitsgeräte und blutverschmierter Arbeitskleidung wäre dort nicht per se verdächtig.


Samstag, 8. September 1888: Annie Chapman in der Hanbury Street
Chapman verbrachte ihre letzten Nächte in der Crossingham's-Unterkunft in der Dorset Street 35.
Gegen 1.50 Uhr verließ sie das Asyl Richtung Norden in die Brushfield Street.
Gegen 5.30 Uhr am frühen Morgen wurde Chapman zum letzten Mal lebend gesehen, und zwar von der Zeugin Elizabeth Long. Unmittelbar vor dem Tatort in der Hanbury Street 29 soll sie laut Longs Aussage mit einem Freier gesprochen haben: "Willst du?" - "Ja."
Long beschreibt den Verdächtigen wie folgt: Knapp 40 Jahre alt, etwas größer als Chapman, dunkler Mantel und tief ins Gesicht gezogener dunkler Hut, fremdländisches Aussehen.
Etwa zur selben Zeit geht Albert Cadosch aus dem Nachbarhaus Nr. 27 in seinen Hinterhof zur Toilette, als er danach ins Haus zurück will, hört er vom Hof nebenan zunächst ein leises "No" und wenige Minuten später bei seinem Aufbruch zur Arbeit etwas gegen den Zaun stoßen.
Gegen 6 Uhr wurde Chapmans Leiche im Hinterhof vom Bewohner John Davies entdeckt.
Die Tatzeit liegt also zwischen 5.30 Uhr und 6 Uhr, und die Zeugin Long hat damit wohl den Ripper bei Chapman gesehen.

Da die Tatzeit bereits nahe der beginnenden Morgendämmerung und dem wieder einsetzenden "Berufsverkehr" in den Straßen liegt, hatte JTR nicht viel Zeit, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden, bevor es richtig hell wurde.
Der Tatort ist rund 700 Meter oder etwa 8-9 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.

Interessant ist auch ein bekannt gewordener Zwischenfall im Prince Albert Pub an der Ecke Brushfield Street / Steward Street, etwa 200 Meter südwestlich vom Tatort:
Am frühen Morgen tauchte laut Aussagen der Inhaberin Mrs. Fiddymont ein Mann auf, dessen Erscheinung Mrs. Fiddymont und ihrer Freundin Mary Chappell Angst machte: Er trug einen dunklen Mantel, hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, sein Hemd war gerissen und er hatte offenbar Blutflecken auf seinem rechten Handrücken. Als er bemerkte, dass er kritisch beäugt wurde, drehte er sich weg, trank sein Bier in einem Zug aus und verließ den Pub sofort wieder. Mary Chappell folgte dem Mann in die Brushfield Street, stellte fest, dass er Richtung Westen ging und wies den Passanten Joseph Taylor auf den Mann hin.
Die drei wurden später von der Polizei zu zwei Gegenüberstellungen geladen, aber unter den vorgeführten Verdächtigen erkannten sie den Mann nicht wieder.
Bemerkenswert daran ist, dass nahe der Brushfield Street die Sandy Row geradewegs zur Middlesex Street hinunter führt.


24. September 1888: Der erste Bekennerbrief
Durch die Grausamkeit der Morde und die Sensationsberichterstattung der Zeitungen nahm die öffentliche Aufmerksamkeit sprunghaft zu und Hysterie breitete sich in Teilen der Bevölkerung aus.  In der Folge davon erreichten Dutzende angebliche Bekennerbriefe die Polizei und die Presse.
Der erste davon war an Polizeichef Sir Charles Warren selbst adressiert, seine Existenz wurde damals geheim gehalten. Er lautete:
"Dear Sir,
ich würde gerne aufgeben, ich befinde mich in einem Albtraum. Ich bin der Mann, der alle diese Morde in den letzten sechs Monaten begangen hat. Mein Name ist (mit der Zeichnung eines Sargs unkenntlich gemacht). Ich bin ein Schlachter und arbeite bei (mit zwei Balken unkenntlich gemacht). I have found the woman I would that is Chapman and I done what I called slautered her (?). Aber wenn jemand kommt, werde ich aufgeben. Aber ich werde nicht von selbst zur (Polizei-)Station gehen. Hochachtungsvoll (mit der Zeichnung eines Sargs unkenntlich gemacht)."
Rückseite:
"Haltet das Viertel sauber, oder ich werde ihm einen Besuch abstatten. (Zeichnung eines Messers) Dies ist das Messer, mit dem ich die Morde begangen habe. Es hat einen schmalen Griff mit einer langen Klinge, beide Seiten scharf."

Die meisten Bekennerbriefe wurden von der Polizei schon damals als geschmacklose Scherze von Trittbrettfahrern abgetan, nur wenige wurden ernst genommen. Selbst die berühmt gewordenen Briefe, in denen der Mörder sich angeblich den Namen "Jack the Ripper" gab (der "Dear Boss"-Brief und die "Saucy Jacky"-Postkarte) werden inzwischen für Fakes gehalten und sollen aus der Feder ebenjenes Sensationsreporters Thomas Bulling von der Central News Agency stammen, welche die Briefe der Polizei übergab.
Jener erste Brief aber erscheint bemerkenswert: Erstens bezeichnet sich der Autor selbst als Schlachter. Zweitens ist er nicht verhöhnend, sondern scheint der Hilferuf eines kranken Menschen zu sein, der in einer tiefen inneren Zerrissenheit gefangen ist - so wie der Zustand Jacob Levys bei der Einlieferung ins Irrenhaus von seiner Frau beschrieben wurde (s.u.).
Der Satz mit Chapman ist aufgrund seiner Formulierungen und der fehlenden Satzzeichen verwirrend, aber "and I done what I called" könnte bedeuten: "und ich habe getan, was mir befohlen wurde" - was ein Hinweis auf die befehlenden Stimmen sein könnte, die ein Wahnkranker oft hört, und von denen Levys Frau sprach.


Sonntag, 30. September 1888: Nacht des Double Event
Mord an Elizabeth Stride in der Berner Street 40/42, etwa 45 Minuten später an Catherine Eddowes auf dem Mitre Square.

Stride
übernachtete bis zu ihrem Tod im Armenasyl in der Flower and Dean Street.
Zwischen 0.35 und 0.45 Uhr sahen mehrere Zeugen (Polizist William Smith, Anwohner James Brown, Zeuge Israel Schwartz) Stride mit einem Mann in der Nähe des Berner Street Clubs. Beschrieben wird er übereinstimmend als knapp 1,70 groß, etwa 30 Jahre alt, heller Teint, Schnauzbart, dunkler Mantel und Schirmmütze. Polizist Smith bemerkte zudem ein Päckchen in seiner Hand.
Der aus Norden von der Commercial Road vorbeikommende Israel Schwartz will sogar eine Auseinandersetzung wahrgenommen haben, weswegen er schnell weitergegangen sei, sagte er später der Polizei. Der Mann habe die Frau am Tor zum Dutfields Yard zu Boden geworfen, die Frau habe kurz aufgeschrien. Als er zurückgeblickt habe, sei gerade ein anderer Mann mit einer Pfeife aus dem nahen "Nelson"-Pub gekommen und es habe eine kurze verbale Auseinandersetzung mit dem Verdächtigen gegeben, bis der Verdächtige "Lipski" gerufen habe. Da sei der andere auf Schwartz zugegangen und Schwartz sei aus Angst weggelaufen.
Gegen 1 Uhr dann wurde Strides Leiche vom Verwalter des Clubs, Louis Diemschütz, im Torweg des Dutfield Yard neben dem Club gefunden. Im Gegensatz zu den anderen Opfern wurde ihr nur die Kehle durchgeschnitten, aber offenbar wegen der Störung durch die Zeugen keine Verstümmelungen des Unterleibs mehr vorgenommen.

Als plausibelste Interpretation dieser Szene scheinen Schwartz und der Mann mit der Pfeife mitten in den Angriff des Rippers hineingeplatzt zu sein. Weil Schwartz schon auf der Flucht war, als der Pfeifenraucher auf die Straße kam, tat der Mörder offenbar so, als sei er ein unschuldiger Helfer und konnte den anderen Mann mit dem Ausruf "Lipski" davon überzeugen, dass der nach Süden flüchtende Schwartz der Angreifer gewesen sei, so dass "Pipeman" die Verfolgung von Schwartz aufnahm (leider konnte "Pipeman" nie identifiziert werden).
Lipski war ein Jude aus dem Viertel, der 1887 wegen Mordes verurteilt worden war - und sein Name war in antisemitischen Kreisen zum Schimpfwort gegen Juden im allgemeinen und zum Synonym für Mörder im speziellen geworden.
Indem der Mörder den einen Zeugen so auf den anderen hetzte, konnte er vom Tatort (vermutlich über die Gasse zur Batty Street, wo später blutige Wäsche gefunden wurde) schließlich nach Norden in die Commercial Road fliehen. Er wollte angesichts der Beinahe-Entlarvung mit ziemlicher Sicherheit zu seinem Versteck zurück - und in der Richtung, die er einschlug, liegt die Middlesex Street.
Da JTR aber sein eigentliches Ziel - die Verstümmelung - bei Stride nicht mehr umsetzen konnte, suchte er, als er sich wieder sicher fühlte, schließlich ein weiteres Opfer.


Eddowes
und ihr Mann John Kelly lebten überwiegend im Armenhaus "Cooney's" in der Flower und Dean Street 55.
Gegen 1 Uhr wurde Eddowes aus der Ausnüchterungszelle der Polizeistation Bishopsgate Street entlassen und ging Richtung Süden, höchstwahrscheinlich die Houndsditch entlang zurück zur Aldgate High Street, wo sie den frühen Abend verbracht hatte.
Gegen 1.30 Uhr checkte Constable Edward Watkins auf Streife den Mitre Square, ohne etwas  Verdächtiges festzustellen.
Etwa um diese Zeit verließen Joseph Lawende, Harry Harris und Joseph Hyam Levy den Imperial Club, Duke Street, schräg gegenüber der Church Passage zum Mitre Square, und sahen einen Mann und eine Frau am Eingang der Passage in einem leisen Gespräch.
Der Zeuge Lawende beschrieb den Mann wie folgt: Etwa 30 Jahre alt, knapp 1,70 Meter groß, blasser Teint, heller Schnauzbart, durchschnittlicher Körperbau, graue Jacke, graue Stoffkappe und rötliches Halstuch, sah wie ein Seemann aus (wobei aber Seemänner selten "blassen Teint" haben).
Gegen 1.38 Uhr ging Constable James Harvey durch die Church Passage und schaute in den dunklen Mitre Square, sah jedoch nichts und kehrte auf seine Runde zurück.
Gegen 1.45 Uhr kam Constable Edward Watkins von der anderen Seite (Mitre Street) wieder durch den Hauptzugang in den Mitre Square und entdeckte beim Herumleuchten mit seiner Lampe die tote Eddowes in der dunkelsten Ecke liegen, vor dem Tor zu einem kleinen Hof (vermutlich hatte der Ripper gehofft, das Tor wäre offen).
Laut Inspector Robert Sagar von der City Police soll ein Polizist kurz zuvor gesehen haben, wie ein Mann aus der Mitre Street in östliche Richtung verschwand. Aufgrund der Sichtung dieses Mannes liefen anschließend Polizisten durch Gravel Lane und Stoney Lane, um Hinweise auf den Fluchtweg des Mörders zu finden - dieser Weg führt in die Middlesex Street und weiter in die Goulston Street.
Einer davon war Detective Constable Daniel Halse, der mit zwei Kollegen gegen 1.55 Uhr an der Ecke Houndsditch bei St. Botolph's Church stand und aufgrund der Alarmierung in den Mitre Square kam. Nachdem Halse Instruktionen zur Befragung der Anwohner gegeben hatte, eilte er zuerst in die Middlesex Street und, weil er dort niemanden sah, weiter in die Wentworth Street, wo er zwei Passanten überprüfte. Gegen 2.20 Uhr checkte er die Goulston Street, um nach vergeblicher Suche zum Mitre Square zurückzukehren.
Gegen 2.55 Uhr fand Constable Alfred Long auf seiner Runde ein Stück der blutigen Schürze von Eddowes im Hauseingang der Wentworth Dwellings 108-119, Goulston Street. Darüber an der Wand stand mit Kreide der Satz: "Die Juden sind die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden." Long zufolge soll die Schürze auf seiner vorherigen Runde gegen 2.25 Uhr noch nicht dort gelegen haben. Ob das antisemitische Graffiti zuvor schon da gewesen war, wusste er nicht.

War Levy der Ripper, wäre er nach der unterbrochenen Tat an Stride in Richtung der Middlesex Street geflüchtet, um schnell von der Straße verschwinden zu können, dann aber mit oder ohne einen Zwischenstopp zuhause weiter Richtung Westen gezogen, wo er in der Houndsditch oder Duke Street den Weg von Eddowes kreuzte.
Er hätte auch nach dem Mord an Eddowes zuhause einen Zwischenstopp einlegen können, um Blut, Messer, Gebärmutter und Niere loszuwerden und sich umzuziehen, bevor er die Schürze platzieren ging, um eine falsche Spur zu legen.
Die Berner Street ist rund 700 Meter oder etwa 8-9 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.
Die Strecke zwischen Berner Street und Mitre Square beträgt rund 1000 Meter oder etwa 12-15 Minuten Fußweg.
Die Strecke zwischen Mitre Square und Middlesex Street 36 beträgt rund 300 Meter oder etwa 3-4 Minuten Fußweg.

Die Strecke vom Mitre Square zur Goulston Street beträgt nur rund 500 Meter oder 6-7 Minuten. Entweder haben die Polizisten Halse und Long die Schürze gegen 2.25 Uhr übersehen, oder JTR hat sich zeitweise in einer Zuflucht versteckt, bevor er sie ablegte. Ein Umweg von rund einer dreiviertel Stunde durch die Straßen voller alarmierter Polizisten ist eher unwahrscheinlich - daher dürfte die Rückzugsmöglichkeit des Rippers in unmittelbarer Nähe gewesen sein. Die Ablage der Schürze könnte dann für ein Ablenkungsmanöver sprechen, das die Ermittler auf eine falsche Fährte locken sollte Richtung Osten, weg von der Umgebung Mitre Square und seiner Zuflucht.
Wenn Levy der Ripper war, hätte er damit aufgrund der Erkenntnis, zu nah an seinem Zuhause zugeschlagen zu haben, bewusst die Spur vom Grenzgebiet der City Police, wo er wohnte, weiter nach Osten in das Territorium der Metro Police gelenkt.
Oder vielleicht konnte er auf seiner Flucht auch einfach nicht auf direktem Weg sein Heim in der Middlesex Street 36 erreichen, weil gerade jemand in der Straße unterwegs war, so dass er einen Bogen schlagen musste, um sein Heim unbeobachtet von hinten zu erreichen.
Die Strecke zwischen den Parallelstraßen Goulston Street und Middlesex Street beträgt außen herum nur rund 200 Meter oder etwa 2-3 Minuten Fußweg - wenn es eine Möglichkeit gab, über die Hinterhöfe zur anderen Seite zu kommen, sogar ohne gesehen zu werden.

Zwei weitere interessante Möglichkeiten, wenn Levy der Ripper war:
Jacobs Bruder Isaac Levy lebte zur Zeit der Morde in der Goulston Street: Laut Census von 1891 wohnte Isaac Levy im Model Dwellings 130, und die Geburt seiner Tochter 1888 ist unter derselben Adresse angegeben - dies ist nur einen Häuserblock vom Schürzenfund entfernt.
Zuletzt schließlich bleibt noch die Alternative, dass Jacob weiter zum Cigar Shop von John Levy in die Whitechapel Road 254 flüchtete, um sich dort zu verstecken - direkt nebenan vor Nr. 253 wurde am Tag darauf von Thomas Coram ein blutiges Messer gefunden (s.u.).

Bemerkenswert ist, dass es am Tatort im Mitre Square sehr dunkel war: Die Streifenpolizisten mussten ihre Lampen verwenden, um in den Ecken überhaupt etwas erkennen zu können. JTR hatte nur etwa 10 Minuten für die Verstümmelungen, die noch umfangreicher als bei den vorherigen Opfern waren. Insbesondere die Entfernung von Gebärmutter und Niere in der Dunkelheit zeugen davon, dass der Ripper offenbar Übung darin hatte, einen Körper schnell mit einem Messer zu zerlegen. Auch dies deutet auf einen Metzger hin, eine Ansicht, die u.a. Dr Frederick Gordon Brown vertrat, der Eddowes Leiche untersuchte.

Merkwürdigerweise taucht in den Berichten über die Coroner-Untersuchung zu Strides Tod der wichtige Zeuge Israel Schwartz gar nicht auf.
Und bei der Coroner-Untersuchung zu Eddowes Tod wurde dem Zeugen Joseph Lawende verboten, den Verdächtigen vor dem Publikum genauer zu beschreiben - offenbar aus ermittlungstaktischen Gründen.
Dies deutet darauf hin, dass die Polizei glaubte, eine heiße Spur zu haben.
Zumal Lawendes Begleiter Joseph Hyam Levy bei der polizeilichen Vernehmung den Eindruck gemacht hatte, mehr zu wissen, als er zugeben wollte. So soll er beim Anblick von Eddowes und dem Mann zu seinen beiden Begleitern gesagt haben, wenn er solche Charaktere sehe, wolle er nicht alleine nach Hause gehen, und man solle den Hof beobachten (!). Als er beim Verhör gefragt wurde, ob er denn Angst gehabt habe, antwortete er kryptisch: nicht wirklich um sich.
Frage: "What was there terrible in their appearance?" - Antwort: "I did not say that." - Frage: "Your fear was rather about yourself?"- Antwort: "Not exactly." (!)


1. Oktober 1888: Messer-Fund in der Whitechapel Road
In der Nacht nach dem Double Event fand Thomas Coram gegen 0.30 Uhr vor der Whitechapel Road 253 ein in ein Taschentuch eingewickeltes blutiges Messer, das er der Polizei übergab - jedoch konnten die obduzierenden Ärzte nicht bestätigen, ob dies die Waffe des Rippers war.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber: In den 1880er Jahren hatte John Levy in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop. Er war laut Census der Bruder von Fanny Levy von den Levys aus der Mitre Street 29, und sie waren Ripperologen zufolge wahrscheinlich Cousins des Zeugen Joseph Hyam Levy - somit war vermutlich auch Jacob Levy mit diesen Levys verwandt.

John und Fannys Eltern, Ann und Barnett Levy, lebten in den 1850ern in Mitre Street 29 ("Orange Market" am Mitre Square), sie waren Zigarren- und Orangenhändler und hatten vier Kinder - John, Samuel, Lewis und Fanny. Um 1888 wohnte nur noch Fanny dort.
Samuel lebte erst in den Häusern Mitre Street 17 und 23 und zog danach neben Joseph Hyam Levys Vater, Hyam Levy, in die Middlesex Street 39 (!). 1888 kehrte Samuel dann als Orangenverkäufer wieder in die Mitre Street zurück, diesmal in die Nummer 20.
Und Lewis Levy lebte in den 1860ern in Mitre Square 8 - dahinter fand man die Leiche von Catherine Eddowes.

Kurz: War Jacob Levy der Ripper, hätte er nach dem Double Event weiter in den Cigar Shop flüchten können, um sich dort relativ weit von den Tatorten weg zu verstecken, und könnte das blutige Messer davor weggeworfen haben.


Polizei-Razzia bei Metzgern im Oktober:
Die Polizei führte in den folgenden Wochen (3.-18. Oktober) in der Umgebung des Mitre Square
Haus-zu-Haus-Befragungen durch. Der stellvertretende Polizeipräsident Robert Anderson schrieb, dass man alle Männer des Viertels überprüft habe, die den Zeugenaussagen entsprachen und sich blutbefleckter Kleidung entledigen konnten.
Die Polizei durchsuchte auch 76 Metzgereien und Schlachtereien im Viertel und überprüfte alle Personen, die in den letzten sechs Monaten dort beschäftigt waren, verschiedene Verdächtige wurden unter Beobachtung gestellt.

Interessanterweise folgte nach dem Double Event die längste Pause zwischen den Ripper-Morden von fast sechs Wochen. Ursache dafür könnte der Ermittlungsdruck durch die Behörden gewesen sein, was für die Annahme spricht, dass die Polizei mit der Untersuchung des Metzger-Milieus rund um Aldgate High Street dem Ripper näher kam, so dass er vorerst pausieren musste, bis die polizeilichen Aktivitäten in seinem Umfeld wieder zurückgingen.
 

Freitag, 9. November 1888: Mord an Mary Jane Kelly im Miller's Court
In ihrer letzten Nacht verließ Mary Jane Kelly mehrmals ihr Zimmer im Miller's Court, Dorset Street 26, und kehrte mit verschiedenen Freiern wieder dorthin zurück, nachdem sie den frühen Abend mit ihrem Exfreund Joseph Barnett verbracht hatte.
Gegen 23.45 Uhr sah ihre Nachbarin Mary Ann Cox, wie Kelly mit einem Kunden auf ihr Zimmer ging. Zwischen 0.30 Uhr und 1 Uhr hörten Cox und Nachbarin Catherine Picket sie singen.
Ihre Nachbarin Elisabeth Prater kehrte gegen ein Uhr zurück, wartete erst 20 Minuten vor dem Eingang zum Court auf ihren Freund und ging, als er nicht kam, noch für zehn Minuten in McCarthys Laden nebenan. Gegen 1.30 Uhr stieg sie die Treppen zu ihrem Zimmer direkt über Kellys hinauf, ohne dort Licht zu sehen oder etwas zu hören, und ging zu Bett.
Der Zeuge George Hutchinson, ein Bewohner des Victoria Home in der Commercial Street, ging am 12. November zur Polizei und sagte aus, dass er seine Bekannte Mary Jane Kelly am 9. November gegen 2 Uhr in der Commercial Street getroffen habe.
Kurz darauf sei sie mit einem Kunden an ihm vorbei zurück auf ihr Zimmer gegangen. Weil der Mann sein Gesicht vor ihm habe verbergen wollen, sei er beiden gefolgt und habe rund eine dreiviertel Stunde den Hof beobachtet, jedoch ohne etwas Verdächtiges wahrzunehmen. Gegen 3 Uhr sei er schließlich gegangen.
Hutchinson beschrieb den Mann als etwa Mitte 30, knapp 1,70 Meter groß, blasser Teint, dunkle Augen und Haare, dünner gezwirbelter Schnurrbart, jüdisches Erscheinungsbild, mürrisches Aussehen, dunkler Mantel, dunkler Hut, kleines Päckchen in seiner Hand.
Sarah Lewis, die gegen 2.30 Uhr zu ihrer Bekannten Mrs. Keyler im Miller's Court ging, um dort zu übernachten, sah gegenüber dem Hofeingang einen Mann stehen - dabei handelte es sich vermutlich um Hutchinson.
Zwischen 3.15 Uhr und 3.45 Uhr hörten sowohl Lewis wie auch Elizabeth Prater einen leisen, unterdrückten Schrei vom Hof her: "Mord!"
Gegen 6.15 Uhr hörte Nachbarin Marie Ann Cox Schritte im Hof.
Gegen 7.30 Uhr klopfte Nachbarin Catherine Picket an Kellys Tür, um sich einen Schal zu leihen, aber nichts regte sich.
Gegen 10.45 Uhr wurde Kellys Leiche von Hausverwalter Thomas Bowyer entdeckt, der die Miete eintreiben sollte.

Theoretisch könnte Hutchinson der Täter gewesen sein, der nach dem Verschwinden des Kunden gegen 3 Uhr selbst zu Kelly ging - nur: warum hätte er dann bei der Polizei auftauchen und sich mit dem Geständnis seines "Stalkings" verdächtig machen sollen? Inspektor Abberline hielt ihn für glaubwürdig.
Plausibel wäre aber, dass der von Hutchinson beschriebene Kunde nach 3 Uhr ging - und dass erst der nächste Besucher Kellys der Ripper war. Dann wäre Hutchinsons Beschreibung unbrauchbar.
Bemerkenswert ist jedoch, dass Hutchinson aussagte, er glaube denselben Mann später noch einmal gesehen zu haben, und zwar am 11. November in der Petticoat Lane / Middlesex Street - wo Levy wohnte und es den Straßenmarkt mit günstiger Second-Hand-Kleidung gab.
Wenn JTR die Person war, die von Cox gegen 6.15 Uhr im Hof bemerkt wurde, muss er beim Verlassen des Tatorts unter Zeitdruck gestanden haben, weil es langsam hell wurde.
Falls Levy der Ripper war: Der Tatort in der Dorset Street 26 ist rund 500 Meter oder nur etwa 5-6 Minuten Fußweg von der Middlesex Street 36 entfernt.

Merkwürdig war nach den Coroner-Untersuchungen zum Double-Event auch die Anhörung im Fall Kelly: Sie wurde im Distrikt Shoreditch vom dort zuständigen Richter vorgenommen und nicht in Whitechapel, mit der seltsamen Begründung, zuständig sei der Ort der Aufbahrung, nicht der Tatort. Sie wurde bereits am 12. November eröffnet, mit sich nicht zuständig fühlenden Geschworenen, in hohem Tempo durchgepeitscht und schon am selben Tag wieder abgeschlossen. Richter Roderick Macdonald sagte: "Wenn die Geschworenen allein zu der Todesursache zu einem Ergebnis kommen, so ist das alles, was sie zu tun haben."
Zeugen oder Beweismittel zur Strafverfolgung sollten nicht weiter öffentlich thematisiert werden - wahrscheinlich aus ermittlungstaktischen Gründen, weil man einen Tatverdächtigen nicht warnen wollte, während er unter Beobachtung stand, um ihn auf frischer Tat stellen zu können.
In H. L. Adam's Serie "The People on Scotland Yard and its Secrets" von 1912 zitiert der Autor  Assistant Commissioner Anderson: "Sir Robert Anderson has assured the writer that the assassin was well known to the police, but unfortunately, in the absence of sufficient legal evidence to justify an arrest, they were unable to take him. It was a case of moral versus legal proof. The only chance the police had, apparently, was to take the miscreant red-handed…"


"Butcher's Row Suspect"
Nach dem Kelly-Mord begann die City Police damit, mehrere Monate lang einen Tatverdächtigen bei der Butcher's Row zu observieren.

Butcher's Row war kein offizieller Straßenname, so wurde wegen der vielen Metzger und der dahinter liegenden Schlachterei jener Abschnitt der High Aldgate Street genannt, der an der Einmündung der Middlesex Street liegt, wo Jakob Levy wohnte (sie stellt die Grenze zwischen City of London und Whitechapel sowie zwischen den beiden Polizei-Distrikten dar).

In einem Zeitungsinterview (City Press, 7. January 1905) sagte Robert Sagar von der City Police, dass man nach dem Kelly-Mord einen Mann unter Beobachtung gestellt habe, der in der Butcher's Row arbeite und von dem man annehme, dass er der Ripper sei, und dass dieser Mann letztendlich von seinen Leuten in ein Irrenhaus eingeliefert worden sei.
Auch Detective Inspector Henry Cox (City Police) wurde ein Jahr später in einem Zeitungsartikel (Thomson’s Weekly News, 1. December 1906) zu den Observationen zitiert, ohne jedoch den genauen Ort zu nennen. Cox: "The man we suspected was about five feet six inches in height, with short, black, curly hair, and he had a habit of taking late walks abroad. He occupied several shops in the East End, but from time to time he became insane, and was forced to spend a portion of his time in an asylum in Surrey. (...) While the Whitechapel murders were being perpetrated his place of business was in a certain street, and after the last murder I was on duty in this street for nearly three months."
Cox erzählte auch, er habe den Verdächtigen nachts auf einem Streifzug verfolgt: Nachdem dieser sein Haus verlassen habe, sei er um die Ecke gebogen und die Leman Street in Richtung St. Georges hinab gegangen - die Straße verläuft nur etwa 100 Meter östlich von der Einmündung der Middlesex Street in die Butcher's Row nach Süden (!).
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was Detective Inspector Cox zur Überwachung des Tatverdächtigen sagte. Zur Verschleierung der Observation, die der jüdischen Gemeinde nicht verborgen blieb, behaupteten die Polizisten, die Schneider auf Beschäftigung von Minderjährigen zu überwachen: "We told them we were factory inspectors looking for tailors and capmakers who employed boys and girls under age." Dies lässt ein Observationsteam in unmittelbarer Nähe zur Bekleidungsindustrie in der Petticoat Lane möglich erscheinen.

Die Maßnahmen der City Police deuten darauf hin, dass die Indizien sie in dem Verdacht bekräftigten, es bei JTR mit einem einheimischen Metzger in der Umgebung von Aldgate High Street und Middlesex Street zu tun zu haben. Vielleicht war es sogar Jacob Levy, der beobachtet wurde - doch leider sind weder die genaue Adresse noch der Zeitraum der Observationen bekannt.

Wenn Jacob Levy der Ripper war, könnte dies bedeuten, dass er neben seiner Heimatadresse Middlesex Street 36 auch bei den Metzgern der Butcher's Row ein und aus ging. Denn sowohl Jacob Levy als auch der Zeuge und mutmaßliche Verwandte Joseph Hyam Levy sollen Geschäftsverbindungen in der Butcher's Row gehabt haben. Vermutlich kauften sie auch in der dortigen Schlachterei ein. Levy könnte sogar wegen seines ruinierten eigenen Geschäfts zeitweise dort oder in einem anderen Shop gearbeitet haben.


Nähe von mutmaßlichen Verwandten zu den Tatorten
Detective Inspector Henry Cox von der City Police schrieb über den observierten Verdächtigen: "He occupied several shops in the East End."

Zusätzlich den möglichen Verbindungen Levys mit anderen Metzgern gab es im Eastend noch die Shops der Levy-Familie aus der Mitre Street, mit denen Jacob und Joseph Hyam Levy laut Casebook verwandt gewesen sein sollen:
Darunter der Orangenhändler Samuel Levy in der Mitre Street 20 (Tatort Mitre Square) und der Zigarrenhändler John Levy in der Whitechapel Road 254 - nahe den Tatorten Buck's Row und Berner Street sowie unmittelbar neben dem Messer-Fund von Thomas Coram nach dem Double Event vor Whitechapel Road Nr. 253.

In den 1880er Jahren hatte John Levy in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop. Er war laut Census der Bruder von Fanny Levy von den Levys aus der Mitre Street 29, und sie waren wahrscheinlich Cousins des Zeugen Joseph Hyam Levy, dessen Vater vor Jacob die Metzgerei in der Middlesex Street 36 hatte - somit war vermutlich auch Jacob Levy mit diesen Levys verwandt.

John und Fannys Eltern, Ann und Barnett Levy, lebten in den 1850ern in Mitre Street 29 ("Orange Market" am Mitre Square), sie waren Zigarren- und Orangenhändler und hatten vier Kinder - John, Samuel, Lewis und Fanny. Um 1888 wohnte nur noch Fanny dort.
Samuel lebte erst in den Häusern Mitre Street 17 und 23 und zog danach neben Joseph Hyam Levys Vater, Hyam Levy, in die Middlesex Street 39 (!). 1888 kehrte Samuel dann als Orangenverkäufer wieder in die Mitre Street zurück, diesmal in die Nummer 20.

Nicht vergessen werden sollte schließlich noch Jacobs Bruder Isaac Levy, der zur Zeit der Morde im Model Dwellings 130 in der Goulston Street lebte - nur einen Gebäudekomplex entfernt von dem Hauseingang, in dem das blutige Teil von Eddowes Schürze gefunden wurde.

Fazit: Waren die Levys von Mitre Street tatsächlich mit Jacob Levy verwandt, so rückt der verrückt gewordene Metzger durch die Adressen seiner Verwandten in die unmittelbare Nähe zu mehreren Tatorten und den Funden von Schürze und Messer. War Jacob Levy der Ripper, kannte er sich dort besonders gut aus, hätte für seine Anwesenheit in den Straßen eine plausible Erklärung gehabt und nach den Taten schnell aus der Öffentlichkeit verschwinden können, indem er bei ihnen Unterschlupf fand. 


Mittwoch, 17. Juli 1889: Mord an Alice McKenzie in der Castle Alley
Police Constable Walter Andrews entdeckte gegen 0.50 Uhr in der Castle Alley den leblosen Körper von Alice McKenzie, etwa eine halbe Stunde, nachdem er das letzte Mal auf seiner Runde dort gewesen war. Zeugen der Tat gab es keine. Ihre linke Halsschlagader war durchtrennt, ihr Rock war hochgeschoben und der Unterleib mit einem Messer traktiert worden, allerdings waren die Verletzungen eher oberflächlich.

Die Polizisten und die untersuchenden Ärzte waren uneinig darüber, ob es sich um ein weiteres Ripper-Opfer handelte. Einiges passte ins Schema: McKenzie übernachtete in einem Armenhaus, war rund 40 Jahre alt, Prostituierte und Trinkerin - und wurde im Zentrum von JTRs Aktivitäten getötet. Allerdings wurde ein anderes Messer benutzt, und zudem wurde sie nicht gewürgt, es gab auch keinen vollständigen Kehlenschnitt, die Wunden waren nicht so tief und der Unterleib war nicht ausgeweidet.
Der Täter hätte wahrscheinlich durchaus genug Zeit für weiterreichende Verstümmelungen gehabt, denn er war wohl diesmal nicht gestört worden. Indiz dafür: Obwohl es kurz geregnet hatte, war der Gehweg unter McKenzies Körper trocken, was bedeutet, dass sie wohl schon vor dem Schauer getötet wurde und somit einige Zeit unentdeckt dagelegen hatte. Möglicherweise war es ein Nachahmungstäter, der dem Ripper diesen Mord in die Schuhe schieben wollte.
Falls es doch JTR war, deutet alles darauf hin, dass er nicht mehr auf der Höhe seiner physischen und/oder psychischen Kräfte war - Folgen der fortschreitenden Syphilis?
Auch der große zeitliche Abstand zu den übrigen Taten fällt auf: JTR hatte eine sehr kurze Abkühlphase, so dass längere Pausen wohl nur durch widrige Umstände wie Krankheit, Einweisung oder Ermittlungsdruck der Polizei zu erklären sind.
Falls Levy der Täter war: Der Tatort ist nur 100-200 Meter oder 1-2 Minuten Gehweg von Butcher's Row und Middlesex Street entfernt.


Das Ende


15. August 1890: Einlieferung ins Irrenhaus
Jacob Levy wird als geisteskrank in die Nervenheilanstalt City of London Asylum at Stone in Kent eingeliefert.
In der Krankenakte wird als Einweisungsgrund "Manie" eingetragen, an der er schon seit längerem leide. Er soll bei seiner Einlieferung noch in guter körperlicher Verfassung gewesen sein, seine Größe wird mit knapp 1,70 Meter und sein Gewicht mit 60 Kilo angegeben.
Seine Frau soll den Anstaltsakten zufolge nach der Einweisung gesagt haben, Levy habe beinahe ihr Geschäft ruiniert, früher sei er ein sehr guter Geschäftsmann gewesen. Aber er schlafe nun nachts nicht mehr, sondern wandere oft für Stunden ziellos umher. Auch befürchte er, jemandem etwas anzutun. Er höre Geräusche und Stimmen, die ihm befehlen und ihn zwingen Taten zu begehen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne.
Merwürdigerweise soll Levy gegenüber dem Anstaltspersonal gesagt haben, dass schon sein Bruder Abraham Selbstmord begangen habe, indem er sich selbst die Kehle durchgeschnitten (!) habe - dabei hat er sich laut Casebook erhängt: Im Mai 1875 nahm sich Jacobs Bruder demnach das Leben, weil er angeblich bei Pferderennen enorme Summen verloren hatte. Einem Zeitungsbericht nach fand Jacob selbst den erhängten Leichnam seines zwei Jahre älteren Bruders.

Dass Levy sein Geschäft vernachlässigte, nachts umherstreifte und zugab, von inneren Stimmen zu schrecklichen Taten getrieben zu werden, ist ein gutes Indiz für eine mögliche Täterschaft.
Dass er auch 1890 noch in guter körperlicher Verfassung war, legt nahe, dass er trotz seiner Erkrankung physisch zu den Morden fähig gewesen wäre.
Das Einlieferungsdatum in die öffentliche Anstalt passt jedenfalls zum Zeitpunkt der angeblichen Identifikation von JTR in einem "Seaside Home" (s.u.), welche von Ripperologen auf Sommer 1890 angesetzt wird, da das Convalescent Police Seaside Home in Hove (bei Brighton) in diesem Jahr eröffnet wurde und in seinen Akten zwei Besucher ohne Namensnennung auftauchen.

Da Levy schon "seit längerem" an seiner Krankheit gelitten hatte, könnte er zuvor bereits in familiärer Betreuung und/oder einer privaten Einrichtung gewesen sein - so wie dies später von hochrangigen Polizisten über den Ripper-Verdächtigen erzählt wurde (s.u.).
Die Polizei soll laut einem Pressebericht jedenfalls alle privaten Sanatorien überprüft haben:
"The Dublin Express London correspondent on Thursday gave as the latest police theory concerning the Whitechapel murderer, that he has fallen under the strong suspicion of his near relatives, who to avert a terribly family disgrace, may have placed him out of harm's way in safe keeping. As showing that there is a certain amount of credence attached to this story, detectives have recently visited all the registered private lunatic asylums, and made full inquiries as to the inmates recently admitted."
War Jacob Levy der Ripper, würde dies den Zeitraum von eineinhalb Jahren zwischen dem Kelly- Mord und seiner offiziellen Einweisung im August 1890 erklären.
Über Levy ist leider nur bekannt, dass er in Stone eingeliefert wurde, es gibt bisher keine Hinweise auf eine vorübergehende Unterbringung woanders. Jedoch wäre es plausibel, dass sich zunächst seine Angehörigen um ihn kümmerten, bis sich sein Zustand so weit verschlechterte, dass er für sie nicht mehr zu bewältigen war (möglicherweise entzog er sich ihrer Aufsicht und tötete Alice McKenzie), worauf sie ihn unter falschem Namen in ein privates Sanatorium steckten, bevor er von der Polizei entdeckt und identifiziert wurde.
Zwar wurde von Chief Inspektor Swanson als öffentliche Anstalt Colney Hatch ins Spiel gebracht, aber dies bezog er explizit auf Kosminski. Laut Researcher Steward Hicks soll Lady Anderson, die Ehefrau von Assistant Commissioner Robert Anderson, hingegen gesagt haben, der Ripper sei in einer Anstalt bei Stone gewesen.


Freitag, 13. Februar 1891: Mord an Frances Coles in Swallow Gardens
Gegen 1.45 Uhr traf eine Bekannte, die Prostituierte Ellen Callagher, in der Commercial Street auf Coles. Sie liefen gemeinsam Richtung Minories und begegneten einen "brutalen Mann mit einer Baskenmütze", an den Callagher sich als einen früheren Kunden erinnerte. Sie will Coles gewarnt haben, dass der Mann ihr vor einiger Zeit ein blaues Auge geschlagen habe, und sie solle sich nicht mit ihm abgeben. Coles befolgte den Rat ihrer Freundin allerdings nicht und unterbreitete dem Mann ein Angebot, worauf die beiden ohne Callagher in Richtung Minories gingen.
Carmen Friday und die Brüder Knapton gingen kurz nach 2 Uhr morgens durch die Eisenbahn-Unterführung Swallow Gardens. Sie sahen eine Frau und einen Mann, die an der Ecke der Royal Mint Street standen. Gegen 2.15 Uhr entdeckte Police Constable Ernest Thompson auf seiner Runde unter der Eisenbahnbrücke die Prostituierte Frances Coles mit durchschnittener Kehle.
Verdächtigungen wie im Automn of Terror mit den Gerüchten um "Lether Apron" verbreiteten sich unter den Bewohnern des Eastends, diesmal sollte laut Mundpropaganda ein gewisser "Jacobs" (!) der Mörder gewesen sein (vgl. Timeline des Casebook). Die Justiz klagte später Coles gewalttätigen Freund Thomas Sadler an, der jedoch freigesprochen wurde, weil er ein Alibi hatte.

Coles war zwar auch eine Prostituierte, der die Kehle aufgeschlitzt wurde, allerdings wurde sie nicht zuvor gewürgt, sondern einfach zu Boden gerissen, das Messer soll ebenfalls ein anderes gewesen sein - der obduzierende Dr. Phillips hielt jedenfalls JTR nicht für den Täter.
Interessant ist allerdings, dass in gewissen Teilen der Bevölkerung der Name "Jacobs" die Runde machte, was doch sehr nach "Jacob" klingt. Könnten möglicherweise in bestimmten Kreisen Gerüchte über Verdachtsmomente gegen Jacob Levy als Ripper durchgesickert sein?


29. Juli 1891: Jacob Levys Tod
Levy stirbt an den Folgen der Syphilis in der Nervenheilanstalt Stone in Kent.
In den Akten steht als Todesursache: "General paralysis of the insane brought on by the serious sexually transmitted disease syphilis".

In ihren Aufzeichnungen nannten die hochrangigen Polizeibeamten Macnaghten und Anderson beide als einen der Hauptverdächtigen im Ripper-Fall einen Juden, der in nächster Nähe zu den Opfern lebte und nach den Morden in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde.
Chief Inspektor Swanson schrieb persönliche Anmerkungen in sein Exemplar von Andersons Memoiren, die den grundsätzlichen Sachverhalt bestätigten. Allerdings fügte er noch hinzu, dass der Verdächtige in einem "Seaside Home" von einem Zeugen erkannt worden sei und es ihm auch bewusst gewesen sei, dass die Polizei ihn identifiziert habe. Danach habe man ihn vorübergehend zu seinen Verwandten zurückgebracht, wo die Polizei ihn Tag und Nacht beobachtet habe, bevor er dann endgültig in eine Irrenanstalt gebracht worden sei, wo er schon bald verstorben sei.
Dies würde erklären, warum die Morde aufhörten.

Damit würde der von Ripperologen in den Akten von Colney Hatch gefundene gewalttätige Irre David Cohen als Verdächtiger ausfallen, denn nach bisherigen Erkenntnissen hatte er keine Verwandten. Eine weitere Diskrepanz: Die Zeugen beschrieben alle einen Mann mittleren Alters - David Cohen war damals aber erst 23 Jahre alt. Zudem wurde er bereits am 7. Dezember 1888 per Gerichtsbeschluss erst ins Whitechapel-Arbeiterkrankenhaus eingewiesen, und dann wegen seiner Unkontrollierbarkeit am 21. Dezember direkt weiter ins Irrenhaus Colney Hatch, wo er am 20. Oktober 1889 verstorben sein soll - die erste offiziell "Seaside Home" genannte Einrichtung wurde aber erst 1890 eröffnet.
Allerdings vermuten einige Ripperologen, dass "David Cohen" auch ein Alias wie "John Doe" gewesen sein könnte, da es noch andere Namens-Unklarheiten in dem Fall gibt.

Macnaghten und Swanson bezeichneten ihren Verdächtigen als "Kosminski", jedoch enthalten die Erinnerungen der Polizisten nachgewiesenermaßen einige Ungenauigkeiten, so dass sie sich mit dem Namen geirrt haben könnten, denn der in medizinischen Akten gefundene Aaron Kosminski war damals erst 23 Jahre alt und starb erst 1919 in der Anstalt, nicht schon bald nach der Einweisung. Zudem schrieb Robert Sagar von der City-Police von einem Metzger, der observiert worden war, und Kosminski soll Haarschneider gewesen sein.
Vermutlich wurden einfach die Namen von ein paar verdächtigen Anstaltsinsassen durcheinander geworfen. Der nie an den Ermittlungen beteiligte Mcnaghten schrieb sein internes Memorandum 1894 und veröffentlichte seine Memoiren "Days of My Years" erst 1914 - Jahre nach den Ripper-Morden. Robert Anderson veröffentlichte seine Memoiren "The Lighter Side of My Official Life", in die Swanson seine Anmerkungen machte, erst 1910.

Eine andere plausible Erklärung der Namens-Irritationen könnte im Verhalten der Verwandten des mutmaßlichen Mörders liegen: Wenn er von den Angehörigen zuerst in eine private Anstalt gesteckt wurde, als sie seinem Irrsinn und seiner Gefährlichkeit nicht mehr Herr wurden, wäre es gut nachvollziehbar, dass sie ihn unter einer falschen Identität irgendwo eingewiesen hatten, um ihn und die Familie zu schützen.
Das wäre dann so lange gut gegangen, bis es zur Überprüfung aller neuen Anstalts-Einlieferungen durch die Polizei und der erwähnten Gegenüberstellung mit Identifizierung im "Seaside Home" gekommen war. Die spätere endgültige Einweisung in ein staatliches Institut wäre dann zwar unter dem richtigen Namen erfolgt, aber der falsche könnte immer noch in Polizeikreisen und -Berichten präsent gewesen sein und so zu den Irrtümern geführt haben.

Robert Anderson jedenfalls schrieb in seinen Memoiren: "Die einzige Person, die jemals einen guten Blick auf den Mörder werfen konnte, identifizierte ihn, aber als er erfuhr, dass der Tatverdächtige ein Glaubensbruder war, weigerte er sich, gegen ihn auszusagen."
Swanson bestätigte in seinen privaten Anmerkungen diesen Aspekt.
Bei diesem Zeugen könnte es sich somit um Joseph Hyam Levy, Joseph Lawende (beide Fall Eddowes) oder Israel Schwartz (Fall Stride) gehandelt haben.

Da Macnaghten schrieb, dass der Verdächtige der Beschreibung jener Person entsprach, die am Mitre Square gesehen wurde, dürfte der Zeuge tatsächlich entweder Joseph Hyam Levy oder Lawende gewesen sein. Joseph Hyam Levy machte bei der Befragung kaum Angaben zum Verdächtigen und gab sich verschlossen, vermittelte aber den Eindruck, als wisse er mehr als er sagen wollte, während Lavende zunächst eine detaillierte Beschreibung abgab. Lawende war ein Handelsreisender aus Dalston, kein Bewohner Whitechapels, und dürfte JTR nicht gekannt haben, so dass er vermutlich bedenkenlos eine erste Aussage machte, zumal er den Mann anfangs für einen Seemann gehalten hatte.
Eine Erklärung für den Rückzieher des Zeugen könnte somit sein, dass Joseph Lawende schließlich von seinem Begleiter Joseph Hyam Levy bearbeitet worden war, nicht gegen den Glaubensbruder auszusagen, um ein Pogrom gegen die jüdische Gemeinde zu verhindern.
Dass die Polizei tatsächlich die konkrete Möglichkeit sah, über die Zeugen Lawende und Joseph Hyam Levy den Ripper zu überführen, belegt auch die Vorgehsweise bei der öffentlichen Coroner-Untersuchung zu Eddowes Tod, bei der Lawende verboten wurde, den Verdächtigen vor dem Publikum genauer zu beschreiben (s.o.).


1892: Ermittlungs-Ende

Die Akte Jack the Ripper wird von der Polizei offiziell geschlossen.

Dies würde zeitlich besser zu Jacob Levy passen als zu dem in den Memoiren erwähnten Kosminski, da Aaron Kosminski erst lange nach seiner Einweisung und seiner Verlegung nach Leavesden im Jahr 1919 starb. Auch der von Ripperologen in den Akten der Colney Hatch Nervenheilanstalt gefundene mögliche Verdächtige Hyam Hyams starb erst am 22. März 1913.


Fazit s.u.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 13.04.2016 21:25 Uhr
Fazit

Die Theorie, dass JTR ein jüdischer Metzger war, der im Irrenhaus starb, erklärt den ansonsten merkwürdigen Schluss im Ripper-Fall: Nach dem Ende der Mordserie laufen die Ermittlungen angeblich ergebnislos aus, die Akte wird geschlossen - aber Jahre später erklären hochrangige Polizisten in ihren Memoiren oder Zeitungsartikeln, der Ripper wäre eigentlich identifiziert worden.

Nach dem Mord an Mary Ann Nichols verdichteten sich im Eastend schnell Gerüchte, dass die Morde von einem Juden mit dem Spitznamen "Leather Apron" verübt worden sein sollten, was so auch in den Zeitungen verbreitet wurde und schon zu ersten antisemitischen Aufwallungen und Kundgebungen führte.
Superintendent Thomas Arnold ordnete daher nach dem Double Event mit Erlaubnis von Polizeichef Charles Warren an, das Goulston Street Graffiti auf der Stelle zu entfernen, explizit aus dem Grund, um mögliche Pogrome gegen Juden zu verhindern. In seinem Bericht vom 9. November 1888 schreibt Arnold: "Ich bitte darum berichten zu dürfen, dass am Morgen des 30. September, dem Letzten, meine Aufmerksamkeit auf eine Aufschrift an der Wand des Eingangs zu Behausungen in der Goulston Street 108, Whitechapel gerichtet wurde, welche aus folgenden Worten bestand: 'Die Juwes sind [nicht] die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden'.
Ich wusste, dass aufgrund der Verdächtigung eines Juden namens John Pizer, genannt ‚Leather Apron‘, der beschuldigt wurde, den kürzlich in der Hanbury Street verübten Mord begangen zu haben, ein starkes Gefühl gegen die Juden im Allgemeinen aufkam. Da das Gebäude, auf dem sich die Aufschrift befand, mitten in der Lokalität liegt, die hauptsächlich von dieser Religions-gemeinschaft bewohnt wird, war ich besorgt darüber, dass wenn die Aufschrift verbleibt, diese für einen Aufstand verantwortlich sein könnte. Daher habe ich erwogen, dass es wünschenswert sei, sie aufgrund der Tatsache zu entfernen, dass sie sich an einer Stelle befand, die gut von den Menschen einsehbar war, die dort hinein- und hinausgehen."

Falls man den Ripper tatsächlich durch einen Zeugen als jüdischen Metzger identifizierte, hätte die Bekanntgabe demnach zu schrecklichen Übergriffen bis hin zum Pogrom gegen die jüdische Gemeinde in Whitechapel im Allgemeinen und seine Familie im Besonderen führen können. Denn an die Eröffnung eines Prozesses wäre schon wegen des Gesundheitszustands des Tatverdächtigen nicht zu denken gewesen. Und selbst wenn: Ob die dünnen Beweismittel für eine Verurteilung ausreichend gewesen wären, darf bezweifelt werden - ein Freispruch aus Mangel an Beweisen wäre aber verheerend gewesen.
Wegen der sowieso schon explosiven sozialen Lage, einem weitverbreiteten Antisemitismus und der aufgestauten Wut durch den Ripper-Terror wäre wohl zu erwarten gewesen, dass viele Menschen dann ihre Aggressionen an Sündenböcken ausgelassen hätten.
Die Behörden könnten daher zu dem Schluss gekommen sein, es sei angesichts der explosiven Situation im Eastend sicherer, den todkranken Irren stillschweigend in einer Anstalt verrotten zu lassen und lieber weiter zähneknirschend vor der Öffentlichkeit wie Versager in diesem Fall dazustehen, als eine Katastrophe im Viertel zu riskieren.



MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 13.04.2016 21:42 Uhr
Hey Arthur!

Ich musste vor ein paar Tagen wieder an dich denken, als ich noch einen weiteren Butcher in der Middlesex Street fand (siehe Post 97). John Abrahams, Pork butcher 59 Middlesex Street/ Aldgate, es gab noch einen weiteren Pork Butcher dort aber den Namen habe ich gerade nicht.

Neben Jacob Levy könnte auch noch Salomon de Leeuw in Frage kommen. Auch er starb, wie Levy, in der Stone Anstalt, wenn auch einige Zeit später. Er war tatsächlich Butcher in der Butchers Row. Keine Informationen über frühere Anstaltsaufenthalte bekannt. Immerhin wähnte Anderson´s Frau den Ripper nahe Stone...

Ich werde die nächsten Woche nicht so aktiv sein, also bitte nicht wundern. Wir stecken mitten im Umzug und ziehen von einer Stadt in eine andere.

Es scheint sich jetzt tatsächlich noch eine andere Spur bezüglich der Butchers Row/ Sagar Geschichte aufzutun. Butcher Henry Nathan´s Schwager war Eigentümer verschiedener Räumlichkeiten im East End und verwandt mit "australische" Kosminskis. Aber ich freue mich lieber nicht zu früh...

Beste Grüße, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 13.04.2016 21:59 Uhr
Hallo Lestrade,

ich habe den Thread gelesen. Das könnte eine interessante Verbindung Kozminskis sowohl zur Butcher's Row als auch zum Australien-Gerücht werden und die Kozminski-These noch weiter erhärten.

Bin schon gespannt auf weitere Infos dazu.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 13.04.2016 22:02 Uhr
Achso, könnte dich auch noch interessieren:

Um den September 1889 (bezüglich der "Torso- Morde") gab es einen Bericht, dass Jack the Ripper ein jüdischer Butcher gewesen war. John Cleary/ John Arnold sagt dir vielleicht etwas im Zusammenhang mit den Pinchin Street Fall. Zufälligerweise werden noch zwei weitere "Verdächtige" erwähnt, Guzzling Jim und ein Geschäftsmann, vielleicht einer davon ein Butcher. Keine Ahnung, wer diese waren aber vielleicht war einer davon der Cox Verdächtige. Ich habe mich damit schon einmal befasst aber vielleicht lohnt es sich, dieses Thema noch einmal durchzugehen.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 13.04.2016 22:16 Uhr
Hallo Lestrade!

Interessant, davon habe ich noch nichts gehört. Aber ich habe die Torso-Mörde bisher auch eher stiefmütterlich behandelt. Eigentlich schräg, dass dieser Serienkiller so fast vergessen ist wg. JTR.
 
MfG, Arthur Dent


P.S. Hast du mal daran gedacht, für Kozminski eine Art geographisches Profil zu entwerfen, so ähnlich wie die Karte, die ich für Jacob Levy gemacht habe? Könnte vielleicht die bisherigen Erkenntnisse anschaulicher machen.


Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 13.04.2016 22:21 Uhr
Hallo Lestrade,

ich habe den Thread gelesen. Das könnte eine interessante Verbindung Kozminskis sowohl zur Butcher's Row als auch zum Australien-Gerücht werden und die Kozminski-These noch weiter erhärten.

Bin schon gespannt auf weitere Infos dazu.


MfG, Arthur Dent

Vielleicht erinnerst Du dich, dass ich stets irgendeinen Zusammenhang zwischen den Leuten aus dem Bordell- Zwischenfall (N. Cohen und Aaron Davis Cohen) in der 254 Whitechapel Road finden wollte. Nebenan, 253, fand Thomas Coram (hoffe, der Name ist richtig) ein blutiges Messer nach dem Double Event. Da war eigentlich eine Wäscherin beheimatet aber es gab dort auch einen Friseur zu der Zeit.

Eine Idee, wenn auch weit hergeholt.

Henry Nathan, der Butcher in der Butchers Row
Isaac Davis, sein Schwager, Eigentümer verschiedener Häuser im East End

Das N. in Cohen steht für "Nathan", das Davis in Cohen für Isaac Davis. Das Cohen in beiden Fällen steht für Kosminski/ Kaminski. N. Cohen ist somit der (Kosminski) Butcher von Sagar in der Butchers Row. Aaron Davis Cohen ist Aaron Kozminski (der Friseur) und vielleicht der Verdächtige von Cox.

Aaron Kozminski gerät schon im Oktober 1888 in das Visier der Polizei und ist nach Kelly nicht aufzufinden. Er fällt, gemeinsam mit dem anderen Kosminski Mitte/ Ende November 1888 im besagten Bordell auf. N. Cohen (Kosminski/ Kaminski), der Butcher, wird ausfinding gemacht und von Sagar observiert. Aaron Cohen (Kozminski) findet man erst etwas später in einer privaten Anstalt, nach seiner Entlassung observiert ihn Cox. Als N. Cohen im Dezember in das Workhouse kommt, machen die Beamten fälschlicherweise die Angaben über Aaron Davis Cohen (MET & City Police Gedöns), bemerken jedoch den Fehler und ändern alles in "David Cohen", ein "John Doe", da Ripper Suspect. Der Fehler entstand vielleicht deshalb, weil man Aaron Davis Cohen noch suchte. Als der PC diesen Cohen fand, könnte er gerade auch von Beamten beschattet worden sein, aber sie machten sich nicht bemerkbar, erst auf der Wache oder etwas später. Später tauschten sich die Beamten in und mit der jeweiligen Einheit über diese Kosminskis immer wieder aus und vermischten sie beide. Das könnte vieles der Ungereimtheiten erklären. Es ist sehr phantastisch aber somit weißt du, wohin meine Gedankenreise gerade geht.

Aber bleiben wir bei Jacob Levy, spannend genug.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 13.04.2016 22:25 Uhr
P.S. Hast du mal daran gedacht, für Kozminski eine Art geographisches Profil zu entwerfen, so ähnlich wie die Karte, die ich für Jacob Levy gemacht habe? Könnte vielleicht die bisherigen Erkenntnisse anschaulicher machen.

Habe diesen Vorschlag vor ein paar Wochen Jeff Leahy gemacht. Er wollte schauen was er tun kann. Grob könnte ich das auch aber mir fehlt, wie erwähnt, erst einmal die Zeit wegen dem Umzug. Jeff ist auch gerade erst umgezogen und bringt noch die Lampen an. Aber es kommt sicherlich in nicht all zu ferner Zeit...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 13.04.2016 22:47 Uhr
Btw.: Rauchst Du oder jemand anderes hier Pfeife? Ich habe nach Jahren wieder angefangen zu rauchen, diesmal Pfeife. Tat ich schon als junger Mann mal. Vielleicht könnte man sich darüber dann auch austauschen.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 14.04.2016 00:31 Uhr
1. Oktober 1888: Messer-Fund in der Whitechapel Road
In der Nacht nach dem Double Event fand Thomas Coram gegen 0.30 Uhr vor der Whitechapel Road 253 ein in ein Taschentuch eingewickeltes blutiges Messer, das er der Polizei übergab - jedoch konnten die obduzierenden Ärzte nicht bestätigen, ob dies die Waffe des Rippers war.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber: In den 1880er Jahren hatte John Levy in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop. Er war laut Census der Bruder von Fanny Levy von den Levys aus der Mitre Street 29, und sie waren Ripperologen zufolge wahrscheinlich Cousins des Zeugen Joseph Hyam Levy - somit war vermutlich auch Jacob Levy mit diesen Levys verwandt.

John und Fannys Eltern, Ann und Barnett Levy, lebten in den 1850ern in Mitre Street 29 ("Orange Market" am Mitre Square), sie waren Zigarren- und Orangenhändler und hatten vier Kinder - John, Samuel, Lewis und Fanny. Um 1888 wohnte nur noch Fanny dort.
Samuel lebte erst in den Häusern Mitre Street 17 und 23 und zog danach neben Joseph Hyam Levys Vater, Hyam Levy, in die Middlesex Street 39 (!). 1888 kehrte Samuel dann als Orangenverkäufer wieder in die Mitre Street zurück, diesmal in die Nummer 20.
Und Lewis Levy lebte in den 1860ern in Mitre Square 8 - dahinter fand man die Leiche von Catherine Eddowes.

Kurz: War Jacob Levy der Ripper, hätte er nach dem Double Event weiter in den Cigar Shop flüchten können, um sich dort relativ weit von den Tatorten weg zu verstecken, und könnte das blutige Messer davor weggeworfen haben.

Im Post Office Directory von 1888 erscheint in der 253 und 254 Whitechapel Road:

Joseph Kartowski, Friseur, 253 Whitechapel Road
Gertrude Smith, Tabakladen, 254 Whitechapel Road (das war das Bordell)

Scott Nelson hat mir das so erklärt, dass bei Erscheinen des Verzeichnisses 1888, die Einträge eher noch aus 1887 stammten. Das erklärt Thomas Coram´s Messerfund vor der Wäscherei Mr. Christmas (also ein Mann) 253 Whitechapel Road. Es war aber üblich, dass so ein Friseur, wie eben jener Kartowski, den Großteil seines Geschäftes dem Wäschereibetrieb überließ und er dennoch dort, auf kleinstem Raum, weiterarbeitete, quasi dann eine Art Untermieter gewesen wäre. Ähnlich im Falle der 254 Whitechapel Road. Eigentlich gehörte dieser Tabakladen dem John Levy aber offensichtlich überließ er Gertrude Smith dieses Geschäft, welches dieses als Bordell nutzte, illegal.

Die Polizei kümmerte sich darum:

“KEEPING A BROTHEL IN WHITECHAPEL
Gertrude Smith, a well-dressed middle-aged woman of 254 High-street (sic-Whitechapel Road), Whitechapel, surrendered to answer a charge preferred against her by Mr. Metcalf, vestry clerk of St. Mary, Whitechapel, on behalf of the overseers of the parish, for unlawfully keeping her house as a brothel. Uriah Harvey, who was specially engaged by the vestry of Whitechapel, owing to gross immorality taking place in certain houses, to keep a watch, gave evidence of the number of both sexes which entered and left the defendant’s house. On Saturday night, the 24th November, ten men and as many well-known prostitutes infesting the neighbourhood entered and left defendant’s house; Sunday, the 25th, twelve couples; Monday, the 26th, three couples; Saturday, December 1st, eighteen couples. It was ostensibly a cigar shop, and when the parties entered, the defendant was at the door letting them in. When Inspector Ferris (sic - Metropolitan Police Inspector Arthur Ferrett) entered, he found two well-known prostitutes in bed. In answer to Mr Lushington, Inspector Ferris said there had been no complaints of disturbances or robberies at defendant’s house.  Mr Lushington convicted the defendant in taking part in keeping a brothel and fined her £10 and £5 costs, or one month. The money was paid.”


In just in diesem Bordell tauchten zu der Zeit N. Cohen & Aaron Davis Cohen auf...

Lewis Levy, einer von John Levy´s Brüdern taucht 1891 in 5 Sion Square auf. Zu der Zeit lebte auch Aaron Kozminski´s Bruder, Woolf Abrahams, in 3 Sion Square. So gesehen waren Lewis Levy und Woolf Abrahams Nachbarn, zu der Zeit als Aaron Kozminski im Haus seines Bruders in Whitechapel (kann nur Woolf sein) von der City Polizei überwacht wurde, bevor es nach Colney Hatch ging (falls Aaron Kozminski Anderson´s Ripper war). 
 
Du siehst, wie klein dieses Welt war und wir können vermutlich beide Männer, Jacob Levy und Aaron Kozminski, mit gleichen Adressen in Verbindung bringen und sogar mit ein und denselben Zeugen, Joseph Hyam Levy sowie mit Butchern und Friseuren.

Seltsam oder?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 14.04.2016 00:35 Uhr
Achso, früher ging man sogar noch davon aus, dass Suspect Hyam Hyams mit diesen Levy´s verwandt war aber das stellte sich dann als falsch raus...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Phil am 14.04.2016 08:53 Uhr
Hey Arthur,

ein klasse Beitrag, sehr detailliert und aufschlussreich - und vor allem sehr plausibel!
Ich muss gestehen, mir wurde diese Theorie durch das PC-Game "Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" wirklich schmackthaft gemacht, in das viele deiner genannten Aspekte mit eingeflossen sind. Wie dem auch sei, super geschrieben und sehr interessant! :)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Andromeda1933 am 14.04.2016 09:39 Uhr
Vielen Dank, Arthur, für die Mühe, die Du Dir gemacht hast. Prima Artikel!
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 14.04.2016 20:42 Uhr
Danke Leute,

die Idee dahinter war, dass wir mal für alle "guten" Verdächtigen eine Zusammenfassung als Diskussionsgrundlage erstellen, so ähnlich wie Thomas Schachner das in seinem Buch gemacht hat. Da ist z.B. Jacob Levy leider nicht dabei.


MfG, Arthur Dent


Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 14.04.2016 20:49 Uhr
Hallo Lestrade,

für ein dichtbevölkertes Viertel einer Millionenstadt kommt einem das in der Tat recht dörflich vor mit den ganzen Verbindungen - das macht es leider nicht einfacher... aber interessant. :-)


MfG, Arthur Dent

 



Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lady15 am 14.04.2016 22:15 Uhr
Arthur Dent 2,

schlüssig geschrieben. Danke für deine Ausführungen. ;)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 29.04.2016 20:16 Uhr
Lewis Levy, einer von John Levy´s Brüdern taucht 1891 in 5 Sion Square auf. Zu der Zeit lebte auch Aaron Kozminski´s Bruder, Woolf Abrahams, in 3 Sion Square. So gesehen waren Lewis Levy und Woolf Abrahams Nachbarn, zu der Zeit als Aaron Kozminski im Haus seines Bruders in Whitechapel (kann nur Woolf sein) von der City Polizei überwacht wurde, bevor es nach Colney Hatch ging (falls Aaron Kozminski Anderson´s Ripper war). 
 
Du siehst, wie klein dieses Welt war und wir können vermutlich beide Männer, Jacob Levy und Aaron Kozminski, mit gleichen Adressen in Verbindung bringen und sogar mit ein und denselben Zeugen, Joseph Hyam Levy sowie mit Butchern und Friseuren.

Seltsam oder?

Arthur, durch einen Casebook Post fiel mir gerade folgendes auf:

Jacob Levy lebte 1881 in der 11 Fieldgate Street. Zur gleichen Zeit lebte Aaron Kozminski´s Bruder Isaac Abrahams in der 3A Fieldgate Street. Mit dem Sion Square "10 Jahre" später, könnten sich beide Familien sogar gekannt haben.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 30.04.2016 20:53 Uhr
Hallo Lestrade!

Verdammt kleine Welt, dieses 90.000-Einwohner-Stadtviertel...


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 30.04.2016 20:57 Uhr
Hallo Allesamt!


Ein Nachtrag zum Tatverdächtigen-Profil Jacob Levys:


Als Jacob Levy in die Anstalt eingeliefert wurde, erzählte seine Frau Jacobs Krankengeschichte, die in die Akten eingetragen wurde.
Dort ist auch zu lesen, dass Jacob - früher ein passabler Geschäftsmann - angefangen haben soll, exzessiv Geld zu verschwenden und zudem alles zu klauen, was nicht niet- und nagelfest war. Abschließend beklagte seine Frau Sarah, er habe fast das Geschäft ruiniert.
Früher hatte ich es überlesen, aber jetzt ist mir aufgefallen, dass sie laut Akten explizit sagte: Er hat MEIN Geschäft fast ruiniert.

Das passt zu seiner Verurteilung wegen Diebstahls bei seinem Nachbarn Sampson 1886: Im Ripperologist  stand einmal, dass es strenge Regeln in der jüdischen Gemeinde für den geschäftlichen Umgang miteinander gab, und dass ein solcher Diebstahl wohl dazu geführt hätte, dass ihm die Gemeinde die Lizenz zum Verkauf koscheren Fleischs entzogen hätte.

Damit hätte seine Frau Sarah, um die Familie zu ernähren, auch nach Jacobs Entlassung 1887 das Geschäft allein weiterbetreiben müssen. In der Tat taucht ja später seine Frau als Geschäftsinhaberin im Census auf.
Für Jacob hätte das nun zur Folge gehabt, dass er gezwungen gewesen wäre, auf andere Art seinen Anteil am Familieneinkommen zu verdienen.

Und hier kommen nun die Anmerkungen der Polizisten zu ihren Observationen ins Spiel:
Henry Cox: "He occupied several shops in the East End." Und Robert Sagar erklärte, er habe einen Verdächtigen beobachtet, der in der Butcher's Row arbeite.

Wenn Jacob den Shop in der Middlesex Street 36 nicht mehr selber betreiben durfte, musste er seitdem offensichtlich bei Bekannten und Verwandten in deren Geschäften oder in den Schlachthöfen arbeiten.
Dadurch konnte er seinen Teil zum Familieneinkommen beitragen und stand zugleich wegen seines immer asozialeren Verhaltens unter einer gewissen Aufsicht. Das dürfte eine ziemliche Schmach und Erniedrigung für ihn gewesen sein.

Wenn wir nun betrachten, wo diese Arbeitsplätze gewesen sein könnten, finden wir nicht nur die observierte Butcher's Row, sondern auch noch die beiden Harrison, Barber & Co Slaughterhouses: eins in der Winthrop Street, Parallelstraße zum Tatort Buck´s Row, und eins im Barber´s Yard nahe Tatort Hanbury Street.
Dort wurde auch über Nacht gearbeitet, damit die Kunden morgens frisches Fleisch hatten. Diese Metzger zerlegten also routinemäßig Körper unter schlechten Lichtverhältnissen - so wie der Ripper.

Und vielleicht weiß jemand von euch ja genaueres dazu:
Ich nehme mal an, die angestellten Metzger hatten damals i.d.R. ihr eigenes Arbeitswerkzeug (so wie dies auch in anderen Branchen üblich war bzw. bis heute ist), nahmen es zur Arbeit mit und am Feierabend wieder mit nach Hause. Dazu würde passen, dass einige Zeugen den mutmaßlichen Ripper mit einem Päckchen in der Hand gesehen hatten.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 30.04.2016 22:15 Uhr
Verdammt kleine Welt, dieses 90.000-Einwohner-Stadtviertel...

Die Zahlen fürs East End und für Whitechapel schwanken, so fiel es mir auf, immer wieder. Für Whitechapel zwischen 75000-80000-90000 und fürs East End sogar noch mehr. Kommt vielleicht auch darauf an, was dann zum East End gezählt wird (Whitechapel, Spitalfields, Mile End New und Old Town, Stepney, Bow, St. George in the east, Shoreditch...). Hier, ein interessanter Artikel, der von 75000 bzw. Gesamt 900 000 angibt:

http://www.essaysinhistory.com/articles/2012/90

Zu deinem anderen Post:

Via Macnaghten und Anderson war der Verdächtige ein jüdischer Ausländer, ein jüdischer Pole. Cox und Sagar jedoch äußerten sich nicht auf diese Weise. Sagar sagte zwar jüdischer Schlächter und Cox seiner lebte in einer jüdisch geprägten Straße aber sie gaben keinen Ausländer oder Polen an. Und Jacob Levy war ja im Prinzip Engländer.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 01.05.2016 09:30 Uhr
Hallo Lestrade,

das mit den abweichenden Bevölkerungszahlen ist leicht nachvollziehbar: London war damals die am schnellsten wachsende Stadt des Erdballs, insbesondere die Armenviertel wuchsen rasant, und viele Neuankömmlinge waren nicht ordnungsgemäß behördlich gemeldet, so dass es letztendlich keine wirklich korrekte Zahl geben konnte, sondern bestenfalls Annäherungen und Schätzungen.
Ich habe nur für eine Einschätzung der Größenordnungen nach Zahlen gesucht und die Werte von etwa 90.000 für Whitechapel und etwa 600.000 fürs ganze Eastend im Hinterkopf behalten - weil mir das verdeutlicht, dass allein Whitechapel bevölkerungsmäßig eine Mittelstadt war und das Eastend für sich eine Großstadt.


Aber egal, ich verstehe diese Anmerkung von dir nicht ganz:

"Via Macnaghten und Anderson war der Verdächtige ein jüdischer Ausländer, ein jüdischer Pole. Cox und Sagar jedoch äußerten sich nicht auf diese Weise. Sagar sagte zwar jüdischer Schlächter und Cox seiner lebte in einer jüdisch geprägten Straße aber sie gaben keinen Ausländer oder Polen an. Und Jacob Levy war ja im Prinzip Engländer."


Worauf willst du damit hinaus? Dass Levy nicht der beschriebene Verdächtige hätte sein können, weil er ja "Engländer" war?
Es ist doch sogar heute noch so, dass Menschen wegen ihres Aussehens und/oder wegen ihren Traditionen von manchen Leuten als "Ausländer"  angesehen und bezeichnet werden, obwohl sie im Land geboren sind und ihre Familie bereits in der zweiten oder dritten Generation im Land lebt und die Staatsbürgerschaft hat. Nur weil ihre Großeltern früher mal eingewandert sind und weiter eigene Traditionen gepflegt werden, werden sie ihn gewissen Kreisen auch nach drei Generationen noch als "Ausländer" angesehen. Insbesondere wenn sie eine andere Religion als die Bevölkerungsmehrheit haben.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 01.05.2016 11:31 Uhr
Hallo allesamt!


Eine weitere Überlegung zum Verdächtigen-Profil von Jacob Levy:


Seine Frau beklagte bei Jacobs Einweisung ja, dass er angefangen habe, Geld zu verschwenden. Einiges von dem Geld dürfte dabei draufgegangen sein,  dass er angefangen hatte zu trinken, wie seine Frau ja angab.

Ein weiterer Grund könnte gewesen sein, dass er nun öfter Kleidung zum Wechseln kaufte als früher, falls er der Ripper war. Dann er hätte er sich regelmäßig andere Sachen gekauft, um auf der Suche nach Opfern nicht so leicht anhand seiner Kleidung wiedererkannt zu werden und die blutbefleckten Beweise nach der Tat entsorgen zu können.

Die Männer, die zuletzt mit den Opfern gesehen wurden, trugen ja offenbar unterschiedliche dunkle Mäntel und Hüte. Im Falle Eddowes sprachen die Zeugen von einer Person, die wie ein Seemann aussah, Hutchinson sagte, Kellys Begleiter habe gar einen Astrachan-Mantel getragen.

Es ist ja ein altes Problem, das in Ripperologen-Kreise schon länger diskutiert wird: Wenn der Ripper ein Einwohner Whitechapels war und, wie von Profilern erklärt wird, dieser Serienmörder selbst kein bessergestellter Bürger gewesen sein dürfte - wie konnte er dann das Problem mit seiner blutbefleckten Kleidung lösen?

Zwei naheliegende Möglichkeiten fallen dazu ein:
Entweder er stahl Kleidung - und Jacobs Frau sprach ja davon, dass er angefangen habe, anderer Leute Sachen mitgehen zu lassen.
Oder er besorgte sich günstige Secondhand-Ware, z.B. auf dem Petticoat Street Market - und diese zusätzlichen Ausgaben wären bei einem Geringverdiener seinem Umfeld aufgefallen, genauso wie Jacobs Frau Sarah.


MfG, Arthur Dent



P.S. Weiß jemand, ob vielleicht wichtige Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der Goulston Street lebten? Solche, die an der Entscheidung beteiligt gewesen sein könnten, dass einem Metzger wegen Fehlverhaltens die Lizenz entzogen wird?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 01.05.2016 12:29 Uhr
Hi Arthur!

Worauf willst du damit hinaus? Dass Levy nicht der beschriebene Verdächtige hätte sein können, weil er ja "Engländer" war?
Es ist doch sogar heute noch so, dass Menschen wegen ihres Aussehens und/oder wegen ihren Traditionen von manchen Leuten als "Ausländer"  angesehen und bezeichnet werden, obwohl sie im Land geboren sind und ihre Familie bereits in der zweiten oder dritten Generation im Land lebt und die Staatsbürgerschaft hat. Nur weil ihre Großeltern früher mal eingewandert sind und weiter eigene Traditionen gepflegt werden, werden sie ihn gewissen Kreisen auch nach drei Generationen noch als "Ausländer" angesehen. Insbesondere wenn sie eine andere Religion als die Bevölkerungsmehrheit haben.

Ich meinte es eher so, dass der Mann oder die Männer von Cox und Sagar eben nicht Macnaghten´s und Anderson´s "Kosminski" war/waren und somit dafür jemand anderes oder andere in Betracht kommen und ich bevorzuge dann dafür eben auch Jacob Levy. Neulich schrieb ich in diesem Faden, dass es im September 1889 die Mitteilung in der Presse gab, dass Jack the Ripper ein Crazy Jewish Butcher sei (dass sollte dann auf jeden Fall Sagar´s Verdächtiger in der Butchers Row gewesen sein) und man dann 1890/91 erneut von einem "Jacobs" hörte, einen Slaughterman, der Jack the Ripper gewesen sein soll. Es lässt sich nicht ganz einfach dort durchblicken aber offenbar, im 1889er Fall, könnte eben jener Schlächter länger beobachtet worden sein. Kürzlich meinte Paul Begg in einer Diskussion, an der ich beteiligt war, dass er nicht glaubt, dass der Mann von Cox "Kosminski" war. Es ist zwar so, dass die Familie mütterlicherseits von Aaron Kozminski Schlächter waren aber das setzt diesen Mann ja nicht automatisch in die Butchers Row. In meiner Kosminski Theorie wünsche ich mir natürlich, dass eben jener Mann der Verdächtige von Cox und Sagar war aber das ist pure Spekulation. Man kann dafür agrumentieren aber nichts beweisen. Sind halt Überlegungen... Fakt ist doch und das ist mir voll bewusst, dass genauso gut Jacob Levy dieser Verdächtige war, wenigstens im Falle von Sagar... wie ich schon schrieb, mein Bauch sagt mir, dass Jacob Levy wirklich auf der Verdächtigen Liste der Polizei damals stand. Und das, du wirst es absolut nachempfinden können, wäre eine unheimlich spannende Sache. Vielleicht glaubte man bei der Polizei auch lange, dass er der Ripper war, bis man "Kosminski" im Seaside Home identifizierte und aufgrund dieses Glaubens, sprach Anderson´s Frau auch über den "Stone Asylum Ripper". Aber wie nun weiterverfahren?

