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13 - Dockarbeiter Dan Cullen

Ich stand gestern im Zimmer eines Arbeiterwohnhauses, das die Gemeinde in der Nähe der Lemanstraße erbaut hat.
Ginge ich einer trüben Zukunft entgegen und hätte die Aussicht, in einem solchen Zimmer bis zu meinem Tode leben zu sollen, so würde ich augenblicklich in die Themse springen, um diese Zeit abzukürzen.
Es war eigentlich kein Zimmer. Die Gerechtigkeit gegen die Sprache erlaubt nicht, es Zimmer zu nennen, so wenig wie man einen Schuppen ein Rittergut nennen kann. Es war ein Loch. Es war sieben bis acht Fuß, und die Decke war so niedrig, daß nicht so viel Luft vorhanden war, wie jedem britischen Soldaten in den Baracken des Heeres zugemessen ist. Ein altersschwacher Diwan mit zerfetztem Bezug nahm fast die Hälfte des Loches ein; ein wackliger Tisch, ein Stuhl und ein paar Kisten ließen gerade so viel Platz, daß man sich umdrehen konnte. Die ganze Herrlichkeit wäre mit fünf Dollar reichlich bezahlt gewesen. Vor Blutflecken und schwarzen Spritzern konnte man buchstäblich nicht sehen, was Wand war und was Decke; jeder Fleck zeugte vom gewaltsamem Tode eines Insekts;  das Loch wimmelte  von Wanzen, eine Plage, mit der kein Mensch allein den Kampf aufnehmen kann.

Das Municipal Obdachlosenheim, unweit der Leman Street.

