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11 - Die Speisung

In der Nacht, in der ich „die Fahne getragen" hatte, legte ich mich doch nicht bei Tagesanbruch im Green-Park schlafen. Ich war triefend naß und hatte seit vierundzwanzig Stunden keinen Schlaf in die Augen bekommen, und da ich immer noch die Rolle eines armen Mannes ohne einen Pfennig in der Tasche spielte, mußte ich mich nach einem bißchen Frühstück umsehen und dann versuchen, Arbeit zu finden.
Nachts hatte ich davon gehört, daß die Heilsarmee jeden Sonntagmorgen den „Ungewaschenen" irgendwo auf der Surrey-Seite der Themse Frühstück gab. Die Ungewaschenen sind die, welche nachts die „Fahne tragen"; wenn es nicht regnet, haben sie nur geringe Aussicht, sich am Morgen zu waschen.
Das muß etwas für dich sein, dachte ich — Frühstück, und dann ein ganzer Tag für die Arbeitssuche.
Es war ein schwerer Gang. Ich schleppte meine müden Beine durch die St.-James-Straße, durch Pall Mall, über den Trafalgar-Platz und zum Ufer hinab. Ich ging über die Waterloo-Brücke nach Surrey, kreuzte die Blackfriar-Chaussee, kam in die Nähe des Surrey-Theaters und hatte vor sieben die Baracken der Heilsarmee erreicht. Hier stand schon eine bunte Schar von verzweifelten Menschen, die die Nacht im Regen verbracht hatten. Welch furchtbares Elend! Alte Männer und junge Männer, sogar Knaben. Einige standen im Halbschlaf da, andere hatten sich in unbequemsten Stellungen rings auf den Steintreppen ausgestreckt, wo sie fest schliefen, während ihr nackter Körper aus Löchern und Rissen in ihren Lumpen guckte; und soweit man sehen konnte, war jede Treppenstufe in der ganzen Straße von zwei oder drei Menschen in Besitz genommen, die alle, den Kopf auf den Knien, schliefen. Und alles das, obwohl in England nicht gerade „schlechte Zeiten" waren. So pflegen die Verhältnisse zu sein, wenn die Zeiten weder gut noch schlecht sind.
Da zeigte sich der Schutzmann. „Willst du machen, daß  du weiterkommst, du verfluchtes  Schwein! Mach', daß du wegkommst!" Und er vertrieb sie wie Schweine aus allen Haustüren und zerstreute sie vor allen Winden in Surrey. Als er aber die Menge von Schlafenden sah, war er doch erstaunt und rief: „Das ist doch schrecklich! Und das an einem Sonntagmorgen! Ein schöner Anblick! Na! Uff! Weg mit dir, du verdammtes Biest!" —

Heilsarmee in der Nähe des Surrey-Theaters.

Gewiß war es ein schrecklicher Anblick. Auch ich fühlte mich empört. Ich hätte nicht gewünscht, daß die Augen  meiner  Tochter  es  gesehen  hätten; aber — ja, dieses „Aber" ist eigentlich alles, was man zu sagen weiß . . .
Der Schutzmann entfernte sich, und wir kehrten zurück, wir schwärmten um die Stelle wie Fliegen um einen Honigtopf, denn das Wunderbare, ein Frühstück, lockte uns. Wir hätten nicht eifriger und ausdauernder sein können, wenn Millionenscheine ausgestellt worden wären. Einige von uns waren schon wieder eingeschlafen, als der Schutzmann wiederkehrte; wir mußten also wieder fort, kehrten aber selbstverständlich um, sobald das Fahrwasser frei war.
Um halb acht wurde eine kleine Tür geöffnet, und ein Soldat der Heilsarmee steckte den Kopf heraus. „Ihr braucht die Straße nicht so zu versperren", sagte er. „Wer Marken  hat, kann jetzt hereinkommen, wer keine hat, erst nach neun." Ach, das Frühstück! Um neun Uhr! Noch anderthalb Stunden warten! Wie wir die beneideten, die Marken hatten. Sie wurden eingelassen, konnten sich waschen, sitzen und sich beim Frühstück ausruhen, während wir auf der Straße warten mußten. Die Marken waren am Abend zuvor auf den Straßen und der Themse-Promenade verteilt worden,  es  war  keine  Belohnung,  sondern  reiner Zufall, ob man eine erwischt hatte oder nicht. Gegen  halb  neun  wurden  weitere  Leute  mit Marken eingelassen, und um neun Uhr kam die Reihe an uns andere. Wir drängten uns hinein und standen bald darauf wie Heringe in einer Tonne auf einem kleinen Hofe. Mehr als einmal habe ich als „Tramp" für mein Frühstück arbeiten müssen, aber nie so schwer wie für dieses. Drei Stunden lang hatte ich  draußen  stehen müssen, und eine ganze Stunde mußte ich jetzt auf diesem überfüllten Hofe warten. Ich hatte die ganze Zeit nichts genossen, fühlte mich schwach und unwohl, und der Geruch des durchnäßten Zeugs und der schmutzigen Körper und der Dampf der eingeschlossenen tierischen Wärme, der mich umwogte, ließen die Eingeweide sich mir im Leibe drehen. Wir  standen  so  dicht  zusammengedrängt,  daß mehrere von den  Männern  die Gelegenheit benutzten, um im Stehen zu schlafen. Von  der  Heilsarmee  im  allgemeinen  weiß  ich nichts, und meine Kritik richtet sich nur gegen die kleine Abteilung des Heeres, die in der Blackfriar-Straße dicht beim Surrey-Theater ihre Tätigkeit ausübt. Zunächst muß ich sagen, daß es grausam ist, Menschen, die die ganze Nacht auf den Beinen gewesen  sind,  stundenlang  stehenzulassen.  Wir waren müde, ausgehungert und erschöpft von den Anstrengungen der Nacht und dem  Mangel an Schlaf, und da standen wir nun — standen und standen, ohne daß es einen Grund dafür gegeben hätte.