Erst kürzlich bekam ich über privaten Wege von Scott Nelson (The Butchers Row Suspect) eine wichtige Information. Es ging dabei natürlich um David Cohen. Ich wiederum informierte Jeff Leahy der gut mit Martin Fido kann. Demnächst, nach meiner Umzieherei, wollen wir mit Martin Fido eine "Mail- Konferenz" starten um uns darüber auszutauschen. Ich hoffe, dass dies auch klappt. Was will ich damit sagen? "Kosminski", David Cohen und Jacob Levy etc. sind in meinen Augen Typen, wie wir sie im Ripper sehen sollten und es lohnt sich, oder kann sich lohnen, immer wieder bei ihnen "herumzubuddeln", neue Informationen zu finden. Das ist schwer und mühsam ernährt sich das Eichhörnchen aber man weiß nicht, auch nach Jahren, was es am Ende bringen kann. Ich halte es für wichtig, einen Jacob Levy immer wieder ins Gespräch zu bringen, so wie du das tust, an ihm könnte wirklich etwas dran sein.

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 01.05.2016 20:17 Uhr
Hallo Lestrade!


"Neulich schrieb ich in diesem Faden, dass es im September 1889 die Mitteilung in der Presse gab, dass Jack the Ripper ein Crazy Jewish Butcher sei (dass sollte dann auf jeden Fall Sagar´s Verdächtiger in der Butchers Row gewesen sein) und man dann 1890/91 erneut von einem "Jacobs" hörte, einen Slaughterman, der Jack the Ripper gewesen sein soll. Es lässt sich nicht ganz einfach dort durchblicken aber offenbar, im 1889er Fall, könnte eben jener Schlächter länger beobachtet worden sein."

Was du da schreibst, passt zu Anmerkungen, die ich in der Timeline des Casebook gefunden und in meine Levy-Hypothese eingebaut hatte.
Im Februar 1891 steht da:
"Frances Coles killed in Swallow Gardens (...) A scare similar to the 'Leather Apron' scare of September, 1888, begins anew with a man named Jacobs, believed by the public to be the killer soon after the Frances Coles murder."
http://www.casebook.org/timeline.html

Und September 1889, das passt zeitlich zu den Ermittlungen nach dem Mord an Alice McKenzie im Juli.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 01.05.2016 22:16 Uhr
Zugegebenermaßen kenne ich nur das folgende über "Jacobs", Arthur:

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/cjmorley/94.html

http://forum.casebook.org/showthread.php?t=3896

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=16627

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 01.05.2016 23:41 Uhr
Hi Lestrade!

Mehr weiß ich über diese Gerüchte um "Jacobs" auch nicht, denn ich konnte dazu auch nicht mehr als diese paar Sätze finden.

Aber ich warte schon mit Spannung auf deinen Bericht über die Ergebnisse eurer Mail-Konferenz! :-)


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 02.05.2016 10:10 Uhr
Du wirst es wahrscheinlich ja kennen aber hier für die anderen Interressierten, ein Link zu der Aussage von Lesson (aus dem zweiten Link in meinem letzten Post):

Lost London: The Memoirs of an East End Detective
by Ex-Det. Sergeant B. Leeson
Stanley Paul & Co. Ltd (London) 1934

http://www.casebook.org/ripper_media/rps.lostlondon.html

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 02.05.2016 20:06 Uhr
Hallo zusammen!


Ich habe mal die Whitechapel-Karte um die beiden Schlachthöfe bei den Tatorten Buck's Row und Hanbury Street ergänzt.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass in ihnen auch nachts gearbeitet wurde, dürfte klar werden, dass die Metzger-Theorie einiges für sich hat.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 05.05.2016 11:22 Uhr
Hallo zusammen,

als ich vorhin ein paar Detailkarten von Whitechapel studiert habe, fiel mir auf, dass mir bei der Positionierung von Messerfund und Cigar Shop ein Fehler unterlaufen ist:
Ich habe die Lage der Hausnummern 253 und 254 Whitechapel Road falsch eingetragen: Sie lagen offenbar ein gutes Stück weiter östlich vom London Hospital, wenn die Detailkarten stimmen. Sorry.

Daher habe ich das jetzt korrigiert.


MfG, Arthur Dent
 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 05.05.2016 14:33 Uhr
Hallo Arthur!

Stimmt, die Punkte sind jetzt richtig. Mir war das allerdings auch nicht aufgefallen. Bemerke erst jetzt, dass man deine Karten vergrößern kann.

Allerdings sind beide Shops westlich des London Hospitals gelegen oder ich habe das falsch verstanden, auch nicht wichtig.

Unterhalb dieser beiden Shops, in der Fieldgate Street, lebte Jacob Levy 1881. Ich weiß jetzt nicht, wo 3A genau lag aber so lang ist die Straße nicht. Die Nummerierung habe ich, glaube ich zumindest, auf meinem anderen Läppi, welches ich aber gerade nicht nutzen kann.

Beste Grüße, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 05.05.2016 15:10 Uhr
Interessant zu Jacob Levy´s Wohnort in der Middlesex Street ist natürlich auch der Zeuge George Hutchinson und seine Sichtung:

Hutchinson also said that he thought he saw Kelly's companion again in Middlesex Street (Petticoat Lane) on 11th November, but could not be certain. Also, he had apparently stayed out until 3.00am on 13th November looking for the man

Trotz meiner knappen Zeit, habe ich noch einmal die Berichte aus dem September 1889 überflogen. Zu dieser Zeit wurde berichtet, dass die Polizei die Theorie hatte, dass Jack the Ripper ein verrückter jüdischer Schlächter sei. Damals kursierten Berichte über drei Männer, Guzzling Jim, den Verdächtigen im Pinchin Street Mord und einem Geschäftsmann. Es war offenbar nicht der Fall, dass einer der beiden erstgenannten dieser Schlächter war, beim dritten wäre dies jedoch möglich.

Jedoch bemerkte ich erst jetzt, dass dieser Geschäftsmann erst seit einigen Jahren im East End lebte. Jacob Levy wurde jedoch in England geboren und das würde ihn dafür ausschließen. War dieser Geschäftsmann jedoch der verrückte jüdische Butcher, war er ein eingewanderter Jude.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 05.05.2016 16:25 Uhr
Hallo Lestrade,

natürlich hast du recht, ich habe mich vertippt. Es hätte entweder heißen müssen: Die Hausnummern sind ein Stück weiter westlich oder nicht so weit östlich...
Aber jetzt müsste die Lage in etwa stimmen.

Ich hatte da eine offenbar schon etwas ältere Seite von einem Geoff Cooper gefunden, der detaillierte Karten von Whitechapel ins Netz gestellt hat, inklusive Hausnummern und Angaben zu den ganzen Pubs, Lodging Houses, Police Stations usw:
http://www.jacktherippermap.info/index.php
War für mich recht nützlich, um eine genauere Vorstellung von der Geografie zu bekommen.


"Trotz meiner knappen Zeit, habe ich noch einmal die Berichte aus dem September 1889 überflogen. Zu dieser Zeit wurde berichtet, dass die Polizei die Theorie hatte, dass Jack the Ripper ein verrückter jüdischer Schlächter sei. Damals kursierten Berichte über drei Männer, Guzzling Jim, den Verdächtigen im Pinchin Street Mord und einem Geschäftsmann. Es war offenbar nicht der Fall, dass einer der beiden erstgenannten dieser Schlächter war, beim dritten wäre dies jedoch möglich.
Jedoch bemerkte ich erst jetzt, dass dieser Geschäftsmann erst seit einigen Jahren im East End lebte. Jacob Levy wurde jedoch in England geboren und das würde ihn dafür ausschließen. War dieser Geschäftsmann jedoch der verrückte jüdische Butcher, war er ein eingewanderter Jude."

Nun ja, wie ich schon sagte: Auch bei uns werden ja oft Leute noch als Ausländer und Eingewanderte angesehen, nur weil ihre Eltern oder Großeltern Migrationshintergrund hatten. Insbesondere wenn sie noch ihre eigenen Traditionen leben. Insofern würde mich nicht wundern, dass man auch im viktorianischen London die Mitglieder der jüdischen Gemeinde weiter als Ausländer sah, auch wenn sie bereits seit mehreren Generationen in England lebten.

Zudem gibt es ja leider jede Menge Ungenauigkeiten in den Überlieferungen, so dass wir nicht wissen, wieviel an diesem Detail dran ist.
Wenn wir hypergenau sein wollten, müsstest du ja Kosminski auch ausschließen, weil z.B. wichtige Polizeiquellen angaben, der Ripper-Verdächtige sei schon bald in der Irrenanstalt gestorben, während Kosminski noch lange Jahre weiter lebte. ;-)

Aber wir müssen uns ja auch nicht an der Person Jacob Levy festbeißen. Wie ich schon einmal irgendwo im Forum schrieb:
Seine Biographie und sein geographisches Profil passen für mich einfach viel besser auf JTR als so mancher Klassiker unter den diskutierten Verdächtigen.
Für mich war JTR so jemand wie Jacob Levy. Er könnte es tatsächlich selber gewesen sein, und zwar m.E. mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit als z.B. Druitt, Gull, Sickert, Maybrick...
Oder JTR war zumindest jemand, der eine verblüffende Ähnlichkeit zu Jacob Levy und seiner Vita aufweist: Verrückter-Metzger-Theorie eben.


"Trotz meiner knappen Zeit, habe ich noch einmal die Berichte aus dem September 1889 überflogen. Zu dieser Zeit wurde berichtet, dass die Polizei die Theorie hatte, dass Jack the Ripper ein verrückter jüdischer Schlächter sei."

Könntest du entsprechende Quellen dazu verlinken? Das wäre äußerst interessant für mich.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 05.05.2016 18:33 Uhr
Ja, die Karten habe ich mir von Geoff Cooper damals auch schicken lassen, als Download und die große Karte auch zum in die Hand nehmen. Vielleicht hänge ich mir die noch eines Tages an die Wand... da stimmt allerdings die Sache mit den Hausnummern für 253 und 254 Whitechapel Road... hattest du noch was älteres?

Ich denke, es bedeutet ja nicht automatisch, dass der verrückte jüdische Schlächter zu den drei Verdächtigen gehörte. Könnte ja auch 3 + 1 sein. Es bleibt doch ein 50:50 Chance.

Hier der Link, dachte ich hätte ihn schon gepostet aber das waren wohl nur die Guzzling Jim Links. Gleich der erste Post von Howard:

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=25467

Ansonsten macht man nichts verkehrt, da bin ich überzeugt, wenn man Typen wie Jacob Levy oder Aaron Kozminski als Ripperähnlich sieht. Auch in ihrer Geographie oder der, der Familie. Übrigens, auch Sagar war sich nicht sicher, was seinen Verdächtigen anbelangte:

it is believed that he made his way to Australia and died there... but what became of him we don't know...

Der "Kosminski" der starb, könnte ja auch David Cohen gewesen sein. Passt zeitlich nicht ganz mit dem vermuteten Seaside Home in Brighton und der dortigen Identifikation aber es war ja nicht das einzige dieser Art, wenn überhaupt dieser Art. Macnaghten wusste es 1894 ebenfalls nicht genau, als er schrieb, dass er denke, der Mann sei immer noch in einer Anstalt. Ich glaube jedoch, dass es sich um Aaron Kozminski handelte, wenn auch mit einigen Verstrickungen mit Umständen, die schwer zu verstehen sind. Habe darüber schon viel in den Foren geschrieben, Erklärungsversuche und Möglichkeiten aufgezeigt. Am Ende sind das natürlich nur Spekulationen und Hypothesen. Man könnte auch sagen, dass Swanson die Verlegung Kosminskis von Colney Hatch nach Leavesden in 1894 als Anlass nahm, ihn für bald tot anzusehen, weil sein Zustand (am Ende wohl eher vorübergehend) sich verschlechterte und er vielleicht eine schlechte Prognose hatte, wie ihm möglicherweise die Ärzte sagten. Aber Swanson sagte, er starb in Colney Hatch und nirgends anders also macht das diese Überlegung auch wieder sinnloser. Sims schrieb ja, dass auch der Pole (Kosminski), immer wieder eine bestimmte Zeit unter seinen Leuten (in Freiheit) verbrachte, bis er nicht mehr aus der Anstalt kam. Das passt irgendwie nicht zu Swanson´s Aussage.

Ich komme am Ende immer wieder auf David Cohen zurück. Hier könnte der Fehler bei Swanson liegen. Im Falle von "Kosminski" (Aaron Kozminski), übernahm die City Police die Überwachung (egal ob das jetzt der Mann von Cox und/oder Sagar war) noch vor Ende 1888 und die MET, zu der Swanson gehörte, war vorerst raus. Keine Ahnung wer dann alles in die Seaside Home ID (1890/91) involviert gewesen war aber Aaron Kozminski ging dann den gleichen Weg wie David Cohen. Erkundigte sich Swanson 1892/93/94 in Colney Hatch nach dem Mann, könnte er eine falsche Antwort erhalten haben. Und vielleicht gab es bereits früher eine Verwechslung beider Männer. Anderson und Swanson müssen so nicht gedacht haben, nur Swanson für sich selbst. Und mit einer früheren stattgefunden Verwechslung meine ich, dass ihm z.B. ein Kollege der City Police gesteckt hatte, dass der Verdächtige "Kosminski" bereits verstorben sei, von dem er überzeugt gewesen war, der Ripper zu sein. Nur er könnte einen andere Kosminski gemeint haben. Und jetzt komme ich wieder zurück auf "deinen Verdächtigen", denn im Bordell von Gertrude Smith, quasi im Hause des Bruders von Jacob Levy, John, gab es eben diesen rätselhaften Vorfall mit N. Cohen und Aaron Davis Cohen und wir wissen nicht, ob beide Männer vielleicht "Kosminskis" waren. Jacob Levy´s Bruder John ließ einen Puff in seinen Geschäftsräumen zu. Vielleicht holte sich Jacob da auch seine Krankheit weg. Vielleicht hatte er dort Sonderrechte und behandelte die Prostituierten entsprechend. Vielleicht verhielt er sich wie ein Zuhälter usw. Schon im September 1888, nach dem Chapman Mord, wenn ich korrekt bin, meldete sich eine Bordellbesitzerin anonym, dass sie wahrscheinlich wüsste, wer Lederschürze bzw. der Whitechapel Mörder sei. Vielleicht war das auch schon Gertrude Smith.

Wir wissen nicht genau, was dort in der Nummer 254 wirklich vorgefallen ist. Aber die Vorfälle könnten Jacob Levy und David Cohen in den Focus der Polizei gerrückt haben. Und da wir nicht genau wissen, was sich hinter den Cohens verbirgt, kommen auch "Kosminskis" irgendwie in Betracht. Es ist natürlich alles, ich wiederhole mich, pure Spekulation aber falls David Cohen ein Ripper Verdächtiger war, dann ist es nicht weit hergeholt, finde ich, dass aufgrund des Bordells, was Gertude Smith als "Zigarrenladen" von John Levy "übernahm", auch der Bruder von John, nämlich Jacob Levy, verdächtigt worden sein könnte, falls er dort ein- und ausging und dort auch krank wurde. Er war Schlächter, arbeitete sicherlich nachts, trug Messer und Lederschürze und falls es dort einst Verdächtigungen im Bordell gab... du kennst die weiteren Details von Jacob Levy... klar, er wird vielleicht nicht Jack the Ripper gewesen sein aber wer weiß, wie dicht er am wahren Geschehen gewesen war... 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 06.05.2016 20:05 Uhr
Hallo Lestrade,

frag mich nicht, wie mir das trotz dieser Karten mit den Hausnummern passiert ist, ich weiß es nicht. Ich muss da was falsch im Hinterkopf gehabt haben, als ich die Punkte auf der anderen Karte eingetragen habe.
Jedenfalls habe ich es dank einem erneuten Stöbern im Kartenmaterial jetzt bemerkt.


"Schon im September 1888, nach dem Chapman Mord, wenn ich korrekt bin, meldete sich eine Bordellbesitzerin anonym, dass sie wahrscheinlich wüsste, wer Lederschürze bzw. der Whitechapel Mörder sei. Vielleicht war das auch schon Gertrude Smith."

Das ist interessant, das wusste ich bisher auch noch nicht (auch wenn es wohl einige gegeben haben dürfte, die irgendwelche Leute verdächtigten und damit zur Polizei gingen - düstere Gestalten gab es in Whitechapel ja genug).


"Es ist natürlich alles, ich wiederhole mich, pure Spekulation aber falls David Cohen ein Ripper Verdächtiger war, dann ist es nicht weit hergeholt, finde ich, dass aufgrund des Bordells, was Gertude Smith als "Zigarrenladen" von John Levy "übernahm", auch der Bruder von John, nämlich Jacob Levy, verdächtigt worden sein könnte, falls er dort ein- und ausging und dort auch krank wurde. Er war Schlächter, arbeitete sicherlich nachts, trug Messer und Lederschürze und falls es dort einst Verdächtigungen im Bordell gab... du kennst die weiteren Details von Jacob Levy... klar, er wird vielleicht nicht Jack the Ripper gewesen sein aber wer weiß, wie dicht er am wahren Geschehen gewesen war..."

Nun ja, aber wir haben ja auch nicht viel mehr als Spekulation: Wir können nur versuchen, die Puzzleteilchen, die wir finden, irgendwie daraufhin zu überprüfen, ob sie zusammenpassen könnten.
Immerhin denke ich, bewegen wir uns mit unseren nachgewiesenen Irren aus Whitechapel dichter an der historischen Wahrheit als so manche Spekulation über Leute wie Druitt, Gull oder gar Prince Albert Victor...


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 06.05.2016 20:07 Uhr
Hallo Zusammen!


Die Zeitungsartikel im Casebook, auf die Lestrade verlinkt hat (vielen Dank dafür) finde ich sehr erhellend, sie vervollständigen das Bild, das Anderson, Swanson, Cox und Sagar gezeichnet haben, m.E. auf sehr schlüssige Weise:

R.J. Palmer:
"The second man is now being watched. He is a resident of the East End, and has been for years. For a long time he has been acting in the most suspicious fashion. He has a business, to which he scarcely ever personally attends. He goes about drinking, and is to be met at all hours of the night in the streets all over the neighborhood. He enters his house at hours when his wife and family have long been at rest. No member of his family dare question him as to his ramblings. He knocks about among the lowest class of women at unearthly hours, although, according to general report, their very appearance is hateful in his sight. His hatred has been produced by physical suffering, for which, like most men of his class, he holds himself perfectly irresponsible. His habits are such as to give one the notion that he is not altogether in a fit position to be allowed to roam at will. Whether he has anything to do with any crime, it is, of course, impossible to say, but he is kept in view."

"He is a resident of the East End, and has been for years. For a long time he has been acting in the most suspicious fashion." - offensichtlich meint er einen im East End lebenden Metzger.

"He has a business, to which he scarcely ever personally attends." - Er vernachlässigt sein Geschäft, so wie von Jacob Levys Frau beklagt. 

"He goes about drinking, and is to be met at all hours of the night in the streets all over the neighborhood." - Er hat angefangen zu trinken und streift nachts umher, so wie Levys Frau gesagt hat.

"He knocks about among the lowest class of women at unearthly hours, although, according to general report, their very appearance is hateful in his sight." - Er treibt sich bei Prostituierten herum, obwohl er sie hasst.

"His hatred has been produced by physical suffering, for which, like most men of his class, he holds himself perfectly irresponsible." - Sein Hass kommt von einer Syphilis-Infektion, wofür er die Schuld nicht bei sich, sondern bei anderen sucht.


Das ist eine sehr präzise Beschreibung des Profils, wie ich mir JTR vorstelle - und es passt vor allem gut auf Jacob Levy. ;-)


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 06.05.2016 20:11 Uhr
Die folgenden Zeitungsausschnitte sind auch sehr interessant:


Rochester Democrat And Chronicle, September 16, 1889:
"The London Police has a theory that Jack the Ripper is a crazy jewish butcher."


North Eastern Daily Gazette, September 18, 1889:
The Whitechapel Mystery - A Detective's Views:
"We are watching now three men, besides the usual night-birds of Whitechapel. One man created some stir during the last murders under circumstances which I need not say anything about. He is a curious sort of fellow; in business, but not doing much to keep it going. His wife and daughter see to it, and he is out at all hours of the night. He says he is a member of the vigilance committee, but I can't answer as to that. No, I won't tell you his name, even if you do want to find out if he is a member or not. This man is out at all hours of the night, and he lets himself in some quietly that his wife does not know what time he really arrives home. She generally finds him in the shop when she comes down the morning. He is being watched, but we can't arrest him only on the suspicious we have. We must wait further developments."

"in business, but not doing much to keep it going" - er vernachlässigt sein Geschäft.

"This man is out at all hours of the night, and he lets himself in some quietly that his wife does not know what time he really arrives home."  - er streift nachts umher, und seine Frau weiß nicht, wann er zurückkommt.

"She generally finds him in the shop when she comes down the morning." - Die Erklärung dafür, warum seine Frau nichts bemerkt haben könnte: Sie schlief in der Wohnung, er im Shop. Ich vermutete ja schon früher: Wenn JTR Familie hatte, dann muss er wohl woanders genächtigt haben als seine Frau, vermutlich wegen ehelicher Differenzen.



Sunday Chronicle, October 15, 1905:
"We found our man. He was engaged in a large way of business in the city of London, was married, had a family, and was generally respected. For some time he had been known as eccentric, and various escapades had caused his friends a good deal of anxiety.
Frequently, as we learned later, he stayed out all night about the time when these outrages were committed. His description agreed with that of a man seen in Dorset-street, Whitechapel, on the night when Mary Jane Kelly was cut to pieces, and at that time he was very near to actual arrest by a policeman."

"He was engaged in a large way of business in the city of London" - City of London, nicht Whitechapel! Das würde zum Butcher's Row Suspect passen, denn die Butcher's Row lag bereits auf City-Territorium - und die Middlesex Street war die Grenze zwischen Whitechapel und City of London.



@ Lestrade:
Die letzten Sätze des Textes erinnern mich übrigens an deine These, dass es einen uns noch unbekannten Zeugen nach dem Kelly-Mord gegeben haben muss.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 07.05.2016 00:39 Uhr
Ja Arthur, eben diese Berichte lassen vermuten, dass dieser Mann ein jüdischer Butcher gewesen sein könnte, der in der City arbeitete und vielleicht in Whitechapel mit seiner Familie lebte und an Syphilis litt. Und der Arbeitsort, klar, dies könnte die Butchers Row gewesen sein.

Ich bin an deiner Meinung interessiert:

"The second man is now being watched" bedeutete um den 13. September 1889 herum. Cox sollte zwischen November/ Dezember 1888 bis Februar/ März 1889 seinen Job getan haben.

Sagar:

"We had good reason to suspect a certain man who worked in 'Butcher's-row,' Aldgate," he said, "and we watched him carefully. There was no doubt that this man was insane, and after a time his friends thought it advisable to have him removed to a private asylum. After he was removed there were no more Ripper atrocities." und die andere Angaben von Sagar...

http://cgp100.pwp.blueyonder.co.uk/SagarReports.htm

klingen auch eher nach der Zeit kurz nach dem Kelly Mord.

Was meinst du? Cox als auch Sagar sprachen von einer Anstalt in Surrey bzw. von einer privaten Anstalt. Klingt das für dich mit ihren Zeitangaben (Ende 1888/ Anfang 1889) und "Der zweite Mann wird jetzt beobachtet" (13 September 1889) schlüssig? Klingt es danach, dass dieser zweite Mann bereits vor dem September 1889 beobachtet wurde. Cox sagte "fast drei Monate" (zumindest seine Zeit) und bei Sagar klingt es kürzer (für mich) und so müsste eine gewisse Pause zwischen diesen beiden Daten stattgefunden haben. Aber es ist nichts bekannt, dass Jacob Levy in irgendeiner privaten oder Surrey Anstalt eingeliefert wurde (was aber dennoch der Fall gewesen sein könnte). Wir wissen nur, dass er am 15 August 1890 nach Stone (Kent) kam und 1886 nach Essex in die Anstalt. Wenn wir alleine bei Sagar bleiben, passt das zu Jacob Levy?

Oder aber, wäre es möglich, dass die Polizei den von George Hutchinson beschriebenen Mann bei Kelly (und von ihm Tage später im November 1888 in der Middlesex Street sogar wieder wiedergesehen), um den September 1889 tatsächlich ermitteln konnte? Auch wenn er nicht der Mann von Sagar war, könnte es sich eben um einen jüdischen Metzger mit Syphilis gehandelt haben. Und es könnte Jacob Levy gewesen sein. Meine Überlegung lautet: Sah George Hutchinson Jacob Levy?

Laut Swanson wurden über 80 Fleischereibetriebe in und um Whitechapel herum ins Visier genommen. Das war auch nicht verwunderlich, denn solche Männer in Positionen dieses Berufszweiges wurden verdächtigt. Insgesamt gab es dabei sicherlich eine beachtliche Zahl von Personen die in Frage kamen und mehr wie einer von ihnen, dürfte psychische Probleme gehabt haben, damals, danach oder auch davor (siehe Issenschmid, Levy und De Leeuw). Ich finde es wichtig, vielleicht in Betracht zu ziehen, dass im Laufe der Zeit einige Metzger bzw. ihre Angestellten observiert worden sind. Der oben beschriebene Mann schien aber eher kein einfacher Angestellter zu sein, sondern mehr ein Geschäftsmann. Man könnte das auch bei Sagar denken aber keiner der Macher dort verschwand aus der Butchers Row zur Zeit der Morde (jedenfalls ist das nicht bekannt). Wer mir dazu einfällt, wäre nur John Attfield, da müsste ich noch einmal nachlesen bzw. recherchieren. Er war mit Thomas Knott einst nicht nur in der Butchers Row aktiv sondern auch auf dem zentralen Fleischmarkt in der City of London. Vielleicht war einer wie Attfield der "zweite Mann" bzw. jener "Geschäftsmann" und Sagar beobachtete eher einen Angestellten.

Nehmen wir mal noch den Polizisten Lesson aus meinem geposteten Link hier im Faden, er sagte:

After this a story circulated that the " Ripper " was a butcher, who wore blue overalls and a leather apron, and an English Jew named Jacobs, a perfectly harmless man, somehow attracted suspicion to himself. Possibly because, working in a slaughter-house, lie always wore a leather apron.

People would point Jacobs out in the street as the suspected man, and more than once he had to run for it. I myself was often obliged to take him into the police station for protection. The thing so preyed on the poor fellow's mind that it finally caused him to lose his reason.

I am afraid I cannot throw any light on the problem of the " Ripper's " identity, but one thing I do know, and that is that amongst the police who were most concerned in the case there was a general feeling that a certain doctor, known to nee, could have thrown quite a lot of light on the subject. This particular doctor was never far away when the crimes were committed, and it is certain that the injuries inflicted on the victims could only have been done by one skilled in the use of the knife.


Neben diesem "Jacobs" (Jacob Levy und/oder vielleicht der Mann aus dem September 1889?) erwähnt er einen Arzt, This particular doctor was never far away when the crimes were committed  . Wer war dieser Arzt?

Mich erinnert das an einen anderen Beamten, Keaton:

In 1969 ex-Inspector Lewis Henry Keaton, gave a tape recorded interview, in which he proposed the theory that the Ripper was a doctor who was collecting specimens of infected wombs for research puposes. Unfortunately, just as he was about to name his suspect as either Dr Cohn or Koch, or someone else whose name he could not recall, who used strychnine on his victims, the interviewer drowned out Keaton's words with interruptions. Keaton did not in fact join the police force until 1891, three years after the cessation of the Ripper murders, so therefore had no first hand knowledge of the Ripper case. Keaton appeared to have confused his Ripper suspect with Dr Thomas Neil Cream, who used strychnine on his victims. Keaton, at the time of his interview, was almost 100 years old.

Ein 100jähriger mixte hier vielleicht Tumblety und Cream miteinander aber er sagte auch Dr. Cohn und somit lande ich wieder bei John Levy´s Ex-Shop mit den beiden Cohen.

Jacob Levy wurde vielleicht und mutmaßlich von Hutchinson gesehen und wiedererkannt, ein Cohn, etwas wie ein Arzt, war immer in der Nähe wenn die Morde geschahen und nach allem und nur wenigen Beamten bekannt, wurde Kosminski gegen Ende 1890 wahrhaftig von einem Zeugen identifiziert und von diesen Beamten auch für den wahren Jack the Ripper gehalten. Levy, Guzzling Jim, Dr. Cohn, Tumblety und Cream waren damit raus... man kann natürlich mutmaßen, dass Dr. Cohn "Kosminski" war... das würde aber nichts daran ändern, dass Jacob Levy zum Kreis der Verdächtigen gehörte...


Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 07.05.2016 11:53 Uhr
Hallo Lestrade,

ich muss die Zusatzinformationen dieser Zeitungartikel von 1889 erst mal verarbeiten und ein bisschen wirken lassen, bevor sich mir vielleicht ein klareres Bild ergibt.

Zunächst bestätigen sie ja, dass die Polizei in der zweiten Jahreshälfte von 1889 mehrere Verdächtige - mindestens drei - offenbar über längere Zeit observierte. Wir haben also dasselbe Problem wie schon bei Sagar und Cox allein: Welche Quellen und Informationen beziehen sich auf denselben Verdächtigen und denselben Observationszeitraum, und wo haben wir es mit einem der anderen Observierten zu tun?

Da die Polizei bereits im Oktober 1888 alle Metzgereien und Schlachterein überprüft hatte und alle Leute, die in den letzten sechs Monaten dort beschäftigt gewesen waren, könnten auch mehrere jüdische Metzger oder anderweitig in der Butcher's Row Beschäftigte zu verschiedenen Zeiten beobachtet worden sein, wie du ja zurecht selbst schon angeführt hast.

Von der zeitlichen Abfolge her habe ich es bisher so interpretiert, dass Sagars Observation des Butcher's Row Suspect recht früh nach dem Kelly-Mord gewesen sein dürfte, also irgendwann von Ende 1888 bis Mitte 1889, weil er explizit erklärte, dass nach Beginn der Überwachung die Ripper-Morde aufhörten.
Und Cox kam für mich nach Sagar, weil er bereits nicht mehr von "worked" an einem bestimmten Ort schrieb, sondern nur noch von "occupied several shops" und "from time to time he became insane" - was für mich ein Hinweis auf den beginnenden Verfall des Verdächtigen war: Er konnte nicht mehr richtig arbeiten, man schob ihn untereinander herum, um sich beim Beaufsichtigen abzuwechseln und musste ihn schließlich gar einige Zeit in eine Anstalt bringen. Das wäre dann für mich der Zeitraum der zweiten Jahreshälfte 1889 bis zu der endgültigen Einweisung des Verdächtigen 1890 oder 1891 nach der Identifikation im Seaside Home gewesen (auch wenn wir bisher keine Anhaltspunkte für eine vorrübergehende Unterbringung eines Verdächtigen in irgendeiner Anstalt für diesen Zeitraum haben).

Wegen dieser Zeitungsartikel zum "Crazy jewish butcher" nach dem Coles-Mord stellt sich mir nun aber die Frage, ob sich Sagars Aussage des letzten Ripper-Mordes nicht auf Kelly, sondern auf Coles bezogen haben könnte, und die Überwachung vielleicht erst im Spätsommer 1889 nach dem Mord an Coles begann.
Dann würde sich aber alles zeitlich nach hinten verschieben und es gäbe eine erklärungsbedürftige Lücke von über einem halben Jahr von Ende 1888 an, wo uns weder Ripper-Aktivitäten noch Observationen bekannt wären. Ein ernsthaftes Problem, über das ich noch nachdenken muss.
 


Immerhin scheinen die Artikel das Verdächtigen-Profil vom verrückten jüdischen Metzger zu stützen (unabhängig davon, ob nun tatsächlich auf Jacob Levy bezogen oder jemand mit einer ähnlichen Vita).
Wichtig finde ich vor allem die Parallelen in der Beschreibung von Palmer, der North Eastern Daily Gazette und des Sunday Chronicle:
Ein einheimischer Geschäftsmann, bei den meisten explizit im Metzger-Business, der seltsam wurde und sein Geschäft vernachlässigte, und dessen Ehefrau und Familie seiner Veränderung hilflos gegenüberstanden. Diese Aussagen von Palmer, der North Eastern Daily Gazette und des Sunday Chronicle scheinen sich auf dieselbe Person zu beziehen.



Was Leesons und Keatons Anmerkungen zu diesen Doktor angeht, der immer in der Nähe der Morde gewesen sei, so denke ich auch, dass sich dies entweder auf Tumblety (Organsammler) oder Cream (Strychnin) beziehungsweise einer Vermischung beider bezieht.
Aber die Arzt-Theorie habe ich für mich eigentlich schon relativ früh als eher unwahrscheinlich in den Hintergrund gestellt - ein Arzt hätte wohl besere Möglichkeiten gefunden, als auf der Straße zu morden und zu verstümmeln wie JTR.
Da halte ich im Falle der Torso-Morde einen Mediziner für wahrscheinlicher: Irgendwie schaffte der Täter die zum Teil bis heute unbekannten Opfer an einen ungestörten Ort, wo er sie komplett zerlegen konnte. Das spricht m.E. für ein größeres Einzugsgebiet mit besserer Mobilität, für eigene private Räumlichkeiten und die Möglichkeit große Pakete durch die Gegend zu transportieren, es setzt mehr Planung, Zeit und Wirtschaftskraft voraus. Vor allem: Was tat der Torso-Mörder mit den Köpfen? Aber lassen wir das, ist ein anderes Thema.



MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 07.05.2016 12:39 Uhr
Hallo zusammen!


Was den Fall JTR so knifflig macht: Wir stecken gewissermaßen in einem Mehrebenen-Dilemma aufgrund der begrenzten und zum Teil ungenauen oder widersprüchlichen Informationen aus unterschiedlichen Quellen.

1. Wir wissen zwar, dass es Verdächtige gab, aber wir haben nicht die komplette zeitgenössische Verdächtigen-Liste - somit wissen wir nicht, wieviele wirklich gute Verdächtige die Polizei überhaupt auf dem Schirm hatte, und auch nicht, ob auf der anderen Seite uns vielleicht wirklich gute zeitgenössische Verdächtige in unseren Überlegungen fehlen.
2. Wir wissen zwar, dass es Observationen von dringend Verdächtigen gab, wissen aber nicht, wer tatsächlich observiert wurde.
3. Wir wissen nicht, ob es gegen die von der Polizei Observierten tatsächlich Verdachtsmomente gab, die kriminologisch deutlich besser waren als bei den übrigen Verdächtigen, die über die Jahre ausgegraben wurden.

Folglich gibt es folgende Möglichkeiten:
1. Im besten Fall war JTR tatsächlich unter den Observierten, wir haben ihn auch auf unserer zeitgenössischen Verdächtigenliste und können am Ende beides zusammenfügen.
2. Im realistischeren Fall können wir die erwähnten Observationen zwar vielleicht bestimmten Verdächtigen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zuordnen, wissen aber am Ende immer noch nicht, wer davon JTR war oder ob er tatsächlich darunter ist.
3. Die Polizei hatte vielleicht JTR tatsächlich auf der Liste der Observierten, wir können ihn heute aber nicht mehr zuordnen, weil wir keine vollständige Verdächtigenliste und ihn überhaupt nicht auf dem Schirm haben.
4. Die Polizei hatte damals den echten JTR gar nicht unter den Observierten - d.h. selbst wenn wir diese zuordnen bzw. identifizieren können, hilft uns das nicht weiter.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 07.05.2016 12:53 Uhr
Lieben Dank Arthur!

Kurz für mich zum Verständnis:

Meinst Du Mackenzie für Juli 1889 oder Coles für Februar 1891?

Für Coles unterstütze ich die Sagar Theory, da er ja tatsächlich im Dezember 1890 gegenüber der Butchers Row eine Observation tätigte. Zu der Zeit war Jacob Levy jedoch schon in Stone.

Cox schrieb, dass sie dem Mann nach Kelly auf der Spur kamen. Hier käme jedoch Eddowes als eine "Kelly" in Frage, da ihr Partner so hieß. Also dann sogar früher...

Keaton hörte sicherlich von verschiedenen Verdächtigen, darunter vielleicht Dr. Tumblety, Dr. Cream und Cohn/Koch und brachte sie wahrscheinlich durcheinander. Die beiden erstgenannten waren Doktoren und Tumblety sicherlich ein "spezieller", wie von Lesson erwähnt. Es ist aber tatsächlich so, dass via Macnaghten, "Kosminski" einst in einem Krankenhaus in Polen gearbeitet hatte, vielleicht ebenfalls ein spezieller Doktor. Ist das vielleicht der Cohn/Koch, den er erwähnte? Ich weiß es nicht...

Dein letzter Post: Perfekt!

Gruß, Lestrade.

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 07.05.2016 13:02 Uhr
Hallo Lestrade,

Mann, ich habe das Gefühl, ich brauche echt endlich Urlaub. Sorry für die ganzen Fehler in den letzten Tagen, aber die Einarbeitung in mein neues Zuständigkeitsgebiet mit all den neuen Infos hat wohl meine alte Festplatte etwas überfordert und ich schmeiße derzeit zuvieles durcheinander.

Natürlich hast du recht: Ich meinte nicht Coles, sondern Alice McKenzie. Die Artikel erschienen ja nach dem Mord an McKenzie 1889, der Mord an Coles war erst 1891.
Vielleicht sollte ich das nächste Mal alles erst nochmal nachlesen, bevor ich was schreibe. :-(


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 07.05.2016 13:17 Uhr
Kein Sorry nötig, Arthur!

Du bist ja auffallend korrekt und Flüchtigkeitsfehler, ich selbst kann ein Lied davon singen, sind bei der Informationslage und Kompliziertheit allzu verständlich...

Ist ja schon wieder korrigiert.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 14.05.2016 19:54 Uhr
Hallo Lestrade!

Ich habe mir Gedanken über deine Frage gemacht, ob wir die Informationen der Zeitungsartikel von 1889 nach dem Mord an Alice McKenzie irgendwie sinnvoll mit den Aussagen von Mcnaghten, Anderson, Swanson, Sagar und Cox in Verbindung bringen können.


Schauen wir uns mal die Timeline an:


17. Juli 1889: Mord an Alice McKenzie

13. September 1889, London Evening News And Post:
"The second man is now being watched."

16. September 1889, Rochester Democrat And Chronicle:
"The London Police has a theory that Jack the Ripper is a crazy jewish butcher."

18. September 1889, North Eastern Daily Gazette:
"We are watching now three men, besides the usual night-birds of Whitechapel."


Für mich hört sich das so an, als hätte die Polizei nach dem McKenzie-Mord neue Observationen gestartet.
Leider kann man aus den Artikeln nicht herauslesen, ob "the first man" vielleicht bereits seit kurz nach dem Kelly-Mord Ende 1888 observiert wurde, oder ob er nur die erste Überwachung nach dem McKenzie-Mord im Juli 1889 war.
Jedenfalls ist aufgrund McKenzie im September1889 erst ein zweiter und kurz darauf ein dritter Observierter hinzugekommen.

Naja, mindestens, denn es heißt auch: "besides the usual night-birds of Whitechapel."
Was wohl heißt, dass man daneben auch noch "die üblichen Verdächtigen" beobachtete - wer auch immer das gewesen sein mag.

Immerhin haben wir nun einen Anhaltspunkt, ab wann spätestens der Butcher's Row Suspect beobachtet wurde: Spätestens ab September 1889.
Denn am 16. September 1889 heißt es im Rochester Democrat And Chronicle: "The London Police has a theory that Jack the Ripper is a crazy jewish butcher."


Jetzt haben wir eine Lücke bis zum Mcnaghten-Memorandum 1894, in dem noch von drei Hauptverdächtigen die Rede ist (und von denen einer tot ist).

Aber 16 Jahre nach den Observationen heißt es:

15. October 1905, Sunday Chronicle:
"We found our man. He was engaged in a large way of business in the city of London, was married, had a family, and was generally respected. For some time he had been known as eccentric, and various escapades had caused his friends a good deal of anxiety.
Frequently, as we learned later, he stayed out all night about the time when these outrages were committed. His description agreed with that of a man seen in Dorset-street, Whitechapel, on the night when Mary Jane Kelly was cut to pieces, and at that time he was very near to actual arrest by a policeman."

"We found our man." - Offenbar war sich die Polizei inzwischen sicher, den richtigen im Visier gehabt zu haben.
Dies passt zeitlich auch zu Robert Sagars Aussagen in der City Press am 7. Januar 1905 und Henry Cox in Thomson’s Weekly News vom 1. Dezember 1906 - nur leider hilft es uns m.E. nicht weiter, deren Observationen zeitlich genauer zu verorten.

Aber immerhin deutet es m.E. darauf hin, dass die Polizei irgendwann zwischen dem McKenzie Mord im Juli 1889 und dem Erscheinen der Zeitungsartikel 1905 zu dem Schluss kam, dass einer ihrer Observierten höchstwahrscheinlich der Ripper war.

Zudem passt dies in der Zeitabfolge auch zu den Memoiren von Anderson (1910) und Mcnaghten (1914) in denen beide schrieben, der mutmaßliche Ripper sei ein Jude gewesen, der in nächster Nähe zu den Opfern lebte und nach den Morden in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde - was ja von Swanson in seinen Anmerkungen bestätigt wurde.
Und H. L. Adam schrieb in "The People on Scotland Yard and its Secrets" ja 1912: "Sir Robert Anderson has assured the writer that the assassin was well known to the police, but unfortunately, in the absence of sufficient legal evidence to justify an arrest, they were unable to take him."


Nun stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Mcnaghtens Memorandum am 23. Februar 1894:
Darin erscheint es ja wegen der Aufzählung von Druitt, Kosminski und Ostrog, als sei sich die Polizei noch nicht einig gewesen.
Kristallisierte sich der Hauptverdächtige also erst zwischen 1894 und 1905 heraus - oder wollte die Polizeiführung hier vielleicht lediglich Nebelkerzen werfen?
Die Identifizierung des Verdächtigen im Seaside Home müsste ja schließlich schon vor 1894 erfolgt sein - denn je länger der Fall zurücklag, desto unwahrscheinlicher wäre eine solche Identifizierung gewesen (es sei denn der Zeuge war jemand, der den Täter schon vorher gekannt und nur so lange den Mund gehalten hatte).


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 14.05.2016 21:53 Uhr
Danke, Arthur!

Immerhin haben wir nun einen Anhaltspunkt, ab wann spätestens der Butcher's Row Suspect beobachtet wurde: Spätestens ab September 1889.
Denn am 16. September 1889 heißt es im Rochester Democrat And Chronicle: "The London Police has a theory that Jack the Ripper is a crazy jewish butcher."

Die Frage die sich mir stellt ist, hat diese Feststellung mit jenen drei Männern zu tun oder ist sie ein Hinweis auf einen vierten Mann? Es wird lediglich diese Theorie erwähnt und muss nicht mutmaßlich auf jene drei Männer bzw. einen von ihnen zutreffen.

Du erinnerst dich vielleicht an folgenden Artikel von 1890:

"JACK THE RIPPER’S VACATION
A Possible Explanation of the Suspension of Whitechapel Horrors

Halifax, N.S. July 28.

A curious story has got out here that if true explains the long rest which Jack the Ripper has been taking from his diabolical work in the Whitechapel district, London. A lady from this city visiting a distinguished official in London, states in a letter written to friends here that the Ripper has been under arrest in the London metropolis for some time. He is a medical student and was arrested on the strength of information given by his own sister.

The authorities, the letter states, have kept the matter a strict secret in order to work up the case against the prisoner, and they are said to have a very complete chain of evidence.

These statements are vouched for by the writer of the letter who came into possession of the facts accidentally. The person who makes the story public, however, refuses to divulge her name."


Ab wann und wie lange wurde dieser Mann verdächtigt?


Aber 16 Jahre nach den Observationen heißt es:

15. October 1905, Sunday Chronicle:
"We found our man. He was engaged in a large way of business in the city of London, was married, had a family, and was generally respected. For some time he had been known as eccentric, and various escapades had caused his friends a good deal of anxiety.
Frequently, as we learned later, he stayed out all night about the time when these outrages were committed. His description agreed with that of a man seen in Dorset-street, Whitechapel, on the night when Mary Jane Kelly was cut to pieces, and at that time he was very near to actual arrest by a policeman."

Das erinnert sehr an Inspector Cox im Thomson´s Weekly am 1. Dezember 1906:

It was not easy to forget that already one of them had taken place at the very moment when one of our smartest colleagues was passing the top of the dimly lit street.

In beiden Fällen wäre er beinahe, von Kollegen. geschnappt worden.

Die beiden 1905 Sachen und Cox 1906 könnten auf den gleichen Mann hindeuten.

Es ist schwierig dieses Puzzle zusammenzuführen.

Diese Jewish Butcher Theory könnte eben auch auf einen Mann hindeuten, der bereits nach Kelly verdächtigt wurde und im July 1890 noch immer nicht überführt worden war. Zu der Schwester im Halifax Report, könnte eine Verbindung zu Berichten im Oktober und Dezember 1888 bestehen, in welche ein naher Angehöriger/ eine nahe Angehörige den mutmaßlichen Täter in den Reihen ihrer Familie sahen. Dazu noch die Crawford Letter. Ich persönlich tendiere jedoch dazu, dass Cox und Sagar den gleichen Mann meinten und dieser jener Butcher gewesen war. Ob ein Zusammenhang zu den anderen behandelten Berichten besteht bleibt Spekulation (wie vieles andere eben auch). Auch ob eben jene anderen Berichte im direkten Zusammenhang stehen. Wahrscheinlich ist, dass auf jeden Fall mehrere Personen im Herbst 1889 verdächtigt und observiert wurden.   

Inspector Donald Swanson's report to the Home Office, 19 October 1888:

The alibis of local butchers and slaughterers were investigated, with the result that they were eliminated from the enquiry.[7] Over 2,000 people were interviewed, "upwards of 300" people were investigated, and 80 people were detained

Der dänische Ripperologe Kattrup hat neulich im JTRForums Berichte über 1389 "Verdächtige" gepostet. Die Nationalitäten (ich zitiere Howard Brown):

898 Englishmen
246 Americans
123 Tyskere ( Germans )
26 Frenchmen
20 Nordmand og Svenskere ( Norwegians and Swedes)
18 Ungarer (Hungarians)
14 Italians
9 Spaniards
9 Russians
3 Swiss
4 Belgians and Dutch
1 Dane
18 Indeterminate nationality (Kattrup can clarify if I'm correct of misinterpreting the Danish language here )

1389 Total


Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 15.05.2016 10:38 Uhr
Hallo Lestrade!

Zitat
"Die Frage die sich mir stellt ist, hat diese Feststellung mit jenen drei Männern zu tun oder ist sie ein Hinweis auf einen vierten Mann? Es wird lediglich diese Theorie erwähnt und muss nicht mutmaßlich auf jene drei Männer bzw. einen von ihnen zutreffen."

Die Frage kann ich leider auch nicht beantworten, in den Texten ist explizit nur von Guzzling Jim und einem sein Geschäft vernachlässigenden Geschäftsmann mit Familie die Rede, der einem der Artikel zufolge im "verdächtigsten Businness" arbeitete, also offensichtlich Metzger war.
Zudem heißt es ja explizit, dass diese Personen "neben den üblichen Nachtschwärmern" unter Beobachtung kamen, es also wohl dazu noch "die üblichen Verdächtigen" gab.

Bedenken wir, dass nach dem Eddowes-Mord Anfang Oktober 1888 alle Metzger und Schlachtereien des Viertels überprüft wurden und Cox sagte, dass nach Beginn der Observationen die Mordserie abriss, muss m.E. mindestens ein dringend Verdächtiger schon kurz nach dem Kelly-Mord ab Jahresende 1888 unter Beobachtung gestanden haben.
Und nach dem Mord an McKenzie wurden dann weitere Verdächtige unter Beobachtung gestellt.

Was allerdings bedeuten würde, dass genau der/die seit dem Kelly-Mord observierten höchstwahrscheinlich nichts mit dem McKenzie-Mord zu tun haben konnten, weil ja unter Beobachtung (wenn die Polizei nicht im falschen Moment einen aus den Augen verlor).


Zitat
"Du erinnerst dich vielleicht an folgenden Artikel von 1890: "JACK THE RIPPER’S VACATION
A Possible Explanation of the Suspension of Whitechapel Horrors. Halifax, N.S. July 28. "

Selbstverständlich, und ist er deshalb so interessant (auch wenn hier nur über Hörensagen berichtet wird), weil er bereits viele Jahre zuvor spätere Aussagen der Polizisten von 1905 bis 1914 in wichtigen Teilen vorwegnimmt - und zwar genau im Sommer 1890, jenem Zeitraum, in dem die Identifikation im Seaside Home vermutet wird.
Nur Zufall? Wohl eher nicht: Gerüchte verbreiten sich i.A., wenn sich irgendetwas in einer Sache geändert hat, wenn etwas passiert oder in Bewegung gekommen ist - nicht wenn alles gleichbleibt.

Wir können diesen Artikel also m.E. als Hinweis darauf deuten, dass es tatsächlich im Sommer 1890 war, als sich bei der Polizei etwas ereignete, das ihren Verdacht gegen eine bestimmte Person erhärtete - Vermutlich tatsächlich die Identifikation im Seaside Home.

Damit hätten wir dann einen engeren Zeitkorridor für die Observationen und die Identifizierung jener Person, von der die Polizisten schrieben: Ende 1888 bis Juli 1890.

Jedoch bleibt das Problem mit dem Macnaghten Memorandum 1894 (das ich wegen gewisser Ungenauigkeiten ja sowieso nur mit spitzen Fingern anfasse):
Wieso hatte Macnaghten trotz der weitergehenden Observationen den toten Druitt noch mit auf der Liste? Und wieso schrieb er, niemand habe den Ripper je gesehen?

Mein Verdacht zu diesem Memorandum - das ja ein als internes Dokument für den Dienstgebrauch wegen der Cutbush-Verdächtigungen geschrieben wurde - ist schon seit längerem, dass es eine Nebelkerze für die niederen Dienstgrade und den Umgang mit der Presse war: Es sollte einerseits klarmachen, dass Cutbush kein Ripper-Verdächtiger war, aber andererseits zugleich über den wahren Erkenntnisstand im Ripper-Fall täuschen, weil man sich entschlossen hatte, gewisse Dinge aus bestimmten Gründen als Dienstgeheimnis zu behandeln.



MfG, Arthur Dent




P.S. Wie wir ja wissen, wurde Jacob Levy Anfang August 1890 offiziell nach Stone eingeliefert - das passt zeitlich genau zu unserer mutmaßlichen Identifikation im Seaside Home Sommer 1890 und dem Zeitungsartikel "Jack the Ripper's Vacation" im Juli. Wie hieß es noch zum Seaside Home: Der Verdächtige wurden unter großen Mühen dorthin gebracht, und nachdem er identifiziert worden war, kehrte er zunächst vorübergehend zu seiner Familie zurück, wo er unter ständiger Beobachtung stand, und kam kurz darauf in eine Anstalt...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 15.05.2016 11:39 Uhr
Good Morning, Arthur!

Ich rassel mal schnell durch habe immer noch nicht wirklich Zeit...

Der Oktober 1888 bleibt in meinen Augen der wichtigste Monat in der Frage der Verdächtigen! Es wurde nach dem Double Event für die Hälfte des Monats kein Stein auf dem anderen gelassen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Polizei den tatsächlichen Täter in jenen Tagen interviewte. Neben den Berichten naher Angehöriger gab es ja tatsächlich eine Observation bezüglich der blutigen Wäsche in der Batty Street. Nimmt man weitere Berichte aus jener Zeit zur Kenntnis, dann könnte jener Verdächtige auch ein paar Tage in einem Krankenhaus im East End verbracht haben.

Macnaghten sagte zwar, dass niemand jemals den Whitechapel Mörder sah es sei denn der PC am Mitre Square. Das 1906er Zitat von Cox lässt auf einen seiner Kollegen schließen und da er City Polizist war, käme wohl nur der Eddowes Tatort, Mitre Square, in Frage. Das passt auch zu weiteren Berichten die es, via Macnaghten, gab. Passen tut auch die Watchboy Story, die sich um den Mitre Square dreht. In der 1905er Sache, spricht man von der Dorset Street als ein Polizist nahe dran war, den Mann dingfest zu machen. Major Smith verwechselte ja auch einmal die Dorset Street mit dem Mitre Square, falls ich mich recht erinnere. Vielleicht spielte dabei auch die Namensgebung der Opfer eine Rolle, Catherine Eddowes/ Kelly und Mary Kelly. Die Tendenz geht eher in Richtung Eddowes und Mitre Square und demzufolge eines City Konstabler o.ä., der dann wohl schon im Oktober 1888 sagte, jener Mann könnte der gewesen, welchen er sah. Offenbar, durch die Aussage von Swanson, war die City Police eher mit dieser Observation beschäftigt als die MET Polizei. Zu Macnaghten denke ich persönlich, dass er sehr an der Druitt Theorie hing und uns Ostrog eher als "Alibi" präsentierte jedoch aber "Kosminski" als "überzeugenden (weiteren) Verdächtigen" benannte. Das dies wohl stimmen musste, sehen wir an den Bemerkungen von Anderson und Swanson und auch, das es eben jener Verdächtige gewesen sein muss, der im Seaside Home identifiziert wurde. Da passt natürlich die Halifax Letter wie die Faust auf´s Auge, denn Mitte Juli 1890 befand sich Aaron Kozminski dass erste Mal in der Krankenabteilung des Arbeitshauses, wurde jedoch nicht untersucht. Immerhin waren das so um die 4 Tage vom 12-15 Juli. Und am 28 Juli lesen wir dann in dieser Letter, dass Jack the Ripper irgendwie, sagen wir, aufgehalten wurde nach den Morden im Herbst 1888 weiterzumachen. Hier könnten Observationen und Aufenthalte in Anstalten eine große Rolle spielen. Sims sagte ja eben auch, dass dieser Mann immer wieder Zeiten nach den Morden unter seines gleichen verbracht hatte. Anderson sprach von einer Identifzierung während dieser Mann in einer Anstalt war. Swanson sprach von "nach der Rückkehr in das Haus seines Bruders in Whitechapel" (und Sion Square war tiefstes Whitechapel) und somit von einem Aufenthalt in einer Einrichtung. Diese Einrichtung, falls es sich um Aaron Kozminski handelte, war nicht Arbeitshaus sondern muss eine andere Einrichtung gewesen sein. Dann hätte man ihn jedoch von dort für fast vier Tage eben in jenes Arbeitshaus gebracht um ihn dort für die ID im Seaside Home abzuholen. Nur, außer dass seine Mutter aus einer Schlachter Familie stammte, spricht nichts für Aaron Kozminski, ein Butcher gewesen zu sein.

Die Halifax Letter spricht auch von einem Medizinstudenten dessen Schwester ihn verdächtigte der Ripper zu sein. Wir wissen, dass Macnaghten sagte, er hat einmal in einem Krankenhaus in Polen gearbeitet und wir kennen einen rätselhaften Vorfall vom 22 November 1888, als ein Mann eine Frau mit dem Messer angriff. Sie wurde u.a. als Matilda bezeichnet. Weitere Angaben, Alter, verheiratet, Aussehen, treffen absolut zu Aaron Kozminski´s Schwester Matilda Lubnowski zu. Angenommen das in dem Halifax Bericht Matilda Lubnowski diese Schwester war, dann könnte sie auch die nahe Angehörige in den Oktober Berichten gewesen sein, gehörend zu einem Verdächtigen, der mit der Batty Street in Verbindung gebracht wurde, der observiert wurde und ein paar Tage in einem East End Krankenhaus verbrachte. Der Messerangriff auf die eigene Schwester hätte damit erklärt werden können, dass die eigene Schwester ihn verdächtigte. Kurioserweise waren am 22. November 1888 sofort Beamte zur Stelle, Stunden zuvor bei Annie Farmer jedoch nicht.

Aber wie gesagt, nichts ist bekannt, dass "Kosminski" als Butcher gearbeitet hatte. Macnaghten erwähnte u.a. einen Tanner, also Gerber für "Kosminski", der könnte vielleicht mit Schlachtern in Verbindung gebracht werden. Es ist, wie erwähnt, extrem schwierig dieses Puzzle auf die Reihe zu kriegen aber wie ich schon angab, es wurden sicherlich mehr als ein Butcher als ernsthafte Verdächtige eingestuft.

Und ich bin da ganz auf deiner Seite, dass nach dem Mackenzie Mord weitere Verdächtige in das Visier der Polizei gerieten und auch alte wieder aktuell wurden.

Lestrade.
 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 15.05.2016 12:25 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
Der Oktober 1888 bleibt in meinen Augen der wichtigste Monat in der Frage der Verdächtigen! Es wurde nach dem Double Event für die Hälfte des Monats kein Stein auf dem anderen gelassen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Polizei den tatsächlichen Täter in jenen Tagen interviewte.

Genauso sehe ich das auch: Bei dieser zweiwöchigen Mammutaktion kristallisierten sich die ersten Verdächtigen heraus.


Zitat
Macnaghten sagte zwar, dass niemand jemals den Whitechapel Mörder sah es sei denn der PC am Mitre Square. Das 1906er Zitat von Cox lässt auf einen seiner Kollegen schließen (...) der dann wohl schon im Oktober 1888 sagte, jener Mann könnte der gewesen, welchen er sah.

Vermutlich gab es tatsächlich diesen PC, aber er dürfte bestimmt nicht schon im Oktober 1888 den Verdächtigen glaubwürdig identifiziert haben - das wäre ein verdammt guter Grund gewesen, jenen festzunehmen, ins Kreuzverhör zu nehmen, sein Heim zu durchsuchen und seine ganze Familie und sein Umfeld komplett umzukrempeln. Wenn es diesen Polizisten gab, war er sich vemutlich aufgrund der Dunkelheit nicht sicher genug für eine eindeutige Identifikation, so dass es zwar für eine Observation reichte, jedoch nicht für weitergehende Maßnahmen.
Ich hatte mich lange gefragt, warum man einen Verdächtigen mit viel Mühe und Aufwand in ein Seaside Home schleifen musste - denn in London gab es mit Sicherheit genug Möglichkeiten für eine diskrete Gegenüberstellung. Als plausibelste Erklärung erscheint mir, dass der eigentliche Zeuge, der der Polizei bestätigte, dass sie den richtigen Verdächtigen gefunden hatten, dort war und nicht reisetauglich war.


Zitat
Swanson sprach von "nach der Rückkehr in das Haus seines Bruders in Whitechapel

Nun ja, Jacob Levys Bruder wohnte in der Goulston Street, das war auch Whitechapel.


Zitat
Die Halifax Letter spricht auch von einem Medizinstudenten dessen Schwester ihn verdächtigte der Ripper zu sein. (...) Aber wie gesagt, nichts ist bekannt, dass "Kosminski" als Butcher gearbeitet hatte.

Unter den verdächtigten Berufsgruppen waren damals ja nicht nur Butcher, sondern z.B. auch Ärzte. Dementsprechend kursierten natürlich in der Öffentlichkeit verschiedene Gerüchte über verschiedene Berufe des mutmaßlichen Rippers.
Eine Möglichkeit, wie es zu den verwirrenden Aussagen - mal Metzger, mal Mediziner - kam, könnte einfach jene vorsichtige Formulierung gewesen sein, der Ripper-Verdächtige arbeite "in the most suspicious fashion", so wie es z.B. am 13. September 1889 in der London Evening News And Post stand. Wenn offizielle Stellen sich oft so vage ausdrückten wäre die mögliche Folge, dass die einen Reporter und Bürger daraus den Schluss zogen, der Verdächtige müsse Metzger sein, weil sie persönlich diese Theorie favorisierten, während andere annahmen, dass damit ein Mediziner gemeint war, so wie es im Zeitungsartikel "Jack the Ripper's Vacation" stand.
Es ist also durchaus möglich, dass die in den Texten angegebenen Berufe nicht wirklich explizit von der Originalquelle stammten, sondern lediglich (richtige oder falsche) Schlussfolgerungen derjenigen waren, die diese Info weitergaben: Klassisches Stille-Post-Prinzip.


Zitat
Es ist, wie erwähnt, extrem schwierig dieses Puzzle auf die Reihe zu kriegen aber wie ich schon angab, es wurden sicherlich mehr als ein Butcher als ernsthafte Verdächtiger eingestuft.

Da sind wir einer Meinung: Man denke z.B. nur an Isenschmidt.



MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 15.05.2016 13:00 Uhr
Vermutlich gab es tatsächlich diesen PC, aber er dürfte bestimmt nicht schon im Oktober 1888 den Verdächtigen glaubwürdig identifiziert haben - das wäre ein verdammt guter Grund gewesen, jenen festzunehmen, ins Kreuzverhör zu nehmen, sein Heim zu durchsuchen und seine ganze Familie und sein Umfeld komplett umzukrempeln. Wenn es diesen Polizisten gab, war er sich vemutlich aufgrund der Dunkelheit nicht sicher genug für eine eindeutige Identifikation, so dass es zwar für eine Observation reichte, jedoch nicht für weitergehende Maßnahmen.
Ich hatte mich lange gefragt, warum man einen Verdächtigen mit viel Mühe und Aufwand in ein Seaside Home schleifen musste - denn in London gab es mit Sicherheit genug Möglichkeiten für eine diskrete Gegenüberstellung. Als plausibelste Erklärung erscheint mir, dass der eigentliche Zeuge, der der Polizei bestätigte, dass sie den richtigen Verdächtigen gefunden hatten, dort war und nicht reisetauglich war.

Ich würde das mit Oktober 1888 und dem PC nicht zu weit weg tun. Der PC erkannte ihn wohl nur anhand der Größe und der Statur, welche irgendwie markant gewesen sein könnte. Kein Grund, den Verdächtigen gleich auseinander zu nehmen. Eine einfache Observation hätte es auch getan, denke ich. Stimmt es allerdings, dass der Verdacht aus der eigenen Familie kam, hätte es für die Polizei erst einmal einfacher gewesen sein können zu ermitteln. Dazu käme vielleicht ein Krankenhausaufenthalt, der Patient/ Verdächtige ist nicht vernehmungsfähig, die mutmaßlich blutige Wäsche wird mit einer erlittenen Verletzung erklärt usw. Wir wissen es ja auch nicht, wie intensiv ein möglicher Verdächtiger "Kosminski" befragt worden ist, ob überhaupt oder wie er auf Fragen der Polizei reagierte. Gab es dort eine schwerwiegende Erkrankung, könnte er auch nur Müll erzählt haben wie: "Ich habe da eine Biene in der Schulter und im Kopf und die Russen stehen vor den Toren Londons". Wir müssten alle Umstände kennen um das richtig einzuschätzen. Wenn ich natürlich schreibe, dass der mutmaßliche Ripper im Oktober befragt wurde, muss das selbstverständlich auch nicht stimmen. Die Umstände, von denen die Polizei erfahren haben könnte, hätten auch zu anderen Maßnahmen führen können. Sprich, ein schlichte Observation, die jener Mann nicht unbedingt mitbekommen sollte. Die Observation bezüglich Batty Street wurde abgebrochen, wohl weil der Verdächtige nicht mehr aus dem Haus ging und die Presse zu sehr präsent wurde, weil sie Wind von der Sache bekamen. Ist das wirklich so geschehen, hatte die Polizei vielleicht einen würdigen Verdächtigen, den man, aufgrund verschiedener Umstände oder des persönlichen Zustands wegen, nicht vollends für den Ripper hielt und wo erst Ermittlungen und Ereignisse in den nächsten Wochen und Monaten, diesen Verdacht bezüglich dieser Person erhärteten. Erinnere dich mal an den "Doktor" von neulich, der "immer in der Nähe war, wenn eines dieser Verbrechen geschah".

Ich persönlich denke, die Idee mit dem nicht reisefähigen Zeugen macht eine Menge Sinn. Sicherlich nicht die einzige Erklärung aber eine, an die ich selber ziemlich hänge.


Nun ja, Jacob Levys Bruder wohnte in der Goulston Street, das war auch Whitechapel.

Bedenke, Isaac Levy lebte im Wentworth Building, Swanson´s Äußerung lässt eher auf eine Art "Reihenhaus" mit Shop o.ä. schließen, so wie Woolf und Isaac Abrahams oder Matilda Lubnowski lebten. Man kann natürlich auch sagen das Swanson Levy´s Bruder in einem großen Mehrfamilienhaus meinte aber in das Haus seines Bruders klingt nach etwas anderem.

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 15.05.2016 18:31 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
Wenn ich natürlich schreibe, dass der mutmaßliche Ripper im Oktober befragt wurde, muss das selbstverständlich auch nicht stimmen. Die Umstände, von denen die Polizei erfahren haben könnte, hätten auch zu anderen Maßnahmen führen können. Sprich, ein schlichte Observation, die jener Mann nicht unbedingt mitbekommen sollte.

Wie schon erwähnt: Dass die Polizei bei ihrer Mammutaktion im Oktober auf bestimmte Verdächtige aufmerksam wurde und erste Observationen startete, da dürften wir uns wohl einig sein.
Nur glaube ich, dass die ersten Verdachtsmomente da noch zu schwach und unspezifisch waren - eben noch keine echte Identifikation durch einen PC oder anderen Zeugen.

Nicht umsonst hieß es, man müsse JTR schon "red-handed", also auf frischer Tat erwischen, und dass die einzige Person, die einen guten Blick auf ihn werfen konnte, sich weigerte gegen Verdächtigen auszusagen, als sie erfuhr, dass er ein Glaubensbruder war.
Ich vermute ja nach wie vor, dass dieser Zeuge Lawende gewesen sein muss, denn er war nicht aus Whitechapel und hielt den Kerl bei Eddowes zunächst für einen Seemann.

Ich denke, dass sich die Verdachtsmomente gegen eine bestimmte Person erst nach dem Kelly-Mord verdichteten, und dass es noch bis Sommer 1890 dauerte, bis sich die Polizei wegen der Seaside Home Identifizierung sicher war.


Zitat
Die Observation bezüglich Batty Street wurde abgebrochen, wohl weil der Verdächtige nicht mehr aus dem Haus ging und die Presse zu sehr präsent wurde, weil sie Wind von der Sache bekamen. Ist das wirklich so geschehen, hatte die Polizei vielleicht einen würdigen Verdächtigen, den man, aufgrund verschiedener Umstände oder des persönlichen Zustands wegen, nicht vollends für den Ripper hielt und wo erst Ermittlungen und Ereignisse in den nächsten Wochen und Monaten, diesen Verdacht bezüglich dieser Person erhärteten.

Ja, der Batty Street Lodger ist so eine Geschichte, die ich nicht richtig einordnen kann. Es ist für mich schwer vorzustellen, dass JTR sich ein Zimmer gemietet hatte, wo er ständig an der Vermieterin und anderen Mietern vorbei musste. Außerdem gab es damals als Mieter das Recht auf Privatsphäre nicht, der Vermieter konnte jederzeit reinplatzen (Freunde, die zeitweise in London lebten, erzählten mir gar, dass auch heute noch ihre Vermieter einfach in ihrem Zimmer ein und aus gingen).
Da finde ich deine Interpretation, dass vielleicht JTR's Verwandte seine Wäsche zum Waschen abgegeben hatten, viel plausibler.

Diese Sache mit der Zimmermiete ist übrigens auch ein gutes Argument gegen Francis Thompson als JTR: Wenn er wirklich im Providence Row Night Refuge and Convent geschlafen haben sollte, dürfte es wohl ziemlich schwierig gewesen sein, da nachts unbemerkt raus und blutverschmiert wieder rein zu kommen.
Nein, da halte ich es lieber mit den Aussagen unserer Polizisten, dass JTR entweder in einem eigenen Shop oder zumindest in welchen seiner Verwandten hauste, wo er nicht ständig auf misstrauische Fremde traf, sondern einfach so raus und rein konnte.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 15.05.2016 19:32 Uhr
Ich denke, Arthur, dass der City PC, falls es ihn so gab, niemals vor Gericht überzeugt hätte. Er sah nicht das Gesicht des Mannes und eine Verurteilung oder Identifikation hätte so nicht stattgefunden. Selbst wenn der Mann, welchen er sah, der richtige war, der PC hätte nur sagen können: "Er ähnelt den Mann von der Statur her". Am Ende wäre diese Beobachtung nur eine von vielleicht vielen gewesen. Stell dir vor, der Mann den Packer mit Stride sah, wäre ebenfalls dieser Verdächtige gewesen? Der Wert dieser Beobachtung wäre zwar wichtig gewesen aber was wollte man damit anfangen? Packer sah keinen Angriff, keinen Mord, genauso wie der PC. Bei Lawende wäre dies vielleicht etwas anderes gewesen, weil das Opfer unmittelbar danach tot aufgefunden wurde. Wir wissen nicht, ob der PC den Verdächtigen mit dem Opfer überhaupt sah. Der "Watchboy" sah vielleicht diesen Verdächtigen mit einer Frau aber konnte er sie als Eddowes identifizieren? Schwartz sah den Angriff auf Stride, aber konnte er jenen Mann wirklich wiedererkennen oder sah er jemand anderes als den Mörder? Macnaghten sprach von "many circs" und vielleicht gehören all diese Dinge dazu. Denke an den Lipski Mord, der Mörder wurde unter dem Bett des Opfers gefunden so etwas gab es offenbar im Ripper Fall nicht außer eine Zeuge den wir nicht kennen, machte eine ähnlich belastende Beobachtung. Hatten die Beamten einige Verdächtige im Oktober, hätte sie dieser PC oder all diese Zeugen auch zu sehen bekommen. Am 1 Oktober 1888 wurde zum Beispiel ein Mann in der Nähe des Mitre Square aufgegriffen und zur Polizeiwache gebracht. Er trug einen violetten Schal (Lawende sah einen rote) und wenn dort ein PC war, der jemanden am oder um den Mitre Square gesehen haben wollte, wäre er alsbald mit diesem Mann konfrontiert worden. Verdächtige Personen im Oktober 1888 müssen diesen Zeugen gegenübergestellt worden sein. Es kann natürlich auch anders gewesen sein. Ich kenne zwei Möglichkeiten außerhalb einer normalen ID. Der oder die Zeugen wurden mit einer geschlossen Kutsche in die Nähe des Verdächtigen geführt oder aber, der oder die Zeugen wurden, im Beisein von Zivilbeamten, äußerlich verändert, in die direkte Nähe des Verdächtigen geführt. Wir wissen doch auch garnicht, ob die besten Zeugen, Schwartz und Lawende, "Kosminski" in einer ID im Oktober zu sehen bekamen. War das der Fall, müssen sie ihn nicht wiedererkannt haben, was die Sache für "Kosminski" erst einmal besser gemacht hätte. Macnaghten sagte ja auch, keiner hat jemals den Whitechapel Mörder gesehen. Das spricht eher gegen eine positive ID für Schwartz und Lawende oder zumindest einen von ihnen.

Es gab keinen Mieter mit blutiger Wäsche in der Batty Street Geschichte. Die Wäsche wurde von einem Mann gebracht, die wohl sogar einem anderen gehörte. Der Mieter, welcher in Verdacht geriet aber überhaupt nicht anwesend zu der Zeit war, wurde durch einen Übersetzungsfehler bzw. durch Nachbarschaftstratsch ins Gespräch gebracht:

http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,1488.0.html

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Shadow Ghost am 16.05.2016 12:12 Uhr
Hallo Leute!

Schön, dass das Forum wieder lebt.

Ich war ja bezüglich des PC vom Mitre Square immer schon skeptisch. Aber lassen wir ihn mal existieren... Es ist dann natürlich denkbar, dass er -- aus welchen Gründen auch immer -- sich zu einem gegebenen Zeitpunkt in einem Seaside Home aufhielt, das zur Polizei gehörte. Man bringt dann den Verdächtigen dorthin und er wird durch den PC identifiziert. Doch was soll man mit dieser Aussage anfangen? Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, hat unser PC den Ripper bei der Tat ertappt, doch er hat ihn nicht verhaftet. Wahrscheinlich hat der PC sogar Reißaus genommen. Ich muss immer daran denken, dass PC Harvey kein Jahr nach dem Double Event den Dienst quittierte (oder quittieren musste?). Wie verlässlich wäre also solch eine Aussage vor Gericht? Will man überhaupt, dass solch eine Aussage öffentlich vor Gericht geäußert wird? Ein Verantwortlicher mit einem gewissen Sinn für PR wird sich das zweimal überlegt haben, war der Ruf der Polizei eh schon angeschlagen. Wie immer bei diesem Fall, wirft jedes neue Szenario mehr Fragen auf als beantwortet werden. Es ist zum Verzweifeln. Kann nicht einfach mal John Doe auf seinem Dachboden stöbern und das Tagebuch eines bislang unbekannten Jacob Kosminski finden, in dem er glaubwürdig ein Geständnis ablegt?

Manchmal wünschte ich mir ein anderes Hobby, all dieser Ripper, Zodiac, Hinterkaifeck, Somerton-Man, YOG'TZE,...-Kram... Wenn es doch nicht so interessant wäre...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Phil am 16.05.2016 12:32 Uhr
Manchmal wünschte ich mir ein anderes Hobby, all dieser Ripper, Zodiac, Hinterkaifeck, Somerton-Man, YOG'TZE,...-Kram... Wenn es doch nicht so interessant wäre...

Hihihi, ich kenne das Gefühl  :biggrin: Eigentlich wollen wir alle doch den Fall gar nicht lösen...geschweige denn einen der anderen Fälle. Denn dann wären es einfach ganz normale Mordfälle, frei von jeglicher Faszination. Es geht doch eher um das Mysterium, um das, was wir rundherum aufbauen. Welch eine Enttäuschung es wäre, wenn man eines Tages wüsste, wer der Ripper ist! "Glücklicherweise" wird es dank der tausenden Theorien doch immer Skeptiker geben und genug Gegenargumente, wenn mal wieder einer meint, den Ripper enttarnt zu haben...
Trotzdem (oder deswegen?) sollten wir hier nicht aufhören, weiter zu diskutieren! Der kleine 'philosophische' Ausflug sollte nicht davon abhalten...  ;) Finde gerade vor allem das hier:
Doch was soll man mit dieser Aussage anfangen? Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, hat unser PC den Ripper bei der Tat ertappt, doch er hat ihn nicht verhaftet. Wahrscheinlich hat der PC sogar Reißaus genommen.
...sehr interessant! Nie über sowas nachgedacht...aber wie wahrscheinlich ist das? Ob der Ripper noch einmal zugeschlagen hätte, wenn er wusste, dass er gesehen worden war? Andererseits folgt nach dem Double Event eine recht lange Zeitspanne bis zum Mord an Kelly...
Schön, dass das Forum wieder lebt.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 16.05.2016 13:25 Uhr
Hallo zusammen!


Ich hätte da mal ein Problem, vielleicht kann mir jemand helfen.

Beim Versuch, verschiedene Zeitungsartikel, die ich zitiert habe, in meiner Timeline zu sortieren, ist mir aufgefallen, dass ich offenbar einen verschlampt habe. Ich hatte ein paar Sätze davon vor einiger Zeit in meine Levy-Theorie eingefügt und dabei dummerweise die Quellenangabe vergessen, und nun finde ich den Text auch mit Googeln nicht mehr.


Es geht um folgenden Textauszug:

"The Dublin Express London correspondent on Thursday gave us the latest police theory concerning the Whitechapel murderer, that he has fallen under the strong suspicion of his near relatives, who to avert a terribly family disgrace, may have placed him out of harm's way in safe keeping. As showing that there is a certain amount of credence attached to this story, detectives have recently visited all the registered private lunatic asylums, and made full inquiries as to the inmates recently admitted."

Kann mir einer dazu den Namen der Zeitung (vermutlich war es der Dublin Express selber) und das Datum oder irgendeine andere Quellenangabe nennen?


Im Voraus vielen Dank!

MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 16.05.2016 14:09 Uhr
Hi Arthur,

The Bristol Mercury (Bristol)
29 December 1888


“The Dublin Express London correspondent on Thursday gave as the latest police theory concerning the Whitechapel murderer, that he has fallen under the strong suspicion of his near relatives, who to avert a terribly family disgrace, may have placed him out of harm's way in safe keeping. As showing that there is a certain amount of credence attached to this story, detectives have recently visited all the registered private lunatic asylums, and made full inquiries as to the inmates recently admitted.”


Also richtig, der Dublin Express selber irgendwann gegen Ende Dezember 1888.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 16.05.2016 14:28 Uhr
... "The Whitechapel Murderer-The Latest Police Theory"... hieß dann wohl auch der Titel im Dublin Express im Dezember 1888...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 16.05.2016 14:46 Uhr
Schön, dass das Forum wieder lebt.

Einfach schön, mal wieder von dir zu hören (oder zu lesen), Shadow... :good:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 16.05.2016 15:24 Uhr
Finde gerade vor allem das hier:
Doch was soll man mit dieser Aussage anfangen? Wenn ich die Sache richtig verstanden habe, hat unser PC den Ripper bei der Tat ertappt, doch er hat ihn nicht verhaftet. Wahrscheinlich hat der PC sogar Reißaus genommen.
...sehr interessant! Nie über sowas nachgedacht...aber wie wahrscheinlich ist das? Ob der Ripper noch einmal zugeschlagen hätte, wenn er wusste, dass er gesehen worden war? Andererseits folgt nach dem Double Event eine recht lange Zeitspanne bis zum Mord an Kelly...

