Autor Thema: Im Gespräch mit Stephan Harbort  (Gelesen 4803 mal)

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Offline Isdrasil

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Im Gespräch mit Stephan Harbort
« am: 28.10.2011 19:33 Uhr »
Hallo alle zusammen,

oftmals schon habe ich Andeutungen gemacht, nun wird es endlich wahr:
Herr Harbort hat zugesagt, den Fragen der Forumsmitglieder zur Verfügung zu stehen.  :yahoo:

Wie mancher sich noch erinnern kann, holte ich mir anfangs Fragen ein, die ihr ihm gerne mal stellen würdet. Ursprünglich wollte ich ihm einen Fragebogen schicken, doch dies hat sich nun - wie ich finde - zu einer viel besseren Sache entwickelt: Harbort wird uns direkt hier im Forum zur Verfügung stehen. Und dazu habe ich dieses Thema hier eröffnet.
Mit anderen Worten wird er an dieser Stelle ab einem gewissen Zeitpunkt (geplant ist der 01.11., also nächsten Dienstag) ab und zu persönlich vorbeischauen und die von uns gestellten Fragen beantworten.

Gewisse Probleme birgt diese Vorgehensweise natürlich. Ich denke, es sollte jedem klar sein, dass man nicht unbedingt mit 20 Fragen ins Haus fällt...daher würde ich sagen, jeder sollte im Sinne einer geordneten und geduldigen Atmosphäre selbst abschätzen können, inwiefern es nun erstmal genügen sollte, bevor Harbort wieder zur Beantwortung vorbeikommt. Eventuell entwickelt sich ja auch wirklich eher ein interessantes Gespräch als ein simples Aneinanderreihen von Fragen, mal sehen. Ebenso sollten wir ihm freistellen, wie lange die Sache laufen soll und welche Fragen er beantworten möchte. Er macht dies völlig selbstlos, und daher sollten wir ihm - wie ich finde - alle Freiheiten einräumen.
Ich denke eh, dass er zu Beginn selbst noch ein paar Worte an uns verlieren wird.

Ja, was gibt es noch zu sagen? Ich freue mich darauf und kann es kaum glauben...in diesem Sinne: Bis Dienstag (oder auch etwas später).

Grüße, Isdrasil

Offline Lestrade

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #1 am: 29.10.2011 09:10 Uhr »
Na endlich hat es geklappt lieber Isdrasil und dann noch auf diese Weise. Vielen Dank für deine Bemühungen. Stephan Harbort soll sich hiermit herzlich eingeladen fühlen.

Mit besten Grüßen,

Lestrade.
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Stordfield

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #2 am: 29.10.2011 09:12 Uhr »
Hallo Isdrasil!

 :hi: vor Deiner Hartnäckigkeit.

Gruß Stordfield

Offline Craddock

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #3 am: 29.10.2011 15:44 Uhr »
Respekt, Isdrasil. Ich wette, dein Lieblingsprofiler hasst dich inzwischen für deine Hartnäckigkeit.  :lol:

Offline Harbort

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #4 am: 31.10.2011 19:26 Uhr »
So, ich war dann heute mal hier ...

Offline Lestrade

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #5 am: 31.10.2011 19:49 Uhr »
Hocherfreut Herr Harbort!

Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen.

Darf man schon die ersten Fragen stellen?

Lestrade.

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Offline Isdrasil

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #6 am: 31.10.2011 20:03 Uhr »
Oh, es geht tatsächlich schon los!  :yahoo:

Herzlich Willkommen Herr Harbort! Vielen Dank, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben.

Dann werde ich mal ganz dreist den Anfang machen. Eventuell kennen manche unserer Mitglieder Sie und ihre Arbeit noch nicht. Daher stelle ich an dieser Stelle Links zu Rezensionen dreier ihrer Bücher rein und stelle zu Anfang ein paar allgemeinere Fragen:

Die Rezensionen:

http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,944.0.html
http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,1058.0.html
http://jacktheripper.de/forum/index.php/topic,299.0.html

Die Fragen:

1. Herr Harbort, Sie gelten als Deutschlands bedeutendster Serienmordforscher – wann kamen Sie mit dem Thema „Serienmord“ zum ersten Mal bewusst in Kontakt?

2. Gab es für Sie in jungen Jahren eine Alternative zur polizeilichen Laufbahn oder war dieser Berufzweig schon immer ihr Favorit?

3. In einem ihrer neueren Bücher behandeln Sie die Taten intensiv aus der Sicht der Opfer. Dazu führten Sie unter anderem auch Gespräche mit Überlebenden. Was war für Sie im Allgemeinen schwerer zu bewältigen: Der Kontakt mit Opfern und deren Angehörigen oder mit den Tätern selbst?