Im Innenhof der Heilsarmee an einem Sonntag Morgen.

Es waren viele Seeleute in dieser Schar, und ich fand schließlich ein Dutzend Amerikaner unter ihnen. Die Amerikaner, die nicht Seeleute waren, waren „königliche Landstraßenritter", das heißt Männer, deren Kamerad der frische Wind ist und die durch die ganze Welt „trampen". Sie waren alle guten Mutes und nahmen die Dinge mit Humor, der ihr Hauptcharakterzug zu sein und sie nie zu verlassen scheint. Dennoch verfluchten sie dieses Land in düsteren Gleichnissen, die zu hören eine Wohltat war, wenn man einen ganzen Monat den phantasielosen, eintönigen Londoner Flüchen gelauscht hatte. Eigentlich hat der Londoner nur einen einzigen Fluch, den unanständigsten der ganzen Sprache, den er auf all und jeden anwendet.
Das Fluchen im Westen ist viel lebendiger und reichhaltiger, umfaßt die ganze Skala von Blasphemie bis zur Gemeinheit, und wenn Leute wirklich fluchen wollen, so ist mir Blasphemie immer noch lieber als Gemeinheit; sie schmeckt doch mehr nach Derbheit, Abenteurerlust und Trotz als die bloßen Unanständigkeiten. Einen von den amerikanischen „königlichen Landstraßenrittern" fand ich besonders amüsant. Ich hatte ihn zuerst in einer Haustür bemerkt, wo er schlief, den Kopf auf den Knien und mit einem Hut, wie man ihn diesseits des Atlantischen Ozeans selten sieht. Als der Schutzmann ihn wachrüttelte, erhob er sich langsam, sah den Schutzmann an, gähnte und rekelte sich, sah den Schutzmann wieder an, als wüßte er nicht, ob er gehen solle oder nicht, und schlenderte dann gleichgültig in eine Seitenstraße. Ich war mir gleich darüber klar gewesen, woher der Hut stammte, aber dies Benehmen verschaffte mir Sicherheit. Jetzt standen wir nebeneinander und unterhielten uns lebhaft. Er war durch Spanien, Italien und Frankreich gewandert und hatte das so gut wie unmögliche Kunststück fertiggebracht, dreihundert Meilen als blinder Passagier auf einer französischen Eisenbahn zurückzulegen, ohne an der Endstation gefaßt zu werden . . . Wo ich mich aufhielt? fragte er mich. Und wo ich ein bißchen Schlaf erwischte? Ob ich jetzt den Rummel richtig kennte? Er würde gut fertig, obwohl das Land „feindlich" sei und die Städte verschlossen wären. Sei das nicht furchtbar? Keine Möglichkeit, sich „durchzufechten", ohne „geschnappt" zu werden. Aber er ließe nicht locker. Jetzt käme die Truppe Buffalo Bills. Da müßte ein Mann, der acht Pferde fahren könnte, schon Beschäftigung finden. Die Kerle hier hätten ja keinen Begriff davon, mehr als ein Zweigespann zu lenken. Wie wäre es, wenn auch ich hierbliebe und auf Buffalo Bill wartete? Er sei sicher, daß ich mich schon irgendwie anbringen könne.
Blut ist immer dicker als Wasser. Wir waren Landsleute und beide Fremde in einem fremden Land. Mir war das Herz beim Anblick seines alten fettigen Hutes warm geworden, und er war so um mein Wohlergehen besorgt, als ob wir nahe Verwandte wären. Wir tauschten allerlei nützliche Erfahrungen über das Land und seine Bräuche sowie über die Art aus, wie man sich am besten Essen und Unterkommen verschaffen könnte; und als wir uns trennten, tat es uns beiden leid, daß wir Abschied voneinander nehmen mußten. Es war charakteristisch für diese wartende Schar, daß sie fast ausschließlich aus kleingewachsenen Menschen bestand. Sowohl die Einheimischen wie die fremden Seeleute waren klein. Ich bin nur mittelgroß, aber ich war doch größer als neun Zehntel von ihnen. In der ganzen Schar waren nur fünf oder sechs Menschen, die man groß nennen konnte. Und das waren Skandinavier und Amerikaner. Der allergrößte bildete jedoch eine Ausnahme.  Er war Engländer, allerdings kein Londoner. „Gardemaß", sagte ich zu ihm.
„Stimmt, Kamerad", antwortete er. „Da habe ich auch meine Zeit abgedient, und wie die Dinge stehen, sieht es aus, als würde ich bald dahin zurückkehren."