Hi Phil, Shadow,

Arthur schrieb:

Sunday Chronicle, October 15, 1905:
"We found our man. He was engaged in a large way of business in the city of London, was married, had a family, and was generally respected. For some time he had been known as eccentric, and various escapades had caused his friends a good deal of anxiety.
Frequently, as we learned later, he stayed out all night about the time when these outrages were committed. His description agreed with that of a man seen in Dorset-street, Whitechapel, on the night when Mary Jane Kelly was cut to pieces, and at that time he was very near to actual arrest by a policeman."


Sagar:

The apron belonging to the woman who was murdered in Mitre Square was thrown under a staircase in a common lodging house in Dorset Street

He believed the police were nearer to catching the "Ripper" on the occasion of the Mitre-st. murder than on any other. The woman Kelly, who was the victim

As you know, the perpetrator of these outrages was never brought to justice, but I believe he came the nearest to being captured after the murder of the woman Kelly in Mitre-square. A police officer met a well-known man of Jewish appearance coming out of the court near the square, and a few moments after fell over the body. He blew his whistle, and other officers running up, they set off in pursuit of the man who had just left. The officers were wearing indiarubber boots, and the retreating footsteps of a man could be clearly heard. The sounds were followed to King's-block in the model dwellings in Stoney-lane, but we did not see the man again that night.

"We believe," he said, "that he came nearest to being captured after the Mitre Square murder in which the woman Kelly was the victim. She had been detained in Bishopsgate police station until 1 a. m. At 1:45 a. m. she was dead. A police officer met a well dressed man of Jewish appearance coming out of the court. Continuing on his patrol he came across the woman's body. He blew his whistle, and sent the other officers who rushed up in pursuit, the only thing to guide them being the sound of retreating footsteps. The sounds were followed to King's Block in the model dwellings in Stoney Lane, but the search got no further.


Diese Zitate stammen in dieser Reihenfolge aus der City Press, 7 January 1905, Morning Leader, 9 January 1905, Daily News, 9 January 1905, Seattle Daily Times, 4 February 1905.

Eddowes wurde auch als Kelly bezeichnet und Sagar sprach auch einmal von der Dorset Street so, wie es auch, wenn ich jetzt richtig liege, Major Smith tat. Der gepostete Artikel von Arthur vom Oktober 1905 könnte sich auf Sagars Aussagen vom Januar/ Februar 1905 beziehen und somit stammt in allen Fällen der Polizist als auch der Verdächtige aus dem Mordfall Eddowes im Mitre Square. Und auch Cox 1906 sprach von einer Situation wo ein eigentlich fähiger Kollege die Chance hatte, diesen Mann zu stellen. Cox sprach dabei auch von einem Ende einer schlecht beleuchteten Straße (Mitre Street?). Auf den ersten Blick könnte man meinen das beide, Cox und Sagar, von ein- und demselben Mann sprachen. Ich glaube, es war Sims, der sagte, dass der PC nicht das Gesicht des Mannes aufgrund der Lichtverhältnisse erkennen konnte und er meinte damit den Polen (Kosminski). Was jetzt auch immer stimmen mag, mir kommt es vor, dass jener PC einen "gut bekannten Mann" traf, den er allerdings nur anhand dessen Körperbaus erkennen konnte oder ihn aufgrund seiner äußeren Erscheinung einem ihm gut bekannten Mann zuordnete. Hätte er ihn in jener Straße in das Gesicht sehen können, hätte er ihn vielleicht aufgehalten, weil dieser Mann vielleicht ein Charakter darstellte, den es galt stets etwas im Auge zu behalten.

Ist dem alles so und ich komme dabei auf Arthur Post zurück, kann dieser Mann nicht "Kosminski" gewesen sein, da er dort als verheiratet mit Familie dargestellt wurde. Das trifft zumindest nicht auf Aaron Kozminski zu. Man kann diesen 1905 Artikel vielleicht auch im Zusammenhang mit den 1889er Aussagen sehen und es fällt dann schwer zu sagen, dass 1905, nach so vielen Jahren, sich die üblichen Irrtümer eingeschlichen haben. Ich sehe allerdings auch die Möglichkeit, dass bereits 1905, als Sagar seine Aussagen machte, die Cox Story einen Einfluss ausübte und beide Beamten müssen nicht von ein- und demselben Mann gesprochen haben. So dass diese Chronicle Story zwei Verdächtige vermischte. Aber das ist, wie immer, pure Spekulation.

Arthur:

Interview mit Richard Patterson bezüglich Francis Thompson:

http://www.annmarieackermann.com/francis-thompson-ripper-suspect/

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 16.05.2016 19:48 Uhr
Hallo zusammen!


Vielen Dank, Lestrade, für die Zeitungsquelle und das Interview mit Patterson.


Also, dass der Text bereits vom 29. Dezember 1888 stammt - ich hatte irgendwann in 1889 im Hinterkopf... Das ist ja sogar vor Macnaghtens Zeitangabe über den März 1889.
Jedenfalls wäre es ein guter Hinweis darauf, dass der Butcher's Row Suspect bereits kurz nach dem Kelly-Mord unter Beobachtung gestellt wurde: "from time to time he became insane..."

Dumm nur, dass bisher niemand einen passenden Eintrag in den Anstaltsakten gefunden hat - jedenfalls wenn man von David Cohen absieht, der bereits am 7. Dezember 1888 per Gerichtsbeschluss erst ins Whitechapel-Arbeiterkrankenhaus eingewiesen wurde, und dann wegen seiner Unkontrollierbarkeit am 21. Dezember direkt weiter nach Colney Hatch, wo er am 20. Oktober 1889 verstorben sein soll.

Wenn der Artikel sich auf Cohen als Verdächtigen bezieht, wäre er leider für unsere Überlegungen nutzlos, denn da hätte es natürlich keine längere Observation durch Cox und Sagar mehr geben können.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 16.05.2016 20:27 Uhr
Gerne, Arthur!

Betracht man Sagar ganz alleine, könnte David Cohen durchaus der Mann aus der Butchers Row gewesen sein, dieser wurde jedoch als Schneider eingetragen. Auch Swanson´s Workhouse- Colney Hatch- starb kurze Zeit später- Zitat würde dazu passen.

Macnaghten´s Zeitangabe passt wiederum auch nicht für Cohen.

Scott Nelson, der Mann in Sachen David Cohen und Butchers Row, hat ja Kontakt mit einer Familie in Australien, Kosminskis, die zur Zeit der Morde in Batty Gardens lebten, direkt hinter dem Stride Tatort und die behaupten, ein Familienmitglied wäre ein Ripper Verdächtiger gewesen. Sie sind wohl auch sehr glaubhaft.

Ich persönlich bin ebenfalls mit einer Frau aus Australien in Kontakt, deren Familie mit der Butchers Row verbandelt waren. Ihre Familie lebte in der Whitechapel High Street in einem Haus, dass einem weiteren Teil der Familie gehörte und der Besitzer war verschwägert mit einem Schlachter aus der Butchers Row. Hier besteht allerdings kein direkter Verdacht in der Familie, anders in den Fällen von Scott´s Kosminski und der Familie von Aaron Kozminski.

In beiden Fällen handelt es sich um Wolf Kosminskis und ein dritter wäre sogar Aaron´s Bruder, Woolf. Eine dritte (und insgesamt vierte) Familie mit Verdacht, wäre die von Zena Shine. Ihre Familie lebte aber in einem Bereich von Whitechapel, wo sich viele Polen aus dem Bereich Kalish/ Polen wiederfanden. Aaron Kozminskis Familie stammte aus Klodawa/ Kalish. Dieser Herkunft gilt auch für Martin Kozminski (siehe Joseph Hyam Levy) und Morris Kozminski (Berner Street).

Falls Du die verlinkte Batty Street Story studieren möchtest, Aaron Kozminkis Familie lebte auch kurze Zeit in Deutschland und Aaron sprach, genau wie Cohen, in der Anstalt etwas deutsch. Die Batty Street Story berichtet ja auch über einen Deutschen (der offenbar nicht Ludwig gewesen war).

Ich weiß allerdings nicht, wie das alles zusammenhängen soll...

Wir, Jeff Leahy und ich, haben es uns ja zur Aufgabe gemacht, alle möglichen Anstalten zu durchforsten. Augenmerk vor allem auf private und das in Surrey. Jeff hat einen hervorragenden Kontakt in Surrey und vor einer Weile schon einiges einsehen können. Leider ohne Erfolg. Die von uns als wichtig eingeschätzten, konnten wir noch nicht einsehen oder aber, das ist kurios, sie fehlten (also die entsprechenden Zeitabschnitte). Einige öffentliche konnte ich noch per Ancestry durchforsten auch ohne Erfolg. Kosminski war ja offenbar vor seiner Identifizierung in einer Anstalt und kam danach in eine öffentliche (Colney Hatch) und so vermute ich einfach, dass Sagar´s "Private Anstalt" auf diesen Mann zutraf. In diesem Bereich machen wir nun alsbald weiter...

Ich hatte auch nichts wirklich passendes zu dem Mann in einem East End Krankenhaus im Oktober 1888 gefunden. Es gab noch eine Art Krankenhaus, Stepney Green, dass Kontakte nach Surrey hatte. Unterlagen dafür zu finden, schlugen bisher fehl.

Laut Rob House, müssen noch Unterlagen zum Fall irgendwo in London eingelagert sein. Kein Mensch weiß allerdings wo. Ein Teil soll aber auch bereits einem Wasserschaden zum Opfer gefallen sein.

Wir brauchen Shadow´s John Doe auf dem Dachboden (wäre mir am liebsten)...

Lestrade.

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 18.05.2016 20:22 Uhr
Hallo zusammen!

Endlich habe ich beim Durchforsten der im Casebook zitierten Zeitungsartikel einen Hinweis gefunden, wann die Observierung wohl begann:


Aberdeen Weekly Journal, 16. November 1888:
"The Central News is enabled to state that several houses at which the murderer is believed to call on occasionally are under the closest police surveillance."


Unter Überwachung gestellt wurden "verschiedene Häuser, von denen angenommen wird, dass der Mörder sie gelegentlich aufsucht" - das klingt doch nach dem "he occupied several shops in the Eastend" von Cox, oder?

Lestrade, du könntest recht haben, dass Cox schon ganz am Anfang bei den Observationen mit dabei war.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 18.05.2016 21:01 Uhr
Guten Abend, Arthur!

Von diesem Artikel bzw. diesem Zitat habe ich erst vor mehr als einem Jahr durch Jeff Leahy erfahren. Ich kannte den Artikel/ das Zitat vorher nicht.

Wo steht der komplette Artikel überhaupt auf Casebook?

Das ganze passt eben auch zu meiner Theorie, dass Kosminski (ich beziehe das mal auf ihn) nach dem Mord an Kelly nicht aufzufinden gewesen war. Er wäre bereits ein Hauptverdächtiger im Oktober gewesen aber die Observation wurde abgebrochen (siehe Batty Street Story) aber nach diesem Mord, hätten die Polizei sofort einen solchen Mann erneut aufgesucht. Ich habe dazu zwei Überlegungen, entweder wusste er, dass die Polizei zu ihm kommen würde oder aber, er wurde gesehen und hatte Furcht vor einer Identifizierung durch diesen Zeugen (der jedoch der Polizei zunächst nicht bekannt wurde- erst zur Seaside Home Identifizierung-). Also versteckte er sich. So ist es aber möglich, dass die Polizei alle Orte bewachte, in denen er gewohnt war regelmäßig aufzutauchen. Cox sagte ja, sie kamen diesem Mann erst nach dem Miller´s Court auf die Spur (nicht, dass er schon auf dem Zettel im Oktober stand aber sein Verschwinden nach Kelly, hätte den Verdacht erhärten können). Die ganze Sache nährt so meine Überlegung, dass der Seaside Home Zeuge aus dem Miller´s Court kam und uns überhaupt nicht bekannt ist. Und dann nehme den Vorfall vom 22 November 1888, als sofort die Beamten zur Stelle waren. Das könnte bedeuten, dieser Vorfall mit einer "Matilda" fand an einen dieser Orte statt, die von der Polizei bewacht wurde und zu den "several shops" gehörte. Die Suche in den privaten Anstalten im Dezember, könnte ein Hinweis darauf sein, dass ihn seine Familie (zunächst) nach diesem Vorfall außer Reichweite der Polizei brachte. Nachdem er wieder raus war, observierte ihn Cox für nahezu drei Monate (passt dann zu Macnaghten´s "about March 1889"). Somit ist es sehr wahrscheinlich, dass jener Kosminski bestimmte Zeiten in einer uns unbekannten privaten Anstalt in Surrey verbrachte, bevor er nach Colney Hatch kam. Während einer dieser Zeiten in Surrey fand dann die Seaside Home Identifikation statt.

Diese Überlegungen wollen wir in der Doku "The Kozminski Code" untermauern.

Herzliche Grüße, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 18.05.2016 21:10 Uhr
Hallo Lestrade!


Howard Brown hatte alle Artikel des Aberdeen Weekly Journal, die er zum Fall gefunden hatte, eingescannt und in einem Thread des Casebooks hochgeladen:

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=12373&page=8

Der Auszug stammt aus dem letzten Artikel dieser Forums-Seite, ganz unten links letzter Abschnitt.

MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 18.05.2016 21:29 Uhr
Besten Dank mein Lieber!

Hätte ich ja lange suchen können, wenn es bei Howard im JTRForums steht und ich ihn im Casebook suche. Dort hatte ihn Jeff nur mit dem Zitat belegt.

Was hälst Du von der ganzen Sache? Mal angenommen, es bezieht sich auf "Kosminski", wie von Macnaghten, Anderson und Swanson bestätigt, dann hätten sie Jack the Ripper recht früh "identifiziert" und während einer Observationspause hätte er auch sogar noch einmal zuschlagen können. Meinte Anderson damit sein " mein altes Department würde nur unnötig drunter leiden"?

Fakt scheint jedoch nur zu sein, dass sie Indizien hatten, die blutige Wäsche in der Batty Street (die Polizei konfizierte diese ja), den PC vom Mitre Square, der nicht das Gesicht des Mannes sah, vielleicht Packer, der den Mann vom Sehen kannte und mit Stride sah, vielleicht einen violetten Schal, den Lawende als roten in Erinnerung hatte und ihn, den Verdächtigen, auch nicht wiedererkennen konnte, was er ja auch der Polizei sagte ("hatte nur einen kurzen Blick und bin mir nicht sicher ihn wiederzuerkennen") und vielleicht Informationen aus des Verdächtigen´s Familie (Schwester, die über sein Prostituierten-Hass und sein Interesse an Körperorganen - arbeitet mal in einem Krankenhaus in Polen- bescheid wusste?). Kann es sein, dass diese Schwester aufschreckte, als sie vom Mord im Dutfields Yard hörte, neben dem der Verdächtige einst wohnte und nun auch noch sein Bruder Woolf immer noch in dessen Nähe (Providence Street) lebte? Woolf zog nach dem Mord dort auch sofort weg.

Das einzige was ihnen hätte helfen können, wäre ein wirklich guter Zeuge gewesen. Fanden sie ihn dennoch, sicherlich dann erst sehr spät (ab Sommer 1890) und ließ er sie dann auch im Stich als er zwar den Mann erkannte, jedoch aufgrund der gleichen Religion und der gespannten Atmosphäre seine Aussage zurückzog?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 18.05.2016 21:46 Uhr
Hallo Lestrade!


Gut möglich, dass der Verdächtige der Polizei vorübergehend entwischte, und sie das zu vertuschen suchte. Die Beamten formulierten in dem Fall immer wieder so vorsichtig und gewunden, dass man den Verdacht erhält, es ging hier nicht nur um den Schutz von Persönlichkeitsrechten und Unschuldsvermutung.

In dem Artikel wird auch über die Zeugenaussagen von Marie Ann Cox und Hutchinson geschrieben: Der Autor stellt darin die Frage, warum sich die Polizei auf Hutchinsons Beschreibung verlässt und man nicht vehementer versucht, den von Cox beschriebenen Blotchy Man zu finden, da er wohl ein nützlicher Zeuge sein könnte:

"It is obvious that if the man described by Cox can be found, he would be able to give valuable evidence as to the time when he left the woman Kelly, and this could be compared with Hutchinson's testimony."

Könnte es sein, dass man Blotchy Man irgendwann gefunden hat? Dass er sich nach seinem Besuch bei Kelly noch in den Straßen herumtrieb und sein Liebchen mit dem nächste Kunden zu ihrem Zimmer gehen sah? Dass er vielleicht gar der unbekannte Zeuge war, der JTR identifizierte? Was meinst du?



Übrigens, kennst du einen Inspector Moore? Denn das hier scheint mir auch interessant:


Aberdeen Weekly Journal, 6. November 1889:

"The Whitechapel tragedies
A Philadelphia journalist, Mr R. Harding-Davis, has been publishing in a syndicate of American papers an account of a night he spent upon the scene of the Whitechapel murders, towards the end of August, in the company of Police Inspector Moore, in the course of which some interesting statements occur. (...)
Suspucion has rested, so the Inspector said, on poeple in every class of society - on club men, doctors and dockers, members of Parliament and members of the nobility, common sailors and learned scientists.
In two squares the Inspector pointed out three houses where he had said he had gone to find him. He told the story to illustrate the degradation of the women of the district, but the point of interest in them to me was that in a space of 200 yards he had found three houses where the murderer was supposed to be hiding. This shows me that there must have been hundreds of men suspected of whom the public have heard nothing."


Moore hat dem Reporter gesagt, er hätte drei Häuser innerhalb von zwei Blocks in einem Radius von 200 yards überprüft, um JTR zu finden.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 18.05.2016 21:58 Uhr
Danke!

Ich habe mich schon öfters gefragt, ob Blotchy Man noch einmal zurückgekehrt war und jemanden sah, der Kelly´s Zimmer verließ. Wohlmöglich hat er dann sogar durch das Fenster geschaut, dass geschehene erkannt und keinen Alarm geschlagen (aus Angst, verdächtigt zu werden). Vielleicht konnte er das alles nicht verarbeiten und landete, psychisch erschöpft, in einem Krankenhaus, vielleicht mit einem Seaside Home und man brachte, nachdem er mit der Wahrheit rausrückte, den Verdächtigen zu ihm.

Mehr zu Moore:

http://www.casebook.org/press_reports/pall_mall_gazette/18891104.html

http://www.casebook.org/press_reports/two_republics/991217.html

http://www.casebook.org/press_reports/bangor_daily_whig_and_courier/991130.html

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 18.05.2016 22:22 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
Ich habe mich schon öfters gefragt, ob Blotchy Man noch einmal zurückgekehrt war und jemanden sah, der Kelly´s Zimmer verließ. Wohlmöglich hat er dann sogar durch das Fenster geschaut, dass geschehene erkannt und keinen Alarm geschlagen (aus Angst, verdächtigt zu werden). Vielleicht konnte er das alles nicht verarbeiten und landete, psychisch erschöpft, in einem Krankenhaus, vielleicht mit einem Seaside Home und man brachte, nachdem er mit der Wahrheit rausrückte, den Verdächtigen zu ihm.


Ja, so ähnlich stelle ich mir das auch vor. Ich spekuliere jetzt mal:

Der betrunkene Blotchy Man treibt sich nach dem Schäferstündchen noch in der Nähe von Kellys Zimmer herum.
Als sie wieder mit einem Kunden hineingeht oder als der Kunde geht, spannt er durch das Fenster, sieht den Mord und macht sich in Panik davon. Die Anwohnerinnen hören noch sein gestammeltes "Oh, Murder" - kein richtiger Schrei, nur ein Hauch, denn ihm bleibt vor Schreck die Luft weg.
Nachdem er weggelaufen ist und irgendwann den Schock verdaut hat, traut Blotchy Man sich nicht mehr zur Polizei: Der Täter ist schon längst weg, bis er mit ihnen wiederkommt. Und damit wäre er der letzte Kunde und selber verdächtig, außerdem ist es peinlich, den Besuch bei einer Prostituierten zuzugeben, das alles käme an die Öffentlichkeit und würde viel Ärger bedeuten. Also hält er den Mund und sich vorerst bedeckt... jedenfalls solange, bis die Polizei ihn findet oder sein Gewissen ihn zermürbt hat.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 18.05.2016 22:47 Uhr
Ja Arthur, so könnte es gewesen sein... denn eine solche Beobachtung hätte den Verdächtigen + den anderen Indizien, an den Galgen gebracht. Mit dem Hängen, Swanson äußerte dies ja im Bezug auf den Zeugen...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 18.05.2016 22:57 Uhr
Lestrade,
was hältst du von dem, was Inspektor Moore dem Reporter gesagt hat: Er habe drei Häuser innerhalb von zwei Blocks in einem Radius von 200 yards überprüft, von denen vermutet wurde, dass JTR sich darin verberge?
Kennst du mit deiner großen Adressliste vielleicht mögliche "several shops" innerhalb von zwei Häuserblocks bzw. 200 yards?


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 18.05.2016 23:09 Uhr
Was hälst du davon, Arthur:

Butchers Row (Sagar)- Cox (Leman Street)- Goulston Street (Graffito und vielleicht die Richtung, aus der Cox Richtung Leman Street ging)

oder

Providence Street (Woolf Abrahams bis Double Event))- Greenfield Street (Isaac Abrahams & Matilda Lubnowski)- Yalford Street ( Woolf wahrscheinlich nach dem Double Event) ?

"In two squares the Inspector pointed out three houses where he had said he had gone to find him" (Moore) passt dann ziemlich genau auf die Kozminski Familie. Isaac und Matilda lebten in der Greenfield Street gegenüber, Woolf (wenn dann Yalford Street) gegenüber in der Parallelstraße...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 18.05.2016 23:30 Uhr
Wenn Du auf deine Karte gehst, die wir beide nutzen, dann ist die New Street, links neben der Greenfield Street, die Yalford Street mit dem Durchgang White Hart Court.

Bilder der ganzen Area bis zur Berner Street/ Providence Street findest Du ab hier:

http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,1648.15.html

Jetzt aber Gute Nacht.

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 19.05.2016 10:46 Uhr
Schau mal hier, Arhur, Jerry Dunlop gestern im JTRForums:

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=25682

"...three small unoccupied tenements near Gravel Lane were visited... Inspector Henry Moore and Inspector E. Reid..."

Sagar berichtete ja, zum Mitre Square Mord, dass man die Spur des Mannes nahe Stoney Lane bei den Wohnblöcken verlor. Grave Lane führt nach Stoney Lane und es gab dort einige Blöcke, North Block, Princes´s Block, Kings Block und South Block. An einem dieser Blöcke wurde auch ein Jack the Ripper Graffiti entdeckt.

Der Bericht hier stammt vom 16. September 1889, deiner vom 6. November 1889.

Die Chance ist doch hoch, dass das Moore Ding sich darauf bezieht oder?

Aber es ist schon kurios, während wir das hier diskutieren, gibt es diese gefundene Pressemitteilung...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 19.05.2016 11:07 Uhr
Zu diesem Graffiti:

http://casebook.org/dissertations/rip-wallwriting.html

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 19.05.2016 18:39 Uhr
Hallo Lestrade!


Ja, ich denke auch, es ist gut möglich, dass jene Gebäude nahe Gravel Lane damit gemeint sind: Es sind drei dicht zusammenliegende und Moore war mit dabei.
Obwohl die Beamten natürlich im Laufe der Zeit zahlreiche kontrolliert haben dürften, und Moore wohl bei einigen weiteren dabei war. 

Was aber ein weiterer Hinweis sein könnte: Der Reporter schrieb in dem Text im Aberdeen Weekly Journal, 6. November 1889, dass Moore ihm die Tatorte gezeigt hat - und wenn er seine Reportage halbwegs chronologisch geschrieben hat, wären die Häuser wohl auch räumlich in der Nähe von Mitre Square, Goulston Street oder Dorset Street gewesen, bzw gar auf dem Weg dazwischen gewesen.

Dass die Räume ungenutzt waren, würde auch gut zu der Fornulierung von Cox passen "he occupied several shops" - er wohnte oder arbeitete nicht dort, sondern "besetzte" sie wie ein Hausbesetzer... Nur die Verwendung des Begriffes "Shop" scheint nicht zu passen, denn dies waren ja offensichtlich Wohnhäuser.

Aber was mich verblüfft: Trotz der Überbevölkerung gab es also in bestimmten Häuserblocks ungenutzte Mietwohnungen?
Vielleicht haben wir ja bisher den falschen Ansatz verfolgt, wenn wir nach Wohnungen und Shops von Verwandten und Freunden gesucht haben. Wenn JTR tatsächlich leerstehende Räumlichkeiten nutzte, dann müssen diese ja nicht unbedingt jemandem gehört haben, mit dem JTR irgendwie verbandelt war - das können auch völlig fremde Leute gewesen sein.

In solchen ungenutzten Räumen hätte sich JTR natürlich gut verbergen können, bis der Aufruhr in den Straßen sich wieder gelegt hat...
Das wäre eine mögliche Erklärung für das verspätete Auffinden von Schürze und Graffiti  in der Goulston Street über eine Stunde nach dem Mord - aber andererseits würde dies wieder neue Fragen aufwerfen: Wieso sollte JTR die Schürze denn noch einmal mit auf die Straße nehmen, wo sie ihn bei einer Kontrolle an den Galgen gebracht hätte? Er hätte sie ja einfach in den leeren Räumen liegenlassen können.

Stattdessen nimmt er sie mit bis zur Goulston Street. Dafür gäbe es dann m.E. zwei Möglichkeiten:
Erstens, er transportierte darin die Organe und warf das Stück erst weg, nachdem er jene irgendwo deponiert hatte.
Zweitens, er nahm sie mit, um sie bewusst zu platzieren.

Was die zweite Möglichkeit betrifft: Hat jemand eine Liste der Bewohner der Model Dwellings?
Vielleicht wollte JTR den Verdacht ja auf jemand bestimmtes lenken, und man könnte dadurch eine Verbindung zu einem Verdächtigen finden? Wurde dieser Ansatz schon einmal untersucht?


 MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 19.05.2016 21:54 Uhr
Hi Arthur!

Was aber ein weiterer Hinweis sein könnte: Der Reporter schrieb in dem Text im Aberdeen Weekly Journal, 6. November 1889, dass Moore ihm die Tatorte gezeigt hat - und wenn er seine Reportage halbwegs chronologisch geschrieben hat, wären die Häuser wohl auch räumlich in der Nähe von Mitre Square, Goulston Street oder Dorset Street gewesen, bzw gar auf dem Weg dazwischen gewesen.

Da würden diese "Artizan Dwellings" in Stoney Lane nahe Gravel Lane gut passen.

Dass die Räume ungenutzt waren, würde auch gut zu der Fornulierung von Cox passen "he occupied several shops" - er wohnte oder arbeitete nicht dort, sondern "besetzte" sie wie ein Hausbesetzer... Nur die Verwendung des Begriffes "Shop" scheint nicht zu passen, denn dies waren ja offensichtlich Wohnhäuser.

Richtig! Moore scheint eher Mietshäuser gemeint zu haben, keine Shops.

Cox:

He occupied several shops in the East End, but from time to time he became insane, and was forced to spend a portion of his time in an asylum in Surrey.

Sims:

...who was the sole occupant of certain premises in Whitechapel after night-fall

Zusammen klingt das schon so, dass er bestimmte Räumlichkeiten zu bestimmten Zeiten alleine "bewohnen" konnte. Erinnert mich schon an Schlafmöglichkeiten oder eine Art Wachdienste. In Cox´s Beschreibung besuchte er einen Shop in der Leman Street nur für 15 Minuten aber das muss vielleicht mit den anderen Räumlichkeiten nichts zu tun haben.

Aber was mich verblüfft: Trotz der Überbevölkerung gab es also in bestimmten Häuserblocks ungenutzte Mietwohnungen?
Vielleicht haben wir ja bisher den falschen Ansatz verfolgt, wenn wir nach Wohnungen und Shops von Verwandten und Freunden gesucht haben. Wenn JTR tatsächlich leerstehende Räumlichkeiten nutzte, dann müssen diese ja nicht unbedingt jemandem gehört haben, mit dem JTR irgendwie verbandelt war - das können auch völlig fremde Leute gewesen sein.

In solchen ungenutzten Räumen hätte sich JTR natürlich gut verbergen können, bis der Aufruhr in den Straßen sich wieder gelegt hat...
Das wäre eine mögliche Erklärung für das verspätete Auffinden von Schürze und Graffiti  in der Goulston Street über eine Stunde nach dem Mord - aber andererseits würde dies wieder neue Fragen aufwerfen: Wieso sollte JTR die Schürze denn noch einmal mit auf die Straße nehmen, wo sie ihn bei einer Kontrolle an den Galgen gebracht hätte? Er hätte sie ja einfach in den leeren Räumen liegenlassen können.

Stattdessen nimmt er sie mit bis zur Goulston Street. Dafür gäbe es dann m.E. zwei Möglichkeiten:
Erstens, er transportierte darin die Organe und warf das Stück erst weg, nachdem er jene irgendwo deponiert hatte.
Zweitens, er nahm sie mit, um sie bewusst zu platzieren.

Was die zweite Möglichkeit betrifft: Hat jemand eine Liste der Bewohner der Model Dwellings?
Vielleicht wollte JTR den Verdacht ja auf jemand bestimmtes lenken, und man könnte dadurch eine Verbindung zu einem Verdächtigen finden? Wurde dieser Ansatz schon einmal untersucht?

Vorab, ich mache immer den gleichen Fehler, wie mir gerade auffällt. Jacob Levy´s Bruder Isaac wohnte nicht in den Wentworth Model Dwellings 130, Goulston Street, einen Eingang weiter, wo das Schürzenteil gefunden wurde, sondern an den Brunswick Buildings 130, weiter südlich in der Goulston Street, also Goulston Street 130 (Isaac Kosminski lebte auch dort, direkt in den Brunswick Buildings Nummer 79). Die 130 in der Goulston Street war aber irgendwie ein Teil dieser Bauten. Jacob Levy arbeitete einst 58 Goulston Street aber er hatte eben durch sich selbst als auch durch seinen Bruder eine "Beziehung" zur Goulston Street.

Zum Schürzenteil selber, es gab wohl die Annahme, dass auf dem Teil zwei verschiedene Blutspuren zu finden waren, man war sich nicht sicher, ob eine Tierblut gewesen sein könnte, Eine weitere Spur war wohl Kot. Zum Blut habe ich jetzt die Quelle nicht parat aber hier im Forum schon einmal ausführlicher darüber geschrieben. Ich sehe noch die Möglichkeit, dass der Ripper sich verletzt hatte und als die Blutung stoppte, warf er das Stück einfach weg. Ich glaube nicht, dass dieser Typ von Mörder sich großartig Gedanken darum machte. Außerdem waren die Straßen eh nicht gerade frei von Unrat...

Eine Liste der Bewohner der Wentworth Model Dwellings habe ich, so meine ich, schon einmal gesehen, ich versuche sie wiederzufinden. Erinnere mich aber bitte daran. Für das Brunswick Gebäude habe ich eine für dich von 1891 parat und da siehst du auch unbewohnte Räumlichkeiten:

http://www.census1891.com/viewhouse.php?sid=207

Hier Isaac Levy in der 130 Goulston Street/ Brunswick Buildings:

http://www.census1891.com/viewhouse.php?sid=206&did=4129

Isaac Kosminski:

http://www.census1891.com/viewhouse.php?sid=207&did=4307

Die Liste dieser Bürgerzählung ist diesbezüglich nicht komplett.

Vielleicht meinte Moore etwas anderes als es Cox tat.

Gruß, Lestrade.



Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 19.05.2016 22:13 Uhr
Hallo zusammen!


Den Census von 1891 habe ich auch schon online gefunden und gelistet - aber der ist ja drei Jahre nach den Morden, und in dieser Zeitspanne kann sich in so einem Viertel wie Whitechapel viel ändern. Hat jemand vielleicht die Daten von 1888?

Hier ist meine Liste von 1891:


Bewohner Model Dwellings, Goulston Street 108-119 - Census 1891:



Sched   Inhab   First Name   Surname   ReltoHead   Marital   Age/Sex   Occupation      Empl   Where Born


107 Goulston Street, Whitechapel

107    I    Maurice    Jacobs       H    M    22 M    Cigar Maker       Ed    London, Whitechapel    
107       Martha       Jacobs       W    M    18 F    Cigar Maker       Ed    London, Spitalfields    
108       Joseph       Rogers       H    M    55 M    Licensed Messenger    Ed    London, Houndsditch    
108       Esther       Rogers       W    M    44 F                Holland    
108       Daniel       Rogers       So       15 M    Cigar Maker       Ed    London, Whitechapel    
108       Abraham    Rogers       So       13 M    Scholar          London, Whitechapel    
108       Harriet    Rogers       Da       7 F    Scholar          London, Whitechapel    
108       Henry       Rogers       So       6 M    Scholar          London, Whitechapel


108 Goulston Street

109    I    Solomon    Goadeket    H    M    47 M    Boot Laster       Ed    Holland, Amsterdam    
109       Flora       Goadeket    W    M    44 F                Holland, Amsterdam    
109       Esther       Goadeket    Da    S    17 F                London, Whitechapel    
109       Hyman       Goadeket    So       15 M    App to Coach Smith    Ed    London, Spitalfields    
109       Jacob       Goadeket    So       14 M    App to Boot Lasting    Ed    London, Whitechapel    
109       Sarah       Goadeket    Da       13 F    Cap Maker       Ed    London, Whitechapel    
109       Emanuel    Goadeket    So       10 M    Scholar            London, Whitechapel    
109       Betsy       Goadeket    Da       8 F    Scholar          London, Whitechapel    
109       Abraham    Goadeket    So       5 M    Scholar          London, Whitechapel    
109       Joseph       Goadeket    So       4 M    Scholar          London, Whitechapel    
109       Eliza       Goadeket    Da       2 F                London, Whitechapel    
109       Barnet       Goadeket    So       7 M    Scholar          London, Whitechapel


109 Goulston Street

110    I    Israel       Cara       H    M    28 M    Fruit Salesman       Ed    London, Whitechapel    
110       Rachel       Cara       W    M    30 F                Holland    
110       Clara       Cara       Da       8 F    Scholar          London, Spitalfields    
110       Joshua       Cara       So       11m M                London, Whitechapel    
110       Joshua       Bushnack    Fl    M    74 M    Z             Holland    
110       Clara       Bushnack    Ml    M    72 F                Holland    
110       Rebecca    Abrahams    Lo    S    22 F    Tailoress       Ed    Poland    
110       Hannah       Welch       Se    S    23 F    General Servant       London, Whitechapel


110 Goulston Street

111    I    Marks       Feld       H    M    73 M    Tailor          Ne    Poland    
111       Rebecca    Feld       W    M    61 F                Poland    
111       Leah       Feld       Da    S    19 F    Tailoress       Ed    Poland    
112       Jacob       Feld       H    M    24 M    Tailor's Presser    Ed    Poland    
112       Julia       Feld       W    M    20 F                London, Mile End    
112       Fanny       Feld       Da       2 F                London, St. Georges E.    
112       Eve       Feld       Da       5m F                London, Whitechapel


111 Goulston Street

113    I    Samuel D.    Beards       H    M    47 M    Job Buyer       Ne    Russia, Poland    
113       Leah       Beards       W    M    40 F                Russia, Poland    
113       Samuel       Beards       So    S    20 M    General Dealer       Ed    Russia, Poland    
113       Reuben       Beards       So    S    18 M    General Dealer       Ed    Staffordshire, Wolverhampton    
113       Jacob       Beards       So       16 M                Staffordshire, Wolverhampton    
113       Rachel       Beards       Da       13 F                Liverpool    
113       Marks       Beards       So       8 M    Scholar          London, St. Georges E.    
113       Myer       Beards       So       5 M    Scholar          London, St. Georges E.    
113       Sarah       Beards       Da       3 F    Scholar          London, Spitalfields    
113       Rebecca    Beards       Da       9m F                London, Spitalfields


112 Goulston Street

114    I    Jool       Goodfriend    H    M    55 M    Cap Maker       Er    Russia, Poland    
114       Pollyn       Goodfriend    W    M    54 F                Russia, Poland    
114       Harriet    Goodfriend    Da    S    20 F                Russia, Poland


113 Goulston Street

115    I    Jacob       Alexander    H    M    38 M    Furrier       Ne    Poland    
115       Sarah       Alexander    W    M    29 F                Russia    
115       Joe       Alexander    So       9 M    Scholar          London, Spitalfields    
115       Marks       Alexander    So       6 M    Scholar          New York    
115       Forah       Alexander    Da       3 F                London, Whitechapel    
115       Annie       Alexander    Da       1 F                London, Whitechapel


114 Goulston Street

116    I    Edward       Cohen       H    M    38 M    Cabinet Maker       Ed    London, St. Botolph's    
116       Leah       Cohen       W    M    32 F                London, Whitechapel    
116       George       Cohen       So       11 M    Scholar          London, Mile End    
116       Samuel       Cohen       So       10 M    Scholar          London, Whitechapel    
116       Woolf       Cohen       So       9 M    Scholar          London, Whitechapel    
116       Morris       Cohen       So       5 M    Scholar          London, Whitechapel    
116       Annie       Cohen       Da       4 F                London, Whitechapel    
116       Betsy       Cohen       Da       8m F                London, Whitechapel    
116       Jacob       Cohen       So       2 M                London, Whitechapel    
117       Harris       Rosenthall    H    M    44 M    Tailor    Ed          Germany, British Subject    
117       Mary       Rosenthall    W    M    45 F                Germany, British Subject    
117       Lewis       Rosenthall    So    S    21 M    Bootmaker       Ed    London, Spitalfields    
117       Herrman    Rosenthall    So    S    18 M    Bootmaker       Ed    London, Spitalfields


115 Goulston Street

118    I    Jacob       Bendon       H    M    31 M    Tailor    Ed          London, St. Botolph    
118       Sophia       Bendon       W    M    30 F    Tailoress       Ed    London, St. Botolph    
118       Kate       Bendon       Da       13 F    Scholar          London, Whitechapel    
118       Rachel       Bendon       Da       6 F    Scholar          London, Hackney    
118       John       Bendon       So       5 M    Scholar          London, Haggerston    
118       Rose       Bendon       Da       3 F                London, Spitalfields    
118       Lidia       Bendon       Se    S    17 F    General Servant       Chatham, St. John    
118       Isaac       Bendon       So       9 M    Scholar          London, Haggerston


116 Goulston Street

119    I    Abraham    Delafuente    H    M    42 M    Cigar Maker       Ed    Holland, Amsterdam    
119       Mary       Delafuente    W    M    40 F                Holland, Amsterdam    
119       Betsy       Delafuente    Da    S    19 F    Cigar Maker       Ed    London, Spitalfields    
119       Simon       Delafuente    So    S    17 M    Cigar Maker       Ed    London, Spitalfields    
119       Leah       Delafuente    Da       15 F    Cigar Maker       Ed    London, Spitalfields    
119       Solomon    Delafuente    So       12 M    Scholar          London, Whitechapel    
119       Sarah       Delafuente    Da       9 F    Scholar          London, Whitechapel    
119       Henry       Delafuente    So       6 M    Scholar          London, Whitechapel    
119       Rebecca    Delafuente    Da       4 F                London, Whitechapel


117 Goulston Street

120    I    Abraham    Messias    H    M    47 M    Cigar Maker       Ed    Holland, Amsterdam    
120       Hannah       Messias    W    M    44 F                Holland, Amsterdam    
120       Leah       Messias    Da    S    23 F    Cigar Maker       Ed    London, Spitalfields    
120       Julia       Messias    Da    S    21 F    Cigar Maker       Ed    London, Spitalfields    
120       Rebecca    Messias    Da    S    17 F    Cigar Maker       Ed    London, Mile End    
120       Jacob       Messias    So       15 M    Cigar Maker       Ed    London, Mile End    
120       Rachel       Messias    D       13 F    Scholar          London, Spitalfields    
120       Julius       Messias    So       11 M    Scholar          London, Whitechapel    
120       Michael    Messias    So       9 M    Scholar          London, Whitechapel    
120       Samson       Messias    So       6 M    Scholar          London, Whitechapel    
120       Miriam       Messias    Da       4 F                London, Spitalfields    
120       Abigail    Messias    Da       1 F                London, Whitechapel


118 Goulston Street

121    I    Marks       Edelman    H    M    48 M    Cabinet Maker       Ed    Russia    
121       Rachel       Edelman    W    M    35 F                Russia    
121       Alec       Edelman    So       7 M    Scholar          Russia    
121       Lewis       Edelman    So       4 M                Russia    
121       Katie       Edelman    Da       14 F    Tailoress       Ed    Russia    
121       Jane       Edelman    Da       13 F    Scholar          Russia    
121       Jacob       Jacobs       Lo    M    36 M    Tailor          Ed    Russia    
121       Harris       Tital       Lo    S    20 M    Cabinet Maker       Ed    Russia    
121       Joseph       Tital       Lo    S    22 M    Cabinet Maker       Ed    Russia    
121       Maurice    Edelman    Lo    S    22 M    Tailor          Ed    Russia


119 Goulston Street

123    I    Julius       Wedofsky    H    M    26 M    Tailor          Ed    Russia    
123       Emma       Wedofsky    W    M    22 F                Russia    
123       Lewis       Wedofsky    So    S    2 M                London, Spitalfields    
123       Tamons       Wedofsky    So    S    5m M                London, Spitalfields    
123       Morris       Friecks    Lo    S    22 M    Tailor          Ed    Russia    
123       Solomon    Dobekes    Lo    S    23 M    Tailor          Ed    Russia    
123       Rossia       Rebnuck    Lo    S    19 F    Tailoress       Ed    Russia

    

Leider scheint das mit den Tabs hier nicht so recht zu klappen...  Egal. Mir geht es darum, ob darunter jemand sein könnte, der vielleicht mit einem unserer Verdächtigen zu tun gehabt haben könnte.


MfG, Arthur Dent






Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 19.05.2016 22:20 Uhr
Den Census gab es nur alle 10 Jahre, Arthur! Also 1881, 1891, 1901 usw. Post Office der Unternehmer war jährlich.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 19.05.2016 22:22 Uhr
Hi Lestrade,

ist der auch online zu finden?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 19.05.2016 22:41 Uhr
Post Office? Da gibt es wohl welche! Von 1887/88 hat jemand mal gescannt (von einer Originalausgabe) aber da habe ich nur einen Teil von 1888. Den 1891 habe ich komplett für London. Bei Interesse, kann ich dir das zukommen lassen. Ich bin nicht sicher aber wahrscheinlich haben sich so etwas die Cracks gegenseitig zukommen lassen. Ansonsten Ancestry und so, bin da etwas überfragt.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 20.05.2016 20:36 Uhr
Hallo zusammen!


Ich habe eine Anmerkung im casebook-wiki gefunden, wonach Sagar im April 1889 in der Nähe der Butcher's Row im Einsatz war:

Times, 3 April 1889: Detective Sergeant Pentin had followed a suspicious character who entered 5 Duke Street, and was able to "communicate with" Sagar, who helped him to search the premises and arrest the man.
http://wiki.casebook.org/index.php/Robert_Sagar


Weiß jemand, um welchen Einsatz es sich dabei gehandelt haben könnte?


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 20.05.2016 21:23 Uhr
Hi Arthur!

Ich wüsste nicht, um welchen Einsatz es sich im Times Bericht vom 3. April 1889 gehandelt hätte.

It has been suggested that this may be the same suspect mentioned in the memoirs of Sagar's colleague Henry Cox. No contemporary reference to the observation of this suspect is known, though evidence in an unrelated case suggests that Sagar may have been carrying out surveillance in Aldgate in April 1889. It has also been suggested that there may be a connection with a raid on a gaming house known as the Alliance Club in Bull Inn Yard, Aldgate, in December 1890. The raid followed observation of the premises, which lay off Aldgate High Street directly opposite to Butchers' Row.

Es handelte sich aber sicherlich um den City Beamten Arthur Pentin. Hatte mit Sagar aber wohl öfters zu tun, denke ich:

THE COMMAN SERJEANT commented the conduct of sagar, Wise, and Pentin.

Hier Pentin:

http://www.oldbaileyonline.org/search.jsp?form=searchHomePage&_divs_fulltext=pentin&kwparse=and&_persNames_surname=&_persNames_given=&_persNames_alias=&_offences_offenceCategory_offenceSubcategory=&_verdicts_verdictCategory_verdictSubcategory=&_punishments_punishmentCategory_punishmentSubcategory=&_divs_div0Type_div1Type=&fromMonth=&fromYear=&toMonth=&toYear=&ref=&submit.x=0&submit.y=0

Sagar dann im Mai/Juni 1889:

http://www.oldbaileyonline.org/browse.jsp?id=t18890624-573&div=t18890624-573&terms=sager#highlight

Falls Du möchtest, frage ich Chris Philips, er dürfte auch mit für diesen Ripper Wiki Artikel verantwortlich sein.

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 24.05.2016 21:01 Uhr
Hallo zusammen,

ich habe meine Zusammenfassung zur Jacob-Levy-These aktualisiert.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 24.05.2016 21:02 Uhr
Jack the Ripper – Tatverdächtiger Jacob Levy



Jacob Levy
wurde 1856 als Sohn des Metzgers Joseph Levy im Londoner Eastend geboren, lebte und arbeitete im Viertel und wurde 1890 aufgrund der Folgen einer fortschreitenden psychischen Erkrankung in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wo er 1891 starb. Als Todesursache wurde in den Anstaltsakten ein fortschreitender Verfall infolge einer Syphilis angegeben.
Seine Frau soll den Anstaltsakten zufolge nach der Einweisung gesagt haben, Levy habe beinahe sie und ihr Geschäft ruiniert, früher sei er ein sehr guter Geschäftsmann gewesen. Aber er schlafe nun nachts nicht mehr, sondern wandere oft für Stunden ziellos umher. Auch befürchte er, jemandem etwas anzutun. Er höre Geräusche und Stimmen, die ihm befehlen und ihn zwingen Taten zu begehen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne.

Zu einem Verdächtigen im Fall der Whitechapel-Morde wurde Jacob Levy durch die Recherche zeitgenössischer Ripperologen in den Unterlagen der Nervenheilanstalten in und um London. Sie suchten darin nach jener Person, die in den Texten der hochrangigen Polizeibeamten Chief Constable Mcnaghten, Assistant Commissioner Anderson und Chief Inspector Swanson als der mutmaßliche Ripper erwähnt werden, und dessen Leben in einer Irrenanstalt geendet haben soll. Vier Verdächtige wurden gefunden: Aaron Kosminski, David Cohen, Hyam Hyams und Jacob Levy. Auf Levy treffen zahlreiche Aussagen der Polizisten und Zeugen sowie des modernen Profilings zu. 


Beruf Metzger:

Im Census und im London Business Directory ist als Beruf von Jacob Levy Metzger angegeben.

Für moderne Profiler ist das Töten von Tieren am Anfang der mörderischen Karriere typisch für die Biographie von Serienkillern, ein Metzgerjunge wächst damit auf und kann seine pathologische Veranlagung durch seine Berufswahl zugleich entwickeln, ausleben und kaschieren. 
Angesichts der Art der Verletzungen bei den Opfern gehen Gerichtsmediziner und Polizei damals wie heute davon aus, dass JTR zumindest grundlegende anatomische Kenntnisse besaß und auch bei schlechtem Lichtverhältnissen sicher mit einem Messer umgehen konnte. Kenntnisse über Anatomie und das Zerlegen von Körpern hatten damals vor allem beruflich damit beschäftigte Gruppen wie Chirurgen oder Schlachter - demnach könnte JTR also Metzger gewesen sein. Dies war z.B. die Meinung von Dr. Frederick Gordon Brown, der Catherine Eddowes untersuchte, und auch von Dr. George Bagster Phillips, der Annie Chapman obduzierte.
Die Tatwaffe soll Gerichtsmedizinern zufolge eine lange, schmale, gerade Klinge gehabt haben, wie sie typisch zum professionellen Zerlegen von Körpern ist, z.B. sog. Amputationsmesser von Chirurgen oder ähnliche Metzgerklingen wie z.B. ein Tranchiermesser.
Der Kehlenschnitt deutet ebenfalls auf einen Metzger hin, der es gewohnt ist, so das Schlachtvieh zu töten. Das Töten geschah schnell und effizient, die Verstümmelungen wurden post mortem zugefügt und von Opfer zu Opfer umfangreicher - womit das Töten vor allem Mittel zum Zweck, das eigentliche Ziel hingegen offenbar das Eröffnen und Ausweiden des Unterleibs der Opfer war. Organentfernungen unter Zeitdruck und bei sehr schlechten Lichtverhältnissen, ohne sich total mit Blut zu versauen, spricht für Erfahrungen im Schlachterhandwerk.
Ein Indiz dafür ist auch, dass der Ripper seine Opfer i.d.R. bis zur Bewusstlosigkeit bzw. zum Kreislaufkollaps würgte, bevor er das Messer ansetzte. Offenbar wusste er aus Erfahrung, dass ansonsten das Blut aus den Arterien kräftig spritzen würde, es so aber relativ langsam aus den Wunden rann. Dies verhinderte, dass er selber allzusehr vollgeblutet wurde und erleichterte die Entnahme der Organe, die ansonsten in ein Meer von Blut getaucht gewesen wären.


Motiv Syphilis:

Irgendwann im Zeitraum von 1880 bis 1886 muss sich Jacob Levy mit Syphilis angesteckt haben, die dann 1891 als Todesursache diagnostiziert wurde - vermutlich hat er sie sich wie viele Männer bei einer Prostituierten eingefangen.
Der Zeitraum ergibt sich zurückgerechnet aus dem statistischen Verlauf der Erkrankung: Da er im August 1890 in die Nervenheilanstalt City of London Asylum at Stone in Kent eingeliefert wurde, wo er ein Jahr später an den Folgen der Syphilis starb, dürfte die Krankheit spätestens im ersten Halbjahr 1890 in ihr letztes Stadium eingetreten sein, wobei Levy aber schon die beiden Jahre zuvor unter den Auswirkungen der Krankheit gelitten haben dürfte.
 
Die Infektion mit Syphilis durch eine Prostituierte wird von modernen Profilern als plausibles Motiv für die Morde von JTR angesehen: Es erklärt die Wahl der Opfer und die Verstümmelungen im Unterleib.
Darüber hinaus führte unbehandelte Syphilis zu einer chronischen Hirnentzündung. Sensitive oder psychische Veränderungen wurden von den Ärzten damals oft beschrieben, so u.a. auch Gewaltausbrüche, eine übermäßige Steigerung der Libido und verschiedene Arten von Wahrnehmungsveränderungen.
Gut möglich, dass der Ripper sich zuerst gar nicht bewusst dafür entschieden hatte, auf Prostituiertenmord zu gehen, sondern dass die erste Tat eine Affekthandlung war, als er zufällig erneut auf eine Prostituierte traf, die ihn an die Überträgerin erinnerte, und seine ganze Wut über die Infektion wieder hochkam. Weil ihm diese erste Tat Befriedigung verschaffte, zog er danach dann regelmäßig los. Somit könnte Martha Tabram sein erstes Opfer gewesen sein, auf die "nur" eingestochen wurde, noch ohne sie auszuweiden (s.u.). 


Auswahl der Opfer:

Es gab weit über 1200 Gelegenheitsprostituierte in Whitechapel, die ohne Schutz durch einen Zuhälter nachts auf den Straßen nach Kunden suchten - und sie waren eine häufige Ansteckungsquelle für Syphilis.

JTR hatte damit nicht nur eine große Auswahl an potentiellen Opfern.Prostituierte vom Straßenstrich sind auch leichte Opfer, weil sie für das Sexgeschäft freiwillig mit fremden Männern an Orte gehen, wo sie mit ihnen allein sind, und dem Mörder damit auch noch unbeabsichtigt helfen, einen geeigneten Tatort zu finden. Eine zeitaufwendige und vor allem riskante Ausspähung und Verfolgung potentieller Opfer ist nicht notwendig, da sie in der Öffentlichkeit auf Freier warten und oft sogar selber auf potentielle Kunden zugehen.


Nähe zu Opfern:
Die Adresse von Jacob Levys Eltern lautete Middlesex Street 111, er selbst war im Jahr der Morde laut London Business Directory von 1888 in der Middlesex Street 36 gemeldet.
Alle kanonischen fünf Opfer von JTR waren verarmte Gelegenheitsprostituierte, die alle in Armenunterkünften in einem kleinen Umkreis nur etwa 300-500 Meter nordöstlich von Levys Adresse übernachteten und in einem fußläufigen Oval um seinen Lebensmittelpunkt herum getötet wurden. Martha Tabrams letzte Adresse war Satchell's Lodging House in der George Street etwa 300 Meter östlich von der der Middlesex Street (s.u.).

Levy ist in der von modernen Profilern ermittelten Comfort Zone von JTRs Aktivitäten aufgewachsen und wohnte auch als Erwachsener noch dort. Er kannte sich also seit Kindertagen bestens in Whitechapel aus, fiel dort nicht auf und wusste sich angemessen zu verhalten.
Sowohl für die zeitgenössischen als auch die modernen Ermittler war JTR mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Einheimischer mit guter Ortskenntnis, was es ihm ermöglichte, sich schnell und unauffällig zu bewegen und die Polizeistreifen zu meiden, um bei seinen Taten und auf der Flucht nicht erwischt zu werden und relativ schnell von der Straße zu verschwinden.
Als einheimischer Metzger hatte Levy nahegelegene Rückzugsmöglichkeiten, die ein Versteck für blutverschmierte Kleidung und Messer boten. Blut an seiner Kleidung und Messer waren wegen seines Berufes alltäglich und erklärbar, nicht schon per se verdächtig. Organe der Opfer konnten unter Metzgerware getarnt werden.
Außerdem gab es in der Middlesex Street den Petticoat Lane Street Market der Schneider, der eine große Auswahl an günstiger Second-Hand-Kleidung zum Wechseln bot - und genau dort will der Zeuge George Hutchinson den Verdächtigen vom Kelly-Mord erneut gesehen haben (s.u.).


Verbindung zu Zeugen:
Im Census der Jahre 1851, 1861 und 1871 ist für eben diese Middlesex Street 36 der Metzger Hyam Levy eingetragen, der dort mit seiner Frau Frances und seiner Familie wohnte, 1881 ist dann seine Witwe Frances als Haushaltsvorstand und Metzger eingetragen. Die beiden sind laut Casebook die Eltern jenes Joseph Hyam Levy, der später als Zeuge zum Mord an Catherine Eddowes vernommen wurde. Joseph Hyam Levy arbeitete 1888 selbst als Metzger kaum 50 Meter von Jacob Levy entfernt in der Hutchinson Street 1, einer Gasse, die in die Middlesex Street mündet.

Mehrere Levys, die sich nicht nur in unmittelbarer Nachbarschaft befanden und der gleichen Branche angehörten, sondern nacheinander auch dieselbe Metzgerei betrieben: Es ist so gut wie sicher, dass sie sich zumindest gekannt haben. Folgt man den Familiendaten des Census, so ein Beitrag im Ripperologist, könnten Jacob und Joseph sogar verwandt gewesen sein - wahrscheinlich waren sie Cousins. Machte der Zeuge Joseph bei der Vernehmung zum Mordfall Eddowes deshalb so merkwürdige Andeutungen und den Eindruck, er wisse mehr als er zugeben wollte (s.u.)?


Kriminelle Vorgeschichte:

Am 10. März 1886 wird Jacob Levy laut Eintrag beim Central Criminal Court zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er zusammen mit zwei anderen Männern dem Metzgermeister Hyman Sampson Fleisch gestohlen hatte. Als Sampsons Adresse wird im Polizeibericht Middlesex Street 35 genannt, seine Metzgerei lag zwei Jahrzehnte lang in der Parallelstraße Goulston Street 58.

Eine kriminelle Vorgeschichte ist modernen Profilern zufolge typisch für Serienmörder.
Der Ort des Diebstahls liegt in JTRs Comfort Zone, zwischen den Tatorten des Double Event.
Zudem wurde ein Stück von Eddowes blutverschmiertem Rock in der Tatnacht am Hauseingang des Gebäudes Wentworth Buildings 108-119, Goulston Street, gefunden, unter dem berüchtigten antisemitischen Graffiti (von dem allerdings unklar ist, ob es von JTR stammte).
Falls Jacob Levy der Ripper war, so könnte die Platzierung ein Versuch gewesen sein, die Polizei in die falsche Richtung weiter nach Osten zu lenken - weg von ihm in der Middlesex Street.
Auch Rache an seiner Gemeinde, die sich wegen des Diebstahls von ihm abgewandt hatte, könnte möglich sein, denn laut Superintendent Thomas Arnold wohnten viele Juden dort.

Im Ripperologist stand einmal, dass es strenge Regeln in der jüdischen Gemeinde für den geschäftlichen Umgang miteinander gab, und dass ein solcher Diebstahl wohl dazu geführt hätte, dass ihm der Jewish Council die Lizenz entzogen hätte. Damit hätte seine Frau Sarah, um die Familie zu ernähren, auch nach Jacobs Entlassung 1887 das Geschäft allein weiterbetreiben müssen. In der Tat taucht ja später seine Frau als Geschäftsinhaberin im Census auf.
Für Jacob hätte das nun zur Folge gehabt, dass er gezwungen gewesen wäre, auf andere Art seinen Anteil am Familieneinkommen zu verdienen.

Wenn Jacob den Shop in der Middlesex Street 36 nicht mehr selber betreiben durfte, musste er seitdem offensichtlich bei Bekannten und Verwandten in deren Geschäften oder in den Schlachthöfen arbeiten. Dadurch konnte er seinen Teil zum Familieneinkommen beitragen und stand zugleich wegen seines immer asozialeren Verhaltens unter einer gewissen Aufsicht. Das dürfte eine ziemliche Schmach und Erniedrigung für ihn gewesen sein.

Wenn wir nun betrachten, wo diese Arbeitsplätze gewesen sein könnten, finden wir nicht nur die observierte Butcher's Row, sondern auch noch die beiden Harrison, Barber & Co Slaughterhouses: eins in der Winthrop Street, Parallelstraße zum Tatort Buck´s Row, und eins im Barber´s Yard nahe Tatort Hanbury Street (Ecke Brick Lane). Dort wurde auch über Nacht gearbeitet, damit die Kunden morgens frisches Fleisch hatten. Diese Metzger zerlegten also routinemäßig Körper unter schlechten Lichtverhältnissen - so wie der Ripper.
Die angestellten Metzger hatten damals i.d.R. ihr eigenes Arbeitswerkzeug (so wie dies auch in anderen Branchen üblich war bzw. bis heute ist), nahmen es zur Arbeit mit und am Feierabend wieder mit nach Hause. Dazu würde passen, dass einige Zeugen den mutmaßlichen Ripper mit einem Päckchen in der Hand gesehen hatten (s.u.).


Anzeichen psychischer Zerrüttung:
Bereits kurz nach seiner Verurteilung begeht Levy im April 1886 einen Selbstmordversuch im Holloway Prison, der jedoch scheitert.
Am 21. Mai 1886 wird er aufgrund des Suizidversuchs und seltsamer Murmeleien für geisteskrank erklärt und in das Essex County Asylum überführt. In den Akten dort wurde festgehalten, er habe gejammert, Irresein sei in seiner Familie erblich, schon sein Bruder habe Selbstmord begangen.
Am 3. Februar 1887 wird Levy dann wieder aus der Anstalt als "geheilt" entlassen.

Offenbar war die Verurteilung so traumatisierend, dass sie zu einem Nervenzusammenbruch führte - vermutlich weil nun sein Ruf in der Gemeinde schwer beschädigt war und die Gefängnisstrafe negative Auswirkungen auf sein Geschäft und seine sozialen Beziehungen hatte.
Diese Entwicklung ist ein deutliches Indiz der beginnenden psychischen Zerrüttung mit der Bereitschaft zu Grenzüberschreitung, kriminellem Verhalten und Gewalt (wenn auch zunächst gegen sich selbst gerichtet).


Möglicher finaler Stressauslöser:
Am 18. Mai 1888 wird Jacob Levys Mutter beerdigt.

Nachdem seine Verurteilung und Einweisung bereits seine sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen beschädigt haben dürfte, und auch seine Ehe davon und von der Syphilis belastet gewsen sein wird, stirbt nun auch noch eine der wichtigsten Bezugspersonen eines Menschen.
Für moderne Profiler ist dies ein klassischer Stressauslöser zum Start in eine mörderische Karriere. Ziel der Aggression wird diejenige Gruppe, der der Täter die Verantwortung für sein Schicksal gibt: die Prostituierten von Whitechapel, bei denen er sich mit Syphilis angesteckt hat.



Die Mordserie

Dienstag, 7. August 1888: Martha Tabram im George Yard
Tabram wurde im Treppenhaus des George Yard Buildings 37 vermutlich das erste Opfer von JTR.
Tabram war auf einer Kneipentour mit ihrer Bekannten Mary Ann Connely ("Pearly Poll") und zwei Soldaten. Gegen 0 Uhr trennten sich die Pärchen um Sex zu haben, Connely ging mit dem Corporal zur Angel Alley, und Tabram verschwand mit dem Private in den George Yard.
Gegen 1.40 Uhr stieg das Ehepaar Elizabeth und Joseph Mahoney das Treppenhaus zu ihrem Zimmer hinauf und sah nichts. Auch als Elizabeth Mahoney es kurz darauf wieder durchquerte, um in einem Shop in der Thrawl Street etwas zu Essen zu kaufen, lag Tabram noch nicht da.
Tabram wurde mit einem Stich ins Herz getötet und mit insgesamt 39 Messerstichen in Brust und vor allem Unterleib traktiert. Sie lag auf dem Rücken, ihre Kleider waren hochgeschoben und ihre Beine gespreizt, ebenso wie bei den kanonischen Ripper-Opfern.
Gefunden wurde die Leiche auf dem Absatz des ersten Stocks gegen 4.45 Uhr durch Bewohner John Saunders Reeves, nachdem bereits Bewohner Alfred George Crow gegen 3.30 Uhr Tabram für einen schlafenden Obdachlosen gehalten hatte. Damit muss die Tatzeit zwischen 1.45 Uhr und 3.30 Uhr liegen. Reeves suchte eine Polizeistreife und fand Constable Thomas Barrett auf seiner Runde.

Der Soldat dürfte wohl der Letzte gewesen sein, der Tabram lebend gesehen hat, konnte aber weder von "Pearly Poll" noch von Constable Barrett bei Gegenüberstellungen identifiziert werden, obwohl letzterer auf seiner Streife durch die Wentworth Street gegen 2 Uhr einen Private der Grenadier Guard am Nordende des George Yard stehen sah und ihn ansprach. Der Private sagte dem Polizisten, er warte auf einen Kameraden, der mit einem Mädchen unterwegs sei, darauf ging Barrett weiter seine Streife, bis er drei Stunden später von Reeves zum Tatort gerufen wurde.
Der unbekannte Soldat könnte also den Mord verübt haben, dennoch war er aber wahrscheinlich nicht der Täter: Rund zwei Stunden für Sex mit einer älteren, unattraktiven Prostituierten an einem öffentlich zugänglichen Ort erscheint doch ein ziemlich langer Zeitraum. Wenn sie so lange im Treppenhaus von Nr. 37 gewesen wären, wäre wohl auch das Ehepaar Mahoney oder ein anderer Bewohner auf beide gestoßen.
Zudem hätte ein blutbefleckter Mörder wohl kaum in unmittelbarer Nähe des Tatorts auf seinen Kameraden gewartet und so entspannt auf Polizist Barrett reagiert. Barrett jedenfalls kam nichts an ihm und seinem Verhalten verdächtig vor. Wahrscheinlicher ist, dass sich Tabram nach 1.45 Uhr noch mit einen anderen Mann - eben dem Ripper - in den George Yard zurückgezogen hat.

Erkenntnissen der modernen Kriminologie zufolge stammt das erste Opfer eines Serientäters oft aus seinem näheren räumlichen Umfeld. Tabrams letzte bekannte Adresse war Satchell's Lodging House in der George Street, und die Kneipentour endete vor den George Yard Buildings.
Levys Heim in der Middlesex Street 36 liegt nur rund 300 Meter oder etwa 3-4 Minuten Fußweg von beiden Orten entfernt.
Der Profiler William Eckert: "Nachdem der erste Mord geschehen war, in dessen Nähe der Mörder wahrscheinlich lebte, zog er weiter." In diesem Fall in die Buck's Row.


Freitag, 31. August 1888: Marie Ann Nichols in der Buck's Row
Nichols übernachtete zuletzt im White House Nachtasyl in der Flower and Dean Street 56.
Gegen 2.30 Uhr wurde Nichols zuletzt lebend gesehen von ihrer Bekannten Emily Holland an der Ecke Osborn Street / Whitechapel High Street, fast einen Kilometer vom Tatort entfernt, bevor sie betrunken auf der Whitechapel Road weiter Richtung Osten wankte.
Bis ca. 3.20 Uhr kamen nacheinander die Polizisten Neil, Thain und Kirby auf ihren Runden durch die Buck's Row, ohne etwas Verdächtiges zu sehen.
Gegen 3.45 Uhr fanden dann Charles Andrew Cross und Robert Paul auf ihrem Weg zur Arbeit die Leiche von Nichols vor einem verschlossenen Tor (vermutlich hatte der Täter vergeblich versucht, mit ihr in den Hof zu gelangen). Die Tatzeit muss also zwischen 3.20 Uhr und 3.45 Uhr betragen.

Cross war als erster und allein am Tatort, bis Paul kurz darauf dazustieß. Somit könnte Cross der Täter gewesen sein, zumal alle Tatorte JTRs auf den Wegen zwischen seiner Adresse in der Doveton Street 22, seiner Arbeit als Fleisch-Auslieferer in der Broad Street und dem Wohnort seiner Mutter in der Nähe der Berner Street lagen.
Allerdings hätte Cross, als er die Schritte von Paul hörte, einfach nach Westen verschwinden können, ohne erkannt zu werden, statt auf ihn zu warten: Es sind rund 100 Meter vom östlichen Ende der Buck's Row bis zum Tatort und es war noch dunkel. Bis zu den Querstraßen im Westen als Fluchtwege sind es nur wenige Meter. Stattdessen wartete er auf Paul, wies ihn erst auf den am Straßenrand liegenden Körper hin und ging mit Paul einen Polizisten suchen. Auch wäre wohl aufgefallen, wenn er als erster am Nichols-Tatort auch an den Morgen der Morde von Annie Chapman und Mary Jane Kelly zu spät zur Arbeit gekommen wäre, denn seine Job begann bereits um vier Uhr - jene Tatzeiträume liegen jedoch deutlich später (s.u.).
Außerdem war er nicht nur vor den Morden ein unbescholtener Mann, der 20 Jahre lang zuverlässig denselben Job innehatte, er lebte auch noch mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Serie als freier und gesunder Bürger weiter, ohne irgendwie einschlägig aufzufallen. Daher war Cross wohl eher nicht der Ripper.

Was Jacob Levy betrifft: Der Tatort ist zwar rund 1300 bis 1400 Meter und damit etwa 16-18 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.
Aber Nichols übernachtete im White House Nachtasyl in der Flower and Dean Street 56, und trieb sich bis 2.30 Uhr in der Umgebung der Hauptverkehrsader Whitechapel High Street herum, beides nur rund 300 Meter von Levys Adresse entfernt.
Es ist kriminologisch plausibel, dass JTR auf seiner Jagd auch das anonyme Gewimmel der Hauptverkehrsadern Whitechapel Street und Commercial Street nutzte und beobachtete, ob ein potentielles Opfer in ruhigere Nebenstraßen abbog, um ihr dahin zu folgen. Zudem erscheint es vernünftig, diesmal nicht allzu nah beim eigenen Heim zuzuschlagen.

Vielleicht war JTR auch gar nicht auf seine eigenen vier Wände als sichere Zuflucht nach den Taten eingeschränkt, sondern konnte an verschiedenen Orten unauffällig von der Straße verschwinden - Detective Inspector Henry Cox von der City Police schrieb über den observierten Verdächtigen im Ripper-Fall: "He occupied several shops in the East End".
Möglicherweise konnte JTR die Straßen schnell verlassen, indem er nach der Tat in Shops von Verwandten oder Freunden verschwand. Im Fall von Jacob Levy und der Buck's Row könnte dies der Zigarrenhändler John Levy gewesen sein, der in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop hatte, und neben dessen Shop nach dem Double Event ein blutiges Messer gefunden wurde (s.u.). Die Adresse des Shops in der Whitechapel Road 254 ist nur etwa 400 Meter oder 4-5 Minuten vom Tatort entfernt. War Levy der Ripper, hätte er also auf dem Weg zum oder vom Cigar Shop auf Nichols treffen und sich nach der Tat dort verstecken können. 

Interessant an der Metzger-Theorie ist zudem, dass sich in der Nähe von mindestens drei Tatorten Schlachthäuser befanden: Zwei Harrison, Barber & Co Slaughterhouses, eines in der Winthrop Street, Parallelstraße zum Tatort Buck´s Row, und im Barber´s Yard nahe Tatort Hanbury Street, sowie ein Schlachthaus in der Harrow Alley, Eingang von der Butcher's Row, Nahe Tatort Mitre Square. Da in diesen auch über Nacht gearbeitet wurde, hätte ein Metzger dort als Einkäufer für sein Geschäft auftreten oder als Schlachter arbeiten können. Das Tragen seiner Arbeitsgeräte und blutverschmierter Arbeitskleidung wäre dort nicht per se verdächtig.


Samstag, 8. September 1888: Annie Chapman in der Hanbury Street
Chapman verbrachte ihre letzten Nächte in der Crossingham's-Unterkunft in der Dorset Street 35.
Gegen 1.50 Uhr verließ sie das Asyl Richtung Norden in die Brushfield Street.
Gegen 5.30 Uhr am frühen Morgen wurde Chapman zum letzten Mal lebend gesehen, und zwar von der Zeugin Elizabeth Long. Unmittelbar vor dem Tatort in der Hanbury Street 29 soll sie laut Longs Aussage mit einem Freier gesprochen haben: "Willst du?" - "Ja."
Long beschreibt den Verdächtigen wie folgt: Knapp 40 Jahre alt, etwas größer als Chapman, dunkler Mantel und tief ins Gesicht gezogener dunkler Hut, fremdländisches Aussehen.
Etwa zur selben Zeit geht Albert Cadosch aus dem Nachbarhaus Nr. 27 in seinen Hinterhof zur Toilette, als er danach ins Haus zurück will, hört er vom Hof nebenan zunächst ein leises "No" und wenige Minuten später bei seinem Aufbruch zur Arbeit etwas gegen den Zaun stoßen.
Gegen 6 Uhr wurde Chapmans Leiche im Hinterhof vom Bewohner John Davies entdeckt.
Die Tatzeit liegt also zwischen 5.30 Uhr und 6 Uhr, und die Zeugin Long hat damit wohl den Ripper bei Chapman gesehen.

Da die Tatzeit bereits nahe der beginnenden Morgendämmerung und dem wieder einsetzenden "Berufsverkehr" in den Straßen liegt, hatte JTR nicht viel Zeit, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden, bevor es richtig hell wurde.
Der Tatort ist rund 700 Meter oder etwa 8-9 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.

Interessant ist auch ein bekannt gewordener Zwischenfall im Prince Albert Pub an der Ecke Brushfield Street / Steward Street, etwa 200 Meter südwestlich vom Tatort:
Am frühen Morgen tauchte laut Aussagen der Inhaberin Mrs. Fiddymont ein Mann auf, dessen Erscheinung Mrs. Fiddymont und ihrer Freundin Mary Chappell Angst machte: Er trug einen dunklen Mantel, hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, sein Hemd war gerissen und er hatte offenbar Blutflecken auf seinem rechten Handrücken. Als er bemerkte, dass er kritisch beäugt wurde, drehte er sich weg, trank sein Bier in einem Zug aus und verließ den Pub sofort wieder. Mary Chappell folgte dem Mann in die Brushfield Street, stellte fest, dass er Richtung Westen ging und wies den Passanten Joseph Taylor auf den Mann hin.
Die drei wurden später von der Polizei zu zwei Gegenüberstellungen geladen, aber unter den vorgeführten Verdächtigen erkannten sie den Mann nicht wieder.
Bemerkenswert daran ist, dass nahe der Brushfield Street die Sandy Row geradewegs zur Middlesex Street hinunter führt.


24. September 1888: Der erste Bekennerbrief
Durch die Grausamkeit der Morde und die Sensationsberichterstattung der Zeitungen nahm die öffentliche Aufmerksamkeit sprunghaft zu und Hysterie breitete sich in Teilen der Bevölkerung aus.  In der Folge davon erreichten Dutzende angebliche Bekennerbriefe die Polizei und die Presse.
Der erste davon war an Polizeichef Sir Charles Warren selbst adressiert, seine Existenz wurde damals geheim gehalten. Er lautete:
"Dear Sir,
ich würde gerne aufgeben, ich befinde mich in einem Albtraum. Ich bin der Mann, der alle diese Morde in den letzten sechs Monaten begangen hat. Mein Name ist (mit der Zeichnung eines Sargs unkenntlich gemacht). Ich bin ein Schlachter und arbeite bei (mit zwei Balken unkenntlich gemacht). I have found the woman I would that is Chapman and I done what I called slautered her (?). Aber wenn jemand kommt, werde ich aufgeben. Aber ich werde nicht von selbst zur (Polizei-)Station gehen. Hochachtungsvoll (mit der Zeichnung eines Sargs unkenntlich gemacht)."
Rückseite:
"Haltet das Viertel sauber, oder ich werde ihm einen Besuch abstatten. (Zeichnung eines Messers) Dies ist das Messer, mit dem ich die Morde begangen habe. Es hat einen schmalen Griff mit einer langen Klinge, beide Seiten scharf."

Die meisten Bekennerbriefe wurden von der Polizei schon damals als geschmacklose Scherze von Trittbrettfahrern abgetan, nur wenige wurden ernst genommen. Selbst die berühmt gewordenen Briefe, in denen der Mörder sich angeblich den Namen "Jack the Ripper" gab (der "Dear Boss"-Brief und die "Saucy Jacky"-Postkarte) werden inzwischen für Fakes gehalten und sollen aus der Feder ebenjenes Sensationsreporters Thomas Bulling von der Central News Agency stammen, welche die Briefe der Polizei übergab.
Jener erste Brief aber erscheint bemerkenswert: Erstens bezeichnet sich der Autor selbst als Schlachter. Zweitens ist er nicht verhöhnend, sondern scheint der Hilferuf eines kranken Menschen zu sein, der in einer tiefen inneren Zerrissenheit gefangen ist - so wie der Zustand Jacob Levys bei der Einlieferung ins Irrenhaus von seiner Frau beschrieben wurde (s.u.).
Der Satz mit Chapman ist aufgrund seiner Formulierungen und der fehlenden Satzzeichen verwirrend, aber "and I done what I called" könnte bedeuten: "und ich habe getan, was mir befohlen wurde" - was ein Hinweis auf die befehlenden Stimmen sein könnte, die ein Wahnkranker oft hört, und von denen Levys Frau sprach.

Betrachtet man sich die sargförmige Schwärzung an der Stelle, wo der Briefschreiber angeblich zum ersten Mal seinen Namen übermalt hat, so scheint darunter etwas ähnliches wie "leaffray" oder "leadfray" gestanden zu haben - und das würde von der Wortlänge sowie von den Oberlängen und  Silhouetten einiger Buchstaben passen auf unseren Metzger Jacob Levy:

l e  a  d  f r a y
l a co b  l e v y


Sonntag, 30. September 1888: Nacht des Double Event
Mord an Elizabeth Stride in der Berner Street 40/42, etwa 45 Minuten später an Catherine Eddowes auf dem Mitre Square.

Stride
übernachtete bis zu ihrem Tod im Armenasyl in der Flower and Dean Street.
Zwischen 0.35 und 0.45 Uhr sahen mehrere Zeugen (Polizist William Smith, Anwohner James Brown, Zeuge Israel Schwartz) Stride mit einem Mann in der Nähe des Berner Street Clubs. Beschrieben wird er übereinstimmend als knapp 1,70 groß, etwa 30 Jahre alt, heller Teint, Schnauzbart, dunkler Mantel und Schirmmütze. Polizist Smith bemerkte zudem ein Päckchen in seiner Hand.
Der aus Norden von der Commercial Road vorbeikommende Israel Schwartz will sogar eine Auseinandersetzung wahrgenommen haben, weswegen er schnell weitergegangen sei, sagte er später der Polizei. Der Mann habe die Frau am Tor zum Dutfields Yard zu Boden geworfen, die Frau habe kurz aufgeschrien. Als er zurückgeblickt habe, sei gerade ein anderer Mann mit einer Pfeife aus dem nahen "Nelson"-Pub gekommen und es habe eine kurze verbale Auseinandersetzung mit dem Verdächtigen gegeben, bis der Verdächtige "Lipski" gerufen habe. Da sei der andere auf Schwartz zugegangen und Schwartz sei aus Angst weggelaufen.
Gegen 1 Uhr dann wurde Strides Leiche vom Verwalter des Clubs, Louis Diemschütz, im Torweg des Dutfield Yard neben dem Club gefunden. Im Gegensatz zu den anderen Opfern wurde ihr nur die Kehle durchgeschnitten, aber offenbar wegen der Störung durch die Zeugen keine Verstümmelungen des Unterleibs mehr vorgenommen.