Der Mann, der dieses Loch bewohnte, der Dockarbeiter Dan Cullen, lag sterbend im Krankenhaus. Aber er hatte seiner elenden Umgebung hinreichend das Gepräge seiner Persönlichkeit aufgedrückt, so daß man erraten konnte, was für ein Mensch er war. An den Wänden hingen billige Bilder von Garibaldi, Engels, Dan Burns und andern Arbeiterführern, und auf dem Tisch lag eine Novelle von Walter Besant. Man hat mir erzählt, daß er seinen Shakespeare kannte und Geschichte, Soziologie und Nationalökonomie gelesen hatte. Und alles, was er konnte, hatte er sich selbst beigebracht.
Auf dem Tisch lag inmitten einer schrecklichen Unordnung ein Zettel, worauf folgendes gekritzelt war:
Bitte, Herr Cullen, geben Sie mir den großen weißen Topf und den Korkenzieher wieder, die ich Ihnen geliehen habe.
Es waren vermutlich Gegenstände, die er sich in der ersten Periode seiner Krankheit von der Frau nebenan geliehen hatte, und die sie jetzt, für den Fall, daß er sterben sollte, zurückverlangte. — Ein großer weißer Topf und ein Korkenzieher sind für die Geschöpfe des Abgrunds von allzu hohem Wert, als daß sie einen andern deswegen in Frieden sterben lassen können. Bis zum letzten Augenblick wurde die Seele Dan Cullens von dem Schmutz besudelt, aus dem er vergebens versucht hatte, sich herauszukämpfen.
Die Geschichte Dan Cullens ist ganz kurz, aber es ist viel zwischen den Zeilen zu lesen.
Er war tief unten auf der sozialen Stufenleiter geboren, in einer Stadt und einem Lande, wo die Klassenunterschiede stark ausgeprägt sind. Sein ganzes Leben lang hatte er schwer körperlich gearbeitet; und weil er in die Bücher geguckt hatte und von ihrem Geist gefangen worden war, und weil er einen Brief so gut wie jeder Rechtsanwalt schreiben konnte, hatten ihn seine Kameraden dazu ausersehen, mit seinem Kopf für sie zu arbeiten. Er wurde der Führer der Fruchtlöscher, der Repräsentant der Dockarbeiter im Londoner Arbeiterrat und schrieb glühende Artikel für die Arbeiter-Zeitung.
Er war nie vor andern Menschen gekrochen, selbst nicht, wenn sie seine Arbeitgeber waren, von denen er abhängig war, wenn er sich sein Brot verdienen wollte; er sagte seine Meinung rein heraus und kämpfte den guten Kampf. Während des großen Dockarbeiterstreiks beging er den Fehler, einer der Führer zu sein. Und nun war es aus mit Dan Cullen. Von dem Tage an war er ein gezeichneter Mann, und zehn Jahre lang mußte er täglich dafür entgelten.
Ein Dockarbeiter ist nicht fest angestellt, zuweilen ist viel zu tun, zuweilen wenig, und er arbeitet oder geht müßig, je nachdem viel oder wenig Ware auf dem Markt ist.
Über Dan Cullen wurde die Quarantäne verhängt. Er wurde nicht direkt entlassen, was leicht hätte Schwierigkeiten zur Folge haben können, und was weit barmherziger gegen ihn gewesen wäre, aber er wurde nur hin und wieder vom Vorarbeiter zwei oder drei Tage wöchentlich beschäftigt. Das nennt man Disziplin und Gehorsam beibringen. Es bedeutet dasselbe wie ausgehungert werden; es ist nicht das richtige Wort dafür.
Zehn Jahre knickten seinen Mut, und mutlose Männer können bekanntlich nicht existieren.
So mußte er denn in seiner abscheulichen Höhle schlafen, die sein hilfloser Zustand noch fürchterlicher machte. Er hatte keine Verwandten, und da lag der einsame alte Mann, verbittert und haßerfüllt, und kämpfte den hoffnungslosen Kampf mit den Wanzen, während seine Augen auf Garibaldi, Engels und Dan Burns ruhten, die von den blutbespritzten Wänden auf ihn herabblickten. Kein Mensch sah nach ihm in der überfüllten Gemeindekaserne, wo er nicht einen einzigen Freund hatte, und er lag und verfaulte ganz allein.
Aber aus einem der fernsten Winkel von East End kamen ein Flickschuster und sein Sohn, seine einzigen Freunde, um ihm zu helfen. Sie säuberten sein Zimmer, brachten etwas reines Leinen mit und entfernten seine Laken, die grauschwarz vor Schmutz waren.
Eines Tages brachten sie ihm eine Krankenschwester aus Queen's Bounty in Aldgate. Sie wusch ihm das Gesicht, machte ihm sein Bett und redete ihm gut zu. Sie unterhielt sich angeregt mit ihm — bis er ihren Namen erfuhr.
Sie hieß Blank, wie sie sagte, ohne etwas Böses zu ahnen, und Sir George Blank war ihr Bruder. — Wer? Sir George Blank! donnerte der alte Dan Cullen von seinem Sterbelager. Sir George Blank, der Rechtsanwalt der Dock-Gesellschaft in Cardiff, der Mann, der wie kein andrer dazu beigetragen hatte, die Gewerkschaft der Dockarbeiter zu zerschmettern — und der geadelt worden war? — und sie war seine Schwester? — Da erhob Dan Cullen sich auf seinem zerlumpten Lager und rief Flüche auf sie und die Ihren herab. Sie floh, in hohem Maße verärgert über den Undank der Armen, und kam nicht wieder.
Dan Cullens Füße begannen von der Wassersucht anzuschwellen. Er saß den ganzen Tag auf dem Bettrand, damit das Wasser nicht höher in seinen Körper stieg; es lag keine Matte auf dem Fußboden, und er hatte nur eine dünne Decke um seine Beine und einen alten Rock über den Schultern. Ein Missionar brachte ihm ein Paar Papierlatschen; sie waren höchstens vier Pence wert, ich habe sie selbst gesehen; und im übrigen erbot sich der Missionar, mindestens fünfzigmal für Dan Cullens Seele zu beten. Aber Dan Cullen gehörte zu den Leuten, die Frieden für ihre Seele wünschen. Er machte sich nichts daraus, daß Tom, Dick oder Harry für ein Paar Vier-Pence-Latschen an ihr herumpfuschten. Er bat den Missionar, so freundlich zu sein, das Fenster zu öffnen, damit er die Latschen auf die Straße werfen könnte. Und der Missionar verließ ihn, um nicht wiederzukommen, verärgert wie die Krankenschwester über den Undank der Armen.
Der Schuhmacher, selbst ein alter Held, wenn auch nie besungen, ging heimlich in das Kontor des Obsthändlers, für den Dan Cullen dreißig Jahre lang als Tagelöhner gearbeitet hat. Das Prinzip des Geschäftes war, möglichst ausschließlich Gelegenheitsarbeiter zu verwenden. Der Schuhmacher erzählte von dem verzweifelten Zustand des Mannes — alt, verbraucht, sterbend, ohne Hilfe und ohne Geld — er erinnerte daran, daß der Mann dreißig Jahre lang für die Firma gearbeitet hatte, und bat, daß das Geschäft etwas für ihn täte. „Ja," sagte der Direktor, der sich Dan Cullens sehr gut erinnerte, ohne in den Büchern nachschlagen zu müssen, „sehen Sie, wir haben es uns zur Regel gemacht, Gelegenheitsarbeiter nicht zu unterstützen, und wir können nichts für ihn tun."