"Eine Stunde lang standen wir still im überfüllten Innenhof."

Eine ganze Stunde standen wir still zusammengedrängt auf diesem Hof. Dann begann es plötzlich unruhig zu werden, alle drängten vorwärts, und die Stimmen mischten sich zu einem leisen Summen. Dies war nicht etwa Brutalität oder Roheit, sondern nur die Ungeduld, die hungrige und müde Menschen fühlen mußten. Eben in diesem Augenblick zeigte sich der Adjutant. Er mißfiel mir gleich. Er hatte keine guten Augen. Er hatte nichts vom demütigen Galiläer, aber ein ganz Teil von Zenturio an sich, der sagte: Denn ich bin ein Mensch mit Macht und habe Knechte unter mir; ich sage zu ihnen: Geht, und sie gehen; und zu andern: Kommt, und sie kommen; und zu meinem Diener: Tue das, und er tut es.
Das war die Art, wie er uns betrachtete, und die ihm am nächsten standen, zitterten. Dann erhob er seine Stimme:
„Seid still! Oder ich zeige es euch! Dann könnt ihr ohne Frühstück abmarschieren." Ich vermag nicht die unbarmherzige Art zu schildern, wie er das sagte. Er schien mir in dem Bewußtsein zu schwelgen, daß er Macht besaß und zu tausend elenden Wracks sagen konnte: „Ihr werdet essen oder hungern, ganz wie ich es befehle." Uns  das  Frühstück  verweigern,  auf  das  wir stundenlang warteten! Das war eine grauenhafte Drohung. Die demütige Stille, die augenblicklich eintrat, bestätigte ihre Grausamkeit vollauf. Es war gleichzeitig eine feige Drohung. Wir konnten uns ja nicht wehren, denn uns hungerte. So war es ja stets in der Welt: Wenn ein Mensch einem andern Nahrung gibt, so ist er sein Herr. Aber der Zenturio — ich meine, der Adjutant — war noch nicht zufrieden. Durch die Stille ertönte seine Stimme, als er die Drohung noch kräftiger wiederholte.
Endlich durften wir in den Versammlungssaal eintreten, wo wir die vorfanden, die Marken gehabt hatten. Jetzt waren sie gewaschen, hatten aber immer noch nichts zu essen bekommen. Alles in allem müssen es wohl an siebenhundert Mann gewesen sein, die hier saßen, nicht, um mit Fleisch und Brot bewirtet zu werden, sondern um reden, beten und singen zu hören. Und ich fühlte, daß Tantalus seine Qualen diesseits der Hölle in vielen Verkleidungen leidet.
Der Adjutant sprach Gebete, aber ich beachtete sie nicht, weil das Bild von Elend, das ich vor mir hatte, mich ganz überwältigte. Aber der Hauptinhalt seiner Rede war ungefähr folgender: „Du wirst im Paradiese speisen, einerlei wie arm du bist und wie sehr du leidest. Im Paradiese wirst du zu Gaste geladen werden, wenn du den Worten der heiligen Schrift folgst." Und weiter in der Tonart.
Ich hielt es für eine ganz gute Propaganda, die nur aus zwei  Umständen nichts  nützte. Erstens waren die Menschen, die sie anhörten, ganz entblößt von Phantasie und ganz materiell in ihren Gedankengängen, ohne Sinn für das Unbekannte und in zu enger Berührung mit der Hölle hier auf Erden, um Angst vor der, die kommen sollte, zu fühlen. Zweitens ist es gar nicht Erlösung, sondern Essen, was müde, vom Unwetter der Nacht erschöpfte und aus Mangel an Schlaf elende Menschen bedürfen, wenn sie stundenlang gewartet haben, um ihren Hunger zu stillen. „Seelenfänger", wie die Armen alle religiösen Agitatoren nennen, sollten die physiologische Basis der Psychologie ein bißchen studieren, wenn sie etwas von ihrer Arbeit haben wollen.
