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25 - Die Hungerklage

Mein Vater hat mehr Widerstandskraft als ich, weil er auf dem Lande geboren ist."
Der das sagte, ein aufgeweckter junger Bursche aus East End, beklagte sich über seine schlechte körperliche Entwicklung.
„Sehen Sie nur meine elenden Arme." Er krempelte den Ärmel auf. „Ich habe nicht genug zu essen bekommen, das ist alles. Ich rede nicht davon, wie es jetzt ist, jetzt leide ich keine Not. Aber es ist zu spät. Es ist unmöglich, das Versäumte nachzuholen, und das zu essen, was ich nicht bekam, als ich klein war. Mein Vater kam aus der Gegend von Fen nach London. Meine Mutter starb, und wir waren sechs Gören, die mit unserm Vater allein in zwei kleinen Löchern wohnten.
Es war eine schwere Sache für den Alten. Er hätte uns los werden können, aber das wollte er nicht. Er arbeitete den ganzen Tag und kam spät abends heim. Dann machte er Essen für uns, sorgte für uns, war uns Vater und Mutter. Er tat, was er konnte, aber wir bekamen nicht genug zu essen. Fleisch kriegten wir fast nie, und wenn wir es kriegten, war es das allerschlechteste, aber Kinder können nicht gedeihen, wenn sie nie etwas anderes zu Mittag bekommen als Brot und ein bißchen Käse, und nicht einmal soviel, daß sie satt werden können.
Und was ist dabei herausgekommen? Ich bin ein Schwächling und nicht halb so kräftig, wie mein Vater war; das kommt davon, weil ich als Kind gehungert habe. In wenigen Jahren ist nichts von mir übrig in London. Mein jüngerer Bruder, der größer und besser entwickelt ist als ich, lebt dann wohl noch. Mein Vater und wir Kinder hielten zusammen, und so weit haben wir es also gebracht." „Ich wundere mich," sagte ich, „daß die Lebenskraft unter solchen Umständen bei den jüngeren Kindern zunimmt; man sollte glauben, daß die Kinder, je später sie geboren werden, desto schwächer sein müßten."
„Nicht, wenn die Familie zusammenhält", antwortete er. „Wenn Sie in East End ein Kind von acht bis zwölf Jahren sehen, das kräftig und gesund aussieht, so fragen Sie nur, und Sie werden sehen, daß es das jüngste von der Familie ist. Das kommt daher, weil die älteren mehr gehungert haben als die jüngsten. Wenn die späteren Kinder geboren werden, haben die älteren schon zu arbeiten begonnen, es kommt mehr Geld herein, und sie kriegen alle mehr zu essen."
Er zog den Ärmel wieder über seinen Arm, den schlagenden Beweis, daß der chronische Halbhunger nicht gerade tötet, aber verkrüppelt. Seine Stimme war nur eine von den tausenden, die sich hier im mächtigsten Reiche der Welt zur Hungerklage vereinigen.
Jeden Tag erhalten hunderttausend Menschen in den Vereinigten Königreichen Armenhilfe. Im Laufe eines Jahres erhält jeder elfte Arbeiter Armenunterstützung. Es verdienen 37 500 000 Menschen weniger als zwölf Pfund Sterling monatlich, und ein stehendes Heer von 8 000 000 lebt gerade an der Grenze der Not.
Ein Komitee für Speisung in den Londoner Schulen hat folgende Erklärung erlassen: In Zeiten, in denen keine besondere Not herrscht, befinden sich 55 000 Kinder in einem solchen Zustand von Hunger, daß man denken sollte, sie könnten unmöglich etwas in der Schule lernen.
Ich habe die Worte „In Zeiten, in denen keine besondere Not herrscht" hervorgehoben, damit ist nämlich gemeint: wenn gute Zeiten in England sind; denn so weit ist es gekommen, daß die Bevölkerung in England Hunger und Leiden — das, was man Not nennt — als einen Teil der sozialen Ordnung hinnimmt. Chronische Not betrachtet man als etwas ganz Alltägliches; nur in Perioden, in denen die Not einen ungewöhnlich großen Umfang annimmt, denkt man darüber nach.
Nie vergesse ich die bittere Klage, die ich einen Blinden in einem kleinen Laden in East End bei Anbruch der Dunkelheit nach einem finstern Tage murmeln hörte. Er war das älteste von fünf Kindern gewesen, die nur eine Mutter und keinen Vater gehabt hatten. Als der Älteste hatte er von klein auf entbehren und schwer arbeiten müssen, damit seine Geschwister etwas zu essen bekamen. Nicht einmal in drei Monaten bekam er Fleisch zu schmecken und wußte nicht, was es heißt, seinen Hunger völlig zu stillen. Und er erklärte, daß dieser chronische Hunger in den Kinderjahren die Ursache war, weshalb er sein Augenlicht verloren hatte.
Zum Beweis dieser Behauptung führte er folgenden Ausspruch der Königlichen Blindenkommission an: „Blindheit ist am häufigsten in den ärmsten Distrikten, Armut beschleunigt diese furchtbare Heimsuchung."
Aber dieser Blinde — der heimgesuchte Mann, dem die Gesellschaft nichts zu essen gab — hatte noch mehr zu sagen, und seine Stimme verriet die Bitterkeit seines Gemüts: Er war nur einer von der riesigen Schar von Blinden in London, und im Blindenheim bekam man nie auch nur halb soviel Essen, wie man brauchte. Die Speisekarte eines Tages sah folgendermaßen aus:

Frühstück: 3/8 Liter Grütze und trockenes Brot.
Mittag: 3 Unzen Fleisch, 1 Scheibe Brot, ½ Pfund Kartoffeln.
Abendbrot: 3/8 Liter Grütze und trockenes Brot.

Oskar Wilde — Gott schenke seiner Seele Frieden — verleiht dem Notschrei des eingekerkerten Kindes Worte, dem Notschrei, der gewissermaßen auch für den eingekerkerten Mann und die eingekerkerte Frau gelten kann:
„Das zweite, unter dem ein Kind im Gefängnis leidet, ist Hunger. Die Nahrung, die man ihm gibt, besteht aus einem Stück des gewöhnlichen, schlecht gebackenen Gefängnisbrotes und einem Krug Wasser zum Frühstück um halb acht. Um zwölf Uhr erhält es Mittagessen, bestehend aus einer Schüssel grober Maismehlgrütze, und um halb sechs bekommt es ein Stück trockenes Brot und einen Krug Wasser zum Abendbrot. Diese Kost verursacht stets Krankheiten, namentlich bei kräftigen, erwachsenen Personen, die meistens Diarrhöe mit darauffolgender starker Entkräftung bekommen. Deshalb verteilen die Gefängniswärter in den großen Gefängnissen ganz regelmäßig eine Mixtur zum Stopfen, als etwas zur Verpflegung Gehöriges. Bei Kindern, die diese Kost erhalten, zeigt sich in der Regel, daß sie außerstande sind, sie zu essen, und jeder, der Kinder kennt, weiß ja, wie leicht die Verdauung eines Kindes gestört wird, und daß lediglich Weinen, Kummer und Mißgeschick schuld daran sein können. Wenn ein Kind einen ganzen Tag in einer einsamen, halbdunklen Zelle geweint hat und von Angst überwältigt ist, kann es einfach Nahrung dieser groben, entsetzlichen Art nicht hinunterbringen. Als der Gefängniswärter Martin dem kleinen Kind ein paar Keks gab, hatte das Kind den ganzen Dienstagmorgen vor Hunger geweint und war außerstande, sein Brot und Wasser zum Frühstück zu genießen. Martin ging nach dem Frühstück aus und kaufte die paar erwähnten Keks für das Kind, weil er nicht mehr mitansehen konnte, wie es hungerte. Das war schön von ihm, das fand das Kind auch, und da es das Reglement für die Gefängniskost nicht kannte, erzählte es einem der älteren Gefängniswärter, wie gut der jüngere gewesen sei. Die Folge war, daß Martin entlassen wurde."
Robert Blatchford hat einen Vergleich zwischen der Kost der Armen im Arbeitshaus und der der Soldaten gezogen. Er findet, daß die Kost der Soldaten, die jedenfalls zu seiner Dienstzeit als unzureichend angesehen wurde, doppelt so reichlich ist wie die der Armen. Die erwachsenen Armenhäusler erhalten — abgesehen von der Suppe — nur einmal wöchentlich Fleisch, und deshalb „haben die Armen fast alle die bleiche, graue Hautfarbe, das sichere Kennzeichen des Hungers".
Derselbe Autor zieht einen Vergleich zwischen der Ernährung der Armenhäusler und der der Armenhausbeamten und bemerkt, daß letztere, wenn auch weit reichlicher als die der Armen, doch offenbar für unzureichend angesehen wird, da in einer Anmerkung am Fuße des Speise-Reglements der Beamten steht, daß jedem im Hause wohnenden Beamten und Gehilfen zwei Schilling und sechs Pence in bar ausgezahlt werden. Wenn die Armen genug bekommen, warum bekommen die Beamten dann mehr? Und wenn die Beamten nicht zuviel bekommen, wie können die Armen dann ordentlich ernährt werden, wenn sie nur halb soviel bekommen?
Nicht nur die Bewohner des Ghettos, die Gefangenen und Armenhäusler hungern, auch der Landarbeiter weiß nicht, was es heißt, sich immer satt essen zu können. In Wirklichkeit ist es der leere Magen, der ihn und seine Genossen zu Tausenden in die Stadt getrieben hat.
Wir wollen untersuchen, wie ein Landarbeiter aus dem Distrikt von Bradfield lebt. Nehmen wir an, daß er zwei Kinder, dauernde Arbeit, freie Wohnung und einen Durchschnittslohn von dreizehn Schilling die Woche hat, so sieht sein Wochenbudget folgendermaßen aus:

Die Leiter der Arbeitshäuser in dem erwähnten Distrikt rühmen sich ihrer glänzenden Ökonomie. Jeder Armenhäusler kostet sie wöchentlich:

Falls der Arbeiter, dessen Budget wir angeführt haben, aufhören würde, für sich zu arbeiten, und sich ans Armenhaus wenden, so würde er das Armenwesen 6 Schilling 1 ½ Pence, seine Frau 5 Schilling 6 ½ Pence und seine Kinder 10 Schilling 2 ½ Pence kosten. Zusammen also 21 Schilling und 10 ½ Pence.
Es würde also die Arbeitsanstalt über eine Guinee kosten, ihn und seine Familie zu versorgen, was er selbst, Gott weiß wie, für 13 Schilling tun soll; und das, obgleich es ja bekanntlich billiger ist, eine größere Anzahl Menschen zu verpflegen, für sie einzukaufen, zu kochen, als für einige wenige Personen, etwa eine Familie.
Nichtsdestoweniger gab es in derselben Gemeinde, zu der Zeit, als dieses Budget aufgestellt wurde, eine andere Familie, nicht von vier, sondern von elf Mitgliedern, die nicht von einer Einnahme von dreizehn Schilling, sondern von zwölf Schilling (im Winter sogar nur von elf Schilling die Woche) leben mußte, und die keine Freiwohnung hatte, sondern drei Schilling wöchentlich Miete für eine Hütte bezahlen mußte.
Man vergesse nicht, daß das, was in bezug auf Armut und Erniedrigung für London gilt, für das ganze Land gilt. Während Paris in keiner Weise als Frankreich betrachtet werden kann, ist die Stadt London England.
Die furchtbaren Zustände, die London zu einer Hölle machen, machen das ganze Königreich England zu einer Hölle. Die Behauptung, eine Dezentralisation Londons würde die Zustände verbessern, ist leeres Gerede. Selbst wenn man die sechs Millionen Einwohner Londons auf hundert Städte mit je 60 000 Einwohner verteilte, würde das Elend nur verstreut, aber nicht vermindert werden. Die Gesamtsumme würde dieselbe bleiben. B. S. Rowntree hat eine ebenso eingehende Untersuchung in bezug auf das Land vorgenommen wie Charles Booth in der Großstadt, und er ist zu demselben traurigen Ergebnis gelangt, daß gut ein Viertel der Einwohner dazu verurteilt ist, in einer Armut zu leben, die sie körperlich und geistig vernichtet, daß ein volles Viertel der Einwohner nicht genug zu essen bekommt, mit schlechtester Kleidung und Wohnung versehen ist, in einem strengen Winter keine Wärme hat, und daß es in einem Zustand moralischer Erniedrigung leben muß, der es, was Sauberkeit und Anstand betrifft, niedriger stellt als die wilden Tiere.
Als Robert Blatchford die Klage eines alten irischen Bauern angehört hatte, fragte er ihn, was er sich denn wünschte. Der alte Mann stützte sich auf seinen Spaten und sah über die großen Torfmoore hinaus in die Ferne. „Was ich mir wünsche?" sagte er und fuhr dann jammernd mehr zu sich als zu mir gewandt fort: „All unsere tüchtigen Jungen und lieben Mädel sind weit übers Meer gezogen, und der Verwalter hat mir das Schwein weggenommen, und der Regen hat die Ernte vernichtet, und ich bin ein alter Mann — ich wünschte nur, daß recht bald der Jüngste Tag käme."

Der Jüngste Tag! Es gibt noch mehr Menschen, die sich danach sehnen. In allen Gegenden des Landes ertönt die Hungerklage, im Ghetto und im Bauernland, im Gefängnis und in der Herberge, im Hospital und im Arbeitshaus — ein Notschrei von all denen, die nicht genug zu essen bekommen. Er ertönt von Millionen von Menschen, von Männern, Frauen und Kindern, von Neugeborenen, von Blinden, Tauben, Lahmen, Kranken, Tagedieben und Arbeitern, Gefangenen und Armenhäuslern, vom Volk — in Irland, in England, in Schottland, in Wales —, das nicht genug zu essen hat. Und das kommt von der klaren Tatsache, daß fünf Menschen Brot für tausend Menschen produzieren können, daß ein Arbeiter Baumwollstoff für 250 oder Wollstoff für 300 Menschen, Stiefel und Schuhe für 1000 Menschen produzieren kann. Es sieht so aus, als führten die 40 Millionen Menschen ein großes Haus und führten es furchtbar schlecht. Die Einnahmen sind gut, werden aber verbrecherisch schlecht verwaltet. Wer darf behaupten, daß die Verwaltung für diesen Riesenhaushalt nicht verbrecherisch sei, wenn fünf Menschen Brot für tausend produzieren können, und doch eine Million Menschen nicht genug zu essen bekommen?

 

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