Autor Thema: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum  (Gelesen 1446 mal)

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Offline Arthur Dent 2

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Hallo zusammen!



Hier ein paar Überlegungen zur geheimnisumwobenen misslungenen Identifizierung von Andersons Verdächtigem und dem Macnaghten Memorandum:


Am 13. Februar 1891 wird Frances Coles ermordet. Die Polizei versucht Thomas Sadler als Mörder seiner Ex-Freundin zu überführen. Im Zuge ihrer Ermittlungen greift sie u.a. auch wieder auf Zeugen der Ripper-Morde zurück, um zu überprüfen, ob Sadler nicht vielleicht der Ripper war. Dabei wäre es plausibel, dass sie diese nicht nur zur Gegenüberstellung eines einzelnen Mordverdächtigen heranzogen, sondern aus praktischen Gründen gleich für mehrere, die sie noch auf ihrer Liste hatte. Diese Vorgehensweise dürfte sie auch schon nach dem Mord an Alice McKenzie am 17. Juli 1889 praktiziert haben - sie hatte ja wieder einen konkreten Anlass und guten Grund, sich alte Zeugen und Verdächtige erneut vorzunehmen.

Jedenfalls erscheint es gut möglich, dass die mysteriöse Seaside Home Identifizierung, auf die Anderson und Swanson sich bezogen, im Zuge einer dieser beiden Ermittlungen mit neuen Gegenüberstellungen geschah - also irgendwann zwischen Juli 1889 und Mitte 1891.
Allzuviel später kann es schwerlich gewesen sein, denn ab 1892 wurde die Ripper-Akte nicht mehr weiter geführt, und der Verdächtige soll ja schließlich nach der misslungenen Gegenüberstellung erst vorübergehend zurück zum Bruder gebracht (überwacht von der CID) und dann schon bald in die Anstalt gekommen sein, was ein plausibler Grund dafür wäre, dass die Ermittlungen 1892 ausliefen.

Daraus ergibt sich jetzt nur das Problem, warum Macnaghten in seinem Memorandum vom 23. Februar 1894 lediglich so vage von "besseren" Verdächtigen als Cutbush schreibt und gleich drei Personen auflistet, von denen zwei zudem recht weit hergeholt scheinen: Ostrog wurde nie offiziell wegen der Ripper-Morde zur Fahndung ausgeschrieben und Druitt wurde unseres Wissens von den Ermittlern nie ernsthaft verdächtigt, lediglich von Macnaghten wegen irgendwelcher "privater Informationen". Nur "Kosminski" kann darin ernst genommen werden. Das erscheint doch ziemlich seltsam.

Wenn die mysteriöse "Identifizierung" so eindeutig gewesen wäre, wie Anderson das später darstellte, wieso hat Macnaghten sich dann im Memorandum nicht einfach auf den sicher in der Anstalt verwahrten Hauptverdächtigen "Kosminski" beschränkt? Und wieso gab es so viele Jahre lang unter den Ermittlern noch so viele verschiedene Theorien?

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich Anderson nicht mag. Er fuhr während der Ripper-Morde zuerst mal gemütlich in Urlaub und musste zurückbefohlen werden, um seine Arbeit zu machen, und seine Äußerungen über Juden deuten auf antisemitische Vorurteile hin. Inspector Reid sah sich gar genötigt, die jüdische Gemeinde gegen Andersons pauschalisierende Äußerungen zu verteidigen. Dies wirft m.E. schon mal ein eher unerfreuliches Licht auf seine Einstellung, Objektivität und Glaubwürdigkeit.

Alle anderen Beamten äußerten sich wesentlich vorsichtiger über ihre Verdächtigen, nur er tat so, als wäre die Identität des Rippers eigentlich gelüftet und es hätte lediglich nicht genügend gerichtsfeste Beweise zur Eröffnung eines Prozesses gegeben. Dem widersprechen aber nicht nur die Formulierungen im Macnaghten-Memorandum, sondern auch die ganzen unterschiedlichen Theorien der anderen am Fall beteiligten Polizisten.
Ob Swanson nun ganz hinter Anderson stand oder er in seinen Marginalien nur dessen Geschichte detaillierter darstellte, bleibt m.E. offen. Es kann gut sein, dass Swanson dort lediglich Andersons Erzählung weiter ausgeführt hat: Er machte diese Randnotizen ja allein für sich. Wenn er die Aussagen Andersons vollständig geteilt hätte - wären dann solche "Erinnerungshilfen" notwendig gewesen? In so einem spektakulären Fall?

Es gibt nun vier alternative Erklärungsmöglichkeiten dafür, warum Anderson sich so sicher zeigte, während der Rest der Polizei eher vorsichtig formulierte und auch zum Teil unterschiedliche Ansichten hatte:

1. Anderson hat seine Vorurteile für Tatsachen gehalten. Zu dieser Interpretation würden seine pauschalisierenden Äußerungen über Juden passen.
2. Er hat Vermutungen als Tatsachen hingestellt, damit er und/oder die Polizei besser dasteht. Auch dazu würden gewisse seiner Verhaltensweisen und Äußerungen passen.
3. Er wusste etwas, das die anderen nicht wussten. Dies würde bedeuten, dass er gegenüber anderen Teilen des Polizeiapparats gewisse Informationen zurückgehalten hat.
4. Ein bisschen von allen drei Punkten.

Wenn es mehrere Gegenüberstellungen gab, so kann es natürlich sein, dass sie tatsächlich einen Zeugen fanden, der eine Person wiedererkannte, die - aus welchen Gründen auch immer - in Tatortnähe gewesen war. Inwieweit die Reaktion des Zeugen und des Verdächtigen aber eindeutig waren oder nur Interpretation der beteiligten Polizisten, und wie nahe der Zeuge diese Person tatsächlich an eine mögliche Täterschaft brachte, können wir schlecht einschätzen. Vielleicht war der Zeuge sich einfach nicht sicher genug, um jemanden eines so schwerwiegenden Verbrechens zu bezichtigen, vielleicht stimmt aber auch Andersons Behauptung, dass der Zeuge sich aus einer Verbundenheit zum Verdächtigen heraus weigerte.

