jacktheripper.de
 
sitemap
 

06 - Ein Blick in die Hölle

Wir waren drei, die die Mile-End-Straße hinabschlenderten, und einer von uns war ein Held. Er war ein schlanker neunzehnjähriger Jüngling, so zart und fein, daß es aussah, als könne ein Kind ihn umwerfen. Er war ein junger, flammender Sozialist, im ersten Kreißen der Begeisterung und reif zum Märtyrertum. Als Redner und Leiter hatte er sich an einer Menge gefährlicher Protestversammlungen beteiligt, die zugunsten der Buren abgehalten waren und das heitere England erschütterten. Unterwegs hatte er mir erzählt, wie er verschiedentlich von dem drohenden Pöbel in Parks und Straßenbahnen belagert worden — wie er auf die Rednertribüne gestiegen war, wenn seine Parteigenossen einer nach dem andern von der Menge heruntergerissen und mißhandelt worden waren, und wie man die Kirche, in der er und drei andere Zuflucht gesucht, gestürmt hatte; inmitten eines Regens von Wurfwaffen und Scherben zerbrochener Scheiben hatten sie der Menge standhalten müssen, bis eine Abteilung Schutzleute ihnen zu Hilfe kam; er hatte von plötzlichen Kämpfen in der Dunkelheit auf Treppen, Galerien und Balkons erzählt, von zerbrochenen Fenstern, eingestürzten Treppen, heruntergerissenen Leitern und zerbrochenen Köpfen und Gliedern, und zuletzt hatte er mich angesehen und mit einem schmerzlichen Seufzer gesagt: „Wie ich euch starke Männer beneide! Ich bin so ein Knirps und tauge zu nichts, wenn es zum Kampf kommt."
Und ich, der ich mit Kopf und Schultern meine beiden Begleiter überragte, mußte an meinen eigenen üppigen Westen und die kerngesunden Männer denken, die ich selber dort beneidet hatte. Aber dennoch: wenn ich den Knirps mit dem Mut eines Löwen betrachtete, fühlte ich, daß es solche Männer waren, die, wenn die Gelegenheit kam, Barrikaden bauten und der Welt zeigten, daß Männer noch zu sterben verstanden. Da sagte mein anderer Begleiter, ein achtundzwanzigjähriger Mann, der eine unsichere Existenz in einer finsteren Werkstatt fristete: „Ich bin doch ein Kerl. Nicht so einer wie die andern in der Werkstatt; die haben auch Respekt vor mir. Ich wiege hundertfünfundzwanzig Pfund." Ich schämte mich direkt, ihnen zu erzählen, daß ich hundertfünfzig Pfund wog, und begnügte mich damit, ihn im stillen zu betrachten. Armseliger, verkrüppelter kleiner Mensch! Er hatte eine ungesunde Hautfarbe, sein Körper war gebückt und verzerrt, die Brust eingefallen, die Schultern von der langen Arbeitszeit unwiderruflich gebeugt, der Kopf saß nicht, wo er sitzen sollte, sondern hing vornüber. Ein Kerl — er?

Frying-Pan Alley.

