jacktheripper.de
 
sitemap
 

27 - Verwaltung der Gesellschaft

In diesem abschließenden Kapitel wird es angebracht sein, den sozialen Abgrund im ganzen zu betrachten und gewisse Fragen an die Zivilisation zu richten, Fragen, mit deren Beantwortung die Bedeutung dieser Zivilisation stehen oder fallen muß. Hat zum Beispiel die Zivilisation die Verhältnisse des Menschen verbessert? Mit Menschen meine ich hier den Durchschnittsmenschen.
Laßt uns einmal sehen: In Alaska, an den Ufern des Yukon, in der Nähe der Mündung des Flusses wohnt das Volk der Innuit. Es sind sehr primitive Menschen, bei denen man nur schwache Ansätze zu der großen, Zivilisation genannten, Konstruktion findet. Das Vermögen des Volkes beläuft sich wohl auf zwei Pfund Sterling auf den Kopf. Diese Menschen verschaffen sich ihre Nahrung durch Jagen und Fischen mit Speer und Pfeilen, die mit Knochenspitzen versehen sind. Sie brauchen sich nie Sorge um ihre Unterkunft zu machen. Ihre zum größten Teil aus Tierfellen verfertigte Kleidung ist warm. Ihnen fehlt nie Holz für ihr Feuer und für ihre Häuser, die sie halb in die Erde hinein bauen, und in denen sie, solange die kalte Jahreszeit dauert, gut und warm liegen können. Im Sommer wohnen sie in Zelten, durch die die frische, kühle Brise streichen kann. Sie sind gesund, stark und glücklich. Ihr einziges Lebensproblem besteht darin, sich Nahrung zu verschaffen; zuweilen haben sie reichlich davon, zuweilen spärlich. In guten Zeiten halten sie Feste, in schlechten verhungern sie. Aber daß ein Teil von ihnen beständig Hunger leidet, ist bei ihnen unbekannt. Außerdem haben sie keine Schulden.
In den vereinigten Königreichen an den Küsten des westlichen Ozeans wohnt das englische Volk. Es sind hochzivilisierte Menschen, deren Kapital sich auf mindestens 300 Pfund Sterling auf den Kopf beläuft. Die Engländer verschaffen sich ihre Nahrung nicht durch Jagd und Fischerei, sondern durch Arbeit und allerhand Kunstkniffe. Die meisten leiden unter schlechten Wohnverhältnissen, sie leben in elenden Häusern und haben nicht Brennmaterial genug, um sich warm zu halten, und sie sind unzureichend gekleidet. Eine gewisse Anzahl hat nie ein Dach über dem Kopfe und muß unter freiem Himmel schlafen. Winters und sommers kann man unzählige von ihnen, in ihren elenden Lumpen zitternd, auf der Straße finden. Sie haben auch gute und schlechte Zeiten. In guten Zeiten glückt es den meisten von ihnen, genügend zu essen zu bekommen, in schlechten sterben sie Hungers. Sie verhungern heute, sie verhungerten gestern und vorgestern, und sie werden morgen und nächstes Jahr verhungern; denn bei ihnen herrscht, im Gegensatz zu den Innuit, chronische Hungersnot. Es gibt vierzig Millionen Engländer, und 939 von 1000 sterben in Armut, während 8 Millionen verzweifelt kämpfen, um die Armut von ihrer Tür fernzuhalten. Außerdem wird jedes Kind, das das Licht des Tages bei ihnen erblickt, mit einer Schuld von 22 Pfund Sterling geboren — infolge einer „Nationalschuld" genannten Erfindung.
Zieht man einen ehrlichen Vergleich zwischen einem Durchschnittsinnuit und dem Durchschnittsengländer, so wird man finden, daß das Leben des Innuit weniger hart ist; während der Innuit nur in schlechten Zeiten Not leidet, herrscht unter den Engländern auch in guten Zeiten Not: keinem Innuit fehlt es an Brennholz, an Kleidern oder Unterkunft, während der Engländer beständig für diese drei Dinge kämpfen muß.
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, was ein Mann wie Huxley gesagt hat. Nach den Erfahrungen, die er als öffentlicher Arzt im East End von London und als wissenschaftlicher Forscher unter den primitivsten wilden Völkern gesammelt hat, ist er zu folgender Anschauung gelangt: Wenn man mir die Wahl stellte, so würde ich nach reiflicher Überlegung das Leben eines Wilden dem vorziehen, das die Armen im christlichen London führen.
Die Güter, die die Menschen genießen, sind die Frucht eigener Arbeit. Da aber die Zivilisation den Engländern nicht Nahrung und Unterkunft hat verschaffen können, deren sich der Innuit erfreut, ist es vielleicht am Platze, folgende Frage aufzuwerfen: Hat die Zivilisation denn nicht die Produktionsfähigkeit der Menschen erhöht? Wenn sie es nicht tat, so ist sie nichts wert.
Man muß sofort einräumen, daß die Zivilisation wirklich die Produktionsfähigkeit des Menschen erhöht hat. Fünf Menschen können das Brot produzieren, von dem tausend Menschen leben sollen; ein Mensch kann für 250 Menschen Baumwollstoff und für 300 Menschen Wollstoff oder für tausend Menschen Schuhe und Stiefel produzieren. Dennoch ist in diesem Buche festgestellt, daß Millionen des englischen Volkes weder Nahrung, noch Kleider und Schuhe bekommen. Und deshalb müssen wir fragen: Wie kann es sein, daß die Zivilisation, die tatsächlich die Produktionsfähigkeit des Menschen erhöht hat, nicht die Verhältnisse des Menschen im allgemeinen hat verbessern können?