Als plausibelste Interpretation dieser Szene scheinen Schwartz und der Mann mit der Pfeife mitten in den Angriff des Rippers hineingeplatzt zu sein. Weil Schwartz schon auf der Flucht war, als der Pfeifenraucher auf die Straße kam, tat der Mörder offenbar so, als sei er ein unschuldiger Helfer und konnte den anderen Mann mit dem Ausruf "Lipski" davon überzeugen, dass der nach Süden flüchtende Schwartz der Angreifer gewesen sei, so dass "Pipeman" die Verfolgung von Schwartz aufnahm (leider konnte "Pipeman" nie identifiziert werden).
Lipski war ein Jude aus dem Viertel, der 1887 wegen Mordes verurteilt worden war - und sein Name war in antisemitischen Kreisen zum Schimpfwort gegen Juden im allgemeinen und zum Synonym für Mörder im speziellen geworden.
Indem der Mörder den einen Zeugen so auf den anderen hetzte, konnte er vom Tatort (vermutlich über die Gasse zur Batty Street, wo später blutige Wäsche gefunden wurde) schließlich nach Norden in die Commercial Road fliehen. Er wollte angesichts der Beinahe-Entlarvung mit ziemlicher Sicherheit zu seinem Versteck zurück - und in der Richtung, die er einschlug, liegt die Middlesex Street.
Da JTR aber sein eigentliches Ziel - die Verstümmelung - bei Stride nicht mehr umsetzen konnte, suchte er, als er sich wieder sicher fühlte, schließlich ein weiteres Opfer.


Eddowes
und ihr Mann John Kelly lebten überwiegend im Armenhaus "Cooney's" in der Flower und Dean Street 55.
Gegen 1 Uhr wurde Eddowes aus der Ausnüchterungszelle der Polizeistation Bishopsgate Street entlassen und ging Richtung Süden, höchstwahrscheinlich die Houndsditch entlang zurück zur Aldgate High Street, wo sie den frühen Abend verbracht hatte.
Gegen 1.30 Uhr checkte Constable Edward Watkins auf Streife den Mitre Square, ohne etwas  Verdächtiges festzustellen.
Etwa um diese Zeit verließen Joseph Lawende, Harry Harris und Joseph Hyam Levy den Imperial Club, Duke Street, schräg gegenüber der Church Passage zum Mitre Square, und sahen einen Mann und eine Frau am Eingang der Passage in einem leisen Gespräch.
Der Zeuge Lawende beschrieb den Mann wie folgt: Etwa 30 Jahre alt, knapp 1,70 Meter groß, blasser Teint, heller Schnauzbart, durchschnittlicher Körperbau, graue Jacke, graue Stoffkappe und rötliches Halstuch, sah wie ein Seemann aus (wobei aber Seemänner selten "blassen Teint" haben).
Gegen 1.38 Uhr ging Constable James Harvey durch die Church Passage und schaute in den dunklen Mitre Square, sah jedoch nichts und kehrte auf seine Runde zurück.
Gegen 1.45 Uhr kam Constable Edward Watkins von der anderen Seite (Mitre Street) wieder durch den Hauptzugang in den Mitre Square und entdeckte beim Herumleuchten mit seiner Lampe die tote Eddowes in der dunkelsten Ecke liegen, vor dem Tor zu einem kleinen Hof (vermutlich hatte der Ripper gehofft, das Tor wäre offen).
Laut Inspector Robert Sagar von der City Police soll ein Polizist kurz zuvor gesehen haben, wie ein Mann aus der Mitre Street in östliche Richtung verschwand. Aufgrund der Sichtung dieses Mannes liefen anschließend Polizisten durch Gravel Lane und Stoney Lane, um Hinweise auf den Fluchtweg des Mörders zu finden - dieser Weg führt in die Middlesex Street und weiter in die Goulston Street.
Einer davon war Detective Constable Daniel Halse, der mit zwei Kollegen gegen 1.55 Uhr an der Ecke Houndsditch bei St. Botolph's Church stand und aufgrund der Alarmierung in den Mitre Square kam. Nachdem Halse Instruktionen zur Befragung der Anwohner gegeben hatte, eilte er zuerst in die Middlesex Street und, weil er dort niemanden sah, weiter in die Wentworth Street, wo er zwei Passanten überprüfte. Gegen 2.20 Uhr checkte er die Goulston Street, um nach vergeblicher Suche zum Mitre Square zurückzukehren.
Gegen 2.55 Uhr fand Constable Alfred Long auf seiner Runde ein Stück der blutigen Schürze von Eddowes im Hauseingang der Wentworth Dwellings 108-119, Goulston Street. Darüber an der Wand stand mit Kreide der Satz: "Die Juden sind die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden." Long zufolge soll die Schürze auf seiner vorherigen Runde gegen 2.25 Uhr noch nicht dort gelegen haben. Ob das antisemitische Graffiti zuvor schon da gewesen war, wusste er nicht.

War Levy der Ripper, wäre er nach der unterbrochenen Tat an Stride in Richtung der Middlesex Street geflüchtet, um schnell von der Straße verschwinden zu können, dann aber mit oder ohne einen Zwischenstopp zuhause weiter Richtung Westen gezogen, wo er in der Houndsditch oder Duke Street den Weg von Eddowes kreuzte.
Er hätte auch nach dem Mord an Eddowes zuhause einen Zwischenstopp einlegen können, um Blut, Messer, Gebärmutter und Niere loszuwerden und sich umzuziehen, bevor er die Schürze platzieren ging, um eine falsche Spur zu legen.
Die Berner Street ist rund 700 Meter oder etwa 8-9 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.
Die Strecke zwischen Berner Street und Mitre Square beträgt rund 1000 Meter oder etwa 12-15 Minuten Fußweg.
Die Strecke zwischen Mitre Square und Middlesex Street 36 beträgt rund 300 Meter oder etwa 3-4 Minuten Fußweg.

Die Strecke vom Mitre Square zur Goulston Street beträgt nur rund 500 Meter oder 6-7 Minuten. Entweder haben die Polizisten Halse und Long die Schürze gegen 2.25 Uhr übersehen, oder JTR hat sich zeitweise in einer Zuflucht versteckt, bevor er sie ablegte. Ein Umweg von rund einer dreiviertel Stunde durch die Straßen voller alarmierter Polizisten ist eher unwahrscheinlich - daher dürfte die Rückzugsmöglichkeit des Rippers in unmittelbarer Nähe gewesen sein. Die Ablage der Schürze könnte dann für ein Ablenkungsmanöver sprechen, das die Ermittler auf eine falsche Fährte locken sollte Richtung Osten, weg von der Umgebung Mitre Square und seiner Zuflucht.
Wenn Levy der Ripper war, hätte er damit aufgrund der Erkenntnis, zu nah an seinem Zuhause zugeschlagen zu haben, bewusst die Spur vom Grenzgebiet der City Police, wo er wohnte, weiter nach Osten in das Territorium der Metro Police gelenkt.
Oder vielleicht konnte er auf seiner Flucht auch einfach nicht auf direktem Weg sein Heim in der Middlesex Street 36 erreichen, weil gerade jemand in der Straße unterwegs war, so dass er einen Bogen schlagen musste, um sein Heim unbeobachtet von hinten zu erreichen.
Die Strecke zwischen den Parallelstraßen Goulston Street und Middlesex Street beträgt außen herum nur rund 200 Meter oder etwa 2-3 Minuten Fußweg - wenn es eine Möglichkeit gab, über die Hinterhöfe zur anderen Seite zu kommen, sogar ohne gesehen zu werden.

Zwei weitere interessante Möglichkeiten, wenn Levy der Ripper war:
Zur Zeit der Morde lebte laut Census von 1891 Jacobs Bruder Isaac Levy in der Goulston Street 130, und die Geburt seiner Tochter 1888 ist unter derselben Adresse angegeben - dies ist nur einen Häuserblock vom Schürzenfund entfernt.
Zuletzt schließlich bleibt noch die Alternative, dass Jacob weiter zum Cigar Shop von John Levy in die Whitechapel Road 254 flüchtete, um sich dort zu verstecken - direkt nebenan vor Nr. 253 wurde am Tag darauf von Thomas Coram ein blutiges Messer gefunden (s.u.).

Bemerkenswert ist, dass es am Tatort im Mitre Square sehr dunkel war: Die Streifenpolizisten mussten ihre Lampen verwenden, um in den Ecken überhaupt etwas erkennen zu können. JTR hatte nur etwa 10 Minuten für die Verstümmelungen, die noch umfangreicher als bei den vorherigen Opfern waren. Insbesondere die Entfernung von Gebärmutter und Niere in der Dunkelheit zeugen davon, dass der Ripper offenbar Übung darin hatte, einen Körper schnell mit einem Messer zu zerlegen. Auch dies deutet auf einen Metzger hin, eine Ansicht, die u.a. Dr Frederick Gordon Brown vertrat, der Eddowes Leiche untersuchte.

Merkwürdigerweise taucht in den Berichten über die Coroner-Untersuchung zu Strides Tod der wichtige Zeuge Israel Schwartz gar nicht auf.
Und bei der Coroner-Untersuchung zu Eddowes Tod wurde dem Zeugen Joseph Lawende verboten, den Verdächtigen vor dem Publikum genauer zu beschreiben - offenbar aus ermittlungstaktischen Gründen.
Dies deutet darauf hin, dass die Polizei glaubte, eine heiße Spur zu haben.
Zumal Lawendes Begleiter Joseph Hyam Levy bei der polizeilichen Vernehmung den Eindruck gemacht hatte, mehr zu wissen, als er zugeben wollte. So soll er beim Anblick von Eddowes und dem Mann zu seinen beiden Begleitern gesagt haben, wenn er solche Charaktere sehe, wolle er nicht alleine nach Hause gehen, und man solle den Hof beobachten (!). Als er beim Verhör gefragt wurde, ob er denn Angst gehabt habe, antwortete er kryptisch: nicht wirklich um sich.
Frage: "What was there terrible in their appearance?" - Antwort: "I did not say that." - Frage: "Your fear was rather about yourself?"- Antwort: "Not exactly." (!)


1. Oktober 1888: Messer-Fund in der Whitechapel Road
In der Nacht nach dem Double Event fand Thomas Coram gegen 0.30 Uhr vor der Whitechapel Road 253 ein in ein Taschentuch eingewickeltes blutiges Messer, das er der Polizei übergab - jedoch konnten die obduzierenden Ärzte nicht bestätigen, ob dies die Waffe des Rippers war.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber: In den 1880er Jahren hatte John Levy in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop. Er war laut Census der Bruder von Fanny Levy von den Levys aus der Mitre Street 29, und sie waren Ripperologen zufolge wahrscheinlich Cousins des Zeugen Joseph Hyam Levy - somit war vermutlich auch Jacob Levy mit diesen Levys verwandt.

John und Fannys Eltern, Ann und Barnett Levy, lebten in den 1850ern in Mitre Street 29 ("Orange Market" am Mitre Square), sie waren Zigarren- und Orangenhändler und hatten vier Kinder - John, Samuel, Lewis und Fanny. Um 1888 wohnte nur noch Fanny dort.
Samuel lebte erst in den Häusern Mitre Street 17 und 23 und zog danach neben Joseph Hyam Levys Vater, Hyam Levy, in die Middlesex Street 39 (!). 1888 kehrte Samuel dann als Orangenverkäufer wieder in die Mitre Street zurück, diesmal in die Nummer 20.
Und Lewis Levy lebte in den 1860ern in Mitre Square 8 - dahinter fand man die Leiche von Catherine Eddowes (!).

Kurz: War Jacob Levy der Ripper, hätte er nach dem Double Event weiter in den Cigar Shop flüchten können, um sich dort relativ weit von den Tatorten weg zu verstecken, und könnte das blutige Messer davor weggeworfen haben.


Polizei-Razzia bei Metzgern im Oktober:
Die Polizei führte in den folgenden Wochen (3.-18. Oktober) in der Umgebung des Mitre Square Haus-zu-Haus-Befragungen durch. Der stellvertretende Polizeipräsident Robert Anderson schrieb, dass man alle Männer des Viertels überprüft habe, die den Zeugenaussagen entsprachen und sich blutbefleckter Kleidung entledigen konnten.
Die Polizei durchsuchte auch 76 Metzgereien und Schlachtereien im Viertel und überprüfte alle Personen, die in den letzten sechs Monaten dort beschäftigt waren, verschiedene Verdächtige wurden unter Beobachtung gestellt.

Interessanterweise folgte nach dem Double Event die längste Pause zwischen den Ripper-Morden von fast sechs Wochen. Ursache dafür könnte der Ermittlungsdruck durch die Behörden gewesen sein, was für die Annahme spricht, dass die Polizei mit der Untersuchung des Metzger-Milieus rund um Aldgate High Street dem Ripper näher kam, so dass er vorerst pausieren musste, bis die polizeilichen Aktivitäten in seinem Umfeld wieder zurückgingen.
 

Freitag, 9. November 1888: Mord an Mary Jane Kelly im Miller's Court
In ihrer letzten Nacht verließ Mary Jane Kelly mehrmals ihr Zimmer im Miller's Court, Dorset Street 26, und kehrte mit verschiedenen Freiern wieder dorthin zurück, nachdem sie den frühen Abend mit ihrem Exfreund Joseph Barnett verbracht hatte.
Gegen 23.45 Uhr sah ihre Nachbarin Mary Ann Cox, wie Kelly mit einem Kunden auf ihr Zimmer ging. Zwischen 0.30 Uhr und 1 Uhr hörten Cox und Nachbarin Catherine Picket sie singen.
Ihre Nachbarin Elisabeth Prater kehrte gegen ein Uhr zurück, wartete erst 20 Minuten vor dem Eingang zum Court auf ihren Freund und ging, als er nicht kam, noch für zehn Minuten in McCarthys Laden nebenan. Gegen 1.30 Uhr stieg sie die Treppen zu ihrem Zimmer direkt über Kellys hinauf, ohne dort Licht zu sehen oder etwas zu hören, und ging zu Bett.
Der Zeuge George Hutchinson, ein Bewohner des Victoria Home in der Commercial Street, ging am 12. November zur Polizei und sagte aus, dass er seine Bekannte Mary Jane Kelly am 9. November gegen 2 Uhr in der Commercial Street getroffen habe.
Kurz darauf sei sie mit einem Kunden an ihm vorbei zurück auf ihr Zimmer gegangen. Weil der Mann sein Gesicht vor ihm habe verbergen wollen, sei er beiden gefolgt und habe rund eine dreiviertel Stunde den Hof beobachtet, jedoch ohne etwas Verdächtiges wahrzunehmen. Gegen 3 Uhr sei er schließlich gegangen.
Hutchinson beschrieb den Mann als etwa Mitte 30, knapp 1,70 Meter groß, blasser Teint, dunkle Augen und Haare, dünner gezwirbelter Schnurrbart, jüdisches Erscheinungsbild, mürrisches Aussehen, dunkler Mantel, dunkler Hut, kleines Päckchen in seiner Hand.
Sarah Lewis, die gegen 2.30 Uhr zu ihrer Bekannten Mrs. Keyler im Miller's Court ging, um dort zu übernachten, sah gegenüber dem Hofeingang einen Mann stehen - dabei handelte es sich vermutlich um Hutchinson.
Zwischen 3.15 Uhr und 3.45 Uhr hörten sowohl Lewis wie auch Elizabeth Prater einen leisen, unterdrückten Schrei vom Hof her: "Mord!"
Gegen 6.15 Uhr hörte Nachbarin Marie Ann Cox Schritte im Hof.
Gegen 7.30 Uhr klopfte Nachbarin Catherine Picket an Kellys Tür, um sich einen Schal zu leihen, aber nichts regte sich.
Gegen 10.45 Uhr wurde Kellys Leiche von Hausverwalter Thomas Bowyer entdeckt, der die Miete eintreiben sollte.

Theoretisch könnte Hutchinson der Täter gewesen sein, der nach dem Verschwinden des Kunden gegen 3 Uhr selbst zu Kelly ging - nur: warum hätte er dann bei der Polizei auftauchen und sich mit dem Geständnis seines "Stalkings" verdächtig machen sollen? Inspektor Abberline hielt ihn für glaubwürdig.
Plausibel wäre aber, dass der von Hutchinson beschriebene Kunde nach 3 Uhr ging - und dass erst der nächste Besucher Kellys der Ripper war. Dann wäre Hutchinsons Beschreibung unbrauchbar.
Bemerkenswert ist jedoch, dass Hutchinson aussagte, er glaube denselben Mann später noch einmal gesehen zu haben, und zwar am 11. November in der Petticoat Lane / Middlesex Street - wo Levy wohnte und es den Straßenmarkt mit günstiger Second-Hand-Kleidung gab.
Wenn JTR die Person war, die von Cox gegen 6.15 Uhr im Hof bemerkt wurde, muss er beim Verlassen des Tatorts unter Zeitdruck gestanden haben, weil es langsam hell wurde.
Falls Levy der Ripper war: Der Tatort in der Dorset Street 26 ist rund 500 Meter oder nur etwa 5-6 Minuten Fußweg von der Middlesex Street 36 entfernt.

Merkwürdig war nach den Coroner-Untersuchungen zum Double-Event auch die Anhörung im Fall Kelly: Sie wurde im Distrikt Shoreditch vom dort zuständigen Richter vorgenommen und nicht in Whitechapel, mit der seltsamen Begründung, zuständig sei der Ort der Aufbahrung, nicht der Tatort. Sie wurde bereits am 12. November eröffnet, mit sich nicht zuständig fühlenden Geschworenen, in hohem Tempo durchgepeitscht und schon am selben Tag wieder abgeschlossen. Richter Roderick Macdonald sagte: "Wenn die Geschworenen allein zu der Todesursache zu einem Ergebnis kommen, so ist das alles, was sie zu tun haben."
Zeugen oder Beweismittel zur Strafverfolgung sollten nicht weiter öffentlich thematisiert werden - wahrscheinlich aus ermittlungstaktischen Gründen, weil man einen Tatverdächtigen nicht warnen wollte, während er unter Beobachtung stand, um ihn auf frischer Tat stellen zu können.
In H. L. Adam's Serie "The People on Scotland Yard and its Secrets" von 1912 zitiert der Autor  Assistant Commissioner Anderson: "Sir Robert Anderson has assured the writer that the assassin was well known to the police, but unfortunately, in the absence of sufficient legal evidence to justify an arrest, they were unable to take him. It was a case of moral versus legal proof. The only chance the police had, apparently, was to take the miscreant red-handed…"


"Butcher's Row Suspect"
Nach dem Kelly-Mord begann die City Police damit, mehrere Monate lang einen Tatverdächtigen bei der Butcher's Row zu observieren.

Butcher's Row war kein offizieller Straßenname, so wurde wegen der vielen Metzger und der dahinter liegenden Schlachterei jener Abschnitt der High Aldgate Street genannt, der an der Einmündung der Middlesex Street liegt, wo Jakob Levy wohnte (sie stellt die Grenze zwischen City of London und Whitechapel sowie zwischen den beiden Polizei-Distrikten dar).

In einem Zeitungsinterview (City Press, 7. January 1905) sagte Robert Sagar von der City Police, dass man nach dem Kelly-Mord einen Mann unter Beobachtung gestellt habe, der in der Butcher's Row arbeite und von dem man annehme, dass er der Ripper sei, und dass dieser Mann letztendlich von seinen Leuten in ein Irrenhaus eingeliefert worden sei.

Auch Detective Inspector Henry Cox (City Police) wurde ein Jahr später in einem Zeitungsartikel (Thomson’s Weekly News, 1. December 1906) zu den Observationen zitiert, ohne jedoch den genauen Ort zu nennen. Cox: "The man we suspected was about five feet six inches in height, with short, black, curly hair, and he had a habit of taking late walks abroad. He occupied several shops in the East End, but from time to time he became insane, and was forced to spend a portion of his time in an asylum in Surrey. (...) While the Whitechapel murders were being perpetrated his place of business was in a certain street, and after the last murder I was on duty in this street for nearly three months."
Cox erzählte auch, er habe den Verdächtigen nachts auf einem Streifzug verfolgt: Nachdem dieser sein Haus verlassen habe, sei er um die Ecke gebogen und die Leman Street in Richtung St. Georges hinab gegangen - die Straße verläuft nur etwa 100 Meter östlich von der Einmündung der Middlesex Street in die Butcher's Row nach Süden (!).
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was Detective Inspector Cox zur Überwachung des Tatverdächtigen sagte. Zur Verschleierung der Observation, die der jüdischen Gemeinde nicht verborgen blieb, behaupteten die Polizisten, die Schneider auf Beschäftigung von Minderjährigen zu überwachen: "We told them we were factory inspectors looking for tailors and capmakers who employed boys and girls under age." Dies lässt ein Observationsteam in unmittelbarer Nähe zur Bekleidungsindustrie in der Petticoat Lane möglich erscheinen.

Die Maßnahmen der City Police deuten darauf hin, dass die Indizien sie in dem Verdacht bekräftigten, es bei JTR mit einem einheimischen Metzger in der Umgebung von Aldgate High Street und Middlesex Street zu tun zu haben. Vielleicht war es sogar Jacob Levy, der beobachtet wurde - doch leider sind weder die genaue Adresse noch der Zeitraum der Observationen bekannt.

Wenn Jacob Levy der Ripper war, könnte dies bedeuten, dass er neben seiner Heimatadresse Middlesex Street 36 auch bei den Metzgern der Butcher's Row ein und aus ging. Denn sowohl Jacob Levy als auch der Zeuge und mutmaßliche Verwandte Joseph Hyam Levy sollen Geschäftsverbindungen in der Butcher's Row gehabt haben. Vermutlich kauften sie auch in der dortigen Schlachterei ein. Levy könnte sogar wegen seines ruinierten eigenen Geschäfts zeitweise dort oder in einem anderen Shop gearbeitet haben.


Nähe von mutmaßlichen Verwandten zu den Tatorten
Detective Inspector Henry Cox von der City Police schrieb über den observierten Verdächtigen: "He occupied several shops in the East End."

Zusätzlich den möglichen Verbindungen Levys mit anderen Metzgern gab es im Eastend noch die Shops der Levy-Familie aus der Mitre Street, mit denen Jacob und Joseph Hyam Levy laut Casebook verwandt gewesen sein sollen:
Darunter der Orangenhändler Samuel Levy in der Mitre Street 20 (Tatort Mitre Square) und der Zigarrenhändler John Levy in der Whitechapel Road 254 - nahe den Tatorten Buck's Row und Berner Street sowie unmittelbar neben dem Messer-Fund von Thomas Coram nach dem Double Event vor Whitechapel Road Nr. 253.

In den 1880er Jahren hatte John Levy in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop. Er war laut Census der Bruder von Fanny Levy von den Levys aus der Mitre Street 29, und sie waren wahrscheinlich Cousins des Zeugen Joseph Hyam Levy, dessen Vater vor Jacob die Metzgerei in der Middlesex Street 36 hatte - somit war vermutlich auch Jacob Levy mit diesen Levys verwandt.

John und Fannys Eltern, Ann und Barnett Levy, lebten in den 1850ern in Mitre Street 29 ("Orange Market" am Mitre Square), sie waren Zigarren- und Orangenhändler und hatten vier Kinder - John, Samuel, Lewis und Fanny. Um 1888 wohnte nur noch Fanny dort.
Samuel lebte erst in den Häusern Mitre Street 17 und 23 und zog danach neben Joseph Hyam Levys Vater, Hyam Levy, in die Middlesex Street 39 (!). 1888 kehrte Samuel dann als Orangenverkäufer wieder in die Mitre Street zurück, diesmal in die Nummer 20.

Nicht vergessen werden sollte schließlich noch Jacobs Bruder Isaac Levy, der zur Zeit der Morde in der Goulston Street 130 lebte - nur einen Gebäudekomplex entfernt von dem Hauseingang, in dem das blutige Teil von Eddowes Schürze gefunden wurde.

Fazit: Waren die Levys von Mitre Street tatsächlich mit Jacob Levy verwandt, so rückt der verrückt gewordene Metzger durch die Adressen seiner Verwandten in die unmittelbare Nähe zu mehreren Tatorten und den Funden von Schürze und Messer. War Jacob Levy der Ripper, kannte er sich dort besonders gut aus, hätte für seine Anwesenheit in den Straßen eine plausible Erklärung gehabt und nach den Taten schnell aus der Öffentlichkeit verschwinden können, indem er bei ihnen Unterschlupf fand. 


Mittwoch, 17. Juli 1889: Mord an Alice McKenzie in der Castle Alley
Police Constable Walter Andrews entdeckte gegen 0.50 Uhr in der Castle Alley den leblosen Körper von Alice McKenzie, etwa eine halbe Stunde, nachdem er das letzte Mal auf seiner Runde dort gewesen war. Zeugen der Tat gab es keine. Ihre linke Halsschlagader war durchtrennt, ihr Rock war hochgeschoben und der Unterleib mit einem Messer traktiert worden, allerdings waren die Verletzungen eher oberflächlich.

Die Polizisten und die untersuchenden Ärzte waren uneinig darüber, ob es sich um ein weiteres Ripper-Opfer handelte. Einiges passte ins Schema: McKenzie übernachtete in einem Armenhaus, war rund 40 Jahre alt, Prostituierte und Trinkerin - und wurde im Zentrum von JTRs Aktivitäten getötet. Allerdings wurde ein anderes Messer benutzt, und zudem wurde sie nicht gewürgt, es gab auch keinen vollständigen Kehlenschnitt, die Wunden waren nicht so tief und der Unterleib war nicht ausgeweidet.
Der Täter hätte wahrscheinlich durchaus genug Zeit für weiterreichende Verstümmelungen gehabt, denn er war wohl diesmal nicht gestört worden. Indiz dafür: Obwohl es kurz geregnet hatte, war der Gehweg unter McKenzies Körper trocken, was bedeutet, dass sie wohl schon vor dem Schauer getötet wurde und somit einige Zeit unentdeckt dagelegen hatte. Möglicherweise war es ein Nachahmungstäter, der dem Ripper diesen Mord in die Schuhe schieben wollte.
Falls es doch JTR war, deutet alles darauf hin, dass er nicht mehr auf der Höhe seiner physischen und/oder psychischen Kräfte war - Folgen der fortschreitenden Syphilis?
Auch der große zeitliche Abstand zu den übrigen Taten fällt auf: JTR hatte eine sehr kurze Abkühlphase, so dass längere Pausen wohl nur durch widrige Umstände wie Krankheit, Einweisung oder Ermittlungsdruck der Polizei zu erklären sind.
Falls Levy der Täter war: Der Tatort ist nur 100-200 Meter oder 1-2 Minuten Gehweg von Butcher's Row und Middlesex Street entfernt.


"The crazy jewish Butcher"
Spätestens nach diesem Mord machte die Ripper-Theorie vom "verrückten jüdischen Metzger" die Runde, die von verschiedenen Presseorganen aufgegriffen wurde.

London Evening News And Post, 13. September 1889:
"The second man is now being watched. He is a resident of the East End, and has been for years. For a long time he has been acting in the most suspicious fashion. He has a business, to which he scarcely ever personally attends. He goes about drinking, and is to be met at all hours of the night in the streets all over the neighborhood. He enters his house at hours when his wife and family have long been at rest. No member of his family dare question him as to his ramblings. He knocks about among the lowest class of women at unearthly hours, although, according to general report, their very appearance is hateful in his sight. His hatred has been produced by physical suffering, for which, like most men of his class, he holds himself perfectly irresponsible. His habits are such as to give one the notion that he is not altogether in a fit position to be allowed to roam at will. Whether he has anything to do with any crime, it is, of course, impossible to say, but he is kept in view."

Offensichtlich war der Observierte ein im East End lebender Metzger, der sein Geschäft vernachlässigte, so wie auch Jacob Levys Frau beklagte. Er fing an zu trinken und streifte nachts umher, so wie Levys Frau gesagt hat. Er trieb sich bei Prostituierten herum, obwohl er sie hasste.
"His hatred has been produced by physical suffering, for which, like most men of his class, he holds himself perfectly irresponsible." - Und sein Hass kam von einer Syphilis-Infektion, wofür er die Schuld nicht bei sich, sondern bei anderen suchte.

Rochester Democrat And Chronicle, 16. September 1889:
"The London Police has a theory that Jack the Ripper is a crazy jewish butcher."

North Eastern Daily Gazette, 18. September 1889:
"A Detective's Views: We are watching now three men, besides the usual night-birds of Whitechapel. One man created some stir during the last murders under circumstances which I need not say anything about. He is a curious sort of fellow; in business, but not doing much to keep it going. His wife and daughter see to it, and he is out at all hours of the night. He says he is a member of the vigilance committee, but I can't answer as to that. No, I won't tell you his name, even if you do want to find out if he is a member or not. This man is out at all hours of the night, and he lets himself in some quietly that his wife does not know what time he really arrives home. She generally finds him in the shop when she comes down the morning. He is being watched, but we can't arrest him only on the suspicious we have. We must wait further developments."

Der Observierte vernachlässigte sein Geschäft, streifte nachts umher, und seine Frau wusste nicht, wann er zurückkam - das erinnert stark an die Aussagen von Jacob Levys Frau bei seiner Einweisung (s.u.).
"She generally finds him in the shop when she comes down the morning." - Die Erklärung dafür, warum seine Frau nichts bemerkt haben könnte: Sie schlief in der Wohnung, er im Shop. Auch das passt: Wenn JTR tatsächlich Familie hatte, dann muss er wohl woanders genächtigt haben als seine Frau, vermutlich wegen ehelicher Differenzen.

Sunday Chronicle, October 15, 1905:
"We found our man. He was engaged in a large way of business in the city of London, was married, had a family, and was generally respected. For some time he had been known as eccentric, and various escapades had caused his friends a good deal of anxiety.
Frequently, as we learned later, he stayed out all night about the time when these outrages were committed. His description agreed with that of a man seen in Dorset-street, Whitechapel, on the night when Mary Jane Kelly was cut to pieces, and at that time he was very near to actual arrest by a policeman."

Der Observierte war in einer großen Geschäftsstraße tätig, und zwar in der City of London, nicht in Whitechapel (!). Dies klingt nach dem Butcher's Row Suspect, denn die Butcher's Row (und auch die einmündende Middlesex Street) gehörten bereits zur City of London. Er war verheiratet und hatte Familie, wie Jacob Levy. Er wurde seltsam und seine Eskapaden bereiteten seinen Freunden Sorge - auch das erinnert an den Verfall Levys mit Diebstahl, psychischer Erkrankung, Geschäftsvernachlässigung und schließlich dem nächtlichem Umherstreifen.



Das Ende


15. August 1890: Einlieferung ins Irrenhaus
Jacob Levy wird als geisteskrank in die Nervenheilanstalt City of London Asylum at Stone in Kent eingeliefert.
In der Krankenakte wird als Einweisungsgrund "Manie" eingetragen, an der er schon seit längerem leide. Er soll bei seiner Einlieferung noch in guter körperlicher Verfassung gewesen sein, seine Größe wird mit knapp 1,70 Meter und sein Gewicht mit 60 Kilo angegeben.
Seine Frau soll den Anstaltsakten zufolge nach der Einweisung gesagt haben, Levy habe beinahe ihr Geschäft ruiniert, früher sei er ein sehr guter Geschäftsmann gewesen. Aber er schlafe nun nachts nicht mehr, sondern wandere oft für Stunden ziellos umher. Auch befürchte er, jemandem etwas anzutun. Er höre Geräusche und Stimmen, die ihm befehlen und ihn zwingen Taten zu begehen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne.
Merwürdigerweise soll Levy gesagt haben, dass schon sein Bruder Abraham Selbstmord begangen habe, indem er sich selbst die Kehle durchgeschnitten (!) habe - dabei hat er sich laut Casebook erhängt: Im Mai 1875 nahm sich Jacobs Bruder demnach das Leben, weil er angeblich bei Pferderennen enorme Summen verloren hatte. Einem Zeitungsbericht nach fand Jacob selbst den erhängten Leichnam seines zwei Jahre älteren Bruders.

Dass Levy sein Geschäft vernachlässigte, nachts umherstreifte und zugab, von inneren Stimmen zu schrecklichen Taten getrieben zu werden, ist ein gutes Indiz für eine mögliche Täterschaft.
Dass er auch 1890 noch in guter körperlicher Verfassung war, legt nahe, dass er trotz seiner Erkrankung physisch zu den Morden fähig gewesen wäre.
Das Einlieferungsdatum in die öffentliche Anstalt passt jedenfalls zum Zeitpunkt der angeblichen Identifikation von JTR in einem "Seaside Home" (s.u.), welche von Ripperologen auf Sommer 1890 angesetzt wird, da das Convalescent Police Seaside Home in Hove (bei Brighton) in diesem Jahr eröffnet wurde und in seinen Akten zwei Besucher ohne Namensnennung auftauchen.
Zwar wurde von Chief Inspektor Swanson als öffentliche Anstalt Colney Hatch ins Spiel gebracht, aber dies bezog er explizit auf Kosminski. Laut Researcher Steward Hicks soll Lady Anderson, die Ehefrau von Assistant Commissioner Robert Anderson, hingegen gesagt haben, der Ripper sei in einer Anstalt bei Stone gewesen.

Da Levy schon "seit längerem" an seiner Krankheit gelitten hatte, könnte er zuvor bereits in familiärer Betreuung und/oder einer privaten Einrichtung gewesen sein - so wie dies später von hochrangigen Polizisten über den Ripper-Verdächtigen erzählt wurde (s.u.).
Die Polizei soll jedenfalls schon Ende 1888 alle privaten Sanatorien überprüft haben:
"The Dublin Express London correspondent on Thursday gave as the latest police theory concerning the Whitechapel murderer, that he has fallen under the strong suspicion of his near relatives, who to avert a terribly family disgrace, may have placed him out of harm's way in safe keeping. As showing that there is a certain amount of credence attached to this story, detectives have recently visited all the registered private lunatic asylums, and made full inquiries as to the inmates recently admitted." (The Bristol Mercury, 29. Dezember 1888)

War Jacob Levy der Ripper, würde dies den Zeitraum von eineinhalb Jahren zwischen dem Kelly- Mord und seiner offiziellen Einweisung im August 1890 erklären.
Über Levy ist leider nur bekannt, dass er in Stone eingeliefert wurde, es gibt bisher keine Hinweise auf vorübergehende Unterbringungen woanders. Jedoch wäre es plausibel, dass sich zunächst seine Angehörigen um ihn kümmerten, bis sich sein Zustand so weit verschlechterte, dass er für sie nicht mehr zu bewältigen war, worauf sie ihn unter falschem Namen in ein privates Sanatorium steckten, bevor er von der Polizei entdeckt und identifiziert wurde.


Fortsetzung s.u.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 24.05.2016 21:22 Uhr
Fortsetzung:


Freitag, 13. Februar 1891: Mord an Frances Coles in Swallow Gardens

Gegen 1.45 Uhr traf eine Bekannte, die Prostituierte Ellen Callagher, in der Commercial Street auf Coles. Sie liefen gemeinsam Richtung Minories und begegneten einen "brutalen Mann mit einer Baskenmütze", an den Callagher sich als einen früheren Kunden erinnerte. Sie will Coles gewarnt haben, dass der Mann ihr vor einiger Zeit ein blaues Auge geschlagen habe, und sie solle sich nicht mit ihm abgeben. Coles befolgte den Rat ihrer Freundin allerdings nicht und unterbreitete dem Mann ein Angebot, worauf die beiden ohne Callagher in Richtung Minories gingen.
Carmen Friday und die Brüder Knapton gingen kurz nach 2 Uhr morgens durch die Eisenbahn-Unterführung Swallow Gardens. Sie sahen eine Frau und einen Mann, die an der Ecke der Royal Mint Street standen. Gegen 2.15 Uhr dann entdeckte Police Constable Ernest Thompson auf seiner Runde unter der Eisenbahnbrücke die Prostituierte Frances Coles mit durchschnittener Kehle.
Die Justiz klagte später Coles gewalttätigen Freund Thomas Sadler an, der jedoch freigesprochen wurde, weil er ein Alibi hatte.
Verdächtigungen wie im Automn of Terror mit den Gerüchten um "Lether Apron" verbreiteten sich unter den Bewohnern des Eastends, diesmal sollte laut Mundpropaganda ein gewisser jüdischer Metzger namens "Jacobs" (!) der Mörder gewesen sein.
Benjamin Leeson schrieb in "Lost London: The Memoirs of an East End Detective" (1934):
"... a story circulated that the Ripper was a butcher, who wore blue overalls and a leather apron, and an English Jew named Jacobs, a perfectly harmless man, somehow attracted suspicion to himself. Possibly because, working in a slaughter house, he always wore a leather apron. People would point Jacobs out in the street as a suspected man, and more than once he had to run for it. I myself was often obliged to take him to the police station for protection. The thing so preyed on the poor fellow's mind that it finally caused him to lose his reason." 

Coles war zwar auch eine Prostituierte, der die Kehle aufgeschlitzt wurde, allerdings wurde sie nicht zuvor gewürgt, sondern einfach zu Boden gerissen, das Messer soll ebenfalls ein anderes gewesen sein - der obduzierende Dr. Phillips hielt jedenfalls JTR nicht für den Täter.
Interessant ist allerdings, dass in gewissen Teilen der Bevölkerung Verdächtigungen über einen Metzger namens "Jacobs" die Runde machten, was doch sehr nach "Jacob" klingt. Könnten möglicherweise in bestimmten Kreisen Gerüchte über Verdachtsmomente gegen Jacob Levy als Ripper durchgesickert sein?


29. Juli 1891: Jacob Levys Tod

Levy stirbt an den Folgen der Syphilis in der Nervenheilanstalt Stone in Kent.
In den Akten steht als Todesursache: "General paralysis of the insane brought on by the serious sexually transmitted disease syphilis".

In ihren Aufzeichnungen nannten die hochrangigen Polizeibeamten Macnaghten und Anderson beide als einen der Hauptverdächtigen im Ripper-Fall einen Juden, der in nächster Nähe zu den Opfern lebte und nach den Morden in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde.
Auch Major Arthur G.F. Griffiths schrieb in seiner Reihe "Mysteries of Police and Crime" 1898 von "a Polish Jew, a known lunatic who was at large in the district of Whitechapel at the time of the murders and who (...) was confined to an asylum".
Chief Inspektor Swanson schrieb persönliche Anmerkungen in sein Exemplar von Andersons Memoiren, die den grundsätzlichen Sachverhalt bestätigten. Allerdings fügte er noch hinzu, dass der Verdächtige in einem "Seaside Home" von einem Zeugen erkannt worden sei und es ihm auch bewusst gewesen sei, dass die Polizei ihn identifiziert habe. Danach habe man ihn vorübergehend zu seinen Verwandten zurückgebracht, wo die Polizei ihn Tag und Nacht beobachtet habe, bevor er dann endgültig in eine Irrenanstalt gebracht worden sei, wo er schon bald verstorben sei.
Dies würde erklären, warum die Morde aufhörten.

Damit würde der von Ripperologen in den Akten von Colney Hatch gefundene gewalttätige Irre David Cohen als Verdächtiger ausfallen, denn nach bisherigen Erkenntnissen hatte er keine Verwandten. Eine weitere Diskrepanz: Die Zeugen beschrieben alle einen Mann mittleren Alters - David Cohen war damals aber erst 23 Jahre alt. Zudem wurde er bereits am 7. Dezember 1888 per Gerichtsbeschluss erst ins Whitechapel-Arbeiterkrankenhaus eingewiesen, und dann wegen seiner Unkontrollierbarkeit am 21. Dezember direkt weiter ins Irrenhaus Colney Hatch, wo er am 20. Oktober 1889 verstorben sein soll - die erste offiziell "Seaside Home" genannte Einrichtung wurde aber erst 1890 eröffnet.
Allerdings vermuten einige Ripperologen, dass "David Cohen" auch ein Alias wie "John Doe" gewesen sein könnte, da es noch andere Namens-Unklarheiten in dem Fall gibt.

Macnaghten und Swanson bezeichneten ihren Verdächtigen als "Kosminski", jedoch enthalten die Erinnerungen der Polizisten nachgewiesenermaßen einige Ungenauigkeiten, so dass sie sich mit dem Namen geirrt haben könnten, denn der in medizinischen Akten gefundene Aaron Kosminski war damals erst 23 Jahre alt und starb erst 1919 in der Anstalt, nicht schon bald nach der Einweisung. Zudem schrieb Robert Sagar von der City-Police von einem Metzger, der observiert worden war, und Kosminski soll Haarschneider gewesen sein.
Vermutlich wurden einfach die Namen von ein paar verdächtigen Anstaltsinsassen durcheinander geworfen. Der nie an den Ermittlungen beteiligte Mcnaghten schrieb sein internes Memorandum 1894 und veröffentlichte seine Memoiren "Days of My Years" erst 1914 - Jahre nach den Ripper-Morden. Robert Anderson veröffentlichte seine Memoiren "The Lighter Side of My Official Life", in die Swanson seine Anmerkungen machte, erst 1910.

Eine andere plausible Erklärung der Namens-Irritationen könnte im Verhalten der Verwandten des mutmaßlichen Mörders liegen: Wenn er von den Angehörigen zuerst in eine private Anstalt gesteckt wurde, als sie seinem Irrsinn und seiner Gefährlichkeit nicht mehr Herr wurden, wäre es gut nachvollziehbar, dass sie ihn unter einer falschen Identität irgendwo eingewiesen hatten, um ihn und die Familie zu schützen.
Das wäre dann so lange gut gegangen, bis es zur Überprüfung aller neuen Anstalts-Einlieferungen durch die Polizei und der erwähnten Gegenüberstellung mit Identifizierung im "Seaside Home" gekommen war. Die spätere endgültige Einweisung in ein staatliches Institut wäre dann zwar unter dem richtigen Namen erfolgt, aber die Namensverwirrung könnte immer noch in Polizeikreisen und -Berichten präsent gewesen sein und so zu den Irrtümern geführt haben.

Robert Anderson jedenfalls schrieb in seinen Memoiren: "Die einzige Person, die jemals einen guten Blick auf den Mörder werfen konnte, identifizierte ihn, aber als er erfuhr, dass der Tatverdächtige ein Glaubensbruder war, weigerte er sich, gegen ihn auszusagen."
Swanson bestätigte in seinen privaten Anmerkungen diesen Aspekt.
Bei diesem Zeugen könnte es sich somit um Joseph Hyam Levy, Joseph Lawende (beide Fall Eddowes) oder Israel Schwartz (Fall Stride) gehandelt haben.

Da Macnaghten schrieb, dass der Verdächtige der Beschreibung jener Person entsprach, die am Mitre Square gesehen wurde, dürfte der Zeuge tatsächlich entweder Joseph Hyam Levy oder Lawende gewesen sein. Joseph Hyam Levy machte bei der Befragung kaum Angaben zum Verdächtigen und gab sich verschlossen, vermittelte aber den Eindruck, als wisse er mehr als er sagen wollte, während Lavende zunächst eine detaillierte Beschreibung abgab. Lawende war ein Handelsreisender aus Dalston, kein Bewohner Whitechapels, und dürfte JTR nicht gekannt haben, so dass er vermutlich bedenkenlos eine erste Aussage machte, zumal er den Mann anfangs nicht für einen einheimischen Juden, sondern für einen Seemann gehalten hatte.
Eine Erklärung für den Rückzieher des Zeugen könnte somit sein, dass Joseph Lawende schließlich von seinem Begleiter Joseph Hyam Levy bearbeitet worden war, nicht gegen den Glaubensbruder auszusagen, um ein Pogrom gegen die jüdische Gemeinde zu verhindern.
Dass die Polizei tatsächlich die konkrete Möglichkeit sah, über die Zeugen Lawende und Joseph Hyam Levy den Ripper zu überführen, belegt auch die Vorgehsweise bei der öffentlichen Coroner-Untersuchung zu Eddowes Tod, bei der Lawende verboten wurde, den Verdächtigen vor dem Publikum genauer zu beschreiben (s.o.).


1892: Ermittlungs-Ende

Die Akte Jack the Ripper wird von der Polizei offiziell geschlossen.

Dies würde zeitlich besser zu Jacob Levy passen als zu dem in den Memoiren erwähnten Kosminski, da Aaron Kosminski erst lange nach seiner Einweisung und seiner Verlegung nach Leavesden im Jahr 1919 starb. Auch der von Ripperologen in den Akten der Colney Hatch Nervenheilanstalt gefundene mögliche Verdächtige Hyam Hyams starb erst am 22. März 1913.



Fazit


Die Theorie, dass JTR ein jüdischer Metzger war, der im Irrenhaus starb, erklärt den ansonsten merkwürdigen Schluss im Ripper-Fall: Nach dem Ende der Mordserie laufen die Ermittlungen angeblich ergebnislos aus, die Akte wird geschlossen - aber Jahre später erklären hochrangige Polizisten in ihren Memoiren oder Zeitungsartikeln, der Ripper wäre eigentlich identifiziert worden.

Nach dem Mord an Mary Ann Nichols verdichteten sich im Eastend schnell Gerüchte, dass die Morde von einem Juden mit dem Spitznamen "Leather Apron" verübt worden sein sollten, was so auch in den Zeitungen verbreitet wurde und schon zu ersten antisemitischen Aufwallungen und Kundgebungen führte.
Superintendent Thomas Arnold ordnete daher nach dem Double Event mit Erlaubnis von Polizeichef Charles Warren an, das Goulston Street Graffiti auf der Stelle zu entfernen, explizit aus dem Grund, um mögliche Pogrome gegen Juden zu verhindern. In seinem Bericht vom 9. November 1888 schreibt Arnold: "Ich bitte darum berichten zu dürfen, dass am Morgen des 30. September, dem Letzten, meine Aufmerksamkeit auf eine Aufschrift an der Wand des Eingangs zu Behausungen in der Goulston Street 108, Whitechapel gerichtet wurde, welche aus folgenden Worten bestand: 'Die Juwes sind [nicht] die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden'.
Ich wusste, dass aufgrund der Verdächtigung eines Juden namens John Pizer, genannt ‚Leather Apron‘, der beschuldigt wurde, den kürzlich in der Hanbury Street verübten Mord begangen zu haben, ein starkes Gefühl gegen die Juden im Allgemeinen aufkam. Da das Gebäude, auf dem sich die Aufschrift befand, mitten in der Lokalität liegt, die hauptsächlich von dieser Religions-gemeinschaft bewohnt wird, war ich besorgt darüber, dass wenn die Aufschrift verbleibt, diese für einen Aufstand verantwortlich sein könnte. Daher habe ich erwogen, dass es wünschenswert sei, sie aufgrund der Tatsache zu entfernen, dass sie sich an einer Stelle befand, die gut von den Menschen einsehbar war, die dort hinein- und hinausgehen."

Falls man den Ripper tatsächlich durch einen Zeugen als jüdischen Metzger identifizierte, hätte die Bekanntgabe demnach zu schrecklichen Übergriffen bis hin zum Pogrom gegen die jüdische Gemeinde in Whitechapel im Allgemeinen und seine Familie im Besonderen führen können. Denn an die Eröffnung eines Prozesses wäre schon wegen des Gesundheitszustands des Tatverdächtigen nicht zu denken gewesen. Und selbst wenn: Ob die dünnen Beweismittel für eine Verurteilung ausreichend gewesen wären, darf bezweifelt werden - ein Freispruch aus Mangel an Beweisen wäre aber verheerend gewesen.
Wegen der sowieso schon explosiven sozialen Lage, einem weitverbreiteten Antisemitismus und der aufgestauten Wut durch den Ripper-Terror wäre wohl zu erwarten gewesen, dass viele Menschen dann ihre Aggressionen an Sündenböcken ausgelassen hätten.
Die Behörden könnten daher zu dem Schluss gekommen sein, es sei angesichts der explosiven Situation im Eastend sicherer, den todkranken Irren stillschweigend in einer Anstalt verrotten zu lassen und lieber weiter zähneknirschend vor der Öffentlichkeit wie Versager in diesem Fall dazustehen, als eine Katastrophe im Viertel zu riskieren.



Geographisches Profil:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 24.05.2016 21:45 Uhr
Hi Arthur!

Nur zu meinem Verständnis (und vielleicht auch für die Mitleser):

Obwohl die "Jacobs- Story" nach Coles die Runde machte, hälst Du Francis Coles aber nicht für ein mögliches Jacob Levy Opfer oder? Da war er ja bereits in Stone. Ich nehme an, du gehst nur davon aus, dass allein durch diesen Mord ein altes Gerücht ("Jacobs") erneut aufkam, richtig?

Ich bin in Sachen Sadler nicht aktuell aber galt dieses Alibi nicht nur für den Herbst 1888 und nicht für die Zeit des Coles Mordes?

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 24.05.2016 21:56 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
Ich bin in Sachen Sadler nicht aktuell aber galt dieses Alibi nicht nur für den Herbst 1888 und nicht für die Zeit des Coles Mordes?

Also laut Thomas Schachners Buch (2. Aufl., Seite 162f.) war Sadler der (Ex-)Freund von Coles, er wurde nach dem Mord an ihr verhaftet, aber im Prozess - auch dank der Finanzierung der Verteidigung durch die Seemanns-Gewerkschaft - freigesprochen, weil er für den Tatzeitpunkt ein Alibi gehabt haben soll: Er soll in dieser Nacht in Schlägereien verwickelt gewesen sein. 


Und logischerweise halte ich den Ripper, so er denn Jacob Levy war, nicht für den Mörder von Coles - denn da war er ja schon in der Anstalt.
Vielmehr ist meine These in der Tat, dass es Gerüchte gegeben haben dürfte:
Seinem Umfeld im Viertel dürfte nicht entgangen sein, dass er langsam verrückt wurde. Vermutlich haben auch einige in seiner Umgebung bemerkt, dass er observiert wurde, vielleicht hat gar ein Polizist über einen gewissen Verdächtigen geplaudert...


MfG, Arthur Dent.

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 24.05.2016 22:08 Uhr
Danke Arthur!

Ich habe in der Zwischenzeit mal gegoogelt:

http://www.casebook.org/victims/coles.html

1:50 AM: James Sadler gets into his third brawl of the night with some dockworkers at St. Katharine Dock as he tries to force his way back onto the S.S. Fez, from which he had been discharged two days before. He is left bleeding from a rather sizable wound in the scalp after calling his attackers "dock rats." He then makes two attempts to enter a lodging house in East Smithfield, but was refused.

2:00 AM: Sadler is seen drunken and bloodied on the pavement outside the Mint by a Sergeant Edwards. He was 'decidedly drunk' at the time.

2:00 AM - 2:12 AM: Carmen William Friday (also known as 'Jumbo') and two brothers named Knapton walked through Swallow Gardens, a railway arch. They saw nothing out of the ordinary, only a man and a woman at the Royal Mint Street corner of Swallow Gardens. One of the Knapton brothers shouted "Good night" to the couple but received no response. 'Jumbo' Friday was later to say that the man looked like a ship's fireman, and that the woman was wearing a round bonnet.

2:15 AM: P.C. Ernest Thompson 240H was on his beat along Chamber Street, only minutes away from Leman Street Police Station. He had been on the police force less than two months, and this was his first night on the beat alone. Thomspon heard the retreating footsteps of a man in the distance, apparently heading toward Mansell Street. Only a few seconds later he turns his vision to the darkest corner of Swallow Gardens and shines his lamp upon the body of Frances Coles. Blood was flowing profusely from her throat, and to Thompson's horror, he saw her open and shut one eye. Since the then unidentified woman was still alive, police procedure dictated that Thompson remain with the body -- his inability to follow the retreating footsteps of the man he believed to have been her killer (and possibly the Ripper) would haunt him for the rest of his days. Thompson was later stabbed to death in 1900 when trying to clear a brawl at a coffeehouse by a man named Barnett Abrahams.


Okay, ist vielleicht jetzt auch nicht so wichtig.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 24.05.2016 22:22 Uhr
Vielleicht müssten wir dieses Buch mal lesen:

http://www.amazon.com/Jack-Ripper-Fiction-Robin-Odell/dp/186992830X

Erstausgabe offenbar 1965:

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/jtrodell.html

Robin Odell makes the suggestion that Jack the Ripper was a Jewish shocet or ritual slaughter man, who after the Miller's Court murder was discovered by his own people, and dealt with in accordance to their own brand of justice. The man's identity was never made public. The police at the time considered the possibility that the Ripper may have been a Jewish slaughter man and made visits to Jewish abattoirs.

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/cjmorley/170.html
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 25.05.2016 19:48 Uhr
Hallo Lestrade,

also ich bezweifle, dass wir da viel Neues drin finden würden: Das Buch wurde vor 50 Jahren geschrieben, da waren viele uns heute bekannte Quellen noch gar nicht gefunden.
Außerdem hege ich den Verdacht, dass diese These von rituellen Schlachtungen einen antisemitisch angehauchten Hintergrund hat.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 25.05.2016 23:38 Uhr
Hallo Arthur!

Robin Odell war mir hier und da ein Begriff, ich sah ihn auch schon in einer Ripper Doku und wusste auch dass er mit anderen zusammen im Buchbereich aktiv war.

Einer der anerkanntesten Ripperologen, Stewart Evans, war sehr angetan vom bereits angesprochenen Buch als auch vom 2009er "Written and Red: The Jack the Ripper Lectures" des Robin Odell, siehe hier:

http://forum.casebook.org/showthread.php?t=3186

Das wir es bei Odell mit einem "Fachmann" zu tun hätten, sollte diese Auswahl wohlmöglich bestätigen:

https://www.waterstones.com/author/robin-odell/152408

Er wird oft als "Gentleman" beschrieben und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand wie Stewart Evans Mr. Odell auf diese Weise würdigt, falls dort irgendwo eine "These von rituellen Schlachtungen (mit) einem antisemitisch angehauchten Hintergrund" vorkäme. Sicher kann ich mir diesbezüglich nicht sein, da ich diese Werke nicht kenne (oder zumindest nicht mehr erinnern kann, eines früher mal gelesen zu haben).

Vielleicht würde es Sinn machen, sein "Jack the Ripper in Fact and Fiction" (neu 2008), "Written and Red: The Jack the Ripper Lectures"(2009) und "Ripperology..." (2006) mal alle zu lesen um diese Behauptung von 1965 über den "Slaughterman" besser zu verstehen.

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 26.05.2016 08:11 Uhr
Hi Lestrade,

ich habe mir das mit Odell nochmal angesehen und revidiere hiermit meine Mutmaßung: Das Buch wird überall als eines der ersten gut recherchierten Werke zum Thema bezeichnet.

Was mir eben etwas Bauchschmerzen bereitet ist die These, dass seine Gemeinde die Identität von JTR gegenüber der Polizei verheimlicht habe, das hat so etwas von antisemitischer Verschwörungstheorie.

Ansonsten halte ich ja selbst die Hypothese vom - vermutlich jüdischen - psychisch kranken Metzger für die plausibelste.


MfG Arthur Dent


Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 26.05.2016 11:41 Uhr
Guten Morgen Arthur!

Ich bin, was diese These betrifft, erst einmal ganz bei dir (wie man heute so schön sagt). Beachten wir aber, was Anderson so über seinen Verdächtigten schrieb und denken gleichzeitig an Sagar´s Anmerkung, dass es die Freunde seines Verdächtigen für besser hielten, ihn in eine private Anstalt zu schicken. Ich weiß einfach nicht, was es bedeuten soll, "die Identität verheimlichen" und müsste das alles einmal bei Odell im Zusammenhang lesen. Gerade bei Anderson´s Statements muss man von so etwas vielleicht sogar ausgehen. Wahrscheinlich war es auch so, dass man um die Zeit der Sagar -Observation (ca. Dezember 1888), die Irrenanstalten nach einem bestimmten Mann durchforstete. Vielleicht waren es Sagar´s erwähnte Freunde, die den Verdächtigen aus dem Fokus der Polizei bringen wollten. Ich erwähne diezbezüglich gerne diesen rätselhaften Vorfall am 22 November 1888 (keinen Tag nach der Farme Attacke), wo wir nicht wissen, was da überhaupt geschehen war. Ich weiß es nicht aber vielleicht war Sagar für eine kurze Zeit in der Butchers Row nach diesem Datum und den Angehörigen des Verdächtigen gelang es jenen Mann eben irgendwo privat "zu verstecken". Nach seiner Rückkehr tritt Cox auf den Plan... gab es bereits für diesen Mann im Oktober 1888 Verdachtsmomente, wo ebenfall die Angehörigen hilfreich zur Stelle waren, dann klingt das auch erst einmal nach "Verschwörung", könnte aber in der Realität alles so passiert sein.

Ich finde unsere Diskussion hier (schon länger) für sehr inspirierend und überlege gerade, mir die Bücher von Odell zu besorgen. Möglicherweise könnten diese sehr anregend für weitere Überlegungen sein.

Wenn ich mich an Odell in dieser Doku erinnere (ich weiß jetzt nicht, in welcher), dann ging er von einem unauffälligen (reinen) Psychopathen aus. In seinem Falle dann wohl von einem jüdischen Schlächter. In unseren Fällen (Levy und Kosminski) gehen wir zwar auch von etwas ähnlichem aus, allerdings noch zusätzlich im Background mit einer schweren geistigen Erkrankung, wie Formen der Schizophrenie, durch was auch immer ausgelöst, ausgestattet.

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Shadow Ghost am 26.05.2016 12:44 Uhr
Hier der Times-Artikel vom 3. April 1889:

POLICE
At the GUILDHALL, yesterday, before Mr Alderman Wilkin, GEORGE WILKINS, described as a labourer, 19 years of age, was charged with breaking and entering premises situate at No. 5, Duke-street, Aldgate, and stealing therefrom a package of serge, value seven guineas, the property of Mr. E. Bell, C.C. On the evening of the 26th of March, Detective-sergeant Pentin noticed the prisoner in King William-street; he was wheeling a barrow. The officer's suspicions were raised, and he followed the accused into Mitre-square, Aldgate, and from there to 5, Duke-street. Here he entered the premises, but, after a short time, he came out, and, having taken a sack from the barrow, re-entered the premises. Pentin waited outside, and as the prisoner did not come out he communicated with Detective-sergeant Sagar. Both officers then searched the warehouse, and on the top floor they found the prisoner; he had his boots off. In Mr. Bell's wareroom a large package of serge had been moved, and a label that was on it had been taken off. This was found in the prisoner's pocket. A previous conviction was proved by a sessions warder, and the prisoner was committed for trial.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 26.05.2016 18:06 Uhr
Hallo Lestrade!

Zitat
Beachten wir aber, was Anderson so über seinen Verdächtigten schrieb und denken gleichzeitig an Sagar´s Anmerkung, dass es die Freunde seines Verdächtigen für besser hielten, ihn in eine private Anstalt zu schicken. Ich weiß einfach nicht, was es bedeuten soll, "die Identität verheimlichen" und müsste das alles einmal bei Odell im Zusammenhang lesen.


Nun ja, ich sehe da schon ein paar Unterschiede zu meiner These und der von Odell (zumindest so, wie ich sie jetzt aus den Rezensionen kenne):

Ich halte es für wahrscheinlich, dass seine Familie und Freunde unseren Verdächtigen in eine private Anstalt steckten, vermutlich einfach deshalb, weil er offensichtlich verrückt geworden war und sie seine wachsende Unberechenbarkeit und Gefährlichkeit bemerkten - unabhängig davon, ob sie nun tatsächlich Verdacht geschöpft hatten, er könne möglicherweise der Ripper sein, oder nicht.

Aber dass nicht seine Nächsten, sondern die jüdische Gemeinde sich ihm angenommen hätte, und zwar WEIL sie ihn für den Ripper hielt, und ihn im Geheimen vor ihre eigene Gerichtsbarkeitkeit stellte und dies vor den Behörden und der Öffentlichkeit vertuschen wollte, das hat eine ganz andere Qualität. Das wäre eine Verschwörung.

Bei meiner These könnte eine Verheimlichung der Identität auch ganz einfach aufgrund privater Überlegungen der Familie, was ihren Ruf angeht o.ä. geschehen sein, oder genau weil man verhindern wollte, dass (ihrer Meinung nach falsche) Verdächtigungen im Zusammenhang mit den Morden aufkommen könnten.

Im anderen Fall wäre es eine bewusste Vertuschung von Morden durch die Offiziellen der jüdischen Gemeinde gewesen. Ich halte es aber für plausibler, dass die jüdische Gemeinde, nicht nur aus Respekt vor dem Gesetz und den Opfern, sondern auch gerade wegen des Antisemitismus einen solchen Mörder der Justiz ausgeliefert hätte - um damit ganz klar zu machen, dass solche Leute keinen Schutz bei ihnen finden.


Zitat
Wahrscheinlich war es auch so, dass man um die Zeit der Sagar -Observation (ca. Dezember 1888), die Irrenanstalten nach einem bestimmten Mann durchforstete. Vielleicht waren es Sagar´s erwähnte Freunde, die den Verdächtigen aus dem Fokus der Polizei bringen wollten.

Die Polizei hat ja laut einem Artikel des The Bristol Mercury vom 29. Dezember 1888 in der Tat die privaten Sanatorien überprüft, wie du weißt:
"The Dublin Express London correspondent on Thursday gave as the latest police theory concerning the Whitechapel murderer, that he has fallen under the strong suspicion of his near relatives, who to avert a terribly family disgrace, may have placed him out of harm's way in safe keeping. As showing that there is a certain amount of credence attached to this story, detectives have recently visited all the registered private lunatic asylums, and made full inquiries as to the inmates recently admitted." (The Bristol Mercury, 29. Dezember 1888)
Aber ob seine Angehörigen das nun getan haben, weil sie ihn aus der Schusslinie holen wollten, oder schlicht und einfach nur, weil er ihnen zu verrückt wurde...  Keine Ahnung.


Zitat
Ich erwähne diezbezüglich gerne diesen rätselhaften Vorfall am 22 November 1888 (keinen Tag nach der Farme Attacke), wo wir nicht wissen, was da überhaupt geschehen war.

Äh, ich auch nicht, ich stehe gerade auf dem Schlauch... auf welchen rätselhaften Vorfall spielst du an?


Zitat
Wenn ich mich an Odell in dieser Doku erinnere (ich weiß jetzt nicht, in welcher), dann ging er von einem unauffälligen (reinen) Psychopathen aus. In seinem Falle dann wohl von einem jüdischen Schlächter. In unseren Fällen (Levy und Kosminski) gehen wir zwar auch von etwas ähnlichem aus, allerdings noch zusätzlich im Background mit einer schweren geistigen Erkrankung, wie Formen der Schizophrenie, durch was auch immer ausgelöst, ausgestattet.


Diese These vom Psychopathen hatte ich anfangs hier im Forum ja auch vertreten, wie du dich vielleicht erinnerst. Schließlich bin auch ich davon aber abgekommen, und zwar vor allem aus zwei Gründen:
Erstens wegen der Äußerungen der Polizisten, dass ihr Hauptverdächtiger schließlich eingewiesen wurde, und zweitens wegen genauerer Lektüre der Verstümmelungen von Kelly. Der Täter hat sie dermaßen wild zerhackt, dass er offensichtlich völlig die Kontrolle verloren haben muss. Das sieht mir nicht mehr nach der typischen "kalten Aggression" eines Psychopathen aus, für den totale Kontrolle im Mittelpunkt seiner psychischen Bedürfnisse steht. Daher tendiere auch ich nun schon seit einiger Zeit zur Theorie vom "crazy jewish butcher".


MfG, Arthur Dent



P.S. Je mehr ich über Sagars Einsätze lese, desto mehr erhärtet sich meine Vermutung, dass die Gegend um Aldgate sein primäres Einsatzgebiet war.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 26.05.2016 21:09 Uhr
Hi Arthur!

Ich mache mal folgenden Vorschlag:

Ich werde versuchen, mir diese drei Ripper- Bücher von Odell zu besorgen. Mir scheint das, alles in allem, sehr interessant. Meine Partnerin gelingt es immer wieder, im Ausland, überwiegend England, gesuchte Bücher sehr günstig zu ergattern (während ich das schreibe, hat sie auch schon zwei bestellt, dass dritte ist uns noch zu teuer, Fact and Fiction ist allerdings dabei). Nach dem Lesen bin ich dann vielleicht auch schlauer. Wird natürlich eine Weile dauern, bis ich darauf zurückkommen kann.

(Ich bin auch gerne bereit Arthur, dir das Buch nach dem Lesen zu leihen, denn ich bin da wirklich an deiner Meinung interessiert)

Zu dem Vorfall am 22 November 1888 habe ich hier schon öfters geschrieben. Das letzte Mal war hier, glaube ich:

http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,1725.15.html

Vielleicht liest du von Post 19 bis Post 35 einmal nach. Es war eine Diskussion zwischen Shadow und mir. Im letzten Post finden auch noch einmal Cox und Sagar Erwähnung genauso wie die Greenfield Street. Das war ja nicht lange vor der Einweisung von Aaron Kozminski und jene Straße war der Wohnort der Aaron-Geschwister Matilda und Isaac (nebenan in der Yalford Street lebte der Bruder Woolf).

Ich persönlich würde sagen, Krankheit und Verdacht müssen sich ja nicht gegenseitig beim Handeln von etwaigen Angehörigen ausgeschlossen haben. Zu Kozminski´s Familie gehörte ein Rabbi, Israel Lubnowski. Ende letzten Jahres hatten wir eine Diskussion (mit Chris Philips und Robert Lintford) im JTRForums über diesen Israel Lubnowski. Es ist nicht ganz klar, ab wann er in London war. Für offenbar eines seiner Kinder, eine Tochter, gibt es einen Krankenhauseintrag für April/Mai 1887. Er könnte bereits nach der Volkszählung 1881 eingereist sein, wie eben auch Woolf, seine Frau Betsy und Aaron. Aber diese Tochter wurde, anderen Angaben zu Folge, noch in Polen geboren, also 1885. Das gleiche gilt für zwei jüngere Geschwister, die ebenfalls in Polen (ca. 1887 und 1889) geboren wurden. Das ganz jüngste dann in London (1891). Man könnte zumindest annehmen, dass die Mutter nicht in London sondern in Polen jene zwei Kinder gebar, obwohl diese Familie schon in London ansässig gewesen war. Warum, wieso, weshab wüsste ich nicht. Die 1887 Adresse wäre dann Batty Gardens gewesen, das war im Prinzip unmittelbar an der Adresse Woolf Abrahams, Berner Street 1882 gewesen (neben dem Dutfields Yard). Ich habe keine Ahnung, wie solch ein Rabbi unterwegs war aber es gibt die Möglichkeit, dass er nur temporär in London in den 1880ern aktiv war. Alleine oder mit Familie. In der Familie und überhaupt in dieser Gemeinschaft sollte auch dieser Rabbi einen hohen Stellenwert besessen haben. Es wäre genauso gut möglich, dass jenen Rabbi im Herbst 1888 die Botschaft in Polen erreichte, dass man gewisse Probleme mit Aaron hat und dieser dann erneut nach London reiste. Ich denke aber weiß es nicht, dass solch ein Rabbi- Minister bestimmte Einflüsse und Kontakte hatte, um solch eine schwierige Angelegenheit zu regeln. In 1891 finden wir die gesamte Rabbi Familie dann in der Yalford Street, wo er in der Zwischenzeit wieder ganz nahe an Matilda und Isaac wohnte. Woolf muss aus dieser Straße dann Ende 1889/ Anfang 1890 wieder weggezogen sein, in den Sion Square. Auch Matilda und Isaac verschwanden dann plötzlich nach Aaron´s Einweisung aus ihren Wohnorten in der Greenfield Street. Ob Aktivitäten von höheren jüdischen Einflüssen dann eine Verschwörung gewesen wären, ich weiß es nicht. Es kommt ja immer auf den ganz persönlichen Eindruck an, den dabei jene Personen haben. Was denke sie und warum denken sie so? Fakt scheint jedoch zu sein, dass es keine wirklich gerichtlichen Beweise im Falle Kosminskis gab, sondern nur Indizien, gewisse Überzeugungen. Selbst wenn Angehörigen den Verdacht hatten, wie sicher und überzeugt waren sie wirklich? Was reden sich Leute ein? Ich weiß das alles nicht. Ich denke in dieser Richtung auch für den jüdischen Zeugen im Seaside Home. Lag es wirklich daran, dass er einen Glaubensbruder nicht an den Galgen liefern wollte, wie von Anderson und Swanson beschrieben? Wir wissen ja überhaupt nicht was da zu bezeugen gewesen war, wir wissen nicht, inwieweit der Zeuge wusste um was es dabei auch grundsätzlich ging. Kann doch sein, dass er einen schwerkranken und hilflosen Verdächtigen sah, ihn wiedererkannte und es ihm nicht gefiel, dass die Polizei kurz drauf schon dessen Erhängung feierte. Vielleicht tat ihm der Verdächtige leid und auch ein solches Gehabe und er sagte im Anschluß, "Hey Leute, aber 100prozentig sicher bin ich mir dann doch nicht".

Wie hätten wir reagiert, wenn du der Bruder eines solchen Verdächtigen gewesen wärst? Du ezählst mir den Vorfall, berichtest nur von Indizien, deinem eigenen Verdacht aber bist einfach nicht sicher. Ich, als weiterer Angehöriger, kann helfen und tue das auch, weil wir beide wissen, dass dein Bruder sehr schwer krank ist. Wollen wir ihn der Polizeijagd aussetzen oder schauen wir lieber, was wir ihm gutes tun können? Vielleicht ist er ja gar nicht der gesuchte Mörder? Anders verhält es sich, wenn du einen klaren Beweis für seine Täterschaft hättest. Dann übergeben wir ihn, aus unserem Rechtsempfinden heraus, der Polizei. Tun wir das nicht, handeln wir illegal und beginnen eine Verschwörung, aus eigenem Schutz oder zu Schutze unserer Gemeinschaft...

Ich weiß nicht, was damals wirklich passiert war. Weiß nicht, ob Angehörige den ihrigen beschützen wollten, weil er krank war und grundlos (aus ihrer Sicht) von der Polizei beschuldigt wurde oder ob sie Wissen hatten, dass er der gesuchte Mörder war. Oder aber ob Menschen aus dieser Gruppe entweder so oder so dachten...

Wenn ich allein bei Aaron Kozminski bleibe, ein naher Verwandter war ein Rabbi und wenn jener Aaron einer der Hauptverdächtigen gewesen war, dem man (zumindest lange) nichts beweisen konnte, dann hatte dieser Rabbi mit Sicherheit davon gewusst und er hätte seinen Part gespielt. Wenn ich mich recht erinnere, musste im jüdischen Recht jemand wahrhaftig bei einer schlimmen Tat von 1 oder 2 Personen gesehen werden, die auch wirklich darauf schwören mussten. Das war offenbar nicht der Fall, eben auch nicht für das englische Recht. Selbst bei einer eigenen starken Überzeugung der Schuld, hätte das für den jüdischen Rechtsmenschen wahrscheinlich keine Verschwörung bedeutet, sondern ein "normales Handeln", sprich ersteinmal Schutz. Allerdings hätte im Falle von Kosminski, die Übergabe des Mannes von einer privaten Anstalt in eine öffentliche, eine Art "Verabredung" mit dem englischen Recht stattgefunden haben können. Den eines wäre dann gesichert gewesen, der Verdächtige würde nie wieder eine Anstalt als freier Mann verlassen. Genau das klingt dann nach einer wirklichen Verschwörung.

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 26.05.2016 21:13 Uhr
Hier der Times-Artikel vom 3. April 1889:

POLICE
At the GUILDHALL, yesterday, before Mr Alderman Wilkin, GEORGE WILKINS, described as a labourer, 19 years of age, was charged with breaking and entering premises situate at No. 5, Duke-street, Aldgate, and stealing therefrom a package of serge, value seven guineas, the property of Mr. E. Bell, C.C. On the evening of the 26th of March, Detective-sergeant Pentin noticed the prisoner in King William-street; he was wheeling a barrow. The officer's suspicions were raised, and he followed the accused into Mitre-square, Aldgate, and from there to 5, Duke-street. Here he entered the premises, but, after a short time, he came out, and, having taken a sack from the barrow, re-entered the premises. Pentin waited outside, and as the prisoner did not come out he communicated with Detective-sergeant Sagar. Both officers then searched the warehouse, and on the top floor they found the prisoner; he had his boots off. In Mr. Bell's wareroom a large package of serge had been moved, and a label that was on it had been taken off. This was found in the prisoner's pocket. A previous conviction was proved by a sessions warder, and the prisoner was committed for trial.


Herzlichen Dank!
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 27.05.2016 20:08 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
Ich werde versuchen, mir diese drei Ripper- Bücher von Odell zu besorgen. Mir scheint das, alles in allem, sehr interessant.

Ich bin schon auf deinen Bericht gespannt.


Zitat
Zu dem Vorfall am 22 November 1888 habe ich hier schon öfters geschrieben.

Ich habe das mit dem Vorfall noch einmal nachgelesen. Eine interessante These, die du da aufgestellt hast mit Aarons Schwester.

Nur nochmal zur Klärung: Du meinst aber mit dem Zeugen, der die Aussage zurückgezogen hat, jetzt nicht nur seine Schwester, sondern noch eine weitere Person, die was gesehen hat, oder?
Das wären dann ja zwei Zeugen, die ihre Aussage zurückgezogen hätten.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 27.05.2016 21:27 Uhr
Nabend Arthur!

Ich musste jetzt selbst erst einmal überlegen. Das habe ich damals im JTRForums ausführlicher erklärt.

Vom Sinn her ging es um folgendes:

Aaron Kozminski könnte seine Schwester attackiert haben und es gab dabei einen Zeugen. Matilda verzichtete jedoch auf eine Anzeige und spielte den Vorfall herunter. Später überlegte Sie sich das und es kam zur Seaside Home ID mit dem unbekannten jüdischen Zeugen, der jedoch nicht mitspielte...

Auch wenn der hier beschriebene Vorfall bereits im November 1888 stattfand, möchte ich nicht ausschließen, dass es zumindest einen weiteren Vorfall dieser Art auch später gegeben haben könnte. Es ist statistisch erwiesen, dass schizophrene Menschen (für mich) überraschenderweise sehr oft eigene Angehörige attackieren und deshalb wollte ich den von Jacob Cohen erwähnten Vorfall nicht unbedingt als Einzelfall abtun. Bei Aaron´s Einweisung Anfang 1891 sprach Jacob Cohen ja davon und es klang, so könnte man meinen, als ob dieser Vorfall erst kürzlich stattgefunden hatte und mit ein Grund war, Aaron nun entgültig einzuweisen. Dazu kommt, dass wir ja überhaupt nicht wissen, wann die Seaside Home ID stattfand. Ein solcher Vorfall, auch sei es die eigene Schwester gewesen, wäre für die Polizei sehr interessant gewesen, wenn ein Zeuge die Attacke beobachtet hätte und er gesehen hätte, wie der Angreifer versuchte die Kehle des Opfers mit einem Messer zu erreichen. Gerade auch dann, wenn der Verdächtige bereits unter starken Verdacht stand. Ich selber bin schon länger nicht mehr davon überzeugt, dass keiner der besten jüdischen Zeugen, Schwartz oder Lawende, der unbekannte Zeuge im Seaside Home war.

Das alles sind natürlich nur Erklärungsversuche und Versuche Alternativen für das ganze Seaside Home Szenario zu finden. Genauso sehe ich aber eine gewisse Chance, wie wir bereits neulich diskutierten, dass der Zeuge aus dem Miller´s Court stammen könnte. Der Zeuge bei einem möglichen Vorfall Matilda- Aaron hätte diese nicht als Geschwister ausgemacht haben müssen.

Dieser Jacob Cohen ist für mich auch besonders interessant, gerade bezüglich der Butchers Row Aussagen von Sagar, weil er ein sehr erfolgreicher Butcher aus Manchester gewesen war, der auch zu jener Zeit geschäftlich in London zu tun hatte und kurzzeitig sogar ein Unternehmen mit Aaron´s Bruder Woolf hatte, im Mantelgeschäft. Er war auch ein geborener Kozminski, der später nach Südafrika auswanderte (von wo er auch einwanderte). Man kann deshalb auch nicht ausschließen, dass er Verbindungen in die Butchers Row hatte. Auch die "Jacobs" Theorie als auch Aaron´s Dezember 1889 Aussage selber (Hundevorfall), dass der Hund einem "Jacobs" gehörte bringt mich zurück zum Schlachterbusiness von Jacob Cohen. Sagar sprach ja von "his friends" und immerhin war die anwesende Person (Jacob Cohen) bei Aaron´s Einweisung ein Butcher.