„Wie groß bist du?" fragte ich.
„Fünf Fuß zwei", antwortete er stolz. „Und die andern in der Werkstatt..." „Zeig' mir die Werkstatt", sagte ich. Es sollte zu dieser Zeit niemand in der Werkstatt sein, aber ich wollte sie doch gern sehen. Wir ließen die Leman-Straße liegen, bogen links in die Spitalfield-Straße ein und kamen hierauf in die Fryingpan-Gasse. Ein Haufen Kinder kroch auf dem schlüpfrigen Bürgersteig herum, wie Frösche auf dem Grunde eines ausgetrockneten Teiches. In einer schmalen Haustür saß eine Frau mit einem Säugling an der Brust, die so entblößt war, daß es der Mutterwürde alle Heiligkeit raubte. Wir mußten über sie hinwegschreiten, um hineinzugelangen, und in dem finsteren engen Gang hinter ihr mußten wir gleichsam durch ein Gewimmel kleiner Kinder waten, bis wir eine noch engere und finstere Treppe erreichten. Die Treppe hatte drei Absätze, jeder drei Fuß groß und mit allerlei Abfall überhäuft.
Sieben Räume hatte dieses sogenannte Haus. In sechs von ihnen kochten und brieten, aßen, schliefen und arbeiteten über zwanzig Menschen beiderlei Geschlechts und jeden Alters. Durchschnittlich maßen die Zimmer acht Fuß nach jeder Seite, vielleicht neun nach der einen. Wir betraten den siebenten Raum, in dem fünf Mann arbeiteten. Er war sieben Fuß breit und acht lang, der Arbeitstisch nahm den größten Teil des Raumes ein. Auf diesem Tisch standen fünf Leisten, und fünfzehn Mann hatten kaum Platz genug, um zusammen zu arbeiten, denn der übrige Raum war von Pappe, Leder, Bündeln von Kappen und einer reichhaltigen Auswahl an Material zur Zusammensetzung von Oberleder und Sohlen besetzt.
Im anstoßenden Zimmer wohnte eine Frau mit sechs Kindern. In einem andern Loch wohnte eine Witwe mit ihrem sechzehnjährigen Sohn, der an Tuberkulose dahinsiechte. Die Frau  verkaufte Brustbonbons auf der Straße, wie man mir erzählte, und konnte meistens nicht so viel verdienen, daß sie  dreiviertel  Liter  Milch  kaufen  konnte,  die der Sohn täglich haben sollte.  Dieser schwache, sterbende  Sohn  bekam  nur einmal  wöchentlich Fleisch zu schmecken, und die Beschaffenheit dieses Fleisches kann man sich nicht vorstellen, wenn man nie Schweinefutter gesehen hat. „Es ist schrecklich, wie er hustet", meinte mein Freund. „Wir hören ihn den ganzen Tag hier, wenn wir arbeiten. Es ist ganz entsetzlich." In bezug auf diesen Husten und diese Brustbonbons offenbarte sich mir eine neue Gefahr, die auf die Kinder des Armenviertels lauerte. Wenn mein Freund Arbeit hatte, schaffte er also in diesem sieben zu acht Fuß großen Zimmer. Im Winter mußte er fast den ganzen Tag Licht brennen,  und  die  Lampe  verschlechterte  noch  die dunstige Luft, die nie erneuert, sondern immer wieder eingeatmet wurde.
In besonders guten Zeiten konnte dieser Mann etwa dreißig Schilling die Woche verdienen. „Aber das können auch nur die Tüchtigsten von uns", erklärte er mir, und dann müssen wir auch dreizehn bis vierzehn Stunden täglich schuften. Du solltest nur sehen, wie wir uns abrackern. Wir triefen von Schweiß. Dir würden die Augen schmerzen, wenn du sähest, wie uns die Stifte aus dem Munde fliegen — wie aus einer Maschine. Sieh nur meinen Mund!"
Ich sah ihn an. Seine Zähne waren von dem beständigen Reiben der Metallstifte ganz abgestumpft, dazu schwarz und faulig.
„Ich putze sie," sagte er, „sonst wären sie noch viel schwärzer."
Er erzählte mir, daß die Arbeiter sich selbst Oberzeug, Stifte und kleinere Zutaten halten und Miete und Licht und Gott weiß was bezahlen mußten. „Aber wie lange dauert diese Hochsaison, in der ihr ganze dreißig Schilling die Woche verdienen könnt?"
„Vier Monate", antwortete er und erklärte mir weiter, daß sie durchschnittlich nur ein halbes bis ein Pfund wöchentlich verdienen. In dieser Woche hatte er bisher vier Schilling verdient. Und trotz allem hatte ich den Eindruck, daß er gute Arbeit leistete.
Ich sah zum Fenster hinaus, das nach dem hinteren Hof des Nachbarhauses gehen sollte. Aber es gab keinen Hof, das heißt, er war mit einstöckigen Schuppen bebaut, Viehställen, in denen Menschen wohnten. Die Dächer der Schuppen waren die reinen Misthaufen. An einigen Stellen lag der Schmutz, der aus dem zweiten und dritten Stock heruntergeworfen war, mehrere Fuß hoch. Ich konnte Fisch und Knochen, Gemüse und Lumpen, alte Stiefel, Scherben und den sonstigen üblichen Abfall der menschlichen Schweinekoben unterscheiden.
„Es ist das letzte Jahr, daß wir diese Arbeit haben; jetzt schaffen sie sich Maschinen an, die uns überflüssig machen", sagte der Arbeiter traurig, als wir wieder über die Frau mit den schamlos entblößten Brüsten hinwegschritten und uns den Weg durch das Gewimmel wertlosen jungen Lebens bahnten.
Hierauf besuchten wir die kommunalen Gebäude, die auf der Seite des Armenviertels errichtet waren, wo Arthur Morrisons „Kinder Jagos" gelebt hatten. Obwohl die Häuser jetzt mehr Bewohner als früher beherbergten, waren sie doch weit gesünder. Jetzt wohnten hier nur bessergestellte Arbeiter und Handwerker. Die früheren Bewohner waren nach andern Vierteln ausgewandert. „Aber jetzt pass' auf," sagte mein Freund, der so schnell arbeitete, daß es einem vor den Augen flimmern konnte, „jetzt werde ich dir die Lungen Londons zeigen. Hier ist der Spitalfield-Park." Er sagte das Wort „Park" mit ironischer Betonung.