London Hospital, Mile End Road.

Und sie taten auch nichts für ihn, unterschrieben nicht einmal ein Aufnahmegesuch für Dan Cullen, um ihn ins Krankenhaus zu bringen. Es ist gar nicht leicht, in einem Krankenhaus in London anzukommen. In Hampstead würde es, selbst wenn die Ärzte sich für einen verwendeten, mindestens vier Monate dauern, so viele sind schon vorgemerkt. Es glückte schließlich dem Schuhmacher, ihn im Krankenhaus in Whitechapel unterzubringen, wo er ihn oft besuchte. Hier dauerte es nicht lange, bis Dan Cullen von dem überhandnehmenden Gefühl ergriffen wurde, daß man sich bestrebte, es so schnell wie möglich mit ihm abzutun, da sein Zustand doch hoffnungslos war. Wenn man bedenkt, daß er ein alter, verbrauchter Mann war, dem man systematisch zehn lange Jahre hindurch „Disziplin beigebracht" hatte, so kann man sich nicht wundern, daß er zu diesem klaren logischen Schluß kam. Wenn man die Brightsche Nierenkrankheit bei ihm mit dem Bestreben behandelte, das Fett aus den Nieren zu entfernen, kam Dan Cullen zu dem Resultat, daß die Schwitzkur nur seinen Tod beschleunigte; da die Brightsche Nierenkrankheit darin besteht, daß die Nieren einschrumpfen, galt es gar nicht Fett loszuwerden, und die Begründung des Arztes war offenbar erlogen. Da wurde der Arzt zornig und näherte sich neun Tage lang nicht seinem Bett.

Ein Abteilung der Whitechapel Krankenstube.

Dann wurde das Bett gehoben, so daß Füße und Beine am höchsten lagen, und bald zeigte sich die Wassersucht wieder. Dan Cullen war überzeugt, daß es nur getan wurde, um das Wasser aus den Beinen in den Körper zu treiben und ihn um so schneller zu erledigen. Er verlangte, entlassen zu werden, obwohl man ihm sagte, daß er auf der Treppe sterben würde, aber es glückte ihm doch, sich mehr tot als lebendig nach dem Laden des Schusters zu schleppen.

Zu dem Zeitpunkt, da dieses niedergeschrieben wird, liegt Dan Cullen auf den Tod im Temperance-Hospital danieder, wo sein treuer Freund, der Schuhmacher, ihn unterbrachte, indem er Himmel und Erde in Bewegung setzte.

Das Temperance Hospital.

Armer Dan Cullen! Ein ewig wandernder Jude, der nach Kenntnissen strebte, der den ganzen Tag schwer körperlich arbeitete und des Nachts studierte, der seinen Traum träumte und tapfer für seine Sache kämpfte — ein Patriot, ein Vorkämpfer für die Freiheit der Menschen, ein unerschrockener Kämpe; und dennoch nicht der Riese, die Verhältnisse zu besiegen, die ihn gefesselt hielten und erwürgten — ein Zweifler, ein Weltverachter, der seinen letzten Seufzer in einem Armenbett auf öffentliche Kosten ausstieß. — „Zu sterben, ohne weise geworden zu sein, wenn man die Möglichkeit dazu hatte, das nenne ich eine Tragödie."

 

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