Wenn Anderson selbst bei der Gegenüberstellung dabei war, könnte das zumindest seine Sicherheit erklären, weil er die Reaktion mit eigenen Augen sah (oder sie einfach falsch interpretierte).
Jedenfalls könnte ich mir gut vorstellen, dass ein Mensch von der offensichtlichen Eitelkeit Andersons selbst dabei sein wollte und als es dann schiefging, nach seinen Vorstellungen umdeutete, dass er diese vorübergehende Niederlage unter den Teppich zu kehren versuchte, es bei der geringen Anzahl von Mitwissern über die misslungene Gegenüberstellung beließ, die Ermittlungen gegen "seinen" Verdächtigen weiter betrieb, und hoffte den Fall vielleicht schließlich doch noch zum Erfolg führen zu können.
Infolge dessen hätten nur die unmittelbar Beteiligten genaueres von dieser Gegenüberstellung gewusst, und für die anderen im Polizeiapparat wäre Andersons Hauptverdächtiger lediglich als ein weiterer Verdächtiger unter mehreren weiter gelaufen, und die anderen hätten weiter ihre eigenen Theorien verfolgt.
Als Andersons Verdächtiger dann schließlich in der Irrenanstalt landete und keine weiteren Ripper-ähnlichen Morde mehr passierten, konnte er sich in seinen Ansichten bestätigt fühlen.
 
Da Macnaghten ja nie an den Ermittlungen beteiligt und stattdessen weitgehend auf seine Kollegen und die Akten angewiesen war, die man ihm vorlegte, hätte Anderson seinen Verdächtigen schließlich auch mit ins Macnaghten-Memorandum bringen können. (Vielleicht sogar absichtlich mit so schlechten anderen "Verdächtigen", dass "seiner" am plausibelsten erschien?) Angesichts der Selbstsicherheit, mit der er später über seinen Verdächtigen schrieb, würde es mich jedenfalls nicht wundern, wenn er ihn auch für das Memorandum "gepusht" hätte. Auffallend ist ja, dass in Macnaghtens Entwurf noch konkret Bezug auf den mysteriösen Zeugen vom Mitre Square genommen wird, aber in der Endfassung schließlich nur noch vage von "many circs" die Rede ist, was ja schon eine gewisse Abschwächung von Macnaghten bedeutet.

Jedenfalls erzählte Anderson dann später bei jeder sich bietenden Gelegenheit: "Ja, eigentlich hatten wir ihn entlarvt, leider ist der Zeuge eingeknickt, dadurch hatten wir keine ausreichenden Beweise für eine Anklage, aber immerhin haben wir ihn überwacht, so dass er nichts mehr anstellen konnte, und kurze Zeit später wurde er in einer Anstalt weggeschlossen." So steht man dann nicht mehr als vollständiger Versager da, denn Schuld waren ja andere.

Worauf ich hinaus will:
Möglicherweise sind die scheinbar unabhängig voneinander auftauchenden Hinweise auf Andersons Hauptverdächtigen gar nicht so unabhängig voneinander, sondern stammen in Wirklichkeit nur aus der Quelle Anderson selbst, der seine persönliche Täter-Theorie pushte - und der Verdächtige, auf den er sich fokussiert hatte, war nur einer von mehreren, mit denen es damals Gegenüberstellungen gab.



Hier übrigens noch ein interessanter Artikel mit dem Titel "Anderson's fairy tales":
http://www.jtrforums.com/showthread.php?p=164681#post164681



MfG, Arthur Dent

« Letzte Änderung: 05.04.2017 20:32 Uhr von Arthur Dent 2 »

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Re: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum
« Antwort #1 am: 06.04.2017 09:52 Uhr »
Hallo zusammen!


Hier noch verschiedene Aspekte aus Andersons Leben, die Zweifel an seiner kriminalistischen Objektivität und Glaubwürdigkeit aufkommen lassen:


Robert Anderson war vor seiner Arbeit als Head of CID im politischen Einsatz zur Bekämpfung der irischen Fenian-Unabhängigkeitsbewegung - er war also eher ein politischer Wachhund und Nachrichtendienst-Mann als ein Polizist, der objektiv und sine ira et studio Verbrechen aufklärt.

Andersons Beteiligung an den Piggott-Fälschungen:
Anderson soll zusammen mit einem Journalisten namens Richard Pigott 1887 eine Artikelserie unter dem Titel "Parnellism and Crime" in die Londoner Times lanciert haben, die eine angebliche aktuelle Verbindung des angesehenen irischen Politiker Charles Stewart Parnell mit den Fenians  und deren Phoenix-Park-Morden an Lord Frederick Cavendish sowie Thomas Henry Burked nahelegten, um Parnell zu schaden. Es wurde eine Untersuchungskommission ins Leben gerufen, aber erst viele Jahre später, 1910, kam heraus, dass Anderson seine Finger mit im Spiel hatte - es gab einen großen Skandal und Anderson verlor fast seine Pension.
http://www.casebook.org/dissertations/ws-dublincastle.html