4. Gab es bei den Interviews mit Tätern sowie Opfern und Partnern/Angehörigen eine Situation, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben oder nahe gegangen ist?

Das wäre es für das Erste von mir - das Feld ist nun den Anderen überlassen!  ;)

Grüße, Isdrasil



« Letzte Änderung: 31.10.2011 20:31 Uhr von Isdrasil »

Offline Lestrade

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #7 am: 31.10.2011 20:18 Uhr »
Okay, dann mach ich doch gleich weiter:

Herr Harbort,

wie würden Sie den Serienkiller "Jack the Ripper" in einem Profil beschreiben?

Sehen Sie Jack the Ripper als sexuell orientierten Täter, dem es bei seinen Taten auch um Macht, Kontrolle und Dominanz ging?

Könnte Jack the Ripper in einer besonders extremen Version Geisteskrank gewesen sein? Und zwar so, dass dadurch sogar seine Taten ein Ende fanden?

"Kosminski" gilt als der Hauptverdächtige für bestimmte Polizeibeamte. Wir wissen nicht sicher, ob es sich dabei um Aaron Kosminski handelt oder um einen anderen Kosminski, wie z.B. den wahrscheinlich "unidentifizierten" David Cohen.

Was wissen Sie über Aaron Kosminski und David Cohen? Kämen diese als mögliche Täter in Frage oder scheiden sie eher aus?

Vielen Dank, Lestrade.





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Offline Craddock

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #8 am: 31.10.2011 22:03 Uhr »
Auch von mir ein herzliches Willkommen, Herr Harbort.

Mit Fragen halte ich mich selbst lieber noch ein bisschen zurück, fürs Erste scheints ja schon genug zu beantworten zu geben.  :biggrin:

Direwolf

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #9 am: 01.11.2011 23:52 Uhr »
Auch von meiner Seite aus erst einmal ein herzliches Willkommen, Herr Harbort.

Wie mein Vorposter Craddock möchte auch ich Sie nicht gleich mit einer Welle von Fragen überhäufen, zumal einige von denen, die mich besonders interessierten schon von Lestrade und Isdrasil gestellt worden sind.

Daher möchte ich mich an dieser Stelle zunächst nur zwei Fragen widmen, die recht nah bei einander liegen und noch nicht genannt wurden. Wie bekannt wurde gingen bei der damaligen Polizei viele Bekennerschreiben des vermeindlichen Täters ein, von denen nur einige wenige als authentisch erachtet worden sind. Über die Echtheit dieser Briefe wurde schon viel diskutiert und viele sind der Ansicht, das der echte Ripper keinen dieser Schreiben verfasst hat. Die Echtheit/Unechtheit der Schreiben soll jedoch auch gar nicht der Kernpunkt meiner Fragen sein. Diese sehen unabhängig davon, ob die bekannt gewordenen Ripperschreiben nun echt sind oder nicht wie folgt aus:

Tendieren Täter mit einem ähnlichen Profil wie das des Rippers überhaupt dazu sich der Öffentlichkeit auf anderem Wege, als mit ihren bloßen Taten mitzuteilen? Oder halten diese sich lieber zurück und lassen allein ihre Verbrechen für sich sprechen?

Kleine Anmerkung von mir:
Auch das Goulsten Street Grafitti zähle ich hierbei mal zu den schriftlichen Mitteilungsmethoden die der Täter neben seiner eigentlichen Verbrechen möglicherweise angewand haben könnte, um auf sich selbst oder etwas anderes aufmerksam zu machen.

Vielen Dank auch von mir,
Direwolf   

Offline Harbort

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #10 am: 05.11.2011 10:19 Uhr »
@Isdrasil

1. Herr Harbort, Sie gelten als Deutschlands bedeutendster Serienmordforscher – wann kamen Sie mit dem Thema „Serienmord“ zum ersten Mal bewusst in Kontakt?
Das war ein Kriminalfall, der sich Anfang der 1990er Jahre in Duisburg ereignete: Zwei Junge Männer töteten drei Menschen aus ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld, um "forciert erben" zu können. Ich verstand damals nicht, wie soetwas möglich war. Und dann begann ich zu recherchieren ...

2. Gab es für Sie in jungen Jahren eine Alternative zur polizeilichen Laufbahn oder war dieser Berufzweig schon immer ihr Favorit?
Ich wollte eigentlich Schauspieler werden, hatte in der Oberstufe in einer Theater AG tolle Selbsterfahrungen gemacht und das erste und einzige Mal in meinem Leben das Gefühl: Das willst du machen! Letztlich habe ich mich nicht getraut.

3. In einem ihrer neueren Bücher behandeln Sie die Taten intensiv aus der Sicht der Opfer. Dazu führten Sie unter anderem auch Gespräche mit Überlebenden. Was war für Sie im Allgemeinen schwerer zu bewältigen: Der Kontakt mit Opfern und deren Angehörigen oder mit den Tätern selbst?
Beides, wobei die Tragik und Dramatik der Gespräche mit Opfern eine besondere Belastung darstellten.