Es gibt nur eine Antwort: Schlechte Verwaltung. Die Zivilisation hat alle Güter geschaffen, die ein Menschenherz begehren kann. Aber der Durchschnittsengländer hat keinen Teil daran; und wenn er für immer davon ausgeschlossen sein soll, so sollten wir lieber die Zivilisation aufgeben; es hat ja keinen Zweck, bei einem so kunstfertig aufgebauten, aber offenbaren Fehlgriff zu beharren.
Es gibt noch einen Ausweg, aber nur einen einzigen: die Zivilisation muß gezwungen werden, die Lebensbedingungen des Menschen zu verbessern. Greifen wir nach dieser Lösung, so stehen wir plötzlich einem Problem gegenüber, bei dem sich in Wirklichkeit alles nur um die geschäftsmäßige Ordnung dreht. Man muß also nach dem Prinzip verfahren, Vorteilhaftes zu behalten, Unvorteilhaftes aufzugeben. Die Regierungsform ist entweder ein Vorteil für England oder ein Schade. Ist letzteres der Fall, so muß sie abgeschafft werden. Ist sie hingegen ein Vorteil für das Land, so muß man dafür sorgen, daß alle an dem Gewinn teilhaben.
Bringt der Kampf um die Oberherrschaft auf kommerziellem Gebiet Vorteile, so bleibt dabei. Tut er es nicht, schadet er dem Arbeiter und macht er seine Verhältnisse schlechter als die der Wilden, so gebt den fremden Markt und die industrielle Herrschaft auf. Es ist ja nicht zu bestreiten, daß vierzig Millionen Menschen, die unter der Zivilisation leben und größere individuelle Produktionsfähigkeit besitzen, sich auch einer größeren Anzahl menschlicher Güter und Genüsse erfreuen können sollten als die Innuit.
Wenn die 400 000 englischen Gentlemen, die laut eigener Angabe in der Statistik von 1881 nichts tun, keinen Nutzen schaffen, so müssen sie fort. Laßt sie Felder pflügen und Kartoffeln pflanzen. Sind sie dagegen von Nutzen, so laßt sie uns behalten; aber laßt uns dafür sorgen, daß das ganze englische Volk teil an dem hat, was sie durch ihr Tun schaffen.
Kurz, die Gesellschaft muß reorganisiert und eine vernünftigere Verwaltung eingeführt werden. Es kann kein Zweifel herrschen, daß die jetzige Verwaltung unmöglich ist. Sie hat der Bevölkerung der vereinigten Königreiche das Herzblut abgezapft, sie hat den Teil der Bevölkerung, der daheim geblieben ist, geschwächt, daß er nicht mehr imstande ist, in der vordersten Reihe der konkurrierenden Nationen zu kämpfen; sie hat ein West End und ein East End geschaffen, mächtig wie das Land selbst — am einen Ende ausschweifend und morsch, am andern krankhaft und unterernährt.
Eine mächtige Großmacht ist im Begriff, an dieser untauglichen Verwaltung zugrunde zu gehen. Unter Großmacht verstehe ich die politische Maschinerie, die alle englisch sprechenden Länder mit Ausnahme der Vereinigten Staaten zusammenhält. Diese Macht ist blutig und weit stärker als die politische Macht, und die Engländer in der neuen Welt und auf der anderen Seite des Erdballs sind so stark und lebenskräftig wie nur je; es ist die politische Großmacht, der sie dem Namen nach angehören, die zugrunde gerichtet wird. Die politische Maschinerie, die man das Britische Reich nennt, ist im Begriff sich festzulaufen. In den Händen des jetzigen Regiments verliert sie mit jedem Tage an Einfluß.
Es ist klar, daß die Verwaltung, die so furchtbar und verbrecherisch regiert hat, fortgefegt werden muß. Sie ist nicht nur verschwenderisch und untauglich gewesen, sie hat sich auch falscher Anwendung der Werte schuldig gemacht. Alle die abgearbeiteten, fahlen Armenhäusler, all die Blinden, alle Gefängnisinsassen, jeder einzige Mann, jede Frau und jedes Kind, in deren Magen der Hunger nagt, hungern nur, weil Werte von der Verwaltung falsch angewandt sind.
Nicht ein einziges Mitglied der verwaltenden Klasse kann Anspruch darauf erheben, vor dem Richterstuhl der Menschheit freigesprochen zu werden; die Lebenden in ihren Häusern und die Toten in ihren Gräbern werden zur Verantwortung gezogen werden von den kleinen Kindern, die mangels Nahrung sterben, von den jungen Mädchen, die aus den Ausbeuterhöhlen auf die nächtliche Promenade von Piccadilly fliehen, von jedem abgerackerten Arbeiter, der in den Kanal springt. Sie protestieren gegen das Essen, das die verwaltende Klasse ißt, gegen den Wein, den sie trinkt, und gegen die feinen Kleider, die sie trägt, der Protest ertönt aus acht Millionen Kehlen, die nie genug zu essen bekommen haben, von zweimal acht Millionen Leibern, die nie ordentliche Kleider und nie ordentliche Unterkunft gekannt haben.

Es ist kein Irrtum möglich. Die Zivilisation hat die Produktionsfähigkeit der Menschen verhundertfacht, aber infolge der schlechten Verwaltung leben die zivilisierten Menschen schlimmer als die Tiere, haben weniger zu essen und genießen weniger Schutz als der wilde Innuit in dem rauhen Klima, der heute noch lebt, wie er in der Steinzeit vor zehntausend Jahren lebte.

 

ENDE






Einführung | Opfer | Tatverdächtige | Ripper-Briefe | Zeitungsarchiv | Ermittler | Dokumente | Rezensionen | Schauplätze | Kontakt | Presse | Shop | Forum