Anderson soll auch im Fall des Mordes an Rose Mylett am 20. Dezember 1888 auf die Ärzte Einfluss ausgeübt haben, dass sie keinen Mord durch Strangulation diagnostizieren sollten, sondern eine natürliche Todesursache, einen unglücklichen Unfall.
"Dr. Robert Anderson was also involved in the case, and his findings seemed to contradict those of Dr. Brownfield. He observed that there was no trace of a struggle around the yard -- no items strewn about, no clothing torn or ripped, no scratches on the body, and no second set of footprints anywhere among the soft ground of the yard. Also according to Anderson, the body "lay naturally."
Anderson, along with the backing of his police force, insisted that Mylett's death was not attributable to murder. (...)
Anderson and the C.I.D., dismayed that their reports and findings were ignored by Baxter, refused to set their men upon the case, deeming the murderer to be non-existent and such an attempt a blatant waste of time and man-power.
Later on in life, Anderson, in The Lighter Side of My Official Life (1910), wrote that "the Poplar case of December, 1888, was death from natural causes, and but for the 'Jack the Ripper' scare, no one would have thought of suggesting that it was a homicide."
http://www.casebook.org/victims/mylett.html

Es ist wohl anzunehmen, dass Anderson aus politischen Gründen insistierte, da nach dem Kelly-Mord die Hysterie im East End auf dem Höhepunkt angelangt war, dies bereits Commissioner Warren zum Rücktritt gezwungen hatte und die Mordserie sowohl zum Aufruhr im Viertel hätte führen als auch weitere Amtsinhaber ihren Job hätte kosten können - vielleicht sogar Munro, Macnaghten und ihn selbst?

Darüber hinaus dürfte es auch Anderson gewesen sein, der über seinen Freund Major Arthur Griffiths die ersten Hinweise zum "polish jew aspect" an die Öffentlichkeit lancierte, oder es zumindest zuließ, dass Macnaghten das über den gemeinsamen Freund tat. Wahrscheinlicher ist aber, dass es Anderson war, weil Macnaghten ja Druitt präferierte.


Fassen wir zusammen:
Anderson sah sich wohl mehr als politischen Beamten, und ihm waren scheinbar andere Dinge wie z.B. die Staatsraison wichtiger als die kriminalistische Wahrheit, ja er war offenbar auch bereit, gewisse Dinge so hinzubiegen, wie er es für richtig hielt. Darüber hinaus zeigte er eine gewisse Abneigung gegen ganze Gruppen von Menschen wie Iren und Juden, was sich in Vorurteilen manifestierte. Er lancierte sogar bestimmte Gerüchte in den Medien.
Ketzerisch gefragt: Für wie glaubwürdig dürfen wir angesichts all dieser Aspekte seine Äußerungen halten, der Ripper sei eigentlich identifiziert worden?


MfG, Arthur Dent
« Letzte Änderung: 06.04.2017 10:05 Uhr von Arthur Dent 2 »

Offline Arthur Dent 2

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Re: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum
« Antwort #2 am: 07.04.2017 09:24 Uhr »
Hallo zusammen!


Mir ist bei den Swanson Marginalien etwas aufgefallen, das mir nun angesichts des o.a. kritischen Ansatzes gegenüber Anderson plötzlich in einem anderen Licht erscheint:

Neben der Textstelle, in der Anderson erzählt, der Journalist, der die Ripper-Briefe fälschte, und die Identität des Rippers seien eigentlich bekannt, hat Swanson die Anmerkung gemacht:
"known to head of CID" - und das "head" dabei gleich doppelt unterstrichen.

"head of CID" war Anderson - aber er, Swanson, war der Chefermittler. Und er schrieb nicht: Ja, WIR kannten ihn - nein, er grenzt ab: dem "Kopf" der CID bekannt.
Könnte dies eine sarkastische Anmerkung auf den "führenden Kopf" gewesen sein? Sinngemäß: Ja klar, unser "Kopf", der wusste es...

Hier ergeben sich dann m.E. drei Möglichkeiten:
1. Anderson hatte da sein eigenes Süppchen gekocht, ohne andere miteinzubeziehen.
2. Swanson meinte das ironisch und machte sich darüber lustig, dass Anderson Dinge als Tatsachen hinstellte, die für andere nur Vermutungen waren.
3. Von beidem etwas.

Jedenfalls würde dies erklären, warum Swanson sich detaillierte "Erinnerungshilfen" zu der Seaside Home Identifizierung in das Buch geschrieben hat.
Wenn er selber dabei gewesen wäre bzw. selber das Ereignis uneingeschränkt so gesehen hätte wie Anderson, wäre das wohl in seinem Gedächtnis eingebrannt geblieben. Schließlich handelte es sich um einen der aufsehenerregendsten Fälle seiner Karriere, der weltweit für Schlagzeilen gesorgt und schwere gesellschaftliche und politische Folgen gezeitigt hatte. Wenn Swanson sich selber gedacht hätte "ja das ist eindeutig unser Mann", dann hätte er wohl nicht eingeschränkt: "known to head of CID".



MfG, Arthur Dent
« Letzte Änderung: 07.04.2017 13:29 Uhr von Arthur Dent 2 »

Offline Lestrade

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Re: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum
« Antwort #3 am: 07.04.2017 13:28 Uhr »
Hallo Arthur!

"known to Scotland Yard head officers of CID"

Scotland Yard war der Hauptsitz der Metropolitan Police und natürlich auch deren Kriminalpolizei (CID).

Anderson ist ja schon lange ein Thema und die Geister scheiden sich an ihm. Ich wüsste jetzt keinen Grund, warum sich Swanson ihm gegenüber sarkastisch verhalten haben könnte. Die Ernsthaftigkeit der ID im Seaside Home würde ich auch nicht anzweifeln. "Kosminski" war ein realer Verdächtiger und mit Swansons zweimaliger Anmerkung, dass der Verdächtige wusste, dass er identifiziert wurde, wird das noch deutlicher. Auch wenn es nur aus Swansons Familie kommt, auch dort sprach Swanson darüber, dass sie den Ripper kannten aber ohne die Hilfe eines jüdischen Zeugen, diesen eben nicht dingfest machen konnten. Eine gute Lösung war aber gewesen, ihn, außerhalb von London, gut untergebracht gewusst zu haben, die Serie endete. Dazu passt auch Macnaghtens Angabe zum März 1889, zu jener Zeit wurde Abberline vom Fall abgezogen und auch die Polizeipräsenz deutlich zurückgefahren.