Es gibt immer wieder so Sachen, die man mit der Zeit erfährt und bestimmte Dinge in einem anderen Licht erscheinen lassen. Ich habe gelernt immer weiter vorsichtiger zu werden und mir vieles offen zu lassen. So auch in Sachen Matthew Packer, der gerne etwas heruntergespielt wird (vielleicht auch zurecht). So berichtete Packer, dass kurz nach dem Kelly Mord, ein Verwandter eines möglichen Verdächtigen auf ihn zukam. Jemand, der ganz in der Nähe wohnte. Er behauptete ja bereits Stride mit einem Mann gesehen zu haben, den er kannte und der ebenfalls aus der Nähe stammte. Es könnte so gewesen sein, dass dieser Verwandte den Verdächtigen nicht finden konnte und das nährte auch meine Theorie, dass Aaron Kozminski zunächst nach dem Kelly Mord verschwand. Dieser Verwandte könnte Morris Lubnowski, der Ehemann von Matilda, gewesen sein. Packer wohnte auf der Strecke zwischen den Wohnungen von Matilda und Isaac (Greenfield Street) und der Adresse von Woolf in der Providence Street in der Berner Street. Auch wenn Woolf im Oktober aus der Providence Street wegzog, muss die Wohnung dort nicht gleich vollends aufgegeben worden sein (gerade auch dann, wenn Auftragsarbeiten fürs Schneidergeschäft dort ausgeführt wurden). Packer könnte diese Familie gekannt haben und Morris befragte ihn ob er Aaron in der Zwischenzeit gesehen hatte. Einem zusätzlichen Eintrag in einem bekannten Bericht von Swanson an das Innenministerium zufolge, nahm Packer sich offenbar sogar einen Anwalt. Entweder nahm sich Packer selbst sehr wichtig oder aber er war tatsächlich wichtig und wurde erst kommunikativer mit der Polizei, als sich die "Detektive" Le Grand und Bachelor einschalteten. Es ist doch gut möglich, dass er der Polizei zunächst nichts sagte, weil er den Mann den er mit Stride sah, gut zuordnen konnte und keinen Ärger wollte. Auch sprach Packer davon, den gesehenen Mann auch noch einmal wiedergesehen haben zu wollen (Ecke Greenfield Street) als auch davon bedroht worden zu sein.

Konnte Packer bestätigen, dass er Aaron Kozminski in jener Nacht mit Stride sah und konnte der PC vom Mitre Square in die gleiche Kerbe hauen, indem er sagte, der Verdächtige ähnle dem Mann der er sah, welchen er auch vom Sehen her kannte, dann wäre Aaron Kozminski zweimal in einer Nacht von zwei Zeugen mit zwei Opfern "gesehen" worden (auch wenn beide Zeugen keinen "Mord" sahen). Das wäre für Kosminski natürlich fatal gewesen, gerade auch dann, wenn die blutige Wäsche in der Batty Street auch ihm gehört hätte. Nun stellen wir uns vor, dass die Attacke Matilda- Aaron wirklich stattfand, dann könnte auch die Seaside Home ID noch vor Ende 1888 stattgefunden haben. Im Dezember 1888 durchsuchte man private Anstalten und es wäre doch möglich, dass man das tat, weil man eine offizielle ID mit dem Zeugen vom 22 November durchziehen wollte. Abgesehen davon, ob Matilda nun diesen Vorfall anzeigte oder nicht. Im Zusammenhang mit den anderen Indizien hätte eine positive ID vielleicht sogar ausgereicht. In solchen Falle würde ich mich auch nicht von Swanson´s Aussage, "nach der Rückkehr in das Haus seines Bruders" abschrecken lassen. Es ist ja anzunehmen, dass der Verdächtige zur ID aus einer Anstalt geholt wurde und im folgenden auch immer wieder in einer (privaten) untergebracht wurde. Die Observationen als auch die Kontrolle über diesen Verdächtigen könnte die City Police gehabt haben und nicht die MET (Swanson). Als Swanson die ID beschrieb, egal für welchen Zeitraum, hätte er nicht gewusst haben müssen, dass der Verdächtige auch immer wieder Zeiten in Freiheit hatte, wenn vielleicht auch nie für lange. Viele denken, dass der Verdächtige direkt von der ID zurück zu seinem Bruder kam und vergessen dabei, dass er Insasse einer Anstalt gewesen war. Nehmen wir mal an, die ID fand im July/ August 1890 statt. Bevor er zu seinem Bruder zurückkehren konnte, könnten 5, 6 Monate vergangen sein. Sicher ist nur, dass er dann nur kurz bei seinem Bruder war, bevor es nach Colney Hatch ging.

Egal wie, der Vorfall am 22 November 1888 hätte an einem der Orte stattgefunden haben können, die Kosminski gewohnt war zu besuchen. Sie wurden von der Polizei observiert und als es zur Auseinandersetzung (Aaron kehrte plötzlich zurück) mit Matilda kam, war die Polizei sofort zur Stelle. Spuren vom Kelly Mord wären dann sicherlich nicht mehr an ihm auffindbar gewesen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass all diese Überlegungen dem ähnlich war, was Macnaghten über Kosminski sagte:

"Many circumstances and a strong suspect"

Wir wissen das alles leider nicht. Aber sollten jemals Akten von Kosminski gefunden werden, in welchen steht dass er von Packer und dem Mitre Square PC gesehen wurde, das die blutige Wäsche aus der Batty Street ihm gehörte, dann könnte ich Swanson als auch Anderson gut verstehen, verstehen was Macnaghten mit seinen Aussagen meinte... aber das ist wohl alles nur Wunschdenken...

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 28.05.2016 09:12 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
So auch in Sachen Matthew Packer, der gerne etwas heruntergespielt wird (vielleicht auch zurecht). So berichtete Packer, dass kurz nach dem Kelly Mord, ein Verwandter eines möglichen Verdächtigen auf ihn zukam. Jemand, der ganz in der Nähe wohnte. Er behauptete ja bereits Stride mit einem Mann gesehen zu haben, den er kannte und der ebenfalls aus der Nähe stammte.


Also für mich ist Packer kein brauchbarer Zeuge. Schon die Polizei (inklusive Swanson) hielt ihn für unglaubwürdig, weil er sich in zuviele Widersprüche verwickelte. Meiner Meinung nach war der alte Mann bestenfalls ein schlechter Zeuge, wahrscheinlicher aber ein Wichtigtuer, der sich in der Aufmerksamkeit sonnen wollte, die ihm plötzlich als möglicher Zeuge zuteil wurde - und so erfand er vermutlich einfach etwas.
Allein schon diese Behauptung, der Mann hätte bei ihm für Stride Trauben gekauft, aber bei der Obduktion konnten keine Trauben in Strides Magen gefunden werden.

Außerdem halte ich es für extrem unwahrscheinlich, dass JTR allzulange mit seinen potentiellen Opfern um die Häuser zog und ihnen gar bei Händlern etwas kaufte wie bei einem Date:
Dagegen spricht erstens JTRs Hass gegen diese Frauen. Außerdem war das Risiko zu hoch. Je länger er mit ihnen in der Öffentlichkeit herumzog, desto mehr Zeugen gab es - und desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass er jemandem begegnete, der ihn sogar kannte. JTR wird die Sache in der Öffentlichkeit so kurz wie möglich gehalten und mit den Prostituierten das "Geschäft" schnell  klargemacht haben, damit sie zügig in eine dunkle Ecke verschwinden konnten.

Packers Zeitangaben variierten stark zwischen 23 Uhr und 0.15 Uhr, das wäre mindestens eine halbe Stunde bis gar über eineinhalb Stunden vor dem Mord (0.45 - 1 Uhr) - bis dahin hätte Liz erstens die Trauben längst gegessen und zweitens hätte sie schon wieder jemand anderen getroffen haben können.

Und wofür hätte Packer sich einen Anwalt holen sollen? Damit der ihn mit Paragraphen vor JTR schützt? Falls er sich tatsächlich einen holen wollte, dann wohl eher, weil er befürchten musste, dass die Polizei ihm Ärger machen würde, vermutlich wegen Falschaussage und Behinderung der Ermittlungen.

Sorry, aber Packer ist für mich als möglicher Zeuge schon lange abgehakt.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 28.05.2016 12:43 Uhr
Hallo Arthur!

Also für mich ist Packer kein brauchbarer Zeuge. Schon die Polizei (inklusive Swanson) hielt ihn für unglaubwürdig, weil er sich in zuviele Widersprüche verwickelte. Meiner Meinung nach war der alte Mann bestenfalls ein schlechter Zeuge, wahrscheinlicher aber ein Wichtigtuer, der sich in der Aufmerksamkeit sonnen wollte, die ihm plötzlich als möglicher Zeuge zuteil wurde - und so erfand er vermutlich einfach etwas.

Ja, er war bereits ein älterer Herr! Er hatte nach der ersten Befragung durch die Polizei nichts gesehen oder gehört. Danach hielt er die Polizei aber für 7-8 Wochen in Schach. Warum ging die Polizei nach der ersten Befragung noch einmal zu ihm? Er sollte Stride identifizieren. Als die Polizei wieder da war, war er bereits mit den Privatdetektiven unterwegs. Die brachten ihn zuerst zu Eddowes, das war ein Test, er erkannte die Frau nicht wieder. Stride erkannte er dann wieder. Die Identifikation von Stride an sich, erfolgte nicht gleich (die Polizei hatte Mühe). Als er die erste Aussage machte, konnte er ja nicht über etwas ungewöhnliches Berichten. Er sah, seiner Meinung nach, nur ein Pärchen, wo er die Personen vom Sehen her kannte. Sie kauften Trauben und standen danach auf der Straße. Packer sprach von Regen aber den anderen Zeugen zu Folge und auch der trockenen Kleidung von Stride sowie den Wetterdaten nach, kam dieses Pärchen zu ihm, als es gerade aufhörte zu regnen. Es ist stark anzunehmen, dass er das Pärchen etwas später sah (er selbst machte unterschiedliche Angaben). Kurz vorher gab es jedoch einen kräftigen Schauer. Da wohl keine weiteren Kunden mehr zu erwarten waren, bei eben diesem Wetter, schloss er sein Geschäft. Wir hatten Diskussionen in mehr als einen Faden im Casebook vor nicht allzulanger Zeit wo Packer im wieder ins Gespräch kam. Das waren mit die besten Diskussionen die ich erlebte und bei vielen Interessierten besitzt Packer durchaus Glaubhaftigkeit. Mit dabei war der Autor Tom Wescott, eigentlich jemand, der Packer keine Bedeutung beimisst. Ich erwarte mit Sehnsucht sein neues Buch über das Berner Street Geheimnis und bin gespannt, wie er Packer dort nun behandeln wird. Swanson hielt Packers unterschiedliche Aussagen für wertlos, da sie sich widersprachen. Das muss nicht bedeuten, dass er ihn für unglaubwürdig hielt.

Allein schon diese Behauptung, der Mann hätte bei ihm für Stride Trauben gekauft, aber bei der Obduktion konnten keine Trauben in Strides Magen gefunden werden.

Aber Sie hatte Fruchtflecken auf ihrem Schal! Die Obduktion von Stride fand am Montag den 1 Oktober 1888 um 15 Uhr statt. Stride wurde am Sonntagmorgen, den 30 September 1888 gegen 1 Uhr ermordet. 38 Stunden nach ihrer Ermordung wurde ihr Magen untersucht. Die Magensäure hört nicht mit dem Tod auf zu wirken. Dazu kommt, dass Stride eine Reihe Zähne fehlten. In den Casebook Diskussionen erwähnte einige, dass sie selber Kerne als auch harte Schalen beim Essen von Weintrauben ausspucken. Meine Mutter tat dies (je nach Sorte) sehr oft, da ihr ebenfalls eine Reihe Zähne fehlten. Ich, obwohl in Besitz eines lückenlosen Gebisses, tue das auch manchmal. In unserem Garten in unserem alten Domizil (Umzug ist am 1 Juni jetzt vorbei) haben wir eine Sorte Weintrauben, bei denen ich das auch tat. Sie hat harte Schalen und große Kerne. Deshalb machten wir eher Saft bzw. Marmelade daraus.

Außerdem halte ich es für extrem unwahrscheinlich, dass JTR allzulange mit seinen potentiellen Opfern um die Häuser zog und ihnen gar bei Händlern etwas kaufte wie bei einem Date:

Aber der Mann den Cox beobachtete, ging eine beachtliche Zeit mit einer Prostituierten spazieren!

Und wofür hätte Packer sich einen Anwalt holen sollen? Damit der ihn mit Paragraphen vor JTR schützt? Falls er sich tatsächlich einen holen wollte, dann wohl eher, weil er befürchten musste, dass die Polizei ihm Ärger machen würde, vermutlich wegen Falschaussage und Behinderung der Ermittlungen.

Kurioserweise war die Polizei in Kontakt mit Packer, während die "Batty Street" Observation stattfand. Die Presse stellte dann um den 20 Oktober herum fest, dass Packer plötzlich sehr zurückhaltend wurde. Die Observation sollte ganz in seiner Nähe stattgefunden haben und dies würde auch zu seiner Behauptung passen, dass der gesehene Mann ganz in der Nähe lebte.

Ich kann nicht sagen, ob es sich tatsächlich um einen Anwalt handelte. Das ist freilich mit Vorsicht zu genießen. Die Angabe (13 November 1888) machte ein gewisser H. Hales. Es gab einen Anwalt zu der Zeit, einen H. Hale. Der Stempel des Polizeibeauftragten setzte man am 14 November darauf.

Hales:

states that Mr. Packer believes the murder to be his own cousin

Dies ist zunächst sehr verwirrend, könnte sich jedoch mit dem hier erklären:

Manchester Guardian 19 November 1888:

The statement made by a man to Packer, the fruit seller of Berner-street, that he was of opinion that his cousin had committed the foul deeds, is still being investigated by the detectives, who are inclined to doubt the veracity of the greater portion of the details. They, however, believe they have found the cousin referred to, and attach little importance to what was at first supposed to be a substantial clue.

Es war wohl eher der Cousin des Mannes mit dem Packer sprach.

Morris Lubnowski war nicht nur der Schwager von Aaron Kozminski sondern auch sein Cousin. Hier würden natürlich auch Israel Lubnowski als auch Jacob Cohen passen.

Packer könnte bis dahin nur Aaron Kozminski mit Liz Stride gesehen haben. Kommt nun ein Angehöriger von Aaron zu ihm und erzählt, dass er glaube, dass sein Cousin Aaron etwas mit den Morden zu tun hätte, dann könnte sich Packer Hilfe gesucht haben. Geschehen dann nach Kelly. Man kann Packer als Wichtigtuer abtun aber auch die Theorie erstellen, dass er zunächst nur eine Beobachtung machte, die er selbst nicht für wichtig hielt und dann aber plötzlich feststellen musste, dass er mitten in den Aktivitäten der Polizei bezüglich eines Mannes, als auch inmitten dessen eigene Familienaktivitäten stand. Und das, obwohl er lediglich eine Stunde, 45 oder 30 Minuten vor dem Mord, jenes Pärchen gesehen hatte.

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 28.05.2016 13:59 Uhr
Warum ging die Polizei nach der ersten Befragung noch einmal zu ihm? Er sollte Stride identifizieren. Als die Polizei wieder da war, war er bereits mit den Privatdetektiven unterwegs. Die brachten ihn zuerst zu Eddowes, das war ein Test, er erkannte die Frau nicht wieder. Stride erkannte er dann wieder.

Hier mal den genaueren Ablauf:

Sergeant White musste, geschickt durch Warren, am 4 Oktober noch einmal zu Packer. Man hatte die Zeitung gelesen und erfahren, dass am 3 Oktober Privatdetektive bei Packer waren und ihn in die Leichenhalle zu Eddowes brachten. Er erkannte die Frau nicht wieder, hatte aber nun doch etwas gesehen. Packer sollte nun Stride identifizieren, Sergeant White sollte ihn dafür abholen. Als White am 4 Oktober ankam, war Packer bereits mit den beiden Detektiven bei Stride gewesen, sie kamen gerade von ihr zurück. Er hatte sie wiedererkannt.

Die Detektive hatten die Spur mit den Weintraubenstengeln aufgegriffen. Es war ja logisch, Packer als Obsthändler neben dem Tatort diesbezüglich zu befragen. Es war schlechtes Wetter in der Mordnacht und wahrscheinlich verkaufte er nicht gut. Gut möglich aber, dass er sich an dieses Pärchen erinnerte, die er kannte, dies aber noch zeitlich etwas weiter vor der Tat einordnete. Da war vielleicht kein Grund diese Beobachtung mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Weder den Mann, noch die Frau. Ich weiß nicht, ob Packer die Tote im Yard neben ihn als die ihm bekannte Frau zuordnete. Vielleicht kannte er sie nur vom Sehen oder vom Spitznamen her, keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, wieviele Prostituierte diesen Yard oder diese Straße für ihr Geschäft nutzten. Aber offenbar erkannte er Stride als die Frau wieder, welcher er in Begleitung eines Mannes Weintrauben verkaufte. Doch gut möglich, dass er den Privatdetektiven die Story mit den Stengeln abkaufte und er dann zugeben musste, dass er den Mann, den er die Weintrauben verkaufte, irgendwie kannte, weil dieser in der "nächsten Straße" beheimatet war. Packer war damals 57 Jahre alt, vielleicht verwirrte ihn das alles, die Fragen der Polizei, der Detektive, der Presse, dass er wohlmöglich einen ("bekannten") unschuldigen Mann einen schlimmen Verdacht aussetzte. Deshalb die unterschiedlichen Angaben in Zeit und Täterbeschreibungen usw. Dann die Observation in seiner Gegend, der Fund der blutigen Wäsche in der Straße gegenüber, plötzlich ein Mann, der (gerade) ihm gegenüber berichtet, dass sein Cousin wohlmöglich mit den Mordtaten zu tun hat.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 28.05.2016 16:18 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
Er hatte nach der ersten Befragung durch die Polizei nichts gesehen oder gehört. Danach hielt er die Polizei aber für 7-8 Wochen in Schach.

Eben. Genau das ist für mich ein Indiz dafür, dass erst dieses ganze Interesse, das ihm dann zuteil wurde, dazu brachte irgendwas zu erzählen (so wie z.B. Kinder das auch tun) - vermutlich basierend auf ein paar wahren Begebenheiten. 
Erst weiß er nichts, als die Polizei ihn nach Beobachtungen wegen des Mordes befragt, dann kommen diese Detektive und fragen ihn aus, nehmen ihn mit und geben ihm das Gefühl, wichtig zu sein, und danach fängt er an, das Gefühl von Wichtigkeit zu genießen.


Zitat
Warum ging die Polizei nach der ersten Befragung noch einmal zu ihm?

Vielleicht einfach weil sie erfahren hatte, dass die Detektive an ihm dran waren und natürlich überprüfen musste, ob es da nicht doch noch brauchbare Informationen gab, wenn Detektive sich für ihn interessieren?


Zitat
  In den Casebook Diskussionen erwähnte einige, dass sie selber Kerne als auch harte Schalen beim Essen von Weintrauben ausspucken. Meine Mutter tat dies (je nach Sorte) sehr oft, da ihr ebenfalls eine Reihe Zähne fehlten. Ich, obwohl in Besitz eines lückenlosen Gebisses, tue das auch manchmal.

Das ist interessant, an so eine Möglichkeit hatte ich nicht gedacht. Dennoch halte ich es für unwahrscheinlich, dass man dadurch überhaupt keinen Kern und kein Stück Schale in den Bauch bekommt... Aber geringe Mengen könnten natürlich übersehen worden sein, in der Tat.


 
Zitat
  Aber der Mann den Cox beobachtete, ging eine beachtliche Zeit mit einer Prostituierten spazieren!

Cox: "Not far from where the model lodging house stands he met another woman, and for a considerable distance he walked along with her. Just as I was beginning to prepare myself for a terrible ordeal, however, he pushed her away from him and set off at a rapid pace."
Was heißt hier "für eine beträchtliche Distanz"? Einige hundert Meter? Einige Minuten? Bestimmt jedenfalls nicht eine halbe Stunde bzw. zwei Kilometer oder mehr - in der Zeit hätten beide eine ganze Runde ums Viertel drehen können... Und wenn es wesentlich länger als ein paar Minuten gewesen wäre, hätte Cox das auch anders formuliert und eine andere Zeitangabe gemacht, oder gar hinzugefügt, dass sie gemeinsam durch mehrere Straßen zogen, statt zu sagen: "sie gingen eine beträchtliche Strecke nebeneinander her. Gerade als ich mich auf eine quälende Geduldprobe einstellen wollte, stieß er sie von sich weg" - Es war also noch keine quälend lange Zeit, er fürchtete nur, dass es langwierig werden könnte. Das klingt für mich wie maximal ein paar hundert Meter in derselben Straße. Als der Verdächtige in einem Shop verschwand, hat Cox dies ja auch mit einer Zeitangabe versehen und sagte: für etwa eine Viertelstunde - so lang wird das mit der Frau also wohl eher nicht gewesen sein.

Packer sagte, er habe seinen Shop gegen 0.15 Uhr geschlossen. Selbst wenn wir annehmen, dass er Stride und den Mann unmittelbar davor bedient hat, und nicht bereits zwischen 23 Uhr und 23.45 Uhr, wie er angab, wäre der Kerl danach immer noch über eine halbe Stunde mit Stride zusammen öffentlich durch die Straßen gezogen, bevor sie zwischen 0.45 Uhr und 1 Uhr ermordet wurde. Und wenn die Zeitangaben stimmen, sogar über eine Stunde bis zu eindreiviertel Stunden!
Nein: Wenn Packer tatsächlich Stride mit einem Mann als Kunden hatte, war der Kerl höchstwahrscheinlich nicht JTR.


Zitat
  Hales: states that Mr. Packer believes the murder to be his own cousin.
(...)
Es war wohl eher der Cousin des Mannes mit dem Packer sprach.

Sorry, aber das erscheint mir jetzt an den Haaren herbeigezogen: Da sagen ein Anwalt und eine Zeitung, Packer würde seinen eigenen Cousin für den Mörder halten, und die Polizei soll diesen Cousin auch noch überprüft haben - und du interpretierst das einfach mal um, dass es wohl der Cousin dieses Mannes gewesen sein könnte, den er eigentlich gemeint hat...
"My cousin" und "his cousin" bzw. "the cousin of this man" - da bestehen doch gewaltige Unterschiede. Sollten Hales und die Polizei den alten Packer tatsächlich so missverstanden haben, dass sie dessen eigenen Cousin mit dem Cousin des Fremden verwechselt haben? Glaubst du tatsächlich, dass da nicht nachgehakt wurde, wen genau er meint und wie der heißt? Also entweder waren Hales und die Polizisten extrem verwirrt und gerade nicht zurechnungsfähig - oder wohl eher Packer.
Wie steht es im Manchester Guardian vom 19. November 1888, den du zitiert hast, so treffend:
"the detectives, who are inclined to doubt the veracity of the greater portion of the details."

Sorry Lestrade, aber diese Geschichte mit der Verdächtigung seines eigenen Cousins - ein Detail, das ich bisher noch nicht kannte - bestärkt mich vielmehr darin, die Ansicht der Polizei zu teilen, dass Packer kein brauchbarer Zeuge ist.


 MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 28.05.2016 17:11 Uhr
Arthur, was wir hier meist tun, sind Dinge zu interpretieren! So, wie Du Packer´s Aktionen als "Wichtigtuerei" interpretierst. So, wie Du als auch ich Jacob Levy als JtR Verdächtigen "an den Haaren herbeiziehen". So wie Du JtRs Aktionen als "zügig" beschreibst. Wir wissen nicht, welche Zeit Cox meinte und ich interpretiere es so, dass dies wohl eher nicht zügig ablief. Der Zeuge Marshall sah Stride eine Stunde vor der Tat mit einem Mann, der ihm wie ein Seemann vorkam. Das ist eine Beschreibung wie wir sie auch von Lawende kennen als auch für den gesehenen Mann in der Church Lane, vielleicht auch von PC Smith. Du siehst die Möglichkeit, dass Jacob Levy in der Butchers Row arbeitete. Du siehst vielleicht in ihm "Jacobs", den Schlachter. Es gibt nichts was darauf hinweist.

Warum die Polizei noch einmal zu Packer ging, schrieb ich sofort dahinter, nämlich um Stride zu identifizieren. Im letzten Post vertiefte ich die Angelegenheit detaillierter.

Das die Polizei auch in der Batty Street Sache im Oktober den Verdacht am Ende herunterspielte, passt dann aber auch zu der November Story. Im ersten Falle ging der Mann nicht mehr vor die Türe, im zweiten Falle war er vielleicht nicht auffindbar. Es könnte Taktik der Polizei gewesen sein, den Verdächtigen in Sicherheit zu wiegen.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 28.05.2016 18:50 Uhr
Hi Lestrade!


Zitat
Arthur, was wir hier meist tun, sind Dinge zu interpretieren! So, wie Du Packer´s Aktionen als "Wichtigtuerei" interpretierst.

Du hast recht, das habe ich vielleicht etwas einseitig interpretiert mit seinen widersprüchlichen Aussagen und etwas schnoddrig hingeschrieben. Er könnte auch einfach ein schon leicht verwirrter älterer Mann gewesen sein, der nur helfen wollte... Ich ziehe meine Unterstellung gegen Packer hiermit zurück.
Kern des Problems mit Packer ist aber m.E. nach wie vor, dass er wegen der Widersprüchlichkeiten letztendlich als Zeuge nicht brauchbar ist, was auch die Polizei meinte.


Zitat
So wie Du JtRs Aktionen als "zügig" beschreibst. 

Das ist weniger eine Interpretation, als eine vernünftige Schlussfolgerung angesichts der Tatsachen, wie schnell er bei den eigentlichen Morden war und dass er immer davongekommen ist.
Du musst doch zugeben, dass es für einen einheimischen Täter nahezu unmöglich gewesen wäre, stundenlang mit einem späteren Opfer durch die Öffentlichkeit zu laufen, ohne dabei auf zahlreiche Leute zu treffen, die ihn kennen.
Ich bin nur noch selten in meiner Heimatstadt, aber wenn ich mal wieder zu Besuch bin, laufen mir zu allen Tageszeiten regelmäßig mindestens ein halbes Dutzend Bekannte über den Weg.


Zitat
Wir wissen nicht, welche Zeit Cox meinte und ich interpretiere es so, dass dies wohl eher nicht zügig ablief.

In diesem Fall wohl zumindest nicht zügig genug für unseren Verdächtigen. Dass er die Frau schließlich wegstieß, interpretiere ich so, dass der "Geschäftsabschluss" ihm zu lange dauerte, und er deshalb abbrach: Es lief nicht so, wie er wollte bzw. es wurde ihm zu riskant.
Wie gesagt: Wenn die beiden ewig durch die Gegend gelaufen wären, hätte Cox das wohl etwas anders dargstellt.
 

Zitat
Der Zeuge Marshall sah Stride eine Stunde vor der Tat mit einem Mann, der ihm wie ein Seemann vorkam. Das ist eine Beschreibung wie wir sie auch von Lawende kennen als auch für den gesehenen Mann in der Church Lane, vielleicht auch von PC Smith.

Stimmt, aber um mal den Advocatus diaboli zu spielen: London ist nunmal eine Hafenstadt, da liefen jede Menge Seeleute rum, die sich nachts amüsieren wollten. Es ist auch nur eine Interpretation, dass dies immer derselbe gewesen sein könnte.
Hat Packer den Mann übrigens auch als Seemann beschrieben? Soweit ich weiß, nicht: Er beschrieb ihn vielmehr als untersetzt und mit einem Hut mit breiter Krempe...


Im Ernst, wir beide wissen, dass wir spekulieren. Ich spekuliere über den armen Jacob Levy (der sich nicht mehr wehren kann), weil er für mich genau in das Profil passt, dass ich mir angelesen habe. Er ist für mich der Prototyp des "Crazy jewish butcher", jedenfalls solange, bis ich eine Person finde, auf den die paar Informationen, die wir haben, besser passen.
Du spekulierst über Kosminski.


Aber wir können ein paar Überlegungen zur Plausibilität bestimmter Hypothesen in Zusammenhang mit den Morden anstellen.
Und wenn wir davon ausgehen, dass JTR ein Einheimischer war, ist es eine vernünftige Schlussfolgerung, dass er nicht mit seinen Opfern um die Häuser zog, bevor er sie ermordete, sondern so schnell wie möglich mit ihnen in einer dunklen Ecke verschwinden wollte - oder eben sein Vorhaben abbrach, wenn dies nicht funktionierte.
Wir kennen zwei Fälle des Wegstoßens von Frauen: Den Fall Stride und den Fall, den Cox berichtet hat. Das sind für mich Parallelen, die darauf hindeuten, dass er zügig klare Verhältnisse wollte und den Kontakt offenbar lieber abrupt beendete, wenn nicht alles "richtig" lief. Bei Stride sah er sich aber wohl - aus welchen Grund auch immer - gezwungen, sie vorher noch zum Schweigen zu bringen.


Zitat
Warum die Polizei noch einmal zu Packer ging, schrieb ich sofort dahinter, nämlich um Stride zu identifizieren. Im letzten Post vertiefte ich die Angelegenheit detaillierter.

Ja, und du hast explizit dargelegt, dass sie nicht aus eigenen Überlegungen nochmal zu ihm gingen, sondern offensichtlich aufgrund öffentlichen Drucks: Sie hatten in der Zeitung lesen müssen, dass diese Detektive mit ihm zugange waren. Was wäre das wohl für ein Skandal geworden, wenn die Polizei dem nicht nachgegangen wäre, aber Packer diesen Detektiven vielleicht doch noch hilfreiche Informationen hätte geben können? Die Polizei musste sich weiter mit ihm abgeben, und wenn vielleicht auch nur, um sich abzusichern.


Zitat
Das die Polizei auch in der Batty Street Sache im Oktober den Verdacht am Ende herunterspielte, passt dann aber auch zu der November Story. Im ersten Falle ging der Mann nicht mehr vor die Türe, im zweiten Falle war er vielleicht nicht auffindbar. Es könnte Taktik der Polizei gewesen sein, den Verdächtigen in Sicherheit zu wiegen. 

Das kann gut sein, dass sie Verdächtige in Sicherheit wiegen wollten, die Polizei hielt ja offensichtlich einige Informationen zurück. Nur glaube ich nicht, dass dies irgendwie mit Packer in Zusammenhang stand, sonst hätte Swanson ihn ja nicht auch polizeiintern als unbrauchbaren Zeugen bezeichnet. 


 
MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 28.05.2016 18:58 Uhr
Ich bin eben noch einmal durch meine Informationen gegangen, Arthur!

Das es sich nicht um Packer´s Cousin gehandelt haben muss, erkennt man in diesen Berichten vom 15 November 1888:

http://www.casebook.org/press_reports/evening_news/18881115.html

Mr. Matthew Packer, of Berner street, the fruiterer who sold some grapes to a man who just before the Berner street murder was in company with the murdered woman, vouches for the following extraordinary statement. He says: "On Tuesday evening two men came to my house and bought twelve shillings' worth of rabbits off me. They then asked me if I could give an exact description of the man to whom I sold the grapes, and who was supposed to have committed the Berner street and Mitre square murders, as they were convinced they knew him, and where to find him.

Dienstag abend war dann der 13 November, jenen Eintrag (Mr. H. Hales... states that Mr. Packer believes the murder to be his own cousin) gab es dann wohl am 14 November (so der Stempel), diesen Zeitungsbericht dann am 15 November. Der Manchester Guardian 19 vom November 1888 berichtete dann das, wie bereits gepostet:

The statement made by a man to Packer, the fruit seller of Berner-street, that he was of opinion that his cousin had committed the foul deeds, is still being investigated by the detectives, who are inclined to doubt the veracity of the greater portion of the details. They, however, believe they have found the cousin referred to, and attach little importance to what was at first supposed to be a substantial clue.

Aber weiter vom 15 November:

"In reply to some questions by Packer, one of the men then said, 'Well, I am sorry to say that I firmly believe it is my own cousin. He is an Englishman by birth, but some time ago he went to America, stayed there a few years, and then came back to London about seven or eight months ago. On his return he came to see me, and his first words were, 'Well, Boss, how are you?' He asked me to have some walks out with him, and I did round Commercial street and Whitechapel. I found that he had very much altered on his return, for he was thoroughly harem scarem.

"'We met a lot of Whitechapel women, and when we passed them he used to say to me, 'How do you think we used to serve them where I came from? Why, we used to cut their throats and rip them up. I could rip one of them up and get her inside out in no time.' He said, 'We Jack Rippers killed lots of women over there. You will hear of some of it being done over here soon, for I am going to turn a London Jack Ripper.'" The man then said, 'I did not take much notice then of what he said, and I thought it was only his swagger and bounce of what he had been doing in America,' at some place which Packer says he mentioned, but he forgets the name. 'But,' continued the man, 'When I heard of the first woman being murdered and stabbed all over, I then began to be very uneasy, and to wonder whether he really was carrying out his threats. I did not, however, like to say anything about him, as he is my own cousin. Then, as one murder followed another, I felt that I could scarcely rest.

"'He is a perfect monster towards women, especially when he has had a drop of drink. But, in addition to what he said to me about these murders in America, and what was going to be done here, I feel certain it is him, because of the way these Jack Ripper letters which have appeared in the papers begin. They all begin 'Dear Boss,' and that is just the way he begins his letters. He calls everybody 'Boss' when he speaks to them. I did not want to say anything about him if I could help it, so I wrote to him, but he did not answer my letter. Since this last murder I have felt that I could not remain silent any longer, for at least something ought to be done to put him under restraint.'"

Packer states he feels sure the men are speaking the truth, as they seemed very much concerned and hardly knew what to do in the matter. He says he knows where to find the men; one works at some ironworks and the other at the West India Docks, and the man they allude to lives some where in the neighbourhood of Whitechapel. The reporter to whom the above statement was made at once sent off a copy of it to the Home Secretary, and also to Sir J Fraser, the Chief Commissioner of the City Police.

Sir William Fraser immediately acted on the information and sent Detective sergeants White and Mitchell to investigate it. They read the letter to Packer, who said it was true, and then took the detectives to the man's house. On being questioned by the police he stated where his cousin was generally to be found. It transpired that he is sometimes engaged on the Thames, and late, last night, a search was, it is said, being made for him upon the river.


Offenbar informierte der Reporter sofort das Innenministerium als auch die City Police. Das erklärt den beschriebenen Eintrag. Handelte es sich bei dem Reporter um Hales? Wenn ja, kam die Info verkehrt bei der Polizei an oder haben diese das missverstanden? Der Reporter berichtete eindeutig vom Cousin eines der Männer und nicht von Packer´s Cousin. Oder aber, war einer der Männer dieser Hales und es ging um seinen Cousin? Wenn ja, warum kam die Info über ihn dann genauso schnell bei den Behörden an, wie die des Reporters, der ja offenbar Kopien verschickte. Es könnte sich demnach eher nicht um Hales als einer der Männer handeln sondern um den Reporter selbst. Ergo, handelte es sich bei ihm nicht um einen Anwalt.

Was meinst Du, Arthur?

Alles in allem könnte, so meine Interpretation, Packer erneut die Wahrheit gesprochen haben, wiederum zu Nicht- Beamten. Einmal zu den Detektiven, einmal zu einem Reporter. Ich weiß nicht, wie die Sache im Detail ausging bzw. was wirklich zwischen den Männer gesprochen wurde aber, die Polizei:

They, however, believe they have found the cousin referred to, and attach little importance to what was at first supposed to be a substantial clue

Nun war dieser Cousin offenbar ein in England geborener Mann, der kurze Zeit im Amerika lebte. Zum ersteren muss ich passen, da Aaron Kozminski kein in England geborener Mann gewesen war. Das zweite ist jedoch interessanter, wenn auch wieder eine Interpretation.

Aaron hatte noch zwei Schwestern, Bertha Held und Helen Singer. Eine von ihnen, wahrscheinlich Helen Singer (eine Arbeit von Pat Marshall- Verwandte von Cox- und Chris Phillips) lebte in Amerika. Offenbar lebte Sie 1883/ 1884 in der 27 Greenfield Street bzw. 17 Yalford Street (das war genau die 1889er Adresse von Woolf Abrahams). 1888 muss Sie aber definitiv in Amerika gelebt haben. Berichten zur Folge wurde, Sie dort von ihrem Mann Aaron Singer verlassen. Wo Bertha lebte zur Zeit der Morde ist wohl nicht bekannt, zumindest habe ich es gerade nicht auf dem Schirm. Helen´s Mann Aaron verließ Polen, aufgrund irgendwelcher Unannehmlichkeiten, früher als Sie in Richtung London. Sie folgte später. Irgendwann ging es weiter in die USA. Nun war diese Familie ja sehr umtriebig, Jacob Cohen kam aus Südafrika (wohin er aus Polen einwanderte) nach England ging dann aber wieder an das Kap zurück. Ich kann nicht ausschließen, dass Teile dieser Familie auch aus den USA zurückkehrten. In der Greenfield Street 5 gab es 1891 noch einen Jacob Singer, vielleicht verwandt mit Aaron Singer. Aber ich weiß das nicht.

Ich achte halt sehr auf solche Details und kann bei solchen Konstellationen nicht ausschließen, dass Aaron Kozminski zwischen 1884 und 1887/88 auch einmal in den USA gelebt hatte, vielleicht mit den Singers, wo er mit einem Teil dieser Angehörigen wieder zurück nach England/ London ging. Die Chance, das weiß ich ja selber, ist gering und wahrscheinlich besteht überhaupt kein Zusammenhang mit jener Packer Aktion im November 1888, gerade auch, weil von einem im Land geborenen Mann die Rede war. Wir wissen aber auch, dass nicht alle Angaben immer korrekt waren oder korrekt wiedergegeben wurden.

Zur Packer Sache im November "glaubte die Polizei, sie hätten den Mann gefunden". Wie ist das zu verstehen?

Jedoch scheint es mir, dass Packer länger die Polizei in Atem hielt. Einmal damit, dass er Stride mit einem Mann sah und zweitens mit diesen beiden Typen, von denen einer behauptete, sein Cousin sei wahrscheinlich der Ripper. Obwohl Packer im zweiten Falle wieder nicht gleich zur Polizei schritt, könnte diese Geschichte absolut so abgelaufen sein, ohne das Packer etwas dazugesponnen hatte. Aber vielleicht war das alles auch ganz anders mit ihm, ich weiß es nicht.

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 28.05.2016 19:27 Uhr
Nun haben wir fast zeitgleich geschrieben... Ja, brauchbar wäre Packer vor Gericht nicht gewesen, durch viele unterschiedliche Angaben/ Beschreibungen... da gebe ich dir auch absolut recht und sehe das genauso... trotzdem könnten seine Beobachtungen für die Polizeiarbeit wichtig gewesen sein...

Cox war nach allem ziemlich ausser Atem in jener Nacht. Der Mann hielt ihn auf Trapp. Er war keine 30 Jahre alt und als Polizist wahrscheinlich nicht gerade unfit. Es ging runter bis St. George in the East und wieder zurück. Sie sollten länger unterwegs gewesen sein. Solche einen Täter ging es vor allem doch auch um den richtigen Ort um zuzuschlagen, sprich dem richtigen Hinterhof, den richtigen Platz. Nicht gleich immer werden sich diese Möglichkeiten sofort geboten haben, vielleicht versuchte er auch manchmal später bei der gleichen Prostituierten erneut sein Glück.

Es gab noch einen "Zeugin", sicherlich war es nach Chapman, die folgendes sagte (im Bezug zu Chapman und Leather Apron):

She thereupon said she knew two women, and could bring them, who saw him pacing up and down Baker's-row with the murdered woman about two hours before the murder took place.

Such mal unter dem Stichwort: Cohen's Sugar refinery, mir fehlt gerade die Zeit. Da bekommst du dann noch genauere Angaben. Vielleicht "gefiel" ihm Stride so gut, dass sich das Risiko für ihn lohnte, mehr Zeit in diesem Falle zu verbringen (am Ende aber wohl doch nicht).

Mit den Seemännern gebe ich dir ebenfalls absolut recht. Ich habe viele Bilder, wo fast nur Leute mit derartigen Kappen und Schals herumliefen. Da bin ich bei Beschreibungen grundsätzlich skeptisch geworden und verteidige das auch immer in den anderen Foren.

Ich weiß persönlich nicht, was dort damals passiert sein könnte. Ich nehme nur wahr und versuche es einzuordnen, lasse mir aber eben auch vieles offen. So auch mit Packer, ich weiß nicht, ob er nur ein Spinner war oder nun doch wichtig. Ich habe da keine beider Ansichten fest verankert. 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 28.05.2016 21:09 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
On Tuesday evening two men came to my house and bought twelve shillings' worth of rabbits off me. They then asked me if I could give an exact description of the man to whom I sold the grapes, and who was supposed to have committed the Berner street and Mitre square murders, as they were convinced they knew him, and where to find him.

Hat man über diesen angeblichen Verdächtigen etwas herausgefunden? Ist er auf der Liste der Ripperologen oder nur eine Randbemerkung?


Zitat
Cox war nach allem ziemlich ausser Atem in jener Nacht. Der Mann hielt ihn auf Trapp. Er war keine 30 Jahre alt und als Polizist wahrscheinlich nicht gerade unfit. Es ging runter bis St. George in the East und wieder zurück.

Ja, aber wir wissen dadurch nur, dass die gesamte nächtliche Tour lange und anstrengend war, und nicht, wie lange der Teil mit der Frau war.

Eines sollten wir nicht vergessen:
Cox stand unter starker Anspannung. Er hatte selbst gesagt: Ihnen sei klar gewesen, wenn sie ihn nur einmal aus den Augen verlören, könnte es wieder passieren. Und dann: Noch eine Tote, Skandal und Auf Wiedersehen Karriere...
Als er ihn mit der Frau sah, dürfte sein Stresspegel ziemlich angestiegen sein, musste er doch nun jederzeit mit einem Angriff rechnen und zum Eingreifen bereit sein. Wenn er zu spät reagiert hätte, wäre das Opfer auf seine Verantwortung gegangen.
Unter so einer konzentrierten Anspannung können einem ein paar Minuten schon wie eine halbe Ewigkeit vorkommen.


Zitat
Es gab noch einen "Zeugin", sicherlich war es nach Chapman, die folgendes sagte (im Bezug zu Chapman und Leather Apron):
She thereupon said she knew two women, and could bring them, who saw him pacing up and down Baker's-row with the murdered woman about two hours before the murder took place.

Mag ja sein, dass eine Zeugin jemanden sah, der länger mit einem Opfer unterwegs war. Nur: War das unser JTR?
Diese Frauen waren arme Gelegenheitsprostituierte, die sich ihren Alltag erträglicher machten, indem sie nachts auf Sauftour gingen, mit allen möglichen Leuten durch die Straßen zogen, die ihnen einen ausgaben, und sich immer wieder zwischendurch mit wildfremden Männern zu bezahlten Schäferstündchen irgendwohin zurückzogen.
Will sagen: Man wird in einer Nacht oft einige verschiedene Männer mit ihnen gesehen haben, weil sie nicht jedes mal einen Volltreffer landeten, der sie die ganze Nacht durchbrachte.

Daher habe ich mir auch angewöhnt, die Zeugenaussagen vorzuziehen, die in unmittelbarer zeitlicher Nähe vor und nach den Morden gemacht wurden, wie z.B. Long bei Chapman oder das Trio vom Mitre Square.
Selbst wenn Packers Aussagen nicht wiedersprüchlich wären, lägen sie mir zeitlich daher etwas zu weit vor dem Mord. Aber nehmen wir sie mal ernst, dann hätten wir einen Beleg für meine These: Denn der untersetzte Mann mit dem breitkrempigen Hut - diese Beschreibung unterscheidet sich ja schon von den anderen in dieser Nacht.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 28.05.2016 21:36 Uhr
Bin gerade ins Champions Leaque Finale vertieft, deshalb wirklich mal kurz...

Am 6 Oktober 1888 wurden zwei Zeichnungen veröffentlicht, angeblich Beschreibungen durch Packer. Anbei ein Bild. Diese Bilder passten wohl zu John Lagan:

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/cjmorley/110.html

Mir ist nichts bekannt über diesen Verdächtigen (jenen Cousin). Aber er passte wohl von der Beschreibung her auch zu dem Cousin eines dieser Männer bei Packer am 13 November 1888.

Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass Packer eben nicht den Ripper oder gar Aaron Kozminski sah, sondern dass es sich tatsächlich um diesen Cousin handelte, den er bei Stride bemerkte. Sie wurde vor dem ganzen ja noch im Bricklayer´s Arms mit jemanden gesehen. Alles in allem, hätte beiden Packer Stories, Oktober und November, mit ein- und demselben Mann zu tun gehabt können und Packer sagte jeweils die Wahrheit, ohne das ein wirklicher Bezug zum Mord vorhanden war. Der Cousin soll ja in Whitechapel gelebt haben...

Wegen solcher Möglichkeiten, lasse ich mir eben Packer´s Bedeutung offen.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 28.05.2016 23:16 Uhr
Das Spiel reisst mich nicht mit... übrigens sind zeitnahe Zeugen auch nicht immer besser, in unserem Fall sogar noch ein Polizist, PC William Smith...

http://www.casebook.org/press_reports/irish_times/18881001.html

1 Oktober 1888:

The following description has been circulated by the policeman of a man said to have been seen in the company of deceased during Saturday:- Age 28, slight, height 5 ft. 9 in., complexion dark, no whiskers; black diagonal coat, hard felt hat, collar and tie; carried newspaper parcel; respectable appearance.

Das gleiche dann wieder in der Police Gazette, 19 Oktober 1888:

At 12.35 a.m., 30th September, with Elizabeth Stride, found murdered at 1 a.m., same date, in Berner-street - A MAN, age 28, height 5 ft. 8 in., complexion dark, small dark moustache; dress, black diagonal coat, hard felt hat, collar and tie; respectable appearance. Carried a parcel wrapped up in newspaper.

Am 4 Oktober 1888 im Stride Inquest sagte aber PC Smith folgendes aus:

http://www.casebook.org/official_documents/inquests/inquest_stride.html

His hat? - He wore a dark felt deerstalker's hat.

Es sind schon Unterschiede zwischen einem Deerstalker und einem Hard felt hat (und auch einem Sailor´s cap). PC Smith beschrieb als zeitnaher Zeuge zwei unterschiedliche Kopfbedeckungen, genau wie offenbar Packer. Das rechte Bild auf der Zeichnung erinnert eher an einen Hard felt hat. Und die Beschreibung mit einem Hard felt hat durch PC Smith war eine von der Polizei länger genutzte offizielle Variante.

Vielleicht hat dieses rechte Bild auf der Zeichnung damit zu tun:

http://www.casebook.org/press_reports/daily_telegraph/dt881006.html

SKETCH PORTRAITS OF THE SUPPOSED MURDERER.
[Two sketches]

It is a remarkable circumstance - much more than an ordinary coincidence - that the description of the supposed murderer given by Packer was yesterday confirmed by another man who, without being aware of the fact, also chose from the sketches the one which had been already selected by Packer. Search for an individual answering to the description above detailed, but having a small moustache and wearing a black deerstalker felt hat, instead of a soft one, has been made by the police in Whitechapel ever since Saturday, Sept. 1, the day following the Buck's-row tragedy. Information was tendered at the King David's-lane Police Station, at about that time, by a dairyman who has a place of business in Little Turner-street, Commercial-road. It will be recollected that on Saturday, Sept. 1, a desperate assault was reported to have been committed near to the music-hall in Cambridge-heath-road, a man having seized a woman by the throat and dragged her down a court, where he was joined by a gang, one of whom laid a knife across the woman's throat, remarking "we will serve you as we did the others." The particulars of this affair were subsequently stated to be untrue; but the milkman has reason to suppose that the outrage was actually perpetrated, and he suspects that the murderer of Mary Ann Nicholls in Buck's-row had something to do with it. At any rate, upon that Saturday night, at five minutes to eleven o'clock, a man corresponding with the description given by Packer of the individual who purchased the grapes in Berner-street, called at the shop, which is on the left of a covered yard, usually occupied by barrows, which are let out on hire. He was in a hurry, and he asked for a pennyworth of milk, with which he was served, and he drank it down at a gulp. Asking permission to go into the yard or shed, he went there, but the dairyman caught a glimpse of something white, and, having suspicions, he rejoined the man in the shed, and was surprised to observe that he had covered up his trousers with a pair of white over-alls, such as engineers wear. The man had a staring look, and appeared greatly agitated. He made a movement forward, and the brim of his hard felt hat struck the dairyman, who is therefore sure of the kind that he was wearing. In a hurried manner the stranger took out of a black shiny bag, which was on the ground, a white jacket and rapidly put it on, completely hiding his cutaway black coat, remarking meanwhile, "It's a dreadful murder, isn't it?" although the subject had not been previously mentioned. Without making a pause the suspicious person caught up his bag, which was still open, and rushed into the street, towards Shadwell, saying, "I think I've got a clue!" The matter was reported to the police, and although strict watch has been maintained for the reappearance of the man he has not been seen in the street since. He is said to have had a dark complexion, such as a seafaring man acquires. The style of collar that he was then wearing was of the turn-down pattern. He had no marked American accent, and his general appearance was that of a clerk or student whose beard had been allowed three days' growth. His hair was dark, and his eyes large and staring. The portrait gives, according to the statement of the witness, a good approximate idea of his look. The bag carried by the young man, whose age the dairyman places at twenty-eight, is stated to have been provided with a lock at the top, near the handle, and was made, as stated, of a black glistening material.


Die linke Zeichnung wäre dann wohl die von Packer´s Mann (der Soft felt hat). Die rechte jedoch wohl anscheinend mit dem Nichols Fall verknüpft. He had no marked American accent??? Hatte der was mit den beiden Männern bei Packer zu tun, welche von einem Cousin faselten?

Interessant bezüglich dessen ist jedoch auch das (12 November 1888):

http://www.casebook.org/press_reports/daily_telegraph/dt881112.html

A third witness, a dairyman of Little Turner-street, Commercial-road, has given information respecting a man with a black bag, who was supposed to have committed the Buck's-row murder, and to have attempted another on the following night, when he came hurriedly to Little Turner-street, and in a back shed covered up his suit of clothes with white overalls, which he took out of a shiny bag, and rushed away with the words, "I think I've got a clue." The characteristics of this individual corresponded with the description given by Packer.

Ähnelten sich die Beschreibungen vom Milchmann und von Packer nun doch sehr, oder? Und sah PC Smith in Wirklichkeit nun doch einen Mann mit Hard felt hat? Er sah ja wahrscheinlich das gleiche Pärchen was Packer sah und vorher bediente. Und konnte dieser Milchmann in dieser Beschreibung jemanden auf dieser Zeichnung wiedererkennen (Packer´s soft hat Mann?), den er kurz nach dem Nichols Mord gesehen hatte? Gab es dann deshalb eine zweite Zeichnung, etwas verändert. Dieser Milchmann oder was das war gab das gleiche Alter an wie PC Smith, 28 Jahre. Packer sprach auch von einem jungen Mann zwischen 25-30.

Die Little Turner Street lag an der Commercial Road, 7 Straßen weiter östlich, parallel zur Berner Street. Ziemlich weit rechts außen und unten auf deiner Karte.

Wie bewertest Du das alles?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 29.05.2016 08:58 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
...übrigens sind zeitnahe Zeugen auch nicht immer besser, in unserem Fall sogar noch ein Polizist, PC William Smith...

Ich glaube, wir reden hier gerade aneinander vorbei. Selbstverständlich sagt der Zeitpunkt der Beobachtung nichts darüber aus, ob der Zeuge selber ein guter Beobachter ist - aber sehr wohl, ob es eine Beobachtung im Zusammenhang mit dem Mord sein kann oder eher nicht.
Je näher am Tatzeitpunkt, desto wahrscheinlicher, dass ein Zeuge das Opfer tatsächlich zusammen mit dem Täter gesehen hat, je weiter vornedran, desto unwahrscheinlicher, weil jeder am Tag ja zahlreiche Menschen trifft.
Was nützt ein guter Beobachter, wenn er das spätere Opfer eines Gelegenheitstäters zwölf Stunden vor der Tat bei irgendwelchen Alltagsangelegenheiten gesehen hat? Da ist selbst ein schlechter Beobachter nützlicher, der aber etwas unmittelbar vor oder nach der Tat gesehen hat.
Am besten ist natürlich ein guter Beobachter während der Tat. :-)


Zitat
Wie bewertest Du das alles?

Weiß noch nicht, muss ich noch drüber nachdenken. Klingt aber sehr interessant.



MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 29.05.2016 12:05 Uhr
Guten Morgen Arthur!

Ich glaube, wir reden hier gerade aneinander vorbei. Selbstverständlich sagt der Zeitpunkt der Beobachtung nichts darüber aus, ob der Zeuge selber ein guter Beobachter ist - aber sehr wohl, ob es eine Beobachtung im Zusammenhang mit dem Mord sein kann oder eher nicht.

Genau letzteres wollte ich ja näher beleuchten. Siehe dann unten...

Am besten ist natürlich ein guter Beobachter während der Tat. :-)

Israel Schwartz?

Daher habe ich mir auch angewöhnt, die Zeugenaussagen vorzuziehen, die in unmittelbarer zeitlicher Nähe vor und nach den Morden gemacht wurden, wie z.B. Long bei Chapman oder das Trio vom Mitre Square.
Selbst wenn Packers Aussagen nicht wiedersprüchlich wären, lägen sie mir zeitlich daher etwas zu weit vor dem Mord. Aber nehmen wir sie mal ernst, dann hätten wir einen Beleg für meine These: Denn der untersetzte Mann mit dem breitkrempigen Hut - diese Beschreibung unterscheidet sich ja schon von den anderen in dieser Nacht.

Zeugenaussagen sind und waren schon immer ein Thema für sich. Sie sind oftmals für das gleiche Geschehen oder für den gleichen Verdächtigen sehr unterschiedlich.

Mrs. Long im Falle Chapman machte ihre Sichtung um 5.30 Uhr, um 6 Uhr fand man die Leiche von Chapman. Sie sprach von einem über 40jährigen Ausländer mit Deerstalker. Das erinnert mich jetzt an keine der Beschreibungen von Schwartz oder Lawende und altersmäßig auch nicht für PC Smith. Hutchinson wurde von der Polizei ernstgenommen obwohl die Mordschreie von Kelly später, nach seinem Weggang erst 75 Minuten oder mehr, vernommen wurden. Bei Packer kann man sich aufgrund der unterschiedlichen Angaben als auch der Wetterangaben nicht 100% sicher sein, wann genau er nun seine Beobachtung machte. PC Smith sah eben um 00.30 Uhr herum ein Pärchen gegenüber dem Shop von Packer. Das passt ja zu der ersten Angaben gegenüber White (siehe Zitat). PC Smith war wahrscheinlich etwas später, vielleicht 00.35 Uhr, am Pärchen vorbeigekommen. Sein Beat dauerte eine halbe Stunde und bei seiner Wiederkehr, so seine Angabe (1 Uhr), hatte sich schon eine kleine Menschentraube am Dutfields Yard gebildet, so dass man davon ausgehen muss, dass er um ca. 01.05 Uhr dort wieder ankam.

Packer sagte gegenüber White zunächst folgendes:

Packer claimed that he closed his shop at 12.30am that morning

Im Bericht von White erschien zunächst 0.00 Uhr und 0.30 Uhr für Pärchensichtung und Ladenschließung. In Randbemerkungen wurde dann aber auf 23 Uhr bzw. 23.30 Uhr geändert.

Das ist die bekannte Zeitangabe:

On Sat night about 11pm... 1/2 an hour till I shd. say 11.30. talking to one another. I then shut up my shutters

Packer:

On Sat night about 11pm a young man from 25-30 - about 5.7 with long black coat buttoned up - soft felt hat, kind of yankee hat rather broad shoulders

Smith:

Did you notice his height? - He was about 5ft. 7in.
[Coroner] His hat? - He wore a dark felt deerstalker's hat.
[Coroner] Clothes? - His clothes were dark. The coat was a cutaway coat.
[Coroner] Did you overhear any conversation? - No.
[Coroner] Did they seem to be sober? - Yes, both.
[Coroner] Did you see the man's face? - He had no whiskers, but I did not notice him much. I should say he was twenty-eight years of age


Nun schrieb ich ja im letzten Post, dass PC Smith Beschreibung jedoch mit einem Hard felt hat genutzt wurde. Keine Ahnung, warum er im Inquest etwas anderes sagte. Das war nicht die offizielle Polizeibeschreibung. Dazu kommt, dass in der Zeichnung ein zweites Bild ohne Soft felt hat vorhanden ist, wie eine Alternative zu Packers Beschreibung und die wiederum, passt dann eher zur Mützenform, wie von PC Smith eigentlich beschrieben (Siehe letztes Posting).

So unterschiedlich, schon aufgerund der Größe und des Alters, könnten die Beschreibungen von Packer und P.C. Smith nicht gewesen sein. Sehr wahrscheinlich, dass PC Smith am Ende auf einen Hard felt hat bestand und Packer, wie bei vielem, einfach nicht sicher war: Schlapper Krempenhut oder doch ein fester Hut mit Krempe?

Am Ende könnte Packer (oder auch PC Smith), genau wie Mr. Long, Opfer und Täter eine halbe Stunde vor dem Leichenfund gesehen haben. In beiden Fällen hatten dann die Zeugen, Packer und Mrs. Long, unterschiedliche Beschreibungen erbracht, die wiederum nicht mit denen von Schwartz und Lawende korrespondierten.

Das Wetter:

Dull morning; fine day; sudden heavy rain at "9.5p.m." lasting till after midnight...

Der heftige Regen ging bis nach Mitternacht.

Best:

I was in the Bricklayers' Arms, Settles-street, about two hundred yards from the scene of the murder on Saturday night, shortly before eleven, and saw a man and a woman in the doorway. They had been served in the public house, and went out when me and my friends came in. It was raining very fast, and they did not appear willing to go out

Kurz vor 23 Uhr schüttete es noch.

PC Smith:

It rained very little after eleven o'clock.

Wohl ein bisschen Niesel nach 23 Uhr

William Marshall:

While I was standing at my door, from half-past eleven to twelve, there was no rain at all

23.30-00.00 Uhr kein Regen.

Dr. Blackwell:

The clothes were not wet with rain.


Also nach 1.00 Uhr, Stride lag mit trockenen Sachen im Yard. Glaubt man allen, dann muss Stride kurz nach 23 Uhr mit dem Mann den Pub verlassen haben und sind dann runter zu Packer. Da war noch Nieselregen, laut Smith. Aber ihre Kleidung war trocken beim Auffinden. Laut Marshall gab es kein Regen zwischen 23.30 und 00.00 Uhr. Und es muss keinen weiteren Regen zwischen 00.00 - 01.00 gegeben haben. Im Pub hatte jenes Pärchen nicht den Eindruck gemacht, die Location verlassen zu wollen. Packer konnte nicht Stride im Regen stehend gesehen haben. Er als auch PC Smith haben die Frau in der Leichenhalle wiedererkannt. Packer sprach von Narren die im Regen stehen, weil es ja auch ein regnerischer Abend war aber hat er das Pärchen wirklich im Regen stehen sehen? Und vor 23 Uhr war Stride im Pub. Es nieselte jedoch wenigstens bis maximal 23.30 Uhr, denn danach stand Marshall im trockenen und zwar bis 00.00 Uhr. Irgendwann zwischen 22 und 23 Uhr regnete es heftig, danach gab es nur noch wenig Regen bis maximal 23.30 Uhr. Danach war der Regen vorbei. Es könnte sein, dass Stride mit einem Mann den Pub gegen 23.20 Uhr verlassen hat. Marshall sah dann ein Pärchen um 23.30 Uhr. Das alles könnte eine Unsicherheit bei Packer´s Zeitangaben implizieren. Sah er Stride, dann sah er eine trockene Stride. Und vielleicht sah er Sie erst nach 23.30 Uhr. So würde auch seine erste Angabe, gegen Mitternacht, Sinn machen. Dann hätte er das Pärchen noch eine halbe Stunde wahrgenommen, bevor PC Smith gegen 00.35 Uhr auf der Bildfläche erschien. In diesem Fall hätte er die Ermordete, genau wie Mrs. Long Chapman, eine halbe Stunde vor dem Auffinden der Leiche gesehen.

Packer war kein verlässlicher Zeuge, dass scheint klar zu sein. Aber hätte er um 23 Uhr Stride bedient, wäre diese aus dem Regen gekommen. Aber ihre Kleidung war trocken.

Der heftige Regen, der bis nach Mitternacht über London herrschte, endete um 23 Uhr herum in jener Gegend Londons und gegen, vermutlich, 23.20 Uhr hörte auch der Niesel auf.

Lestrade.   
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 29.05.2016 18:28 Uhr
Hallo Lestrade!


Ich glaube, wir verzetteln uns hier gerade in zu viele verschiedene Themen.

Wie du zurecht schriebst:

Zitat
Zeugenaussagen sind und waren schon immer ein Thema für sich.


Da wir uns schon mal einig sind, dass Packer kein guter Zeuge war, konzentrieren wir uns also auf das vermaledeite Zeitproblem:

Ich habe gesagt: Packer ist mir als Zeuge zeitlich zu weit vor dem Mord, in der Zwischenzeit hätte Stride längst einen anderen Mann treffen können.

Der Mord an Stride lag zwischen 0.45 Uhr und 1 Uhr.
Packer will Stride mit dem Mann in einem Zeitfenster, von - sagen wir wegen des Regens mal großzügig - 23.30 Uhr bis etwa 0.15 Uhr gesehen haben.
Das ist mindestens eine halbe Stunde bis gar über eine Stunde vor dem Mord - Lange genug, den Begleiter zu wechseln.

Daher habe ich in meiner Falldarstellung auch nur jene Zeugen angeführt, die Stride und den Mann in den etwa 10 Minuten vorher gesehen haben wollen.


Dass du als vermeintliches Gegenbeispiel Mrs. Long im Chapman-Fall anführst, greift überhaupt nicht:

Long sah Chapman und den Verdächtigen - den sie übrigens als "etwa 40" beschrieb, nicht über 40 - gegen halb sechs unmittelbar vor der Tür zum Tatort und hörte den Abschluss des Geschäfts: Willst du? - Ja.
Und Bewohner Albert Cadosch, der etwa zu dieser Zeit im Nachbarhinterhof aufs Klo geht, hört zunächst ein leises "No" und wenige Minuten später bei seinem Aufbruch noch etwas leicht gegen den Zaun schlagen.
Damit liegt die Tatzeit bei kurz nach halb sechs, auch wenn Chapman erst gegen 6 Uhr gefunden wurde.
Longs Beobachtung fand also wenige Minuten vor dem Mord statt, ebenso wie die Beobachtung des Mitre Square Trios im Fall Eddowes.


Warum du Hutchinson als vermeintliches Gegenbeispiel anführst, kann ich auch nicht nachvollziehen - zudem stimmt auch das zeitlich nicht:

Zitat
Hutchinson wurde von der Polizei ernstgenommen obwohl die Mordschreie von Kelly später, nach seinem Weggang erst 75 Minuten oder mehr, vernommen wurden. 

Hutchinson blieb bis etwa drei Uhr, und zwischen 3.15 Uhr und 3.45 Uhr hörten die Nachbarinnen den unterdrückten "Mord"-Ruf.
Das sind keine 75 Minuten, sondern eine viertel bis eine dreiviertel Stunde.

Aber weil auch mir diese Zeitspanne recht groß erscheint, habe ich in meinen Zusammenfassungen immer explizit geschrieben: Wenn der Kunde, den Hutch sah, in der Zwischenzeit ging, könnte jemand anders der Mörder gewesen sein und Hutchs Beschreibung wäre damit unbrauchbar - daher läuft auch das Gegenbeispiel Hutch ins Leere.


Wie du siehst: Ich versuche zeitlich immer so nahe wie möglich am Tatzeitraum zu bleiben, weil ich davon ausgehe, dass diese Frauen auf ihren nächtlichen Streifzügen ihre Begleiter öfter gewechselt haben.



Was diese merkwürdigen Geschichten mit Packer und seinem Ami-Verdächtigen sowie die Story dem Kleiderwechsler angeht, da muss ich mich erst mal reinlesen, bevor ich mir eine Meinung dazu bilden kann.



Aber eines würde mich mal noch interessieren, da du bisher nicht darauf eingegangen bist:

Wie glaubst du, könnte es ein einheimischer JTR geschafft haben, über längere Zeit - sagen wir mal eine bis eineinhalb Stunden - in der Öffentlichkeit mit seinen Opfern durch die Straßen seines Viertels zu ziehen, ohne dass er irgendjemandem über den Weg läuft, der ihn kennt?

Meine These ist ganz einfach:
Er hielt die Zeitspanne in der Öffentlichkeit so kurz wie möglich, d.h. er zog mit den Opfern nicht vorher noch um die Häuser und gab ihnen etwas aus, sondern er trat gleich als Kunde für einen Quickie auf, damit sie so schnell wie möglich in einer dunklen Ecke verschwanden.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 29.05.2016 21:02 Uhr
Dass du als vermeintliches Gegenbeispiel Mrs. Long im Chapman-Fall anführst, greift überhaupt nicht:
Long sah Chapman und den Verdächtigen - den sie übrigens als "etwa 40" beschrieb, nicht über 40 - gegen halb sechs unmittelbar vor der Tür zum Tatort und hörte den Abschluss des Geschäfts: Willst du? - Ja.
Und Bewohner Albert Cadosch, der etwa zu dieser Zeit im Nachbarhinterhof aufs Klo geht, hört zunächst ein leises "No" und wenige Minuten später bei seinem Aufbruch noch etwas leicht gegen den Zaun schlagen.
Damit liegt die Tatzeit bei kurz nach halb sechs, auch wenn Chapman erst gegen 6 Uhr gefunden wurde.
Longs Beobachtung fand also wenige Minuten vor dem Mord statt, ebenso wie die Beobachtung des Mitre Square Trios im Fall Eddowes.

Albert Cadosch will um 5.32 Uhr sein Haus verlassen haben und sah nichts. Mrs. Long bestand auf 5.30 Uhr. Um 5.15 Uhr (Angaben sagen auch 5.25 Uhr) ging Cadosh das erste Mal auf die Toilette und hörte danach das erste Mal was. Beim zweiten Male dann wieder. Wenn ich jetzt überlege, dass er vielleicht 1-2 Minuten piseln war (Blaseneingriff), dann hörte er das erste Mal etwas um 5.17 Uhr? und dann wahrscheinlich kurz vor 5.30 Uhr (angegeben mit 5.28 Uhr). Um 5.32 Uhr will er dann schon weg gewesen sein. Bis Chapman mit Freier im Hinterhof war, sollten mindestens ja auch 2 Minuten vergangen sein, wenn sie dann auch gleich gingen.

Keine Ahnung wie das zu bewerten ist. Es ist gut möglich, dass Mrs. Long Chapman Nichols und den Fremden um 5.30 Uhr sah und Cadosch etwas hörte, was nicht mit dem Mord zu tun hatte. Vielleicht verließ um 5.30 Uhr ein anderes Pärchen den Hof und Chapman und der Freier entschieden sich, die gleiche Location zu nutzen. Dabei sah sie Mrs.Long. Wenn Cadosch aus dem Haus ging, sah er dieses Pärchen dann eben nicht mehr, weil sie gerade den Hinterhof enterten. Ich würde nicht sagen, dass Cadosch die Aussagen von Mrs. Long sicher bestätigte. Was Cadosch am Zaun hörte, vor 5.30 Uhr, kann nicht vom Pärchen verursacht worden sein, denn da standen diese noch vor dem Haus. Er kann so nicht bestätigen, dass ein Mord stattfand, kurz nachdem Mrs.Long dieses Pärchen sah. Vielleicht irrte sich einer von beide enorm. Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass der Mord wenige Minuten nach der Sichtung stattfand, er kann auch 20 Minuten später gewesen sein. Glaubt man beiden, dann enterte das Pärchen den Hinterhof als Cadosch sein Haus verlassen hatte. Wir wissen nicht, wo er Chapman traf, wie lange sie Zeit miteinander verbrachten und auch nicht, wie lange er mit ihr im Hinterhof war, bevor er zuschlug. Aber sicherlich wollte er sich beeilen, da das ja wirklich eine echte Falle war. Im Verstümmeln war er ja offenbar sehr schnell, wie man bei Eddowes sah.

Übrigens: Angaben von Mrs. Long sagen auch über 40 Jahre beim gesehenen Mann.

Warum du Hutchinson als vermeintliches Gegenbeispiel anführst, kann ich auch nicht nachvollziehen - zudem stimmt auch das zeitlich nicht:

Hutchinson blieb bis etwa drei Uhr, und zwischen 3.15 Uhr und 3.45 Uhr hörten die Nachbarinnen den unterdrückten "Mord"-Ruf.
Das sind keine 75 Minuten, sondern eine viertel bis eine dreiviertel Stunde.

Etwa drei Uhr, es kann auch 2.45 Uhr gewesen sein. Er traf sie gegen 2 Uhr, kurzer Plausch, ging hinterher, sie standen ein paar Minuten bevor sie reingingen, er meinte noch ca. 45 Minuten dort gestanden zu haben. Was für 2.30 Uhr Mrs. Lewis auch bestätigen konnte. Sie hörte kurz vor 4 Uhr den Schrei. Mrs. Prater sagte zwar zwischen 03.30-04.00 Uhr aber bemerkte dann, dass es kurz nach vier gewesen sein muss, als sie die Schreie hörte, da sie kein Licht mehr im Lodginghaus sah. Das passt dann doch eher zur Angabe von Mrs. Lewis. 75 Minuten sind dabei nicht utopisch. Zwischen 2.45/2.50 Uhr bis 04.00/04.05 Uhr würde das auch passen.

Aber eines würde mich mal noch interessieren, da du bisher nicht darauf eingegangen bist:

Wie glaubst du, könnte es ein einheimischer JTR geschafft haben, über längere Zeit - sagen wir mal eine bis eineinhalb Stunden - in der Öffentlichkeit mit seinen Opfern durch die Straßen seines Viertels zu ziehen, ohne dass er irgendjemandem über den Weg läuft, der ihn kennt?

Meine These ist ganz einfach:
Er hielt die Zeitspanne in der Öffentlichkeit so kurz wie möglich, d.h. er zog mit den Opfern nicht vorher noch um die Häuser und gab ihnen etwas aus, sondern er trat gleich als Kunde für einen Quickie auf, damit sie so schnell wie möglich in einer dunklen Ecke verschwanden.

Wie ich hier schon einmal schrieb! Es galt eine geeignete Location zu finden und für ihn, den geeigneten Moment. Er könnte Nichols, Chapman irgendwo auf den Straßen getroffen haben. Man ging vielleicht 10-15 Minuten zusammen, bis man eine geeignete Location fand. Einen Mann wie den Ripper muss man auch zugestehen, dass er seine Opfer auch in den Pubs fand. Dort wurden sie gesehen aber unter den Trunkenbolden wird man dann doch nicht richtig wahrgenommen. Da gab es vielleicht dann Ausnahmen wie Best und Gardner. Um 23.30 Uhr verließen 70-80 Personen den Club in der Berner Street. Genau um die Zeit sah Marshall auch das Pärchen. Ein Mann wie der Ripper könnte seinen (potentiellen) Opfern im Pub etwas angeboten haben, so wie der Mann mit Stride ihr, vielleicht als normaler Freier, Weintrauben kaufte. Die Vereinbarung zwischen den mutmaßlichen Täter und den Opfern beeinhaltete sicherlich auch die Bezahlung. Manchmal werden es auch in solchen Fällen Geschenke gewesen sein, wie vielleicht solch ein Hut wie bei Nichols. Wahrscheinlich führten ihn die Opfer auch zu den Orten, wo sie ihr Dienste dann ausführten. Du darfst nicht vergessen, in jener Nacht schlug der Ripper ungewöhnlich früh zu. Nicht wie bei Nichols, Chapman oder Kelly. Stellen wir uns vor, sie trafen sich gegen 23.30 Uhr und der Hinterhof neben den Club war der Ort wo Stride gewöhnlich agierte, dann verließen um diese Zeit 70-80 Leute die Veranstaltung dort. Nun werden sie nicht alle auf einmal raus, vielleicht dauerte das ganze Prozedere 20-30 Minuten. Vielleicht entschloß sich dieses Pärchen, dann eben noch ein paar Weintrauben zu essen. Da Packer nichts weiter bemerkte, könnte es da bereits 00.00 Uhr gewesen sein. Eine halbe Stunde stand dann dieses Pärchen noch auf der Straße ihm gegenüber. Noch immer feierten an die 20 Leute oder mehr in diesem Club. Es ist doch gut möglich, dass es dem Ripper dann zu lange dauerte, bis Stride ihr okay gab und er ersteinmal wegging. Nun hatte er jedoch schon viel Zeit mit ihr verbracht (zu viel) und er drehte dann doch wieder um. Irrte sich Packer mit der Zeit, nämlich um eine volle Stunde, was ja auch seinen ersten Angaben entsprach, dann sah er Stride und Mann das letzte mal um 00.30 Uhr, ca. 5 Minuten vor PC Smith. Um 00.45 Uhr sah Schwartz eben das was er sah. Das wären 15 Minuten nach Packers letzter Sichtung. Ich würde das als zeitnah bezeichnen. Aber Packer, und ja, da sind wir uns einig, war zu unzuverlässig um das wirklich abzusichern. Die Gründe warum der Ripper mit Stride mehr Zeit als üblich verbracht haben k ö n n t e lagen vielleicht am frühen, für den Ripper eben ungewöhnlich Zeitpunkt und auch an den noch sehr unruhigen Straßenbild. Den anderen, späteren Tatzeiten zufolge, war der Ripper sicherlich stets die ganze Nacht unterwegs und wurde von vielen Menschen gesehen. Es gibt ja auch die Aussage, dass er an verschiedenen Orten nach Einbruch der Nacht auftauchte. Da war er vielleicht vielen Menschen vertraut. Die Gegend war bekannt für Prostitution, da waren eine Menge Prostituierte und Freier Nacht für Nacht unterwegs. Ein normales Bild dort. Jemand wie der Ripper, als Freier mit einer Prostituierten, fiel dort überhaupt nicht auf. Oder auch Eddowes. Wer sagt uns, dass er Sie erst am Eingang der Church Passage traf? Sie könnten genauso gut 10-15 Minuten zusammengelaufen sein, bis sie an der Church Passage ankamen. Vielleicht standen sie dort auch noch einmal 5 Minuten. Eine Zeit von 10-20 Minuten müssen wir Opfer und Täter schon zugestehen, bevor die Tötung stattfand. Stride könnte eine Ausnahme gewesen sein, weil alles noch sehr früh und unruhig war. Übrigens, wenn wir Jacob Levy als den Mann bei Eddowes in Betracht ziehen, dan verhandelte er gerade mit Eddowes, als sein Cousin Joseph Hyam Levy um 1.35 Uhr hinter ihm vorbeilief. Um 1.45 Uhr fand man dann schon ihre Leiche. Warum sollte dann der Ripper mit einem Opfer nicht an der Auslage Weintrauben kaufen, bei einem Mann, der ihm, durch seine Tätigkeit, flüchtig bekannt war? In beiden Fällen, Levy als auch beim Ripper selber, sprechen wir wohl über einen geistig schwerkranken Mann. Richard Trenton Chase war ein ebenso kranker Täter, der auf einem Parkplatz in das Auto einer ehemaligen Klassenkameradin einzusteigen versuchte, der bei einem seiner Morde noch ungezwungen über die Terrasse des Nachbarhauses schlenderte. Sie sind einfach sehr risikofreudig und vielleicht in ihrer Welt sogar überzeugt vorsichtig zu sein. Selbst organisierte Täter gehen oft das Risiko ein, mit Opfern gesehen zu werden. War BS Man der Mörder von Stride, dann tötete er obwohl noch zwei weitere Männer in der Szenerie auftauchten.

Sicherlich, Arthur und da gebe ich dir recht, war es Ziel des Täters so schnell wie möglich die befriedigende Situation zu schaffen. Für alles andere war er vielleicht auch viel zu unruhig, zu aufgeregt. Aber ein wenig Verhandlungszeit, 10, vielleicht 15 Minuten Weg zur geeigneten Location muss man ihm auch zubilligen. Eine Stunde oder mehr ist viel Zeit und unterscheidet sich vielleicht (ich sage vielleicht) stark von den anderen Taten. Aber eines ist ganz klar: Er entschloß sich früher als gewöhnlich zuzuschlagen. Vielleicht, weil er in Stride das perfekte Opfer sah oder auch aus anderen Gründen. In jener Nacht hatte er noch alle Zeit der Welt, um auch noch später oder auch um ein zweites Mal zuzuschlagen, was er ja auch tat. Das könnte bedeuten, dass es sich für ihn lohnte einmal zu warten, bis denn der Hof im Dutfields Yard halbwegs frei war.   

Ich persönlich weiß nicht, wer der Mörder von Stride war, der, den PC Smith sah oder BS Man, gesehen von Schwartz. Oder auch nicht, ob diese identisch waren. PC Smith sah einen nüchternen Mann, Schwartz kurze Zeit später wohl einen zumindest leicht angetrunkenen Mann. Alle Angaben, sei es zeitlich als auch mit den Beschreibungen und Eindrücken, sind stets mit Vorsicht zu geniesen. 

Es ist auch wie ich bereits schrieb, ich lasse mir Packer offen. Es ist ja vollkommen okay, wenn du ihn für dich aussortierst. Auch ohne ihn bleibt das Pärchen von PC Smith bestehen und die Beobachtung von Schwartz mit BS Man und Pipeman sowieso. So kann man dabei weiter spekulieren, ob Smith und Schwartz ein- und denselben Mann mit Stride sahen oder nicht. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht entscheiden.

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 29.05.2016 22:54 Uhr
Hier noch eine schöne Arbeit zur Mrs.Long- Cadosch Sache:

http://www.casebook.org/dissertations/dst-yostlong.html

Es würde nämlich Sinn machen, wenn Mrs. Long die Uhr um 5.15 Uhr hat schlagen hören und nicht um 5.30 Uhr. Dann würde Cadosch den Mord tatsächlich gehört haben können. Aber Mrs. Long war sich sicher, was 5.30 Uhr anging. Und obwohl Sie so sicher war, könnte sie falsch gelegen haben.

