jacktheripper.de
 
sitemap
 

24 - Eine Vision in der Nacht

Spätabends schlenderte ich durch die Commercial-Straße von Spitalfield nach Whitechapel und weiter nach Süden, durch die Leman-Straße nach den Docks. Und im Gehen dachte ich lächelnd an die Zeitungen von East End, die voller Bürgerstolz prahlerisch behaupteten, daß an East End als Wohnviertel sowohl für Männer wie für Frauen nichts auszusetzen wäre.

Commercial Street.

Es ist fast unmöglich, auch nur ein Zehntel von dem zu erzählen, was ich sah; das meiste läßt sich überhaupt nicht beschreiben. Mit wenigen Worten ausgedrückt: es war ein böser Traum, in dem gleichsam ein wimmelndes Leben auf dem Schlamm des Steinpflasters entstand, ein Chaos von unsagbaren Häßlichkeiten sich bildete, gegen das der schreckliche nächtliche Handel auf Piccadilly und Strand vollkommen verblaßte. Was ich sah, war eine Menagerie mit zweibeinigen, bekleideten Geschöpfen; ihre Gestalten glichen denen von Menschen, aber sie erinnerten doch mehr an Tiere — und das Bild wurde vollkommen dadurch, daß Wächter mit blanken Knöpfen am Rock sie in Schach hielten, wenn sie zu wild knurrten.

Leman Street in Richtung Docks.

Ich war froh, daß ich die Wächter in der Nähe wußte, denn ich trug nicht meine Seemannskleidung und wurde deshalb ein Ziel für die Raublust der herumschleichenden Geschöpfe. Zuweilen, wenn die Wächter nicht in der Nähe waren, betrachteten mich die Menschen, diese hungrigen Rinnsteinwölfe, mit leuchtenden Augen, ich fühlte Schrecken vor ihren Händen — wie man Schrecken vor den Gliedern des Gorillas fühlen kann. Sie erinnerten an Gorillas; ihre Körper waren klein, schlecht gebaut und krumm. Sie hatten keine schwellenden Muskeln, keinen Überfluß an Kraft, keine breiten Schultern; sie waren von der Natur stiefmütterlich behandelt und erinnerten in ihrer Gestalt an die Höhlenbewohner entschwundener Zeiten. Aber es war doch Stärke in den mageren Gliedern, die wilde, ursprüngliche Kraft, zu greifen und festzuhalten, zu töten und zu zerreißen. Wenn sie auf ihre menschliche Beute losspringen, ist es nicht ungewöhnlich, daß sie den Nacken ihres Opfers hintenüber biegen, um ihm das Rückgrat zu brechen. Sie kennen weder Gewissen noch Gefühle, und wenn die Gelegenheit sich bietet, töten sie für einen halben Sovereign. Es ist eine ganz neue Rasse, eine Horde von City-Ungeheuern. Die Straßen und Häuser, die Gassen und Höfe sind ihr Jagdgebiet — wie Berg und Tal der Aufenthalt der natürlichen wilden Tiere sind, so sind Straßen und Häuser ihr Tummelplatz. East End ist ihre Dschungel, und sie leben und jagen in der Dschungel.
Die guten, sanften Menschen aus den goldenen Theatern und Wunderpalästen von West End sehen diese Geschöpfe gar nicht — sie lassen sich nichts von deren Existenz träumen. Aber sie leben doch, ihre Dschungel wimmelt sogar von ihnen. Und wehe England an dem Tage, da es seine letzten Laufgräben verteidigt und alle waffenfähigen Männer an der Front hat! An dem Tage werden diese Geschöpfe aus ihren Höhlen kriechen, und dann werden die guten Leute in West End sie sehen — ungefähr so, wie die gute, sanfte französische geborene Aristokratie sie sah und sich fragte: Wo kommen sie her? Sind das Menschen?
Diese Geschöpfe waren jedoch nicht die einzigen wilden Tiere in der Menagerie. Man sah sie nur hin und wieder in den finsteren Gassen lauern und wie graue Schatten an den Mauern entlang schleichen; die Frauen aber, aus deren verderbtem Schoß sie geboren waren, sah man überall. Sie jammerten aufdringlich und bettelten mit weinerlichen Stimmen um Pennys. Sie tranken in jeder Spelunke, schmutzig, ungekämmt, rotäugig und lärmend, plappernd und schwatzend, sie gaben Gemeinheiten und Verderbtheiten von sich und lagen bei ihren Ausschweifungen auf Bänken und Tischen, unsagbar abstoßend, schauerlich anzusehen.
Auch andere merkwürdige Wesen mit verzerrten Zügen und verzerrten Formen, reine Mißgeburten, umdrängten mich von allen Seiten — unbeschreibliche Typen von Häßlichkeit, Wracks der menschlichen Gesellschaft, wandelnde  Leichen, lebende Tote — Frauen, von Krankheit und Trinken so heruntergebracht, daß sie keine zwei Pence mehr mit ihrer Schamlosigkeit verdienen konnten — und Männer in phantastischen  Lumpen, vom Mißgeschick gebrochen, so daß sie kaum noch Menschen glichen, mit ewig schmerzverzerrten Gesichtern und einem  blöden  Ausdruck. Wie Affen hüpfend, näherten sie sich mit jedem Schritt, den sie gingen, und mit jedem Atemzug, den sie taten, dem Tode. Und junge Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren waren da mit wohlgeformten Körpern und Gesichtern, die weder gefurcht noch aufgedunsen waren; sie hatten die Tiefe des Abgrunds in einem einzigen schnellen Sturz erreicht.
Die Untauglichen und Überflüssigen! Alle, die keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt finden. Es gibt keinen Zweig der Industrie, der mangels Arbeitskraft an den Bettelstab gebracht wird. Die Dockarbeiter drängen sich an den Eingängen und wandern fluchend fort, wenn der Vorarbeiter sie nicht aufruft; Maschinisten bezahlen wöchentlich sechs Schilling, wenn sie Arbeit haben, an ihre Kameraden, die nichts zu tun haben; 514 000 Textilarbeiter widersetzen sich einer Resolution, daß Kinder unter fünfzehn Jahren nicht arbeiten dürfen; ein Überfluß von Frauen rackert sich in Blutsauger-Geschäften vierzehn Stunden täglich für zehn Pence die Woche ab. Alfred Freeman versucht sich in einer Kloake zu ertränken, weil er seine Arbeit verloren hat. Ellen Hugh Hunt zieht den Regent-Kanal dem Arbeitshaus von Islington vor. Frank Cavilla schneidet Frau und Kindern den Hals ab, da er keine Arbeit finden kann und sie Hunger und Not leiden. Die Untauglichen und die Überflüssigen! Die Elenden, die Verachteten und Vergessenen — die auf der Schlachtbank der menschlichen Gesellschaft sterben. Die Nachkommenschaft der Prostitution — der Prostitution von Männern, Frauen und Kindern, der Prostitution des Fleisches und des Blutes, des Herzens und des Geistes; kurz — der Prostitution der Arbeit!

Wenn dieser Zustand das Beste ist, was die Zivilisation uns schaffen kann, so laßt uns lieber heulende, nackte Tiere sein. Lieber einem Volke des Urwaldes oder der Wüste angehören, lieber in Höhlen leben oder ohne dauerndes Heim wandern, als das Volk der Maschinen und des Abgrunds sein.

Die East India Docks.

 

 

Weiter zu Kapitel 25






Einführung | Opfer | Tatverdächtige | Ripper-Briefe | Zeitungsarchiv | Ermittler | Dokumente | Rezensionen | Schauplätze | Kontakt | Presse | Shop | Forum