Irgendwann, wurde jener "Kosminski" von der City Kriminalpolizei zu einer ID in ein Seaside Home gebracht und dort zunächst identifiziert. Wir können nicht wissen, wer alles von den Beamten (City/ MET) dabei war. Könnte aber sehr wahrscheinlich sein, dass "Kosminski" ein Verdächtiger der City Polizei war, die ihn ja auch nach der ID weiterhin observierte. Und wir kennen die Angaben der City Beamten Sagar und Cox zu ihren Verdächtigen, sei dies nun ein- und derselbe Mann gewesen oder eben zwei unterschiedliche. Es gibt die Chance, dass zumindest einer von möglichen Zweien jener "Kosminski" war. Sagar sagte ja auch "identification being impossible", was das auch immer zu bedeuten hatte. Die Angaben, die Anderson und Swanson zur ID machten, lässt m.E. wenig Spielraum für etwaige Verwechslungen. Denken und vermuten kann man natürlich was man möchte. Man sollte davon ausgehen, muss aber nicht, dass die Heads der MET als auch die der City Police sehr gut im Bilde waren und sich Meinungen im Austausch untereinander bildeten und ganz sicher dabei auf den Grundlagen vom Ermittlungsergebnissen, wie den "many circs" von Macnaghten. Es wäre ja gut möglich, dass nicht nur Anderson, Swanson, Monro und Reid und wahrscheinlich sogar Macnaghten sich nicht ganz uneinig waren sondern auch einige Beamte der City, wie Sagar oder Cox. Ob es bei allem um "Ruhm" ging, da wäre ich mir nicht sicher. Cox und Sagar sprachen 17, 18 Jahre nach der Mordserie darüber, Anderson auch ab da, wenn nicht gar erst nach über 20 Jahren. Via Sims und Griffiths sickerte einiges bereits früher durch, Macnaghtens Memo war 1894 intern, bliebe noch Swansons Statement von 1895, wo er glaubt, dass Jack the Ripper bereits tot sei. So richtig wollte sich niemand so viele Jahre lang mit einer Lösung "brüsten". Mir persönlich gefällt am besten Macnaghtens "strong suspect" Beschreibung zu "Kosminski", weil ich denke, dass doch eine gewisse Anzahl von Beamten das auch so sahen, ohne möglicherweise vollkommen überzeugt gewesen zu sein. Beamte, die über die ID informiert waren, sahen das dann vielleicht doch etwas überzeugender.

Wie eingangs erwähnt, ist Anderson ein ewiges Thema und dabei wird immer wieder versucht, seine Angaben, auch im Zusammenhang mit Swanson, abzuwerten. Mir ist das eigentlich wurscht, da es diesen Verdächtigen gab, der eine große Rolle spielte. Die ID zu ihm ist genauso wichtig, da er ja selber wusste, dass er identifiziert wurde. Diesen Eindruck hatte Swanson und das sollte man ernst nehmen. Dieser "Kosminski" steckte tief in der Scheiße, egal ob er nun er Ripper war oder nicht und der Grund dafür war sicherlich nicht die Persönlichkeit von Anderson.

Lestrade.
 
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Re: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum
« Antwort #4 am: 07.04.2017 13:38 Uhr »
Hallo Lestrade!


Das Kernproblem, weswegen ich diesen Thread eröffnete, ist und bleibt ja:
Warum hat Macnaghten noch 1894 mehrere Verdächtige ins Memorandum aufgenommen - und dazu noch zwei so schwache (Ostrogs Anwesenheit in London zur Zeit der Morde war völlig unklar und Druitt war längst tot, als die Morde an McKenzie und Coles passierten, aber man suchte ja bis 1892 nach dem Ripper) - und wieso waren sich die Ermittler weiterhin so uneinig?

Wenn wir die Seaside Home Identifizierung ernst nehmen, kann das m.E. entweder nur heißen, dass andere diese Gegenüberstellung eben nicht überzeugend fanden oder dass sie vielleicht gar nichts davon wussten.


MfG, Arthur Dent

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Re: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum
« Antwort #5 am: 07.04.2017 14:38 Uhr »
Ich würde ganz vorne anfangen:

Es muss belastende Hinweise und Erkenntnisse zu "Kosminski" gegeben haben. Hauptproblem dabei: Er war Jude. Neben dem normalen Verhalten der Polizei, war dieser Aspekt sicherlich ein weiterer Grund noch vorsichtiger zu agieren, dazu kommen noch Erfahrungswerte der Polizei während der ersten Zeit (siehe Pizer). Ich denke, dass die Polizei während des ganzen Prozesses lernen musste, wie damit umzugehen sei. Hier gab es möglicherweise gerade einen Juden, der nichtjüdische Frauen abschlachtete. Kann mir gut vorstellen, dass einige Beamte hofften: Hoffentlich nicht der!