Und das ist es ja, was ich im Falle Packer´s zum Ausdruck bringen wollte. Zuerst sagte er 00.00 Uhr bis 00.30 Uhr und dann gab es die Änderung für 23.00 Uhr bis 23.30 Uhr. Er war sich, im Gegensatz zu Mrs. Long, nicht sicher. So könnte man zumindest meinen. Aber wie Cadosch für Mrs. Long, würde dann PC Smith´s Beobachtung um ca. 00.30 Uhr auch Packer´s urspüngliche Aussage bestätigen. Die Attacke an Stride, gesehen durch Schwartz, fand dann nur 15 Minuten später statt. Im Falle von Cadosch dann zwischen 15.18 und 15.28 Uhr. Also 3 bis 13 Minuten später. Beide Taten dann recht zeitnah nach den Sichtungen. Im Falle Chapmans aber sicherlich etwas früher. Die Polizei wertete es so, dass zwischen 00.45 (der Zeitpunkt der Attacke) und 01.00 Uhr, noch genügend Zeit da war, dass noch ein weiterer Mann auf der Bildfläche erschien. Dies könnte ja auch bereits zwischen 00.30 (Smith) und 00.45 Uhr (Schwartz) der Fall gewesen sein. Im letzteren Fall sehe ich da auch eine gute Chance, da Schwartz ja einen Mann sah, der sich auf Stride zubewegte und nicht bereits neben ihr stand (und das mal ganz unabhängig von Packer). Bei Chapman bleibt auf jeden Fall eine offensichtlich kürze Zeitspanne über. Hier irritiert jedoch die schäbige Erscheinung des Mannes, offenbar einem Ausländer, der ca. 40 Jahre oder älter war. Das finden wir aber nicht in den Beschreibungen von Smith, Schwartz oder Lawende wieder. So dürfen leise Zweifel aufkommen, nicht, dass Mrs. Lawende Chapman sah, die Sie ja auch identifizieren konnte, sondern ob der Mann der Täter war.

Macnaghten sagte, niemand hat den Mörder jemals gesehen außer vielleicht der PC vom Mitre Square aber auch der nicht schon gut. Wie er auch immer auf diese Einschätzung kam, Mrs. Long muss im Nachhinein niemanden identifiziert haben. War der Täter am Ende jemand anderes, dann muss wohl Mrs. Long früher als 05.15 Uhr jenes Pärchen beobachtet haben. Wie schnell die Szenerie sich ändern kann, dafür könnte gerade der Stride Mord als Beispiel gelten. Der PC Smith sah (ca. 00.30 Uhr) noch einen Mann, der nicht der Stride Angreifer gewesen sein muss (00.45 Uhr) und auch nachdem, war noch genug Zeit (bis ca. 01.00 Uhr) für den vermeintlich wirklichen Täter. 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 31.05.2016 19:16 Uhr
Hallo Lestrade!


Wir stecken hier mitten in dem Timeline-Problem, das ich bereits beim Thema Charles Cross angesprochen hatte:

Damals gab es eben noch keine Funkuhren, und die meisten Leute hatten nicht mal eine eigene Uhr. Es gab nur mechanische mit für heutige Verhältnisse hohen Gang-Ungenauigkeiten, und es hing stark davon ob, an welcher Referenzuhr jemand seine Taschenuhr nachstellte und wie oft, ob sie halbwegs genau die "offizielle" Zeit des Viertels anzeigte. Man hatte gerade vor ein paar Jahren erst damit angefangen, wegen des Ausbaus der Eisenbahn und der damit verbundenen Fahrpläne einheitliche Zeitzonen aufzubauen (bis Mitte des 19. Jahrhunderts stellte jedes Rathaus und jede Kirche ihre Uhr dadurch Pi mal Schnauze ein, indem man den höchsten Stand der Sonne als 12 Uhr nahm). Gerade die einfachen Leute in Whitechapel hatten nicht einmal eine eigene Taschenuhr, sondern orientierten sich an den öffentlichen Uhren an Kirchen, Rathäusern, Bahnhöfen und schätzten einfach die Zeit bis zum nächsten Viertelstunden-Glockenschlag oder bis zum nächstmöglichen Blick auf eine Uhr.

Wenn also nicht gerade ein Viertelstundenschlag der nächsten Turmuhr zu hören war, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass die Zeitangaben nicht wirklich synchron waren. Und somit könnten sich Zeiträume in der Timeline verschieben oder sich im Extremfall gar die Reihenfolge zeitlich naheliegender Ereignisse ändern, wenn man die Aussagen zum Fall mit Schätzfehlern von plus/minus ein paar Minuten kalkuliert.

Leider haben wir aber nichts genaueres als diese Informationen, mit denen wir arbeiten müssen.
Wir können nur offensichtliche Fehler in der zeitlichen Abfolge korrigieren, wenn wir genug verschiedene Quellen haben oder es Gründe der Logik dafür gibt.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 31.05.2016 21:29 Uhr
Nabend Arthur,

Heute gibt es so viele Uhren aller Art und jeder hat mehrere Uhren unterschiedlicher Quellen aber keiner hat mehr Zeit…

Nun sind wir wieder einmal weit vom Ursprungsthema weg aber selbst diese anderen Fragen, welche aufkamen, haben an jener oder dieser Ecke wahrscheinlich gar irgendwie ihre Berechtigung. 

Mir war es wichtig aufzuzeigen, inwieweit die Zeugen eine Rolle gespielt haben könnten. Es gibt mit Lawende, Levy und Harris gewiss zeitnahe Zeugen, die mit ziemlicher Sicherheit den Ripper mit einem Opfer gesehen haben. Wirklich wahrgenommen haben dabei dürfte ihn nur Lawende. Für´s erste…

Für die Fälle bei Chapman, Stride und Kelly bleibt mehr Raum für Szenarien, was die Tätersichtigungen betrifft.

Klar, Mrs. Long könnte um 5.30 Uhr, im Falle Chapman, eben diese und ihren Mörder gesehen haben. Klar, um 5.40 Uhr hätte Chapman schon tot und verstümmelt im Hinterhof liegen können. Diese 10 Minuten benötigte der Ripper dann ja auch nur später im Falle Eddowes (Lawende 1.35 Uhr/ Watkins 1.45 Uhr). In diesem Falle, wenn man auch Cadosch glaubt, hörte er dann aber keinen Mord. Was er zwischen 5.15-5.30 Uhr hörte, könnte verschiedene Ursachen gehabt haben. Der Hinterhof wurde auch des “Nachtens“ frequentiert, egal auf welche Art. Cadosch hörte mit ziemlicher Sicherheit den Mord, falls Mrs. Long sich irrte und ihre beschriebene Sichtung um 5.15 Uhr erfolgte.

Der ältere Herr, Mr. Davis, der Chapman fand, machte seine Entdeckung laut Polizeiberichten um 6 Uhr. Auch Swanson hatte auf einer privaten Liste 6 Uhr eingetragen. Die Männer, die er sich zur Hilfe holte, Green und Kent (meine ich), gaben beide 6.10 Uhr an, als er sie rief. Die standen allerdings nur drei Türen weiter. Keine Ahnung, wie Menschen bei solchen Entdeckungen reagieren. Es besteht dabei aber die Chance, dass er Chapman um 06.03 (oder so) fand als er auf dem Weg zum Klo war. Fand Mrs. Long´s Sichtung schon um 05.15 Uhr statt, dann sind das bis zum Fund der Leiche knapp 50 Minuten. Selbst wenn Mrs. Long mit 5.30 Uhr richtig lag, lägen zwischen ihr und dem Fund der Leiche noch immer über 30 Minuten. Vielleicht hatte Cadosch bereits um 5.15 Uhr Chapman im Hinterhof vernommen, dann jedoch nicht mit dem Freier, welchen Mrs. Long gesehen hat. Für einen Mann wie den Ripper, der eine Prostituierte um 05.30 Uhr aus einem solchen Hinterhof kommen sah, war das vielleicht auch eine gute Gelegenheit (vielleicht die letzte), nach einer erfolglosen Jagd während der ganzen Nacht. Aber es bleiben am Ende eben wenigstens 30 Minuten, dass noch ein weiterer Mann aufgetaucht sein könnte. Und das erinnert dann auch ein wenig an der Situation in der Berner Street im Falle Stride.

Egal wie man Packer bewerten möchte, egal wann er das Pärchen zuletzt gesehen hatte, 23.30 oder 00.30 Uhr, er könnte jemanden gesehen haben, den auch der PC vom Mitre Square wiedererkannt haben möchte. Dann wäre dieser Verdächtige an zwei Tatorten in einer Nacht “aufgetaucht“. Im Falle von Packer hätte er einige derartige Sichtung auch um 22 Uhr machen können. Für die Polizei wäre das damals wie auch heute, von enormer Wichtigkeit gewesen.

Und da weiche ich kurz zu Kelly und Hutchinson aus. Falls der Ripper wie im Falle Stride zurückkehrte (Sichtungen durch PC Smith/ Schwartz), dann könnte das auch im Falle Kelly passiert sein. Ich halte das für eher unwahrscheinlicher im Kelly Fall, doch sollte man Hutchinson nicht einfach abschreiben, so, wie es oft bei Packer geschieht. Hutchinson war so ein guter Zeuge, könnte man meinen, dass er ebenfalls den Mann im Seaside Home wiedererkannt haben müsste. Falls er nicht selber Jude war, was wir wohl ausschließen können.

Aber zurück zur Berner Street. Die Polizei zog die Möglichkeit in Betracht, dass zwischen der Sichtung von Schwartz um 00.45 Uhr und dem Fund der Leiche ein weiterer Mann hätte auftauchen können. Ich weiß nicht, ob sie den Stride- Angreifer und den Mann den PC Smith sah, für ein- und denselben hielten oder für zwei Personen.

Police Gazette:

http://www.casebook.org/press_reports/police_gazette/police881019.html

Da kann man auch lesen, dass der Deerstalker vom PC Smith aus dem Inquest, keiner mehr war.

Die Zeitung in der Hand des Mannes (wie von PC Smith beschrieben) könnte ja auch eine Tüte mit Weintrauben gewesen sein aber wie wahrscheinlich ist das? Das, dass PC Smith eben auch ein Pärchen genau da sah, wie es Packer beschrieb und das auch die Kleidung von Stride nicht nass vom Regen war, dazu die Fruchtflecke, könnte darauf hindeuten, dass Packer das Pärchen eben nicht um 23.30 Uhr das letzte Mal sah, sondern um 00.30 Uhr. Bestand Packer letztendlich aber auf 23.30 Uhr, dann machte er sich seine, oft angenommene, Wichtigtuerei ja selber zunichte, indem er sich eine Stunde vom Tatgeschehen verabschiedete. Wie die zweite Geschichte im November von ihm zu bewerten ist, weiß ich nicht. Könnte aber sein, dass diese der vollen Wahrheit entsprach. Und eventuelle Zeitirrtümer von ihm und Mrs. Long, lassen eben mehr Raum für mehr Spekulation. Die Polizei nahm ihren eigenen PC offenbar sehr ernst, aber dann hat dieser vielleicht auch den Mann gesehen, den Packer sah. Aber Packer war so oder so widersprüchlich und so war seine Täterbeschreibung für die Polizei vielleicht zweitrangig oder unzuverlässig, wie er selber. Oder aber, er druckste aus bestimmten Gründen (vor allem dann wohl Angst) herum.

Bei meiner Betrachtung spielt auch eine ganz persönliche Eigenschaft von mir eine Rolle. Ich glaube zunächst Menschen das, was sie mir erzählen. Bemerke ich Unstimmigkeiten, passiert das selten aus Vorsatz beim Gegenüber. Ich bitte dich daher um Nachsicht, wenn ich bei bestimmten Personen in diesem Falle etwas rücksichtsvoller bin als manch anderer.

Packer als auch Marshall könnten einen Mann beobachtet haben, der eine Stunde mit dem Opfer verbracht haben könnte. Ob der Mann der Täter war, ich weiß es nicht. Ob Jack the Ripper eine so lange Zeit mit einem Opfer verbracht hätte? Ich weiß es nicht.

Vielleicht tauchte der Ripper im Falle Chapman erst um 5.50 Uhr und im Falle von Stride erst um 00.55 Uhr auf. Aber auch hier, ich weiß es nicht. Aber trotzdem scheinen mir all die Zeugenangaben irgendwie wichtig.

Letztendlich, vom tiefen Gefühl heraus, sehe ich es ähnlich wie Du. So schnell der Ripper auftauchte, so schnell verschwand er auch wieder. Aber um ehrlich zu sein, ich kann das gar nicht beurteilen, weil mir in der Tat die Fähigkeiten dazu fehlen. Das muss ich einfach so sagen.

Aber jenes Verhalten, passt eben auch gut zu “Verdächtigen“ wie wir sie in Jacob Levy oder Aaron Kozminski sehen.

Ich hoffe, dass dieses Post noch einmal darlegt, wo ich stehe und du das auch gut nachvollziehen kannst.

Die einzelnen Quellen muss man oftmals gegenprüfen. Das muss ich auch oft noch einmal.

Ein Enthusiast wie Du, braucht dazu folgende Bücher, falls Du sie nicht schon hast. Ich möchte sie dir unbedingt ans Herz legen:

The Ultimate Jack the Ripper Sourcebook – Stewart P. Evans & Keith Skinner
The Complete History Of Jack the Ripper – Philip Sugden
Jack the Ripper The Facts – Paul Begg
Jack the Ripper Scotland Yard Investigates – Stewart P. Evans & Donald Rumbelow
The Complete Jack The Ripper A To Z – Paul Begg, Martin Fido and Keith Skinner

Jack the Ripper Anatomie einer Legende – Hendrik P./Thomas Schachner (hast du ja) sollte ohnehin jeder haben…

Die ersteren beiden bieten viele Vergleichsmöglichkeiten. Wie gesagt, falls Du sie noch nicht hast, schaue, dass sie immer neben dir liegen, du wirst dankbar sein, sie zu haben.

Beste Grüße, Lestrade.

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 01.06.2016 00:41 Uhr
Hier ist ein Thema, Arthur, wo ich gerne einmal an deiner Auffassung interessiert wäre!

Irish Times Dublin, Ireland, Tuesday, 2 October 1888:

http://www.casebook.org/press_reports/irish_times/18881002.html

“During last night and to-day no less than five men were arrested in the East End of London in connection with the murders. Three were at different times conveyed to Leman street Police Station... two men detained at Commercial street (Police Station)..."

Beim Lesen kommst Du wahrscheinlich auf die gleiche Einteilung:

(1/2) Two men: one was immediately liberated (Leman Street Wache/ gefunden auf oder an der Commercial Road?), one was liberated soon after his arrest (Commercial Street Wache)

(3) One man: Frank Raper (Commercial Street Wache)

(4) Another was detained until noon to-day, when he was set at liberty after giving a statement of his movements. He was found to have been in straitened circumstances and o have passed much of his time in common lodginghouses in Whitechapel, but there was nothing to show that he had anything to do with the murders. (Leman Street Wache/ gefunden auf oder an der Commercial Road?)

(5) The third man was detained until the afternoon when he, after due inquiry, was also liberated (Leman Street Wache/ gefunden am Mitre Square?)

The Daily Telegraph, Tuesday, 2 October, 1888:

http://www.casebook.org/press_reports/daily_telegraph/dt881002.html

“Early yesterday morning a constable noticed a stranger in Commercial-road whose appearance and evident desire to avoid notice was suspicious. The constable spoke to him, and receiving what he deemed unsatisfactory answers, took the person to Leman-street Police-station, where he gave his name and address, and furnished ample particulars about himself. These were found to be accurate, and he was accordingly released.”

“It is stated that two men were arrested early yesterday near the Commercial-road, but their detention was only temporary, their explanations exonerating them from any suspicion of complicity in the crime..."


Bezüglich Schwartz:

Star 1 October 1888:

http://www.casebook.org/press_reports/star/s881001.html

He described THE MAN WITH THE WOMAN as about 30 years of age, rather stoutly built, and wearing a brown moustache. He was dressed respectably in dark clothes and felt hat. The man who came at him with a knife he also describes, but not in detail. He says he was taller than the other, but not so stout, and that his moustaches were red. Both men seem to belong to the same grade of society. The police have arrested one man answering the description the Hungarian furnishes. This prisoner has not been charged, but is held for inquiries to be made. The truth of the man's statement is not wholly accepted.

Hier weiß man nicht genau, welche Aussage nun gemeint war, die von Schwartz oder die vom gefundenen Mann.

The Star 2 October 1888:

http://www.casebook.org/press_reports/star/s881002.html

The threads that had been taken up on the possible chance of their leading to something tangible have been laid down again. It is but fair to say that the police have clutched eagerly at every straw that promised to help them out, but there is nothing left to work on. People have come forward by scores to furnish the description of a man they had seen with some woman near the scene, and not a great while before the commission of one or the other of SUNDAY MORNING'S CRIMES,but no two of the descriptions are alike, and none of the accompanying information has thus far been able to bear investigation. In the matter of the Hungarian who said he saw a struggle between a man and a woman in the passage where the Stride body was afterwards found, the Leman-street police have reason to doubt the truth of the story. They arrested one man on the description thus obtained, and a second on that furnished from another source, but they are not likely to act further on the same information without additional facts. If every man should be arrested who was known to have been seen in company with an abandoned woman in that locality on last Saturday night, the police-stations would not hold them.

Hier scheint es klarer zu werden, es war Schwartz wo Zweifel bestanden.

1 Oktober:

The police have arrested one man answering the description the Hungarian furnishes. This prisoner has not been charged, but is held for inquiries to be made

2. Oktober:

They arrested one man on the description thus obtained, and a second on that furnished from another source, but they are not likely to act further on the same information without additional facts

Die Polizei arbeitete danach weiter mit den Beschreibungen von Schwartz für BS Man, PC Smith´s Mann bei Stride und der von Lawende (siehe Police Gazette).

Es scheint, dass die Polizei Pipeman gefunden haben könnte aber seine Aussage die von Schwartz zunichte machte oder zumindest sehr zweifelhaft zurückließ. Durch eine andere Quelle, einen anderen Zeugen, hatte man aber auch noch einen zweiten Mann verhaftet. Diese zwei Männer waren sicherlich unter den fünf von denen insgesamt berichtet wurden. Sie schienen besonders wichtig. In Pipeman´s Fall scheint das ja auch klar. Smith, Lawende als auch der BS Man von Schwartz waren wohlmöglich nicht darunter.

Echo, London 1 October 1888:

http://www.casebook.org/press_reports/echo/18881001.html

A man was brought to the Leman-street Station last night, under circumstances which gave the police hopes at first that they had made an important capture. He was arrested, it seems, near Mitre-court, and could not give what the police deemed a satisfactory account of himself. He is a short, thickset man, of about thirty, close shaven. Upon him was found 1s. 4½d. in money and a razor, and round his throat was a woolen scarf of a violet colour. In reply to the Inspector he said that he had walked from Southampton, and belonged to the Royal Sussex Regiment (the very regiment, it will be remembered, whose cognisances was on the envelope found in the pocket of the Buck's-row victim). An examination of his boots was not, so the police at first said, at all confirmatory of this statement, and he was taken to the cells for inquiries to be made about him. No blood was found upon his clothes, so far as could be ascertained then. He protested his innocence, and the police now attach no importance to his arrest. He will, no doubt, be discharged. There was another arrest made during the night in the Commercial-road. Nothing, however, was discovered concerning him, and the man was discharged.

The Daily Telegraph, Tuesday, 2 October, 1888:

(nochmals: http://www.casebook.org/press_reports/daily_telegraph/dt881002.html )

"a man was, later in the day, brought to the Leman-street Police-station by a constable who found him prowling about not far from Mitre-street. His face was haggard, and he seemed unable to give any account of himself. Upon him were found 1s 4½d in money and a razor, and round his throat was a woollen scarf of a violet colour, upon which were several long hairs, supposed to be those of a woman."

Dieser könnte die Nummer 5 oben sein. Er wurde auf dem Gebiet der City Police gefunden und auf die Leman Street Wache der MET Polizei gebracht. Lawende sah ein rotes/rötliches Halstuch und dieser Mann trug einen violetten Wollschal. Ähnliches sah ja der Zeuge Hutchinson. Aber, Lawende´s Beschreibung blieb weiter aktuell, dieser gefundene Mann sollte nicht der Mann aus der zweiten Quelle gewesen sein. Oder doch?

Wer war also der Zeuge aus der anderen Quelle und wen und wo hat er ihn gesehen? Soll ich davon ausgehen, dass es nur im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Berner Street stand?

Hat dieser Zeuge jemanden gesehen, den man fand aber der nicht Pipeman, nicht BS Man, nicht der Mann von Smith und schon gar nicht der von Lawende war?

Die Zeugen Brown und Marshall kämen noch in Frage aber im Inquest am 3 Oktober finden wir ja leider keinen Hinweis, dass ihnen bereits irgend jemand gezeigt wurde. Packer fällt auch raus, weil er ja noch bis dahin nichts gesehen haben wollte.

Oder hatte der gefundene Mann vom Mitre Square nur Ähnlichkeit mit dem beschriebenen Mann von Lawende und vielleicht auch vom Äußeren her mit der Beschreibung vom Mitre Square PC? Wir wissen ja, dass ein PC near Mitre Square eine Rolle spielte. Und hier wurde ein Verdächtiger dort aufgefunden. Gehen solche Mörder umgehend wieder zurück zum Tatort? Ich weiß jetzt nicht genau, wann Lawende ausfindig gemacht wurde, 30. September oder 1 Oktober und ob er, als diese Berichte entstanden, bereits jemanden zu sehen bekam. Der PC hätte sofort zur Stelle gewesen sein können. Fand man Lawende und diesen Mann erst zusammen am 1 Oktober, könnten wenige Stunden entscheidend gewesen sein. Aber auch eine spätere Gegenüberstellung hätte dann nichts am Weiterbestand von Lawendes Beschreibung geändert. Allein der Verdacht durch den PC hätte aber vermutlich ausgereicht, um diesen Mann näher zu betrachten. Zur Zeit der "Batty Street" Observation im Oktober 1888 finden wir auch gleichzeitig Berichte über einen Mann, der in einem East End Krankenhaus überwacht wurde. Wohlmöglich könnte es sich um ein- und denselben Mann handeln. Im Laufe des Oktobers hätte die Polizei auch festgestellt haben können, dass eben auch ihm die blutige Wäsche bei Frau Kuer gehörte. Erst gegen Mitte Oktober kam jemand die Wäsche dort abholen, erzählte aber etwas von einem Unfall mit einem Freund. Und hier könnte sich auch der Kreis zu Packer schließen, der nun plötzlich doch was gesehen haben wollte, zu welchem Zeitpunkt auch immer. Und vielleicht kannte dieser den Mann vom Mitre Square. Aber gerade meine letzten Sätze sind reinste Spekulation...

"and a second on that furnished from another source"

Wie siehst Du das? Die Quelle vielleicht ein City Police Mann, von dem wir nie zu dieser Zeit erfahren haben? Erst später via Macnaghten und Sims?

Gruß.

P.S.: Die nächsten Tage wird es knapper bei mir. Falls ich nicht umgehend antworte, tue ich es dann alsbald.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 01.06.2016 20:27 Uhr
Hallo Lestrade,

ich habe derzeit auch wenig Zeit, da die Arbeit mich voll in Beschlag nimmt, wie du wohl an der rückläufigen Frequenz meiner Antworten gemerkt hast.


Aber diese merkwürdige Geschichte von Packer hat mir keine Ruhe gelassen, der von diesen Männern sprach, die ihren Cousin suchten, der aus Amerika zurückgekommen sein soll.

Wird da ein Zusammenhang mit der Geschichte von diesem Lodger in den Model Dwellings vermutet, von dem eine ungenannt bleiben wollende Frau angeblich Albert Backert von der Bürgerwehr erzählt haben soll?



Hier ein Zeitungsartikel aus dem casebook dazu:


Port Philip Herald, Australia, 22 November 1890:
 
Mr Albert Backert, Chairman of the Whitechapel Vigilance Committee, has written the following letter to the Chronicle:
 
"In connection with the late Whitechapel murders, the most remarkable and sensational statement was made to me this morning at my place. At eleven o'clock this morning a very respectable middle-aged woman called at my house, and wished to see me. She was asked in, and then made the following statement to me, which she declared was all quite true:

About two years ago, she said, she was living in the model dwellings close by here and had a bedroom to let, furnished. A young man called and engaged the room. After living some time with her he stated that he had been to sea, and that at the present time he was receiving £1 a week from his father, and was also receiving an allowance from his brother, who was a doctor, and that he did not work himself.
She also noticed that he had plenty of clothes, including hunting breeches, revolvers, guns, and many other articles, which an ordinary working man would not have.
He had the door key, and could go out and in at all hours of the night, and used generally to get up about 5 p.m., but she could not say what time he arrived home at night.
On several occasions she noticed that his towels were very bloodstained, for which he accounted by saying that he was fond of painting, and had wiped his brush on them.
She also stated that she knew he had sent the liver, because one afternoon she happened to go to his room, and saw him with several pieces of liver on a newspaper, which he stated he had got from a New Zealand boat, as he knew a friend who was on board a frozen mutton boat. She saw him pack it in the box and address it to the then Chairman of the Vigilance Committee.
He also put some papers into different envelopes, which he intended sending to the Central News and the Press Association, and the police, but he forgot them, and she threw them into the dustbin. She noticed also that he had several brass wedding rings on the mantel shelf, and on one or two occasions he brought home a white apron blood stained, and gave them to her, which she has at the present time.
He always seemed to have plenty of money, and on the morning of the last murder (the Castle Alley) he left and has never returned.
He left a pair of silent shoes, several bags, which she says are blood stained, and a long overcoat, which is also blood stained. I asked her if she had been to the police, and she said she had not, as she was afraid of getting into trouble for not having given information before.
She said she could hold the secret no longer, and also feels convinced that the man she had lodging with her was the real "Jack the Ripper" and Whitechapel murderer. I feel sure that she was in earnest about this statement and she appeared very nervous, and did not wish her name to be published. I have no doubt that the police will make inquiries into the statement at once, and I directed her to go to Leman street to give all particulars. I may add that there was another person present when this statement was made this morning."


THE WHITECHAPEL MURDERS
REPORTED CLUE TO THE MURDERER
A SENSATIONAL STORY

"The People", a London Conservative paper, has the following remarkable statement regarding the supposed perpetration of the Whitechapel murders in the issue of 12th October last:

(...)
Her story, the chief fact of which she has endeavored to keep secret, is a very strange one. Much difficulty was experienced in obtaining it, the chief reason being that she is hiding her identity, as she does not wish to be mixed up in the affair, and declares that she is afraid the man she suspects will do her bodily injury. So careful has she been that the police had not up to yesterday afternoon, succeeded in finding her, or obtaining the following details of her statement.
It appears that while living on the top floor of a block of model dwellings in the neighborhood of Aldgate, a man engaged on the floor below a bed-room, with lumber-room adjoining, and paid her to keep the former clean, her occupation being that of an office cleaner. The lumber-room, which maintained a sink, was always kept locked , and although she did a portion of his washing, it was evident he did much of it himself. She describes him as young, of middle height, well-built, with a small, fair moustache and light brown hair, although she had frequently remarked that he had means by which he made his moustache and eyebrows much darker on some occasions than others. His movements during the time the murders were occurring were very mysterious. He had not the appearance of a working man and admitted that his parents, although in a good position, would have nothing to do with him, as he had been a scapegrace.
His brother, who she understood was a doctor, visited him on two occasions and appeared much older than he. She has no doubt the man she suspects is English, but he spoke with a nasal twang, evidently affected, and used the word "Boss" very frequently in conversation. He usually rose at two in the afternoon, and would go out about five o'clock, invariably wearing a tall hat and dressed very respectably, but as he had a large number of suits of clothes, he often dressed differently, or as she puts it: "He was a man who could so alter his appearance that if you met him in the street once you would not know him again." His clothes were mostly of the best quality, and included dress, shooting and morning suits. On one occasion he gave the woman a dark-coloured overcoat to sell, and she offered it to the wife of a working man. The latter, however, pointed out that it was so stained with blood that she would not let her husband wear it. The patches, which were of a dull brown, were thought by the woman to be paint, but when she returned it to the mysterious lodger with an intimation that she could not sell it because of the blood, he laughed lightly, saying the stains were nothing. Nevertheless he burnt the coat, for she subsequently discovered the remains, together with the horn buttons, in the grate.
As the murders were committed, her suspicions were increased, but she did not communicate them to anyone until the day following the discovery of the body in Pinchin street. She went to clean the bedroom as usual, when she found upon the three mats footmarks of blood, and upon one a large clot of the same substance. She then spoke of her suspicions to an official connected with the model dwellings but he evidently believing that an arrest would bring the buildings into disrepute, advised her to say nothing of the matter.
 As time went on, and the murders continued, she saw in his room many articles which were blood stained, although he never would allow her to enter the room alone, but remained with her while she performed her work. The lumber-room she never entered, for he kept the key, and on occasion when she wished to enter it for various purposes he always told her to go upstairs to her own apartments. With regard to the "Jack the Ripper" post-cards, the man always wrote his letters in red ink, of which he had a large bottle on the mantel-shelf. Upon the same shelf, too, she first noticed one brass wedding ring, but the number was afterwards increased until there were five, and these he left when he suddenly disappeared. On one occasion she found a piece of dirty rag screwed up and concealed behind a chest of drawers. This she discovered to be a portion apparently from a woman's print apron, and on taking it upstairs she saw it was blood stained. She washed it, and has it still in her possession. The pattern of the apron may form an important clue. The most remarkable fact, however, is that on the night of each of the murders he was absent, returning at early morning. On the morning of the Castle Alley murder he disappeared, having previously sold the whole of his belongings.

LATEST DETAILS.

A representative of the "People" who visited Whitechapel last night succeeded in obtaining some additional particulars which add considerably to the sensational character of the woman's story. She states that several times during the period the man lived in the model dwellings she informed her husband of her suspicions, but until the discovery of the blood upon the mats, he treated the matter indifferently. Afterwards, however, he urged her to make a statement to the police, but the reason she refused was owing to the representations made to her by the official connected with the buildings. The strange man she describes an accomplished linguist and able to speak French and German fluently as she frequently heard him in conversation with some foreigners who lived on the same floor. His general demeanor was sullen and uncommunicative, although at times he would speak freely of his relations, who, according to his account, were in good positions, one brother, the doctor who visited him, residing in the neighborhood of Oxford street. He also told her he had travelled for several years in the United States and Canada, and that the refusal of his relations to recognise him preyed upon his mind.

(...)
She also states that the man was in the habit if spending his evenings at the Tuns (?), at Aldgate, and was well known among the regular customers at that house. He usually sat in the private bar, and on many occasions she saw him carrying beer in cans up to his room. Another fact that increased her suspicions was that immediately after one of the murders he locked up his rooms and remained away for about two months, during which period no crimes of this particular character were reported in the vicinity. When he returned, he remarked that he had been living in the West End, but was glad to return to his old lodgings, as in the West people kept such a strict watch over a persons's movements, when in the East he was not subjected to that annoyance. Three nights afterwards another murder was perpetrated with the same daring, and enshrouded in the same mystery as its predecessors.

(...)
After he had disappeared so mysteriously prior to the Castle Alley murder, he sent her a letter which she received on the following day, stating that he had met with an accident, and that she need not expect him home. It was eventually discovered, however, that before his departure he had sold all his belongings - including many suits of clothes and several revolvers - to a ship's mate, who, a few days later, called and took them away.
After the lapse of a few weeks, the woman and her husband removed from the model dwellings to the house in which they now reside, and as the sensation caused by the mysterious crimes died out of the public mind, so the suspicion seems to have died out of her's until three days ago. On Wednesday evening she was walking in Commercial road, when, to her astonishment, she recognised the man, standing on the kerb in conversation with a well known tradesman of the district, whose name she declines to divulge, but who, she has ascertained, is a friend of his. The fact of the recent "Jack the Ripper" letters, coupled with his sudden reappearance, again aroused her suspicions and she subsequently discovered his abode, also that during his absence from the East End he has married. She has seen his wife, and had entered into conversation with her. The latter she describes as a rather pretty young woman of about twenty five, but whose face wears a strange look. and by whose manner she same to the conclusion that it was slightly deranged. The woman has not the slightest doubt as to the sanity of the man. She firmly adheres to her statement, and, according to the person who was present when she told her story to Mr. Backert, she declares herself unable to keep the secret any longer. Although she is endeavoring to avoid being interrogated by the police, there is reason to believe that the latter are already making most diligent inquiries into the truth of the statement and endeavoring to discover the individual she refers to. It is known that he lives near Aldgate Station.

http://www.casebook.org/press_reports/port_philip_herald/901122.html


Man beachte v.a. folgende Behauptungen:

"She describes him as young, of middle height, well-built, with a small, fair moustache and light brown hair, although she had frequently remarked that he had means by which he made his moustache and eyebrows much darker on some occasions than others"

"he had a large number of suits of clothes, he often dressed differently, or as she puts it: "He was a man who could so alter his appearance that if you met him in the street once you would not know him again."

"He also told her he had travelled for several years in the United States and Canada"

"Another fact that increased her suspicions was that immediately after one of the murders he locked up his rooms and remained away for about two months, during which period no crimes of this particular character were reported in the vicinity. When he returned, he remarked that he had been living in the West End, but was glad to return to his old lodgings, as in the West people kept such a strict watch over a persons's movements, when in the East he was not subjected to that annoyance. Three nights afterwards another murder was perpetrated with the same daring, and enshrouded in the same mystery as its predecessors."


Ist diese Frau eine gewaltige Märchenerzählerin, oder passt das nicht etwa zu Packers Aussage von den beiden Männern, die nach dem Double Event ihren Cousin aus Amerika suchten?


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 01.06.2016 21:04 Uhr
Bald beginnt die Fussball EM und du wirst mich hier vermissen...

Arthur,

Danke für deine Antwort. Ich kannte das Thema aber deinen Artikel nicht:

http://www.casebook.org/press_reports/ogden_standard/18901014.html

und bezüglich deinen das hier:

http://www.casebook.org/dissertations/dst-bachert.html

Etwas ähnliches war mir über diese Frau länger bekannt und Howard postete, so meine ich, das was ich kannte auch vor einer Weile im JTRForums als Zeitungsartikel.

Ich habe bis eben keinen Zusammenhang zwischen Packer und dem erkannt. Aber es wäre durchaus möglich. Auch dieser (in Frankreich "erkannte") John Lagan aus der Packer-Zeichnung neulich war Amerikaner. Das zweite Bild auf jener Zeichnung war ja wahrscheinlich eine zweite Alternative beschrieben von diesem "Dairyman". Packer: soft felt hat, kind of yankee, meinte er damit vielleicht einen Amerikaner? Danke für deine Anregung.

Laut Shadows neuen Faden gab es jedoch 246 Amerikaner unter den Verhaftungen. Das macht es gerade nicht einfacher.

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 01.06.2016 21:28 Uhr
Hallo Lestrade,

dieser Bachert scheint ja nicht gerade seriös gewesen zu sein, wenn man seine Bio liest. Da stellt sich mir die Frage, ob es diese geheimnisvolle Frau überhaupt gab - oder ob sich Bachert die Geschichte mithilfe seines Wissens über den Fall aus Zeitungsartikeln und mit einem guten Schuss Phantasie aus den Fingern gesogen hat.

Schade, wäre mal ein netter anderer Ansatz gewesen, so über Packer und Bacherts Story...


MfG, Arthur Dent

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 01.06.2016 23:11 Uhr
Lass uns noch einmal zurückkehren, zu dem Mann, mit dem Stride vielleicht etwas mehr Zeit verbracht hatte!

Stellen wir uns vor, das Pärchen war auch das gleiche, welches Marshall sah. Er sprach von einem Seemann- Aussehen, dass kennen wir von Lawende aus der gleichen Nacht als auch von der Beschreibung eines Mannes aus der Church Lane, ebenfalls gleiche Nacht (vielleicht der "zweite Mann aus der anderen Quelle"?). Vielleicht ist der Marshall Mann identisch mit dem Packer und Smith Mann. Den Zeugen Brown lasse ich mal außen vor, er könnte ja das Liebespaar, was vor Ort war, gesehen haben ("nicht heute Nacht, ein andermal" klingt vielleicht nach einem frischen Paar)

Wo war er als BS Man, Schwartz und Pipeman auftauchten? Ging das Pärchen nach PC Smith nun endlich fürs Geschäft in den Yard (ca 00.35 Uhr) und war dieser längere Begleiter dann endgültig weg (00.45 Uhr) als erst BS Man, dann Schwartz und dann Pipeman auftauchten? Hatte er überhaupt nichts mit dem Mord zu tun?

Oder aber, befand er sich bereits mit ihr im Yard als BS Man auftauchte? Ab 1m war in diesem Yard nichts mehr zu sehen. Schwartz hätte niemanden hinter Stride erkennen können. BS Man, falls nicht der Mörder, auch nicht unbedingt. Stride könnte mit der Wahl des Plätzchens vorsichtig gewesen sein und mit ihrem Freier in den Yard gegangen sein nicht ohne noch einmal zu schauen, ob nun die Luft tatsächlich rein ist.

Wie schon beschrieben, es könnte sein, dass Pipeman aufgrund der Schwartz Beschreibung gefunden wurde. Die Polizei suchte dann gar nicht mehr nach ihm, so scheint es und legten auch im Bericht an das Innenministerium die Möglichkeit nahe, dass er als Mörder eher weniger in Frage käme als auch, dass nach BS Man noch ein weiterer Mann aufgetaucht sein könnte.

So etwas könnte mit einer Aussage von Pipeman zusammenhängen, der etwas anderes berichtete als es Schwartz tat, somit das letzterer nicht mehr ganz glaubwürdig war. Vielleicht konnte Piepman dann ein Alibi vorlegen, dass ihn zwischen 1 Uhr und 2 Uhr morgens entlasten konnte. Was könnte in einem solchen Falle Pipeman gesehen haben? Vielleicht nur eine kleine Schubserei und Beleidigungen, weil BS Man Stride mit einem Freier in den Yard gehen hat sehen? Einen BS Man, der dann weiterging und in seinen Bewegungen noch von Pipeman beobachtet worden ist? Oder konnte Pipeman überhaupt nichts relevantes aussagen?

Allerdings könnte BS Man auch der Killer gewesen sein, weil er, wie in meinem Beispiel im Falle Chapman (als diese bereits von Cadosch um 5.15 Uhr im Hinterhof mit einem anderen Freier gehört wurde und dann um 5.30 Uhr ihren wahren Killer traf, den dann auch Mrs. Long sah), Stride dabei erwischte, wie sie gerade einen Freier verabschiedet hatte?

Wäre solche Situation etwas, was einen Jack the Ripper besonders reizte? Als er mitbekam, wenn Prostituierte gerade von einem Freier zurückgelassen wurden? Ich weiß es nicht...

Oder kehrte der Mann von PC Smith zurück und wurde zum BS Man. Smith sagte er sah nüchtern aus, der Mann von Schwartz wirkte angetrunken. Wenn BS Man der Killer war, dann wäre er wahrscheinlich von Schwartz identifiziert worden. Der einzige, der den von Anderson und Swanson genannten "Kosminski" identifizieren konnte, war ein jüdischer Zeuge, wie es auch Schwartz gewesen war. Aber war es tatsächlich Schwartz, der "Kosminski" im Seaside Home identifzierte? Wir wissen ja noch nicht einmal, wann diese ID wirklich stattfand. Nun wissen wir jedoch, dass man frühestens/spätestens im Dezember 1888 in privaten Anstalten suchte, also das erste Mal nach Kelly und haben das was Macnaghten sagte: Anstalt ca. März 1889. Dazu Swanson Aussagen, dass er nach der Rückkehr aus der Anstalt, nur kurz bei seinem Bruder war, bevor es nach Colney Hatch ging. Aaron Kozminski ging im Februar 1891 nach Colney Hatch. Wahrscheinlich war er, bis auf wenige Ausnahmen (Dezember 1889/ Juli 1890), zwischen März 1889 und Februar 1891, also fast zwei Jahre, in privaten Anstalten. Swanson lässt keine Pause erkennen, so dass anzunehmen ist, er war zwischen Juli 1890 und ca. Januar 1891 gar nicht mehr auf freiem Fuß. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in dieser Zeit zur Seaside Home ID kam, ist, meines Erachtens höher, als zu einem früheren Zeitpunkt. Außer, Swanson wusste nichts davon, als dieser Verdächtige an den genannten Daten zu seiner Familie zurückkehren durfte. Vermutlich war ja auch die City Police das "Überwachungsorgan". Wie wahrscheinlich ist das aber? Swansons Bemerkung, dass nach dieser Identifizierung, kein anderer Mord dieser Art mehr in London stattfand, lässt einem natürlich auch wieder fragen, wann er das so sah? Nach Kelly oder nach Mackenzie. Coles können wir ausschließen, Aaron Kozminski war da schon in Colney Hatch. Oder meinte Swanson, dass der Verdächtige schon nach Kelly lokalisiert wurde und dieser auch wusste, dass er quasi "identifiziert" worden ist (Vorfall mit der Schwester am 22 November 1888?)? So viele Fragen...

War er ein früher Verdächtiger und wurde erst in der zweiten Hälfte 1890 identifiziert, halte ich es für sehr fraglich, dass erst dann Schwartz und/oder Lawende im Seaside Home zum Einsatz kamen. Somit hätte Schwartz (als auch Lawende), zu einem früheren Zeitpunkt (Okt./November 1888), "Kosminski" gar nicht als BS Man identifiziert oder aber zumindest einfach nicht wiedererkannt (und Macnaghten sagte, niemand sah jemals den Mörder, außer vielleicht dieser PC vom Mitre Square- wusste Macnaghten überhaupt von der Seaside Home ID?). Das ließe jedoch Raum dafür, dass BS Man vielleicht gar nicht der Killer war. Und falls kein anderer Mann mehr auftauchte, komme ich zurück zum Mann, den PC Smith sah. Wo war er plötzlich, nachdem er mindestens eine halbe Stunde mit Stride hantiert hatte?

Am liebsten würde ich sagen, BS Man war der Killer und er hätte die Zeit gehabt, seine 10 Minuten (wie, vielleicht, bei Chapman und mit Sicherheit bei Eddowes) zum Verstümmeln bevor Diemschütz eintraf. Aber sie wurde nicht verstümmelt. Störte noch etwas oder jemand zwischen 00.45 Uhr und 01.00 Uhr? BS Man hätte mit rechnen müssen, dass Schwartz und Pipeman mit Hilfe zurückkehrten. Hätte er Sie dann überhaupt erst getötet? Sinn macht jemand, der das Szenario vorher gar nicht mitbekam bzw. so einschätzen konnte, dass niemand von beiden oder von allen dreien zurückkehren würde. Deshalb halte ich eher (ich sage das mit Vorsicht) den Mann vom PC Smith als auch einen gänzlich unbekannten Mann für den Killer und somit Jack the Ripper.

Zum Verdächtigen "Kosminski" (falls Aaron Kozminski) bietet dieser Tatort jedoch noch etwas besonderes.

In 1882 lautete die Adresse seines Bruders Woolf Abrahams 38 Berner Street. In 1888 25 Providence Street. Auf dem angehängten Foto (aus Jack the Ripper Wiki: http://wiki.casebook.org/index.php/Berner_Street) sehen wir die Nummer 38, neben der Nummer 40 des Clubs mit dem Dutfields Yard. Drei Türen nach links weiter, nicht mehr sichtbar, war der Eingang zu Batty Gardens, wo 1887 eines der Töchter des Rabbis und Verwandten, Israel Lubnowski, mit Adresse benannt wurde. Das Foto entstand aus der Ecke, wo der nördliche Eingang der Providence Street lag. Gegenüber des Einganges zu Batty Gardens, führte ein Durchgang direkt zur Batty Street und zu Frau Kuer, der Frau mit der blutigen Wäsche (rechte Seite, nicht auf dem Foto sichtbar). Auf dem Foto ist Packers Shop die erste Tür auf der Berner Street links. Davor der Eingang zum Pub, wo Pipeman stand. Und Packer antwortete auf eine Frage, wo denn sein Verdächtiger lebe mit "in der Straße nebenan/ in der nächsten Straße". Aaron Kozminski war diese Ecke sicherlich besonders vertraut. Seine Familie könnte schlimmes geahnt haben, als genau dort die Mordserie ihre Fortsetzung fand... würde ein Aaron Kozminski dort, genau dort, sich so lange mit einem seiner Opfer gezeigt haben?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 08.06.2016 11:52 Uhr
Arthur, das erste Buch kam gestern an:

Robin Odell- Jack The Ripper- In Fact And Fiction, New And Revised Edition von 2008 (Erstausgabe 1965)!

Während der Fussball Europameisterschaft werde ich dieses Buch nebenher lesen und mal schauen, was es mit der "The Slaughterman" Theorie wirklich auf sich hat und ob damit die Jacob Levy Theorie noch mehr unterstützt werden kann.

Die andere beiden Bücher lassen noch auf sich warten.

Gruße, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 08.06.2016 21:22 Uhr
Hallo Lestrade,

ich bin beruflich immer noch stark in Beschlag genommen, daher beneide ich dich ein bisschen dafür:

Zitat
Während der Fussball Europameisterschaft werde ich dieses Buch nebenher lesen und mal schauen, was es mit der "The Slaughterman" Theorie wirklich auf sich hat und ob damit die Jacob Levy Theorie noch mehr unterstützt werden kann.

Bin jedenfalls gespannt, was du über Odells Buch berichten kannst.


Da ich gerade etwas Luft habe, aber nun mal kurz zurück zum Fall Stride:

Zitat
Am liebsten würde ich sagen, BS Man war der Killer und er hätte die Zeit gehabt, seine 10 Minuten (wie, vielleicht, bei Chapman und mit Sicherheit bei Eddowes) zum Verstümmeln bevor Diemschütz eintraf. Aber sie wurde nicht verstümmelt. Störte noch etwas oder jemand zwischen 00.45 Uhr und 01.00 Uhr? BS Man hätte mit rechnen müssen, dass Schwartz und Pipeman mit Hilfe zurückkehrten. Hätte er Sie dann überhaupt erst getötet? Sinn macht jemand, der das Szenario vorher gar nicht mitbekam bzw. so einschätzen konnte, dass niemand von beiden oder von allen dreien zurückkehren würde. Deshalb halte ich eher (ich sage das mit Vorsicht) den Mann vom PC Smith als auch einen gänzlich unbekannten Mann für den Killer und somit Jack the Ripper.


Mir geht es da ähnlich, der Fall hat auch für mich ein paar seltsame Facetten:

Sehen wir mal davon ab, dass manche Ripperologen Stride nicht für ein Ripper-Opfer halten, sondern gehen wir davon aus, dass es tatsächlich JTR war (was auch meine These ist).

Zunächst einmal halte ich es für unwahrscheinlich, dass JTR seine Opfer noch längere Zeit in der Öffentlichkeit ausführte und den Kavalier spielte, so mit spazierengehen und etwas spendieren, bevor es zur Sache ging.
Erstens hasste er diese Art von Frauen, und dann längere Zeit auf nett machen müssen und Geld ausgeben für sie? Er hätte sehr viel Selbstbeherrschung und Schauspielkunst aufbringen müssen, um das glaubhaft zu überspielen, damit die Opfer nichts merken. Bei einem Täter, der wahrscheinlich noch psychische Probleme hatte, nur schwer vorstellbar (anders, wenn wir von einem Psychopathen ausgehen würden).
Zweitens: Warum hätte er sich diese Mühe machen sollen, wenn er bei einer Prostituierten in ständiger Geldnot auch schneller hätte zum Ziel kommen können?
Drittens hätte das längere Herumflanieren in der Öffentlichkeit das Risiko von jemandem wiedererkannt zu werden, zu stark erhöht.

Daher glaube ich nicht, dass JTR jener beschriebene Mann war, der mit Stride früher in der Nacht gesehen wurde. Da bin ich schon eher geneigt zu glauben, JTR habe irgendwo in der Berner Street gelauert und sich Stride gegriffen, als ihr bisheriger Begleiter sie verlassen hatte...


Zitat
Und Packer antwortete auf eine Frage, wo denn sein Verdächtiger lebe mit "in der Straße nebenan/ in der nächsten Straße". Aaron Kozminski war diese Ecke sicherlich besonders vertraut. Seine Familie könnte schlimmes geahnt haben, als genau dort die Mordserie ihre Fortsetzung fand... würde ein Aaron Kozminski dort, genau dort, sich so lange mit einem seiner Opfer gezeigt haben?

Genau das frage ich mich ja auch.
Ich weiß, Packer hat erzählt, der Begleiter von Stride sei ihm ein paar Tage später wieder in der Commercial Road über den Weg gelaufen, habe ihn beobachtet und bedrohlich angesehen - offenbar um ihn einzuschüchtern. Aber mir widerstrebt die Vorstellung, JTR hätte bei einem Händler, der ihn vom Sehen kannte, mit seinem künftigen Opfer Trauben gekauft, um sie dann kurze Zeit später wenige Meter weiter umzubringen. Nun ja: Hängt natürlich davon ab, wie weit unser Täter schon psychisch zerrüttet war...

Aber wenn Packer den Mann tatsächlich vom Sehen kannte und wusste, dass er in unmittelbarer Nähe wohnte, wieso konnte er dann nicht identifiziert werden? Wieso wurde Packer dann auch polizeiintern als unzuverlässiger Zeuge abgetan?

Was mir auch nicht einleuchtet:
Wenn die Aussage von Schwartz stimmt, und der Mann Stride zu Boden stieß, warum ging Stride dann noch mit ihm in den Yard? War dieser Mann gar nicht JTR, sondern der frühere Begleiter, der sich gerade im Streit von ihr trennte, oder hatte der Mann, vermutlich betrunken, sie einfach nur angerempelt - und JTR kam unmittelbar danach? Immerhin sagte selbst Schwartz, dass Stride nicht besonders heftig reagierte, nicht so, als fühle sie sich ernsthaft bedroht.
War vielleicht JTR selbst ein Besucher des Clubs gewesen, der gerade durch die Hintertür hinaus in den Yard ging, aus dem Dunkel heraus zufällig diese Szene sah, und die günstige Gelegenheit nutzen wollte? Er sieht, dass jener Mann sie im Streit verlässt, geht hin, hilft ihr auf, fragt ob alles in Ordnung ist und ob sie was trinken will und schlägt ihr vor, mit durch die Hintertür in den Club zu kommen. Er führt sie in den Yard, und sobald sie im Dunkeln sind, schlägt er zu - aber da hört er schon wieder jemanden kommen...
Sicher: Nur eine Spekulation. Aber für mich plausibler als die Vorstellung, JTR würde eine Stunde lang zusammen mit einem künftigen Opfer öffentlich durch die Straßen laufen, bei einem Mann, der ihn vom Sehen her kennt, Obst für die Frau kaufen, sich dann auch noch bei einer Auseinandersetzung beobachten lassen und Stride trotzdem noch töten, statt sich eine andere zu suchen.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 08.06.2016 22:34 Uhr
Hi Arthur,

ich bin beruflich immer noch stark in Beschlag genommen, daher beneide ich dich ein bisschen dafür:

Das geht nun einmal vor... man kann immer nur soviel machen, wie gerade geht...

Zunächst einmal halte ich es für unwahrscheinlich, dass JTR seine Opfer noch längere Zeit in der Öffentlichkeit ausführte und den Kavalier spielte, so mit spazierengehen und etwas spendieren, bevor es zur Sache ging.
Erstens hasste er diese Art von Frauen, und dann längere Zeit auf nett machen müssen und Geld ausgeben für sie? Er hätte sehr viel Selbstbeherrschung und Schauspielkunst aufbringen müssen, um das glaubhaft zu überspielen, damit die Opfer nichts merken. Bei einem Täter, der wahrscheinlich noch psychische Probleme hatte, nur schwer vorstellbar (anders, wenn wir von einem Psychopathen ausgehen würden).
Zweitens: Warum hätte er sich diese Mühe machen sollen, wenn er bei einer Prostituierten in ständiger Geldnot auch schneller hätte zum Ziel kommen können?
Drittens hätte das längere Herumflanieren in der Öffentlichkeit das Risiko von jemandem wiedererkannt zu werden, zu stark erhöht.

Daher glaube ich nicht, dass JTR jener beschriebene Mann war, der mit Stride früher in der Nacht gesehen wurde. Da bin ich schon eher geneigt zu glauben, JTR habe irgendwo in der Berner Street gelauert und sich Stride gegriffen, als ihr bisheriger Begleiter sie verlassen hatte...

Das ist ja auch erst einmal der richtige Ansatz, denke ich...

Genau das frage ich mich ja auch.
Ich weiß, Packer hat erzählt, der Begleiter von Stride sei ihm ein paar Tage später wieder in der Commercial Road über den Weg gelaufen, habe ihn beobachtet und bedrohlich angesehen - offenbar um ihn einzuschüchtern. Aber mir widerstrebt die Vorstellung, JTR hätte bei einem Händler, der ihn vom Sehen kannte, mit seinem künftigen Opfer Trauben gekauft, um sie dann kurze Zeit später wenige Meter weiter umzubringen. Nun ja: Hängt natürlich davon ab, wie weit unser Täter schon psychisch zerrüttet war...

Aber wenn Packer den Mann tatsächlich vom Sehen kannte und wusste, dass er in unmittelbarer Nähe wohnte, wieso konnte er dann nicht identifiziert werden? Wieso wurde Packer dann auch polizeiintern als unzuverlässiger Zeuge abgetan?

The Illustrated Police News, 10 November 1888:

Mr Matthew Packer, who keeps a fruit shop near the gateway where the Berner Street murder was committed, stated on Wednesday that he felt just then greatly alarmed owing to his having seen a man exactly like the one who bought some grapes from him for the murdered woman Stride, a short time before the murder was committed. He alleges that he had often seen the man before the murder, as well as the woman; but he had not seen anyone resembling the man since the murder ___ Saturday night. He was then standing with his fruit stall in the Commercial Road when he observed the man staring him full in the face. After passing and repassing him several times, the man got into the roadway and looked at him in a menacing manner. Packer was so terrified that he left his stall and asked a shoeblack, who was near, to keep his eye on the man. His fear was that the fellow was going to stab him. No sooner, however, had he called the shoeblack's attention to the man than the latter ran away and jumped onto a passing tramcar.

Das bezog sich auf eine Meldung der Evening News vom 31 Oktober 1888:

"Between seven and eight o'clock, on Saturday evening last, I was standing with my barrow at the corner of Greenfield-street, Commercial-road, when I saw a man pass by on the opposite side of Greenfield-street, near the watchmaker's shop. I recognized him in a minute as the man I had seen outside my shop on the night when Elizabeth Stride was murdered in Berner-street. It was the man who bought the grapes and gave them to the woman that was afterwards found murdered in the yard. I shall never forget his face, and should know him again amongst a thousand men."

Mittwoch war der 31 Oktober, wiedergesehen hat er ihn am Samstag den 27 Oktober. Es gab noch weitere "Sichtungen" durch Packer, schau mal hier:

http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=5311

Packer stand am untersten Ende der Greenfield Street, der Straße, in der Aaron Kozminskis Geschwister lebten (Isaac und Matilda). Packer hatte seinen Verdächtigen das letzte Mal am 29/30 September gesehen und dann eben erst wieder am 27 Oktober. So wie es aussieht, sah er ihn dann nochmal nach dem Kelly Mord eine Frau ansprechen (siehe JTRForums Link) und das geschah zu der Zeit, als ihm ein Mann erzählte, dass sein Cousin der vermeintliche Mörder sein könnte. (Später wurde Packer sogar einmal angegriffen).

Im Oktober, als Packer ihn wiedersah, könnte, falls Kozminski dieser Verdächtige war (und der Batty Street Verdächtige), eben jener noch unter Polizei Observation gestanden haben. Um den 10 November, die Sache mit einer erneuten Sichtung und der Cousin Geschichte, könnte jener Verdächtige vielleicht gar nicht lokalisiert worden sein und es gab vielleicht Nachfragen bei Packer (erneut durch die Polizei und durch Angehörige des Mannes), weil der Verdächtigte irgendwie untertauchte. Spekulation...

Swanson hielt die Angaben von Packer für nahezu wertlos. Ich weiß nicht, wie das zu bewerten ist. Grand, der Packer ja erst richtig aufspürte, war ein richtig Krimineller, vielleicht trauten sie der ganzen Geschichte nicht gänzlich ohne Packer dabei abzuwerten. Ich weiß es nicht...

Die Taktik der Polizei bezüglich Packer, kennen wir ja nicht. Vielleicht hatten sie bei Packer eine andere Vorgehensweise. Vielleicht ist es ja möglich, dass sie Packer den Hinweis gaben, sich am Ende der Greenfield Street geschäftlich zu postieren und die Leute zu beobachten, könne ja sein, er erkennt jemanden wieder... bestand Packer auf 23.30 Uhr, dann lautete sein Beweis: 1,5 Stunden vor ihrer Ermordung... ungünstig... wenn dieser Verdächtige jedoch auch der Mann vom PC am Mitre Square gewesen war (jedoch nur wage erkannt), dann hatte dieser Verdächtige erst einmal ein großes Problem... und wäre ein ernsthafter Verdächtiger gewesen...

Was ich mich immer wieder frage ist, warum Packer, der einen kleinen Laden führte, sich mit seinen Sachen an die unterste Ecke der nächst höherliegende Straße bewegte... 60-70m von seinem Geschäft weg... könnte das eine "Anweisung" der Polizei gewesen sein?

Was mir auch nicht einleuchtet:
Wenn die Aussage von Schwartz stimmt, und der Mann Stride zu Boden stieß, warum ging Stride dann noch mit ihm in den Yard? War dieser Mann gar nicht JTR, sondern der frühere Begleiter, der sich gerade im Streit von ihr trennte, oder hatte der Mann, vermutlich betrunken, sie einfach nur angerempelt - und JTR kam unmittelbar danach? Immerhin sagte selbst Schwartz, dass Stride nicht besonders heftig reagierte, nicht so, als fühle sie sich ernsthaft bedroht.
War vielleicht JTR selbst ein Besucher des Clubs gewesen, der gerade durch die Hintertür hinaus in den Yard ging, aus dem Dunkel heraus zufällig diese Szene sah, und die günstige Gelegenheit nutzen wollte? Er sieht, dass jener Mann sie im Streit verlässt, geht hin, hilft ihr auf, fragt ob alles in Ordnung ist und ob sie was trinken will und schlägt ihr vor, mit durch die Hintertür in den Club zu kommen. Er führt sie in den Yard, und sobald sie im Dunkeln sind, schlägt er zu - aber da hört er schon wieder jemanden kommen...
Sicher: Nur eine Spekulation. Aber für mich plausibler als die Vorstellung, JTR würde eine Stunde lang zusammen mit einem künftigen Opfer öffentlich durch die Straßen laufen, bei einem Mann, der ihn vom Sehen her kennt, Obst für die Frau kaufen, sich dann auch noch bei einer Auseinandersetzung beobachten lassen und Stride trotzdem noch töten, statt sich eine andere zu suchen.

Ihre Reaktion war nicht wirklich panisch, so wie es jedenfalls Schwartz beschrieb. An einen Besucher des Clubs dachte ich auch schon öfters.

Glauben wir Packer, der dann tatsächlich noch einmal diesen Mann eine Frau ansprechen sah, dann wäre das von diesem Täter, falls denn überhaupt Jack the Ripper, schon äußerst dreist oder wirklich verrückt gewesen (falls er Packer und die anderen mitbekam). Denke an Cox, obwohl Cox der Meinung war, dass dieser Mann sich verfolgt fühlte, sprach er in der beschrieben Cox -Nacht noch zwei Frauen an und stieß eine davon sogar weg. Also rein hypothetisch, wenn das ein- und derselbe Mann war und vielleicht Jack the Ripper, dann war er auf gewisse Art und Weise nicht wirklich vorsichtig. In diesem Falle würde ich mich nicht wundern, wenn er eine halbe Stunde mit einem Opfer in der Gegend herumgestanden hätte. Nichts ist unmöglich, vermute ich.

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 09.06.2016 00:08 Uhr
Hallo Lestrade!


Ich habe mir diese beschriebene Situation gerade mal aus der anderen Perspektive vorgestellt:

Zitat
He was then standing with his fruit stall in the Commercial Road when he observed the man staring him full in the face. After passing and repassing him several times, the man got into the roadway and looked at him in a menacing manner.

Gehen wir einmal davon aus, dass Packers Aussage wahr ist - so muss das noch nicht unbedingt heißen, dass dieser Mann, den er wiedererkannte, der Mörder war, der ihn einschüchtern wollte.
Wenn ich mir vorstelle, ich wäre der Typ gewesen, der kurz vor JTRs Mord noch mit Stride zusammen war, und dann muss ich erfahren, dass dieser alte Mann der Polizei und der Presse meine Beschreibung als mutmaßlicher Ripper gegeben hat - da wäre ich ziemlich wütend auf den alten Mann, schließlich war die Hysterie im Viertel nicht weit von Lynchjustiz entfernt. Und falls ich ihn auf der Straße wiedergesehen hätte, wäre mein Blick für ihn sicher auch beängstigend gewesen. Er hätte mit Sicherheit auch ausgesagt: Halt die Klappe, alter Mann! Wenn du mir Ärger machst, werde ich richtig sauer!


Zitat
Was ich mich immer wieder frage ist, warum Packer, der einen kleinen Laden führte, sich mit seinen Sachen an die unterste Ecke der nächst höherliegende Straße bewegte... 60-70m von seinem Geschäft weg... könnte das eine "Anweisung" der Polizei gewesen sein?

Ich vermute mal eher einen ganz trivialen Grund: Die Commercial Road war eine wichtige Durchgangsstraße mit vielen Passanten und Berufsverkehr - hier konnte Packer zu bestimmten Zeiten mehr Umsatz mit Laufkundschaft machen als in seinem Laden der Berner Street. Er kam gewissermaßen seinen Kunden entgegen. Wer macht schon einen Umweg in eine Nebenstraße, um Obst zu kaufen, wenn es auch an der Hauptstraße solche Händler gibt? Also stellte sich Packer mit einem Obstkarren dahin, wo mehr potentielle Kunden vorbeikamen.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 09.06.2016 16:20 Uhr
Hallo Arthur!

Gehen wir einmal davon aus, dass Packers Aussage wahr ist - so muss das noch nicht unbedingt heißen, dass dieser Mann, den er wiedererkannte, der Mörder war, der ihn einschüchtern wollte.
Wenn ich mir vorstelle, ich wäre der Typ gewesen, der kurz vor JTRs Mord noch mit Stride zusammen war, und dann muss ich erfahren, dass dieser alte Mann der Polizei und der Presse meine Beschreibung als mutmaßlicher Ripper gegeben hat - da wäre ich ziemlich wütend auf den alten Mann, schließlich war die Hysterie im Viertel nicht weit von Lynchjustiz entfernt. Und falls ich ihn auf der Straße wiedergesehen hätte, wäre mein Blick für ihn sicher auch beängstigend gewesen. Er hätte mit Sicherheit auch ausgesagt: Halt die Klappe, alter Mann! Wenn du mir Ärger machst, werde ich richtig sauer!

Diese Perspektive ist sicherlich näher an der Wahrheit, gerade dann, wenn Packer tatsächlich das Pärchen zuletzt um 23.30 Uhr sah. Zeugenbeschreibungen hin oder her, Kopfbedeckungen hin oder her, wir hatten das neulich ja wieder einmal, für mich und wahrscheinlich auch für dich ist nichts unmöglich, gerade wenn man sich Aufnahmen aus der damaligen Zeit ansieht. Howard Brown hat diese Videos im JTRForums veröffentlicht:

https://www.youtube.com/watch?v=lQV1_B63LTM#t=293.533476

https://www.youtube.com/watch?v=SXxuNncWq4s

https://www.youtube.com/watch?v=1e8hnCRrGoE

Vielleicht übertreibe ich auch aber auf mich wirken die Menschen damals sehr uniform.

Von den drei Beschreibungen Ende 1888 durch PC Smith, Schwartz und Lawende blieb im Sommer 1890 nur die von Lawende übrig. So scheint es via Swanson am Ende gewesen zu sein.

Ich vermute mal eher einen ganz trivialen Grund: Die Commercial Road war eine wichtige Durchgangsstraße mit vielen Passanten und Berufsverkehr - hier konnte Packer zu bestimmten Zeiten mehr Umsatz mit Laufkundschaft machen als in seinem Laden der Berner Street. Er kam gewissermaßen seinen Kunden entgegen. Wer macht schon einen Umweg in eine Nebenstraße, um Obst zu kaufen, wenn es auch an der Hauptstraße solche Händler gibt? Also stellte sich Packer mit einem Obstkarren dahin, wo mehr potentielle Kunden vorbeikamen.

Auch diese Perspektive ist wohl eher die Wahrheit.

Was mich eben weiterhin wachsam sein lässt, sind eben jene Kosminski Konstellationen um den Stride Tatort herum. Aaron Kozminski muss mit seinem Bruder Woolf 1882, nach ihrer Ankunft, in der 38 Berner Street gelebt haben. Er ist der einzige Kosminski, der zu der Zeit der Morde in Colney Hatch landete. War er tatsächlich dieser Verdächtige "Kosminski", dann kann man ihn direkt in Verbindung mit dem Dutfields Yard bringen, einem Tatort. Irgendwie blieb das eben auch 1888 so, mit der Adresse in der 25 Providence Street. Denn das war nur 1 Minute Fußweg von diesem Yard entfernt. Nicht nur Packers "nächste Straße" könnte die Providence Street gewesen sein sondern auch die Greenfield Street, wo eben noch zwei weitere Geschwister lebten. Und genau da, will Packer seinen Verdächtigen wiedergesehen haben. Dazu kommt, dass Woolf nach dem Double Event aus der Providence Street wegzog. 1891, nach Aaron Kozminski´s Einweisung, zogen dann auch Isaac und Matilda aus der Greenfield Street weg, Woolf zog es dann nach weiter nach Manchester (dahin, wo Jacob Cohen herkam). Als "Kosminski- Anhänger" und aufgrund dieser Konstellationen bin ich eben geneigt zu denken, dass Packer eben tatsächlich Aaron Kozminski zwischen 23 Uhr und 23.30 Uhr mit Stride gesehen haben könnte. Um 00.30 Uhr muss das nicht mehr der selbe Mann gewesen sein, den dann PC Smith sah. Es muss auch nicht BS Man gewesen sein (gesehen durch Schwartz um 00.45 Uhr), welchen Packer um 23.30 Uhr letzmalig sah, dieser muss auch nicht der Mann von PC Smith gewesen sein sondern eben ein dritter Mann. Ich habe bei BS Man immer meine Zweifel, da er damit rechnen musste, dass Pipeman und Schwartz mit einem Polizisten oder anderer Verstärkung wiederkommen könnten. Wahrscheinlicher ist wohl ein vierter Mann, der um kurz vor 1 Uhr auftauchte, von wo auch immer, dann aber durch die Ankunft von Diemschütz gestört wurde. Macnaghten "brachte" die drei jüdischen Männer aus der Duke Street (also Lawende, Levy und Harris) in seinen Aussagen einmal in die Berner Street/ Dutfields Yard. So wird es allgemein angenommen. Ich frage mich jedoch, ob er damit nicht Schwartz/ Diemschütz und/oder Pipeman/BS Man meinte. Die ersten beiden waren ja auch Juden...

Man kann diese ganzen Möglichkeiten durchspielen, immer und immer wieder... aber sah Packer tatsächlich Kosminski um 23.30 Uhr letztmalig und das mit Stride, dann muss die Polizei es in Betracht gezogen haben, dass eben jener Kosminski um 1 Uhr erneut dort auftauchte. Wir wissen, dass Kosminski derjenige war, der dem Verdächtigen vom PC am Mitre Square ähnelte. Wir wissen, dass die blutige Wäsche in der Batty Street genau zwischen den beiden Straßen Greenfield Street und Providence Street entdeckt wurde und das es diesbezüglich eine Observation gegeben hat. Wir wissen auch, dass die Polizei diese Wäsche einer uns unbekannten Person zuordnen konnte. Das sind alles Gründe, warum ich bezüglich Packer immer wachsam bleiben werde. Ich sehe das dennoch nicht als 100,90 oder 80prozentige Chance aber als gute 50:50 Chance an.

Diese drei Locations und das so nahe, also die Adressen von Isaac und Matilda in der Greenfield Street und die von Woolf in der Providence Street (und etwas später der Yalford Street neben der Greenfield Street) könnten ja auch ein Hinweis sein zu den Bemerkungen von Sims und Cox, dass der Verdächtige nicht nur an einem Ort zu finden gewesen war und das eben auch nachts. Diese drei (vier) Adressen liegen dicht zusammen. Die von Isaac und Matilda in der Greenfield Street sogar gegenüber. Und Cox nutzte einen Shop gegenüber dem des Verdächtigen. So einfach war das sicherlich nicht zu finden, gerade in einem solchen Falle. Und hierbei könnte Matilda geholfen haben. Gegenüber, der Bruder, Isaac, betrieb eine Schneiderwerkstatt als Produzent. Vielleicht betrieb er im vorderen Bereich auch noch eine Art Werksverkauf, aber das weiß man nicht. Und hier greift wieder die Aussage von Mrs. Kuer, dass die Wäsche zu einem Schneider gehörte, der dort im Umkreis für das West End produzierte.

Der PC vom Mitre Square, der Seaside Home Zeuge, Mrs. Kuer und Packer sind für mich die interressantesten Zeugen. Aber wir wissen nicht genug über sie. Wir wissen zwar, dass der PC jemanden sah, der aussah wie "Kosminski" und wir wissen, dass der Seaside Home Zeuge "Kosminski" (zunächst) identifizierte aber wir wissen nicht was genau beide sahen und wo genau sie es bemerkten. Wir wissen nicht, wem die blutige Wäsche gehörte, Frau Kuer wusste das aber und wir wissen nicht, wen Packer mit Stride sah und später erneut wiedererkannt haben wollte. Der PC, der Seaside Home Zeuge als auch Mrs. Kuer sollten sehr ernst genommen worden sein und sie sprachen bzw. mussten gar die Wahrheit gesprochen haben. Bei Packer bleiben aber eben auch Zweifel.

Ich will immer verstehen, warum Anderson und Swanson so überzeugt von "Kosminski" gewesen waren. Der PC als auch der Seaside Home Zeuge haben da sicherlich ganz viel Gewicht. Aber da muss noch vieles mehr gewesen sein. Was, wenn Mrs. Kuer und Packer tatsächlich auch noch "Kosminski" sahen oder zumindest nahe Angehörige von ihm?

Aber am Ende, dass muss ich zugeben, wiederhole ich mich auch nur immer wieder.

Beste Grüße, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 10.06.2016 19:00 Uhr
Hallo Lestrade!

Mir ist noch ein Indiz dafür eingefallen, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass JTR vor den Morden gegenüber seinen Opfern den Kavalier mit Ausgehen und Geld ausgeben spielte:

Korrigiere mich, wenn ich mich irren sollte: Aber soweit ich weiß, fand die Polizei bei den Opfern keinen Liebeslohn. Und da in dieser Branche im Voraus kassiert wird, lässt dies m.E. nur den Schluss zu, dass JTR das Geld nach dem Mord wieder an sich nahm.
Wenn er auch den Sündensold wieder an sich nahm, weil es ihm zu schade dafür war, es in ihren Taschen zu lassen - warum hätte er seinen Opfern vor ihrem Tod irgendetwas gönnen sollen?


MfG, Arthur Dent


Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 10.06.2016 20:54 Uhr
Hallo Arthur und danke,

Ich bin mir nicht sicher aber meine ein Brot hat damals so umgerechnet zwischen 45-50 Pfennige gekostet. Wenn ich Packer´s Angabe zu den Weintrauben sehe, dann bezahlte der Mann ca. um die 25 Pfennige für ein halbes Pfund für selbige. Ein halbes Pfund Weintrauben ist jetzt auch nicht so die Menge und er wird wohl auch selber davon gegessen haben. Ich könnte mir in so einem Falle (also falls Opfer und Ripper) nicht absolut vorstellen, dass er zusah, wie Stride alleine die Weintrauben verspeiste. Möglich ist das natürlich. Stellen wir uns aber vor, dass Packer sich in der Zeit irrte und PC Smith das gleiche Pärchen sah, dann hielt der Mann etwas in der Hand, was Packer nicht sah. So wäre es ja möglich, dass der Mann die Weintrauben selber in der Hand hielt. 

Bei allem jetzt einen Kavalier zu sehen (von "Ausgehen" mal ganz abgesehen), davon war meinerseits auch nie die Rede. Einem potentiellen Opfer mal einen Drink zu spendieren oder vielleicht auch eine handvoll Weintrauben, würde ich dem mutmaßlichen Ripper aber schon zutrauen. Wir müssen ja auch in Betracht ziehen, dass er etwas an Einkommen erzielte und über etwas Kleingeld verfügte. Ich denke, es wäre auch logisch anzunehmen, dass er viele Frauen ansprach, die glücklicherweise nicht zum Opfer wurden. Da werden sie manchmal bereits am gesuchten Örtchen gewesen sein und vielleicht hatte das Geld schon seinen Besitzer gewechselt als der Ripper gestört wurde bzw. sich gestört fühlte und das alles nicht mehr sicher war. Möglich, dass er das Geld hier und da wieder entwenden konnte aber gelang das dann in jedem Falle? Im Falle Nichols muss auch noch keine Bezahlung stattgefunden haben und ob die Blitzattacken immer nach der Bezahlung stattfanden, können wir vermuten aber wissen tun wir es nicht. Nimm BS Man, da fällt es mir schwer (falls der Mörder), dass man noch über Geld verhandelt hatte, nachdem er sie attackiert hatte. Ein Blowjob kostete wohl einen Shilling, also 100 Pfennige. Das er hier und da mal einen Shilling verlor, da machen 12-13 Pfennige in Weintrauben anteilsmäßig für Stride wohl nicht viel aus.

Auch wenn er von seinen Opfern angesprochen wurde, er musste etwas mit ihnen kommunizieren, bis ein geeigneter Ort gefunden wurde bzw. diese zugänglich wurden. Der Ripper gehörte sicherlich zu den Menschen, wo sich die Zunge erst nach etwas Alkohol löst. Bevor er auf Opfersuche ging, gönnte er sich daheim oder in einem Pub sicherlich einen oder mehrere Drinks. Seine Opfer waren auch Alkoholkrank. Wenn solche Menschen dann zusammenkommen, fehlt sicherlich jegliche Romantik. Ein beiläufiger Kauf einer handvoll Weintrauben ändert meiner Meinung auch nichts daran. Es wäre ja möglich, dass sie auf dem Weg in den Yard feststellen mussten, dass der gerade noch zu unsicher war. Dabei standen sie bildlich gesprochen vor der Auslage Packers. Das wäre für beide vielleicht sogar praktisch gewesen, auf ein paar Weintrauben zurückzugreifen. Ein potentieller Kunde, der dann nicht bereits ist sie auf ein paar Weintrauben einzuladen, verspricht vielleicht am Ende kein gutes Geschäft und das warten würde sich für Stride nicht lohnen. Was hätte ein Ripper in dieser Situation gemacht? Verneint?

Für einen normalen Freier bei Stride, wird dieses Szenario sicherlich stark in Betracht gezogen. Man trifft sich, muss noch warten und vertreibt sich die Zeit mit ein paar Weintrauen. Für den Ripper wird ein solches Verhalten abgelehnt. Ich verstehe das ja auch aber wenn man auf Douglas, Hazelwood und ihrem Team vertraut, dann hätte der Ripper in einer Befragung nicht mit der Wimper gezuckt, wenn er mit dem Vorwurf der Polizei konfrontiert worden wäre, der Whitechapel Mörder zu sein. Hätte ihn da ein alter Mann wie Packer gejuckt?

Wie schon angesprochen, ich möchte nicht, dass hier der Eindruck entsteht, dass Jack the Ripper mit seinen Opfer ausging und den Kavalier spielte indem er ihnen Weintrauben o.ä kaufte. Diesen Eindruck wollte ich nicht vermitteln.

Er musste mit ihnen irgendwie kommunizieren, so lange, bis eine geeignete Location gefunden wurde bzw. diese zugänglich war. Bei 1 Stunde oder gar 1,5 Stunden bin ich da selber sehr skeptisch. Aber bei 20- 30 Minuten zwischen Freier und Prostituierte bzw. Ripper und Opfer vor dem Sex sehe ich das als sehr wahrscheinlich an, was das Zeitvolumen betrifft. Log Packer nicht sondern irrte sich nur mit der Zeit, dann muss er Stride um ca. 00.00 Uhr das erste Mal in jener Nacht gesehen haben. Ihre Kleidung war trocken, sie kann vorher schwerlich auf der Straße gewesen sein. Diese Möglichkeit möchte ich einfach im Auge behalten.

Gleich geht die EM los... wünsch mir viel Spaß... :Laie_23mini:

Beste Grüße,

Lestrade.

P.S.: Die Wertangaben bitte nicht unbedingt für "bare Münze" nehmen! Ich schrieb nur aus der Erinnerung.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 11.06.2016 09:15 Uhr
Hallo Lestrade!