4. Gab es bei den Interviews mit Tätern sowie Opfern und Partnern/Angehörigen eine Situation, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben oder nahe gegangen ist?
Ja, durchaus. Mein erstes Gespräch mit einem Serienmörder am 5. Sept. 1997 im Hochsicherheitstrakt der JVA Köln war grenzwertig. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir die Szene, als der Gefangene versuchte zu lächeln. Ich sah in eine zynische Fratze, mitleidlos und abgründig. Es war das einzige Mal, dass ich unmittelbar vor Augen geführt bekam, was "böse" tatsächlich bedeuten kann.


Offline Harbort

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #11 am: 12.11.2011 19:29 Uhr »
@Lestrade

Mein Täterprofil von Jack the Ripper?

http://www.youtube.com/watch?v=B1-e9UgD_5Q

Herzlich

Stephan Harbort

Stordfield

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #12 am: 12.11.2011 20:22 Uhr »
Sehr geehrter Herr Harbort!

Bei einem sexuell motiviertem Serienmörder geht man ja davon aus, dass seine Phantasien und deren Verwirklichung der für ihn letztlich alleinige Lebensinhalt sind. Wie aber konnte jemand in 1888 diese bizarren Gedanken überhaupt entwickeln? Es gab doch damals keinerlei "Anschauungsmaterial".

Gruß Stordfield

Offline Shadow Ghost

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #13 am: 12.11.2011 20:57 Uhr »
Sehr geehrter Herr Harbort,

vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, auf unsere Fragen hier einzugehen!

Meine erste Frage ist die nahezu unvermeidliche Frage, welche der kanonischen und welche der nicht-kanonischen Opfer am ehesten der Mordserie des Mannes zuzurechnen sind, den wir mit "Jack the Ripper" bezeichnen. Wäre es eher empfehlenswert, möglichst viele der möglichen Opfer in unsere Betrachtungen mit einzubeziehen, oder sich eher auf die Opfer zu konzentrieren, von denen wir mit größerer Sicherheit davon ausgehen können, dass sie zur eigentlichen Mordserie gehören. Meine Befürchtung geht im letzteren Fall dahin, dass wir Informationen über den räumlichen und zeitlichen Aktionsradius verlieren.

Meine zweite Frage geht in Richtung der Betrachtung möglicher Verdächtiger. Welche Vorstrafen wären von einem Täter wie Jack the Ripper am ehesten zu erwarten? Was wäre der wahrscheinlichste Grund für das Ende der Mordserie; endet ein solcher Tätertyp am ehesten in einer Nervenheilanstalt oder für ein anderes Vergehen im Gefängnis? Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Mensch dieses Typs Selbstmord begeht?

Schließlich geht meine dritte Frage in die Richtung ähnlicher Tätertypen. Welche anderen Serienmörder wären wohl dem von uns gesuchten Unbekannten am ähnlichsten, und was könnten wir aus ihren Fallbeschreibungen für den uns vorliegenden Fall lernen?


Vielen Dank für Ihre Mühe!

Viele Grüße,
Shadow Ghost

Offline Lestrade

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Re: Im Gespräch mit Stephan Harbort
« Antwort #14 am: 12.11.2011 21:42 Uhr »
Danke Herr Harbort!

Sie meinen der Täter war Linkshänder? Können Sie sich da wirklich sicher sein?
Nicht klein? Wie groß würden Sie ihn schätzen?

So sehen Sie ihn also:

Hätte vorher schon als Tierquäler aufgefallen sein können
Frühere mögliche Opfer (Tabram, Emma Smith)
Er griff die Opfer von hinten an
Linkshänder
Schnell und lautloses Töten, nur um das Opfer für seine Vorstellungen zur Verfügung zu haben
Einzelgänger/ Verschlossen
Die Polizei war ihn möglicherweise bereits nahe
Wut und Hass auf die Mutter als ein Motiv
Schlachthofarbeiter, Arbeiter, Handwerker, vielleicht nur zeitweise arbeitend
Abnorm, Aggressiv
MJ Kelly als finale Fantasie. Ziel, die vollkommen Zerstörung einer Frau
Zufallsopfer suchend
Ledig, lebte allein
25-45 Jahre alt
Englischkenntnisse, möglicherweise ein Zuwanderer
kräftig
nicht klein
kommt aus einfachen Verhältnissen
milieugerecht gekleidet
Polizeibekannt/ Vorbestraft (Tierquälerei)
Agiert Lokal, Ortskenntnisse, in Whitechapel wohnend (oder angrenzend)
Wurde eventuell verhaftet (anderes Delikt)
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