"Im Schatten der Christ Church sah ich einen Anblick, den ich nie wieder sehen möchte."

Der Schatten der Christuskirche fiel quer über den Spitalfield-Park, und im Schatten der Christuskirche sah ich um drei Uhr nachmittags etwas, das ich nie wieder sehen möchte. Blumen gibt es nicht in diesem Garten, der kleiner ist als mein Rosenbeet daheim. Hier wächst nur Gras. Aber rings um den Park steht ein Gitter mit eisernen Stacheln, wie man es um alle Londoner Parks findet, damit keine obdachlosen Männer und Frauen nachts im Grase schlafen können.
Als wir hineinkamen, stießen wir auf eine Frau von etwa fünfzig Jahren, die mit schleppenden Schritten dahinstolperte, während zwei sackleinene Bündel, eines vorn und eines hinten, über ihre Schulter hingen. Es war eine Vagabundin, eine heimatlose Seele, zu sehr an die Freiheit gewöhnt, als daß sie ihren wankenden Körper über die Schwelle des Armenhauses hätte schleppen wollen. Wie die Schnecke trug sie ihr Heim auf dem Rücken. In den beiden Bündeln hatte sie all ihr Eigentum, ihre Kleider und was sie sonst als Weib wertschätzte.

"Ein frostiger, rauher Wind wehte und diese Geschöpfe drängten sich schlafend zusammen oder versuchten zu schlafen."

Wir gingen den schmalen, kiesbestreuten Weg hinab. Die Bänke zu beiden Seiten zeigten einen Haufen elender, verzerrter Menschlichkeit, der sicher einen Dore zu einem teuflischeren Fluge inspiriert haben würde, als seine Phantasie je auf der Leinwand gebar — ein Chaos von Lumpen und Schmutz, alle Arten ekelhafter Hautkrankheiten, offene Wunden, Beulen, Unanständigkeiten und lauernde Mißgestalten sowie tierische Züge. Ein rauher Wind blies, und diese Geschöpfe schlotterten in ihren Lumpen, wie sie dalagen und schliefen oder zu schlafen versuchten. Hier sah man ein Dutzend Weiber verschiedenen Alters von zwanzig bis siebzig. Da lag ein neun Monate altes Kind und schlief auf der harten Bank, ohne Kopfkissen und ohne Decke, und keiner achtete darauf. Dort saß ein halbes Dutzend Männer, schlief aufrecht oder aneinandergelehnt; an einer anderen Stelle sah man eine Familiengruppe, ein schlafendes Kind in den Armen seiner schlafenden Mutter, während der Mann, so gut er konnte, einen ausgetretenen Schuh ausbesserte. Auf einer Bank schnitt eine Frau mit einem Messer die Fransen von ihren Lumpen, während eine andere mit Nadel und Faden einige Risse an den ihren nähte Dicht dabei hielt ein schlafender Mann eine schlafende Frau in den Armen, etwas weiterhin lag ein Mann mit dickem Rinnsteinschmutz auf den Kleidern und schlief, den Kopf im Schöße einer Frau, die etwa vierundzwanzig Jahre alt zu sein schien und wie er schlief.

"Eine der Lungen Londons ."

Das allgemeine Schlafen interessierte mich. Warum schliefen neun Zehntel von ihnen? Das ging mir erst später auf. Das von den Machthabern geschriebene Gesetz besagt, daß die Obdachlosen nachts nicht schlafen dürfen. Auf dem Bürgersteig am Eingang der Christuskirche, deren steinerne Säulen sich in stattlichen Reihen vom Himmel abheben, lagen die Männer reihenweise und schliefen oder träumten. Sie waren alle zu schlaff, um aufzuwachen oder neugierig zu werden, als wir kamen. „Eine von den Lungen Londons," sagte ich, „nein, eine faule, eine furchtbar stinkende Wunde." „Ach, warum hast du mich hierhergeschleppt?" fragte der warmherzige junge Sozialist voller Seelenqual und Ekel.
„Die Frau dort", sagte unser Führer, „würde sich für drei Pence oder für zwei oder für eine Scheibe alten Brotes verkaufen."
Er warf das leicht hin. Was er mehr sagen wollte, weiß ich nicht, denn unser kranker Freund rief: „Um Himmels willen, laßt uns von hier fortkommen!"

 

Weiter zu Kapitel 07






Einführung | Opfer | Tatverdächtige | Ripper-Briefe | Zeitungsarchiv | Ermittler | Dokumente | Rezensionen | Schauplätze | Kontakt | Presse | Shop | Forum