Ich denke, kann mir natürlich nicht sicher sein, dass die ID erst später stattfand. Aufgrund der vergangenen Zeit als auch aufgrund von Kosminskis Religion, wäre es denkbar, dass die ganze ID sehr diskret abgerufen worden ist, wohlmöglich war das auch nicht alles ganz "legal". Ich halte es auch für möglich, dass die Polizei vor der ID dachte, dass ihr jüdischer Zeuge nicht unbedingt einen Juden "verraten" würde, wenn er es denn wüsste. Anderson gab im Blackwood Magazin an, dass der Ripper identifiziert wurde, während er eigentlich in einer Anstalt war. In seinem Buch änderte er das aber. Falls Kosminski tatsächlich in einer Anstalt war, vielleicht die, in welcher er schon im März 1889 landete, dann könnte das eine jüdische Anstalt gewesen sein. Bringt man den jüdischen Zeugen dorthin, erkennt dieser sofort, dass er gleich einem jüdischen Verdächtigen gegenüberstehen würde. Es hätte in einem solchem Falle Sinn gemacht, den Verdächtigen in eine nichtjüdische, neutrale Einrichtung zu bringen, dem Seaside Home. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Zeuge eine Verdächtigen identifizieren sollte aber keinen Verdächtigen, den er von vornherein für einen Juden hielt, wie er selber einer war. Mitbekommen hat er das aber dann wohl doch. Diese Verbringung in ein Seaside Home als auch Swanson Bemerkungen über die Schwierigkeiten, die es bei diesem Arrangement gab, lassen auf taktisches Vorgehen seitens der Polizei schließen. Wenn Kosminski in einer Anstalt war, dann konnten sie ihn auch nicht so einfach von dort wegholen. Meiner Meinung nach könnten sie Hilfe durch Familienmitglieder erhalten haben, die sicherlich Interesse daran hatten, alles so schmerzlos wie möglich zu überstehen. Durch den City PC am Mitre Square könnte die City Police diesen Verdächtigen zu ihren gezählt haben und waren somit verantwortlich für den Weg zur ID als auch zu Überwachung danach. Laut Swanson überwachten sie diesen Mann nach der Rückkehr zu seinem Bruder rund um die Uhr. Und vorher? Ich denke, dass die Polizei wusste, vor der ID, dass er in einer Anstalt war. Mit dem Zeugen hin ging nicht und auch keine Abholung durch die Polizei, weil dieser Mann in ärztlicher Behandlung war. Es könnte eine Absprache der Polizei mit der Familie gegeben haben. Daraufhin könnten Familienmitglieder Kosminski aus der Anstalt geholt haben, Familienfeier oder ähnliches als Ausrede, und ihn dann der Polizei übergeben haben. Aaron Kozminski war im Juli 1890 für 4 Tage im Workhouse ohne das etwas mit ihm dort geschah. Wäre ja möglich, dass die Familie ihn dorthin brachte und er von der City Police dann in das Seaside Home gebracht wurde und danach wieder zurück in das Workhouse und wieder weiter in die Anstalt aus der er kam via seiner Familie. Swanson schrieb: "Nach der Rückkehr in das Haus seines Bruders in Whitechapel". Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass er sofort nach der ID dorthin zurückging sondern erst Wochen oder Monate später. Swanson sagte ja auch Whitechapel und "kurz danach"... Im Falle von Aaron Kozminski war das dann nicht Whitechapel (Sion Square) sondern Mile End Old Town (Greenfield Street) bei seiner Einweisung. Innerhalb kurzer Zeit hätte sich dann seine Adresse geändert. Aber im Juli 1890 war das noch richtig mit Whitechapel. Für den Sommer 1890 hätte Swanson das ja auch gewusst aber wenn in der Zwischenzeit Monate vergangen waren, könnte das an ihm vorbeigegangen sein, gerade dann, wenn die City Police die Überwachung führte. In solch einem Szenario hätte es gute Gründe gegeben, die ID sehr geheim zu halten. Macnaghten hätte es nicht so genau gewusst haben müssen. Nur Kosminski in seinem Memorandum anzugeben, wäre vielleicht etwas wenig gewesen, da kam ihm seine Passion für Druitt entgegen. Ostrog war ganz klar gesucht worden, während der Mordserie und vielleicht tatsächlich ernsthaft verdächtigt worden, was sich dann aber klärte aber ob das Macnaghten wiederum alles so genau erfahren hatte? Stell dir vor, da hätte nur Kosminski gestanden. Die Fragen dann -nach dem Motto: Also warum konntet ihr denn den nicht überführen? Zu dämlich? 

Ich denke, dass dieser Kosminski ein In und out Patient in irgendeiner jüdischen Anstalt war, bevor er nach Colney Hatch kam. Wenn er denn mal wieder auf freiem Fuss war, dann wusste die Polizei das vielleicht auch aber observierten ihn nur stichprobenmäßig. Nach der ID war das dann wieder so, wie vor der ersten Einweisung ca. März 1889, also nach den Morden, dass er rund um die Uhr überwacht worden war. Du siehst, ich halte es für möglich, dass sie ihn im Laufe der Zeit weniger ernstnahmen, erst wieder richtig, wie einst, nach der ID im Seaside Home. So hat die ID, nach längerer Zeit, vielleicht weniger Aufmerksamkeit in Polizeikreisen erzeugt, wer weiß. Bei solche einem Ablauf, kann für mich weder Schwartz noch Lawende der Zeuge im Seaside Home gewesen sein.

Arthur, ich bin gerade mit Bauarbeiten (und auch weiteren Nachforschungen) beschäftigt, wundere dich nicht, wenn ich weniger online bin als auch erst später antworte.

Lestrade.
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Re: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum
« Antwort #6 am: 08.04.2017 10:06 Uhr »
Hallo Lestrade!


Gehen wir mal von deiner Prämisse aus, dass der Verdächtige bereits in einer (privaten) jüdischen Anstalt war. Wenn ich mich korrekt an einen früheren Faden zum Seaside Home erinnere, gab es nicht weit vom Police Reconvalescent Seaside Home in Hove auch eine jüdische Einrichtung.
Das würde zunächst mal plausibel klingen: Der jüdische Verdächtige war von seiner Familie bereits dort untergebracht worden, und für eine diskrete Gegenüberstellung schaffte man ihn in die nächstgelegene passende Einrichtung, die der Polizei zur Verfügung stand, unser berühmtes Seaside Home direkt um die Ecke. Die "großen Schwierigkeiten" wären dann wohl vermutlich beim Überreden der Familie und/oder der Heimleitungen aufgetreten, dabei mitzuspielen, weil dieses Vorgehen wohl nicht so ganz legal war. So weit, so gut. Das klingt alles recht plausibel.