Vielleicht hätte ich den "Kavalier" in Anführungszeichen setzen sollen, der Begriff ist in diesem Kontext in der Tat missverständlich - denn ich meinte damit natürlich das, was im Getto Whitechapel unter armen Arbeitern, Tagelöhnern, Obdachlosen und Alkoholikern schon als "galantes" Verhalten gegenüber einer Frau angesehen wurde: Dass sie nämlich ihre Getränke und ihr Essen nicht selber zahlen muss, dass man ein kleines Geschenk mitbringt und vor dem Sex noch etwas Konversation macht, statt gleich in die nächste dunkle Ecke zu verschwinden.

Aber unterschätze bitte nicht die Kosten der Trauben für einen Gettobewohner: Du hast selbst eine grobe Größenordnung der Preise angeführt, wonach dieses viertel Pfund Trauben rund die Hälfte eines Brotlaibs kostete. Das wäre je nach Größe des Brotes rund eine halbe oder gar eine ganze Tagesration Brot als Gegenwert für diese Trauben.
Für die ärmere Hälfte im Getto wäre das durchaus nicht wenig gewesen, denn sie lebten von der Hand in den Mund und mussten das meiste, was sie irgendwie verdienten, für das tägliche Essen und Trinken und einen Schlafplatz wieder ausgeben.

Es stimmt zwar auch meiner Ansicht nach, dass JTR nicht ganz mittellos gewesen sein konnte, dass er nicht zu den untersten Schichten Whitechapels gehören konnte, denn zu arm hätte bedeutet, dass er kein Sexgeschäft mit den Frauen hätte abschließen können. Wenn schon sein Äußeres gezeigt hätte, dass auch er in Obdachlosenunterkünften pennt, wären die Frauen davon ausgegangen, dass er kein oder nicht genug Geld für das Geschäft hat, bzw. er ihnen den Liebeslohn danach wieder abnehmen würde.


Zitat
Der Ripper gehörte sicherlich zu den Menschen, wo sich die Zunge erst nach etwas Alkohol löst. Bevor er auf Opfersuche ging, gönnte er sich daheim oder in einem Pub sicherlich einen oder mehrere Drinks. Seine Opfer waren auch Alkoholkrank. Wenn solche Menschen dann zusammenkommen, fehlt sicherlich jegliche Romantik.

Eben deshalb erscheint mir das Trauben-Kaufen etwas zu galant für zwei arme Alkoholiker beim Abschluss eines Sex-Geschäfts, zumal wenn der Mann ein frauenhassender Mörder ist.

Es sei denn, dieses Essen wäre ein Teil des Preises gewesen... Das wäre eine Möglichkeit, an die ich bisher nicht gedacht habe: Die Bezahlung im Voraus mit Lebensmitteln oder in Alkohol hätte für die Prostituierten den Vorteil gehabt, dass ein skrupelloser Freier ihnen hinterher den Lohn nicht wieder abnehmen kann.
Danke, Lestrade. Deine Ausführungen haben mir da gerade eine neue Perspektive eröffnet.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.06.2016 14:21 Uhr
Hallo Arthur!

Ich habe für Packer nur das:

I sold him 1/2 pound black grapes 3d


Das wären ca. 25 Pfennige für knapp 250g dunkle Weintrauben. Die 45-50 Pfennige waren, so meine ich mich zu erinnern, für ein vier Pfund Brot. Ein Pfund Weintrauben hätten dann soviel gekostet wie ein ganzes Brot. Ein halbes Brot kosteten somit die paar Weintrauben, da hast du recht. Eine Übernachtung in einem Lodging House soll auch ab 30 Pfennige gekostet haben... Ein Brot, ein paar Weintrauben und eine Übernachtung waren für einen Blowjob drin... ich weiß jetzt nicht, was ein Drink kostete aber eine Prostituierte die Alkoholikerin war und essen, schlafen und trinken wollte, war wohlmöglich gezwungen, jeden Tag ihrem Geschäft nachzugehen... wer weiß, wie oft sie auch ausgeraubt oder erpresst wurden usw. Schlimm das ganze...

Du meintest eher ca. ein viertel Kilo Weintrauben und nicht ein viertel Pfund? Oder hast du noch eine andere Angabe von Packer zur Hand? Aber wie schon erwähnt, bei diesen Daten und Angaben bin ich kein zuverlässiger Partner...

Da gibt es noch die Story von Annie Tapper, die ihm eigentlich die Trauben verkauft haben wollte. Erzählte sie jahrzehnte später Tom Cullen, kennste wahrscheinlich:

“Er war groß und dunkel, ausländisch aussehend würde ich sagen, mit einem schwarzen, spitz zulaufenden Bart. Ich könnte dafür aber nicht die Farbe seiner Augen sagen, denn er hielt seinen Blick nach unten. Aber er trug einen Bobtail- Mantel mit gestreifter Hose und er trug eine Reisetasche… Er sah aus, als wäre er für eine Hochzeit angezogen, nur dass er keinen Zylinder hatte."

“Ich kaufte mir für einen halben Penny Rotkohl und für einen halben Penny Chips und setzte mich sofort hin und aß sie auf“

“Damals dachte ich, dass es im Himmel keine größeren Freuden geben könnte“

“Almira waren es, diese blaßgrünen“


Für Rotkohl und Chips brauchte sie einen Penny. Man wurde wahrscheinlich besser satt als mit drei Pence für ein paar Weintrauben. War dann wohl tatsächlich eher Luxus diese Weintrauben damals...

Ansonsten ist das wahrscheinlich nicht besonders relevant.

Apropos "Zeugen" aller Art. Das ist wohl wichtiger:

Vielleicht kennst Du auch Mary Berkin, Enkelin von Swanson.

2006:

It was general knowledge that my grandfather knew the name of the killer, and that there was no evidence except from a Jewish man who would not give evidence for ethical reasons

http://www.jtrforums.com/showpost.php?p=180755&postcount=1

2012:

Beim Tee...

From what I heard I gathered that Grandfather had been in charge of the case, knew who was the perpetrator but couldn't bring him to justice without the co- operation of one who might have had knowledge of the suspect's movements. That someone was a fellow Jew who declined on religious grounds. The 'proof ' was that the crimes ceased when the suspect was sent away from London.

the co- operation of one who might have had knowledge of the suspect's movements.

http://www.jtrforums.com/showpost.php?p=181684&postcount=11

Wie betrachtest Du das?

Gruß, Lestrade.

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 25.06.2016 13:00 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
Wie betrachtest Du das?


Nun, das bestätigt doch nur das, was Anderson, Swanson und Co. auch geschrieben haben. Er hat demnach privat dasselbe gesagt, wie er später in die Memoiren schrieb.

Wir haben unabhängig voneinender mindestens vier an den Ermittlungen beteiligte Polizisten, die wiederholt gesagt haben: Wir kannten den mutmaßlichen Mörder eigentlich, hatten aber nicht genug Beweise um ihn zu verhaften, und der Fall endete schließlich damit, dass er in eine Anstalt eingewiesen wurde.
Und es ist eine weitere Bestätigung dafür, dass es irgendwann eine Art Gegenüberstellung mit einem Zeugen gab, der aber schließlich doch nicht bereit war, gegen den Verdächtigen auszusagen.
Der Hinweis, dass dieser Zeuge vermutlich die Bewegungen des Verdächtigen kannte, lässt zudem auf eine Person in der Nähe des Verdächtigen schließen.

Ich denke, mit unseren Thesen zu den Anstaltsinsassen sind wir auf dem richtigen Weg.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 25.06.2016 13:16 Uhr
... lässt zudem auf eine Person in der Nähe des Verdächtigen schließen

Genau das meinte ich, Arthur! Jemand hat den Verdächtigen irgendwo hingehen sehen, wahrscheinlich mit einem späteren Opfer, und auch wieder weggehen sehen. Der Verdächtige selber, hat das auch so registriert und wusste, als er dem Zeugen gegenübergestellt wurde, dass er nun identifiziert werden wird.

Ich weiß nicht, wer dieser Zeuge sein könnte aber mir fällt spontan der Watchboy der Aldgate High Station ein, der jemanden mit Eddowes Richtung Mitre Square gehen sah und den gleichen Mann dann aber auch jenen Ort wieder verlassen gesehen hat, diesmal allein.

Ich vermute, unser Seaside Home Zeuge sah so etwas ähnliches, wo auch immer.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 25.06.2016 13:26 Uhr
Es könnte aber vielleicht auch ein Polizist gewesen sein - der berühmt berüchtigte PC vom Mitre Square...
Es hieß doch auch: man war einmal kurz davor, den mutmaßlichen Mörder zu verhaften.
Wie wäre es, wenn es diesen PC tatsächlich gab und er zur Tatzeit nicht realisierte, was da vorging und JTR somit entwichen ließ.
Nun hatte die Polizei ein PR-Problem, als der Verdächtige irgendwann später dem PC gegenübergestellt wurde und er sagte, dass diese Person es gewesen sein könnte, die er mit dem Opfer sah: Damit hatte die Polizei einen erneuten Mord zugelassen und den mutmaßlichen Täter entwichen lassen.
Also wurde es verschwiegen, zumal der dringend Verdächtige sowieso schon in einer Anstalt verwahrt wurde und der jüdische Zeuge die Identifkation verweigerte.
Es ist doch interessant, dass es nur diese Andeutungen über einen PC am Mitre Square gibt und nicht mehr, so als wäre da jemandem etwas unbeabsichtigt herausgerutscht, was eigentlich nicht hätte bekannt werden sollen. Die Bewegungen, Beobachtungen und Handlungen der PCs sind doch ansonsten recht genau dokumentiert

Was denkst du?


MfG, Arthur Dent

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 25.06.2016 13:45 Uhr
Ja, es gehört auch zu meinen Überlegungen, ob dieser Watchboy/Watchman nicht tatsächlich jener berüchtigte PC vom Mitre Square gewesen war aber somit auch gleichzeitig der jüdische Zeuge im Seaside Home. Haben wir hier einen jüdischen Wachmann, dann könnte Beamte (Macnaghten) oder andere Personen (Sims) der Öffentlichkeit, einen einfachen Wachmann mit einem Konstabler fälschlicherweise oder unbedacht gleichgestellt haben. Somit hätte es gar keinen richtigen PC gegeben. Vielleicht wäre dann dieser Wachmann mal bei der Polizei gewesen, früher in seinem Leben. Seine Beobachtung hätte der Polizei ja unmittelbar nach Auffinden der Leiche von Eddowes zur Verfügung gestanden haben können und sie, die Polizei, konnte tatsächlich noch eine Spur aufnehmen. Dennoch, glaubt man den Ausführungen von Sims, Cox und Sagar absolut, dann gab es tatsächlich einen richtigen PC... und somit zusätzlich den Seaside Home Zeugen...

Irgendwie bevorzuge ich diesen Zeugen in der Dorset Street. Da standen Kutschen vor dem Miller´s Court. Vielleicht sah den Täter dort jemanden rein und rausgehen, rein mit Kelly, raus natürlich alleine. Das ist aber unbegründet bei mir, reines Bauchgefühl...   
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 26.06.2016 09:42 Uhr
Moin Lestrade!

Dass der "PC vom Mitre Square" vielleicht ein ehemaliger Polizist gewesen sein könnte, der nun als privater Wachmann arbeitete, finde ich eine gute Idee. Das könnte erklären, wieso wir diesen dubiosen PC nicht namentlich auffinden können, obwohl die Beats der PCs ja eigentlich bekannt sind.

War da nicht noch dieser Wachmann, der auf einen Mann traf, der ihn fragte, ob er vielleicht ein Pärchen gesehen habe? Müsste ich nochmal nachlesen...

Eine andere Möglichkeit wäre noch, dass entweder PC Watkins oder PC Harvey doch auf das Pärchen getroffen ist, bevor der Ripper zuschlug, und der PC einfach weiterging, weil er nichts verdächtiges bemerkte - das wäre natürlich für die Polizei extrem unangenehm gewesen, so dass man es vielleicht vertuschen wollte.

Ich glaube, ich muss das alles nochmal nachlesen und neu darüber nachdenken.


MfG, Arthur Dent

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 26.06.2016 12:29 Uhr
Yep, Blenkingsop:

http://www.casebook.org/witnesses/james-blenkingsop.html

George Morris war auch ein Ex Polizist:

http://www.casebook.org/witnesses/w/George_Morris.html

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 26.06.2016 12:54 Uhr
Stimmt, das war Blenkingsop.

Jedenfalls fehlt uns am Tatort Mitre Square ein wichtiger Zeuge - nämlich derjenige, der den Polizisten sagte, dass da ein Mann Richtung Osten verschwunden ist, weswegen Halse und Co. sofort durch Gravel Lane und Stoney Lane die Verfolgung aufnahmen.

Es könnte PC Watkins gewesen sein, der den Verdächtigen aus der Mitre Street verschwinden sah, bevor er den Square betrat und Eddowes fand, immerhin schrieb Cox:
"The least slip and another brutal crime might have been perpetrated under our very noses. It was not easy to forget that already one of them had taken place at the very moment when one of our smartest colleagues was passing the top of the dimly lit street."

Vielleicht bezog sich das auf PC Watkins oder PC Harvey...


MfG, Arthur Dent

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 26.06.2016 14:50 Uhr
Vielleicht könnte dich das dazu interessieren:

http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,1395.msg22025.html#msg22025

(Bedenke, ist fast 4,5 Jahre her)
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 29.06.2016 12:15 Uhr
Zu den Zeugen bezüglich Mitre Square, hier ein paar Anmerkungen:

The Daily Telegraph, 13 November 1888:

http://www.casebook.org/press_reports/daily_telegraph/dt881113.html

"About ten minutes before the body of Catherine Eddowes was found in Mitre-square, a man about thirty years of age, of fair complexion, and with a fair moustache, was said to have been seen talking to her in the covered passage leading to the square. On the morning of the Hanbury-street murder, a suspicious looking man entered a public-house in the neighbourhood. He was of shabby-genteel appearance and had a sandy moustache. The first of these descriptions was given by two persons who were in the Orange Market and closely observed the man. The City police have been making inquiries for this man for weeks past, but without success, and they do not believe that he is the individual described by Cox. On the other hand the Metropolitan authorities are inclined to attach significance to it."

Die erste Beschreibung mit den 10 Minuten, passt eigentlich zu Lawende und Co. und zur Church Passage. Dennoch wird hier von zwei Männern vom "Orange Market" (also St. James Place) gesprochen.

Lawende, Levy und Harris machten jedoch ihre Beobachtungen von der Duke Street aus.

Einen Tag vorher, erfahren wir im Prinzip von einem weiteren Zeugen vom Mitre Square;

Daily News, 12 November 1888:

http://www.casebook.org/press_reports/daily_news/18881112.html

On Saturday afternoon a gentleman engaged in business in the vicinity of the murder gave what is the only approach to a possible clue that has yet been brought to light. He states that he was walking through Mitre square at about ten minutes past ten on Friday morning, when a tall, well dressed man, carrying a parcel under his arm, and rushing along in a very excited manner, ran plump into him. The man's face was covered with blood splashes, and his collar and shirt were also bloodstained. The gentleman did not at the time know anything of the murder.

Spannend dabei ist, dass diese Beobachtung Wochen nach dem Mitre Square Mord erfolgte, nämlich nach dem Mord im Miller´s Court. Diese Beobachtung fand um ca.10.10 Uhr statt, Kelly wurde eine halbe Stunde später aufgefunden. Mal angenommen, es handelte sich um Jack the Ripper, dann suchte er kurz nach dem Mord an Kelly, noch blutverschmiert, seinen letzten Tatort auf.

Am 10 November 1888 erfahren wir von einer Verhaftung, die, wie ich finde, sehr interessant ist:

http://www.casebook.org/press_reports/evening_news/18881110.html

In der North London News & Finsbury Gazette vom 17 November 1888 finden wir das ganze dann noch einmal:

"One unfortunate foreigner, whose physiognomy was certainly not prepossessing, was taken into Commercial- street Police- station, when it turned out that that it was the third time he had been arrested on suspicion of being "Jack the Ripper," in the course of these murders. What with his odd face, his deprecatory shrugs and posturings, and his broken English as he tried to answer the interrogatories put to him, his examination was irresistibly comic "How d'ye manage to get into trouble like this, then?" demanded an officer, "What do you do? What makes people pounce on you?" "Dat is ze zing," said the unlucky fellow spreading the palms of his hands and shrugging his shoulders. "Zat is what I like to know. Why do zey?" He had given a false name at his lodging house, but that, he tried to explain, was because "it eez not grand to leave in a lodging house.""

Kurz nach Kelly wird ein bestimmter Mann zum dritten mal von der Polizei verhaftet und befragt. Ich denke unweigerlich an den ganzen Verhaftungen nach dem Double Event, wie ich kürzlich beschrieben hatte und an die Verhaftungen Mitte Oktober 1888 bezüglich der blutigen Wäsche in der Batty Street. Dieser Mann, könnte hier nun bereits zum dritten Male aufgefallen sein. Hierbei fiel er wahrscheinlich in einem Lodging House auf und gab auch einen falschen Namen an. Zu den Beschreibungen nach dem Double Event, muss ich immer an den Mann mit dem violetten Schal denken, den ein Konstabler ca. einen Tag nach dem Eddowes Mord ebenfalls nahe Mitre Square fand. Wenn Jack the Ripper, kehrte er da schon bereits an diesen Tatort zurück?

Und so, wie diese Beschreibungen waren, 1 Oktober, Batty Street Vorfall oder eben jener Mann, der zum dritten Mal auffiel, ist es genau, wie ich mir Jack the Ripper vorstelle. Ein Mann, der sich wohlmöglich geistig so benahm, dass man ihm die Morde irgendwie gar nicht zutraute. Eher eine hilflose, etwas verwirrte Person, der eigentlich unschuldig wirkte.

Schaut dazu in diese Fäden:

http://forum.casebook.org/showthread.php?p=386257#post386257

http://www.jtrforums.com/showthread.php?p=298195#post298195
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 01.07.2016 18:33 Uhr
Hallo Lestrade!


Zitat
Spannend dabei ist, dass diese Beobachtung Wochen nach dem Mitre Square Mord erfolgte, nämlich nach dem Mord im Miller´s Court. Diese Beobachtung fand um ca.10.10 Uhr statt, Kelly wurde eine halbe Stunde später aufgefunden. Mal angenommen, es handelte sich um Jack the Ripper, dann suchte er kurz nach dem Mord an Kelly, noch blutverschmiert, seinen letzten Tatort auf.

Nun ja, wenn JTR am Vormittag nach dem Kelly-Mord noch mal zum Mitre Square gegangen wäre, dann hätte er wohl aber mit ziemlicher Sicherheit zuvor die Blutflecken an sich entfernt - es sei denn, er arbeitete im Metzger-Milieu und ging während seiner Arbeit, z.B. bei einer Fleischlieferung, dort vorbei.


Zitat
Und so, wie diese Beschreibungen waren, 1 Oktober, Batty Street Vorfall oder eben jener Mann, der zum dritten Mal auffiel, ist es genau, wie ich mir Jack the Ripper vorstelle. Ein Mann, der sich wohlmöglich geistig so benahm, dass man ihm die Morde irgendwie gar nicht zutraute. Eher eine hilflose, etwas verwirrte Person, der eigentlich unschuldig wirkte.

Das mit dem "harmlos verrückt" erinnert mich an den Nichols-Mord: Da soll doch am Morgen bei den Gleisen nahe des Tatortes vom Stellwärter Thomas Eade ein als "harmloser Irrer" bekannter Mann namens Henry James gesehen worden sein.



MfG, Arthur Dent

 


Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 01.07.2016 19:14 Uhr
Hallo Arthur!

Das mit dem "harmlos verrückt" erinnert mich an den Nichols-Mord: Da soll doch am Morgen bei den Gleisen nahe des Tatortes vom Stellwärter Thomas Eade ein als "harmloser Irrer" bekannter Mann namens Henry James gesehen worden sein.

Er sah ihn nach dem Chapman Mord, wurde aber als Zeuge im Nichols Fall gerufen. Wahrscheinlich, weil er diesen Mann nicht weit von der Bucks Row bemerkte. Da waren wohl noch drei andere Männer die James sahen und Ede sprach auch mit ihnen. Dann verfolgte er den Mann, bis dieser unter einer, ich nehme an, Unterführung verschwand. Das Forester's Arms Public House, in der Nähe sah er James, lag hinter der Bucks Row in der Brady Street. Henry James klingt jetzt nicht nach einem "Foreigner".

In dem Bericht mit dem Mann der zum dritten Mal verhaftet wurde, sprach man auch noch von einem anderen Verdächtigen, einem großgewachsenen Mann. Der von mir erwähnte Mann mit dem violetten Schal, wurde jedoch als kleingewachsen beschrieben. Er und der Mann im Mitre Square nach Kelly, werden wohl nicht identisch sein. Letzerer könnte jedoch der große Mann sein, der eben in jenem Bericht in der Finsbury Gazette Erwähnung fand und ebenfalls Blutflecken aufwies. Vielleicht war das tatsächlich ein Schlachter.

Gruße, Lestrade. 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 03.07.2016 20:05 Uhr
Hallo Lestrade,

falls JTR tatsächlich so wie manch anderer Serienmörder das Bedürfnis hatte, zu den Tatorten zurückzukehren oder gar bei der Entdeckung der Morde unter den Schaulustigen zu stehen, um sich einen zusätzlichen Kick zu holen - da fällt mir gerade wieder jene Geschichte ein:


London Times, 10. November 1888:

A Mrs Paumier, a young woman who sells roasted chestnuts at the corner of Widegate-street, a narrow thoroughfare about two minutes' walk from the scene of the murder, told a reporter yesterday afternoon a story which appears to afford a clue to the murderer. She said that about 12 o'clock that morning a man dressed like a gentleman came up to her and said, "I suppose you have heard about the murder in Dorset-street?" She replied that she had, whereupon the man grinned and said, "I know more about it than you." He then stared into her face and went down Sandy's-row, another narrow thoroughfare which cuts across Widegate-street. Whence he had got some way off, however, he vanished. Mrs Paumier said the man had a black moustache, was about 5ft 6in, high, and wore a black silk hat, a black coat, and speckled trousers. He also carried a black shiny bag about a foot in depth and a foot and a half in length. Mrs Paumier stated further that the same man accosted three young women, whom she knew, on Thursday night, and they chaffed him and asked him what he had in the bag, and he replied, "Something that the ladies don't like." One of the three young women she named, Sarah Roney, a girl about 20 years of age, states that she was with two other girls on Thursday night in Brushfield-street which is near Dorset-street, when a man wearing a tall hat and a black coat, and carrying a black bag, came up to her and said, "Will you come with me?" She told him that she would not, and asked him what he had in the bag, and he said, "Something the ladies don't like." He then walked away.


Die Beschreibung des Mannes als 5 feet 6 inches groß mit Schnurrbart passt zu anderen Zeugenaussagen. Und - äußerst interessant für die Jacob Levy These - der Verdächtige ging nach seiner Provokation die Sandy's Row hinab, die in die Middlesex Street mündet...


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 04.07.2016 12:09 Uhr
Hallo Arthur,

Mrs. Paumier/Pannier wurde offenbar auch sehr ernstgenommen. Sie sah den Mann ja aus Richtung Dorset Street kommen. Man sagt Artillery Row und meint sicherlich die Artillery Street mit Raven Row, wenn wir auf die Karte schauen. Sandy´s Row führt natürlich via Middlesex Street (Goulston Street) zurück ins "Zentrum" der Geschehnisse also in das Herz von Whitechapel. Nach den Ereignissen des Double Events, vermutete die Polizei sicherlich den Täter explizit in diesem Bereich.

Hier sieht man schön den Kreuzungsbereich Wide Gate Street/ Sandy´s Row:

http://wiki.casebook.org/index.php/Mrs._Paumier

Der Mann mit der schwarzen Tasche ist ja quasi das Sinnbild Jack the Rippers und es gibt einige Beobachtungen deswegen:

Fanny Mortimer, die offenbar Leon Goldstein sah.

http://www.casebook.org/witnesses/w/Fanny_Mortimer.html

Albert Bachert

http://www.casebook.org/dissertations/dst-bachert.html

Wolf Levisohn

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/cjmorley/117.html

Oliver Matthews

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/cjmorley/127.html

Perryman

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/cjmorley/147.html

Henderson

http://www.casebook.org/ripper_media/book_reviews/non-fiction/cjmorley/83.html

usw.

Ähnlich wie Mrs. Paumier klingen auch die Angaben von Sarah Lewis, die vielleicht identisch ist mit Mrs. Kennedy (siehe auch Kennedy sisters/ Sims), auch hier wieder die schwarze Tasche in jener Umgebung:

http://wiki.casebook.org/index.php/Sarah_Lewis

http://www.ripperologist.biz/pdf/ripperologist133.pdf

Mrs. Kennedy:

http://www.casebook.org/press_reports/morning_advertiser/18881112.html

Kennedys/ Sims:

http://www.casebook.org/press_reports/dagonet.html

"If a thorough and searching inquiry were made among the unfortunate women of the neighbourhood of the murders, it would be found that many of them know a man of this type (let the police show them a photograph or two of the Alton kind), and it will be found that many of them have seen him lately, and probably been spoken to by him. It was a man of exactly this type, I gather from the slight description (peculiar looking), who spoke to the Kennedys on the night of the last murder. Once fix this point and the police can narrow their search, for they will know the description and type of man for whom they must look."

Was mir plötzlich einfiel, als ich deinen Post las und imaginär den Mann durch die Sandy´s Row bis zu Levy´s Geschäft in der Middlesex Street folgte, war, ob da unglaublicherweise ein Zusammenhang zwischen Jacob Levy und Aaron Kozminski bestanden haben könnte. Immerhin erwähnte Anderson´s Frau "Stone" als Anstalt, also der Ort wo Jacob Levy am Ende landete, obwohl ihr Mann Robert dabei an Colney Hatch/ Leavesden gedacht haben musste. Die Levys und Kosminskis finden wir, du erinnerst dich, zweimal dicht beieinander. Einmal in der Fieldgate Street und dann später im Sion Square. Das waren Nachbarn. Dazu kommt Levy´s Verwandschaft in der Whitechapel Road (das Bordell), wo ein Cohen (Aaron Davis) auffiel, von dem wir nicht wissen, wie er wirklich hieß.

Jacob Levy ging es immer schlechter und er ruinierte das Geschäft. Seine Frau wird dieses wohl kaum alleine geführt haben und brauchte Hilfe. Hier könnte jemand wie Aaron Kozminski ins Spiel gekommen sein. Dieser war gesndheitlich genauso beeinträchtigt aber vielleicht in 1888 noch viel handlungsfähiger als Jacob. Frauen (wie auch Männer) neigen oft dazu, immer wieder den gleichen Typ zu wählen. Vielleicht spielte das bei der Suche nach Hilfe für ihren Mann Jacob eine Rolle. In solch einem Falle könnte die Hilfesuche einer Frau bei der Polizei im Oktober als auch im November/Dezember 1888 durchaus durch Sarah Levy erfolgt sein. Als irgendwann Anderson mit seiner Frau sprach, hätte er erwähnen können, dass Sarah Levy´s Mann nach "Stone" kam und dort verstarb und Miss Anderson hielt dann diesen Ehemann für Jack the Ripper obwohl eigentlich dessen "Ersatz", Aaron Kozminski, der mutmaßliche Killer war. Ich weiß, das klingt erst einmal absurd aber vielleicht war der Levy Shop tatsächlich jener Shop, den Cox überwachte. Von dort aus gelangte man schnell runter in die Butchers Row (Sagar) und in die Leman Street (wie von Cox erwähnt). Obwohl ich Jack the Ripper für vollkommen beziehungsunfähig halte, bedeutet das nicht, dass eine Frau versucht hätte, mit ihm etwas mehr anzufangen. Sarah könnte sich wegen der Erkrankung ihres Mannes sehr einsam und alleingelassen gefühlt haben und könnte dann Trost gesucht (aber nicht gefunden) haben bei einem Angestellten. Die Unfähigkeit des Rippers bezüglich normalen Geschlechtsverkehrs hätte in einer solchen Situation auch ein Auslöser für seine Taten sein können.

Mir war das vorher überhaupt nicht bewusst, wie dicht beide Familien zeitweise zuammenlebten und ich schaute, logischerweise, auf jeden Verdächtigen seperat. Es ist sicherlich vollkommen abstrakt, die beiden Verdächtigen Jacob Levy und Aaron Kozminski zusammen zu betrachten. Aber kann man so etwas absolut ausschließen?

Beste Grüße,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 04.07.2016 19:36 Uhr
Hallo Lestrade!

Interessante Idee, zumal wir ja wissen, dass die Beziehungen und Verflechtungen in der Gemeinde recht eng waren und man sich gegenseitig half. Darüber hinaus wissen wir ja von einem der beobachteten dringend Verdächtigen "he occupied several shops in the East End" - er wurde also offensichtlich von verschiedenen Leuten in verschiedenen Shops betreut / beschäftigt.

Und Jacob Cohen war ein Metzger. Wir hatten ja schon früher Überlegungen angestellt, ob er Aaron vielleicht zeitweise bei anderen Metzgern in der Butcher's Row untergebracht hatte. 
Eine Hilfstätigkeit im Metzgerhandwerk, z.B. Fleischauslieferungen, dürfte wohl weniger anspruchsvoll als eine Arbeit bei seiner Schneider-Verwandschaft und damit vielleicht einfacher für einen Menschen mit psychischen Problemen gewesen sein.

Und dass es vermutlich zu Verwechslungen in den Ermittlungen und Erinnerungen der Polizisten kam, darüber sind wir uns ja auch einig.

Mit dem ersten Teil deiner Überlegungen kann ich mich daher durchaus anfreunden, wonach Aaron Kozminski vielleicht zeitweise sogar bei Sarah Levy im Shop tätig war - die Spekulation über die Art des Verhältnisses zu Sarah geht mir dann aber doch etwas zu weit. ;-)


Jedenfalls passt die Beobachtung von Mrs. Paumier zum Butcher's Row Suspect.

Damit hätten wir für die räumliche Zuordnung eines Verdächtigen - wenn es denn tatsächlich immer dieselbe Person war - mehrere interessante Zeugen und Beobachtungen, die alle in dieselben Straßenzüge weisen:
Die Aussagen von Sagar und Cox zu Butcher's Row und Leman Street, der Weg des Rippers nach dem Stride-Mord Richtung Butcher's Row, die Verfolgung einer Spur nach dem Eddowes-Mord durch Gravel Lane und Stoney Lane, Mrs Fiddymonts Pub-Zwischenfall, der ebenfalls in die Richtung Middlesex Street / Butcher's Row deutet, dann Mrs. Paumiers Verdächtigen, der Richtung Middlesex Street / Butcher's Row ging und schließlich Hutchinson, der seinen Verdächtigen in der Petticoat Lane / Middlesex Street wiedergesehen haben will.


Die anderen Aussagen, die du aufgelistet hast, muss ich jetzt erst mal durchgehen. Danke dafür.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 04.07.2016 21:31 Uhr
Nabend Arthur und danke für deine Antwort!

Freue mich, dass Du für derartige Szenarien offen bist.

Mrs. Fiddymont ist natürlich auch sehr interessant. Aber vielleicht gab es da Zusammenhänge mit den Verdächtigen Piggott und Isenschmidt. Ehrlicherweise müsste ich das aber erst wieder nachlesen.

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 03.09.2016 14:08 Uhr
Hallo zusammen,

leider war ich in letzter Zeit arbeitstechnisch stark in Beschlag genommen, aber jetzt hatte ich mal wieder etwas Luft und Laune, die Jacob Levy Theorie etwas weiter auszubauen.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 03.09.2016 14:18 Uhr
Jack the Ripper – Tatverdächtiger Jacob Levy



Jacob Levy wurde 1856 als Sohn des Metzgers Joseph Levy im Londoner Eastend geboren, lebte und arbeitete im Viertel und wurde 1890 aufgrund der Folgen einer fortschreitenden psychischen Erkrankung in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, wo er 1891 starb. Als Todesursache wurde in den Anstaltsakten ein fortschreitender Verfall infolge einer Syphilis angegeben.
Seine Frau Sarah soll den Anstaltsakten zufolge nach der Einweisung gesagt haben, Levy habe beinahe sie und ihr Geschäft ruiniert, früher sei er ein guter Geschäftsmann gewesen. Aber er schlafe nun nachts nicht mehr, sondern wandere oft für Stunden ziellos umher. Auch befürchte er, jemandem etwas anzutun. Er höre Geräusche und Stimmen, die ihm befehlen und ihn zwingen Taten zu begehen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne.

Zu einem Verdächtigen im Fall der Whitechapel-Morde wurde Jacob Levy durch die Recherche zeitgenössischer Ripperologen in den Unterlagen der Nervenheilanstalten in und um London. Sie suchten darin nach jener Person, die in den Texten der hochrangigen Polizeibeamten Chief Constable Mcnaghten, Assistant Commissioner Anderson und Chief Inspector Swanson als der mutmaßliche Ripper erwähnt werden, und dessen Leben in einer Irrenanstalt geendet haben soll. Vier Verdächtige wurden gefunden: Aaron Kosminski, David Cohen, Hyam Hyams und Jacob Levy. Auf Levy treffen zahlreiche Aussagen der Polizisten und Zeugen sowie des modernen Profilings zu. 


Beruf Metzger:
Im Census und im London Business Directory ist als Beruf von Jacob Levy Metzger angegeben.

Für moderne Profiler ist das Töten von Tieren am Anfang der mörderischen Karriere typisch für die Biographie von Serienkillern, ein Metzgerjunge wächst damit auf und kann seine pathologische Veranlagung durch seine Berufswahl zugleich entwickeln, ausleben und kaschieren. 
Angesichts der Art der Verletzungen bei den Opfern gehen Gerichtsmediziner und Polizei damals wie heute davon aus, dass JTR zumindest grundlegende anatomische Kenntnisse besaß und auch bei schlechtem Lichtverhältnissen sicher mit einem Messer umgehen konnte. Kenntnisse über Anatomie und das Zerlegen von Körpern hatten damals vor allem beruflich damit beschäftigte Gruppen wie Chirurgen oder Schlachter - demnach könnte JTR also Metzger gewesen sein. Dies war z.B. die Meinung von Dr. Frederick Gordon Brown, der Catherine Eddowes untersuchte, und auch von Dr. George Bagster Phillips, der Annie Chapman obduzierte.
Die Tatwaffe soll Gerichtsmedizinern zufolge eine lange, schmale, gerade Klinge gehabt haben, wie sie typisch zum professionellen Zerlegen von Körpern ist, z.B. sog. Amputationsmesser von Chirurgen oder ähnliche Metzgerklingen wie z.B. ein Tranchiermesser.
Der Kehlenschnitt deutet ebenfalls auf einen Metzger hin, der es gewohnt ist, so das Schlachtvieh zu töten. Das Töten geschah schnell und effizient, die Verstümmelungen wurden post mortem zugefügt und von Opfer zu Opfer umfangreicher - womit das Töten vor allem Mittel zum Zweck, das eigentliche Ziel hingegen offenbar das Eröffnen und Ausweiden des Unterleibs der Opfer war. Organentfernungen unter Zeitdruck und bei sehr schlechten Lichtverhältnissen, ohne sich total mit Blut zu versauen, spricht für Erfahrungen im Schlachterhandwerk.
Ein Indiz dafür ist auch, dass der Ripper seine Opfer i.d.R. bis zur Bewusstlosigkeit bzw. zum Kreislaufkollaps würgte, bevor er das Messer ansetzte. Offenbar wusste er aus Erfahrung, dass ansonsten das Blut aus den Arterien kräftig spritzen würde, es so aber relativ langsam aus den Wunden rann. Dies verhinderte, dass er selber allzusehr vollgeblutet wurde und erleichterte die Entnahme der Organe, die ansonsten in ein Meer von Blut getaucht gewesen wären.


Motiv Syphilis:
Irgendwann im Zeitraum von 1880 bis 1886 muss sich Jacob Levy mit Syphilis angesteckt haben, die dann 1891 als Todesursache diagnostiziert wurde - vermutlich hat er sie sich wie viele Männer bei einer Prostituierten eingefangen.
Der Zeitraum ergibt sich zurückgerechnet aus dem statistischen Verlauf der Erkrankung: Da er im August 1890 in die Nervenheilanstalt City of London Asylum at Stone in Kent eingeliefert wurde, wo er ein Jahr später an den Folgen der Syphilis starb, dürfte die Krankheit spätestens im ersten Halbjahr 1890 in ihr letztes Stadium eingetreten sein, wobei Levy aber schon die beiden Jahre zuvor unter den Auswirkungen der Krankheit gelitten haben dürfte.
 
Die Infektion mit Syphilis durch eine Prostituierte wird von modernen Profilern als plausibles Motiv für die Morde von JTR angesehen: Es erklärt die Wahl der Opfer und die Verstümmelungen im Unterleib.
Darüber hinaus führte unbehandelte Syphilis zu einer chronischen Hirnentzündung. Sensitive oder psychische Veränderungen wurden von den Ärzten damals oft beschrieben, so u.a. auch Gewaltausbrüche, eine übermäßige Steigerung der Libido und verschiedene Arten von Wahrnehmungsveränderungen.
Gut möglich, dass der Ripper sich zuerst gar nicht bewusst dafür entschieden hatte, auf Prostituiertenmord zu gehen, sondern dass die erste Tat eine Affekthandlung war, als er zufällig erneut auf eine Prostituierte traf, die ihn an die Überträgerin erinnerte, und seine ganze Wut über die Infektion wieder hochkam. Weil ihm diese erste Tat Befriedigung verschaffte, zog er danach dann regelmäßig los. Somit könnte zum Beispiel Martha Tabram sein erstes Mordopfer gewesen sein, auf die "nur" eingestochen wurde, noch ohne sie auszuweiden (s.u.). 


Auswahl der Opfer:
Es gab weit über 1200 Gelegenheitsprostituierte in Whitechapel, die ohne Schutz durch einen Zuhälter nachts auf den Straßen nach Kunden suchten - und sie waren eine häufige Ansteckungsquelle für Syphilis.

JTR hatte damit nicht nur eine große Auswahl an potentiellen Opfern. Prostituierte vom Straßenstrich sind auch leichte Opfer, weil sie für das Sexgeschäft freiwillig mit fremden Männern an Orte gehen, wo sie mit ihnen allein sind, und dem Mörder damit auch noch unbeabsichtigt helfen, einen geeigneten Tatort zu finden. Eine zeitaufwendige und vor allem riskante Ausspähung und Verfolgung potentieller Opfer ist nicht notwendig, da sie in der Öffentlichkeit auf Freier warten und oft sogar selber auf potentielle Kunden zugehen.


Nähe zu Opfern:
Die Adresse von Jacob Levys Eltern lautete Middlesex Street 111, er selbst war im Jahr der Morde laut London Business Directory von 1888 in der Middlesex Street 36 gemeldet.
Alle kanonischen fünf Opfer von JTR waren verarmte Gelegenheitsprostituierte, die alle in Armenunterkünften in einem kleinen Umkreis nur etwa 300-400 Meter nordöstlich von Levys Adresse übernachteten und in einem fußläufigen Oval um seinen Lebensmittelpunkt herum getötet wurden. Martha Tabrams letzte Adresse war Satchell's Lodging House in der George Street etwa 300 Meter östlich von der der Middlesex Street (s.u.).

Jacob Levy ist in der von modernen Profilern ermittelten Comfort Zone von JTRs Aktivitäten aufgewachsen und wohnte auch als Erwachsener noch dort. Er kannte sich also seit Kindertagen bestens in Whitechapel aus, fiel dort nicht auf und wusste sich angemessen zu verhalten.
Sowohl für die zeitgenössischen als auch die modernen Ermittler war JTR mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Einheimischer mit guter Ortskenntnis, was es ihm ermöglichte, sich schnell und unauffällig zu bewegen und die Polizeistreifen zu meiden, um bei seinen Taten und auf der Flucht nicht erwischt zu werden und relativ schnell von der Straße zu verschwinden.
Als einheimischer Metzger hatte Levy nahegelegene Rückzugsmöglichkeiten, die ein Versteck für blutverschmierte Kleidung und Messer boten. Blut an seiner Kleidung und Messer waren wegen seines Berufes alltäglich und erklärbar, nicht schon per se verdächtig. Organe der Opfer konnten unter Metzgerware getarnt werden.
Außerdem gab es in der Middlesex Street den Petticoat Lane Street Market der Schneider, der eine große Auswahl an günstiger Second-Hand-Kleidung zum Wechseln bot - und genau dort will der Zeuge George Hutchinson den Verdächtigen vom Kelly-Mord erneut gesehen haben (s.u.).


Verbindung zu Zeugen:

Im Census der Jahre 1851, 1861 und 1871 ist für eben diese Middlesex Street 36 der Metzger Hyam Levy eingetragen, der dort mit seiner Frau Frances und seiner Familie wohnte, 1881 ist dann seine Witwe Frances als Haushaltsvorstand und Metzger eingetragen. Die beiden sind laut Casebook die Eltern jenes Joseph Hyam Levy, der später als Zeuge zum Mord an Catherine Eddowes vernommen wurde. Joseph Hyam Levy arbeitete 1888 selbst als Metzger kaum 50 Meter von Jacob Levy entfernt in der Hutchinson Street 1, einer Gasse, die in die Middlesex Street mündet.

Mehrere Levys, die sich nicht nur in unmittelbarer Nachbarschaft befanden und der gleichen Branche angehörten, sondern nacheinander auch dieselbe Metzgerei betrieben: Es ist so gut wie sicher, dass sie sich zumindest gekannt haben. Folgt man den Familiendaten des Census, so ein Beitrag im Ripperologist, könnten Jacob und Joseph sogar verwandt gewesen sein - wahrscheinlich waren sie Cousins. Machte der Zeuge Joseph bei der Vernehmung zum Mordfall Eddowes deshalb so merkwürdige Andeutungen und den Eindruck, er wisse mehr als er zugeben wollte (s.u.)?


Kriminelle Vorgeschichte:
Am 10. März 1886 wird Jacob Levy laut Eintrag beim Central Criminal Court zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er zusammen mit zwei anderen Männern dem Metzgermeister Hyman Sampson Fleisch gestohlen hatte. Als Sampsons Adresse wird im Polizeibericht Middlesex Street 35 genannt, seine Metzgerei lag zwei Jahrzehnte lang in der Parallelstraße Goulston Street 58.

Eine kriminelle Vorgeschichte ist modernen Profilern zufolge typisch für Serienmörder.
Der Ort des Diebstahls liegt in JTRs Comfort Zone, zwischen den Tatorten des Double Event.
Zudem wurde ein Stück von Eddowes blutverschmiertem Rock in der Tatnacht am Hauseingang des Gebäudes Wentworth Buildings 108-119, Goulston Street, gefunden, unter dem berüchtigten antisemitischen Graffiti (von dem allerdings unklar ist, ob es von JTR stammte).
Falls Jacob Levy der Ripper war, so könnte die Platzierung ein Versuch gewesen sein, die Polizei in die falsche Richtung weiter nach Osten zu lenken - weg von ihm in der Middlesex Street.
Auch Rache an seiner Gemeinde, die sich wegen des Diebstahls von ihm abgewandt hatte, könnte möglich sein, denn laut Superintendent Thomas Arnold wohnten viele Juden dort.

Im Ripperologist stand einmal, dass es strenge Regeln in der jüdischen Gemeinde für den geschäftlichen Umgang miteinander gab, und dass ein solcher Diebstahl wohl dazu geführt hätte, dass ihm der Jewish Council die Lizenz entzogen hätte. Damit hätte seine Frau Sarah, um die Familie zu ernähren, auch nach Jacobs Entlassung 1887 das Geschäft allein weiterbetreiben müssen. In der Tat taucht ja später seine Frau als Geschäftsinhaberin im Census auf.
Für Jacob hätte das nun zur Folge gehabt, dass er gezwungen gewesen wäre, auf andere Art seinen Anteil am Familieneinkommen zu verdienen.

Wenn Jacob den Shop in der Middlesex Street 36 nicht mehr selber betreiben durfte, musste er seitdem offensichtlich bei Bekannten und Verwandten in deren Geschäften oder in den Schlachthöfen arbeiten. Dadurch konnte er seinen Teil zum Familieneinkommen beitragen und stand zugleich wegen seines immer asozialeren Verhaltens unter einer gewissen Aufsicht. Das dürfte eine ziemliche Schmach und Erniedrigung für ihn gewesen sein.

Wenn wir nun betrachten, wo diese Arbeitsplätze gewesen sein könnten, finden wir nicht nur die observierte Butcher's Row, sondern auch noch die beiden Harrison, Barber & Co Slaughterhouses: eins in der Winthrop Street, Parallelstraße zum Tatort Buck´s Row, und eins im Barber´s Yard nahe Tatort Hanbury Street (Ecke Brick Lane). Dort wurde auch über Nacht gearbeitet, damit die Kunden morgens frisches Fleisch hatten. Diese Metzger zerlegten also routinemäßig Körper unter schlechten Lichtverhältnissen - so wie der Ripper.
Die angestellten Metzger hatten damals i.d.R. ihr eigenes Arbeitswerkzeug (so wie dies auch in anderen Branchen üblich war bzw. bis heute ist), nahmen es zur Arbeit mit und am Feierabend wieder mit nach Hause. Dazu würde passen, dass einige Zeugen den mutmaßlichen Ripper mit einem Päckchen in der Hand gesehen hatten (s.u.).


Anzeichen psychischer Zerrüttung:
Bereits kurz nach seiner Verurteilung begeht Levy im April 1886 einen Selbstmordversuch im Holloway Prison, der jedoch scheitert.
Am 21. Mai 1886 wird er aufgrund des Suizidversuchs und seltsamer Murmeleien für geisteskrank erklärt und in das Essex County Asylum überführt. In den Akten dort wurde festgehalten, er habe gejammert, Irresein sei in seiner Familie erblich, schon sein Bruder habe Selbstmord begangen.
Am 3. Februar 1887 wird Levy dann wieder aus der Anstalt als "geheilt" entlassen.

Offenbar war die Verurteilung so traumatisierend, dass sie zu einem Zusammenbruch führte - vermutlich weil nun sein Ruf in der Gemeinde schwer beschädigt war und die Gefängnisstrafe negative Auswirkungen auf sein Geschäft und seine sozialen Beziehungen hatte.
Diese Entwicklung ist ein deutliches Indiz der beginnenden psychischen Zerrüttung mit der Bereitschaft zu Grenzüberschreitung, kriminellem Verhalten und Gewalt (wenn auch zunächst gegen sich selbst gerichtet).


Möglicher finaler Stressauslöser:
Am 18. Mai 1888 wird Jacob Levys Mutter Caroline beerdigt.

Nachdem seine Verurteilung und Einweisung bereits seine sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen beschädigt haben dürfte, und auch seine Ehe davon und von der Syphilis belastet gewsen sein wird, stirbt nun auch noch eine der wichtigsten Bezugspersonen eines Menschen.
Für moderne Profiler ist dies ein klassischer Stressauslöser zum Start in eine mörderische Karriere. Ziel der Aggression wird diejenige Gruppe, der der Täter die Verantwortung für sein Schicksal gibt: die Prostituierten von Whitechapel, bei denen er sich mit Syphilis angesteckt hat.




Die Mordserie


Dienstag, 7. August 1888: Martha Tabram im George Yard
Tabram wurde im Treppenhaus des George Yard Buildings 37 vermutlich das erste Opfer von JTR.
Tabram war auf einer Kneipentour mit ihrer Bekannten Mary Ann Connely ("Pearly Poll") und zwei Soldaten. Gegen 0 Uhr trennten sich die Pärchen um Sex zu haben, Connely ging mit dem Corporal zur Angel Alley, und Tabram verschwand mit dem Private in den George Yard.
Gegen 1.40 Uhr stieg das Ehepaar Elizabeth und Joseph Mahoney das Treppenhaus zu ihrem Zimmer hinauf und sah nichts. Auch als Elizabeth Mahoney es kurz darauf wieder durchquerte, um in einem Shop in der Thrawl Street etwas zu Essen zu kaufen, lag Tabram noch nicht da.
Tabram wurde mit einem Stich ins Herz getötet und mit insgesamt 39 Messerstichen in Brust und vor allem Unterleib traktiert. Sie lag auf dem Rücken, ihre Kleider waren hochgeschoben und ihre Beine gespreizt, ebenso wie bei den kanonischen Ripper-Opfern.
Gefunden wurde die Leiche auf dem Absatz des ersten Stocks gegen 4.45 Uhr durch Bewohner John Saunders Reeves, nachdem bereits Bewohner Alfred George Crow gegen 3.30 Uhr Tabram für einen schlafenden Obdachlosen gehalten hatte. Damit muss die Tatzeit zwischen 1.45 Uhr und 3.30 Uhr liegen. Reeves suchte eine Polizeistreife und fand Constable Thomas Barrett auf seiner Runde.

Der Soldat dürfte wohl der Letzte gewesen sein, der Tabram lebend gesehen hat, konnte aber weder von "Pearly Poll" noch von Constable Barrett bei Gegenüberstellungen identifiziert werden, obwohl letzterer auf seiner Streife durch die Wentworth Street gegen 2 Uhr einen Private der Grenadier Guard am Nordende des George Yard stehen sah und ihn ansprach. Der Private sagte dem Polizisten, er warte auf einen Kameraden, der mit einem Mädchen unterwegs sei, darauf ging Barrett weiter seine Streife, bis er drei Stunden später von Reeves zum Tatort gerufen wurde.
Der unbekannte Soldat könnte also den Mord verübt haben, dennoch war er aber wahrscheinlich nicht der Täter: Rund zwei Stunden für Sex mit einer älteren, unattraktiven Prostituierten an einem öffentlich zugänglichen Ort erscheint doch ein ziemlich langer Zeitraum. Wenn sie so lange im Treppenhaus von Nr. 37 gewesen wären, wäre wohl auch das Ehepaar Mahoney oder ein anderer Bewohner auf beide gestoßen.
Zudem hätte ein blutbefleckter Mörder wohl kaum in unmittelbarer Nähe des Tatorts auf seinen Kameraden gewartet und so entspannt auf Polizist Barrett reagiert. Barrett jedenfalls kam nichts an ihm und seinem Verhalten verdächtig vor. Wahrscheinlicher ist, dass sich Tabram nach 1.45 Uhr noch mit einen anderen Mann - eben dem Ripper - in den George Yard zurückgezogen hat.

Erkenntnissen der modernen Kriminologie zufolge stammt das erste Opfer eines Serientäters oft aus seinem näheren räumlichen Umfeld. Tabrams letzte bekannte Adresse war Satchell's Lodging House in der George Street, und die Kneipentour endete vor den George Yard Buildings.
Levys Heim in der Middlesex Street 36 liegt nur rund 300 Meter oder etwa 3-4 Minuten Fußweg von beiden Orten entfernt.
Der Profiler William Eckert: "Nachdem der erste Mord geschehen war, in dessen Nähe der Mörder wahrscheinlich lebte, zog er weiter." In diesem Fall in die Buck's Row.


Freitag, 31. August 1888: Marie Ann Nichols in der Buck's Row
Nichols übernachtete zuletzt im White House Nachtasyl in der Flower and Dean Street 56.
Gegen 2.30 Uhr wurde Nichols zuletzt lebend gesehen von ihrer Bekannten Emily Holland an der Ecke Osborn Street / Whitechapel High Street, fast einen Kilometer vom Tatort entfernt, bevor sie betrunken auf der Whitechapel Road weiter Richtung Osten wankte.
Bis ca. 3.20 Uhr kamen nacheinander die Polizisten Neil, Thain und Kirby auf ihren Runden durch die Buck's Row, ohne etwas Verdächtiges zu sehen.
Gegen 3.45 Uhr fanden dann Charles Andrew Cross und Robert Paul auf ihrem Weg zur Arbeit die Leiche von Nichols vor einem verschlossenen Tor (vermutlich hatte der Täter vergeblich versucht, mit ihr in den Hof zu gelangen). Die Tatzeit muss also zwischen 3.20 Uhr und 3.45 Uhr betragen.

Cross war als erster und allein am Tatort, bis Paul kurz darauf dazustieß. Somit könnte Cross der Täter gewesen sein, zumal alle Tatorte JTRs auf den Wegen zwischen seiner Adresse in der Doveton Street 22, seiner Arbeit als Fleisch-Auslieferer in der Broad Street und dem Wohnort seiner Mutter in der Nähe der Berner Street lagen.
Allerdings hätte Cross, als er die Schritte von Paul hörte, einfach nach Westen verschwinden können, ohne erkannt zu werden, statt auf ihn zu warten: Es sind rund 100 Meter vom östlichen Ende der Buck's Row bis zum Tatort und es war noch dunkel. Bis zu den Querstraßen im Westen als Fluchtwege sind es nur wenige Meter. Stattdessen wartete er auf Paul, wies ihn erst auf den am Straßenrand liegenden Körper hin und ging mit Paul einen Polizisten suchen. Auch wäre wohl aufgefallen, wenn Cross als erster am Nichols-Tatort auch an den Morgen der Morde von Annie Chapman und Mary Jane Kelly zu spät zur Arbeit gekommen wäre, denn seine Job begann bereits um vier Uhr - jene Tatzeiträume liegen jedoch deutlich später (s.u.).
Außerdem war er nicht nur vor den Morden ein unbescholtener Mann, der 20 Jahre lang zuverlässig denselben Job innehatte, er lebte auch noch mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Serie als freier und gesunder Bürger weiter, ohne irgendwie einschlägig aufzufallen. Daher war Cross wohl eher nicht der Ripper.

Was Jacob Levy betrifft: Der Tatort ist zwar rund 1300 bis 1400 Meter und damit etwa 16-18 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.
Aber Nichols übernachtete im White House Nachtasyl in der Flower and Dean Street 56, und trieb sich bis 2.30 Uhr in der Umgebung der Hauptverkehrsader Whitechapel High Street herum, beides nur rund 300 Meter von Levys Adresse entfernt.
Es ist kriminologisch plausibel, dass JTR auf seiner Jagd auch das anonyme Gewimmel der Hauptverkehrsadern Whitechapel Street und Commercial Street nutzte und beobachtete, ob ein potentielles Opfer in ruhigere Nebenstraßen abbog, um ihr dahin zu folgen. Zudem erscheint es vernünftig, diesmal nicht allzu nah beim eigenen Heim zuzuschlagen.

Vielleicht war JTR auch gar nicht auf seine eigenen vier Wände als sichere Zuflucht nach den Taten eingeschränkt, sondern konnte an verschiedenen Orten unauffällig von der Straße verschwinden - Detective Inspector Henry Cox von der City Police schrieb über den observierten Verdächtigen im Ripper-Fall: "He occupied several shops in the East End".
Möglicherweise konnte JTR die Straßen schnell verlassen, indem er nach der Tat in Shops von Verwandten oder Freunden verschwand. Im Fall von Jacob Levy und der Buck's Row könnte dies der Zigarrenhändler John Levy gewesen sein, der in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop hatte, und neben dessen Shop nach dem Double Event ein blutiges Messer gefunden wurde (s.u.). Die Adresse des Shops in der Whitechapel Road 254 ist nur etwa 400 Meter oder 4-5 Minuten vom Tatort entfernt. War Levy der Ripper, hätte er also auf dem Weg zum oder vom Cigar Shop auf Nichols treffen und sich nach der Tat dort verstecken können. 

Interessant an der Metzger-Theorie ist zudem, dass sich in der Nähe von mindestens drei Tatorten Schlachthäuser befanden: Zwei Harrison, Barber & Co Slaughterhouses, eines in der Winthrop Street, Parallelstraße zum Tatort Buck´s Row, und im Barber´s Yard nahe Tatort Hanbury Street, sowie ein Schlachthaus in der Harrow Alley, Eingang von der Butcher's Row, Nahe Tatort Mitre Square. Da in diesen auch über Nacht gearbeitet wurde, hätte ein Metzger dort als Einkäufer für sein Geschäft auftreten oder als Schlachter arbeiten können. Das Tragen seiner Arbeitsgeräte und blutverschmierter Arbeitskleidung wäre dort nicht per se verdächtig.


Samstag, 8. September 1888: Annie Chapman in der Hanbury Street

Chapman verbrachte ihre letzten Nächte in der Crossingham's-Unterkunft in der Dorset Street 35.
Gegen 1.50 Uhr verließ sie das Asyl Richtung Norden in die Brushfield Street.
Gegen 5.30 Uhr am frühen Morgen wurde Chapman zum letzten Mal lebend gesehen, und zwar von der Zeugin Elizabeth Long. Unmittelbar vor dem Tatort in der Hanbury Street 29 soll sie laut Longs Aussage mit einem Freier gesprochen haben: "Willst du?" - "Ja."
Long beschreibt den Verdächtigen wie folgt: Knapp 40 Jahre alt, etwas größer als Chapman, dunkler Mantel und tief ins Gesicht gezogener dunkler Hut, fremdländisches Aussehen.
Etwa zur selben Zeit geht Albert Cadosch aus dem Nachbarhaus Nr. 27 in seinen Hinterhof zur Toilette, als er danach ins Haus zurück will, hört er vom Hof nebenan zunächst ein leises "No" und wenige Minuten später bei seinem Aufbruch zur Arbeit etwas gegen den Zaun stoßen.
Gegen 6 Uhr wurde Chapmans Leiche im Hinterhof vom Bewohner John Davies entdeckt.
Die Tatzeit liegt also zwischen 5.30 Uhr und 6 Uhr, und die Zeugin Long hat damit wohl den Ripper bei Chapman gesehen.

Da die Tatzeit bereits nahe der beginnenden Morgendämmerung und dem wieder einsetzenden "Berufsverkehr" in den Straßen liegt, hatte JTR nicht viel Zeit, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden, bevor es richtig hell wurde.
Der Tatort ist rund 700 Meter oder etwa 8-9 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.

Interessant ist auch ein bekannt gewordener Zwischenfall im Prince Albert Pub an der Ecke Brushfield Street / Steward Street, etwa 200 Meter südwestlich vom Tatort:
Am frühen Morgen tauchte laut Aussagen der Inhaberin Mrs. Fiddymont ein Mann auf, dessen Erscheinung Mrs. Fiddymont und ihrer Freundin Mary Chappell Angst machte: Er trug einen dunklen Mantel, hatte seinen Hut tief ins Gesicht gezogen, sein Hemd war gerissen und er hatte offenbar Blutflecken auf seinem rechten Handrücken. Als er bemerkte, dass er kritisch beäugt wurde, drehte er sich weg, trank sein Bier in einem Zug aus und verließ den Pub sofort wieder. Mary Chappell folgte dem Mann in die Brushfield Street, stellte fest, dass er Richtung Westen ging und wies den Passanten Joseph Taylor auf den Mann hin.
Die drei wurden später von der Polizei zu zwei Gegenüberstellungen geladen, aber unter den vorgeführten Verdächtigen erkannten sie den Mann nicht wieder.
Bemerkenswert daran ist, dass nahe der Brushfield Street die Sandy's Row geradewegs zur Middlesex Street hinunter führt.


10. September 1888: Erster Tatverdächtiger "Leather Apron"
Bei den Befragungen der Polizei erzählten Prostituierte, dass sie Angst vor einem gewalttätigen Mann hätten, der Schutzgeld von ihnen erpresse und sie schlage, und wegen seiner Lederschürze  den Spitznamen "Leather Apron" hätte. Die Ermittlungen führten zu einem polnischen Juden namens John Pizer, ein Schuhmacher, der jedoch für die fraglichen Tatzeiten Alibis aufweisen konnte und später von allen Anschuldigungen freigesprochen wurde.

Interessant sind bei Pizer aber die Übereinstimmungen mit späteren Zeugenaussagen: Er war Jude, mittleren Alters (38 Jahre), knapp 1,70 m groß und hatte einen schmalen Oberlippenbart.
Und Lederschürzen trugen nicht nur Handwerker, sondern auch Metzger.

Hinzu kommt, dass Serienmörder den Erkenntnissen der modernen Kriminologie zufolge oft schon vor ihren Morden durch Straftaten auffällig werden, darunter andere Gewalttaten und Raub. Es ist daher gut möglich, dass JTR vor seinen Morden bereits Prostituierte bedroht bzw. ausgeraubt hat. 

Jacob Levy war ein verurteilter Dieb, von dem seine Frau Sarah bei seiner Einweisung in die Irrenanstalt sagte, er hätte nicht nur begonnen, das Geld der Familie zu verschwenden, sondern auch fremder Leute Eigentum mitgehen zu lassen.
Zwar ist von Jacob Levy kein Übergriff auf eine Prostituierte nachgewiesen, aber es gab vor der Mordserie Überfälle auf Prostituierte, die möglicherweise frühe Taten des Rippers gewesen sein könnten:
Zum Beispiel wurde Ada Wilson in der Nacht vom 27. auf den 28. März 1888 von einem Unbekannten an ihrer Haustür angegriffen: Der Täter verlangte von der Gelegenheitsprostituierten Geld, und als Wilson sich weigerte, zog er ein Messer und stach es ihr in den Hals. Wegen ihrer Schreie, die die Nachbarn alarmierten, flüchtete der Täter - das rettete ihr vermutlich das Leben.
Interessant ist die Täterbeschreibung, die Ähnlichkeiten mit anderen Zeugenaussagen in der Mordserie von JTR aufweist: Etwa 30 Jahre, knapp 1,70 groß, heller Schnauzbart, dunkler Mantel und breiter Hut.

Zudem würde der Zeitraum dieser Taten auf den ersten Bekennerbrief vom 24. September 1888 passen (s.u.). Darin schreibt ein vermeintlicher Schlachter an Polizeichef Warren, er sei verantwortlich für "all die Morde in den letzten sechs Monaten" - die kanonischen Opfer einschließlich Tabram umfassten damals gerade einen Zeitraum von wenigen Wochen. Mit jenen früheren Überfällen wäre es tatsächlich etwa ein halbes Jahr.


24. September 1888: Der erste Bekennerbrief
Durch die Grausamkeit der Morde und die Sensationsberichterstattung der Zeitungen nahm die öffentliche Aufmerksamkeit sprunghaft zu und Hysterie breitete sich in Teilen der Bevölkerung aus.  In der Folge davon erreichten Dutzende angebliche Bekennerbriefe die Polizei und die Presse.
Der erste davon war an Polizeichef Sir Charles Warren selbst adressiert, seine Existenz wurde damals geheim gehalten. Er lautete:
"Dear Sir,
ich würde gerne aufgeben, ich befinde mich in einem Albtraum. Ich bin der Mann, der alle diese Morde in den letzten sechs Monaten begangen hat. Mein Name ist (mit der Zeichnung eines Sargs unkenntlich gemacht). Ich bin ein Schlachter und arbeite bei (mit zwei Balken unkenntlich gemacht). I have found the woman I would that is Chapman and I done what I called slautered her (?). Aber wenn jemand kommt, werde ich aufgeben. Aber ich werde nicht von selbst zur (Polizei-)Station gehen. Hochachtungsvoll (mit der Zeichnung eines Sargs unkenntlich gemacht)."
Rückseite:
"Haltet das Viertel sauber, oder ich werde ihm einen Besuch abstatten. (Zeichnung eines Messers) Dies ist das Messer, mit dem ich die Morde begangen habe. Es hat einen schmalen Griff mit einer langen Klinge, beide Seiten scharf."

Die meisten Bekennerbriefe wurden von der Polizei schon damals als geschmacklose Scherze von Trittbrettfahrern abgetan, nur wenige wurden ernst genommen. Selbst die berühmt gewordenen Briefe, in denen der Mörder sich angeblich den Namen "Jack the Ripper" gab (der "Dear Boss"-Brief und die "Saucy Jacky"-Postkarte) werden inzwischen für Fakes gehalten und sollen aus der Feder ebenjenes Sensationsreporters Thomas Bulling von der Central News Agency stammen, welche die Briefe der Polizei übergab.

Jener erste Brief aber erscheint bemerkenswert: Erstens bezeichnet sich der Autor selbst als Schlachter. Zweitens ist er nicht verhöhnend, sondern scheint der Hilferuf eines kranken Menschen zu sein, der in einer tiefen inneren Zerrissenheit gefangen ist - so wie der Zustand Jacob Levys bei der Einlieferung ins Irrenhaus von seiner Frau beschrieben wurde.
Der Satz mit Chapman ist aufgrund seiner Formulierungen und der fehlenden Satzzeichen verwirrend, aber "and I done what I called" könnte bedeuten: "und ich habe getan, was mir befohlen wurde" - was ein Hinweis auf die befehlenden Stimmen sein könnte, die ein Wahnkranker oft hört, und von denen Levys Frau sprach.
Betrachtet man sich die sargförmige Schwärzung an der Stelle, wo der Briefschreiber angeblich zum ersten Mal seinen Namen übermalt hat, so scheint darunter etwas ähnliches wie "leaffray" oder "leadfray" gestanden zu haben - und das würde von der Wortlänge sowie von den Oberlängen und  Silhouetten einiger Buchstaben passen auf unseren Metzger Jacob Levy:
l e  a  d  f r a y
l a co b  l e v y


Sonntag, 30. September 1888: Nacht des Double Event

Mord an Elizabeth Stride in der Berner Street 40/42, etwa 45 Minuten später an Catherine Eddowes auf dem Mitre Square.

Stride übernachtete bis zu ihrem Tod im Armenasyl in der Flower and Dean Street.
Zwischen 0.35 und 0.45 Uhr sahen mehrere Zeugen (Polizist William Smith, Anwohner James Brown, Zeuge Israel Schwartz) Stride mit einem Mann in der Nähe des Berner Street Clubs. Beschrieben wird er übereinstimmend als knapp 1,70 groß, etwa 30 Jahre alt, heller Teint, Schnauzbart, dunkler Mantel und Schirmmütze. Polizist Smith bemerkte zudem ein Päckchen in seiner Hand.
Der aus Norden von der Commercial Road vorbeikommende Israel Schwartz will sogar eine Auseinandersetzung wahrgenommen haben, weswegen er schnell weitergegangen sei, sagte er später der Polizei. Der Mann habe die Frau am Tor zum Dutfields Yard zu Boden geworfen, die Frau habe kurz aufgeschrien. Als er zurückgeblickt habe, sei gerade ein anderer Mann mit einer Pfeife aus dem nahen "Nelson"-Pub gekommen und es habe eine kurze verbale Auseinandersetzung mit dem Verdächtigen gegeben, bis der Verdächtige "Lipski" gerufen habe. Da sei der andere auf Schwartz zugegangen und Schwartz sei aus Angst weggelaufen.
Gegen 1 Uhr dann wurde Strides Leiche vom Verwalter des Clubs, Louis Diemschütz, im Torweg des Dutfield Yard neben dem Club gefunden. Im Gegensatz zu den anderen Opfern wurde ihr nur die Kehle durchgeschnitten, aber offenbar wegen der Störung durch die Zeugen keine Verstümmelungen des Unterleibs mehr vorgenommen.

Als plausibelste Interpretation dieser Szene scheinen Schwartz und der Mann mit der Pfeife mitten in den Angriff des Rippers hineingeplatzt zu sein. Weil Schwartz schon auf der Flucht war, als der Pfeifenraucher auf die Straße kam, tat der Mörder offenbar so, als sei er ein unschuldiger Helfer und konnte den anderen Mann mit dem Ausruf "Lipski" davon überzeugen, dass der nach Süden flüchtende Schwartz der Angreifer gewesen sei, so dass "Pipeman" die Verfolgung von Schwartz aufnahm (leider konnte "Pipeman" nie identifiziert werden).
Lipski war ein Jude aus dem Viertel, der 1887 wegen Mordes verurteilt worden war - und sein Name war in antisemitischen Kreisen zum Schimpfwort gegen Juden im allgemeinen und zum Synonym für Mörder im speziellen geworden.
Indem der Mörder den einen Zeugen so auf den anderen hetzte, konnte er vom Tatort (vermutlich über die Gasse zur Batty Street, wo später blutige Wäsche gefunden wurde) schließlich nach Norden in die Commercial Road fliehen. Er wollte angesichts der Beinahe-Entlarvung mit ziemlicher Sicherheit zu seinem Versteck zurück - und in der Richtung, die er einschlug, liegt die Middlesex Street.
Da JTR aber sein eigentliches Ziel - die Verstümmelung - bei Stride nicht mehr umsetzen konnte, suchte er, als er sich wieder sicher fühlte, schließlich ein weiteres Opfer.


Eddowes und ihr Mann John Kelly lebten überwiegend im Armenhaus "Cooney's" in der Flower und Dean Street 55.
Gegen 1 Uhr wurde Eddowes aus der Ausnüchterungszelle der Polizeistation Bishopsgate Street entlassen und ging Richtung Süden, höchstwahrscheinlich die Houndsditch entlang zurück zur Aldgate High Street, wo sie den frühen Abend verbracht hatte.
Gegen 1.30 Uhr checkte Constable Edward Watkins auf Streife den Mitre Square, ohne etwas  Verdächtiges festzustellen.
Etwa um diese Zeit verließen Joseph Lawende, Harry Harris und Joseph Hyam Levy den Imperial Club, Duke Street, schräg gegenüber der Church Passage zum Mitre Square, und sahen einen Mann und eine Frau am Eingang der Passage in einem leisen Gespräch.
Der Zeuge Lawende beschrieb den Mann wie folgt: Etwa 30 Jahre alt, knapp 1,70 Meter groß, blasser Teint, heller Schnauzbart, durchschnittlicher Körperbau, graue Jacke, graue Stoffkappe und rötliches Halstuch, sah wie ein Seemann aus (wobei aber Seemänner selten "blassen Teint" haben).
Gegen 1.35 Uhr ging Constable James Harvey durch die Church Passage und schaute in den dunklen Mitre Square, sah jedoch nichts und kehrte auf seine Runde zurück.
Gegen 1.45 Uhr kam Constable Edward Watkins von der anderen Seite (Mitre Street) wieder durch den Hauptzugang in den Mitre Square und entdeckte beim Herumleuchten mit seiner Lampe die tote Eddowes in der dunkelsten Ecke liegen, vor dem Tor zu einem kleinen Hof (vermutlich hatte der Ripper gehofft, das Tor wäre offen).
Laut Inspector Robert Sagar von der City Police soll ein Polizist kurz zuvor gesehen haben, wie ein Mann aus der Mitre Street in östliche Richtung verschwand. Aufgrund der Sichtung dieses Mannes liefen anschließend Polizisten durch Gravel Lane und Stoney Lane, um Hinweise auf den Fluchtweg des Mörders zu finden - dieser Weg führt in die Middlesex Street und weiter in die Goulston Street.
Einer davon war Detective Constable Daniel Halse, der mit zwei Kollegen gegen 1.55 Uhr an der Ecke Houndsditch bei St. Botolph's Church stand und aufgrund der Alarmierung in den Mitre Square kam. Nachdem Halse Instruktionen zur Befragung der Anwohner gegeben hatte, eilte er zuerst in die Middlesex Street und, weil er dort niemanden sah, weiter in die Wentworth Street, wo er zwei Passanten überprüfte. Gegen 2.20 Uhr checkte er die Goulston Street, um nach vergeblicher Suche zum Mitre Square zurückzukehren.
Gegen 2.55 Uhr fand Constable Alfred Long auf seiner Runde ein Stück der blutigen Schürze von Eddowes im Hauseingang der Wentworth Dwellings 108-119, Goulston Street. Darüber an der Wand stand mit Kreide der Satz: "Die Juden sind die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden." Long zufolge soll die Schürze auf seiner vorherigen Runde gegen 2.25 Uhr noch nicht dort gelegen haben. Ob das antisemitische Graffiti zuvor schon da gewesen war, wusste er nicht.

War Levy der Ripper, wäre er nach der unterbrochenen Tat an Stride in Richtung der Middlesex Street geflüchtet, um schnell von der Straße verschwinden zu können, dann aber mit oder ohne einen Zwischenstopp zuhause weiter Richtung Westen gezogen, wo er in der Houndsditch oder Duke Street den Weg von Eddowes kreuzte.
Die Berner Street ist rund 700 Meter oder etwa 8-9 Minuten Fußweg von Levys Adresse in der Middlesex Street 36 entfernt.
Die Strecke zwischen Berner Street und Mitre Square beträgt rund 1000 Meter oder etwa 12-15 Minuten Fußweg.
Die Strecke zwischen Mitre Square und Middlesex Street 36 beträgt rund 300 Meter oder etwa 3-4 Minuten Fußweg.
Jacob Levy hätte auch nach dem Mord an Eddowes zuhause einen Zwischenstopp einlegen können, um Blut, Messer, Gebärmutter und Niere loszuwerden und sich umzuziehen, bevor er die Schürze platzieren ging, um eine falsche Spur zu legen - oder er zog direkt weiter, weil er aus irgendeinem Grund nicht nach Hause zurückkehren konnte.

Die Strecke vom Mitre Square zur Goulston Street beträgt nur rund 500 Meter oder 6-7 Minuten. Entweder haben die Polizisten Halse und Long die Schürze gegen 2.25 Uhr übersehen, oder JTR hat sich zeitweise in einer Zuflucht versteckt, bevor er sie ablegte. Ein Umweg von rund einer dreiviertel Stunde durch die Straßen voller alarmierter Polizisten ist eher unwahrscheinlich - daher dürfte die Rückzugsmöglichkeit des Rippers in unmittelbarer Nähe gewesen sein. Die Ablage der Schürze könnte dann für ein Ablenkungsmanöver sprechen, das die Ermittler auf eine falsche Fährte locken sollte Richtung Osten, weg von der Umgebung Mitre Square und seiner Zuflucht.
Wenn Levy der Ripper war, hätte er damit aufgrund der Erkenntnis, zu nah an seinem Zuhause zugeschlagen zu haben, bewusst die Spur vom Grenzgebiet der City Police, wo er wohnte, weiter nach Osten in das Territorium der Metro Police gelenkt.
Vielleicht konnte er aber auch einfach nicht in die Middlesex Street 36 zurück, entweder weil er sich verfolgt fühlte, weil seine Frau noch wach oder gerade jemand in der Straße unterwegs war.
Die Strecke zwischen den Parallelstraßen Goulston Street und Middlesex Street beträgt weniger als 100 Meter oder etwa 1-2 Minuten Fußweg.

Daraus ergeben sich zwei interessante Möglichkeiten, wenn Levy der Ripper war:
Zur Zeit der Morde lebte laut Census von 1891 Jacobs Bruder Isaac Levy in der Goulston Street 130, und die Geburt seiner Tochter 1888 ist unter derselben Adresse angegeben - dies ist nur einen Häuserblock vom Schürzenfund entfernt.
Zum zweiten bleibt noch die Alternative, dass Jacob weiter zum Cigar Shop von John Levy in die Whitechapel Road 254 flüchtete, um sich dort zu verstecken - direkt nebenan vor Nr. 253 wurde am Tag darauf von Thomas Coram ein blutiges Messer gefunden (s.u.).

Bemerkenswert ist, dass es am Tatort im Mitre Square sehr dunkel war: Die Streifenpolizisten mussten ihre Lampen verwenden, um in den Ecken überhaupt etwas erkennen zu können. JTR hatte nur etwa 10 Minuten für die Verstümmelungen, die noch umfangreicher als bei den vorherigen Opfern waren. Insbesondere die Entfernung von Gebärmutter und Niere in der Dunkelheit zeugen davon, dass der Ripper offenbar Übung darin hatte, einen Körper bei schlechtem Licht schnell mit einem Messer zu zerlegen. Auch dies deutet auf einen Metzger hin, eine Ansicht, die u.a. Dr. Frederick Gordon Brown vertrat, der Eddowes Leiche untersuchte.

Merkwürdigerweise taucht in den Berichten über die Coroner-Untersuchung zu Strides Tod der wichtige Zeuge Israel Schwartz gar nicht auf.
Und bei der Coroner-Untersuchung zu Eddowes Tod wurde dem Zeugen Joseph Lawende verboten, den Verdächtigen vor dem Publikum genauer zu beschreiben - offenbar aus ermittlungstaktischen Gründen.
Dies deutet darauf hin, dass die Polizei glaubte, eine heiße Spur zu haben.
Zumal Lawendes Begleiter Joseph Hyam Levy bei der polizeilichen Vernehmung den Eindruck gemacht hatte, mehr zu wissen, als er zugeben wollte. So soll er beim Anblick von Eddowes und dem Mann zu seinen beiden Begleitern gesagt haben, wenn er solche Charaktere sehe, wolle er nicht alleine nach Hause gehen, und man solle den Hof beobachten (!). Als er beim Verhör gefragt wurde, ob er denn Angst gehabt habe, antwortete er kryptisch: nicht wirklich um sich.
Frage: "What was there terrible in their appearance?" - Antwort: "I did not say that." - Frage: "Your fear was rather about yourself?"- Antwort: "Not exactly." (!)


1. Oktober 1888: Messer-Fund in der Whitechapel Road

In der Nacht nach dem Double Event fand Thomas Coram gegen 0.30 Uhr vor der Whitechapel Road 253 ein in ein Taschentuch eingewickeltes blutiges Messer, das er der Polizei übergab - jedoch konnten die obduzierenden Ärzte nicht bestätigen, ob dies die Waffe des Rippers war.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber: In den 1880er Jahren hatte John Levy in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop. Er war laut Census der Bruder von Fanny Levy von den Levys aus der Mitre Street 29, und sie waren Ripperologen zufolge wahrscheinlich Cousins des Zeugen Joseph Hyam Levy - somit war vermutlich auch Jacob Levy mit diesen Levys verwandt.