Gegen elf kam das Frühstück, nicht auf Tellern, sondern in Papier eingewickelt. Ich bekam nicht so viel, wie ich gern gehabt hätte, und ich bezweifle, daß ein einziger bekam, was er gern bekommen hätte, oder auch nur halb soviel, wie er brauchte. Ich gab die Hälfte meines Brotes dem Tramp, der auf Buffalo Bill wartete. Und als er gegessen hatte, war er noch ebenso gierig wie zuvor. „Das ist also das Frühstück! Zwei Scheiben Brot, ein Krümchen Brot mit Rosinen, das Kuchen genannt wird, ein durchsichtiges Stückchen Käse und eine Tasse, verhextes Wasser'!" Viele von uns hatten seit fünf Uhr auf diese Bewirtung gewartet, keiner von uns weniger als vier Stunden. Als Zugabe hatte man uns wie eine Herde Schweine, wie in ein Faß verpackte Heringe, wie Verdammte behandelt und uns vorgepredigt und -gebetet, und das war noch nicht alles.
Kaum war das Frühstück verzehrt, und das ging fast schneller, als man es erzählen kann, als auch schon die müden Köpfe zu nicken und herabzusinken begannen, und im Laufe von fünf Minuten war die Hälfte von uns eingeschlafen. Kein Anzeichen ließ darauf schließen, daß wir hinausgelassen werden sollten, hingegen bereitete man eine Versammlung vor. Ich sah auf eine kleine Uhr an der Wand. Sie zeigte fünf Minuten nach halb zwölf. Wie die Zeit fliegt, dachte ich — und dabei muß ich auf die Arbeitssuche.
„Jetzt möchte ich gehen", sagte ich zu ein paar Kameraden neben mir.
„Du mußt bis nach dem Gottesdienst bleiben", lautete die Antwort.
„Habt ihr etwa Lust zu bleiben?" fragte ich. Sie schüttelten den Kopf.
„Dann laßt uns aufstehen und sagen, daß wir fort wollen", beharrte ich. „Kommt nur!" Aber die Ärmsten wagten es nicht. So überließ ich sie denn ihrem Schicksal und wandte mich an den nächsten Heilsarmee-Mann.
„Ich möchte gern gehen", sagte ich. „Ich kam, um etwas Frühstück zu bekommen und Kräfte für die Arbeitssuche zu sammeln. Ich dachte nicht, daß es so lange dauern würde. Ich glaube, ich habe eine Möglichkeit, in Stepney Arbeit zu bekommen, und je eher ich dort hinkomme, desto besser." Er war sicher ein braver Bursche, wenn ihn auch mein Wunsch sehr erstaunte. „Ach," sagte er, „jetzt haben wir gleich Gottesdienst, bleib lieber da." „Aber dann bekomme ich keine Arbeit", wandte ich ein. „Und Arbeit ist im Augenblick das wichtigste für mich."
Da er nur Gemeiner war, verwies er mich an den Adjutanten, und ihm wiederholte ich die Gründe, warum ich zu gehen wünschte, und bat ihn höflich, mich hinauszulassen.
„Nicht zu machen", sagte er, indigniert über eine solche Undankbarkeit. „Was für ein Einfall!" schnarrte er. „Was für ein Einfall!" „Heißt das, daß ich nicht hinauskommen kann, daß Sie mich gegen meinen Willen zurückhalten wollen?" fragte ich. „Ja!" zischte er.
Ich weiß nicht, was hätte geschehen können, denn jetzt begann ich zornig zu werden. Indessen hatten die „Speisenden" bemerkt, daß etwas nicht in Ordnung war, und er zog mich deshalb in ein anderes Zimmer, wo er mich ersuchte, ihm zu sagen, warum ich gehen wollte.
„Ich will gehen," sagte ich, „weil ich versuchen will, in Stepney Arbeit zu bekommen, und mit jeder Stunde verringert sich meine Chance. Als ich kam, glaubte ich nicht, daß es so lange dauern würde, bis ich Frühstück bekäme." „Du hast also Geschäfte, was?" sagte er höhnisch. „Du bist Geschäftsmann, was? Warum bist du denn überhaupt gekommen?"
„Ich bin die ganze Nacht draußen herumgelaufen und brauchte ein bißchen Essen, um mich zu stärken, ehe ich auf die Arbeitsuche ging. Deshalb kam ich."