Nur haben wir jetzt ein anderes Problem: Warum wurde der Verdächtige danach nicht gleich wieder in seine Einrichtung zurückgebracht (oder gar in eine andere mit höherer Sicherheit verlegt), sondern wurde laut Swanson ins Haus seines Bruders "zurück" geschickt? Das scheint mir jetzt irgendwie nicht mehr so ganz zu passen. Weder von der Vorgehensweise - aus der Einrichtung zur Familie statt zurück in eine Anstalt - noch von der Formulierung "ins Haus des Bruders zurückgebracht", was ja impliziert, dass er vorher dort gewesen war, und nicht in einer Anstalt... Darüber hinaus: Wenn die Familie schon meinte, er sei besser in einer Anstalt aufgehoben - wieso hätte sie ihn zurücknehmen sollen?

Ich könnte mir dies nur so erklären: Die Formulierung "zurückgebracht" war einfach etwas ungenau und bezog sich lediglich darauf, dass er früher bei seinem Bruder gewohnt hatte. Jene Anstalt wollte ihn nach dieser dubiosen Geschichte vielleicht lieber nicht mehr als Patienten haben, und die Polizei entschied sich nach der misslungenen Identifizierung auf Risiko zu spielen, um ihn doch noch zu überführen: Wieder raus mit ihm zur Familie, überwachen und warten ob er nochmal auf Jagd geht, damit man ihn auf frischer Tat fassen konnte.
Das klappte aber scheinbar auch nicht, vermutlich weil der Verdächtige wegen der misslungenen Identifizierung gewarnt war und keinen Versuch mehr unternahm und/oder weil er dann schließlich so krank wurde, dass er endgültig eingewiesen wurde.

Dass nur wenige im Polizeiapparat von der ID und ihrem Ergebnis wussten, könnte nun daran liegen, dass die beteiligten Beamten von oben (Anderson) einen Maulkorb bekommen hatten.
Denn erstens war der Versuch wohl nicht ganz legal gewesen, zweitens war er schief gegangen und drittens könnte jener Plan des "rauslassen und auf frischer Tat ertappen", den ich oben postulierte, als recht skandalös angesehen werden - und wenn auch das so richtig schief gegangen wäre... (vielleicht ist es das ja sogar, Stichworte McKenzie oder Coles).

Wir könnten demnach die Hypothese aufstellen, dass Anderson in alter Nachrichtendienst-Manier Geheimhaltung betrieb und die anderen beteiligten Dienststellen und Beamten nur das gesagt bekamen, was sie unbedingt wissen mussten.
Somit hätten dann er und Swanson einiges gewusst, das die anderen nicht wussten, und die anderen hätten daher weiter ihre eigenen Ripper-Theorien bevorzugt.
Und Macnaghten hätte demnach dann eine "Mischung" dieser Theorien als Gegenbeispiele zu Cutbush in sein Memorandum aufgenommen - ob jetzt bewusst in Kenntnis der Hintergründe, oder weil er selber von Anderson nicht alles wusste, wollen wir vorerst mal offen lassen.


Wie hört sich diese These an?



MfG, Arthur Dent



P.S. Ich hatte nur gerade ein paar Tage frei und muss wieder an die Arbeit, daher werde ich die nächsten Wochen auch wenig Zeit haben.

Offline Lestrade

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Re: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum
« Antwort #7 am: 08.04.2017 12:11 Uhr »
Hallo Arthur!

after the suspect had been identified at the Seaside Home where he had been sent by us with difficulty in order to subject him to identification, and he knew he was identified

On suspect's return to his brother's house in Whitechapel he was watched by police (City CID) by day & night.


Als erstes, und das wird meistens und verständlicherweise so gelesen, kann man davon ausgehen, dass Kosminski aus dem Haus seines Bruders abgeholt und nach der ID dort auch wieder hingebracht wurde.

Nun gab im Blackwood Magazin Anderson aber an, dass der Verdächtige identifiziert wurde, während er der Insasse einer Anstalt war. Also muss er nicht unbedingt aus dem Hause seines Bruders gebracht worden sein und auch nicht sofort dahin zurück. On suspect's return muss nicht unmittelbar nach der ID bedeuten.

Wenn Macnaghten richtig lag, dann kam Kosminski ca. März 1889 in eine Anstalt. Können wir ihm vertrauen? Neulich war es Debra Arif, die herausfand, dass die Vordrucke der Aufnahmeregister mit 188… anfingen. Ab 1890 wurde die letzte 8 von 188… mit eben einer 9 überschrieben. Hier könnte es möglich sein, dass 1889 falsch gelesen worden sein könnte und 1891 gemeint war, zumindest bei Gekritzel. Ergo, Macnaghtens about March 1889 bezieht sich auf about March 1891 und da kam Aaron Kozminski ja tatsächlich nach Colney Hatch (Anfang Februar 1891). Mich überzeugt es nicht, da irgendetwas im März 1889 passiert sein muss, denn, wie bereits erwähnt, Abberline wurde zu der Zeit abgezogen und die Polizeipräsenz wurde heruntergeschraubt:

15th March, 1889.

Sir,

In reply to your letter… of the 12th ultimo on the subject of the Police employed on special patrol duty in Whitechapel, I have to acquaint you, for the information of the Secretary of State, that this duty has now ceased.