John und Fannys Eltern, Ann und Barnett Levy, lebten in den 1850ern in Mitre Street 29 ("Orange Market" am Mitre Square), sie waren Zigarren- und Orangenhändler und hatten vier Kinder - John, Samuel, Lewis und Fanny. Um 1888 wohnte nur noch Fanny dort.
Samuel lebte erst in den Häusern Mitre Street 17 und 23 und zog danach neben Joseph Hyam Levys Vater, Hyam Levy, in die Middlesex Street 39 (!). 1888 kehrte Samuel dann als Orangenverkäufer wieder in die Mitre Street zurück, diesmal in die Nummer 20.
Und Lewis Levy lebte in den 1860ern in Mitre Square 8 - dahinter fand man vor dem verschlossenen Hinterhoftor die Leiche von Catherine Eddowes (!).

War Jacob Levy der Ripper, kannte er sicher den Hinterhof und könnte gehofft haben, er wäre offen. Nach dem Double Event hätte er, weil er sich nicht zuhause verstecken wollte oder konnte, zuerst in Richtung seines Bruders und dann weiter zum Cigar Shop flüchten können, um sich dort relativ weit von den Tatorten weg zu verstecken, und könnte das blutige Messer davor weggeworfen haben.


Polizei-Razzia bei Metzgern im Oktober:

Die Polizei führte in den folgenden Wochen vom 3. bis 18. Oktober in der Umgebung des Mitre Square Haus-zu-Haus-Befragungen durch. Der stellvertretende Polizeipräsident Robert Anderson schrieb, dass man alle Männer des Viertels überprüft habe, die den Zeugenaussagen entsprachen und sich blutbefleckter Kleidung entledigen konnten.
Die Polizei durchsuchte auch 76 Metzgereien und Schlachtereien im Viertel und überprüfte alle Personen, die in den letzten sechs Monaten dort beschäftigt waren, verschiedene Verdächtige wurden unter Beobachtung gestellt.

Interessanterweise folgte nach dem Double Event die längste Pause zwischen den Ripper-Morden von fast sechs Wochen. Ursache dafür könnte der Ermittlungsdruck durch die Behörden gewesen sein, was für die Annahme spricht, dass die Polizei mit der Untersuchung des Metzger-Milieus rund um Aldgate High Street dem Ripper näher kam, so dass er vorerst pausieren musste, bis die polizeilichen Aktivitäten in seinem Umfeld wieder zurückgingen.
 

Freitag, 9. November 1888: Mord an Mary Jane Kelly im Miller's Court

Kelly verließ in ihrer letzten Nacht mehrmals ihr Zimmer im Miller's Court, Dorset Street 26, und kehrte mit verschiedenen Freiern wieder dorthin zurück, nachdem sie den frühen Abend mit ihrem Exfreund Joseph Barnett verbracht hatte.
Gegen 23.45 Uhr sah ihre Nachbarin Mary Ann Cox, wie Kelly mit einem Kunden auf ihr Zimmer ging. Zwischen 0.30 Uhr und 1 Uhr hörten Cox und Nachbarin Catherine Picket sie singen.
Ihre Nachbarin Elisabeth Prater kehrte gegen ein Uhr zurück, wartete erst 20 Minuten vor dem Eingang zum Court auf ihren Freund und ging, als er nicht kam, noch für zehn Minuten in McCarthys Laden nebenan. Gegen 1.30 Uhr stieg sie die Treppen zu ihrem Zimmer direkt über Kellys hinauf, ohne dort Licht zu sehen oder etwas zu hören, und ging zu Bett.
Der Zeuge George Hutchinson, ein Bewohner des Victoria Home in der Commercial Street, ging am 12. November zur Polizei und sagte aus, dass er seine Bekannte Mary Jane Kelly am 9. November gegen 2 Uhr in der Commercial Street getroffen habe.
Kurz darauf sei sie mit einem Kunden an ihm vorbei zurück auf ihr Zimmer gegangen. Weil der Mann sein Gesicht vor ihm habe verbergen wollen, sei er beiden gefolgt und habe rund eine dreiviertel Stunde den Hof beobachtet, jedoch ohne etwas Verdächtiges wahrzunehmen. Gegen 3 Uhr sei er schließlich gegangen.
Hutchinson beschrieb den Mann als etwa Mitte 30, knapp 1,70 Meter groß, blasser Teint, dunkle Augen und Haare, dünner gezwirbelter Schnurrbart, jüdisches Erscheinungsbild, mürrisches Aussehen, dunkler Mantel, dunkler Hut, kleines Päckchen in seiner Hand.
Sarah Lewis, die gegen 2.30 Uhr zu ihrer Bekannten Mrs. Keyler im Miller's Court ging, um dort zu übernachten, sah gegenüber dem Hofeingang einen Mann stehen - dabei handelte es sich vermutlich um Hutchinson.
Zwischen 3.15 Uhr und 3.45 Uhr hörten sowohl Lewis wie auch Elizabeth Prater einen leisen, unterdrückten Schrei vom Hof her: "Mord!"
Gegen 6 Uhr hörte Nachbarin Marie Ann Cox Schritte im Hof.
Gegen 7.30 Uhr klopfte Nachbarin Catherine Picket an Kellys Tür, um sich einen Schal zu leihen, aber nichts regte sich.
Gegen 10.45 Uhr wurde Kellys Leiche von Hausverwalter Thomas Bowyer entdeckt, der die Miete eintreiben sollte.

Theoretisch könnte Hutchinson der Täter gewesen sein, der nach dem Verschwinden des Kunden gegen 3 Uhr selbst zu Kelly ging - nur: warum hätte er dann bei der Polizei auftauchen und sich mit dem Geständnis seines "Stalkings" verdächtig machen sollen? Inspektor Abberline hielt ihn für glaubwürdig.
Plausibel wäre aber, dass der von Hutchinson beschriebene Kunde nach 3 Uhr ging - und dass erst der nächste Besucher Kellys der Ripper war. Dann wäre Hutchinsons Beschreibung unbrauchbar.
Bemerkenswert ist jedoch, dass Hutchinson aussagte, er glaube denselben Mann später noch einmal gesehen zu haben, und zwar am 11. November in der Petticoat Lane / Middlesex Street - wo Levy wohnte und es den Straßenmarkt mit günstiger Second-Hand-Kleidung gab.
Wenn JTR die Person war, die von Cox gegen 6 Uhr im Hof bemerkt wurde, muss er beim Verlassen des Tatorts unter Zeitdruck gestanden haben, weil es langsam hell wurde.
Falls Levy der Ripper war: Der Tatort in der Dorset Street 26 ist rund 500 Meter oder nur etwa 5-6 Minuten Fußweg von der Middlesex Street 36 entfernt.

Ein merkwürdiger Vorfall ereignete sich etwa eine Stunde nach der Entdeckung von Kellys Leiche:
London Times, 10. November 1888:
"A Mrs Paumier, a young woman who sells roasted chestnuts at the corner of Widegate-street, a narrow thoroughfare about two minutes' walk from the scene of the murder, told a reporter yesterday afternoon a story which appears to afford a clue to the murderer. She said that about 12 o'clock that morning a man dressed like a gentleman came up to her and said, "I suppose you have heard about the murder in Dorset-street?" She replied that she had, whereupon the man grinned and said, "I know more about it than you." He then stared into her face and went down Sandy's-row, another narrow thoroughfare which cuts across Widegate-street. Whence he had got some way off, however, he vanished. Mrs Paumier said the man had a black moustache, was about 5ft 6in, high, and wore a black silk hat, a black coat, and speckled trousers. He also carried a black shiny bag about a foot in depth and a foot and a half in length."

Falls JTR so wie manch anderer Serienmörder das Bedürfnis hatte, zu den Tatorten zurückzukehren oder gar bei der Entdeckung der Morde unter den Schaulustigen zu stehen, um sich einen zusätzlichen Kick zu holen: Die Beschreibung des Mannes als knapp 1,70 groß mit Schnurrbart passt zu anderen Zeugenaussagen.
Und - interessant für die Jacob-Levy-These - der Verdächtige ging nach seiner Provokation die Sandy's Row hinab, die in die Middlesex Street mündet.

Merkwürdig war nach den Coroner-Untersuchungen zum Double-Event auch die Anhörung im Fall Kelly: Sie wurde im Distrikt Shoreditch vom dort zuständigen Richter vorgenommen und nicht in Whitechapel, mit der seltsamen Begründung, zuständig sei der Ort der Aufbahrung, nicht der Tatort. Sie wurde bereits am 12. November eröffnet, mit sich nicht zuständig fühlenden Geschworenen, in hohem Tempo durchgepeitscht und schon am selben Tag wieder abgeschlossen. Richter Roderick Macdonald sagte: "Wenn die Geschworenen allein zu der Todesursache zu einem Ergebnis kommen, so ist das alles, was sie zu tun haben."
Zeugen oder Beweismittel zur Strafverfolgung sollten nicht weiter öffentlich thematisiert werden - wahrscheinlich aus ermittlungstaktischen Gründen, weil man einen Tatverdächtigen nicht warnen wollte, während er unter Beobachtung stand, um ihn auf frischer Tat stellen zu können.
In H. L. Adam's Serie "The People on Scotland Yard and its Secrets" von 1912 zitiert der Autor  Assistant Commissioner Anderson: "Sir Robert Anderson has assured the writer that the assassin was well known to the police, but unfortunately, in the absence of sufficient legal evidence to justify an arrest, they were unable to take him. It was a case of moral versus legal proof. The only chance the police had, apparently, was to take the miscreant red-handed…"


"Butcher's Row Suspect"

Nach dem Kelly-Mord begann die City Police damit, mehrere Monate lang einen Tatverdächtigen bei der Butcher's Row zu observieren.
In einem Zeitungsinterview (City Press, 7. January 1905) sagte Robert Sagar von der City Police, dass man nach dem Kelly-Mord einen Mann unter Beobachtung gestellt habe, der in der Butcher's Row arbeite und von dem man annehme, dass er der Ripper sei, und dass dieser Mann letztendlich von seinen Leuten in ein Irrenhaus eingeliefert worden sei.

Butcher's Row war kein offizieller Straßenname, so wurde wegen der vielen Metzger und der dahinter liegenden Schlachterei jener Abschnitt der High Aldgate Street genannt, der an der Einmündung der Middlesex Street liegt, wo Jakob Levy wohnte (sie stellt die Grenze zwischen City of London und Whitechapel sowie zwischen den beiden Polizei-Distrikten dar).

Auch Detective Inspector Henry Cox (City Police) wurde ein Jahr später in einem Zeitungsartikel (Thomson’s Weekly News, 1. December 1906) zu den Observationen zitiert, ohne jedoch den genauen Ort zu nennen. Cox: "The man we suspected was about five feet six inches in height, with short, black, curly hair, and he had a habit of taking late walks abroad. He occupied several shops in the East End, but from time to time he became insane, and was forced to spend a portion of his time in an asylum in Surrey. (...) While the Whitechapel murders were being perpetrated his place of business was in a certain street, and after the last murder I was on duty in this street for nearly three months." (beim Hinweis auf Surrey könnte eine Verwechslung mit Ostrog vorliegen).
Cox erzählte, er habe den Verdächtigen nachts auf einem Streifzug verfolgt: Nachdem dieser sein Haus verlassen habe, sei er die Leman Street in Richtung St. Georges in the East hinab gegangen - die Straße verläuft nur etwa 100 Meter östlich von der Einmündung der Middlesex Street und der Goulston Street in die Aldgate High nach Süden (!).
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was Detective Inspector Cox zur Überwachung des Tatverdächtigen sagte. Zur Verschleierung der Observation, die der jüdischen Gemeinde nicht verborgen blieb, behaupteten die Polizisten, die Schneider auf Beschäftigung von Minderjährigen zu überwachen: "We told them we were factory inspectors looking for tailors and capmakers who employed boys and girls under age." Dies könnte sich auf den Petticoat Lane Street Market oder den "Chazar Mark" in der Parallelstraße Goulston Street beziehen, wo Schneidermeister Arbeitskräfte rekrutierten.

Die Maßnahmen der City Police deuten darauf hin, dass die Indizien sie in dem Verdacht bekräftigten, es bei JTR mit einem einheimischen Metzger in der Umgebung von Aldgate High Street, Middlesex Street oder Goulston Street zu tun zu haben. Vielleicht war es sogar Jacob Levy, der beobachtet wurde - doch leider sind weder die genaue Adresse noch der Zeitraum der Observationen bekannt.
Allerdings schrieb das Aberdeen Weekly Journal bereits am 16. November 1888: "The Central News is enabled to state that several houses at which the murderer is believed to call on occasionally are under the closest police surveillance."

Wenn Jacob Levy der Ripper war, könnte dies bedeuten, dass er neben seiner Heimatadresse Middlesex Street 36 und seinem Bruder in der Goulston Street auch bei den Metzgern der Butcher's Row ein und aus ging. Denn sowohl Jacob Levy als auch der Zeuge und mutmaßliche Verwandte Joseph Hyam Levy sollen Geschäftsverbindungen in der Butcher's Row gehabt haben. Vermutlich kauften sie auch in der dortigen Schlachterei ein. Levy könnte sogar wegen seines ruinierten eigenen Geschäfts zeitweise dort oder in einem anderen Shop gearbeitet haben.


Nähe von mutmaßlichen Verwandten zu den Tatorten

Detective Inspector Henry Cox von der City Police schrieb über den observierten Verdächtigen: "He occupied several shops in the East End." Und das Aberdeen Weekly Journal schrieb bereits am 16. November 1888: "The Central News is enabled to state that several houses at which the murderer is believed to call on occasionally are under the closest police surveillance."

Zusätzlich den möglichen Verbindungen Levys mit anderen Metzgern in der Butcher's Row gab es im Eastend noch die Shops der Levy-Familie aus der Mitre Street, mit denen Jacob und Joseph Hyam Levy laut Casebook verwandt gewesen sein sollen:
Darunter der Orangenhändler Samuel Levy in der Mitre Street 20 (Tatort Mitre Square) und der Zigarrenhändler John Levy in der Whitechapel Road 254 - nahe den Tatorten Buck's Row und Berner Street sowie unmittelbar neben dem Messer-Fund von Thomas Coram nach dem Double Event vor Whitechapel Road Nr. 253.
In den 1880er Jahren hatte John Levy in der Whitechapel Road 254 einen Cigar Shop. Er war laut Census der Bruder von Fanny Levy von den Levys aus der Mitre Street 29, und sie waren wahrscheinlich Cousins des Zeugen Joseph Hyam Levy, dessen Vater vor Jacob die Metzgerei in der Middlesex Street 36 hatte - somit war vermutlich auch Jacob Levy mit diesen Levys verwandt.

John und Fannys Eltern, Ann und Barnett Levy, lebten in den 1850ern in Mitre Street 29 ("Orange Market" am Mitre Square), sie waren Zigarren- und Orangenhändler und hatten vier Kinder - John, Samuel, Lewis und Fanny. Um 1888 wohnte nur noch Fanny dort. Samuel lebte erst in Mitre Street 17 und 23 und zog danach neben Joseph Hyam Levys Vater, Hyam Levy, in die Middlesex Street 39. 1888 kehrte Samuel dann als Orangenverkäufer wieder in die Mitre Street zurück.

Nicht vergessen werden sollte schließlich noch Jacobs Bruder Isaac Levy, der zur Zeit der Morde  in der Goulston Street 130 lebte - nur einen Gebäudekomplex entfernt von dem Hauseingang, in dem das blutige Teil von Eddowes Schürze gefunden wurde.

Fazit: Waren die Levys von Mitre Street tatsächlich mit Jacob Levy verwandt, so rückt der verrückt gewordene Metzger durch die Adressen seiner Verwandten in die unmittelbare Nähe zu mehreren Tatorten und den Funden von Schürze und Messer. War Jacob Levy der Ripper, kannte er sich dort besonders gut aus, hätte für seine Anwesenheit in den Straßen eine plausible Erklärung gehabt und Möglichkeiten, nach den Taten schnell aus der Öffentlichkeit verschwinden zu können, indem er bei ihnen Unterschlupf suchte. 


Mittwoch, 17. Juli 1889: Mord an Alice McKenzie in der Castle Alley

Police Constable Walter Andrews entdeckte gegen 0.50 Uhr in der Castle Alley den leblosen Körper von Alice McKenzie, etwa eine halbe Stunde, nachdem er das letzte Mal auf seiner Runde dort gewesen war. Zeugen der Tat gab es keine. Ihre linke Halsschlagader war durchtrennt, ihr Rock war hochgeschoben und der Unterleib mit einem Messer traktiert worden, allerdings waren die Verletzungen eher oberflächlich.

Die Polizisten und die untersuchenden Ärzte waren uneinig darüber, ob es sich um ein weiteres Ripper-Opfer handelte. Einiges passte ins Schema: McKenzie übernachtete in einem Armenhaus, war rund 40 Jahre alt, Prostituierte und Trinkerin - und wurde im Zentrum von JTRs Aktivitäten getötet. Allerdings wurde ein anderes Messer benutzt, und zudem wurde sie nicht gewürgt, es gab auch keinen vollständigen Kehlenschnitt, die Wunden waren nicht so tief und der Unterleib war nicht ausgeweidet.
Der Täter hätte wahrscheinlich durchaus genug Zeit für weiterreichende Verstümmelungen gehabt, denn er war wohl diesmal nicht gestört worden. Indiz dafür: Obwohl es kurz geregnet hatte, war der Gehweg unter McKenzies Körper trocken, was bedeutet, dass sie wohl schon vor dem Schauer getötet wurde und somit einige Zeit unentdeckt dagelegen hatte. Möglicherweise war es ein Nachahmungstäter, der dem Ripper diesen Mord in die Schuhe schieben wollte.

Falls es doch JTR war, deutet alles darauf hin, dass er nicht mehr auf der Höhe seiner physischen und/oder psychischen Kräfte war - Folgen der fortschreitenden Syphilis?
Auch der große zeitliche Abstand zu den übrigen Taten fällt auf: JTR hatte eine sehr kurze Abkühlphase, so dass längere Pausen wohl nur durch widrige Umstände wie Krankheit, Einweisung oder Ermittlungsdruck der Polizei zu erklären sind.
Falls Jacob Levy der Täter war: Der Tatort ist nur 100-200 Meter oder 1-2 Minuten Gehweg von Butcher's Row und Middlesex Street entfernt.


"The crazy jewish Butcher"

Spätestens nach diesem Mord machte die Ripper-Theorie vom "verrückten jüdischen Metzger" die Runde, die von verschiedenen Presseorganen aufgegriffen wurde.

London Evening News And Post, 13. September 1889:
"The second man is now being watched. He is a resident of the East End, and has been for years. For a long time he has been acting in the most suspicious fashion. He has a business, to which he scarcely ever personally attends. He goes about drinking, and is to be met at all hours of the night in the streets all over the neighborhood. He enters his house at hours when his wife and family have long been at rest. No member of his family dare question him as to his ramblings. He knocks about among the lowest class of women at unearthly hours, although, according to general report, their very appearance is hateful in his sight. His hatred has been produced by physical suffering, for which, like most men of his class, he holds himself perfectly irresponsible. His habits are such as to give one the notion that he is not altogether in a fit position to be allowed to roam at will. Whether he has anything to do with any crime, it is, of course, impossible to say, but he is kept in view."

Offensichtlich war der Observierte ein im East End lebender Metzger, der sein Geschäft vernachlässigte, so wie auch Jacob Levys Frau beklagte. Er fing an zu trinken und streifte nachts umher, so wie Levys Frau gesagt hat. Er trieb sich bei Prostituierten herum, obwohl er sie hasste.
"His hatred has been produced by physical suffering, for which, like most men of his class, he holds himself perfectly irresponsible." - Und sein Hass kam von einer Syphilis-Infektion, wofür er die Schuld nicht bei sich, sondern bei anderen suchte.

Rochester Democrat And Chronicle, 16. September 1889:
"The London Police has a theory that Jack the Ripper is a crazy jewish butcher."

North Eastern Daily Gazette, 18. September 1889:
"A Detective's Views: We are watching now three men, besides the usual night-birds of Whitechapel. One man created some stir during the last murders under circumstances which I need not say anything about. He is a curious sort of fellow; in business, but not doing much to keep it going. His wife and daughter see to it, and he is out at all hours of the night. He says he is a member of the vigilance committee, but I can't answer as to that. No, I won't tell you his name, even if you do want to find out if he is a member or not. This man is out at all hours of the night, and he lets himself in some quietly that his wife does not know what time he really arrives home. She generally finds him in the shop when she comes down the morning. He is being watched, but we can't arrest him only on the suspicious we have. We must wait further developments."

Der Observierte vernachlässigte sein Geschäft, streifte nachts umher, und seine Frau wusste nicht, wann er zurückkam - das passt zu den Aussagen von Jacob Levys Frau bei seiner Einweisung.
"She generally finds him in the shop when she comes down the morning." - Die Erklärung dafür, warum seine Frau nichts bemerkt haben könnte: Sie schlief in der Wohnung, er im Shop. Auch das passt: Wenn JTR tatsächlich Familie hatte, dann muss er wohl woanders genächtigt haben als seine Frau, vermutlich wegen ehelicher Differenzen.

Sunday Chronicle, October 15, 1905:
"We found our man. He was engaged in a large way of business in the city of London, was married, had a family, and was generally respected. For some time he had been known as eccentric, and various escapades had caused his friends a good deal of anxiety.
Frequently, as we learned later, he stayed out all night about the time when these outrages were committed. His description agreed with that of a man seen in Dorset-street, Whitechapel, on the night when Mary Jane Kelly was cut to pieces, and at that time he was very near to actual arrest by a policeman."

Der Observierte war in einer großen Geschäftsstraße tätig, und zwar in der City of London, nicht in Whitechapel (!). Dies klingt nach dem Butcher's Row Suspect, denn die Butcher's Row (und auch die einmündende Middlesex Street) gehörten bereits zur City of London. Er war verheiratet und hatte Familie, wie Jacob Levy. Er wurde seltsam und seine Eskapaden bereiteten seinen Freunden Sorge - auch das erinnert an den Verfall Levys mit Diebstahl, psychischer Erkrankung, Geschäftsvernachlässigung und schließlich dem nächtlichem Umherstreifen.


Fortsetzung siehe unten:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 03.09.2016 14:26 Uhr
Das Ende


15. August 1890: Einlieferung ins Irrenhaus
Jacob Levy wird als geisteskrank in die Nervenheilanstalt City of London Asylum at Stone in Kent eingeliefert.
In der Krankenakte wird als Einweisungsgrund "Manie" eingetragen, an der er schon seit längerem leide. Er soll bei seiner Einlieferung noch in guter körperlicher Verfassung gewesen sein, seine Größe wird mit knapp 1,70 Meter und sein Gewicht mit 60 Kilo angegeben.
Seine Frau soll den Anstaltsakten zufolge nach der Einweisung gesagt haben, Levy habe beinahe ihr Geschäft ruiniert, früher sei er ein guter Geschäftsmann gewesen. Aber er schlafe nun nachts nicht mehr, sondern wandere oft für Stunden ziellos umher. Auch befürchte er, jemandem etwas anzutun. Er höre Geräusche und Stimmen, die ihm befehlen und ihn zwingen Taten zu begehen, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne.
Merwürdigerweise soll Levy gesagt haben, dass schon sein Bruder Abraham Selbstmord begangen habe, indem er sich selbst die Kehle durchgeschnitten (!) habe - dabei hat er sich laut Casebook erhängt: Im Mai 1875 nahm sich Jacobs Bruder demnach das Leben, weil er angeblich bei Pferderennen enorme Summen verloren hatte. Einem Zeitungsbericht nach fand Jacob selbst den erhängten Leichnam seines zwei Jahre älteren Bruders.

Dass Levy sein Geschäft vernachlässigte, nachts umherstreifte und zugab, von inneren Stimmen zu schrecklichen Taten getrieben zu werden, ist ein gutes Indiz für eine mögliche Täterschaft.
Hinzu kommt die seltsame Aussage zum Tod seines Bruders: Hat Levy vielleicht in seiner psychischen Zerrüttung hier seine Vorliebe fürs Kehlenschlitzen verraten?
Dass er auch 1890 noch in guter körperlicher Verfassung war, legt jedenfalls nahe, dass er trotz seiner Erkrankung physisch zu den Morden fähig gewesen wäre.

In ihren Memoiren nannten die hochrangigen Polizeibeamten Macnaghten und Anderson beide als einen der Hauptverdächtigen im Ripper-Fall einen Juden, der in nächster Nähe zu den Opfern lebte und nach den Morden in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde.
Auch Major Arthur G.F. Griffiths schrieb in seiner Reihe "Mysteries of Police and Crime" 1898 von "a Polish Jew, a known lunatic who was at large in the district of Whitechapel at the time of the murders and who (...) was confined to an asylum". (Das "polish" könnte eine Verwechslung mit Pizer sein)
Chief Inspektor Swanson schrieb persönliche Anmerkungen in sein Exemplar von Andersons Memoiren, die den grundsätzlichen Sachverhalt bestätigten. Allerdings fügte er noch hinzu, dass der Verdächtige in einem "Seaside Home" von einem Zeugen erkannt worden sei und es ihm auch bewusst gewesen sei, dass die Polizei ihn identifiziert habe. Danach habe man ihn vorübergehend zu seinen Verwandten zurückgebracht, wo die Polizei ihn Tag und Nacht beobachtet habe, bevor er dann endgültig in eine Irrenanstalt gebracht worden sei, wo er schon bald verstorben sei.
Dies würde erklären, warum die Morde aufhörten.

Damit würde der von Ripperologen in den Akten von Colney Hatch gefundene gewalttätige Irre David Cohen als Verdächtiger ausfallen, denn nach bisherigen Erkenntnissen hatte er keine Verwandten. Eine weitere Diskrepanz: Die Zeugen beschrieben alle einen Mann mittleren Alters - David Cohen war damals aber erst 23 Jahre alt. Zudem wurde er bereits am 7. Dezember 1888 per Gerichtsbeschluss erst ins Whitechapel-Arbeiterkrankenhaus eingewiesen, und dann wegen seiner Unkontrollierbarkeit am 21. Dezember direkt weiter ins Irrenhaus Colney Hatch, wo er am 20. Oktober 1889 verstorben sein soll - die erste offiziell "Seaside Home" genannte Einrichtung wurde aber erst 1890 eröffnet.
Allerdings vermuten einige Ripperologen, dass "David Cohen" auch ein Alias wie "John Doe" gewesen sein könnte, da es noch andere Namens-Unklarheiten in dem Fall gibt.

Jakob Levys Einlieferungsdatum in die öffentliche Anstalt passt jedenfalls zum Zeitpunkt der angeblichen Identifikation von JTR in einem "Seaside Home" (s.u.), welche von Ripperologen auf Sommer 1890 angesetzt wird, da das Convalescent Police Seaside Home in Hove (bei Brighton) in diesem Jahr eröffnet wurde und in seinen Akten zwei Besucher ohne Namensnennung auftauchen.
Zwar wurde von Chief Inspektor Swanson als öffentliche Anstalt Colney Hatch ins Spiel gebracht, aber dies bezog er explizit auf Kosminski. Laut Researcher Steward Hicks soll Lady Anderson, die Ehefrau von Assistant Commissioner Robert Anderson, hingegen gesagt haben, der Ripper sei in einer Anstalt bei Stone gewesen.

Da Levy schon "seit längerem" an seiner Krankheit gelitten hatte, könnte er zuvor bereits in familiärer Betreuung und/oder einer privaten Einrichtung gewesen sein - so wie dies später von hochrangigen Polizisten über den Ripper-Verdächtigen erzählt wurde.
Die Polizei soll jedenfalls schon Ende 1888 alle privaten Sanatorien überprüft haben:
"The Dublin Express London correspondent on Thursday gave as the latest police theory concerning the Whitechapel murderer, that he has fallen under the strong suspicion of his near relatives, who to avert a terribly family disgrace, may have placed him out of harm's way in safe keeping. As showing that there is a certain amount of credence attached to this story, detectives have recently visited all the registered private lunatic asylums, and made full inquiries as to the inmates recently admitted." (The Bristol Mercury, 29. Dezember 1888)

War Jacob Levy der Ripper, würde dies den Zeitraum von eineinhalb Jahren zwischen dem Kelly- Mord und seiner offiziellen Einweisung im August 1890 erklären.
Über Levy ist leider nur bekannt, dass er in Stone eingeliefert wurde, es gibt bisher keine Hinweise auf vorübergehende Unterbringungen woanders. Jedoch wäre es plausibel, dass sich zunächst seine Angehörigen um ihn kümmerten, bis sich sein Zustand so weit verschlechterte, dass er für sie nicht mehr zu bewältigen war, worauf sie ihn unter falschem Namen in ein privates Sanatorium steckten, bevor er von der Polizei entdeckt und identifiziert wurde.


Freitag, 13. Februar 1891: Mord an Frances Coles in Swallow Gardens
Gegen 1.45 Uhr traf eine Bekannte, die Prostituierte Ellen Callagher, in der Commercial Street auf Coles. Sie liefen gemeinsam Richtung Minories und begegneten einen "brutalen Mann mit einer Baskenmütze", an den Callagher sich als einen früheren Kunden erinnerte. Sie will Coles gewarnt haben, dass der Mann ihr vor einiger Zeit ein blaues Auge geschlagen habe, und sie solle sich nicht mit ihm abgeben. Coles befolgte den Rat ihrer Freundin allerdings nicht und unterbreitete dem Mann ein Angebot, worauf die beiden ohne Callagher in Richtung Minories gingen.
Carmen Friday und die Brüder Knapton gingen kurz nach 2 Uhr morgens durch die Eisenbahn-Unterführung Swallow Gardens. Sie sahen eine Frau und einen Mann, die an der Ecke der Royal Mint Street standen. Gegen 2.15 Uhr dann entdeckte Police Constable Ernest Thompson auf seiner Runde unter der Eisenbahnbrücke die Prostituierte Frances Coles mit durchschnittener Kehle.
Die Justiz klagte später Coles gewalttätigen Freund Thomas Sadler an, der jedoch freigesprochen wurde, weil er ein Alibi hatte.

Verdächtigungen wie im Automn of Terror mit den Gerüchten um "Lether Apron" verbreiteten sich unter den Bewohnern des Eastends, laut Mundpropaganda sollte ein gewisser jüdischer Metzger namens "Jacobs" (!) der Mörder gewesen sein.
Benjamin Leeson schrieb in "Lost London: The Memoirs of an East End Detective" (1934):
"... a story circulated that the Ripper was a butcher, who wore blue overalls and a leather apron, and an English Jew named Jacobs, a perfectly harmless man, somehow attracted suspicion to himself. Possibly because, working in a slaughter house, he always wore a leather apron. People would point Jacobs out in the street as a suspected man, and more than once he had to run for it. I myself was often obliged to take him to the police station for protection. The thing so preyed on the poor fellow's mind that it finally caused him to lose his reason." 

Coles war zwar auch eine Prostituierte, der die Kehle aufgeschlitzt wurde, allerdings wurde sie nicht zuvor gewürgt, sondern einfach zu Boden gerissen, das Messer soll ebenfalls ein anderes gewesen sein - der obduzierende Dr. Phillips hielt jedenfalls JTR nicht für den Täter.
Interessant ist aber, dass in gewissen Teilen der Bevölkerung Gerüchte über einen Metzger namens "Jacobs" die Runde machten, was doch sehr nach "Jacob" klingt.
Könnte vielleicht in bestimmten Kreisen schon länger der Verdacht bestanden haben, dass der Metzger Jacob Levy möglicherweise der Ripper war? War hier etwas durchgesickert und kursierte nun unter Leuten, die nicht wußten, dass der echte Verdächtige bereits in einer Anstalt war?


29. Juli 1891: Jacob Levys Tod
Levy stirbt an den Folgen der Syphilis in der Nervenheilanstalt Stone in Kent.
In den Akten steht als Todesursache: "General paralysis of the insane brought on by the serious sexually transmitted disease syphilis".

Macnaghten und Swanson bezeichneten ihren Verdächtigen in der Anstalt als "Kosminski", jedoch enthalten die Erinnerungen der Polizisten nachgewiesenermaßen einige Ungenauigkeiten, so dass sie sich mit dem Namen geirrt haben könnten, denn der in medizinischen Akten gefundene Aaron Kosminski war damals erst 23 Jahre alt und starb erst 1919 in der Anstalt, nicht schon bald nach der Einweisung. Zudem schrieb Robert Sagar von der City-Police von einem Metzger, der observiert worden war, und Kosminski soll Haarschneider gewesen sein.
Vermutlich wurden einfach die Namen von ein paar verdächtigen Anstaltsinsassen durcheinander geworfen. Der nie an den Ermittlungen beteiligte Mcnaghten schrieb sein internes Memorandum 1894 und veröffentlichte seine Memoiren "Days of My Years" erst 1914 - Jahre nach den Ripper-Morden. Robert Anderson veröffentlichte seine Memoiren "The Lighter Side of My Official Life", in die Swanson seine Anmerkungen machte, erst 1910.

Eine andere plausible Erklärung der Namens-Irritationen könnte im Verhalten der Verwandten des mutmaßlichen Mörders liegen: Wenn er von den Angehörigen zuerst in eine private Anstalt gesteckt wurde, als sie seinem Irrsinn und seiner Gefährlichkeit nicht mehr Herr wurden, wäre es gut nachvollziehbar, dass sie ihn unter einer falschen Identität irgendwo eingewiesen hatten, um ihn und die Familie zu schützen.
Das wäre dann so lange gut gegangen, bis es zur Überprüfung aller neuen Anstalts-Einlieferungen durch die Polizei und der erwähnten Gegenüberstellung mit Identifizierung im "Seaside Home" gekommen war. Die spätere endgültige Einweisung in ein staatliches Institut wäre dann zwar unter dem richtigen Namen erfolgt, aber die Namensverwirrung könnte immer noch in Polizeikreisen und -Berichten präsent gewesen sein und so zu den Irrtümern geführt haben.

Robert Anderson jedenfalls schrieb in seinen Memoiren: "Die einzige Person, die jemals einen guten Blick auf den Mörder werfen konnte, identifizierte ihn, aber als er erfuhr, dass der Tatverdächtige ein Glaubensbruder war, weigerte er sich, gegen ihn auszusagen."
Swanson bestätigte in seinen privaten Anmerkungen diesen Aspekt.
Bei diesem Zeugen könnte es sich somit um Joseph Hyam Levy, Joseph Lawende (beide Fall Eddowes) oder Israel Schwartz (Fall Stride) gehandelt haben.

Da Macnaghten schrieb, dass der Verdächtige der Beschreibung jener Person entsprach, die am Mitre Square gesehen wurde, dürfte der Zeuge tatsächlich entweder Joseph Hyam Levy oder Lawende gewesen sein. Joseph Hyam Levy machte bei der Befragung kaum Angaben zum Verdächtigen und gab sich verschlossen, vermittelte aber den Eindruck, als wisse er mehr als er sagen wollte, während Lavende zunächst eine detaillierte Beschreibung abgab. Lawende war ein Handelsreisender aus Dalston, kein Bewohner Whitechapels, und dürfte JTR nicht gekannt haben, so dass er vermutlich bedenkenlos eine erste Aussage machte, zumal er den Mann anfangs nicht für einen einheimischen Juden, sondern für einen Seemann gehalten hatte.
Eine Erklärung für den Rückzieher des Zeugen könnte somit sein, dass Joseph Lawende schließlich von seinem Begleiter Joseph Hyam Levy bearbeitet worden war, nicht gegen den Glaubensbruder auszusagen, um ein Pogrom gegen die jüdische Gemeinde zu verhindern.
Dass die Polizei tatsächlich die konkrete Möglichkeit sah, über die Zeugen Lawende und Joseph Hyam Levy den Ripper zu überführen, belegt auch die Vorgehsweise bei der öffentlichen Coroner-Untersuchung zu Eddowes Tod, bei der Lawende verboten wurde, den Verdächtigen vor dem Publikum genauer zu beschreiben (s.o.).


1892: Ermittlungs-Ende
Die Akte Jack the Ripper wird von der Polizei offiziell geschlossen.

Dies würde zeitlich besser zu Jacob Levy passen als zu dem in den Memoiren erwähnten Kosminski, da Aaron Kosminski erst lange nach seiner Einweisung und seiner Verlegung nach Leavesden im Jahr 1919 starb. Auch der von Ripperologen in den Akten der Colney Hatch Nervenheilanstalt gefundene mögliche Verdächtige Hyam Hyams starb erst am 22. März 1913.




Fazit

Die Theorie, dass JTR ein jüdischer Metzger war, der im Irrenhaus starb, erklärt den ansonsten merkwürdigen Schluss im Ripper-Fall: Nach dem Ende der Mordserie laufen die Ermittlungen angeblich ergebnislos aus, die Akte wird geschlossen - aber Jahre später erklären hochrangige Polizisten in ihren Memoiren oder Zeitungsartikeln, der Ripper wäre eigentlich identifiziert worden.

Nach dem Mord an Mary Ann Nichols verdichteten sich im Eastend schnell Gerüchte, dass die Morde von einem Juden mit dem Spitznamen "Leather Apron" verübt worden sein sollten, was so auch in den Zeitungen verbreitet wurde und schon zu ersten antisemitischen Aufwallungen und Kundgebungen führte.
Superintendent Thomas Arnold ordnete daher nach dem Double Event mit Erlaubnis von Polizeichef Charles Warren an, das Goulston Street Graffiti auf der Stelle zu entfernen, explizit aus dem Grund, um mögliche Pogrome gegen Juden zu verhindern. In seinem Bericht vom 9. November 1888 schreibt Arnold:
"Ich bitte darum berichten zu dürfen, dass am Morgen des 30. September, dem Letzten, meine Aufmerksamkeit auf eine Aufschrift an der Wand des Eingangs zu Behausungen in der Goulston Street 108, Whitechapel gerichtet wurde, welche aus folgenden Worten bestand: 'Die Juwes sind [nicht] die Menschen, die nicht grundlos beschuldigt werden'.
Ich wusste, dass aufgrund der Verdächtigung eines Juden namens John Pizer, genannt ‚Leather Apron‘, der beschuldigt wurde, den kürzlich in der Hanbury Street verübten Mord begangen zu haben, ein starkes Gefühl gegen die Juden im Allgemeinen aufkam. Da das Gebäude, auf dem sich die Aufschrift befand, mitten in der Lokalität liegt, die hauptsächlich von dieser Religionsgemeinschaft bewohnt wird, war ich besorgt darüber, dass wenn die Aufschrift verbleibt, diese für einen Aufstand verantwortlich sein könnte. Daher habe ich erwogen, dass es wünschenswert sei, sie aufgrund der Tatsache zu entfernen, dass sie sich an einer Stelle befand, die gut von den Menschen einsehbar war, die dort hinein- und hinausgehen."

Falls man den Ripper tatsächlich durch einen Zeugen als verrückt gewordenen jüdischen Metzger identifizierte, hätte die Bekanntgabe demnach zu schrecklichen Übergriffen bis hin zum Pogrom gegen die jüdische Gemeinde in Whitechapel im Allgemeinen und seine Familie im Besonderen führen können. Denn an die Eröffnung eines Prozesses wäre schon wegen des Gesundheitszustands des Tatverdächtigen nicht zu denken gewesen. Und selbst wenn: Ob die dünnen Beweismittel für eine Verurteilung ausreichend gewesen wären, darf bezweifelt werden - ein Freispruch aus Mangel an Beweisen wäre aber verheerend gewesen.
Wegen der sowieso schon explosiven sozialen Lage, einem weitverbreiteten Antisemitismus und der aufgestauten Wut durch den Ripper-Terror wäre wohl zu erwarten gewesen, dass viele Menschen dann ihre Aggressionen an Sündenböcken ausgelassen hätten.
Die Behörden könnten daher zu dem Schluss gekommen sein, es sei angesichts der explosiven Situation im Eastend sicherer, den todkranken Irren stillschweigend in einer Anstalt verrotten zu lassen und lieber weiter zähneknirschend vor der Öffentlichkeit wie Versager in diesem Fall dazustehen, als eine Katastrophe im Viertel zu riskieren.



Geographisches Profil für Jacob Levy:
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 04.09.2016 15:19 Uhr
Hallo Arthur, schön wieder von dir zu hören!

Leide noch ein wenig am "Hangover" einer gestrigen Hochzeitsfeier daher nur ganz kurz:

Wenn wir nun betrachten, wo diese Arbeitsplätze gewesen sein könnten, finden wir nicht nur die observierte Butcher's Row, sondern auch noch die beiden Harrison, Barber & Co Slaughterhouses: eins in der Winthrop Street, Parallelstraße zum Tatort Buck´s Row, und eins im Barber´s Yard nahe Tatort Hanbury Street (Ecke Brick Lane).

Ich glaube, mit dem Barbers Yard in der Hanbury Street unterlagen wir einem Irrtum. Das gehörte wohl nicht zu diesem Unternehmen, ich fand da auch noch neulich eine Quelle derer Einrichtungen, Hanbury Street fand keine Erwähnung dabei.

Im JTRForum bekam ich folgende Antwort von Gary Barnett:

"Certainly not a knackers' yard and not any kind of slaughter yard, I wouldn't have thought. Cow keepers were living on the corner of Hanbury Street and and Barbers Yard from the 1850s to the 1890s at least, and the Goad map shows the yard occupied by cow sheds.

Of course, there was a cat's meat shop nearby...
"

Irgend jemand hatte das ursprünglich mal im Casebook behauptet und es wurde geglaubt, so Gary.

Das waren ja Pferdeschlächter, wohlmöglich auch Abdecker, so auch in der Winthrop Street.

Mehr ist heute bei mir nicht drin.

Schönen Sonntag noch,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 04.09.2016 17:07 Uhr
Hallo Lestrade!

Zitat
Ich glaube, mit dem Barbers Yard in der Hanbury Street unterlagen wir einem Irrtum. Das gehörte wohl nicht zu diesem Unternehmen, ich fand da auch noch neulich eine Quelle derer Einrichtungen, Hanbury Street fand keine Erwähnung dabei.

Bist du sicher?
Das Schlachthaus in der Winthrop Street gab es jedenfalls (da kamen ja Henry Tomkins, James Mumford and Charles Brittain her, als sie vom Mord an Nichols in der Buck's Row erfahren hatten) - und dieses Schlachthaus gehörte Barber.
Ich hatte es irgendwo im Casebook gelesen, dass im Barber's Yard in der Hanbury Street Ecke Brick Lane ein weiteres Schlachthaus von Barber war, und war davon ausgegangen, dass der Hof deshalb Barber's Yard hieß, weil er ebenfalls Barber gehörte...
Und dass es dort Kuhställe gab, spricht ja nicht gegen eine Schlachterei - nur gegen eine Pferde-Schlachterei wie in der Winthrop Street. Im Gegenteil: Mir würde es plausibel erscheinen, wenn im Barber's Yard Kühe geschlachtet worden wären.


MfG, Arthur Dent


Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 04.09.2016 18:38 Uhr
Wo kann man sich schon sicher sein, Arthur...

Zu Harrison Barber gehörten wohl folgende Pferdeschlachtereien:

18 Queen Victoria Street, E.C.; 186 York Road, N.; Garrett Lane, Wandsworth, SW.; 19, 21 & 23 Winthrop Street, Whitechapel, E.; Westcott Street & Tabard Street, Borough, SE.; 35 Green Street, Blackfriars, SE. (Simon Wood)... kein Barbers Yard... Barber könnte ja tatsächlich auch auf "Barber", den "Barbier" zurückzuführen sein...

Chris Scott stellte 2004 mal die Frage, ob der Barbers Yard mit dem Unternehmen in der Winthrop Street zu tun haben könnte... vielleicht verselbstständigte sich das ganze danach... ich ging auch davon aus, dass dieser Yard mit Harrison Barber in Verbindung zu sehen war... beim schnellen durchsuchen des Post Office sah ich gerade folgendes: In 1891 war ein David Felix ein Cowkeeper in 37 Hanbury Street und hinter dieser Nummer lagen die Kuhställe des Barbers Yard. In diesem Yard selber, gab es Blackett and Co., Dyers and Cleaners, was aber auch auch Pelz- und Häuteverarbeiter schließen ließe. In 37 gab es aber auch mal einen Baker. Ich kann nichts erkennen, was auf Schlachtereien hindeuten könnte...

Chris Scott hat aber damals eine Karte beigefügt, schau mal hier, letztes Post:

http://www.casebook.org/forum/messages/4921/6117.html

Auch da sieht erst einmal nichts danach aus, dass es eine Schlachterei gab.

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 04.09.2016 19:58 Uhr
Hi Lestrade.

Wenn es da tatsächlich keine Schlachterei gab, wäre das zwar ärgerlich, weil ich einer Fehlinformation aufgesessen bin - ist aber zum Glück lediglich ein unbedeutender Nebenaspekt.
Danke jedenfalls für die Info - in meiner nächsten Zusammenfassung werde ich den Barber's Yard einfach weglassen.


Übrigens: Hast du Odell schon gelesen und gibt es etwas Interessantes über das Buch zu berichten?


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 04.09.2016 22:03 Uhr
Du bist nicht allein, Arthur... ich bin dieser Fehlinformation dann wohl auch aufgesessen...

Unbedeutender Nebenaspekt, du sagst es, alles kann eben nicht passen... aber denke mal an George Bolam, Cowkeeper und Milchmann, im Zusammenhang mit dem Butchers Row Suspect bzw. mit den Levys... siehe "The Butchers Row Suspect":

http://www.casebook.org/dissertations/rip-butchersrow.html

Scott Nelson postete einmal, ich zitiere:

Hyam Levy (Joseph H.'s father) ran his butcher shop at 36 Petticoat Lane (Middlesex) for many years. It was there that Joseph grew up. Instead of helping to run his father's business, he moves to no. 1 Hutchinson, just down the street when he's in his 20's. This address fronted Middlesex St. and was virtually in the heart of the Petticoat Lane Market area. It was not part of "Butcher's Row", although there were rows of butcher stalls in the Petticoat Lane market. Cousin Jacob assumed ownership of no. 36 after Joseph's father died. Both men dealt with George Bolam, a cow keeper who had a small slaughter shop on Middlesex St. and a larger yard on the north side of Aldgate-High Street, across from Butcher's Row.

Wer weiß, ob nicht auch der Cowkeeper im Barbers Yard eine Rolle spielen könnte? Wo ließ dieser seine Kühe schlachten?

Odell bin ich noch nicht weiter, passte zeitlich einfach nicht. Wird wohl Lektüre für die Herbst- und Winterzeit.

Gute Nacht,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 05.09.2016 12:21 Uhr
Es ist vielleicht auch mal schön zu sehen, per Foto, wer in der Butchers Row, Aldgate gearbeitet hat!

John Attfield führte zusammen mit Thomas Knott die Geschäfte in der Nummer 53 und 54 der Aldgate High Street, Butchers Row und auch auf dem Fleisch Markt in der City of London. Allerdings stieg Attfield im Mai 1888 aus. Seine Familie hatte Verbindungen nach Surrey (siehe Cox).

Vielleicht hatte Thomas Knott dann Bedarf nach Personal und jemand wie Jacob Levy, einer mit Erfahrung, konnte ihm behilflich sein. Vielleicht auch ein Kosminski.

Du kannst das Foto auf der Seite auch noch vergrößern:

http://farnham.attfield.de/fam129.html

Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 10.09.2016 21:45 Uhr
Hallo allesamt,

hier ist übrigens noch ein Link zur Mystery Files Folge über Jacob Levy mit Profilerin Pat Brown:

https://www.youtube.com/watch?v=T4W-a7rAoN4



MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 11.09.2016 19:41 Uhr
Hallo Lestrade,

ich bin gerade dabei, mir Jacobs Frau Sarah mal etwas genauer anzusehen.

In den Census-Daten von 1891 ist bei Sarah wohnhaft ihre Schwester
"Flora Abrahams, aged 23, born Whitechapel - Tailoress"
angegeben.

Kann es sein, dass sie etwas mit "unserer" Kosminski/Abrahams-Sippe zu tun hat?

Das wäre mal eine interessante Verbindung, die neue Perspektiven eröffnen würde und vielleicht auch gewisse Namens-Verwechslungen und Verwirrungen der Ermittlungen erklären könnte.
Wir hatten ja schon mal darüber spekuliert, ob Aaron und die Levys vielleicht was miteinander zu tun hatten.

Stellen wir uns nur mal vor, da wären zwei verrückte gewordene Juden in demselben Haus ein- und ausgegangen und schließlich eingeliefert worden...
Und schon wären einige sich widersprechende Angaben unserer Polizisten erklärbar, z.B. was das Einlieferungs- oder Todesdatum angeht.

Weißt du etwas Näheres über eine Flora Abrahams?



Übrigens habe ich eine Erklärung dafür gefunden, warum Sarah im Census 1891 plötzlich in Middlesex Street 69 auftaucht: Sie ist offenbar nicht umgezogen, vielmehr wurden von der Stadt in diesen Jahren die verwirrenden Hausnummern in der Straße geändert, wie ich beim Stöbern in casebook und jtrforum lesen konnte - du hattest mir ja gezeigt, dass es wegen der Zusammenlegung mit der Petticoat Lane dort zwei Hausnummern 36 gab, und ich irrtümlicherweise das Tea Warehouse mit der Nr. 36 für Levys Adresse gehalten hatte.
(Dummerweise habe ich die Fundstelle wegen anderer Prioritäten vergessen zu verlinken, muss es erst noch mal finden.)
 
 
MfG, Arthur Dent

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 11.09.2016 20:27 Uhr
Hallo Lestrade,

ich habe zu der Adresse-Geschichte von Sarah was wiedergefunden (war zwar glaub ich nicht die Stelle vom letzten Mal, aber egal):

"At some point, between the Ordnance Surveys of 1873 and 1894 (in all likelihood, the mid-1880's), the portion of Middlesex Street that extended from Whitechapel High Street to the Bell Public House (i.e. what had been 2-48 Middlesex Street (even; i.e. eastern side), Parish of St. Mary Whitechapel), was completely redeveloped. That 'redevelopment' was probably still in process, at the time of the Census of England & Wales, 1891."
http://www.jtrforums.com/showthread.php?t=10323&page=5

Wenn die Straße in diesen Jahren restrukturiert wurde, haben wir eine Erklärung für jene vermeintlichen Umzüge von Sarah und Sampson innerhalb der Middlesex Street, über die wir mal gesprochen hatten.


In diesem Faden habe ich übrigens auch die Aussage gefunden, dass die ehemalige Adresse von Sampson, Goulston Street 58, schließlich nicht mehr existierte, weil sie abgerissen und durch die neuen Wentworth Buildings ersetzt worden wäre.

Tracy Ianson schrieb:
"Hyman Sampson was who Jacob was caught stealing meat from in 1886, and sent to an asylum, Hyman lived at 58 Goulston Street until it was knocked down in 1886/7.
Although it is a little off the wall, the hope is that 58 Goulston Street was approx around the area of 109 - 188 Wentworth builings. I know according to the 1881 census the street went up in evens and back down in odds, but I am still trying to find out which side was which. Did Jacob feel wrongfully convicted and this was his reaction?
I do realise that even if 58 Goulston Street was in the same place as 109 -118 Wentworth Street it isn't proving a lot.... but I do like when ideas pan out."

Wenn es stimmt, wäre das ein interessanter Zusatzaspekt.


MfG, Arthur Dent


 
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.09.2016 00:47 Uhr
Hallo Arthur,

Die Firemaps scheinen, laut Notiz, von 1887 zu stammen und die Cooper Maps um 1888. Da sehen wir bzw. können erahnen, dass es dort zwei Nummern 36 auf der Middlesex Street gab. Eine auf der östlichen Seite, die andere weiter oben auf westlicher Seite. Wir sehen aber auch weniger ungrade Zahlen. Auch wenn da für eine 36 das Tea Warenhaus (Petticoat Lane) eingetragen ist, könnte da ja dennoch die Butcher Adresse der Levys gewesen sein. Der Betreiber des Tee Warenhauses, hätte ja auch geschäftliche Räume vermietet haben können. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo im Laufe dieser Jahre der Umstrukturierung, die Hausnummern hinverschoben wurden. Eine "Mrs." Hyman Sampson (Butcher) finden wir dann 1891 im Post Office dann unter 67 Middlesex Street und Sarah Levy unter 69 Middlesex Street. Möglicherweise lagen diese Adressen dann in der "Petticoat Lane" und Sarah war gar nicht umgezogen, da könntest du richtig liegen. Die 58 Goulston Street nebenan gab es dann nicht mehr und Sampson und die Levys waren wieder (ganz nah) "vereint" in der Middlesex Street. Lag die 58 Goulston Street früher tatsächlich nahe des neuen Wohnblocks wo man das Schürzenteil fand, wäre das tatsächlich ein interessanter Zusatzaspekt.

Schauen wir aber nochmal auf mein Post mit dem Scott Nelson Zitat:

Hyam Levy (Joseph H.'s father) ran his butcher shop at 36 Petticoat Lane (Middlesex) for many years. It was there that Joseph grew up. Instead of helping to run his father's business, he moves to no. 1 Hutchinson, just down the street when he's in his 20's. This address fronted Middlesex St. and was virtually in the heart of the Petticoat Lane Market area. It was not part of "Butcher's Row", although there were rows of butcher stalls in the Petticoat Lane market. Cousin Jacob assumed ownership of no. 36 after Joseph's father died. Both men dealt with George Bolam, a cow keeper who had a small slaughter shop on Middlesex St. and a larger yard on the north side of Aldgate-High Street, across from Butcher's Row.

Jacob Levy übernahm also als Cousin das Geschäft von Hyam Levy, den Vater von Joseph Hyam Levy (den bekannten Zeugen) in der 36 Middlesex Street/Petticoat Lane. Joseph Hyam Levy selber moves to no. 1 Hutchinson, just down the street und damit meint Scott wohl garantiert nicht die 36 außerhalb der Petticoat Lane im oberen Bereich jener Straße. Scott sagt auch: there were rows of butcher stalls in the Petticoat Lane market. Das heißt, Zeuge Joseph Hyam Levy aus der 1 Hutchinson Street führte sein Geschäft unweit der 36 Middlesex Street/ Petticoat Lane in 1888 unter der Jacob Levy tätig war. Ein paar Meter zu Fuß... und es gab kleine Butchers Rows in der Middlesex Street/ Petticoat Lane. Auf gut Deutsch, diese kleinen Reihen von Schlächtern lagen zum Greifen nahe an der "wahren" Butchers Row und Middlesex Street war auch schon die Grenze zwischen City of London und dem Metropolitan Bereich. Ich denke, wir können da Scott Nelson absolut vertrauen... Das Tee Warenhaus sollte uns nicht weiter irritieren, das alles war ein "Marktbereich" und recht busy. Aus der 36 könnte 69 (Levy) geworden sein und aus der 34 oder 38 (oder gegenüber) eben die 67 (Sampson).

Mir war das neu mit den Schlachterreihen, obwohl ich für 1891 einige dort finden konnte, so z.B.: Joseph Joseph 39, Jacob/Sarah Levy 69, Hyman Sampson 67, Hyams Syckerman 66, David Nussbaum 91 oder Abraham White 84. Es mag 1891 (eher dann für 1890) nicht mehr ganz so gewesen sein aber ich habe keine guten Unterlagen für die Zeit um 1888 und da war es vielleicht noch anders, gerade, wenn der Bereich Middlesex Street/ Goulston Street neu gestaltet werden sollte.

Du wirst wohl mit deiner ursprünglichen Annahme richtig gelegen haben (falls ich mich richtig an unsere Diskussion erinnere oder ging es dabei um Schneider? Wenn ja, träfe das wohl aber auch zu), dass die Middlesex Street mit Butchern "gepflastert" war. Vielleicht nicht mehr so frequentiert in 1890/91 wie in 1888/89 aber letzteres wäre eindeutig wichtiger. Eine Restrukturierung könnte vieles in einiger Hinsicht verändert haben und das in kurzer Zeit.

Sagar sagte zwar Butchers Row/ Aldgate aber die Aldgate High Street mündete am Ende der Butchers Row ja auch irgendwie in die Middlesex Street. Und wir wissen ja nicht, was Sagar alles für Aldgate hielt... 

Zu Flora Abrahams kann ich nichts sagen! Sarah Levy war ja auch eine geborene Abrahams und ihre unverheiratete Schwester wohnte eben bei ihnen. Die Familie schienen ja schon eher "richtige" Engländer gewesen zu sein, anders wie der Kozminski- Clan, die ja erst vor kürzerer Zeit ihre Namen zu Abrahams oder Cohen änderten. Man findet im Laufe der Jahre viele Levys und Abrahams, die auch miteinander auf tausende Arten verbandelt waren.

Dennoch scheint es mir, dass beide, Jacob Levy und Aaron Kozminski, im Laufe ihres Lebens miteinander zu tun gehabt haben könnten. Die Dinge hatten wir aber schon angesprochen...

Und danke, dass du wieder eine verständliche Version der Jacob Levy Doku mit Pat Brown gefunden hast. Vor Monaten konnte ich nur das Video in Französisch posten.

Beste Grüße,

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 12.09.2016 11:06 Uhr
Hallo Lestrade,

das mit den Schlachterreihen war mir bisher nicht bekannt, würde aber gut auf diese kleinen Gebäudereihen nördlich der Hutchinson Street bis zur Einmündung Stoney Lane passen, wo die nordwestliche Nr. 36 lag, auf die du mich aufmerksam gemacht hattest.
Zudem war diese Nr. 36 ja tatsächlich etwa 50 Meter von der Hutchinson Street 1 weg, während das Tea Warehouse nur wenige Meter schräg gegenüber war.
Daher glaube ich, dass du absolut recht hattest mit der Adresse der Levys: Es war die nordwestlich gelegene Nr. 36.

Und wenn nun die Hausnummern in jenen Jahren 1888 bis 1891 neu geordnet wurden, dann wurde aus Nr. 35 Sampson und Nr. 36 Levy schließlich 67 Sampson (bzw. Sampsons Witwe) und 69 Levy.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.09.2016 11:34 Uhr
Hallo Arthur!

Helf mir mal:

Jacob Levy übernahm Hyam Levy´s Shop in der 36 Petticoat Lane/ Middlesex Street. Hyam Levy´s Sohn Joseph Hyam Levy selber, zog in die 1 Hutchinson Street, nur ein Stück die Straße runter. Meine nordwestliche 36 lag aber nicht in der Petticoat Lane, die gab es in dieser Straße nur östlich. Die 1 Hutchinson Street ermöglichte einen Blick in die Middlesex Street, genauer genommen auf die Petticoat Lane, denn die Hutchinson Street Adresse befand sich in mitten dieses ganzen Areals.

Schau noch einmal auf unsere Karten:

http://www.bl.uk/onlinegallery/onlineex/firemaps/england/london/xi/zoomify150924.html

http://www.bl.uk/onlinegallery/onlineex/firemaps/england/london/itov/zoomify150238.html

Vom Ausgang Hutchinson Street schaute man auf die 28 Petticoat Lane, ging man links raus, ein kleines Stück hoch und überquerte die Straße, stand man vor der 36 Petticoat Lane. Zu der 36 Middlesex Street nordwestlich war es auch nicht mehr weit aber ich denke, Scott Nelson meint die 36 des Tea Warehouse.

Aber weißte was, ich frag ihn einfach mal selber. Wohlmöglich kann er uns das alles besser erklären.

Einverstanden?
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 12.09.2016 18:58 Uhr
Hallo Lestrade.

Jetzt hast du mich gerade verwirrt:

Ich war ja früher davon ausgegangen, dass Jacobs Shop die Nr. 36 der ehemaligen Petticoat Lane war, die schräg gegenüber der Hutchinson Street auf der östlichen Straßenseite lag - bis du mir mit der Firemap gezeigt hattest, dass dort ein Tea Warehouse ist, und dass es eine weitere Nr. 36 in der Middlesex Street gab, die weiter nördlich auf der westlichen Seite direkt unterhalb der Einmündung Stoney Lane lag.

Daraufhin habe ich dir recht gegeben, dass das 1887 als Tea Warehouse gekennzeichnete Gebäude wohl nicht Jacobs Butcher-Shop sein konnte (wir wissen ja, dass der Levy Shop schon seit Jahren existierte), sondern dass es die norwestliche Adresse bei der Stoney Lane gewesen sein musste, die du mir gezeigt hast, denn erstens ist das östliche Gebäude als Lagerhaus bezeichnet, und zweitens zu nah an der Hutchinson Street, während die nordwestliche Adresse eher Nelsons Beschreibung von "etwa 50 Meter weiter" entspricht.

Und jetzt hast du deine Meinung geändert und meinst, Nelson hätte vielleicht doch die östliche Adresse (Warehouse) gemeint, die ich ursprünglich für korrekt gehalten habe...? Wieso? Du hattest doch recht.


Also: Ich glaube, dass dein damaliger Einwand richtig war und Levys Shop auf der westlichen Seite direkt unterhalb der Stoney Lane lag - und dass bei der Restrukturierung der Straße die Hausnummern von der Aldgate High hinauf neu vergeben wurden, so dass die Hausnummern endlich nachvollziehbar und ohne Doppelungen verliefen.
Wie du auf der Firemap siehst, waren die Gebäude auf der westlichen Seite der Middlesex Street 1887 einfach durchgezählt worden: auf die 34 folgte die 35, die 36, die 37... Dadurch gab es Doppelungen mit der ehemaligen Petticoat Lane.
Durch die Umstrukturierung wurde es dann wie bei modernen Straßen: Die westliche Seite der nun im ganzen als Middlesex Street bezeichneten Straße erhielt nur ungerade Nummern, die östliche nur die geraden.
Und schon werden auf der westlichen Seite beim neuen Durchzählen - weil jetzt die gerade Hälfte der alten Nummern weggefallen ist -  aus den ehemaligen Hausnummern 35 (Sampson) und 36 (Levy) die 67 und 69, so wie es im Census von 1891 steht - ganz ohne dass Sarah Levy und Sampsons Witwe umgezogen wären. Ihre Häuser hatten lediglich neue Nummern bekommen.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.09.2016 19:30 Uhr
Hi Arthur,

Ich weiß jetzt selbst nicht, was nun richtig ist! Das ganze verwirrt mich auch. Das beruhigende ist, dass beide 36 ja nicht so weit voneinander entfernt lagen. Wir kennen ja das Beispiel aus der 253 Whitechapel Road. Um 1887/88 hatte dort ein Joseph Kartowski seinen Friseurladen. Der Messerfund durch Thomas Coram fand aber unter der gleichen Nummer statt, allerdings wurde dabei eine Wäscherei erwähnt, die von einem Mr. Christmas. In diesem Falle überließ wohl der Friseur Kartowski der Wäscherei Christmas um 1888 einen Teil seiner Geschäftsräume. Ähnliches könnte ja zwischen dem Tea Warehouse und Jacob Levy stattgefunden haben. Aber ich weiß das schlicht und einfach nicht. Ich habe Scott Nelson angefragt und um Klärung beider 36er Nummern gebeten. Er kann sich natürlich auch irren aber Leute wie er haben noch ganz andere Unterlagen und Erfahrungen als wir. Ich glaubte ja früher auch an die 36 der Petticoat Lane, bis ich dann die 36 weiter nördlich sah. War ja erst einmal logisch, nachdem ich das Tea Warehouse sah, dass die 36 in der Petticoat Lane falsch sein müsste. Lass uns seine Antwort abwarten... kann aber ein paar Tage dauern...

Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 12.09.2016 20:10 Uhr
Ok, warten wir mal ab.

Das Interessante an der östlichen Nr. 36 ist ja folgendes:
Über die Hinterhöfe wäre man praktisch unbemerkt vom Shop zum Brunswick-Komplex gekommen, wo Jacobs Bruder wohnte, und somit in die Goulston Street.
Das wäre eine elegante Lösung für die Geschichte mit Eddowes Schürze gewesen.
Jacob hätte entweder (wenn die Schürze nicht gleich entdeckt wurde) nach dem Mord an der Middlesex Street vorbei in die Goulston Street laufen können, um dort die Schürze als falsche Fährte an den Wentworth Buildings abzulegen und dann über den Hinterhof der Brunswick Buildings zur Hintertür seines Hauses zu gelangen. Das wäre eine gute Ablenkung gewesen. Oder er hätte zuerst bei sich untertauchen können, um später über den Hinterhof eine falsche Spur in der Goulston Street legen zu gehen.

Aber warten wir mal ab.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.09.2016 20:30 Uhr
Ja, das ist interressant und wahrscheinlich auch so gut möglich! Egal wer der Täter war, ich halte solche Routen für richtig. So, wie das eventuell für Jacob Levy passen würde.

Bis dahin.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 12.09.2016 22:35 Uhr
Scott hat bereits geantwortet, wir müssen uns aber noch weiter austauschen, bis ich Meldung machen kann!

Zu Flora und Sarah Abrahams, später Levy, schau mal hier:

https://www.british-genealogy.com/archive/index.php/t-75015.html?s=5662d9f6047270b8832720feaf3f65ee

Den Link schickte er mit, kann aber zu deiner Frage auch nichts sagen, was die Herkunft der Damen angeht. Mir fehlt die Zeit dort durchzuschauen. Vielleicht entdeckst du da was.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 13.09.2016 07:53 Uhr
Hallo Lestrade,

ich habe nochmal den Text von Mark King im Casebook gelesen, darin schreibt er:

"Hyam and Frances Levy were the parents of Joseph Hyam Levy who was born in Aldgate in 1841 and who by 1888 had a butchers business himself situated at 1 Hutchinson Street, Aldgate, which was geographically sited at the junction of Middlesex Street, a mere sixty yards or so from number 36 Middlesex Street where Kelly's London Business Directory for 1888 lists Jacob Levy"

Levys Shop war demnach rund 60 Yards von Hutchinson Street 1 entfernt - das passt eher auf die nordwestliche Nr. 36 als auf das Warehouse schräg gegenüber.

Und:

"The opposite sides of Middlesex Street were divided by the boundaries of both the City of London and Metropolitan police jurisdictions and nestling within the City boundaries resided Jacob Levy"

Wenn die gegenüberliegenden Straßenseiten aufgeteilt waren in City Police und MePo, und Jacobs Shop in City Police Zuständigkeit war, dann war es eindeutig die westliche Straßenseite.

http://www.casebook.org/suspects/jacoblevy.html


MfG, Arthur Dent

Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 13.09.2016 10:15 Uhr
Guten Morgen Arthur!

Das sind ja alles die Quellen, die wir kennen.

Es ist ja offensichtlich, dass die Straße vormals geprägt war durch die Petticoat Lane, östliche Seite. Westliche Seite war Middlesex Street. Vielleicht spielte jene Trennung City/Metropolitan dabei eine Rolle. Irgendwann hieß es dann aber nur "Formerly Petticoat Lane". Alles war dann Middlesex Street. Wenn du auf die Karten schaust siehst du eben eine sehr ähnliche Nummerierung. 1-72 auf der ehemaligen Petticoat Lane (ohne eine 69) und auf der anderen Seite (1-50). Zweimal eine 36.

Nun siehst du ja, dass auf der östlichen Seite unter 36 das Tea Warehouse war. Scott schrieb mir, er sieht für 1894 im Directoryy die Paget & Piggott Tea Merchants und sieht sie als Nachfolger von Levy´s Shop an. Unter der Nummer 69 sieht er 1894 im Census einen Daniel Bodgerhart (fried fish shop), im Directory 1891 ist unter der Nummer 69 noch Jacob Levy geführt. Hält Scott die 36 oberhalb der westlichen Seite für Levy´s Shop, was ich glaube, dann hat er vielleicht nicht bemerkt, dass das Tea Warehouse ganz woanders liegt, nämlich auf der östlichen Seite. Scott hat mir eine Karte geschickt, wo man nur die westliche Seite der Middlesex Street erkennt. Und dort gibt es ja auch tatsächlich die Nummer 36 nahe der Kreuzung Stoney Lane. Wäre ja Zufall, wenn beide 36 durch Teehändler belegt wurden. Keine Ahnung ob beide, King und Scott, der Petticoat Lane Nummerierung gewahr sind. Scott schrieb aber selber "Butcher Shop/ Petticoat Lane". Aber soweit ich das verstehe, wurde der nordwestliche Teil niemals Petticoat Lane genannt. Man liest halt in den Unterlagen und schaut dabei nicht immer auf die Karten, warum auch. Scott meint auch, dass 36 und 69 unterschiedliche Adressen waren. Ich kann für diese Zeit aber keine 69 erkennen. Ich meine, irgendwann muss man diese beiden Straßenseiten ja zu einer Straßennummerierung zusammengefasst haben. Dabei könnte die 69 erst entstanden sein.

Ich habe ihm mein Verständnis der ganzen Sache gestern abend noch einmal detailliert geschickt, mit Karten usw. Hoffe, dass er uns dann asbald ein klareres Bild darlegen kann. Auf jedenfall gibt es dort Nummernsalat, ansonsten würde jemand wie Scott Nelson eine Teehändlerlocation nicht für Levy´s ehemaligen Shop halten.

Ich bin für heute ersteinmal raus, bin unterwegs, bitte nicht wundern.

Lestrade.   
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 13.09.2016 19:41 Uhr
Hallo Lestrade, hallo allesamt,

ich habe nochmal genauer über die Situation in der Middlesex Street nachgedacht:


Gehen wir mal davon aus, Harry Cox observierte tätsächlich in der Middlesex Street.

Cox schrieb:
"We had the use of a house opposite the shop of the man we suspected, and, disguised, of course, we frequently stopped across in the role of customers."

Gegenüber Middlesex Street 36 (Westseite unter Stoney Lane) liegen östlich die Hausnummern 52 bis 72.

Gegenüber Pettycoat Lane 36 (Ostseite, Warehouse) liegen westlich die Hausnummern 15 bis 20.

Wer war dort laut Post Office 1888 / 1889 gemeldet? Weiß das jemand?


Interessanterweise war jedenfalls an der Ecke Middlesex Street / New Goulston Street das südöstliche Eckgebäude (Hausnummer 50) der Pub "The Bell" (den es übrigens immer noch gibt). Von dort aus hätten Beobachter schon mal einen Blick auf die Tür der nordwestlichen Middlesex Street 36 gehabt.


Cox schrieb:
"When darkness set in I saw him come forth from the door of his little shop and glance furtively around to see if he were being watched. I allowed him to get right out of the street before I left the house, and then I set off after him. I followed him to Lehman Street."

Cox ließ den Verdächtigen erst die Straße verlassen, bevor er ihm folgte. Er hätte seinem Verdächtigen wohl nicht mehrere hundert Meter Vorsprung gegeben, sonst hätte er ihn aus den Augen verloren. Der Verdächtige musste seine Straße also bereits nach wenigen Metern verlassen können.

Da er danach in die Leman Street ging, könnte er also zuerst von der Middlesex Street über die New Goulston Street in die Goulston Street gegangen sein, und von dort weiter in Leman Street.
Gehen wir davon aus, dass Cox die nordwestliche Middlesex Street 36 beobachtete, so passt das: Denn die New Goulston Street mündet nur wenige Meter südlich der Adresse ein.

Dies trifft auf die Pettycoat Lane 36 so nicht zu, da wäre es nach beiden Seiten wesentlich weiter gewesen bis zu einer anderen Straße (Aldgate High Street oder New Goulston Street), über die man dann in die Leman Street gelangen konnte.
 

Soweit meine Überlegungen.

Interessant wäre es jetzt, wenn jemand die Post Office Daten von 1888 / 1889 für die o.g. Häuser hätte.


MfG, Arthur Dent
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 13.09.2016 22:38 Uhr
Hallo Arthur!

Heutiger Mailaustausch mit Scott:

Hi Karsten,

Es würde keine zwei 36 in der gleichen Straße geben. Die einzige Erklärung wäre, dass sich die Nummerierung während der Kartenerstellung der von dir angehangenen Karten änderte. Die pdf mit der ich arbeitete (und dir schickte) stammte von 1887. Diese zeigt keinerlei Nummerierung für die Ostseite der Straße. Aber zu jener Zeit gab es keine Petticoat Lane Bezeichnung mehr (außer für den Markt). Falls die Karte älter ist, kann es sein, dass sich die Nummerierungen teilweise wiederholt haben, als Westseite Middlesex Street war und die Ostseite Petticoat Lane. Jacob Levy übernahm den Butcher Shop der Middlesex Street 36 an Stoney Lane nachdem Hyam Levy (Vater vom Zeugen Joseph Hyam Levy) starb. Ich glaube, obwohl ich mir nicht sicher bin (Tracy Ianson wäre wohl eher in der Lage dir zu helfen), dass er mit seinem Shop in der Nummer 69 direkt gegenüber, nördlich der New Goulston Street am Ende landete. Die Frage die ich habe lautet, aus welchem Jahr stammt die Karte in der Mitte?


(Anmerkung: Ich habe ihn drei Karten Ausschnitte geschickt, Middlesex Street Westseite, Middlesex Street mit Petticoat Lane, Ostseite und einen von der Geoff Cooper Karte.)     

Nebenbei, ich halte Rob Clack für den Meister solcher Karten und Straßenaddressänderungen.

Sag mir ob dir das hilft, Scott.


Meine Antwort, nachdem ich auf dem Insurance Plan of City of London genauer hingeschaut habe:

Hi Scott,

Ja, es ist hilfreich...

Karte in der Mitte: VOL. XI: sheet 318 = 1890 (siehe Anhang) -Ostseite-
Die andere Karte: VOL. III: sheet 71 = 1887 (siehe Anhang) - Westseite-
 
Du siehst, deine Karte stammt aus der gleichen Zeit wie die Vol. III: sheet 71 (Insurance Plan Of City of London).

Die Nummerierung änderte sich zwischen 1887 und 1890? Richtig? Und der Teehändler Laden in der Middlesex Street 36 in 1890 & 1894 war nicht der Levy Shop von 1887? Richtig?

Karsten.


Soweit, so gut. Warten wir seine Antwort ab. Die Nummerierung hätte sich dann ja gegen 1890 für die ehemalige Petticoat Lane in der Middlesex Street ergeben und die westliche Seite hätte sich dann wohlmöglich geändert. Klar, aus der 36 dort, hätte sich dann die 69 ergeben können, ohne Umzug.

Deine Überlegungen zu Cox sind logisch. Ich frage Scott dann nach jenen Directory Adressen in der nächsten Antwort.

Besten Gruß, Lestrade.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 14.09.2016 12:53 Uhr
Scott bestätigt meinen Eindruck, allerdings habe ich ihn vergessen zu fragen, wie er nun über die 36/69er Konstellation denkt!

Habe gefragt wegen den 1888/89 (also dann eher 87/88) Post Office Adressen. Vorab die 1891 (für 1890), welche ich schon länger notiert habe:

Card & Cardboard Makers: Isaac Woolf 15
Wardrobe Dealers: Simon Simmons 17
Boot & Shoemakers-Wholesale: Wolff Weber & Sons 18
Fishmongers: David Hyams 51
Chandlers Shops: Godfrey Marks 52
Publicans: Joseph Aarons “Horns” 53
Piece brokers: Louis Prince 54
Dairyman: John Jenkins 56
Ironmongers: Emanuel Siegenberg 58
Fried Fish Shops: Mrs. Polly Nathan 62
Piece brokers: Fishel Littman 64
Greengrocers: Brothers Levy 65
Butchers: Hyams Syckerman 66, Hyman Sampson 67,Jacob Levy 69 (eine kleine Butchers Row?)
Furriers: Benjamin Hyam 70

Vielleicht können wir daran dann auch erkennen, wie sich die Nummerierung zwischenzeitlich änderte, siehe 36/69.
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Lestrade am 14.09.2016 12:55 Uhr
Wegen der Nummerierung müsste man auch noch mal auf George Bolam schauen, der hatte ja irgendwann auch eine kleine Schlächterei in der Middlesex Street neben seinem Kuhstall in der Aldgate High Street... frage ich ihn auch noch...
Titel: Re: Jacob Levy
Beitrag von: Arthur Dent 2 am 14.09.2016 21:06 Uhr
Hallo Lestrade,

vielen Dank für deine Mühen, ich habe die Daten mal von Nord nach Süd sortiert entsprechend der Stadtpläne.


1. Gegenüber Middlesex Street 36 (Westseite) liegen östlich die Hausnummern 48 bis 72.

Belegung 1890 / 1891:

70   Furriers:                                    Benjamin Hyam                Kürschner / Pelzhändler
68   Cook & Confectioner:                  Harry Joseph                    Koch und Konditor
66   Butchers:                                  Hyams Syckerman            Metzger
64   Piece brokers:                            Fishel Littman                  Restehändler
62   Fried Fish Shops:                       Mrs. Polly Nathan              Fried Fish-Imbiss
60   Fishmonger / Fish Frier / Coffee: Zuss Joel                         Fishhändler / Kaffee
58   Ironmongers:                            Emanuel Siegenberg         Eisenwarenhändler
56   Dairyman:                                John Jenkins                     Milchmann
54   Piece brokers:                           Louis Prince                      Restehändler
52   Chandlers Shops:                      Godfrey Marks