„Ja, das ist hübsch", fuhr er in demselben höhnischen Ton fort. „Ein Geschäftsmann kommt her und nimmt armen Leuten am Morgen das Frühstück weg. Das hast du getan." Ich wußte, daß das Lüge war, denn wer gekommen war, hatte auch Einlaß gefunden. Nun frage ich: War das christlich, war das ehrlich? Durfte er das — nachdem ich ihm deutlich erklärt hatte, daß ich obdachlos und hungrig war und Arbeit suchen wollte — mich einen Geschäftsmann nennen und dabei zu bleiben, daß ein Geschäftsmann wohlhabend sei und nicht nötig habe, Barmherzigkeitsfrühstück zu essen, und behaupten, daß ich dadurch einen hungrigen Arbeitslosen beraubt hätte, der keine Geschäfte machen könnte? Ich schluckte meinen Zorn hinunter, erklärte ihm jedoch die Sache noch einmal, wobei ich klar und deutlich seine Ungerechtigkeit betonte, wenn er die Dinge so auf den Kopf stellte. Da ich keine Nachgiebigkeit zeigte — ich glaube, meine Augen funkelten —, führte er mich nach der Rückseite des Gebäudes, wo auf einem offenen Hof ein Zelt stand. In demselben höhnischen Ton, in dem er die ganze Zeit gesprochen hatte, unterrichtete er einige Gemeine davon, daß hier ein „Bursche sei, der Geschäfte hätte und nicht zum Gottesdienst bleiben wollte".
Sie waren pflichtschuldigst erschüttert und sahen unbegreiflich entsetzt aus, als er ins Zelt trat, um den Major zu holen. Hierauf erklärte er diesem die Sache, immer in demselben höhnischen Ton und mit besonderem Nachdruck auf dem Worte Geschäfte. Der Major war ein ganz anderer Mensch. Er gefiel mir auf den ersten Blick, und ihm legte ich die Sache nochmals dar.
„Wußten Sie, daß Sie zum Gottesdienst bleiben mußten?" fragte er.
„Keineswegs," antwortete ich, „dann wäre ich lieber ohne Frühstück gegangen. Es ist hier weder ein Plakat darüber angeschlagen, noch hat es mir jemand gesagt."
Er überlegte einen Augenblick, dann sagte er: „Sie können gehen."
Es war zwölf Uhr, als ich auf die Straße trat. Ich war mir nicht recht klar darüber, ob ich von der Heilsarmee oder aus einem Gefängnis kam. Der halbe Tag war vergangen, und es war ein weiter Weg nach Stepney. Dazu war Sonntag, und warum sollte einer, selbst, wenn er hungrig war, Sonntags Arbeit suchen? Ich hegte ferner die Anschauung, daß ich mit dem Wandern in der Nacht eine harte Arbeit hinter mir hatte, und daß es ein schweres Stück Arbeit gewesen war, mir Frühstück zu verschaffen, weshalb ich mich von der Vorstellung befreite, daß ich ein notleidender junger Mann auf Arbeitsuche war, einen Omnibus anrief und aufsprang.
Als ich mich rasiert und gebadet hatte, legte ich mich vollkommen nackt in reine weiße Laken und schlief ein. Es war sechs Uhr abends, als ich die Augen schloß, und als ich sie wieder öffnete, war es Morgen, und die Uhr schlug neun. Ich hatte fünfzehn Stunden hintereinander geschlafen.

Und wie ich noch im Halbschlaf dalag, kehrten meine Gedanken zurück zu den siebenhundert Unglücklichen, die ich verlassen hatte, als sie auf den Gottesdienst warteten. Für sie gab es weder Rasieren, noch Bad, reine weiße Laken, völliges Entkleiden oder fünfzehnstündigen Schlaf. Wenn der Gottesdienst vorbei war, begannen sie wieder ihre Wanderung auf der Straße, in der Hoffnung, vor Abend eine Brotkruste zu finden, und dann folgte die lange, schlaflose Nacht, ohne Dach über dem Kopfe, in stummem Grübeln über das schwere Problem, wieder eine Brotkruste zu finden.

 

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