… J. Monro


Deshalb vermute ich, dass Macnaghtens about March 1889 stimmt und Kosminski in eine Anstalt kam, natürlich eine andere als Colney Hatch. City Detektiv Cox könnte bis kurz vor diesem Datum, seine dreimonatige Observation eines uns unbekannten Verdächtigen durchgeführt haben. Er sprach aber auch davon, dass dieser Mann immer wieder mal bestimmte Zeiten in einer Anstalt in Surrey verbracht hatte. Das heißt, er war immer wieder mal frei. Das passt wiederum zu den Angaben von Sims, der angab, dass der Polish Jew (Kosminski) immer wieder Zeit unter seines gleichen verbrachte, während er ansonsten der Insasse einer Anstalt war. Nun wissen wir aber auch, dass der Kollege von Cox, Sagar, im Dezember 1890 in der Butchers Row anwesend war und er auch überzeugt war, dass der Ripper in der Butchers Row gearbeitet hat und in eine private Anstalt kam. Kurz nach diesem Datum kam Aaron Kozminski dann tatsächlich nach Colney Hatch, auch wenn dies keine private Institution war. Plus alledem eben die Aussage von Anderson mit der Anstalt.   

after the suspect had been identified at the Seaside Home where he had been sent by us with difficulty in order to subject him to identification, and he knew he was identified. On suspect's return to his brother's house in Whitechapel he was watched by police (City CID) by day & night.

Diese Aussagen könnten auch bedeuten, dass Kosminski tatsächlich Insasse einer Anstalt war, als die ID stattfand und er nicht unmittelbar in das Haus seines Bruders zurückkehrte.

Und das ist ja, was ich schrieb. Die Polizei und die Familie arrangierte eine ID, die im Seaside Home stattfand. Die Familie holte ihn für diese ID unter einem Vorwand aus der Anstalt (eine private in Surrey?) und die City Police brachte ihn in das Seaside Home und observierten ihn nach der Rückkehr in das Haus seines Bruders (Sagar?), wann auch immer das geschah. Vielleicht brachte ihn die Familie aber direkt zur ID aber ich glaube das nicht. Ob sie ihren eigenen Bruder/Verwandten so deutlich hintergangen hätten? Mir gefällt die Sache mit dem Workhouse im Juli 1890. Die Familie hätte ihren Kosminski nach Hause holen können und ihn dann, aufgrund seines Zustandes, kurz im Workhouse “geparkt“ haben können, wo er dann von der City Police abgeholt worden wäre.

Neulich gab es eine Diskussion bei Howard im Forum. Paul Begg denkt, dass die Familie selbst die ganze ID organisiert hatte, nachdem die Polizei diese forderte. Kosminski kam und ging wieder zurück in das Haus seines Bruders. Das ist gut möglich. Ich machte aber den Vorschlag, dass es eine Kombi zwischen Familie und Polizei war und das Kosminski eben ein in-und out Patient einer privaten Einrichtung war, zwischen ca. März 1889 und seiner Einweisung nach Colney Hatch im Februar 1891. Irgendetwas muss ja mit Kosminski passiert sein, falls er denn der Ripper war, denn die Mordserie endete. Da passen ganz klar ein Aufenthalt oder mehrere Aufenthalte in einer Anstalt. Im März 1889 war erst einmal Schluss was wir an der Polizeiarbeit erkennen. Hier könnte es Tendenzen und Anzeichen gegeben haben, dass jener Kosminski mit der ganzen Sache zu tun hatte.

Der Zeuge, nach so langer Zeit, muss eine enorme Bedeutung gehabt haben. Und wenn er Jude war, dann wusste die Polizei, dass er auf jeden Fall einen Glaubensbruder identifizieren muss. In einer jüdischen Anstalt unter diesen Umständen eine ID durchzuführen halte ich für nahezu unmöglich. Es scheint ja auch, dass der Zeuge nicht sofort mitbekam, dass der Verdächtige Jude war aber irgendwann checkte er es dann doch. Ich denke immer noch, dass die Polizei wollte, dass der Mann nur einen Verdächtigen identifizieren sollte, keinen jüdischen Verdächtigen. Er muss nicht jüdisch gewirkt haben. Wir sehen dass ja auch bei Lawende und Schwartz, beide Juden aber sie beschrieben keinen Juden in ihren Aussagen. Mrs. Long zumindest einen “Foreigner“ aber das auch bei gutem Licht. Es bleibt jedoch Hutchinson und sein Bilderbuchjude. Aber dieser besser aussehende Mann unterscheidet sich von Schwartz, Lawende und Mrs. Long.

Ich weiß nicht, ob die Polizei diesen Zeugen noch im Nachhinein bearbeitete, in der Hoffnung er würde es sich vielleicht noch überlegen. Vielleicht sank die Hoffnung noch nicht gleich mit dem Ende der ID.

Aaron Kozminskis Bruder Isaac war etwas besser betucht, der Bruder seines Schwagers war ein Rabbi. Wenn er tatsächlich Kosminski war, wäre es dieser Familie möglich gewesen, ihn zumindest für eine gewisse Zeit aus dem Verkehr zu ziehen, sprich in eine sichere Unterkunft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies eine größere Anstalt war, ich rechne eher mit einer kleineren Einrichtung. Wer da wen kannte und wer nun was genau wusste, sei dahingestellt, alles ist möglich. Aber Kosminski war sicherlich, auch aufgrund seines sich stets verschlechternden Zustandes, auch nach einer solchen ID besser in einer Anstalt aufgehoben gewesen als daheim in Kreise seiner Familie. Warum er dennoch immer wieder draußen war, dafür mag es verschiedene Gründe geben aber ich denke, dass war nie lange. Man muss auch daran denken, was seine Angehörigen wirklich darüber dachten. Jemand der verdächtigte wird, auch aus gutem Grunde, muss noch lange nicht der Täter sein. Es gab sicherlich viele Umstände aber vielleicht keinen brauchbaren Zeugen… bis der dann tatsächlich auftauchte… Es ist, wie ich bereits anmerkte, wahrscheinlich so gewesen, dass Kosminski tief in der Scheiße steckte und zwar aufgrund von Indizien, Hinweisen und bestimmten Konstellationen. Dazu gehört vielleicht auch die Beobachtung des City PC vom Mitre Square. Das können auch noch Zeugen sein, die ihn zeitnah nahe den Tatorten sahen. Der Verdacht gegen ihn, sollte sich eben aufgrund dieser Dinge erhärtet haben und nicht aufgrund irgendwelcher Vorurteile oder als Wahl zum Sündenbock. Wir wissen auch heute, dass sein psychologisches als auch geographisches Profil zu Jack the Ripper passt. Seine Überführung wäre nur mit dem Seaside Home Zeugen möglich gewesen und das schlug fehl und führte sicherlich zur Frustration, gerade bei jemand wie Anderson. Aber: Er hielt jahrzehntelang dicht. Eine andere Möglichkeit war gewesen, ihn auf frischer Tat zu ertappen aber die Zeit dafür wurde wohl immer weniger. Außerdem denke ich, dass sie ihn so nahekamen und er auch wusste, dass sie ein Auge auf ihn hatten.

Macnaghten hielt ja offenbar nur die K5 für die Ripper Opfer. Mackenzie und Coles gehörten nicht dazu. Liegt ja auch nahe, denn er favorisierte Druitt. Bei Swanson endete es offenbar auch bei Kelly aber er zählte die früheren Opfer Smith und Tabram hinzu. Mylett, Mackenzie kamen vielleicht zu Tode als der Verdächtige Kosminski gar nicht im East End war sondern in einer Anstalt bzw. observiert wurde. Coles sollte diesbezüglich ohnehin klar sein. Im Dezember 1888 durchsuchte die Polizei alle möglichen Anstalten, Cox muss zu dieser Zeit auch ungefähr seine Observation gestartet haben. Im Nachhinein war es für jemanden wie Anderson sicherlich unmöglich, dass Mylett oder Mackenzie Ripper Opfer waren, weil er ja offensichtlich den Ripper kannte und auch dessen Bewegungen. Ihm diese Opfer zuzuordnen, hätte vielleicht seine Theorie beschädigt. Aber ganz so naiv sollte man ihn nicht einschätzen. Ohne ein gewisses Maß an Prüfung hat er sich sicherlich nicht zu seiner Annahme hinreißen lassen. Er könnte also schon im Dezember 1888/ Juli 1889 in gewisser Weise von diesem Kosminski überzeugt gewesen sein.  Wahrscheinlich aus gutem Grunde. Wenn Lawende und Schwartz nicht der Zeuge im Seaside Home waren und diese eben erst tatsächlich später stattfand, dann kann ein Grund auch gewesen sein, dass die Polizei krampfhaft Zeugen suchte und eben jenen Mann dann auch, wenn auch recht spät, fand. Aber das sind alles nur Spekulationen, Gedanken, Versuche, die Sache zu verstehen. War aber Kosminski Aaron Kozminski, sollte die ID nicht allzu lange vor dessen Einweisung nach Colney Hatch ausgeführt worden sein. Das können wenige Woche aber auch ein paar Monate gewesen sein aber sicherlich nicht 1888 oder 1889 und vielleicht nicht einmal bis Sommer 1890.

Dass nur wenige im Polizeiapparat von der ID und ihrem Ergebnis wussten, könnte nun daran liegen, dass die beteiligten Beamten von oben (Anderson) einen Maulkorb bekommen hatten.
Denn erstens war der Versuch wohl nicht ganz legal gewesen, zweitens war er schief gegangen und drittens könnte jener Plan des "rauslassen und auf frischer Tat ertappen", den ich oben postulierte, als recht skandalös angesehen werden - und wenn auch das so richtig schief gegangen wäre... (vielleicht ist es das ja sogar, Stichworte McKenzie oder Coles).

Somit hätten dann er und Swanson einiges gewusst, das die anderen nicht wussten, und die anderen hätten daher weiter ihre eigenen Ripper-Theorien bevorzugt.
Und Macnaghten hätte demnach dann eine "Mischung" dieser Theorien als Gegenbeispiele zu Cutbush in sein Memorandum aufgenommen - ob jetzt bewusst in Kenntnis der Hintergründe, oder weil er selber von Anderson nicht alles wusste, wollen wir vorerst mal offen lassen.

Unterschreibe ich!

Kleiner Tipp: Tom Wescott hat ein neues Buch herausgebracht. Ich habe es mir diese Woche gekauft, konnte bisher nur grob hineinschauen. Es ist, wie erwartet, sehr interessant und betrachtet die Szenen in der Berner Street als auch in der Bucks Row sehr intensiv. Er spricht auch über ein erstes Double Event im Falle Nichols und nennt ein weiteres, mögliches Opfer. Ich möchte es dir und anderen wirklich empfehlen. Gerade der Tatort Stride wird wird immer wieder gerne diskutiert und Tom hat das wirklich gut gemacht, soweit ich das bisher beurteilen kann.

https://www.amazon.com/Ripper-Confidential-Research-Whitechapel-Murders-ebook/dp/B06XY9B4YH/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1491066659&sr=8-1&keywords=ripper+confidential

Momentan habe ich halt auch weniger Zeit. Ich kann mir die Akten zu Hedwig Nitsche und den anderen Frauen in Berlin ansehen und habe auch schon eine Kontaktadresse für Küstrin/Polen. Falls da noch etwas ist, eher unwahrscheinlich, werde ich eine kleine Rundreise starten, Berlin, meinen Heimatort (mit meinem Sohn und meiner Familie) besuchen und Küstrin. Mein Heimatort liegt ja genau dazwischen und es sind alles kurze Strecken. Vielleicht erfährt man noch etwas Neues. Bis dahin habe ich aber noch volles Programm.

Lestrade.
Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit...

Offline CRoW

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Re: Anderson's Verdächtiger und das Macnaghten Memorandum
« Antwort #8 am: 29.04.2017 09:03 Uhr »
Hi,

lange nix gehört mehr von mir, wollte mich mal wieder melden.
Gibt es schon neue Hinweiße zu Kosminski ?

War lange AFK  hier viele Private Probleme und Arbeit...

Wäre schön wenn jemand mich kurz aufklärt bis jetzt am Stand der Ermittlungen hervor geht.

Danke